1896. LsMskblüttsp UnterhaUnngsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Nr. ~ Ds«NeMaa de« 10. December Die Brüder. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) „Nein — nein — ich weiß es ja, daß es in Ihren Lugen für mein damaliges Verhalten keine Rechtfertigung geben kann, und ich begreife auch, daß Sie unter den veränderten Verhältnissen gar kein Verlangen mehr nach solcher Rechtfertigung tragen. Aber wie tief Sie wich immer verachten oder verabscheuen mögen, Sie dürfen mir darum doch nicht verbieten, Ihnen für Ihre hochherzige Handlungsweise gegen meinen unglücklichen Bruder zu danken. Die Diaconrsfin hat mir gesagt —" „Sie würde es, wie ich hoffe, vermieden haben, zu Ihnen von mir zu sprechen, wenn sie mit den Verhältnissen bekannt gewesen wäre," unterbrach ihn Margarethe abermals. „War es nur dies, was Sie mir zu sagen wünschten, Herr Eggestorf?" Die stolze Würde, mit der ste ihn zurückwies, brachte ihn erstchtlich aus der Fassung. Beinahe scheu und mit unverkennbarem Erstaunen streifte sein Blick über sie hin. Es mochte ihm schwer fallen, die seltsame Veränderung zu begreifen, die innerhalb dieser kurzen neun Monate mit dem sorglos heiteren und zaghaft schüchternen K nde voraegangen war, dessen Bild er in der Erinnerung bewahrte. Jetzt erst sah er, um wie viel schöner und frauenhaft reifer sie geworden war. Heute würde sie ihm sicherlich selbst neben einem Weibe von der Art Luigia Gozzomas nicht mehr klein und unbedeutend sein. Aber das Alles durfte er ihr doch unmöglich zeigen, »nd sein männliches Selbstgefühl empörte sich gegen die Verstellung, ihr wie ein beschämter Knabe gegenüber zu stehen. Energisch schüttelte er seine Befangenheit ab, um mit vollendeter Höflichkeit zu erwidern: „Die» — und noch etwas Anderes, mein Fräulein I Er wäre unnatürlich, wenn meine Heimkunft anvere als peinliche Empfindungen in Ihnen wachgerufen hätte, und nach Allem, was ich soeben erfahren habe, muß ich e» selbstverständlich yl» meine vornehmste Pflicht ansehen, diesen Ihren Empfindungen Rechnung zu tragen. Er wird darum einzig von Ihrer Entscheidung abhängen, ob ich während der Dauer seiner Krankheit m der Nähe meines arme« Bruders bleiben darf, oder ob ich die Stadt unverzüglich wieder zu verlassen habe." „Von meiner Entscheidung? Wie soll ich das verstehen?" „O, ich hoffe, Sie werden mich verstehen. Wie die Dinge jetzt liegen, sind Sie es, die hier das bessere Recht geltend machen kann, und wenn Einer von uns durchaus dar F^ld räumen muß, darf nur ich es sein. Darüber kann selbstverständlich kein Zweifel obwalten." „Sie verzeihen, wenn ich anderer Meinung bin. Ich habe hier keinerlei Rechte, und es liegt nicht in meiner Absicht, welche zu beanspruchen. Am wenigsten habe ich de» Wunsch, mich zwischen den Kranken und seinen nächste» Blutsverwandten zu stellen. Ich werde dieses Haus noch heute Abend verlassen." „Nein, das eben sollen Sie nicht. Wie auch immer meines Bruders Krankheit ausgehev mag — meine Wiederkehr soll ihm nicht rauben, was für ihn jetzt tausendmal werthvoller ist als meine brüderliche Liebe. Mein Wort darauf, Fräulein Arnholdt: wenn Sie gehen, gehe auch ich, denn wie sollte ich ihm unter die Augen treten — wie sollte ich auf eine Versöhnung hoffen, wenn er mir die Schuld beimessen müßte an einem für ihn so schmerzlichen Verlust?" „Aber Sie müssen doch begreifen, daß es gar nicht von Ihrem oder meinem Willen abhängt, was hier zu geschehe» hat. Mein längeres Verweilen in diesem Hruse, das das Ihrige ist wie das Ihres Bruders, ist eben einfach unmöglich." „Und warum unmöglich? — Ja, wenn ich daran dächte, hier mein Quartier aufzuschlagen. Das aber hätte ich auch unter anderen Umständen nicht gethan. Ich werde mich irgendwo am entgegengesetzten Ende der Stadt einmiethe», und wenn ich hierher komme, mich nach dem Befinden de» Kranken zu erkundigen, werde ich möglichst darauf bedacht sein, Ihnen die Widerwärtigkeit einer auch nur zufällige« Begegnung zu ersparen. Treiben Ste mich also nicht fort, indem Ste auf Ihrem Vorsatz beharren — ich erbitte es von Ihnen als eine Gnade, für die ich Ihnen ewig dankbar bleiben werde." Seine Stimme hatte wieder jenen warmen, treuherzigen, 578 helfe, ich halte es für gewiß, daß er wieder gesund werde« wird. Sind es die Frauenzimmer, die Ihnen einen solche« edle« ur zu werfe für Tax kundigen Pflicht, brechen, Bemerke stark be Betracht wie den sei« ma, Ml einmal, sogar b mit ihr Abend X konnte n von Ehl Bruder« Rame r Hausger ihren L Sanität, -sschästil Es ob ihm und Ma Bestimm laubniß ja am 6 hatte er vermöge oder am vielleicht schüttere Leben, auch die ich den stunde s stens sir aber die Sicherhe Rührsce! statten." Di stimmt ! danken! dahin e eignen r Bewußt! sitzen sä klären, i geben? Gemüth weniger so sehr Si Möglich einzuhol feit wa schütter! unnahbo Vorsätze unmögli nun schl lich nock Sl scheidM wohl sik ganz an Gedanken beigebracht haben, Herr sollt' es mich nicht, denn — aber ich will mich nicht auf. regen, die Hauptsache ist ja, daß Sie wieder da sind und daß Sie noch rechtzeitig kommen konnten. Es sind bloß noch zwölf Tage, und wir werden mächtig schaffen müffen. Aber e» geht — es geht gewiß, wenn Sie nur wollen — und auf mich, das wissen Sie ja — auf mich können Sie zähle«." eiuschmeichelnden Klang, dem sie einst bei seiner stürmischen Werbung nicht hatte widerstehen können, obwohl ihr Herz damals noch kaum zu seinen Gunsten gesprochen. Lebhafter al» je zuvor in diesen neun Monaten stieg die Erinnerung an jene Stunde in ihrer Seele herauf und mit voller Deutlichkeit empfand sie noch einmal die ganze Schmach de» erbärmlichen Verrathr, den der Mann da vor ihr an ihrem «rglosen Vertrauen begangen. Was seine Ueberredungskunst an und für sich vielleicht niemals bewirkt hätte, da» bewirkte die trotzige Aufwallung eines Augenblickes. In der That, wa» sollte sie diesem Manne zum zweiten Mal gestatten, ihr das bitterste Herzeleid zu bereiten! Hatte sie sich nur darum über alle Vorurtheile der Welt und über alle engherzigen Gebote der Schicklichkeit hinweg gesetzt, um jetzt vor dem die Flucht zu ergreifen, der sie als der Erste leichten Herzens dem höhnischen Gerede der Leute pretsgegeben hatte? Weshalb sollte sie ihn nicht wie den ersten besten Fremden behandeln, und weshalb sollte sie den Vertrag nicht annehmen, den er ihr bot. Was er selber dann von ihr dachte und was die Menschen über sie sprachen, war es nicht vollkommen gleichgültig, wenn sie sich damit das einzige schmerzliche Glück erkaufte, das -auf dieser Erde «och einen Werth für sie besaß! Eines secundenlangen Zögerns nur hatte es bedurft, um diese Wandlung in ihren Entschlüssen herbeizuführen. Dann sah sie dem erwartungsvoll Harrenden fest ins Gesicht und sagte: „Gut denn — ich werde bleiben, so lange meine An» Wesenheit hier von Nutzen sein kann. Nun aber gestatten Sie mir wohl, mich zurückzuziehen. Ich bin sehr müde — und es ist spät." „Zu spät, als daß ich Sie noch zurückhalten dürste, um Ihnen zu sagen, was ich in diesem Augenblick empfinde. E» ist schmerzlich genug für mich, wenn ich Ihnen nichts Befferes wünschen kann, als daß ein Anderer —" „Gute Nacht!" sagte sie kalt, und im nächsten Moment hatte sich die Thür des Zimmers hinter ihr geschloffen. Eine dürre, gebeugte Männergestalt, die Gestalt des alten Bendemann, drückte sich eng in den dunklen Winkel neben der Treppe, als sie vorüber ging, um in das obere Stockwerk htnaufzusteigen. Margarethe hatte ihn nicht gesehen, und so ahnte sie auch nicht, ein wie feindseliger, haßerfüllter Blick sie bis an die Schwelle ihres Stübchens verfolgte. Werner Eggestorf aber fühlte, als er zwei Minuten später auf die Diele hinaurtrat, seine beiden Hände von den knochigen Fingern des Alten umschlossen. „Gott dem Allmächtigen sei Dark, daß Sie da sind, Herr Werner! — Jetzt wird noch Alles gut — jetzt muß ja noch Alles gut werden." „Aber Bendemann — Ihr hättet mich wirklich beinahe erschreckt. Wenn Ihr wußtet, daß ich da bin, warum seid Ihr nicht zu mir ins Zimmer gekommen?' Der Alte warf einen Blick nach der Treppe zurück und sein faltiges Gesicht verfinsterte sich. „Weil ich nicht stören wollte — und weil sie auch nicht Alles zu wissen braucht, die schöne Dame—. Sie ist ja' wohl eine Schwester von Ihrer ehemaligen Braut, Herr Werner?" Mit einer raschen Wendung des Kopfes wich der Bildhauer den mißtrauischen Augen des Dieners au».- „Kümmert Euch nicht um Sachen, die Euch nichts angehen, mein guter Alter! — Habt Dank für Eure Nachricht. Aber woher in aller Welt kanntet Ihr denn meine Adresse?" „Ich lief bei allen Malern und Bildhauern in der Stadt herum, bis ich sie erfahren hatte. Denn Sie mußten ja kommen — es wäre gar zu traurig gewesen, wenn Sie nicht gekommen wären." „Ihr haltet es also für so gewiß, daß mein armer Bruder sterben werde?" Bendemann riß die Augen auf, daß sie ihm förmlich au» dem Kopfe herauszutreten schienen." „Sterben?" wiederholte er. „Nein, so wahr mir Gott In Werner Eggestorf schienen nachgerade einige leise Zweifel an dem gesunden Verstände des Alten einzusteigen. „Hört mal, Bendemann — von Allem, was Ihr da redet, verstehe ich nicht eine einzige Silbe. Was soll damit den zwölf Tagen? Und wa« meint Ihr dam,t, daß wir mächtig schaffen müssen? Solltet Ihr vielleicht gegen Eure Gewohnheit ein Gläschen —" „Herr — so was sollten Sie nicht reden." Aber hier kann ich es Ihnen nicht erklären. Kommen Sie mit ins Atelier — da werden Sie mich schon verstehen." „Nein, Alter — ich bin hundmüde. Und was soll ich den« jetzt da drinnen? Lassen wirs immerhin bi» morgen. Ich erfahre Dein großes Geheimntß dann wohl noch früh genug." „Was Sie sollen? — Ja, wissen Sie denn von gar nichts? — Den Mozart sollen Sie sehen, den Ihr Bruder für die Concurrenz gemacht hat. — Und die Sockelgruppe, mit der er nicht fertig werden konnte bi« auf den letzten Tag vor seiner Krankheit, wo ihm mit einem Male die Joee kam, als wäre sie vom Himmel gefallen. Noch in der Nacht hat er die Thonskizze vollendet und am Morgen lag er dann ohne Bewußtsein im wildesten Fieber. — Die Gruppe sollen Sie ausführen, damit der Emlteferungstermin nicht versäumt wird — darum habe ich Sie gerufen." Ueber Werner Eggestorfs Gesicht ging ein seltsamer Leuchten. „Das ist etwas Anderes!" sagte er nur. „Kommt Alter! Wir gehen ins Atelier." VI. Die hundertzüngige Fama, die in der alten Kunststadt nicht minder geschäftig war, als anderswo in der Welt, fand während der nächsten Tage und Wochen an den sonderbaren Vorgängen im Eggestorf'schen Hause Stoff genug für die pikantesten Vermuthungen und Geschichtchen. Wann war es auch je zuvor erlebt worden, daß ein alleinstehender Mädchen von wenig mehr als zwanzig Jahren die Kranken- Pflegerin eine» jungen Mannes machte, zu dem sie keine andere« Beziehungen hatte, al« daß sie einmal nahe daran gewesen war, seine Schwägerin zu werden! Und wenn man diese unschickliche Handlung«werse de« allgemein sür hoffnungslos geltenden Zustandes des jungen Bildhauer« als einen Act aüsopfernder Menschenliebe allenfalls noch passiren lassen konnte, so wurde e« doch von allen männlichen und weibliche« Klatschbasen der Stadt in rührender Uebereinsttmmung al« höchst anstößig erklärt, daß Margarethe Arnholdt auch nach der Rückkehr ihre« ehemaligen Verlobten in dem Hause blieb. Es fehlte nicht an wohlwollenden Leuten, die bei der Erörterung der Angelegenheit mehr oder minder deutlich zu verstehen gaben, daß es nach ihrer Ansicht der jungen Dame wohl von vornherein nur um eine Wiederannäherung an Werner Eggestorf zu thun gewesen fei, und jeder anständige Mensch mußte diesen tugendhaften Seelen in ihrer sittliche« Entrüstung über ein Mädchen, da« seine Würde so ganz wegwerfen konnte, natürlich unbedingt zustimmen. Pfiffen e« doch fast schon die Spatzen von den Dächern, daß Werner Eggestorf, wenn er auch der Form wegen i« einem Gasthaus« Wohnung genommen hatte, vom Morgen bi« zum Allend in der Villa verweilte, und da« Einzige, was man bei dieser fcandalösen Geschichte nrcht begriff, war die sträfliche Duldsamkeit des alten Sanitätsraths, der er Margarethe Arnholdt gestattete, unter dem Vorwande eine« Werner? — Wunder« 57» eWen und menschenfreundliche« Thun ihre unschicklichen Zwecke z« »erfolgen. Die guten Familien der Stadt, die stch anfänglich Tag für Tag nach dem Befinden des jungen Künstlers hatten er* kundigen lassen, ersahen es unter diesen Umständen al« ihre Pflicht, jede Verbindung mit dem Eggestors'schen Hause adzu* brechen, und Doctor Sott k mußte hier und da sehr spitzige Bemerkungen hören, die stch lediglich mit Rückstcht auf seine stark bekannte Grobheit in den Formen jener allgemeinen Betrachtungen bewegten, auf die sich nichts erwidern läßt, wie deutlich fühlbar auch der in ihnen verborgene Stachel sein mag. Margarethe hörte von alledem nichts, ja, sie ahnte nicht einmal, daß sie sich während de« ganzen Tages und zumeist sogar bi« tief in die Nacht hinein unter demselben Dache mit ihrem ehemaligen Verlobten befand. Nach jenem ersten Abend hatte sie Werner Eggrstorf nicht wiedergesehen, und sie konnte nichts Anderes glauben, als daß er wie ein Mann von Ehre sein Versprechen erfüllte, stch von dem Hause seiner Bruders so viel al« immer möglich fernzuhalten. Auch sein Name wurde in Margarethens Gegenwart von den übrigen Hausgenossen nie genannt, und nur einmal war sie gegen ihren Willen Ohrenzeugin eine« Gesprächs zwischen dem Sanitätsrath und der Diaconissin gewesen, da« sich mit ihm beschäftigte. Es hatte sich um die Entscheidung der Frage gehandelt, ob ihm der Zutritt zu dem Kranken gestattet werden solle, und Margarethe war erstaunt gewesen über die rücksichtslose Bestimmtheit, mit welcher der Arzt die Ertheilung dieser Er* laubniß verweigert hatte. „So lange der Patient ohne Bewußtsein ist, würde e« ja am Ende ganz gleichgültig sei«, wer zu ihm hereinkommt,- hatte er gesagt. „Dieser Zustand de« getrübten Erkennung«, vermögens aber kann in jedem Augenblick einer vorübergehenden oder auch dauernd geistigen Klarheit weichen, und den Kranken vielleicht gerade in solchem Moment starke« seelische« Erschütterungen auszusetzen, wäre ein Verbreche» gegen sein Leben. Nimmt die Sache eine solche Wendung, daß wir auch die letzte schwache Hoffnung aufgeben müsse«, so werde ich den Herrn gewiß nicht daran hindern, sich in der Todesstunde seines Bruders mit ihm auszusöhneu oder doch wenig* sten« ein Zeuge seiner letzten Augenblicks zu sei«. So lange aber die Möglichkeit einer Genesung noch nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen ist, so lange werde ich irgend welche Rührscenen am Krankenbette unter keinen Umständen gestatten/ Die Worte des Sanitätsraths waren nicht für sie bestimmt gewesen, aber gerade deshalb beschäftigte sie die Gedanken Margarethens fast unausgesetzt. Hatte sie doch bis dahin eigentlich noch niemals daran gedacht, was sich er* eignen würde, wenn Hermann Eggestorf vlötzlich mit klarem Bewußtsein die Augen aufschlüge und ste an seinem Lager sitzen sähe. Wie sollte sie ihm dann ihre Anwesenheit er» klären, ohne zugleich das Geheimniß ihres Herz;«« preiszugeben? Und wie sollte sie es verhindern, daß er dabei einer Gemüthsbewegung ausgesetzt würde, die ihm vielleicht nicht weniger verhängnißvoll würde al« die von dem Sanitätsrath so sehr gefürchtete Erregung eines Wiedersehens mit Werner. Sie nahm sich wohl vor, mit der Diaconissin über diese Möglichkeit zu sprechen und den Rath der erfahrenen Pflegerin einzuholen. Aber die gottergebene Dienerin der Barmherzigkeit war von ihrer immer gleichen Sanftmuth und unerschütterlichen Gemüthsruhe wie von einem Strahlenglanze unnahbarer Hoheit und Würde umgeben, der trotz der besten Vorsätze Margarethen« jede vertrauliche Herzensergießung unmöglich machte; und trotz der gemeinsamen Sorge, die sie nun schon lange verband, standen sie sich in der That innerlich noch eben so fremd gegenüber wie am ersten Tage. So blieb Margarethe für ihr Benehmen in jenem entscheidungsschweren Augenblick, vor dem sie stch fürchtete, obwohl sie ihn mit der ganzen Inbrunst ihres Herzens ersehnte, ganz auf ihrs eigene Geistesgegenwart angewiesen, und sie zermarterte stch den Kopf mit der Ausmalung von tausend Möglichkeiten, deren jräe sie zum Heile des geliebten Kranken stark und gewappnet finden sollte. (Fortsetzung folgt.) Gesundheitsschädliche Weihnachtsgeschenke für Kinder. Bon Dr. Otto Gotthilf. -----— (Nachdruck verboten.) „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß", sagt der Volksmund, und er hat Recht daran. Denn wenn wir alle» wüßten, was z. B- mit den Nahrungsmitteln vor sich gegangen ist, von ihrer ersten Gewinnung bis zur fertigen Speise, — wir würden sehr ost vor Ekel und Abscheu nicht» genießen können. Auch hat die Gesundheitspflege keinen Grund, hierüber aufzuklären, so lange die Speisen nicht durch leichtsinnige und nachlässige Behandlung gesundheitsschädlich werden. Die Hysterie hat auch hier erst dann ihre warnende Stimme zu erheben, wenn sie sich von einer Gefährlichkeit für die Gesundheit überzeugt hat; dann aber muß sie ohne alle Rücksicht auf die Fabrikanten dem Publikum ein vernehmliche» „Vorsicht I" zurufen und die Regierungen ersuche«, daß sie durch Gesetze mit strengen Strafbestimmungen denjenigen da» Handwerk legen, welche au» schnöoem Geldgewinn in leichtsinniger Weise da» Leben ihrer Mitmenschen gefährden. Daher sind auch in den letzten zehn Jahren mancherlei hygienische Gesetze in den Kalturstaaten erlassen worden. Aber da» Ideal hierin ist noch lange nicht erreicht; noch gibt es zahlreiche Fabrikate, welche die Gesundheit untergraben, welche Krankheit und Siechthum herbeiführen können. Da nun jeder Stoff um fo schädlicher wirkt, je jünger das Jadtvtdium ist, welches ihn in stch aufnimmt, so ist es von besonderer Wichtigkeit, diejenigen Fabrikate kennen zu lernen, welche dis Gesundheit unserer Kinder gefährden. Und gerade jetzt, wo das fdräne, herrliche Weihnachtsfest naht, ist es für alle Eltern, O kels, Tanten und sonstigen Anverwandten gewiß von höchster Bedeutung zu wissen, welche Geschenke den herzigen Kleinen etwa Schaden an ihrer Gesundheit bringen können. Wehe! wenn die Liebesgaben Leidesgaben würden! Ein sehr gefährliches, weil äußerst giftiges Spielzeug, welches allerdings jetzt weniger verbreitet zu fein scheint al- früher, ist die sogenante Pharaoschlange. Sie besteht meist aus einem kleinen blechernen Thier mit einer O-ffaung; zündet man die an der Oeffaung hervorschauends Substanz an, so schlängelt stch diese wurstartig hervor. Auch gibt e« sogenannte Dukatenmänner, welche dasselbe Schauspiel darbieten, wie jene Thiere. Der im Innern befindliche Brei entwickelt nun beim Hervorquellen sehr giftige Dämpfe. Man möge da« Nähere ersehen aus dem Erlaß der Kgl. Regierung zu Schleswig vom 16. August 1889: „Nachdem in dem Untersuchungsamt für die Provinz Schleswig-Holstein in K el ein Spielzeug, Kraterschlange, Elbkrokodil, welche» au» einer Staniolhülse von Räucherkerzenform, eine eigenthümlich gestaltete, die Bezeichnung erklärende poröse Asche beim Anzünden entwickelt, untersucht worden ist, hat sich gezeigt, daß die Zündmasse Quecksilberrhodanit enthält und daß beim Abbrennen von 10 Stück des Spielzeuges stch 0,550 Gramm metallisches Quecksilber in Dampfform entwickeln. Da das Quecksilber in dampfförmigem Zustande sehr giftig wirkt, so warne ich vor dem Ankauf gedachten Spielzeuges. Der Regierungs-Präsident. - Sehr in Mode sind jetzt als Geschenke für Kinder und auch Erwachsene die billigen japanischen Papierarttkel, wie Fächer und Schirme. Zum Buntfärben derselben werde« natürlich die billigsten und schlechtesten Farben genommen, wögen sie gesundheitsschädlich sei« oder nicht. In der That hat man nun auf den grün gefärbten Partien solcher japanischen Schmuckartikel häufig das giftige Arsen gefunden. Da die 580 Farben in der Regel nur sehr leicht aufgetragen sind, so schmutzen und stauben sie schnell ab und kommen in die Alhmungsorgane derj Besitzer, wo sie überaus nachtheilig wirken. Also fort mit diesem Tand! Unter den schädlichen Mineralstoffen spielt das Bleichromat eine wichtige Rolle als Chromgelb, Kaisergelb, Parisergelb u. s. w. Alle diese find giftig. Professor Lehmann in Würzburg hat bei der Untersuchung von Gebrauchsgegenständen und Spielsachen das Bleichromat mehrfach gefunden. Leider ist nach dem deutschen Ges-tze vom 5. Juli 1887 § 4 für Spielsachen die Anwendung desselben erlaubt, weil man von der Ansicht ausging, daß diese meist mit einem Lacküberzug versehen werden und mit dem Munde der Besitzer nicht in Berührung kommen. Dies ist aber ein Jrrthum. Denn fast alle Kinder pflegen ihre Spielsachen gelegentlich zu küffen oder gar in den Mund zu stecken- Nun hat Proseffor Lehmann Bleichromat auch in den gelben und orangen Federhaltern gefunden, an denen bekanntlich Kinder wie Erwachsene vielfach kauen, wenn beim Schreiben die Gedanken sich nicht einstellen wollen. Ebenfalls sand sich diese giftige Farbe an gelben lackirten kleinen Wägelchen und Eimern. Deshalb ist zu rathen, lieber keine gelb lackirten Spielsachen zu kaufen. Früher wurde das schädliche Chromgelb auch zum Färben der Zuckerwaaren benutzt; jetzt sieht man allerdings den Herren Conditoren dabet sehr scharf auf die Finger. Daß es aber trotzdem noch vorkommt, beweist ein im August 1889 in München vor Gericht verhandelter Fall, wo zwei Bäcker deshalb zu Gefängniß verurtheilt wurden. Man taufe also jur Ausschmückung des Weihnachtsbaumes mehr schmackhafte, wirklich eßbare Maaren, als solch buntes, namentlich gelb oder orange gefärbtes Zuckerzeug. Um dem Baume ein phantastisch buntes Aussehen zu verleihen, gibt es ja so außerordentlich viele hübsche, unschädliche Gegenstände aus Glas und Papier. Auch die bemalten Zuckerverzierungen aus den Torten gebe man den Kindern nicht zu effen. ; Die Fabrikanten von Buntpapieren versichern, daß bei der Fabrikation keinerlei schädliche Farben zur Verwendung kommen. Trotzdem hat die Kgl. Untersuchungsanstalt in München unter 181 Buntpapieren, die int Jahre 1891 zur Prüfung gelangten, in 32 arsenhaltige Kupferfarben, in der Regel sogenanntes Schweinfurter Grün gefunden, und im Jabre 1892 betrug die Zahl der giftigen Buntpapiere 14 Procent. Solche Buntpapiere werden nun vielfach verwendet zum Einwickeln von Bonbons, zum Einbinden von Heften, zur Bekleidung von Puppen, Spielwaaren u. s. w. Daher mache man die Kinder darauf aufmerksam, daß sie ja nicht an diesen Sachen lecken oder sie küffen (z- Beisp. Papierpuppen). § 11 des deutschen Gesetzes vom 5. Juli 1889 lautet: »Auf die Färbung von Pelzwaaren finden die Vorschriften i dieses Gesetzes keine Anwendung.* Daher werden zum Färben ! der Pelzwaaren giftige Farben, wie Bleiweiß und Queckfilber- | salze benutzt. Der Gesetzgeber gestattet deren Anwendung, | weil er annimmt, daß Pelzwaaren mit dem Munde nicht in ; Berührung kommen und daher Vergiftungen nicht veranlaffen | können, selbst wenn dieselben schädliche Stoffe enthalten. Daß J diese Annahme den thatsächlichen Verhältnissen nicht entspricht, ist bekannt- Denn man sieht gar nickt selten, daß namentlich Kinder die Pelzwuffe oder den Pelzkragen längere Zeit an Gesicht und Mund drücken. Also auch hier thut Warnung dringend noth! Am genauesten von allen Geschenken sür Kinder find wohl bisher die Gummispielsacken auf ihre Gefunddeitssckäd- lichtest untersucht worden. Als gtstige mineralische Beimengungen kommen dabei vor allem Blei- und Zwkoxyd in Betracht. Diese kann man aber durch ein einfaches, practisches Verfahren leicht nachweifen. Je mehr mineralische Substanzen nämlich dem an und für sich leichten Gummi zngesetzt find, um fo schwerer wird es; oder mit anderen Worten: wenn da» (ipecifische) Gewicht einer Gummisache durch mineralische Beimengungen so groß geworden ist, daß fie im Waffer nicht mehr schwimmt, so ist die Waare schädlich. Von den gefärbten Gummisachen haben fich die durch und durch gefärbten als unschädlich erwiesen. Anders verhält es fich mit den nur an der Oberfläche gefärbten. In deren Farben finden sich viele giftige, wie Blei- und Zinkweiß, grüner Zinnober und Chromgelb. Beim Saugen und Kanen solcher Gummiwaaren kann nun leicht die Farbe abspringex, von den Kindern hinuntergeschluckt werden und zu schweren Erkrankungen Anlaß geben. Daher sind alle nur äußerlich gefärbten Gummisachen am besten ganz zu vermeiden! Zuletzt möchte ich die Eltern noch über ein Spielzeug beruhigen, vor dem fie unröthiger Weise am meisten Angst zu haben pflegen, da« find die Tusckfarben. In der medi. cinischen Literatur findet sich meines Wiffens aus neuerer Zeit kein einziger Fall von Vergistung durch Kindertuschsarden. Diese bestehen aus Honig (daher Honigsarben), Gummi, Leim- wasser oder Hausenblase, bisweilen auch au» Harzen und Balsame, find also unschädlich. Freilich ist Vorsicht zu allen Dingen gut. Deshalb möge man den Kindern lieber verbieten, an Tuschfarben oder Pinseln zu lecken. Natürlich sollen Kinder auch keine spitzigen und schneiden- den G egenstände, mit denen fie fich auf gefährliche ober tödt- liche Weise verletzen können, geschenkt bekommen. Dieser Gebiet noch genauer zu verfolgen, würde uns aber zu weit führen; dabei muß an die Einstcht der Eltern appellirt werden Wir wollen nur vor denjenigen Spielsachen warnen, welche die hygienische Wiffenschaft der neuesten Zeit als ge- sundheitsschädlich erkannt und bewiesen hat. Mözen die Eltern fich die» zu nutze machen, damit ihre kleinen Lieblinge nicht nur ein gesunves, fröhliches Weihnacht-fest feiern könne», sondern auch im neuen Jahre ihre volle körperliche Frische und Gesundheit fich bewahren. Humoristisches. Offenherzig. 3t.: „Wie denken Sie über den projeetirien Aussichtsthurm?* — B.: „Garnicht, denn der ragt bereits einige Meter über meinen Horizont hinaus!' Literarisches Rr«es «ochvuch für Vie bürgerliche und fein« Küche, herausgegeben von Frau Emmy Braun. Sechste verbesserte und vermehrte Auflage. Grünstadt, I. Schässers Buchhandlung. Preis 2,20 Mk. Das vorliegende Kochbuch hat in seiner Art einen wahren Triumphzug gefeiert, indem es in verhältnißmäßig kurzer Zeit sechs Auflagen erlebt hat. Natürlich hat diese ersreuliche Erscheinung ihre guten Gründe, und zwar sind dieselben darin zu suchen, daß die Ber- fasserin bei aller Reichhaltigkeit des Inhalts eine gute Uebersicht, bei aller wohlmeinenden Sorgfalt für die Einzelheiten doch klare, auch dem schlichtesten Verstände einleuchtende und verständliche Anweisungen giebt. So hat die Verfasserin das Problem gelöst, einerseits den Anfängerinnen in der Kochkunst einen praktischen Führer zu bieten, andererseits der wohlerfahrenen Hausfrau mit ihrem Buche eine keineswegs als überflüssig erscheinende Gabe zu bieten; denn an sich ist ja die pfälzische Küche sehr reichhaltig und dann beschränkt sich das Buch auch keineswegs auf diese, sondern nimmt das Gute, wo es dasselbe findet. Und eben diese zahlreichen, bezüglich der Quantität der Zugaben genau erprobten Recepte dürften den Beifall der besten Köchin finden und haben diesen, wie die stets anwachsende Verbreitung des Buches beweist, allgemein gefunden. Nicht zu unterschätzen ist bei alledem das durch das ganze Buch sich wie ein lichter Faden hinziehende Bestreben der Verfasserin, sich nicht auf die directen Kochvorschristen zü beschränken, sondern der Hausfrau auch werthvolle andere Winke — und das in schlichter, sachlicher Form ohne einen Anstrich von Wichtigthuerei — die mittelbar und unmittelbar mit der Küche Zusammenhängen, zu geben, Winke, die die Freude am Erfolg verbürgen oder auch nur etwaige Unzuträglichkeiten verhindern sollen. Gerade hierin erkennen wn m» besonderer Freude die stets und überall zuverlässige wahre Freundin °et Hausfrau! Die neue Ausgabe, die auch in der Ausstattung vorzüglich ist, wird dem übrigens sehr billigen Buche eine immer weitere «er- breitung verschaffen. Reboction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverflMS-Buch- und Steindrnckerei (Piets» fr Scheyda) in