W LUikisBl'äitsr /—\-~ '-•■4 - " -. - Unierhaltimgslilatt juut Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) Flammen aus der Asche. Novelle von L. Haid heim. (Fortsetzung.) Signora Carduccas Lammbraten war gut und als sich die Drei von der kleinen Tafel erhoben, hatten sie das Gefühl, daß dieser Tag sie zu Freunden gemacht. Herr Schwarze schloß dann seinen Weinhandel mit Tomaso ab und kam, als schon der Vollmond über Paestum heraufzog, sich von seinen Schützlingen zu verabschieden, welche jetzt auf der Klippe vor ihrer Thür saßen und des herrlichen Anblicks nicht müde wurden. Es wunderte ihn gar nicht, als er sah, daß Martin seines Herrn Bett drinnen aufstellte. „Ich werde diese Nacht schon hier schlafen," erklärte der Präsident auch und bat ihn, seine Tochter mit nach dem Wirthshaufe zurückzunehmen, wo inzwischen Signora Carducca ihr ein Bett bereitet hatte. „Kommen Sie, uns zu besuchen," bat ihn Paula und er hörte wohl, daß ihr bang um's Herz war. Sie hatte eine entsetzliche Angst gehabt vor der Kammer und dem Gastbett der braven Signora, aber seit Monaten nicht so gut und erquickend geschlafen wie diese Nacht, und als sie am anderen Morgen sich unter dem Wallnußbaum einfand, war schon die gute Frau neben ihr mit trefflichem Kaffee und herrlicher Sahne. O, bei den Capucini, da lernte man mit den Fremden umgehen. Wenn nur hier oben herauf welche kommen wollten I Sie berichtete, der Herr Vater habe schon sein Frühstück genommen und Signor Martino ihr erzählt, daß er ein Dutzend Weiber zurückschicken mußte, weil sie Alle helfen wollten, Alle, das ganze Dorf. Wie Martin das angefangen, der arme Bursche, da er keine Silbe Italienisch verstand, begriff freilich Paula nicht, sicher hatte die Wirthin mehr errathen als gehört. — Die neugierigen Blicke der Frau forderten nun aber zum Dank auch Mittheilungen der schönen Signorina und Paula sah wohl, daß es gut war, die freundliche Frau bei Laune zu er» halten. So erzählte sie denn, was ihr für dieselbe tauglich schien, wahrheitsgemäß. Die Wirthin strahlte, sie war ganz Hin« gebung und Wohlwollen, und als Paula sich dann erhoben hatte, um nach der Klippe hinauszugehen, trat der kleine, so Übel abgefertigte Herr von gestern in die Laube, er kam schon von einer Exeurston zurück. „Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, daß ich mir den Muth nehme, Sie anzureden," sprach er sie an und versperrte ihr ohne Absicht und Ahnung den Ausgang. „Ach, verzeihen Sie nur, mein Herr, daß mein Vater gestern Ihren wohlwollenden Rath so schroff zurückwies; er ist krank, überaus nervös," unterbrach sie ihn mit dem freundlich sanften Ton, der ihr so leicht die Herzen gewann- „Das sagte ich mir selbst," krähte der Kleine, der sich als außerordentlicher Profeflor der Naturwissenschaften vor« stellte. „Doch möchte ich mir erlauben, meine Warnung zu wiederholen, Gnädige." „Das würde vor der Hand bei meinem lieben Patienten nichts nützen. Aber ich danke Ihnen dennoch und will Alle» thun, vorsichtig zu fein," gab sie zurück. Er ertheilte ihr sofort allerlei Rathschläge, wollte selbst gern in Amalfi das Nöthige aus dem Drogenladen ober der Apotheke besorgen und heraufschicken lassen, man könne über« Haupt alles Nöthige in den Läden dort haben. Zugleich ließ er sie wissen, daß er dort unten in der Luna in Amalfi wohne; billig und sauber — altes Kloster — und daß er eine besonders seltene Species von Käfern suche, die ein Bekannter in diesen Bergen hier gefunden. — Außerdem erfuhr sie, daß in der Luna zur Zeit nur wenig Gäste seien, nur ein Ehepaar mit einem dahinsiechenden Töchterchen. Als Paula den freundlichen kleinen Herrn endlich los war, athmete sie hoch auf. Seine, harmlose Zu« dringlichkeit wäre dem Vater eine Qual geworden. Sie lachte vor sich hin. Welch' wunderlicher kleiner Herr! Auf der Klippe saß, ein Buch in der Hand, unter dem Schutz ihres großen Malerschirms ihr Vater und la« oder wollte vielmehr lesen, denn er starrte träumerisch vor sich hin, sah aber heute zufriedener aus als sonst und rief ihr heiter entgegen: „Ich komme mir vor wie ein moderner Odysseus. 66 Die Leute dieser Küste sind gastlich und freundlich und vielleicht findet der Umgetriebene hier Ruhe und Erholung." So nannte er sich zum ersten Male laut; ein Schiffbrüchiger fühlte er sich, ein Mann, der mit aller ihm eigenen Weisheit vergebens gegen den Zorn der Götter ringt. Sie freute sich seines helleren Blickes und sah sich dann das Haus an, nicht ohne große Ueberraschung, denn die sie begrüßenden und freudig nach Lob verlangenden Bäuerinnen hatten wirklich fleißig gearbeitet; Wände und Fenster waren von Spinneweben und Staub frei und der Steinfußbodm rein gewaschen. „Una buona mano! Maccherino, Signorina bella!“ riefen sie ihr im Chor zu und streckten ihr die Hand entgegen. Sie gab ihnen lachend etwas Geld und sagte den Frauen, war sie ferner noch an Arbeitsleistung wünschte, und als diese sie so gut in ihrer eigenen Sprache reden hörten, jubelten sie und begannen mit wahrem Feuer weiter zu waschen. Alles in Allem konnte man sich in dem Hause jetzt einrichten ; es würde eine Robinsonade geben, dachte Paula, aber damit war des Vaters Gesundheit nicht zu theuer erkauft. Doch was soll werden, wenn wir uns hier nun erträglich eingewohnt haben? Was soll ich thun? Wie kann ich mich frisch erhalten in dieser Abgeschlossenheit? grübelte Paula weiter. So hatte sie sich gefügt; sie arbeitete mit Martin den ganzen Morgen, es mußten fortwährend aus dem Dorfe allerlei unentbehrliche Dinge herbeigeholt werden. Als sie dann am Mittag die Frauen gut bezahlt entließ, dehnte der Alte die Arme wie befreit und athmete auf: „Endlich! — Endlich!" Zwei Wochen waren seitdem vergangen, bester als Paula für sich gehofft und, wie der Präsident rühmte, segensreich für ihn. Sie hatte in dem Bemühen, ihm und sich nur einigermaßen Behagen zu schaffen, wirklich vollauf zu thun gehabt und das Geschick, mit dem sie die» iu's Werk setzte, amüstrte und unterhielt sie, gab ihren Gedanken eine practifche Richtung. Wie sie aus den Stoffen, welche die Bäuerinnen hier selbst webten, sich Vorhänge vor ihre Fenster, au» den üppigen Farnkräutern und wildwachsenden Clematis einen grünen Zimmerschmuck hergestellt, so lernte sie erfinderisch aus jedem Nichts einen Zierrath zu machen, jedes überflüssige Tuch oder Band zierlich zu verwenden und so dem verwöhnten Geschmack, dem Schönheitssinn, in naivster Weiss freilich nur, Rechnung zu tragen. Der Vater ließ sie gewähren. Alle» Erlebte und Erlittene kam erst jetzt in dieser Stille in ihm zum Austrag. Aber so brauchte er es; danach hatte er glühend verlangt. Er wollte all' die Bitterkeit aurkosten. O, wie er die Menschen haßte, wie er grollte und litt! Undank, schärfer al» Verrätherwaffen I Das war's. Damit hatten sie ihn zu Boden gestreckt. Er sprach kaum mit seiner Tochter, aber er erkannte mit Rührung, wie sie sich für ihn aufopferte. »Es ist grausam von mir, Paula, doch ich stürbe, wenn ich nicht ein einziges Herz ganz mein nennte, ganz darauf bauen könnte," sagte er einmal weich. Und immer bat er: „Störe mich nicht, überlaste mich meinen Gedanken; Wunden soll man nicht zu viel berühren, sonst heilen sie nie." Tagelang lag er im Schatten der Bäume oder des Malerschtrms, ein Buch neben sich, ohne je darin zu lesen. Seine Augen hatten zum Glück den Blick für die Natur nicht verloren, er sah sie und ihre Schönheit wirkte auf ihn. Die brave Padrona fühlte sich in ihrer Stellung zu den Fremden nicht nur höchst wichtig, sondern auch viel beneidet, denn das Geld, welches dieselben ausgaben — und bei allem Wohlwollen berechnete sie sich Preise, die sie dort unten bet den vielgepriesenen Capncini gelernt, — die» sämmtliche Geld also ging durch ihre Hand und von da zum größten Theil in ihre eigene Tasche. Dafür aber war sie für die junge Excellenza unendlich viel werih, ihr in Allem behilflich und dienstfertig und durch ihre Erinnerungen an die große Zeit von Agerala und den General Capo manchmal sogar intereffaNt. Ach und sie war doch eine Seele, mit welcher Paula sprechen konnte! Eines Tages berichtete sie Paula freudestrahlend, es sei ein Herr heraufgekommen von Amalfi, jener Herr, von dem der Signor Professore erzählt, daß er ein krankes Kind dort unten in der Luna habe. Nun, das Kleine wolle in der Hitze Amalfis nicht bester werden und nun habe der Herr sich das Schloß angesehen und werde dort einziehen; Agerala aber werde ein Curort werden wie Ravella und anders, und Tomaso müsse eiligst ein Hotel bauen ober vielleicht das Schloß kaufen und es dazu einrichten. Das war nun schon mehrere Tage her; die Hltzs unten im Land und an der Küste mußte schier unerträglich sein, hier oben war es des Nachts wonnevoll kühl und auch bei Tage dis Temperatur eine angenehme. Paula hatte eine kleine Streiferei durch Wald und Dorf gemacht; der Vater war nicht daheim und sie fand für sich nichts mehr zu thun, was sie in Anspruch nahm. Ein unruhiges Verlangen nach — ste wußte nicht was — hatte sie überkommen. „Es ist das Alleinsein, die Einförmigkeit," sagte sie sich, „die Unthätigkeit I Wenn nur irgend etwas kommen möchte!" Sie war, kaum klar in sich über die» Empfinden, ohne besondere Absicht vorwärts gegangen; nun stand sie plötzlich mitten im Dorf vor dem großen Thorbogen, der zum Schlosse führte. Sie las die Inschrift: „0 beata solitudo !“ „0 sola beatitudo!“ und übersetzte sich die Worte leicht. Dieselben waren offenbar aus einer Stimmung hervorgegangen, welche die Einsamkeit ersehnte. Sie dachte flüchtig an den Jnglese, der er neulich besichtigt ; es hatte ihm doch wohl zu wenig Comfort geboten. Es war auf dem weiten, mit Üppigem Gras bewachsenen Platze völlig leer und verschlossen schien auch das Haus. Sie ging nicht näher hin, sah nur bewundernd den großen, edlen Styl der Bauart an und die geschickte Art, wie man die Anhöhe, auf der er frei über dem Meere lag, zu Terrassen um- gebildet. Das war nun Alles zerstört. „Das Haus hat ein Menschenschicksal; es ist so schön und edel angelegt und durch das harte Eingreifen böser Mächte nie geworden, was es werden sollte," dachte sie. Eigenes Schicksal kam ihr in den Sinn und machte ihr das Herz schwer. So schritt ste weiter und da es heißer wurde, heimwärts. Es lag auf ihr wie eine Last. Sie kannte die» Gefühl- Ihr war es schon oft gekommen, wie der Dichter von seinem Herzen erzählt: „Mir war, als würden seine Wunden Von warmen Lippen aufgeküßt Und thäten wieder bluten Heiße — rothe Tropfen!" —- O, sie kannte dies Erinnern, dies Brennen vernarbter Wunden. So kam ste auf den Weg, der zur Klippe zurücksührte. Er lag ganz im Schatten. Wie das wohl that. Am Wege blühte eine hohe, weiße Lilienart; sie pflückte davon und dann Campanula und rothe Klatschrosen und allerlei andere dazu. Da schlug ein leises Klingeln an ihr Ohr von dem Geschirr von Maulthieren ober Pferden. Sie schaute auf. Eine ganze Karawane! „Der Jnglese!" dachte sie. Esel mit großen Packeten und Reisekoffern beladen, eröffneten den Zug, dann kamen Männer mit einem langen 67 Korbe, über welchen eine Art Baldachin von blauem Stoff gespannt war, dann eine Dame auf einem Maulthier, em anderes mit Herrensattel lief ledig nebenher; eine dritte weibliche Person, eine Dienerin wohl, folgte den Beiden. Paula war in dem schmalen, von Hecken begrenzten Wege zur Seite getreten und ließ die ganze Gesellschaft an sich vorüber. Ganz überrascht blickte sie der Reiterin nach. Welch' Ichöne Frau! Aber wie zornig sie aursahl Sie sprach mit gereizter, lauter Stimme in italienischer Sprache heftig auf Men sehr hageren, großen Herrn ein, der die Hand auf die Croupe ihres Reitthieres gelegt, mit der Haltung eines müden Mannes neben ihr schritt, das Gesicht ihr zugewendet und sichtlich bemüht, sie zu beruhigen. lachtet ""^frieden die schöne Frau blickte, wie spöttisch sie Jetzt mochte sie Paula gewahren. Vielleicht wurde durch ihren Blick auch der Mann aufmerksam; er wandte den Kopf, er stutzte, starrte plötzlich regungslos und dann stieß er einen Ausruf aus, einen un- articulirten Schrei: „Prulal Paula!" Wie außer sich, stürzte er zu ihr hin, die ihn ansah, als ob sie ein Gespenst erblickte. «Paula, bist Du es wirklich?" „Erich!" hauchte sie. Und dann zog über sein Antlitz ein sonderbarer, schrecklich blaffer Schein, wie eine weiße Wolke anzusehen; jeder Bluts- tropfen wich aus seinem Gesicht. Ganz verstummt standen sie vor einander, seine düsteren, aufgeregten Blicke suchten den Boden. Er schien sich in grenzenloser Verwirrung zu fragen, wie er dazu gekommen, diese Scene zu machen. Auf einmal stürzten Thränen über Paulas Wangen. „Erich, wie hast Du — Dich verändert!" hätte sie ge- rufen, wenn sie nicht schnell das Wort zurückgedrängt. „Ist es Dein Kind?" fragte sie statt deffen. Er verstand sofort ihren Gedanken. „Meine arme Kleine, meine Pia!" „Und Du bist's also, der in dem Schlosse wohnen will?" „Und wie kommst Du hierher, Paula? Es ist doch nicht Dein Vater —" «Eric I Erica I" rief eine scharfe Stimme. Jetzt sah Paula erst, daß Erichs Gattin zehn Schritt weiter ihr Thier angehalten und die Begegnung mit angesehen hatte. Ihr Ton bezeugte genugsam, was sie davon dachte. „Sirena! Liebe Sirena! Eine — es ist eine — Paula, sei barmherzig — darf ich Freundin sagen? — eine Freundin, meine Sirena!" rief er, hoffend, seine Frau werde zurückkommen, er könne ihr Paula entgegenfahren. Ein Lachen war ihre Antwort, ein böses, beleidigendes Lachen. Sie setzte sich zurecht, sich die „Freundin" anzusehen, die ihr Gatte da so unverhofft fand. Ihre schwarzen, großen Augen glühten voll Hohn und Spott. „Ah, darum fort von Amalfi und hier herauf," rief sie ihm zu. Und dann: „Komme sofort! Ich will sie nicht sehen!" Er war zusammengezuckt, blickte Paula an und als er sah, daß sie verstand, knirschte er wild mit den Zähnen. „Geh', Erich, geh'!" stieß sie hervor. Ein Haß gegen das rohe, schöne Weib packte fie und auch gegen ihn mehr Zorn als Mitleid. Um dieses Geschöpf, welches ihn so schonungslos entwürdigte, hatte er ihr das ganze Leben zerstört! Er küßte flüchtig ihre Hand, dann ging er, nein, er schleppte sich zu seinem Weibe und dieses empfing ihn mit Hohnlachen und bitteren Vorwürfen, die Paula nicht verstand, auch nicht hören wollte. Stolz das Haupt erhoben, ging sie weiter; und bann, als sie scheu zurückblickend sich allein sah, sank sie am Wege auf einen Stein. Das war Erich? Er sah sich kaum noch ähnlich, so mager, so verdüstert. Und er war hier, hier! Unglaublich! I I Unmöglich! Aber sie hatte ja Alles erlebt, es war kein Traum. War es Gottes Fügung? Rächte der Himmel sie an ihm? O, dies Weib! Dies böse, teuflische Weib! Heinrich Tornegg nicht zu viel gesagt. So schön, so eigenartig schön! Wie sah sie nur aus? Wie eine Bacchantin, wie ein böser Dämon. Und um die? Um diese Frau hatte er seine Ehre, sein Wort, sie - seine Braut dahin geopfert? „O mein Gott, mein Gott!" Sie war wie außer sich, rang die Hände, wiegte sie hin und her wie in rasendem Schmerz, sprang wieder auf und lief vorwärts. ..Fort! Ich muß fort von hier, ich muß fort " Eine ganz unbeschreibliche Aufregung ließ sie vollständig ihre Selbstbeherrschung verlieren. u Erich, unglückseliger Mensch! W'e er gealtert ist, wie verkommen! Wo ist fein schönes Lächeln geblieben? So müde, w vergrämt und so willenlos. Ha, sie ist eine Geißel. Ihre Rohheit schlägt seiner Seele Striemen mit jedem Wort. Und das ihm, dem Stolzen, dem Selbstgewissen? „O, diese Frau, wie man sie gleich hassen muß!" So kam sie nach Hause. Da lag der Vater auf der Matratze, die sie ihm jeden Morgen hinaus in den Schatten des Hauses tragen ließ. Er schlief. Wie blaß und verfallen er aussah! Aber doch, wie ganz anders als Erich! Der Unterschied war ihr sofort klar. Erich hatte die Selbstachtung verloren; ihres Vaters reiner, ehrenhafter Mannesstolz schnellte unter der ungerechten Behandlung kräftig empor. Sie schlich an ihm vorüber. Er durfte nichts wissen. - Richt? Dann konnte sie aber nicht fort. Es lag ihr wie Blei in den Gliedern. So schleppte sie sich in das Haus, warf sich auf ihr Bett und ließ den Sturm in ihrer Seele toben. Der Vater merkte auch nichts. t!Z11 Er kam. ihr frischer vor. Nicht, daß er mehr gesprochen hätte als sonst, es lag vielleicht nur in seiner Gesichtsfarbe, in dem Blick. ! Sie aber vermochte doch nicht ganz zu schweigen. Viel- leicht dachte sie ihn langsam vorzubereiten. „Es sind Fremde gekommen in's Schloß! Jener Professor hat sie hierher gewiesen," sagte sie. „Dachte ich's doch!" rief er ärgerlich. „Der Mensch wird ihnen seinen Rath so lange aufgedrängt haben, bis sie ihm den Willen thaten." „Sie haben ein krankes Kind, es ist dort unten in Amalsi zu heiß." „Warum gingen sie nicht nach Ravsllo?" schalt er. „Es ist theuer dort, Papa — vielleicht Heinrich hatte ihr ja erzählt, Erich habe von seinem Vermögen schon den größten Theil verbraucht. „Ra, die Signora Carducca läßt sich auch ganz gut bezahlen!" brummte der Präsident. Paula fand nicht den Muth, ihm zu sagen, wie sie doch gewollt: „Vater, ich kann nicht länger hier bleiben, ich kann Erich nicht noch einmal begegnen." Der Tag verging ihr in heimlicher Aufregung. Gegen Abend kam die Wirthin. „Die Fremden wollen Thee trinken," sagte sie, „haben aber nichts mitgebracht, was zum Leben gehört, nur lauter unnützen Tand, und die Baronesse, eins Italienerin aus Rom, Signorina, denken Sie nur, will bei uns armen Leuten leben wie im Grand Hotel in Neapel! — Die — den ganzen Tag ist sie zornig; mich dauert derPove- rino, ihr Gemahl, sie behandelt ihn schlechter als einen Diener. Und er sitzt und hält die Hand der kleinen Tochter und zählt jeden Athemzug. Ah, Madonna! Die Frauen in Rom müssen eine andere Art sein als die übrigen; ich würde mich schämen, meinem Tomaso so zu begegnen und er ist doch nur ein Bauer." Aber, misericordia, sie vergaß ja beinahe den Thee! 68 Paula »rhob sich und gab der Frau einen Theil von dem ihrigen. Die Wirthin schwätzte weiter. Morgen müffe ein Bote gleich nach Salerno hinab, einen Arzt für das Kind und tausend Dinge zu holen. In Amalfi sei nicht« Gute« zu haben. Ob fie auch Wünsche hätte? Paula wollte sich be* sinnen, sie war im Augenblick ganz unfähig dazu. „Kommen Sie später am Abend noch einmal, Donna Therefina," bat sie. „Ich habe ein Tuch gefunden, welches Sie vielleicht gebrauchen können, rothe Seide." Die Augen der Wirthin glänzten- Sicher kam sie. O, Ercellenza hatte nur zu befehlen. Und dis Zeit, bis sie wieder erschien, wurde Paula lang, sie mochte nicht lesen, noch malen, noch sticken. (Fortsetzung folgt.) Redaction: A. Scheyda. - Druck und »erlag der Brühl'schen UmverfiMS-Buch- und Steindruckerei (Piets» & Scheyda) tn ©Rgett- Feines Ragout in Muscheln. In frische Butter schwitzt man zwei Eßlöffel Mehl hellgelb, fügt etwas Weißwein, einen Eßlöffel siedendes Waffer und einen Theelöffel Liebigs Fleifchextract, sowie einige klein gehackte Sardellen hinzu und verkocht Alle« zu einer dicken Sauce, in die man etwas Citronensaft träufelt und unter die man ^»dann in recht feine Würfel geschnittene Reste von Kalbfleisch, Kalbsmilch und Huhn sowie kleingehackte Krebrschwänze und Champignons mischt. Dieser Ragout füllt man in mit Butter dick aurgeiirichene Musckeln, legt auf i-de derselben ein Stückchen Krebsbutter, streut geriebene Parmesankäse darüber und bringt die Muscheln kurz vor dem Anrichten in den heißen Backofen, damit sie eine hübsche Farbe bekommen. V-viMchtes. »Wie prüfe ich mein Gehör?" ist eine Frage vom allgemeinsten, brennendsten Jntereffe. Wie oft kommt es vor, daß Kinder in der Schule für träge und unaufm^k- sam gelten und daß Eltern und Lehrer vergeben« nach den Ursachen dieser anscheinenden Getsterarmuth forschen! Sehr häufig stellt es sich dann zur allgemeinen Ueberraschung heraus, daß dieselben schwerhörig sind und nur ganz laut gesprochene Worte zu vernehmen vermögen. Aehnliche Faue begegnen uns im Leben auf Schritt und Tritt. Wie nämlich das Auge, so ist auch das Gehör bei den einzelnen Personen ganz verschieden ausgebildet, alle Abstufungen von der gänzlichen Taubheit bis zur kaum merklichen Schwächung des Gehörsinns ausweisend. Manche auffallende Erscheinung be- ruht auf einer Herabsetzung der Gehörfchärfe, deren sich der Betreffende nur nicht bewußt ist. So manchesmal könnte daher der Entwickelung von unheilbaren Ohrenleiden vorgebeugt, so manche folgeschweren Mißverständnisse im Leben ver- mieden werden, wenn die Fähigkeit der Gehör «Prüfung weiter verbreitet, ja Gemeingut aller Menschen wäre. Und dieses Ziel zu erreichen sucht in erschöpfender, populär gehaltener Weise das neueste Heft der bekannten Familtenzeitschrifl Zur Guten Stunde" (Berlin W., Deutsches Berlagrhaus Bong & Co: Preis des Vrerzehntagsheftes 40 Pfg), welches außerdem noch eine Fülle beachtenswerther Artikel bringt. Annie Bock'« Roman „Führe uns in Versuchung" ent« wickelt sich in spannender Weise zu einer glänzenden Ge- sellichaftsschilderung und Wilhelm Herbert's frische Ge- birgserzählung „Gebüßte Schuld" steigt in dieser Nummer zu höchster dramatischer Wirkung. Meisterwerke moderner JllustrationSkunst vereinigen mit der werthvollen Gratisbeilage Jllustrirte Klasstkerbibliothek," die Eichendorff's Gedichte bringt, zu jener glanzvollen Fülle an Unterhaltung, Belehrung und Anregung, durch die „Zur Guten Stunde" seit Langem schon zum Lleblmg der deutschen Familie geworden ist. Verbesserte Grabschrift. Bon Bischof Wilmer, einem bekannten amerikanischen Geistlichen, wirb folgende Anecdote erzählt- Einer seiner Freunde verlor seine Frau und ließ auf deren Grabstein die Inschrift setzen: „Das Licht meiner Augen ist erloschen." Ein Jahr darauf war er schon wieder verheirathet und man fragte den Bischof, wie er nun über jene Grabschrift dachte. „Sie ist sehr gut," antwortete er, nur sollte der untröstliche Gatte hinzusügen: „Aber ich habe mir ein anderes angezündet." Empfindlich. „Das *ist ja ein klassisches Mädchen, Ihr Fräulein Tochter!" — „Oh,, bitte, so alt ist sie nicht." Anerkannt. Stammgast: Run laßt endlich die Sonntagsjäger in Ruhe, das sind meist brave Leute." - Förster: „D ja, die haben schon manchem Hasen da« Leben geschenkt. Literarisches Das Leben und Treiben auf einem Leuchtthurm, der auf einsamem Felsen draußen im Meere der anprallenden Brandung trotzt, muß in der Winterzeit ein schrecklich eintönige« fern; wenn auch die Pflicht die treuen Wächter immer von Neuem ermuntert, so find sie doch ost wochenlang von jeder Verbindung mit dem Festlande abgeschlossen, und sehen nichts anderes, als ihre eigenen wetterharten Gesichter. Um nun das Getriebe da draußen auf dem umbrandeten Thurm gerade m der rauhen Jahreszeit aus eigener Anschauung schildern zu tonnen, hat die geistvolle Schriftstellerin und muthige Seefahrerm Helene Pichler es unternommen, kurze Zeit die Gesellschaft der Thurmwächter zu Heilen, und was sie dort erfahren, erzählt sie den Lesern m Heft 16 der beliebten Familienzeitschrift „Für Alle Wett" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) tn frischer und humorvoller Weise. Damit nun diese interessanten Erlebnisse dem Leser noch näher gebracht werden, sind sie von einer großen Anzahl trefflich gezeichneter Illustrationen begleitet. Dann enthält dieses Hest noch neben den beiden ganz eigenartigen, fesselnden und spannenden Romanen „Glücksspiel am Hofe" von Carl Ed. Klopfer und „Vergeltung" von Hektor Malot eine launige Plauderskrzze „Eifersüchtig oder nicht" von Dietrich Theden, eine durchaus gemeinverständlich geschriebene Würdigung der Verdienste Johann Heinrich Pestalozzis um die moderne Volksschule, eine nach den Berichten von Augenzeugen abgefaßte Schilderung des Kampfes des preußischen Kanonenboots „Meteor mit dem französischen Aviso „Bouvet" im Jahre 1870 vor Havana mit einer vorzüglichen Zeichnung dieses Seegefechts von Willy Stoewer. Weiter finden wir unter vielem Anderen einen Artikel über den Gesichtsausdruck bei Menschen und Thieren, einen solchen über d'e epochemachende Entdeckung der Röntgen'schen X-Strahlen und eine illustrirte Humoreske „Die Liebesprobe." Der künstlerische Schmuck dieses Heftes weist neben den Porträts Pestalozzis, des Prinzen Alexander, des Afrikareisenden Ehlers und des Generals v. d. Goltz-Pascha, die Holz- schnittreproduetionen des Josö Gallegos'kchen Gemäldes „Kriegsbeute, des Modler'schen Gemäldes „Ein Hochzeitsfest tn der Bretagne, dann „Manuela" von Konrad Kiesel, „Erdpyramiden in Tyrost von E. Heyn, Münchener Kindl" von Friedrich Bodenmüller und „Wafsenhändler in Kairo" nach dem Gemälde von G. Simoni auf. Wie so oft schon tn & Alle Welt" werden auch in diesem Hefte wieder die Bnefmarken- liedhaber durch Abbildungen äußerst seltener Marken erfreut, em Zeichen, daß dieses weitverbreitete Familienjournal den verschiedensten Jnteressenkreisen gerecht werden will. * Unbedingt hängt die Behaglichkeit eines Hauses von der Frau ab. Die praetische, den Verhältnissen angemessene Einrichtung, die wohlbegründete Ordnung und mit in erster Reihe: eine gute Küche — alles wirkt zusammen, um den Besucher und — den Ehegatten ju feifetn. Welche Hausfrau Belehrung in ihrem Wirken sucht, der sei die Monatsschrift für das geistige und wirthschaftliche Leben der Frau: „Wein Aatt6 meine Wett * herausgegeben von Johanna Sydow (Verlag von Max Pasch, Berlin SW., Ritterstr. 50), empfohlen. Aus dem reichen, die praetische Thätigkeit fördernden Inhalt des vorliegenden Februarheftes führen wir nur an: „Der Einkauf tnt Februar, von S. Ort: „Der Fasan des Meeres," von Ilse Horn; „Die Poesie der Kochkunst," von S. Olden; „Wie soll die junge Hausfrau kaufen? Zur Kenntniß der Maaren und ihrer Verfälschungen" — ein zeitgemäßes und von keiner Hausfrau zu übersehendes Thema! „Neuheiten: für Küche und Haus;" „Der Garten im Februar." Für die Unterhaltung ist durch spannende Novellen und Skizzen gesorgt. Eine sehr beachtens- werthe Arbeit ist: „Das deutsche Bürgerhaus am Ende des 19. Jahrhunderts," von Luise Müller. Interessante Plaudereien wie: „Der sechste Sinn," von Ulla Kremsier; „Der Fünfuhrthee"; „Von der Mode wird jede Frau mit Vergnügen lesen. Der Preis des Hefteo >f 50 Pfg.; vierteljährlich Mk. 1.50. Probenummern versendet die 45er- I lagshandlung gratis.