UntechaltungMatt jiiut Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). g 1 t L-4 V ^43 I: ,____ l SS-- P ___AEag i>ea)il. August ' . - - " ■■■-■> ■ . jgfeg; S^WWP EeWM'iMW^ SWWMOM^ 8MWWWMMA MD Der Doppelgänger. Novelle von I. Piorkowska. (Nachdruck verboten.) I. „D, ich bin außer mirl — Daß das gerade heute passtren muß! — und noch dazu im letzten Augenblick!" rief verzweifelt eine vornehme junge Dame im Ballstaat, und vor Aerger traten ihr die Thränen in die Augen. »®ie Sache ist sehr fatal, liebe Hermine, aber leider nicht zu ändern," versetzte achselzuckend die noch jugendlich schöne Frau von Trebnitz. „Warum erlaubtest Du Thomas aber auch, heute früh nach Haus zu reifen?" sagte Hermine — ihre Schwester — in fast vorwurfsvollem Tone. „Liebe Schwester, wie hätte ich ihm verweigern können, feine sterbende Mutter noch einmal zu sehen! Meinst Du, ein Diener habe nicht so ein gutes Herz im Leibe wie unsereins? Wir können doch auch nicht im Voraus wissen, daß der Kutscher heute solch' ein Unglück haben und stch den Fuß verrenken würde!" »Man möchte wahrhaftig meinen, er hätte es absichtlich gethan," stieß Hermine gereizt hervor. Sie trat vor den großen Spiegel, der von der Decke bis zur Erde reichte, und betrachtete mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns die schlanke Gestalt in der eleganten Balltoilette, die ihr in dem Spiegel gegenüberstand. „Wenn ich denke, wie viel Mühe dieses Kleid gekostet hat! seufzte sie, „ich habe die Modistin bald zur Verzweiflung damit getrieben — und ganz umsonst I — kein Mensch bekommt es nun heute Abend zu sehen." „Was nützt dieses Klagen, Hermine!" entgegnete Frau von Trebnitz etwas ärgerlich, „ich bin in derselben Lage wie Du; — aber was hilft's? — dem Unvermeidlichen muß man sich fügen." „Ich mag mich aber nicht fügen!" und Herminens kleiner Fuß kam mit dem dicken Smyrnateppich in nicht allzu zarte Berührung — „ich kann Dir gar nicht sagen, me ich mich auf diese Gesellschaft gefreut habe! Wenn ich nur irgend einen Rath wüßte, was man thun soll- Sie stockte. Da wurde einige Secunden später die Thür mit lebhafter Bewegung geöffnet und ein schlanker, junger Mann in hellgrauem Anzug trat ein. „Wie! Du bist es, Oswald?" begrüßte Frau von Trebnitz mit frohem Erstaunen den jungen Mann. „Woher kommst Du? Jetzt zu dieser Stunde?" , - "Direct von zu Haus. Mit Papas Befinden geht es bester; da habe ich schnell einmal der Stabt den Rücken geehrt, um zu sehen, wie es meinen beiden Cousinen geht. Wie geputzt Ihr seid? Wollt wohl in Gesellschaft gehen?" Frau von Trebnitz ließ sich seufzend in einen Stuhl sinken, Hermine machte eine ganz verzweifelte Miene. „Mein Gott, was ist denn geschehen?" fragte der junge Mann, jetzt wirklich etwas erschrocken. „Etwas höchst Aergerliches!" stieß Hermine hervor. „Vor zehn Minuten kommt die Köchin und meldet, daß der Kutscher sich den Fuß verrenkt hat; der Diener ist heute früh zu seiner kranken Mutter gereift; und wir sitzen nun da, fik und fertig in Toilette, und haben Niemand, der uns fahren kann. Die Baronin Sagau hat Ball heute Abend, Graf Boltin und seine Gemahlin werden auch dort fein ich habe mir ein neues Kleid dazu anfertigen lassen, — kurz und gut, ich bin außer mir!" ’ „Das ist Pech!" meinte Oswald von Burgstedt mit aufrichtigem Bedauern, „aber ist denn hier in der Nähe nirgends ein Wagen aufzutreiben?" „Nirgends," entgegnete Frau von Trebn'tz kopfschüttelnd. „Ach, Vetter, sinn doch auf irgend eine Aushülfe!" bat Hermine und sah dabei mit ihrem hübschen Gesicht flehend zu dem jungen Manne auf. Dieser überlegte einen Augenblick. "SV“, ®u^ etwas sagen," meinte er bann, während es muthwillig in feinen blauen Angen aufleuchtete, „gebt mir des alten Kutschers Martin Handschuhe, Rock und Hut, und ich selbst will Euch fahren." Hermine machte zu diesem Vorschlag ein etwas ungläubiges Gesicht, ihre Schwester aber sprang auf und klatschte vergnügt in die Hände. „Das ist ja eine herrliche Idee!" ries sie, „Oswald, Du bist unser Retter! — Wenn Du Dich gut in die Decke wickelst, wird Niemand Deine hellgrauen Beinkleider bemerken." „Ich will hoffen, daß mich Niemand bemerkt — das ist die Hauptsache," lautete die Antwort. „Das wäre allerdings schlimm," meinte Frau von Trebnitz; „sei ja recht vorsichtig, liebster Oswald. Bedenke, wenn man Dich erkennen und die ganze Geschichte bekannt würde, ja wohl gar in die Zeitung käme — welche Blamage für uns!" — „Nun, so schlimm wirb die Sache wohl nicht gleich werden," meinte Oswald und ging an sein neues Amt als Kutscher. Zehn Minuten später wird der neue Kutscher von den beiden Damen in Augenschein genommen. Die Besichtigung fiel ganz befriedigt aus. Diej hellgrauen Beinkleider beeinträchtigten zwar den guten Eindruck ein wenig, doch hoffte man, die Decke werde diesen Mangel genügend verbergen. „Keinesfalls darfst Du vom Bock steigen," schärfte Frau von Trebnitz ihm ein, „und vergiß um Himmelswillen keinen Augenblick, welche Rolle Du spielst! Vor dem Rothen Hause in der Parkallee halte einen Moment. Ich habe ver- sprachen, Helene abzuholen. Daß Du aber, wenn sie einsteigt, nicht etwa aus Versehen den Hut abnimmst." „Zu Befehl, gnädige Frau," erwiderte Oswald. Die Damen stiegen ein, der Wagenschlag flog zu, der improvifirte Kutscher zog die Zügel an. Es war ihm nicht mehr Zett geblieben, zu fragen, wer diese Helene denn sei. „Hoffentlich eine Fremde," dachte er. Mit den Zügeln in der Hand, da oben auf dem Kutscherbock, wurde ihm bereits etwas unbehaglich zu Muths, und sehnlichst wünschte er, die sich selbst auferlegte Aufgabe schon hinter sich zu habe». «Wie wenn mich einer der anderen Kutscher erkännte?" dachte er. Frau von Trebnitz Pferde waren auch nicht nach seinem Geschmack. „Die gehen ja so langsam und schwerfällig, als zögen sie einen Leichenwagen hinter sich her," brummte er halb ärgerlich vor sich hin. Jetzt hielten sie vor dem rothen Haus in der Parkallee. „Endlich! ich fürchtete schon, ihr hättet mich vergessen!" rief eine frische, glockenhelle Stimme, und eine stattliche, jugendliche Gestalt, in einen eleganten Abendmantel gehüllt, kam schnell auf den Wagen zugeeilt. So schnell sie auch darin Oswalds forschenden Blicken entging, waren diesem doch weder ihre feingeschnittenen Züge, noch der schelmisch - muthwillige Ausdruck ihrer Augen entgangen, dis dem leichtgewellten Haar an Schwärze nichts nachgaben. Er versenkte sich mit seinen Gedanken so in die pikante Erscheinung, daß er ganz mechanisch weiter durch die hellerleuchteten Straßen fuhr und erst wie aus einem Traums erwachte, als er vor dem Haufe der Baronin hielt, und dis drei Damen, die er gefahren hatte, die teppichbelegten Stufen hinaufstiegen, und die beneidenswerthen Thüren sich hinter ihnen schloffen. II. Wohl nie in seinem Leben war Oswald die Zeit so lang geworden wie in dieser Nacht, denn er, der feine junge Herr, der darauf Anspruch hatte, an dem Ballfeste im Hause der Baronin von Sagan theilzunehmen, mußte unten im Hofe als Kutscher warten, warten und immer nur warten, bis es feinen tanzlustigen Cousinen gefällig war, wieder nach Haufe zu fahren. „Ob sie des Tanzens nur gar nicht müde werden?" Seufzend dachte er an Frau von Trebnitz' Ausdauer, wenn ste einen Tänzer fand, der ihr zugesagte, und wie Hermine bei Hauptmann Velpigs Unterhaltung alles Andere vergaß. Und die bezaubernde Helene! Wer mochte sie nur eigentlich fein. Sie hatte ganz Oswalds Herz eingenommen, und nun tanzte sie drinnen, während er hier den Kutscher spielte. Es war zum Verzweifeln! Da wurde plötzlich laut nach Frau von Trebnitz' Wagen gerufen; Oswald fuhr diensteifrig vor, und wie er den Kopf wandte, fiel fein bewundernder Blick auf sie, mit welcher et stch in Gedanken beschäftigte. „Fahren Sie erst die junge Dame nachZ Hause und kommen Sie dann hierher zurück," befahl der Helene begleitende Herr dem Kutscher und war der jungen Dame beim Einsteigen behülflich. Fast bedauerte Oswald, als er vor dem Rothen Haufe hielt und feine schöne Unbekannte ausstieg. — Ob er sie jemals wiedersehen würde? Helene zog wiederholt an der Hausklingel, erst leise, dann lauter und immer lauter, aber umsonst, Niemand kam zu öffnen. Nur widerwillig verharrte Oswald auf seinem Platze. Es drängte ihn fort, und doch fürchtete er, ihr zu Hülfe kommen zu müssen. Als sie aber immer und immer wieder vergeblich an der Klingel zog und endlich mit einer gewissen Unruhe den Kopf nach ihm wandte, als gebe es ihr einigen Trost, daß er noch da war, folgte er, alles Andere vergessend, nur dem unwissentlich bittenden Blick ihrer schönen Augen; er sprang vom Bock und war in der nächsten Minute an ihrer Seite. „Sie gestatten, mein gnädiges Fräulein, Ihnen zu helfen," sprach er, indem er sanft ihre Finger bei Seite schob und selbst heftig an der Klingel zog. Dabei vergaß er so ganz die ihm gebotene Vorsicht, daß er plötzlich heftig erschrak, als er Helenens schöne Augen mit halb erstauntem, halb ängstlichem Ausdruck auf fich ge- richtet sah. Da stand er bis zu den Knien in der Trebnitz'schen Kutscherlivrse, im Uebrtgen aber mit ein paar hellgrauen Beinkleidern und feinen Lackstiefeln angethan, wie Kutscher solche für gewöhnlich nicht zu tragen pflegen! Die geborgten Handschuhe waren ihm auch viel zu groß und der Hut paßte sicher viel besser auf des alten Martin graues Haupt, wie auf feinen Kopf! O, feine tolle Idee kam ihm theuer zu stehen! Im ersten Moment feines Schreckens wollte er auf und davon- laufen, doch schnell besann er stch eines Besseren. „Ich fürchte, es schläft Alles, mein gnädiges Fräulein," Hub er mit unsicherer Stimme wieder an. „Das fürchte ich auch," versetzte sie, ihn, wie dem armen Oswald schien, mit immer steigendem Mißtrauen betrachtend, „die Jungfer sollte mich erwarten, doch scheint sie eingeschlafen zu sein. — Bitte, ziehen Sie doch einmal recht scharf an der Klingel." Er that, wie ihm geheißen ward; lag doch auch ihm jetzt vor Allem daran, daß sie schnell Einlaß fand und er sich ihren mißtrauischen Blicken entziehen konnte. Es trieb ihm den Angstschweiß auf die Stirn, wie er ihre Augen fest auf seine hellgrauen Beinkleider gerichtet fühlte; und sich plötzlich seiner fatalen Aehnlichkeit mit seiner Cousine Hermine erinnernd, zog er den großen Hut tief in die Stirn, um wenigsten» seine Züge ihrem forschenden Blick zu entziehen. Ob ihm das gelang? Jedenfalls machte er sich dadurch zu einer höchst possirltchen Figur. Dem schrillen Klingeln folgte eine fast unheimliche Stille. Der frühe Morgen fing an zu dämmern und tauchte die stillen Häuser, die menschenleere Straße in ein fast ge- heimnißvolles Licht. Die tiefe Stille ringsum war geradezu beängstigend. Regungslos, ein wenig blasser als gewöhnlich, stand die schöne Helens da, während Oswald in seinem wunderlichen Costüm, mit bangklopfendem Herzen athemlos auf irgend einen Laut hinter jener entsetzlichen Thüre lauschte, der die zwei bang Harrenden aus ihrer fatalen Lage reißen sollte- Aber tiefe Sülle herrschte ringsum. Warum sie nur auch gar nichts sagte! Plötzlich huschte eine große Katze mit dem ihrem Geschlecht eigenthümlichen Schreien über die Straße und verschwand in einer dunklen Ecke. — 371 — „Ob wohl Jemand im Hause endlich hört!" hauchte Helene beklommen. Dabei sah sie mit so furchtsamem, scheuem Blick zu ihrem Gefährten auf, daß dieser fast davor erschrak. Er konnte freilich nicht wissen, daß er mit dem Hut, den er bi» auf die Nase heruntergezogen hatte, eher wie ein Gauner, wie ein Dieb, al» wie ein ehrlicher Kutscher ««»sah. „Ah! endlich!' klang e» da im Ton höchster Erleichterung von Helenen» Lippen, al» drinnen im Hause sich langsam nähernde schlürfende Schritt« laut wurden. Line halb ver- schlafens Dienerin öffnete die Thüre und Helene trat hastig ein. Da fiel etwas zur Erde. Es war ihr Fächer. Oswald bückte sich, hob ihn auf, und gab ihn ihr zurück. Wie der helle Schein von der Straßenlaterne auf ihr von einem leichten Spitzenshawl umrahmtes Geficht fiel, und höheres Roth wieder ihre Wangen färbten, erschien sie ihm noch schöner äls zuvor. Ob sie ebenso grausam war wie schön?' fragte er sich. Gewahrte sie den leisen Vorwurf, mit dem er sie anblickte ?" „D, ich danke Ihnen," sagte sie hastig, indem sie nach dem Fächer griff. Darauf verabschiedete sie sich mit halb zögerndem Gruß und Oswald, — nahm grüßend den Hut ab — den Hut — Martins Hut. Nochmals streifte Helenens Auge ihn mit fragendem Blick, und Oswald, besorgt, er könne sich im letzten Moment noch vollends verrathen, trat schleunigst bea Rückzug an. „Ob er sie wohl wiedersehen würde? — und wann und wo? Vielleicht schon übermorgen Abend auf Pellheimr Ball? Kaum wagte er zu hoffen, daß sie sein Antlitz bi» dahin ganz vergessen würde. Jedenfalls wollte er seinen Cousinen kein Wort von seinem kleinem Abenteuer erzählen, um sich nicht noch tüchtig auslachen zu lassen oder diesen stolzen, verwöhnten Damen, wenn sie ahnten, daß er sich entdeckt fühlte, ein Aergerniß und sich ein Blamage zu bereiten. III. Eben hatte Oswald von Burgstedt auf dem Balle sich durch ein paar schmeichelhafte Worte bei der Gastgeberin, Frau von Pellheim, liebenswürdig gemacht und trat zurück, um andere Bekannte zu begrüßen, als sein Blick auf „sie", seine schöne Unbekannte von vorgestern, fiel. War ste ihm gestern schon schön erschienen, so sah sie heute in dem duftigen cremefarbenen Sp'tzenkleid mit dem dunkelrothen Chrysanthemum «och zehnmal schöner aus. Und diese Augen, wenn sie lächelten! Glichen sie nicht zwei wunderbaren Sternen, wie er sie noch nie so schön gesehen hatte! Er mußte gestern Abend halb blind gewesen sein. Schnell trat er zu Frau von Pellheim und bat, ihn der reizenden jungen Dame vorzustellen. „Meiner Cousine, Helene von Pellheim?" erwiderte diese lächelnd; „gern, aber lassen sie sich im Voraus warnen — sie ist eine kleine Hexe, eine Sirene, die es schon manchem jungem Manne angethan hat. Stählen Sie Ihr Herz, oder besser noch, entfliehen Sie der Versuchung!" Als Fräu von Pellheim Oswald vorstellte, hatte dieser nicht den Muth, sein schönes Gegenüber anzusehen, und erschrocken wechselte er die Farbe, als er fühlte, wie ihr Blick forschend auf ihm ruhte, während er seinen Namen auf ihr« Tanzkarte schrieb. Der Walzer war zu Ende. Nach der großen Pause kam Oswald» Tanz mit Helenen von Pellheim an die Reihe. • KEr begab sich zu ihr, reichte ihr den Arm und ging mit ihr in eins der kühleren Seitenboudoirs. Hier ließ Helene stch in einen der Divans sinken, schlug ihren Fächer auf und fächelte sich Kühlung zu, während sie sinnend ihre kleinen Fußspitzen betrachtete. Plötzlich schlug sie den Blick voll zu ihm auf. „Sonderbar," sprach sie, „Ihr Name war mir völlig fremd, und doch kommt mir Ihr Geficht so bekannt vor, M müßte ich Sie schon irgendwo gesehen haben.' „Das kann wohl fei«,' antwortete er möglichst unbefangen, „wenn Jemand, wie ich, manche Woche vier bi» sechs Bälle besucht -" „Ich glaube nicht, daß ich Si« in einer Gesellschaft getroffen habe," fiel sie ihm in» Wort, „sonst würde» gewiß auch Sie sich meiner erinnern- Haben Ei« mich schon irgendwo gesehen?* Dabei blickte« ihn ihre groß« kluge« Augen sehr scharf an. „Ob ich Sie schon irgendwo gesehen habe?" stammelte er und schwieg dann sichtlich verlege«. „Es scheint fast so," lachte Helen«. Dabei machte sie eine schnelle Bewegung und blick mit ihrem Spitzenkleide an einer der Blattpflanzen hängen, welche die Ecken neben dem Divan aurfMeu. (Schluß folgt.) Des Sommers Würgengel unter unseren Kindern. Bon Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck Wenn der Herbst mit seine« rauhen Winden, der Winter mit seiner strengen Kälte und da« Frühjahr mit den plöMch« Temperaturschwankungen direct ober indireet durch geftetl* heitrschädliche Einwirkungen ost so viele hoffnungsvolle Menschen» knösplein zum Opfer fordern, dann sind di« «tern geneigt, den lieben, warmen Sommer herbchuwünsche», al« die gesundeste uud für die Kleinen unschädlichste Athrerzeit. Aber doch ist die Kindersterblichkeit de« Sommerqaartal« bedeutend größer al« die der anderen Quartale; selbst alle in dm rauherm Jahreszeiten vorherrschenden Krankheiten Msammingenomme« — wie Diphtherie, Bräune, Lungenerkrankungen, Catarrh usw. — bringen die Gesammtsterblichkeit uiter den Kindern nicht zu solch grausiger Höh« wie eine einzige KindmkranHAt; die Brechruhr (Cholera infantum). In London starben im Durchschnitt von 50 Jahren (1843 bi« 1893) an Ruhr im ersten Jahresquartal 6 Procent, im zweiten 10 Procent, im dritten 72 Procent und im vierte» 12 Procent Kinder, also allein im Sommer 72 Procent und in den anderen drei Quartalen zusammen nur 28 Procent. I« Berlin beträgt die Sterblichkeit der Kinder bi« zum fünften Lebensjahre an Diarrhöen im Juli, August und September ungefähr S5 Procent, also über die Hälft« aller Todesursache«. Im Durchschnitt der Jahre 1887 bi» 1892 fielen den Darmkrankheitm zum Opfer in Preußen 11 Procent aller gestorbenen Einwohner, auch der erwachsenen, in der Schweiz etwa» über 11 ^eocent und in Oesterreich sogar gegen 14 Procent. And zwar ist diese mörderische Krankheit um so lebensgefährlich«, je jünger die Kindleln find. So gehörte« von je 100 Gestorbenen dem ersten Lebensjahre an im Deutschm Reiche 34, in Bayern gegen 37 und in Berlin 37, also stets über ei« Drittck. Und wieder etwa der dritte Theil dieser Todesfälle kommt auf die Sommermonate, in dm Großstädten sogar «och mehr. Auch bei fast allen anderm Völkern fbtb diese Sterblichkeitrz-ffern mehr oder weniger gleich. Professor Zitmi» stellte z. B. in Athen fest, daß von 7526 im Alter bis zum fünfte« Jahre verstorbsum Kindern 2208, also beinahe eta Drittel allein dieser Krankheit zum Opfer fielen; von Hefe« 2208 waren 80 Procmt unter einem Jahre. Rach bet Berechnungen bee Professor» A. Hirsch habm von 705 Ruhrepidemim unseres gemäßigten Klimas gcherrfcht: 529 im Sommer, 137 im Herbst, 14 im Winter und 25 im Frühling; also Im Sommer über dreimal so viel als in den anderen Jahreszeiten zusammen. Die Brechruhr entreißt eben in der heißen Periode Tausende und Abertausende rosiger Kindlein den Armen der liebenden Mütter. Wie eng diese Krankheit mit der Hitze zusammenhängt, beweist auch der Umstand, daß sie in den südlichen Staaten von Amerika bereits im Frühling beginnt, welcher ja unserem Sommer entspricht. Stets ist die Krankheit um so häufiger und um so bösartiger, je höher die Hitze des Sommers sich gestattet. Was ist nun der Grund hierfür? Zunächst wird der menschliche Organismus durch die Hitze des Sommers viel schlaffer und weniger widerstandsfähig gegen etwaige Krankheitserreger. Wie unser Körper größere Strapazen, z. B- auf Fußtouren, in der heißen Jahreszeit nicht so lange aushält, als in der kühleren, so vermag er dann such den Anfechtungen von Unwohlsein und Krankheit meist nicht genügenden Widerstand zu leisten. Außerdem besitzt im Sommer der Verdauungsapparat aller Menschen, auch der erwachsenen, eine sehr große Reizbarkeit, er ist leicht disponirt zu Erkrankungen mannigfacher Art. Fast Jeder wird wohl aus eigener Erfahrung wiffen, daß sich im Sommer selbst der kleinste Diätfehler meist rächt durch Diarrhöe, krampfartige Magenschmerzen oder Erbrechen, oder gar durch alles zusammen. Wie vielmehr muß dies natürlich der Fall sein bei dem zarten kindlichen Organismus, welcher so wenig widerstandsfähig und überhaupt noch gar nicht vollständig entwickelt ist I Aber auch indirect wirkt die sommerliche Hitze gesundheitsschädlichen Einfluß au». Bei der warmen Temperatur vermehren sich die unzähligen Mikroorganismen, die Friedensstörer der menschlichen Gesundheit, mit ganz rapider Schnelligkeit. Während man sonst nur hier und da in die Lage kam, einzelne schädliche Bacterien in sich aufzunehmen, die dann ein widerstandsfähiger Organismus bald bewältigte, wimmelt jetzt alles von ihnen in Luft, Waffer und Erdboden- Die Speisen werden durch sie oft schon von einem Tage zum anderen in Zersetzung überführt und dadurch zu einer höchst gefährlichen Nahrung gemacht, auch wenn die Zersetzung noch nicht so weit vorgeschritten ist, daß sie für Geruch oder Geschmack wahrnehmbar wird. Dies gilt für die kleinen Kinder namentlich von der Milch. Jede Hausfrau weiß, wie schnell die Milch im Sommer, besonders bei schwüler, gewitterschwangerer Lust in Zersetzung übergeht, d. h. sauer wird. Solche Milch ist für die kleinen Kinder einfach Gift, auch wenn sie noch nicht sichtbar verändert ist. Deßhalb muß man im Sommer die Kindermilch sofort nach dem Einkäufe längere Zeit kochen. Sie darf aber nicht blos „aufwallen", sondern muß tüchtig durchkochen, damit alle Zersetzungserreger auch wirklich getötet werden. Darauf wird die Milch an einen kühlen, luftigen Ort gestellt und vor jedesmaligem Gebrauche mit einem Streisen Lakmuspapier geprüft; färbt sich dieser beim Eintauchen roth, so ist die Milch sauer geworden und für Kinder entschieden nicht mehr zu verwenden. Natürlich müssen auch Flasche, Saugpropfen, überhaupt alle Gegenstände, welche irgendwie mit der Milch oder mit dem Munde der Kleinen in Berührung kommen, stets aufs peinlichste mit abgekochtem Waffer gereinigt werden. In der Befolgung dieser hygienischen Grundregeln der Kinderernährung wird leider immer noch sehr viel gesündigt, denn sonst könnte es nicht möglich sein, daß die Brechruhr gerade unter den künstlich genährten Kindern so enorme Opfer forderte, während sie die Brustkinder, bei denen diese Führ- lichkeiten fast ganz wegfallen, nur wenig Heimsucht. Der berühmte Kinderarzt Professor Dr. Baginsky in Berlin stellte hierüber bei 150 an Brechruhr gestorbenen Kindern genaue Nachforschungen an, welche ergaben, daß nur 10 davon Brustkinder waren, während 140 entweder nur künstlich ernährt worden waren oder neben der natürlichen noch künstliche Beinahrung erhalten hatten. Aehnliches zeigt die Statistik fast aller Länder. Dies ist also ein ganz unumstößlicher Beweis dafür, daß von den Müttern bei der Zubereitung der Kindernahrung noch bei weitem nicht die Vorsicht und Reinlichkeit angewendet wird, welche zur Lebenserhaltung der Kleinen absolut noth- wendig ist. Ich sage: „von den Müttern", denn diese selbst sollten allein die Nahrung für die ihnen von Gott geschenkten 3T2 - j Kinder zuberekten und nicht Dienstboten damit beauftragen, welche meist ohne persönliche» Interesse und Sachkenntntß die i Arbeit möglichst schnell zu erledigen suchen. Auch die Mütter des Menschengeschlechtes dürfen nicht ungestraft die heiligen Naturgesetze verletzen, nach welchem alle Mütter des Thier- reiches, der Vögel und Vierfüßler, die Ernährung ihrer Nachkommenschaft mit Liebe und Sorgfalt selbst übernehmen. Ein anderer Fehler, der häufig bei der Mischung der Kindermilch gemacht wird, besteht darin, daß man da» Wasser zur Verdünnung erst nach dem Kochen der Milch zugießt. Hierdurch kommen die im Wasser etwa befindlichen schädlichen Mikroorganismen in die Milch, sodaß das vorherige Kochen derselben wieder nutzlos wird. Erhalten die Kleinen Kindermehle oder andere künstliche Ersatzmittel, so soll man über deren Güte jedesmal erst den Arzt um Rath fragen. Ganz zu verwerfen aber und sehr schädlich ist der in manchen Gegenden beliebte aus mehligen Substanzen hergestellts Brei (,,Pamps", „Päpp'le"), der aus alter Gewohnheit und aus Unverstand den Säuglingen gereicht wird, aber besonders für die erste Lebenszeit nicht nur der ausreichenden Nährkrast entbehrt, sondern auch sehr oft Verdauungsstörungen nach sich zieht. In vielen Familien herrscht auch noch die verwerfliche, weil sehr gefährliche Unsitte, daß die kleinen Kinder mit an den Tisch genommen werden und von allen Speisen ein wenig zu kosten bekommen. Die Mütter glauben, daß dies nichts schade, ja sie sind in der Regel geradezu der Ansicht, es sei zweckmäßig, den Magen der Kinder vom frühesten Alter allmählich an de« Hauses Kost zu gewöhnen. Ein derartiges Verfahren ruft jed och sehr leicht Verdauungsstörungen hervor, welche zuerst ganz unmerklich, dann immer heftiger bis zum vollen Ausbruch der Diarrhöe auftreten. Kommt dazu noch die Sommerhitze, so sind alle Bedingungen zur vollen Entwickelung der Gährungserreger da, und das Elend bricht los; die Kinder sterben dann in Schaaren weg! Deshalb sollen die Kleinen bei den Familienmahlzeiten überhaupt gar nicht mit am Tische sitzen. Ein Kind langt eben nach allem, was es sieht, und es gibt schwache Eltern genug, welche diesem Haschen nachgeben zum größten Nachtheile für da» Kind. Grobes Brod, grünen Salat, ungekochtes Obst, rohe Früchte, geröstete Kartoffeln und fette Speisen sollte selbst ein zwei Jahre altes Kind noch nicht erhalten. Auch an erregende Getränke, wie Wein, Bier, Branntwein, Kaffee, Thee dürfen Kinder nie gewöhnt werden. Im Kindesalter ist vollständige Abstinenz geboten. Nicht selten liegt die erste Ursache de» Magendarm- katarrhes auch in einer Erkältung des Magens. Bei den Kleinsten der Kleinen muß der Magen stets warm gehalten und darf beim Emporheben nicht entblößt werden. In der Nacht aber werden thörichterweife selbst in der heißen Jahreszeit die armen Ktndlein mit dicken Federbetten fest zugedeckt, fangen dann natürlich bald an zu schwitzen, strampeln sich blos, und ungehindert kann die kühle Nachtluft ihren schädigenden Einfluß auf die nur durch eine dünne Hautdecke geschützten Eingeweide ausüben. Also möge man in jetziger Jahreszeit den Unterleib der schlafenden Kinder gut einhüllen, sie aber im Uebrigen nur leicht zudecken, damit sie nicht in Schweiß gerathen. Durchaus nothwendig ist es, nachts die Fenster des Schlafzimmers offen zu halten und der wohlthuenden, kühlen Nachtluft in ergiebigstem Maße Einlaß zu gewähren. Da es, wie wir vorhin sahen, statistisch nachgewiesen ist, daß gerade die Hitze von sehr großem Einfluß auf Entstehung und Verlauf der Brechruhr ist, so muß man eben alles aufbieten, um in der Nacht die Zimmer abzukühlen und den durch die Hitze erschlafften Körper wieder zu erfrischen. Wendet man alle diese Vorstchts- und Vorbeugungsmaßregeln mit Liebe und Sorgfalt an, dann wird die Brechruhr hoffentlich nicht mehr so erschreckend große Opfer unter den kleinen Lieblingen fordern und so viele herzige, rosige Menschenkindlein den Armen der liebenden Mütter entreißen! 5 i s i i x r i j r i c f ! 1 1 ( 1 I ( I Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schcn UniversMkS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.