UntechaltungsbLM zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger), Gamsiag len 10. Oktober 6^............... ___._______% ||Si|g ißSis ^W^WMWW^ ; , -x_ -;.• i-rj. *'-?_■,:"-i_---e$5 ---'^- —.• • • ■« 2-R UMGZ »L^-H Falsches Spiel. Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung.) Erichsen schob den Riegel vor und entfernte sich dann durch eine Nebenkammer, um seine Frau zu benachrichtigen, die auch bald erschien, um den Tisch zu decken. Ihre ehrlichen blauen Augen hefteten sich forschend auf Rombergs Gesicht und füllten sich plötzlich mit Thränen. „Ich war bei der seligen Frau Baronin als Kammermädchen," sagte sie dann, sich hastig die Augen trocknend, „und wenn ich Sie änsehe, junger Herr, so ist's mir genau so, als sähe mich meine gütige Herrin aus ihren Augen an. Ja, gewiß, — meine Baronin steht leibhaftig vor mir, und gut war sie, so lieb und so gut wie ihr Aeltester, unser Herr Rittmeister, der ihr goldenes Herz geerbt hat. — Und wenn Sie sich auch einen anderen Namen beigelegt haben, junger Herr, mir machen Sie nichts weiß, Sie find der rechte Enkel meiner seligen Herrschaft und auch just zur rechten Stunde gekommen, um uns von einem Bösewicht zu befreien." „Da kommt der Wagen mit der Baroneffe zurück," rief der Förster, in einem triumphirenden Tone, „schieb' den Riegel hinter mir zu, Altei" „Es ist nur wegen dem Klatschmaul, dem Barbier," erklärte Paulsen, als die Frau verwundert den Kopf schüttelte. „Ja so, das ist richtig," sagte sie nachdenklich, indem sie den Riegel vorschob. „Es ist wohl besser, daß der den jungen gnädigen Herrn nicht zu früh sieht, obschon er von hier nicht fortkommt. Nun essen Sie aber, liebe Herren, und verzeihen Sie es einer alten Frau, daß ihr Herz mit der Zunge davongelaufen ist. Ich habe es immer gesagt, der liebe Gott lebt noch und verläßt die Seinen nicht. Frühstücken Sie erst ein wenig, in einer Stunde wird zur Mittag gegessen." „Sie haben aber bei einer solchen starken Einquartierung doch sicherlich keinen Raum mehr für uns übrig, Frau Förster I" bemerkte Romberg besorgt. „D, das Haus ist sehr geräumig, gnädiger Herr! — Der selige Herr Baron hat es für meinen Schwiegervater, — Gott habe ihn selig — neu erbauen lassen. Deshalb brauchen Sie sich nicht zu sorgen, ich fürchte nur, daß es schwer halten wird, Sie auf längere Zeit vor den neugierigen Augen des Barbiers zu verbergen, der feine Nase überall hineinsteckt. Aber trinken Sie doch, gnädiger Herr, selbstgebrautes Alting- Hofer Bier, auf welches unser Herr Rittmeister sehr stolz ist." Sie füllte die beiden Gläser und freute sich, als Romberg das seinige auf die Genesung de« Rittmeisters leerte. Im selben Augenblick wurde an die Thür geklopft und nun erschien auch der Förster, um den Riegel zurückzuschieben und die Baronesse eintreten zu lassen. Die beiden Fremden erhoben sich rasch und begrüßten die Dame mit einer tiefen Verbeugung. „Bleiben Sie hier, lieber Erichsen," sagte sie, als der Förster Miene machte, seiner Frau, die sich entfernte, zu folgen. „Als der älteste und treueste Beamte meines Adoptivvaters, als mein aufrichtigster Freund, dürfen Sie das vollste Vertrauen beanspruchen und auch deshalb Alles anhören, was die fremden Herren mir zu sagen haben." „Wir würden selber darum bitten, mein gnädiges Fräulein," sagte Romberg, „weil wir von der Treue und Anhänglichkeit des Försters gegen seinen Herrn bereits überzeugt sind und auch ihm unser volles Vertrauen schenken. Da mein alter Freund hier — doch verzeihen Sie meine Vergeßlichkeit," unterbrach er sie plötzlich verwirrt, „wir haben uns nicht vorgestellt — mein Name ist Justus Romberg aus Amerika —" „So heißt mein junger Herr nämlich nach feinem Pflegevater, fein rechter Name ist Justus von Alting, ältester Sohn des vor sechsundzwanzig Jahren nach Amerika ausgewanderten dänischen Lieutenants Hans Joachim von Alting." Der alte Paulsen hatte sich bei dieser eigenmächtigen Mittheilung straff aufgerichtet und sah mit einer heraus- fordernden Miene auf den jungen Mann, der verlegen vor sich hinblickte. „Natürlich ist er ein echter Alting, das hab' ich mir gleich gedacht," sagte Erichsen freudig erregt. „Haben Sie es gehört, meine gnädige Baroneffe? Er ist der älteste Sohn!" „Freilich habe ich's gehört," erwiderte Ellen, tief auf- athmend, „Sie tragen nicht blo» die Züge Ihrer Großmutter, sondern besitzen auch ihre Augen. Wissen Sie denn, daß hier bereits ein Hans Justus von Alting vor einiger Zeit angekommen ist, der sich nicht nur durch seine Familien- Aehnlichkeit, sondern auch durch die nöthigen Papiere als der von seinem Vater angekündigte Neffe hinreichend ausge- wiesen hat?" „Allerdings weiß ich das, Baronesse," erwiderte der junge Mann ehrerbietig, „er ist uns auch bereits vorhin hoch zu Roß begegnet. Sie werden mir vielleicht nachempfinden können, wie schwer mir diese Reise geworden ist, und daß nur die letzte Bitte eines geliebten Tobten, dem ich Alles verdanke, der dem verlassenen Kinde Vater und Mutter ersetzt hat, mich dazu bewegen konnte, einen unbekannten reichen Verwandten aufzusuchen und dem Verdacht einer Erbschleicherei mich auszusetzen. Jetzt aber, nachdem ich meinen Stiefbruder zum ersten Male gesehen —" „Er ist Ihr Stiefbruder?" fragte Ellen überrascht. „Mein junger Herr muß mir schon erlauben, die Geschichte zu erzählen, gnädige Baronesse!" nahm Paulsen jetzt rasch das Wort „dieweil er noch ein Säugling war, als sein Vater, der Herr Lieutenant von Alting, ihn zu meinem Hauptmann brachte." Der Alte erzählte nun, und Ellen wie der Förster, die sich zu ihm gesetzt hatten, hörten mit steigendem Interesse zu, während Romberg an's Fenster getreten war, und von dem schlichten Vorhang halb verborgen, der Erzählung nicht achtend, nur Augen für die junge Dame zu haben schien. Als Paulsen geendet hatte, bat er ihn, die Papiere vorzulegen. Romberg schreckte wie aus einem Traume empor, näherte sich dann mechanisch und blickte den Alten fragend an. „Ihre Legitimations-Papiere, Herr Romberg I" Verwirrt zog dieser seine Briestasche hervor und legte sowohl den Brief seines rechten Vaters wie das Testament des Hauptmanns auf den Tisch. „Ich bitte Sie, diese beiden Papiere an sich zu nehmen, Baronesse," sagte er leise, „prüfen Sie dieselben, da es Ihr Adoptiv-Vater jetzt noch nicht vermag und beraihen Sie mit dem Förster, was nun geschehen soll. Bedenken Sie aber, daß Hans Joachim von Alting mein Stiefbruder und ein rechtmäßiger Sohn meines Vaters ist, den ich deshalb schonen muß. Sollte er aber Ihr Feind sein, mein Fräulein, und Schlimmes gegen Sie und seinen Oheim planen oder auch vielleicht, was Gott verhüten möge, schon ausgeführt haben, dann wird er in mir nicht mehr den Bruder, sondern einen unerbittlichen Gegner finden." Der junge Mann hatte seine hohe, kräftige Gestalt straff sufgerichtet und feste Entschlossenheit blitzte aus den dunklen Augen. „Ich danke Ihnen, Herr Justus! ' sprach Ellen, ihm erregt die feine Hand reichend, über die er sich hastig niederbeugte, um einen Kuß darauf zu hauchen. „Wir wollen fest zufammenhalten, da ich Ihnen nicht verhehlen kann, daß uns Allen vor der Zukunft bangt. Ihr armer Oheim hat es selber gegen mich ausgesprochen, daß ihm dieser Neffe große Sorgen bereite und er ihn am liebsten wieder nach Amerika zurücksenden möchte. Gott wird uns den Theuren erhalten und Alles zum Besten wenden, diese Hoffnung soll uns Muth verleihen, dem Unrecht und jedem im Dunkeln schleichenden Feinds die freie Stirn zu bieten. Sie aber, lieber Erichsen, wandte sie sich an den Förster, „werden dafür sorgen, daß unsere Gäste vor jeder unberufenen Neugier geschützt bleiben, bis die Zeit zum Handeln gekommen ist " Sie nahm die Papiere vom Tisch, verneigte sich vor Romberg, nickte Paulsen freundlich zu und verließ, von Erichsen begleitet, die Stube. „Eine echte und rechte Lady, wie, junger Herr?' bemerkte der Alte schmunzelnd. „Ja, darin hast Du recht," erwiderte Romberg auf» athmend, „aber, Gott sei Dank, keine nach amerikanischem Muster." „All right, Sir! — Jetzt aber wollen wir der deutschen Küche erst mal die Ehre geben, mein Magen verlangt sein amerikanisches Recht." Als der Förster zurückkehrte, freute er sich, feine Gäste bei Appetit zu finden, was freilich nur bei Paulsen der Fall war, da Romberg sich nur den Anschein gab — da die Magen» frage bei Halbwegs ideal angelegten Naturen stets in den Hintergrurd tritt, wo das Herz sein Recht begehrt und des Frühlings Erwachen verkündet. Herr Justus, wie Ellen ihn, von einem glücklichen Instinkte geleitet, zu seiner freudigen Überraschung genannt, be- theiligte sich erst an der Tischunterhaltung, als Paulsen den Förster nach Joe Catton fragte und Erichsen in ein Fahr» wasser gelangte, das die volle Aufmerksamkeit der beiden Amerikaner erregte. Es wurde dem jungen Mann nur zu deutlich, wie nothwendig sein Erscheinen hier war, und welcher schweren Verletzung er sich durch sein Fernbleiben schuldig gemacht hätte. „Er oder ich!" das war jetzt die Losung für ihn ge- worden. Er durste nicht mehr den Bruder, sondern nur den Verbrecher in ihm sehen, dem jedes Mittel recht war, sein Ziel zu erreichen. War's ihm nicht, als sähe er deutlich die Mordwaffe in der Hand des nichtswürdigen Helfershelfers, wie er sie auf das ahnungslose Opfer anlegte? — Schrieen die Stimmen dieses Waldes nicht um Rache für diese Blutschuld? • Er athmeie schwer, — gab es denn kein anderes Mittel, den Buben über's Meer zurückzujagen? — Mußte gerade er es fein, der den Sohn seines leiblichen Vaters vor die Schranken des Gerichts brachte? „Diesem Joe Catton, der auch mich drüben beinahe erwürgt hätte, ist eine solche That schon zuzutrauen," sagte in diesem Augenblick der alte Paulsen. „Natürlich hats Joe Catton gethan," warf Romberg rasch, wie erleichtert, dazwischen. „Der Meinung bin ich auch," sagte Erichsen halblaut, „der Tod meines Herrn konnte diesem Menschen aber keinen Vortheil bringen , und darum mußte ihn Jemand dazu an* gestiftet haben." Paulsen schaute seinen jungen Herrn an und schwieg, als er das bleiche sorgenvolle Antlitz desselben sah. „Hoffen wir auf des Herrn Rittmeisters Genesung und auf den lieben Gott!" sprach er dann, sein Bierglas erhebend. Sie stießen miteinander an und leerten schweigend ihr Glas. 13. Capitel. Auf der Witterung. Am nächsten Morgen fuhr Justus Romberg, der den Kragen seines leichten Mantels, den Ellen ohne einen bestimmten Zweck vom Schlosse mitgenommen, hoch emporgeschlagen hatte, in dem Jagdwagen nach der Station. Er follte auf Ellens Geheiß mit einem Briefe von ihrer Hand und mit seinen eigenen Papieren zu dem Alting'schen Notar nach F. fahren, um dessen Rechtsbeistand und Rath in An* spruch zu nehmen. Erichsen fuhr ihn selber hin, löste die Fahrkarte und wartete, bis der Zug abgefahren war. Als er den Wagen wieder besteigen wollte, rollte eine Equipage im schnellsten Trabe daher. „Aha," dachte der Förster, „die Lindenhagener Sipp* schäft, sie kommt zu spät, der Zug wartet nun einmal nicht." „Zum Henker, Sie kommen zu spät, Mr. Melwig!" hörte er plötzlich eine Stimme, die ihn zusammenschrecken ließ. Ohne sich umzuschauen, schwang er sich auf den Wagen, berührte das Pferd mit der Peitsche und wollte sich eiligst davon machen. „Halt, was habt Ihr denn hier zu thirn, Förster Erichsen?' tönte dieselbe unheimliche Stimme aus's Neue. Der Förster hielt an und wandte sich um. Hier hieß es einen raschen Entschluß fassen — Hans Justus Alting kam raschen Schrittes auf ihn zu. „Der Herr Notar Johannsen hatte einen Freund ge* verlangt fein i, seine Gäste llsen der Fall da die Magen- stets in den zehrt und des lücklichen In« genannt, be- Paulsen den in ein Fahr« it der beiden staun nur zu , und welcher eiben schuldig l für ihn ge. dem nur den ht war, sein er deutlich die Helfershelfers, - — Schrieen se Blutschuld? nderes Mittel, ßte gerade er ters vor die in beinahe er« ien," sagte in ars Romberg !sen halblaut, n aber keinen und schwieg, sah. Genesung und glas erhebend, ’n schweigend erg, der den hne einen be- vch emporge- Station. Er n ihrer Hand lg'schen Notar Rath in An» ährkarte und :r den Wagen im schnellsten agener Tipp' einmal nicht." str. Melwig!" »schrecken ließ, s den Wagen, lte sich eiligst ier Erichsen?' n. Hier hieß Justus Alting n Freund ge> - 475 - fc&idt, um sich nach dem Befinden des Herrn Rittmeisters zu erkundigen, gnädiger Herr!" „Und so ein Federfuchser mußte großartig mit einem Wagen hierher gefahren werden!" schnob Alting, mit dem Fuße stampfend, „und Ihr selber habt nichts'Besseres zu thun, als in solcher Weise die Zeit todtzuschlagen? — Warte nur, Halunke, Ihr habt die längste Zeit Ein Räuspern aus weiblicher Kehle ließ ihn plötzlich verstummen. Ec wandte sich um und schritt der Equipage wieder zu, in welcher Ebba Regina lehnte. Sie warf ihm einen mißbilligenden Blick zu und schüttelte unmerklich den Kops, während sie dem rasch sich entfernenden Wagen des Försters nachblickte. „Wann lernst Du es endlich, Dich zu beherrschen," raunte sie ihm unmuthig zu. „Dort kommt mein Onkel," setzte sie laut hinzu, „ich glaubte, daß er einen Separat-Zug genommen hätte." Herr Melwig trat mit unzufriedener Miene an den Wagen. „Der nächste Zug von F. kommt erst in fünf Stunden," y er mürrisch, „f0 lange kann ich hier nicht warten. Das kommt davon, daß wir den Umweg nach Altinahof gemacht haben." 1 „ Hans Justus runzelte die Stirn und trat einen Schritt zurück. „Mein Himmel, dann fährst Du einige Stunden später, Onkel, bemerkte die junge Dams nachlässig, „kommen Sie Herrr von Alting, Sie speisen heute bei uns, — aber rasch, meine Herren, wenn ich bitten darf." . Regina verstand zu commandiren; ohne ein Wort bes Widerspruchs stiegen die beiden Herren in den Wagen. , ''Halben Sie durch die Verspätung etwas versäumt oder eingebußt?" fragte Hans Justus, als es. im schärfsten Trabe heimwärts ging. , „Na, und ob!" erwiderte Melwig unwirsch, „mußte zu meinem Rechtsanwalt, um einen Haftbefehl gegen Lieutenant von Römhild beantragen zu lassen —" „Den Sohn des Hirschholmers?" „Den jüngsten Sprossen des edlen Freiherrn," bestätigte Melwig mit boshaftem Grinsen, „er war vor den Manöver. Tagen zu Hause, um Geld von seinem Alten zu erpressen, weck er in Berlin eine hübsche Summe verspielt hatte. — Sie müssen wissen, daß er bei einem Ulanen - Regiment steht, — dazu gehört Reichthum, den der H'.rschholmer nicht besitzt, es geht bergab mit dem Alten. Na, als der Herr Lieutenant nichts mehr auspress-n konnte, da kam er zu mir, und ich gab ihm baare zwanzigtausend Mark auf Wechsel. Heute früh bekam ich eine Depesche von Berlin, die mir meldete, daß mein Herr Lieutenant Schulden halber seine Entlassung erhalten habe und verschwunden sei." „Und nun wollen Sie ihn in F. verhaften lassen?" ftagte Hans Justus erstaunt, „wo haben Sie denn seinen Aufenthalt erfahren?" „Hm, man hat doch überall seine Posten ausgestellt?" bemerkte Melwig achselzuckend. ..Natürlich weiß ich bestimmt, daß er in F. ist, und dort Geld von seinem Vater erwartet, um weiter nach Kopenhagen, von dort nach England zu ent» kommen. Ec hat erst einen Wechsel bezahlt von 5000 Mark, ober sein Vater hat ihn vielmehr mit einer neuen Hypothek ^zahlen müssen. Ich bin aber nicht gesonnen, mein Geld zu verlieren, für einen solchen Dummkopf werden Sie mich nicht halten, mein lieber Alting." „Nein, — aber ich bin mir nicht klar, wie Sie durch eine Verhaftung dazu gelangen können und ob eine solche überhaupt zulässig ist. — Es kann in Deutschland doch Niemand mehr Schulden halber eingesteckt werden?" „Ganz richtig, das war früher, und da hatte man das Extra-Vergnügen, seine Schuldner noch obendrein ernähren zu müssen. Nein, diese Zeit wünsche ich nicht einmal mehr zurück. Aber es giebt etwas Anderes, worauf ich feine Verhaftung begründen kann, — Betrug!" .., Justus sah ihn mit scheuer Verwunderung an; diezer Melwig imponirte ihm. „Ja, ft, es ist so," fuhr dieser triumphirend fort, „wenn Sie es auch vielleicht bezweifeln. Lieutenant Römhild hat die Wechsel zu einer Zeit unterschrieben, wo er bereits die bestimmte Ucberzeugung besitzen mußte, daß er sie nicht mehr einlösen konnte. Sein Vater hat sich schon überbürdet, als er den ersten Wechsel einlöste, die anderen drei brachen ihm den Haft. Das Alles wußte der Sohn und er unterschrieb doch - nun, wie nennen Sie diese Handlung, Herr von Alting?" „Freilich, von dieser Seite betrachtet, sind Sie im Recht," erwiderte Hans Justus lachend, „ich wette aber, Freund Melwig, daß Sie dies Alles auch von vornherein mit in Ihre Calculatiou gezogen haben." „Möglich," bemerkte Melwig, ebenfalls lachend, „sagtest Du etwas, Ebba Regina?" „Nein," erwiderte sie kurz, „ich habe von Eurer Unter- Haltung nichts verstanden, hoffe aber, daß Ihr die beiden Ohren auf dem Kutscherbock nicht vergeßt." „Unbesorgt, es ist ja Stören, der das Deutsche noch mmer nicht ordentlich versteht," beruhigte sie der Onkel, sich fast zärtlich zu ihr hinüberneigend. „Nun rirkiren Sie aber doch, daß der Vogel Ihnen entwischt," nahm Hans Justus, den dieses Thema sehr zu in- teressiren schien, die Unterhaltung wieder auf. „Allerdings, da mein Wahlspruch heißt: Selbst ist der Mann! — Ich h ibe auch an meinen Anwalt und an meinen Agenten in F. sogleich auf der Station telegraphirt, daß sie das Nöthige dort veranlassen und ihm jede Brücke abbrechen, bis ich mit dem nächsten Zug hinkomme. Mich soll wundern, ob der alte Hirschhörner dort sein wird." „Er wird die Verhaftung verhindern und die Schuld des Sohnes übernehmen," behauptete Hans Justus. „Ich habe diese adeligen Herren zu genau studiert, um nicht überzeugt W Mber ihren letzten Besitz opfern, als ihren Namen schänden lassen." „Versteht sich, Narren sind sie sammt und sonders," sagte Melwig, verächtlich die Lippen aufwerfend. „Hirschholm ist ein hübscher Besitz, meinen Sie nicht auch, Herr von Alting?" „Ja, ich glaube, noch größer als Lindenhagen, auch gut bewirthschaftet, wie ich denke." w a "Hm, der Alte ist ein tüchtiger Landwirth, — das hat feine Richtigkeit, — Ehre, dem Ehre gebührt! Aber die Herren Söhne, da liegt der Hand begraben, und seitdem der älteste, der Harald, auch dem Spielteufel verfallen ist —" r , '>Er war früher wohl sehr solide?" fragte Hans Justus spöttisch. „Versteht sich, roeil’s auf dem Lande keine Zerstreuungen für die Herren Junker, die daheim bei der Krippe bleiben müssen, bisher gegeben hat. Einen langweiligen Scat für einige ersparte Markstücke — da haben die Herren in Berlin besser gelebt, daß dem Alten die Augen übergegangen sind. Freuen Sie sich, daß Ihr Onkel nicht geheirathet hat." „Ja, das schon, wenn die Adoptiv-Tochter nur keine gesetzlichen Rechte besitzt - " "Ich habe mit meinem Anwalt jüngst darüber gesprochen als ich in F. war," erwiderte Melwig, „er hat mich darüber beruhigt, natürlich erhält sie einen entsprechenden Vermögens- Antheil, doch fällt das Gut dem nächsten männlichen Erbberechtigten zu, falls kein Testament vorhanden ist. Davon sind Sie doch überzeugt, ich meine wegen des Testaments?" „Es ist keines vorhanden," versetzte Hans Justus mit fester stimme. t H nichts zu fürchten. - Wie stehl'« mit dem Alten? Läbbert er sich noch immer hin?" „Ich kann nichts Bestimmtes darüber erfahren, man hat mir den Zutritt zu meinem Onkel verboten." 9 „Dann würde ich einfach Gewalt gebrauchen —" "Unsinn, mein lieber Melwig," sagte Hans Justus finster, „mich dem Arzte widersetzen, hieße mich selber ohrfeigen. Wo em solcher Med cm-Mann commandtrt, hat man einfach zu 476 — gehorchen. Natürlich lasse ich täglich anfragen, es heißt immer, daß noch Gefahr vorhanden ist, aber die Wahrheit bekomme ich nicht zu wissen. Wenn ich meinen Barbier, der im Forsthaufe als Heilgehilfe fungirt, nur mal packen könnte." „Ueberlaflen Sie das doch Ihrem famosen Catton, der Bursche scheint, mir in solchen Dingen bewandert zu sein. Wissen Sie, Alting, daß ich mich mitunter vor ihm sürchte?" (Fortsetzung folgt.) Mark Twain. Wer ist Mark Twain? Mark Twain ist der Schrift« stellername des größten amerikanischen Humoristen Samuel Langhorns Clemens; er, der diesen wirklichen Namen vergessen ließ, rührt daher, daß die Lotsen auf dem Mississippi beim Auswersen des Senkbleis ausrufen: mark one — mark twain (oder two) u- s. w. Mark Twain, geboren den 30. November 1835, verlebte in Hannibal, Staat Mississippi, seine Jugendjahre; er war ein gutherziger, wilder und muth- williger Knabe, der ost die Schule schwänzte und allerhand lose Streiche beging. Sowohl in «Tom Savyer" wie „Huckle- berry Finn" hat er seine Jugendzeit drastisch geschildert. Als er zwölf Jahre alt war, starb der Vater, der Friedensrichter war, und er wie seine Geschwister mußten sich ihr Brod verdienen. Er wurde Buchdruckerlehrling beim „Weekly Courier" in Hannibal. Dies Blatt hatte 100 Abonnenten in der Stabt und 350 auf dem Lande; die städtischen bezahlten mit Colonialwaaren, die ländlichen mit Kohlköpfen und Holz — „wenn sie überhaupt zahlten", fügt Mark Twain hinzu. Es war ein kümmerliches Leben. Als der Lehrling, der wenig an den Setzkasten gekommen war, 15 Jahre zählte, hatte er „ausgelernt" und ging auf die Wanderschaft, wobei er nach New-York kam, von da nach Philadelphia, dann nach Cincinnati, nach Louisville und St. Louis. Nirgends hielt er lange aus. Er wurde Lotse auf dem Mississippi, was er im „Leben auf dem Mississippi" schilderte. Der Ausbruch des Bürgerkrieges machte dieser Laufbahn ein Ende. Nun wurde er Goldsucher in Calisornien, von wo aus er Skizzen für verschiedene Blätter schrieb und später eine Redacteurstelle erhielt, was ihm so wenig behagte, daß er wieder Lotse werden wollte. Der ihm befreundete General Mc. Comb redete ihm dies au», weil er Mark Twains großes Talent erkannt hatte. Er blieb also der Feder treu und entschloß sich zur Heraus- gäbe des „Californier"; da aber das Blatt trotz der prächtigen Skizzen nicht ging, ging er selbst und zwar wieder nach den Bergen als Goldgräber. Dies Geschäft glückte nicht und Mark Twain wurde Berichterstatter auf den Sandwich-Jnseln. Aber-schon nach zwei Monaten war er wieder in San Francisco. Hier lebte er bis 1867 ein wahres Hungerdasein. Dann begab er sich auf Reisen, um Vorlesungen zu halten, wobei er vielen Anklang fand. In demselben Jahre erschien der erste Band seiner Skizzen, der in Amerika wie in Eng- land begierig gelesen wurde. Er kam wieder nach New-York, dann nach Washington. Mit Hilfe seines Freundes Mc. Comb konnte er sich hiernächst einer Reisegesellschaft auf ihrer Fahrt nach Europa anschließen, von wo er Berichte an eine califor- nische Zeitung schrieb. Nach der Rückkehr war er wieder in Washington, 1868 wieder in San Francisco, 1869 wieder in New-York, wo er vergeblich einen Verleger für sein neues Werk „Harmlose auf Reisen" suchte. Endlich druckte es die Verlagsgesellschaft in Hartfort, es wurden 200,000 Exemplare davon verkauft und 75,000 Dollars Reingewinn gemacht, wovon der Verfasser die Hälfte erhielt. Damit war sein Ruhm gegründet, er wurde ein gesuchter Autor. Mark Twains größere Schristen, welche den „Harmlosen aus Reisen" folgten, zerfallen in zwei Gruppen; die erste Gruppe schildert da» Leben im fernen Westen zur Zeit des Edelmetallfiebers und das Leben auf dem Mifstsstppi (ersch. Redaktion: A. Schehda. — Druck und Verlag der Brühl'schen 1883), die zweite umfaßt die Jugendstreiche des.Tom Sawyer (1876) und des Huckleberry Finn (1886). In der ersten spendet er mit vollen Händen aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen und der Humor tritt ein wenig zurück; in der zweiten zeigt sich das umgekehrte Verhältniß. Die Welt von heute fühlt vor Allem das Bedürfniß, sich zu erheitern und es wird deshalb Niemand wundernehmen, daß „Tom Sawyer" und „Huck Finn" ein weit glänzenderes finanzielles Ergedniß hatten, als die ernsteren Bücher. Aber gerade darum sei der hohe Werth dieser belehrenden, der Wirklichkeit abgelauschten Darstellungen besonders nachdrücklich hervorgehoben. Es find interessante Blätter der Culturgeschichte und auch in Natur- schtlderungen leistet Twain Vortreffliches. Am meisten aber schlägt sein eigenartiger, echt amerikanischer Witz ein. Dieser Witz ist ebenso vielseitig wie Mark Twains schriftstellerische Veranlagung im Allgemeinen. Es wäre müßig, Untersuchungen darüber anzustellen, ob Twain hier und da die Farben zu dick austrägt oder nicht. Mag das sogar häufig der Fall sein — dem Werthe seiner Schristen geschieht dadurch kein Eintrag. Wer Umschau hält über seine Werke, wird bald finden, daß der amerikanische Humorist ebenso sehr ergötzt und erheitert, als belehrt und erzieht. Kein Mann wird Mark Twain lesen, ohne einen nachhaltigen, moralisch kräftigenden Einfluß aus seinen Schriften zu gewinnen.*) Durch die im Verlag von Robert Lutz in Stuttgart erschienene Ausgabe der ausgewählten humoristischen Schriften Mark Twains, welche das Werthvollste und für deutsche Leser Geeignetste in vortrefflicher Uebersetzung «iedergiebt, ist er uns nunmehr ermöglicht, Twain in seiner ganzen Fülle kennen und lieben zu lernen. Die schöne sechsbändige Ausgabe enthält folgende Meisterwerke Mark Twains: 1. „Abenteuer und Streiche von Tom Sawyer", 2. „Abenteuer und Fahrten von Huckleberry Finn", 3. „Skizzenbuch", 4. „Leben auf dem Mississippi'" und „Nach dem fernen Westen", 5. „Im Gold- und Stlberlande", 6. „Reisebilder und verschiedene Skizzen", nebst einer Lebensbeschreibung des berühmten Humoristen. Diese sechs Bände enthalten einen Lesestoff, welcher berechtigt ist, viele nichtsnutzige neue Bücher zu verdrängen und in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Sie haben neben ihren großen geistigen Vorzügen auch noch den der Billigkeit. (Zu beziehen in sechs Bänden zu 10 Mk., eleg. geb. 13,50 Mk., einzeln jeder Band 1,80 Mk., eleg. geb. 2,50 Mk.) Möge diese Ausgabe dem größten Humoristen der neuen Welt auch in Deutschland ein weiteres Publikum erobern I *) Daß Mark Twain nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Mensch groß dasteht, beweist sein jetziges Verhalten. Bekanntlich hat er durch den Bankerott der Verlagsfirma von Webster in New-Aork, der er sein Vermögen anvertraut hatte, Alles verloren. Mark Twain aber hat sich, als Sechziger, entschlossen, Alles daran zu setzen, um seine Gläubiger bei Heller und Pfennig zu befriedigen. Da die Einnahme aus der schriftstellerischen Thätigkeit zu langsam sür seinen Zweck voranginge, trotz der großen Honorare, die er zu beziehen gewohnt ist, so hat er sich zu einer mehrjährigen Vorlesungstour um die Welt entschlossen und ist nun inmitten derselben begriffen. „Die geistigen Fähigkeiten eines Menschen" — erklärte er öffentlich — „dürfen von den Gläubigern nach Recht und Gesetz nicht mit Beschlag belegt werden. Aber ich bin kein Handelsmann und die Ehre ist ein strengerer Zuchtmeister als das Gesetz. Nach dem bisherigen Erfolg zu urtheilen, den ich auf meiner Vorlesungstour gehabt habe, hege ich die Zuversicht, daß ich, wenn mir Gott das Leben läßt, innerhalb vier Jahren den Rest abgezahlt haben werde. Dann kann ich, völlig schuldenfrei, mein Leben neu beginnen." Das Aufbewahrer» der Kartoffeln im Keller geschieht am besten, indem man sie auf einen hohlliegenden Lattenboden lagert, bei eintretender strenger Kälte mit Stroh zudeckt und dieses durch anderes ersetzt, sobald es naß wird. Kleinere Mengen Kartoffeln bewahrt man zweckmäßig in etwa 15 bis 20 Centimeter vom Boden entfernten Kisten mit Lattenboden auf. t-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.