ä. AeuStag -ev 8 September —— _ — n ■ MM Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung.) „Schweigen wir davon," sprach der Baron kurz, „Sie beurteilen meine Ellen falsch, sie ist mit dem gewöhnlichen Maß nicht zu messen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß die häßlichen Sportwetten aufhören sollen, insoweit sie meinen Neffen angehen, begreife aber nicht, woher er die viele Zeit nimmt, seinen Ltehabereien so ausgedehnt zu fröhnen, da er den ihm auferlegten Pflichten in der Erlernung der Land» wirthschaft zu meiner Befriedigung nachkommt. Ich fordere ja allerdings noch nicht viel von ihm, well er drüben ein ziemlich ungebundenes Leben geführt zu haben scheint. Nach Tisch — wir speisen regelmäßig um drei Uhr — ist er mit wenigen Ausnahmen sein eigener Herr." «Na ja, da haben wir's," grollte Römhild, „das ist entschieden zu viel Freiheit, — geben Sie ihm mehr zu thun, alter Freund, halten Sie ihn fest bei der Arbeit, — sonst möchte ich wünschen, der famose Hans Justus wäre drüben geblieben. Ja, ja, es ist so, und Sie denken dasselbe, denn wär« nur der Sport allein, zu dem er unsere Söhne ver» leitet, ich wollte es nicht so sehr tadeln, weil immerhin ein reeller Kern darin steckt. Nicht alle aber haben eine ameri» kantsche Bärennatur wie Ihr Neffe, welcher die Nacht zum Tage machen kann, ohne daß man's ihm anmerkt." Baron Alting blickte den Freund verständnißlos an. „Erklären Sie sich deutlicher, Herr von Römhild!" sprach er mit heiserer Stimme, „es scheint, als ob des Pudels Kern sich jetzt erst enthüllen sollte." „Nun, zum Henker, was nutzt es denn auch, um den heißen Brei herumzugehen," erwiderte der Hirschholmer mit einem entschlossenen Anlauf, „es liegt am Ende auch in Ihrem Interesse klar zu sehen. Ihr Neffe hat bei dem Lindenhagener eine geheime Spielbank etablirt, wo es toll hergehen, und die schöne Nichte des famosen Demetrius, wie der Gutsherr bekanntlich von unserer Jugend genannt wird, die Wtrthin machen soll, — der kleine Kuno Mowitz hat'« seinem Vater gebeichtet, ich fürchte, der flotte Junker wird's bis an die Grenze des Verbrechens getrieben haben, weil der alte Mowitz zu sehr geknickt schien. Wenn ich bedenke, was mein Harald für Geldforderungen an mich gestellt hat und was für sogenannte Ehrenschulden er außerdem noch haben wird, dann stehen mir meine Haare zu Berge.' Der alte Edelmann nahm die Jagdkappe, welche er ge» wöhnlich trug, ab und fuhr sich seufzend durch da« spärliche graumelirte Haar. Baron Justus war bei der überraschenden Enthüllung todtenbleich geworden, ein Zittern durchflog seinen Körper und wankend griff er nach einem Halt. Römhild legte er» schreckt den Arm um ihn. „Der Kuckuck auch, nun hab' ich wa« Schönes ange» richtet, klagte er, „alter Freund, thun Sie mir das nicht zu Leide, er ist ja nicht Ihr Sohn —" „Führen Sie mich doch nach der Bank, es wird schon wieder beffer," stieß Alting hervor, und ließ sich dann, al« er von dem Freunde geleitet, sie erreicht hatte, mit einem tiefen Seufzer darauf nieder. „Soll ich Ihre Ellen holen, lieber Alting?" fragte Römhild erregt. „Nein? sie braucht nichts davon zu wissen, — das bleibt ein Geheimniß unter uns Männern, nicht wahr? — Sie versprechen mir das." „®i, natürlich, hier meine Hand drauf, dis Geschichte darf doch nicht ruchbar werden. Verzeihen Sie mir, alter Freund, ich hielt es für meine absolute Pflicht und außerdem," setzte er zögernd hinzu, «bin ich sozusagen der Bevoll» mächtigte, welcher im Namen unserer Freunde —" „Ja, ja, es ist gut, ich danke Ihnen für die bittere Medicin, mein lieber Mmhildl" unterbrach Baron Justus ihn mit einem matten Lächeln. „Sie haben nichts weiter als Ihre Schuldigkeit gethan, an mit liegt es jetzt, diese Ehrenscharte wieder auszuwetzen." „Ich wiederhole, Freund, es ist ja nicht Ihr Sohn," suchte Römhild ihn zu trösten. „Er trägt meinen Namen, vergessen Sie das nicht," erwiderte Alting, sich straff aufrichtend, „und ist al« mein nächster Blutsverwandter bestimmt, diesen Namen fortzupflanzen. ! Aber lieber mag mein unbeflecktes Ahnenschild zerbrochen mit mir " in die Gruft gesenkt werden, als daß ich es bei meinen Lebe 418 Hans Justus wandte stch mit einem Fluch um und ließ dann etwas betreten die erhobene Reitpeitsche sinken, da er stch im Glauben befunden, daß sein Onkel abwesend war. E« war einen Augenblick todtenstill auf dem Hofe, nur das Scharren des Reitpferdes, das ein Stallknecht am Zügel hielt, unterbrach diefe Stille, ängstliche Gesichter lauschten aus den verschiedenen Räumen hervor, während der Hund des Försters, der sich an seinen Herrn schmiegte, den Gegner desselben fest im Auge behM. ihm habe ich von Jugend an treu gedient, meinem gnädigen Herrn bin ich Gehorsam schuldig und kenne meine Pflicht. Den Schuft aber bitte ich zurückzunehmen." Er winkte dem Förster und schritt voran, während Hans Justus zu dem Pferde trat, eine Weile zögerte, dem Knechte dann einen kurzen Befehl gab und langsam dem Hause zuschritt. Baron Justus zögerte noch, hervorzutreten, als aber seines Neffen ganze Haltung etwas Tigerartige« annahm und er seinen alten treuen Diener nicht blos gefährdet sah sondern auch eine blutige Katastrophe befürchten mußte, da fuhr sein „Halt" wie ein Wetterstrahl dazwischen. Recht« in dem großen behaglichen Wohnzimmer hörte man die laute Stimme de« alten Herrn von Römhild, der sich mit Ellen unterhielt. Der Amerikaner horchte auf, lachte hämisch in stch hinein und trat, ohne anzuklopfen, in das gartenwärtr gelegene Zimmer seines Oheims, welcher bereits mit einiger Ungeduld auf ihn zu warten schien. „Ich habe meinen Förster noch nicht um die Sache befragt, weil ich Dir das erste Wort lassen wollte," begann der Baron, „was hast Du gegen Erichsen zu klagen?" „Er verweigerte mir den Gehorsam —" „Inwiefern?" „Run, ich hatte drüben selbstverständlich einen Diener, einen treuen ehrlichen Kerl, den ich zu meinem Bedauern nicht mitnehmen konnte. Der Bursche ist aber anhänglich wie ein Hund, hat sich etwas Geld angeschafft, die Ueber- fahrt durch Arbeit verdient und hat somit richtig meine Spur gefunden. Ich denke, das ist rührend genug." „Was aber hat mein Förster damit zu thun?" stagte der Baron stirnrunzelnd, al» Hans Justus nun kurz auf- lachend schwieg. „Goddam, mein alter Catton kam gestern Abend an, ich traf ihn zufällig auf der Landstraße und brachte ihn einstweilen nach dem Forsthause. Er ist ein vortrefflicher Schütze, — ich befahl dem Alten dort," — Han» Justu» deutete auf den Förster, — „ihn bei der Jagd zu beschäftigen und gut zu halten, ihm im Nebligen aber volle Freiheit zu lassen." „Haben Sie dem jungen Herrn da» zugesagt, Erichsen?" fragte der Baron, den Förster scharf anblickend. „Rein, Herr Rittmeister," versetzte der Alte, „da» ging wider meine Pflicht. Ich sagte dem gnädigen Herrn, daß ich dem Manne ein Nachtquartier geben wollte, morgen aber meinem Gebieter darüber rapportiren müsse, dessen Befehl alleinige Geltung für mich hätte, nm» der junge gnädige Herr nicht zugeben wollte und e» mit harten Worten verbot —" ,/Onkel, können Sie e» ruhig anhören, daß Ihre» leib- „O, die Sache hat nicht viel auf sich, Onkel," erwiderte der Amerikaner, „wir beide, Sie und ich, können sie wohl allein ordnen. Schicken Sie den Förster, der wenig Respect zu haben scheint, einstweilen in den Wald zurück." „Ich bin'» gewohnt, beide Parteien zu hören, mein lieber Neffe," sprach der Baron in seiner vornehm ruhigen Weise. „Wir können aber auch in mein Zimmer gehen." zelten beschimpfen lasse. Sagen Sie allen Betheiligten, daß i Kolben seiner Flinte, welche am Riemen über die Schulter ich diese sogenannttn Ehrenschulden auf mein Conto nehmen I hing, festpackend, „Sie sind der Neffe des Herrn Rittmeisters und dem ungesetzlichen Treiben einen Riegel vorschieben werde. ' v - ^"meiner», Sagen Sie unseren Freunden und Standesgenoffen, daß ich in einem Punkte zu entschuldigen, oder vielmehr schuldlos bin, da mein verstorbener Bruder mir den Sohn zuschickte, ohne vorher meine Meinung darüber befragt zu haben, und die Ankunft sich mit der Ameldung des Neffen beinahe deckte. Daß ich diesem ferner eine vierwöchentliche Probefrist gegeben habe, um festzustellen, ob seines Bleibens hier ein dauerndes werden kann, weil ich ihm von vornherein mehr Mißtrauen entgegengebracht habe, als es leider in unseren Kreisen der Fall gewesen ist. Hätten die Herren ihre Augen und Ohren offen gehalten, so wären sie über seine Stellung mir gegenüber nicht im Unklaren gewesen. Nur das eine gewährt mir bei der häßlichen Geschichte eine Art Befriedigung, daß sich nämlich kein Edelmann soweit erniedrigt hat, die Spielhölle in seinem Hause zu dulden, sondern daß es Melwig ist, der dunkle Ehrenmann, der den armen Below durch sein wucherisches Treiben in den Tod trieb und schließlich das Gut seines Opfers an stch zu bringen wußte." „Ja, ja, es ist ein Unglück, daß dieser Melwig sich hier eingenistet hat," bemerkte Römhild tief seufzend. «Und daß er wirklich geglaubt hat, sich in unsere Kreise eindrängen zu können," fuhr Baron Justu» fort, „weil er den mächtigsten Hebel dieser Erde, da» Geld besitzt. Nun, wir zeigten ihm, daß e» noch etwas Mächtigeres giebt, unser Stanvesbewußtsein, und damit stellten wir ihn kalt. — Und warum sollten wir dieses Reptil schonen?" setzte er heftig hinzu, „wir haben es jetzt in der Hand, es zu vertreiben, ihm Bedingungen vorzuschreiben. Wir müssen die Gesellschaft aufsuchen und sie überrumpeln, der junge Mowitz muß uns alles Nöthige mittheilen.« „Was geht hier vor?" fuhr dieser rasch fort, „jedenfalls wollten Sie mich sprechen, lieber Erichsen," setzte er, zu dem Förster gewandt hinzu, „wir können ja zusammen in Dein Thurmzimmer gehen, Han» Justus, oder — ich sehe, Du willst ausreiten —" „Um's Himmelswillen, Atting," sagt Römhild erschreckt, „das hieße er ja an die große Glocke hängen. Bedenken Sie doch, daß unsere Söhne dabei sind, und daß Sie ebenfalls, vielleicht am meisten dabei compromittirt würden. Der Melwig ist schlau genug, sich nicht in'» Bockshorn jagen zu lassen, weil wir in dieser Sache das Gesetz ebenso sehr zu fürchten haben wie er." „Wahr genug," murmelte Atting, „nun, ich werde das Richtige schon treffen," setzte er, sich erhebend hinzu, „kommen Eie, lieber Freund, nehmen Sie einen kleinen Imbiß mit mir ein." Er wandte sich dem Hause zu, als er plötzlich auf. horchend stehend blieb. Von den Stallungen und Wirthschafts- gebäuden, welche hinter den Gewächshäusern einen viereckigen Hofplatz einrahmten, drang ein lauter und heftiger Wortwechsel zu ihnen herüber. „Bitte, lieber Römhild, gehen Sie voran in's Haus, ich komme gleich nach, sagte der Baron, sich hastig. ohne eine Antwort abzuwarten, jener Seite zuwendend. Der Hirschholmer brummte etwas in de^Bart und stieg dann langsam die Hintere Schloßtreppe hinauf, um die junge Baronesse, wie Ellen allgemein genannt wurde, zu begrüßen. Baron Justus hatte mittlerweile den Wirthsschaftshof erreicht und betrachtete mit gerunzelten Brauen, ohne von den Anwesenden bemerkt zu werden, die aufgeregte Scene, die sich seinen Blicken darbot. In der Mitte des großen gepflasterten Hofes stand fein Förster, eine hünenhafte Gestült mit grauem Vollbart und verwettertem Gestcht. Die scharfen I Augen desselben bohrten stch förmlich in das Gesicht des vor ihm stehenden Herrn, der ihn mit eben nicht sehr ge- wählten Worten in der heftigsten Weise herunterkanzelte. Ss war Hans Justus, der dem alten langjährigen Förster feine« Oheims auf amerikanische Art den Standpunkt klar machte. „Ihr scheint es zu vergessen, wer ich bin," schrie der junge Mann in diesem Augenblick, die Reitgerte drohend erhebend, nehmt Euch in Acht, alter unverschämter Schuft I" »Mit Verlaub, gnädiger Herr," sagte der Förster, den - 419 - lichen Bruders einziger Sohn von diesem verdammten alten Lügner »Halt," unterbrach Baron Justus den Neffen so ge« bieterisch, daß dieser verstummte und den alten Herrn mit scheuem Trotz anblickte. „Mein Förster hat Deinem Großvater gedient und ist stets wahr und treu befunden worden. Gehen Sie nur, lieber Erichsen," wandte er sich dann freundlich an diesen, „ich komme heute noch selber hinaus zu Ihnen, um meine Bestimmung zu treffen. Gott befohlen, Alter I" Der Förster grüßte militärisch und verließ in stramer Haltung das Zimmer. „Du scheinst noch immer zu vergeffen, daß Deine amerikanischen Ansichten und Gewohnheiten hier nicht paffend find," fuhr Baron Justus dann, als des Försters Schritte verhallt waren, mit gedämpfter Stimme fort- „Mein Förster hat correct gehandelt, weil er nur mir allein Gehorsam schuldig ist, denn Niemand kann, wie Du auch wohl in der Schule gelernt hast, zweien Herren dienen. Ich muß es Dir folglich ein für allemal verbieten, hinter meinem Rücken Befehle zu ertheilen» was jede Ordnung auf den Kopf stellen und eine heillose Verwirrung hervorbringen würde. Vor Allem aber hüte Dich, Hans Justus, meine treuen Diener zu beschimpfen und wenn wir Freunde bleiben sollen, dann thust Du wohl daran, dem redlichen Förster eine kleine Genugthuung zu geben." „Ich soll mich wohl mit ihm schlagen oder ihn um Verzeihung bitten?" fragte der junge Mann höhnisch lachend. „Ich erwarte nur von Dir, was eines Edelmannes ist," versetzte Baron Justus sehr scharf, „solltest Du dies, wie ich befürchte, nicht wiffen, dann mußt Du es hier lernen." Der Amerikaner wollte etwas erwidern, besann stch aber und verbeugte sich schweigend. „Erlauben Sie, daß ich vor Tisch noch einen Spazierritt mache, Onkel?" fragte er nach einer kurzen Pause, sich der Thür zuwendend. „Selbstverständlich, Du kennst unsere Tischzeit und wirst Dich darnach richten." Der alte Herr wäre sicherlich entsetzt gewesen, hätte er in diesem Augenblick, als Hans Justus die Thür hinter sich schloß, das von Wuth und Haß entstellte Gesicht seines Neffen gesehen. Zähneknirschend und sporenklirrend schritt dieser durch den schönen hallenartigen Flur, ließ die elegante Reitpeitsche durch die Luft sausen und winkte mit einer herrischen Geberde den Knecht, der das Pferd vor dem Schlosse umherführte, vor die Freitreppe. Dann sprang er in den Sattel und jagte im Galopp davon. Der alte Herr von Römhild stand am Fenster. Er schaute dem Reiter mit finster gefalteter Stirn nach. „Wie gefällt Ihnen denn eigentlich der amerikanische Vetter, Baronesse Ellen?" fragte er plötzlich ganz unvermittelt. „Soll das eine Gewiffensftage sein, Herr Baron?" gab ste lächelnd zurück. „Wie man's nehmen will, — ich denke, daß ein Mann, der alle Frauen, hoch und niedrig, jung und alt, erobert, auch in Altinghof einige Verheerungen angerichtet haben wird." Ellen lachte belustigt auf. „Mich verlangt wahrlich nicht darnach, auf der Leporello- Liste zu figuriren," erwiderte sie dann ernst. „Der Vetter wird sich mit meiner Eroberung sicherlich nicht brüsten können, weil ich ihm keinen Grund dazu gegeben habe." Der alte Edelmann sah sie nachdenklich an. Er hatte immer im* Stillen gehofft, daß aus seinem Harald und der künftigen Erbin von Altinghof, denn als solche galt die Adoptivtochter des Baron» in der ganzen Gegend, über kurz oder lang ein Paar würde, und sah diesen schönen Plan durch die unerwartete Dazwischenkunft des amerikanischen Neffen nun zu Wasser werden. Denn wenn Elle« diesen auch nicht heirathete, so zweifelte doch kein Mensch daran, daß er, als der letzte Alting, auch der einzige berechtigte Erbe des alten Barons sein werde. Herr von Römhild seufzte bei diesem Gedanken, weil die arme Ellen nun keine begehrenswerthe Partie mehr war. Bevor er jedoch die etwas heikle Unterhaltung mit der jungen Dame fortsetzen konnte, trat der Baron in» Zimmer und nach wenigen Minuten saßen ste bei einem kräftigen Frühstück, wobei von allem Möglichen, was die alten Herren interessirte, die Rede kam, nur nicht von Hans Justus und was mit ihm zusammenhing. 6. Capitel. Joe Catton. Der junge Amerikaner war unterdessen wie eine Windsbraut durch das Dorf gesaust, daß Kinder und Hunde entsetzt vor ihm geflohen waren. Er stachelte da» schöne Pferd, das der Onkel ihm geschenkt hatte, mit Peitsche und Sporen zu einem immer volleren Galopp an, wie in der Rennbahn, und mancher Bauer, der vom Felde au» den wilden Reiter, der weit und breit schon bekannt genug war, beobachtete, mochte im Stillen das edle Roß, dessen schaumbedeckte Flanken von den Sporen zerrissen waren, bemitleiden, ja, e» unbegreiflich finden, daß das gemißhandelte Thier seinen grausamen Herrn nicht abwarf, um Rache an ihm zu üben. Aber Hans Justus war fein Meister, der sich die Pferde der Wildniß eingefangen und es verstanden hatte, sie ohne Sattel und Zaum gefügig zu machen. Er, der zwischen seinen wilden Kameraden der keckeste und verwegenste Jäger und Reiter gewesen war, der sich frech über Gesetz und Sitte hinweg gesetzt hatte, sollte sich hier von diesem alten, zahmen Land«Edelmann Vorlesungen halten und Gesetze vorschreiben lassen? Hans Justus knirschte mit den Zähnen und stieß dem zitternden Gaul die Sporen in die Weichen, daß er laut wiehernd aufbäumte und dann wie rasend vorwärts stürmte. Fluren und Wälder, Bauern. Gehöfts und ein stattlicher Herrensitz tauchten minutenlang vor dem Reiter auf, der wie der wilde Jäger vorüberraste, bi, ihm plötzlich ein kalter, feuchter Wind entgegenschlug. Da hielt er da« erschöpfte Roß an, um den Blick mit einer Art von sehnsüchtigem Hochgenuß auf die weite, blaue Ostsee, welche sich dumpf rauschend vor ihm ausbreitete, zu richten. Eine Landzunge erstreckte sich in ansehnlicher Länge und Breite in die salzige Fluth hinein und erhob stch link» bis zu einer Anhöhe, wo ein einsames Fischerhaus stand. Mit einem ungeduldigen Seufzer, dem ein unterdrückter Fluch folgte, wandte Hans Justus fein müdes, zitterndes Roß endlich jener Anhöhe zu, schwang sich au» dem Sattel und warf den Zügel einem aus dem Haufe herbeteilenden Knechte mit den Worten zu: „Reibe da» Pferd ab, und gieb ihm Wasser, auch ein Stück Brod und Brannt- wein. — Ist Dein Herr allein?" „Nee, Herr Baron, ein fremder Mann ist beim Fischer. - der polsch snackt." a w ' Hans Justus schritt die Anhöhe hinauf und traf den Fremden, der polnisch reden sollte, bereit» vor der Hausthür Es war eine untersetzte, plebejische Gestalt mit einem großen Kopf, plumpen Zügen, und rohen Manieren. In den kleinen geschlitzten Augen diese» Menschen, der vierzig Jahr alt sein mochte, lauerten Verschlagenheit und Grausamkeit, der breite Mund barg ein Gebiß, da» einem Raubthier Ehre gemacht hätte. Joe Catton war mit einem Wort ein auserlesene« Exemplar von abstoßender Häßlichkeit und Gemeinheit. (Fortsetzung folgt.) Der Südpol?) Bon Friedrich Thieme. sNachdruck verboten.) Der Nordpol ist jetzt da« Tagesgespräch. Erwachsene und Kinder, Gelehrte und Laien führen die Namen Nansen und Andree im Munde und unsere zukünftigen Reichsbürger *) Dieser Aufsatz dürfte unseren Lesern um so willkommener fein, als gerade jetzt aus Christiania die überraschende Nachricht eingetroffen rst, daß Nansen beabsichtigt, eine Expedition zur Kartlegung der Süd- polarregwn mit zwei Schiffen und vielen Hunden für eine Schlittenreis» nach Süden zu unternehmen. Di» Red. 420 — spielen auf den Straßen Polarexpedition oder debattiren über - er die südlichen Orcaden nannte, einen äußerst abschreckenden . . n . r -___ ____c. t - y____ m . /.r« .... OTutriJ (Bam maa’CXa** /S1aL*a ****** ß a ÜaImaXMh ***** die Verdienste Nansens und seines Begleiters. Anblick. „Von welcher Seite man sie auch betrachten mag, überall bemerkt man nur vollkommen kahle, schroffe Felsen, Huinovistisches. Blumensprache. Soldat: „Herr Feldwebel, kann ich Urlaub bekommen? Wir schlachten daheim." — Feldwebel: „Ja. Wenn Du einen Tag länger bleiben willst, so schick nur Nachricht — wickel's aber gut ein!" Bemerkenswerth ist jedoch, daß, wo Alles vom Nordpol schwärmt, kaum Jemand an dessen Nebenbuhler, den Südpol, denkt. Und doch wäre es gerade jetzt an der Zeit, eine Reihe interessanter Fragen aufzuwerfen. Warum setzt man z. B. Alles daran, just den Nordpol zu entdecken und beschäftigt sich nicht in derselben Weise mit dem Südpol? Warum nimmt der Nordpol das Interesse der Forschung in höherem Maße in Anspruch? Wie steht es eigentlich um die Entdeckung des Südpols, wie weit ist man dorthin vorgedrungen und wie sieht es dort aus? Wir glauben uns den Dank des Lesers zu verdienen, wenn wir, von einem Pol zum andern überspringend, uns einmal mit dem Südpol befassen, um an der Hand der Geschichte und Geographie die aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Ein Blick auf den Globus oder die Landkarte belehrt uns, daß das unerforschte Gebiet rings um den Südpol dasjenige um bett Nordpol erheblich übertrifft. Man schätzt den Rauminhalt des noch unbekannten Theiles auf etwa 17 MA. Quadratkllometer, während die terra incognita des Nordens nur etwa 7 Mill. Quadratkllometer umfaßt. Der äußerste im Norden erreichte Punkt ist der, bis zu welchem Nansen auf seiner zur Zeit glücklich beendeten Entdeckungsreise vorgedrungen ist; bekanntlich hat der unerschrockene Forscher den 86. Grad überschritten, so daß nicht mehr ganz 4 Grade an der Erreichung des Nordpols fehlen. Dagegen befindet stch der in den antarktischen Gegenden erreichte äußerste Punkt unter 78° 10' südlicher Breite, so daß die Entfernung vom ©Übpole noch annähernd 12 Grad beträgt. Letzterer Umstand, sowie die fich in den antarktischen Meeren den Versuchen der Forscher entgegenstellenden Schwierigkeiten gaben wohl die Hauptveranlaffung zu der größeren Popularität des Nordpols. Nachdem man einmal so weit vorgedrungen war, steigerte stch naturgemäß der Reiz für die Forscher, jeder möchte der erste feitt, welcher seinen Fuß auf einen der Pole der Erde setzt. Dazu kommt noch, daß die Bewohner der nordischen Länder schon in früher Zeit als kühne Pioniere nach hohen Breiten vorgedrungen find, daß die welterforschenden Culturländer dem Norden näher liegen und dieser schon frühzeitig für den Handel eine erhöhte Bedeutung erlangte. Vernachläsfigt ist indeß der Südpol keineswegs worden, wie uns die dahin unternommenen kühnen Expeditione« bestätigen, und gerade für die nächste Zeit wendet die Forschung voraussichtlich dem Südpol wieder größeres Interesse zu. Ehe wir uns den Südpol und die antarktischen Gegenden selbst näher ansehen, dürfte es am Platze sein, einen Neber- blick über den Stand der Südpolforschung zu geben. Nach den Hypothesen Buffons und anderer Gelehrten des 18. Jahrhunderts sollte für die den Nordpol umschließenden Landmassen als Gegengewicht ein großer südlicher Continent vorhanden sein. Um hierüber Gewißheit zu erhalten, rüstete die englische Regierung im Juli 1772 eine Expedition aus, bereit Leitung dem berühmten Weltumsegler James Cook übertragen wurde. Der kühne Forscher drang bis über bett 70. Breitengrad vor, entdeckte und erforschte New Caledonien, Süd-Georgia und das Sandwichs-Land, nirgends fand er aber Spuren des vielbesprochenen antarktischen Continents, so daß das Phantasie» gebilde desselben von den Karten verschwand. Dreißig Jahre später (1818) entdeckte William Smith, der Capitän der Brigg „William", Süd-Shetland, eine unfruchtbare, eisbedeckte Einöde; zwei Jahre darauf fand Botwell die Orcaden auf. — Capitän Bellingshausen, ein russischer Forscher, drang 1819 bis zum 70. Breitengrad vor, ihm folgte 1822 James Wedell, der im Auftrag eines Handelshauses in Edinburgh eine Expedition zur Erbeutung von Seekalbfellen in die Südsee unternahm und bis zu 74° 15' südlicher Breite vordrang, also 60 deutsche Meilen weiter, als seine Vorgänger. Nach Wedells Schilderung bot eine von ihm aufgefundene Inselgruppe, die emporsteigend aus dem empörten Meere, auf welchem gewaltige Eisschollen mit Donnergewalt gegen einander stoßen." Die Schifffahrt in solchen Meeren ist natürlich äußerst gefährlich, jeden Augenblick kann Tod und Verderben drohen. Nachdem der Polarforscher den 70. Grad überschritten hatte, verschwanden allmälig die hindernden Eisberge ganz, man erblickte Massen von Vögeln und Walfischen, auch nahm die Witterung einen immer milderen Character an. Nächst Wedell ist der Walfisch, fahret: John Biscoe zu nennen (1830/32), der Entdecker von Grahamland und der nach ihm benannten Inselkette, ferner der von den Vereinigten Staaten ausgesandte Lieutenant Wilkes (1839/40), d'Urville, der Führer einer gleichzeitigen französischen Expedition, und Capitän Balleny, der ein neues Land, Sabrina, entdeckte. Glücklicher als Alle war James Roß, der Commandeur einer 1839 von England abgesandten Expedition und Neffe des berühmten Polarforschers John Roß. Mit seinen vorzüglich ausgerüsteten Schiffens Erebus" und „Terror" gelang es ihm, den 78. Breitengrad zu überschreiten und damit allen Südpolforschem vor und nach ihm den Vorrang abzugewinnen. Tief im Süden bekam er außer mehreren Inseln eine ausgedehnte Küste, die von Victorialand, zu Gesicht, deren Berge bis zu 12,000 Fuß Höhe aufstiegen. Am 28. Januar entdeckte er den 3770 Meter hohen brennenden Vulcan „Erebus", bald darauf den erloschenen „Terror" (3318 Meter hoch). Es folgen noch die Expeditionen des .Challenger" unter Sir George Rares und der deutschen Corvette „Gazelle" unter Capitän von Schleinitz (späteren deutschen Vice-Admiral), erstere 1874, letztere 1874/75, welche beide bemerkenswerthe Resultate lieferten. Zuletzt werden uns noch aus den Jahren 1893/94 Hamburger Schiffe als Entdecker eines größeren Landes südlich von den Süd-Shet« landinseln und verschiedener Inseln mit thätigen Vulcanen genannt. Es ist mir hier nicht möglich, näher sowohl auf die wissenschaftlichen und geographischen Ergebnisse der einzelnen Fahrten, als auch auf die ungeheuren Schwierigkeiten und Gefahren einzugehen, welchen die tapferen Schiffer Trotz boten; bemerkt sei nur, baß die Frage, ob antarktischer Continent oder nicht, noch immer nicht mit voller Sicherheit gelöst ist. Roß, der am weitesten vorgedrungen ist, glaubt nicht an den fabelhaften Continent, er hält selbst Victorialand für eine Insel und in der That spricht das Vorhandensein so zahlreicher Vulcane in bett antarktischen Gegenden nicht für die Continenthypothese, ba fich feuerspeienbe Berge immer auf Inseln oder doch in der nächsten Nähe de» Meeres befinden. (Schluß folgt.) Mdactton: N. Scheyd-a. — Druck und «erlag der Brühl'schrn NÄverflMS-'Buch. und Steindruckerei (Piets« & Kcheyda) in Süßen. Höchste Schüchternheit. Tochter: „Mama, der Assessor hat stch noch nicht erklärt." - Mutter: „Aber das ist doch wirklich ein unverschämt verschämter Mensch!" * * * Beim Studio. Schneider zum Student: „Heute geh ich nicht fort! Sie müssen mir die Rechnung bezahlen!' — „Lieber Meister, ich kann Ihnen nicht helfen — ich habe MJ Geld 1" - „Wenn Sie kein Geld haben, dann sollten Sie auch nicht studieren!" - „Ja, wer sagt Ihnen denn, daß ich — studier' ?" Nankee» habe, w beim HI mit den indem e Bank ni Er Kautaba „G zischte H und Erk Bleibt e ober — ein Wor Er Joe ein ihm auf »B „und er «3 • Euch da nach der »KI t »V. besser roi kein Eng Catton I »Jo «eil Ihr m „M Btwon £ drüoen s,