18M smiliskVl'ätke zsköksk Unterhaltungsdlatt MM Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) , GawßLag den 7. März Nr fl. Schwester Ilse. Roman von Clarissa Lohde. (Fortsetzung.) Sich aus Axels Armen lösend, eilte Adeline zu ihrer am Theetisch beschäftigten Mutter. „Hörst Du, Mutter, hörst Du? Die Tragödie fängt an, sich zum Lustspiel umzugestalten," rief sie der erstaunt sie Anblickenden entgegen. „So erzähle doch, Axel, erzähle. Eine Burleske tollster Art. Der Herr von Gattersberg denkt nicht an's Sterben, sondern führt eine junge Frau in sein Haus l Ist es nicht zum Todtlachen, Mama, wirklich zum Todt» lachen?" Sie hielt sich das Taschentuch vor den Mund und sank, noch immer lachend, auf einen Stuhl. Mrs. Graham blickte, halb erschreckt, halb ungläubig, von ihrer Tochter zu deren Verlobten hin- „Was redest Du da? Bitte, erklären Sie, lieber Baron." Statt aller Antwort nahm Axel das ihm von dem College« Schirmer gegebene Zeitungsblatt aus der Tasche und reichte es Mrs. Graham hin. Diese las langsam und auf« merksam, ihr Gesicht wurde noch um ein Weniges starrer, noch fester hefteten sich ihre Lippen aufeinander. Ungeduldig riß ihr Adeline das gelesene Blatt au» den Händen. Sie hatte aufgehört, zu lachen und las jetzt ganz ernsthaft mit leicht gerunzelter Stirne. „Ah, aber," meinte Mrs. Graham dann, „das ist ja das Seltsamste, was ich je erlebt habe. Von der Person, die den kranken Mann heirathet, ist das natürlich nur Spscula» tion." „Warum krank? Vielleicht ist Wolf schon wieder ganz gesund oder doch nahe daran, es zu werden." „Sie glauben?" „Ja, ich hörte schon vor einigen Tagen, daß der behandelnde Arzt in Hertheim die feste Hoffnung, daß er völlig genesen werde, ausgesprochen haben soll —" „So, so? Das ist ja recht erfreulich auch für Sie. Es war Ihnen ja so bedrückend, der Erbe Ihres Gegners im Duell zu «erden. Nun ist diese Eventualität ja beseitigt." „Freilich und ich habe mich daher auch entschlossen, mich sogleich um das freigewordene Consulat in Porto Allegre zu bewerben." „Porto Allegre — in Brasilien?" fragte Mrs. Graham. „Ja, in Brasilien," bestätigte Axel. „Es soll eine schöne Stadt am Jacuhy sein, der Mittelpunkt der deutschen Colonien und mit ausgezeichnetem Klima." „Reizend," rief Adeline auflachend. „Und die Seereise, wie lange dauert sie?" „Drei bis vier Wochen; eine Amerikanerin, die wie Du den Ocean durchquert hat, wird sich doch vor solcher Seereise nicht fürchten? Vorläufig indessen steht uns noch eine Trennung bevor, nach der wir erst unsere definitiven Entschlüsse für die Zukunft werden fassen können- Das Ehrengericht hat mich wegen des Duells zu drei Monaten Festung verurtheilt." „Um Gotteswillen," schrie Adeline auf, „Du wirst ein Gefangener sein?" „Erschreckt Dich das so? Oder glaubst Du, das würde so ungeahndet an mir vorübergehen? Nein, bei uns in Preußen darf man nicht ungestraft zur Pistole greifen wie bei Euch im freien Amerika. Und ich denke, selbst Du meintest, daß ich eine Strafe verdient habe." Adeline ging auf den Scherz nicht ein; sie zeigte im Gegentheil eine so müde, abgespannte Miene, daß Axel sehr bald schon wieder ausbrach. „Du stehst sehr angegriffen au», Adeline; es wäre wohl das Beste, Du legtest Dich bald nieder." Sie widersprach nicht und auch Mrs. Graham lud heute nicht wie sonst zum längeren Verweilen ein. So nahm er denn seinen Hut und empfahl sich. Kaum hatte er die Zimmerthür hinter sich geschloffen, als die Blicke von Mutter und Tochter sich bedeutungsvoll trafen. „Nun," brach Adeline zuerst aus, „da hast Du nun Deine gute Partie. Soll ich wirklich nach Porto Allegre gehen, mich dort vergraben in die Einsamkeit als Frau eines simplen deutschen Consuls?" Mrs. Graham schüttelte verweisend den Kopf. „Du übertreibst, Adeline. — Nun ja, ich gestehe, Axel ist nicht mehr die gute Partie, für die ich ihn hielt, und die Frau eine» Consuls in Brasilien zu werden, scheint mir auch 110 nicht gerade verlockend. Indessen, ich fürchte - ich fürchte, aus Dir spricht etwas ganz Anderes, Kind, al» der Abscheu vor Porto Allegre." „Und das wäre?" „Du bist chokirt über die Nachricht von der Vsrhei' rathung Baron Wolfs I" „Ich leugne es nicht." „So hast Du wirklich im Geheimen wohl gar noch mit der Hoffnung Dich getragen, im Falle der Genesung des Barons ihn Dir wiederzugewinnen?" Adeline antwortete nicht, sondern knitterte das Taschentuch, das ste in der Hand hielt, zornig zusammen. „Ruhig, Kind, ruhig," mahnte die Mutter und legte die Rechte besänftigend auf die Schulter der Tochter. „Nur keine Entschlüsse in der Uebereilung saffen. Warte ab, noch reichen unsere Mittel für einige Zeit, bis dahin wird sich Alles finden. Nur reiflich überlegen, ehe man handelt. Diese Weisheit mußt Du noch lernen." IX. Wieder saß Ilse im Pfarrhause zu Hertheim in dem schlichten Studierstübchen des treuen Seelsorgers, jetzt nicht mehr Ilse von Bellin, sondern die Freifrau von Menzelen. Pastor Seiffard hatte in Gattersberg, nachdem die standesamtliche Trauung vollzogen war, den Segen über das junge Paar gesprochen, nicht mit leichtem Herzen; denn des Bräutigams bleiches, verfallenes Aussehen, sein apathisches Verhalten während der ganzen Ceremonie hatten ihn mit Sorge ersüllt. Ilse im einfachen weißen Seidenkleids, als einzigen Schmuck Myrthenkranz und Schleier auf dem wie immer an den Schläfen schlicht zurückgestrichenen blonden Haar, mit dem feierlichen Ernst in den Mienen, dem hingebenden Blick ihrer unschuldigen blauen Augen, war ihm wie das Opferlamm vorgekommen, das freiwillig die Sühne für die Schuld Anderer auf sich nahm. Es war keine fröhliche Hochzeit gewesen, nur Mutter und Bruder Ilses und Doetor Balzer die einzigen Zeugen. Ilse dachte jetzt, al« sie mit gesenkter Stirn vor dem Pastor saß, an diesen Hochzeitstag und mit welch wenig freundlichem Blicke Wolf die im modernsten Geschmacks aus- geführte Toilette ihrer Mutter betrachtet hatte, die wie gewöhnlich auffallend und überladen gewesen war. „Deine Mutter scheint vergessen zu haben, daß sie zu einem Kranken gekommen ist," halte er sich nicht enthalten können, gegen Ilse zu bemerken. „Schloß Gattersberg ist jetzt nicht der Ort, Toiletten bewundern zu lassen." Frau von Bellin, die diese Aeußerung gehört hatte, war „Der Herr Schwiegersohn ist aber durchaus nicht galant," hatte sie sich bei Ilse und dem Pastor beklagt. „Er ist immer eine Artigkeit für den Hausherrn, wenn seine Gäste sich für ihn schmücken und nun gar bei der Hochzeit der eigenen Tochter." „Bedenken Sie die Umstände, gnädige Frau," war des Pastor» beschwichtigende Antwort gewesen. „Von einem Kranken kann man billiger Weise keine Galanterie erwarten und Baron Menzelen ist überdies ein in jeder Beziehung verwöhnter Mann." Auch Bruno hatte trotz seines sonstigen chevaleresken Wesens bei dieser Gelegenheit wenig Tact bewiesen. Bei dem kleinen Frühstück, da» auf den Trauungract gefolgt war, hatte er zu sehr dem Champagner zugesprochen und in dieser Laune sich mehr gehen lassen, al» unter den obwaltenden Verhältnissen angebracht war. Ilse sah ihre Familie mit dem peinlichen Gefühl scheiden, daß sie ihrem Gatten sehr unsympathisch sei, obwohl er sich augenscheinlich bemühte, nach dem ersten Ausfall seiner Gereiztheit durchaus höflich und verbindlich zu bleiben. Heute nun war sie in Hertheim, um Abschied zu nehmen, Abschied für eine lange, nicht abzusehende Zeit. Denn Doctor Balzer, der einzige Arzt, von dsm Wolf nach wie vor sich behandeln lassen wollte, hatte Aufenthalt im Süden während des Herbstes und Winters für den Leidenden als unumgänglich nothwendig erklärt. Anfangs hatte Wolf durchaus nicht darauf eingehen wollen. „Wozu mein Leben verlängern? Ich habe den Muth, zu sterben." „Wenn es sich blos um's Sterben handelte, Herr Baron; hier aber steht die Frage so, ob Ste einen Winter voll unausgesetzter Leiden und Beschwerden durchleben oder sich die Erleichterung de» Einathmens einer wärmeren Luft gewähren wollen. Es hieße geradezu Selbstmord, wenn Sie meinen Rath nicht befolgen und diesen Schein darf ein eben verhei- ratheter Mann doch nicht auf sich laden, ohne seiner und der Reputation seiner Frau erheblichen Schaden zuzusügen." Das hatte gewirkt und Wolf sich, wenn auch mit Widerwillen, zur Nachgiebigkeit entschlossen. Und nun stand die Abreise in den allernächsten Tagen schon bevor. In Gattersberg war Alles gerüstet, denn draußen fingen schon herbstliche Winde an zu wehen; die Gebirgsnebel deckten alle Morgen schon die Gipfel der Berge zu, wogten in dichten Massen durch die Thäler hin, bis endlich die Sonne hoch genug stieg und die Kraft gewann, mit ihrem Lichte sie zu durchdringen. Ilse war mit dem Pastor allein, der ihre Hand in der seinen hielt und sie warm und ermuthigend drückte. „Nur Geduld! Wenn erst die Gesundheit wieder neu belebend in Deines Gatten Herz einzieht, wird auch seine Stimmung eine andere werden." „Das gebe Gott," entgegnete Ilse, mit ihren guten, treuherzigen Augen traurig zu ihm aufblickend. „Ach, ich bitte täglich darum, daß es mir gelingen möge, nicht allein den Körper, nein, äuch die Seels meines Wolf wieder gesund zu pflegen. Denn auch an der Seele ist er krank. Er grollt unaufhörlich mit Gott und dem Schicksal, das gerade ihn sich ausersehen, alle Bitternisse zu ertragen, das ihn so vereinsamt in die Welt gestellt hat." „Er ist ja nicht mehr vereinsamt, seitdem er Dich zur Seite hat," meinte der Pastor tröstend, „und wird das sehr bald schon empfinden, wenn Ihr Euch nur erst besser miteinander eingelebt habt und das Gefühl wachsender Gesundheit in ihm lebendig wird. Ich hoffe das Beste, liebe Ilse, und das mußt Du auch." Ueber ihre sanften Züge flog es wie ein Strahl des Glückes. „Wie lieb und gut Sie immer zu mir sind, lieber Herr Pastor. Nie gehe ich ohne Trost und Erhebung aus Ihrem Hause. Wie viele Kämpfe habe ich hier schon aurgekämpft in diesem selben trauten Stübchen und wie xiel Segen ist mir in ihm schon geworden I Ja, ich will hoffen und nicht müde werden in Geduld und Liebe." Der Pastor lächelte. „Ja, die Liebe, da» ist die größte unter ihnen, wie der Apostel sagt. Und wer, liebe Ilse, sollte mit Dir längere Zeit leben können und Dich nicht lieben lernen, wenn er sein Herz auch noch so sehr verschließt und künstlich hart zu machen sucht? Dein Gatte verehrt und achtet Dich, — sonst hätte er Dich nicht zum Weibe begehrt — und Achtung und Verehrung sind die Grundpfeiler, auf denen die Liebe sich aufbaut. Jetzt aber komm' mit mir," fügte er, sich erhebend, hinzu, „zu Frau und Kindern, die Dich im Wohnzimmer mit dem Frühstück erwarten." • Ilse folgte schweigend seiner Aufforderung. Beim Vorbeigehen fiel ihr Blick unwillkürlich in den Spiegel und sie erschrack ein wenig vor dem ihr selbst fremd erscheinenden Ausdruck ihre» Gesichts. Noch nie war es ihr so zum Bewußtsein gekommen wie in diesem Augenblick, daß sie nicht mehr dieselbe war wie früher. Ihre äußere Erscheinung zwar hatte sich nur wenig verändert. Ebenso schlicht und einfach wie ehedem Ilse von Bellin trug sich auch die Freifrau von Wenzelen: ein graues Kleid, Wolf liebte diese Farbe, weil er sie in ihr zuerst gesehen hatte, wenn auch aus kostbarerem Stoffe, ein runder Stroh- 111 Hut auf dem glatt gescheiteltes Haar, so war sie früher ge- gangen, so ging sie auch heute. Aber innerlich war sie eine Andere geworden. Der Friede, das stille Genügen, mit dem sie sich selbst in die oft wenig erquicklichen Verhältnisse im Hause der Mutter gefunden hatte, war von ihr gewichen. Eine Unruhe erfüllte sie, die beklemmend auf ihr Gemüth wirkte, Wünsche waren in ihr lebendig geworden, ein Hoffen, ein Sehnen, das sie früher nicht gekannt. Sie hatte geglaubt, sich daran genügen lassen zu können, für den geliebten Mann zu sorgen, ihn zu pflegen wie einen theuren Kranken, dessen Genesung schon allein den besten Lohn sür alle Mühen und Opfer ge währt; jetzt aber wußte sie, daß sie das nicht befriedigen konnte, daß ein heißes Verlangen in ihr aufgestiegen war, auch die Liebe des Genesenden zu gewinnen, der mit ihr durch die heiligsten Bande verbunden war. Würde ihr das je gelingen? Wolf war immer aufmerksam, immer freundlich gegen sie; aber noch sprach er von dem Tode als von etwas Ersehntem, noch war er im Gemüth zerfallen mit sich und der Welt und trotz aller Artigkeit des Cavaliers, die er ihr bewies, hatte sie noch nie einen wärmeren Strahl in seinem Auge aufleuchten sehen, noch nie einen Klang in seiner Stimme gehört, der ihr ein zärtlicheres Empfinden verrathen hätte. Ein leiser Seufzer hob bei diesen Gedanken ihre Brust. Gleich aber schalt sie sich selbst wegen solcher Schwäche. Hatte sie ein Recht, zu beklagen und zu vermissen, was er ihr zu geben ja nie versprochen? „Ilse, Ilse!" Wieder begrüßten sie wie damals, als sie nach Wolf- Werbung, Rath und Trost suchend, zu dem trauten Pastorhause gewandelt war, die jubelnden Stimmen der beiden Mädchen, wieder wurde sie umhalst und geküßt und die Pastorin suchte mit milden Worten dem Uebermaß der Zärtlichkeit der Kinder zu wehren. Man bestimmte sie, von Gattersberg zu erzählen. Es sollte ja dort so herrlich sein, habe der Papa gesagt, meinte Elsbeth, ein so alte», interessantes Schloß. Ach, sie liebe alte Schlösser so sehr und brenne darauf, so nach Herzenslust einmal sich in einem solchen tummeln zu dürfen. „Und nicht wahr, Ilse," schloß sie, „wenn Du von der Reise zurückkehrst, darf ich auch einmal Dich besuchen und Du zeigst mir Alles, Alles I" Ilse nickte mit leichtem Erröthen. War sie denn wirklich so Herrin in Gattersberg, daß sie Jemand dorthin einladen konnte? Wolf hatte ihr, so sehr sie es gewünscht, noch nicht da» Anerbieten gemacht, ihre alten Freunde bei sich empfangen zu dürfen, im Gegentheil auf ihre leise Anspielung abwehrend geantwortet, daß er vorläufig fich am wohlsten fern von allem Verkehr fühle und fich gerade deshalb so sehr nach Gatters« berg gesehnt habe, um allein und unbehelligt zu sein. „Und wohin geht die Reise?" fragte die Pastorin. „Ist der Ort schon bestimmt?" Ilse verneinte da». Roch immer wäre ihr Gatte nicht zum Entschluß gekommen; jedenfalls ginge er nicht nach der Riviera oder Egypten, wo es jetzt von Fremden wimmelte, sondern an irgend einen einsamen Ort. Roch schwanke die Wahl zwischen Sicilien und Corfu. „Du Beneidenswerthe!" rief die kleine Meta- „Corfu! Wie interessant! Giebt es denn da auch noch Räuber? Ach, wenn Ihr dort angefallen würdet, das müßte doch himmlisch sein. Das Lösegeld zu zahlen, würde dem Baron ja nicht schwer fallen, so daß es Euch nicht an's Leben gehen kann." Der Pastor verwies dem Töchterchen sein einfältiges Geschwätz. „In Corfu ist es so civilistrt wie hier bei uns," belehrte er. „Da wohnt der Baron mit Ilse in einem eleganten Hotel und athmet die weiche, schöne Lust des meerumkränzten Eilandes. Weiteres verlangt er nicht und gefahrvolle Touren in das Innere der Insel, die übrigens durch die Engländer, die sie eine Zeit lang besaßen, mit den schönsten Straßen ver- ehen sein soll, wird er sicher in seinem Zustande nicht unternehmen." , , Ilse hatte ihren Kutscher in dem dem Pfarrhause gegenüberliegenden Hotel auespannen lassen. Die andern Besuche rei der Familie des Doctor» und ihrer Mutter wollte sie zu Zuß machen. Vom Hause der Mutter sollte der Wagen sie rann abholen. Frau Doctor Balzer, bei der sie zuerst vorsprach, behandelte die junge Frau, die sie nach ihrer Verheirathung zum ersten Male bei sich sah, in sehr gezwungener Weise als die joch über ihr stehende vornehme Dame, knixte vor ihr wie vor einer Fremden und kam über die üblichen Redensarten nicht hinaus. Da Ilse, selbst noch befangen, den richtigen Ton gleichfalls nicht zu finden vermochte, waren beide Theile roh, als sie sich zum Abschied die Hände schütteln konnten. (Fortsetzung folgt.) Der „Henneberg" in Zürich. Eine Plauderei aus der Schweiz von Frau C. E. Es war in Interlaken im Hotel Victoria. Die Kellner hatten längst die letzten Teller aufgesetzt und sich an die Saal- thüren zurückgezogen; die Gesellschaft war größtentheils zum Aufbruch bereu, nur einige Damen und Herren saßen noch beim Dessert und schwarzen Kaffee beisammen, in jener etwas apathischen Nachtisch-Stimmung, in der man weniger gern selbst spricht, als fich erzählen läßt — d. h. wenn das Thema interessant ist. , , „ , Das ewig actuelle Motiv aller Schweizer Hotelgesellschaften mußte herhalten: Bergtouren mit einer Ausrüstung ä la Tartarin, Gletscherspalten, Schneestürme, Lawinenstürze und sonstige Fährlichkeiten, in deren phantastevoller Ausmalung sich der Reisende, der sie erlebt, selten genug thun kann. — „Besteigen eigentlich Damen niemals die Jungfrau?" fragte eine junge Blondine, die aussah, als ob sie einem solchen Wagniß nicht abgeneigt sei. „Rur höchst selten," erwiderte ein älterer jovialer Herr, dessen intelligenter Kopf, ständig geöffnetes Notizbüchlein urd gewohnheitsgemäß gezücktes Reporterblei fton längst den Journalisten verrathen hatten. „Diese schwierige Kletterparthte bleibt den Herren reservirt, — überhaupt gibt es in der Schweiz nur einen Berg, den die Damen lieben, lieben allerdings bis zur Leidenschaft." — „Ah, unser kleiner Grindelwaldzletscher seiner leichten Zugänglichkeit wegen auch im Bädecker als der „Damengletscher" bezeichnet?" — „Fehlgeschoffen, Gnädigste. Es ist der Henneberg!" Alles lachte. „Da schaun's," rief eine junge Dame, „das Kleid, das ich trage, ist ja von ihm!" „Mein Brautkleid war auch von ihm," sagte eine Andere und der Rest der Damen gab Erfahrungen zum Besten, anschauliche Schrl- derungen von Setdengewändern, die so und so garnirt gewesen seien, die so und so ausgesehen und die diese 'und jene Aender- ungen im Laufe der Jahre durchgemacht hätten, denn „die Henneberg'schen Seiden werden nun einmal nie alle." Das Product erweckt da« Interesse für den Erzeuger. „Kennen Sie ihn persönlich?" fragte man. „Allerdings. In meiner Eigenschaft als Journalist habe ich Gelegenheit gehabt, auf Grund einer schwerwiegenden Empfehlung den ganzen Mechanismus dieses Welthauses kennen zu lernen." — „Erzählen, erzählen, es muß das etwas Herrliches sein, das ganze Jahr hindurch nur in Sammet und Seive zu arbeiten." — „Gewiß," stimmte der Journalist zu, „Seide ist etwas Köstliches; köstlich indem sie entsteht, köstlich als fertiges Material. Sie ist etwas, das die Frauen verführerisch, uns Männer aber schwach macht. Nichts Entzückenderes als eine schöne Frau, in majestätische, schimmernde Seidenstoffe gekleidet; dieser Lüstre, die beweglichen Lichter, die über den Stoff spielen, da« Knistern und Rauschen der Falten, das undefinirbars Frou-Frou, das nur gerade der Seide eigen ist, wirkt berauschend. Die schöne Frau erscheint in Seide bezaubernder al« zuvor, die weniger schöne wird dennoch mit einem pikanten Reiz umkleidet. Ich möchte das frivole Wort der Madame de Genli» »Me Männer würden mehr Erfolge haben, wenn sie kühner wären," dahin vartiren: „Die Frauen würden einen unbe» grenzten Erfolg haben, wenn sie sich- nur in Seide kleideten I" Man lachte abermals, aber man verlangte nun doch, dennoch etwas Positives über den „Henneberg" zu hören- Der Journalist setzte sich zurecht und spielte mit dem Bleistift, als wolle er seine eigenen Worte zur Protokoll nehmen. „Also in der Kürze eine kleine Skizze. Auf dem ca. 8000 Quadrat» fuß Flächeninhalt faffenden Lagerräumen des palastähnlichen Doppelhauses in Zürich liegen Tausende von Seidenstücken in allen denkbaren Qualitäten, Farben und Dessins aufge» speichert, ein geradezu unschätzbares Capital. Bequeme Treppen führen in die ersten Etagen. Auf der einen Seite befinden fich dis „Sammet» und Plüsch-Departements"; daran stößt die große „Muster-Abtheilung", wo Dutzende von Mädchen die Muster auf Maschinen schneiden, heften, etiquettiren u. s. w. Dann folgt die „Expedition" der für den Export bestimmten Stoffe und schließlich die Hauptbuchhaltung und die „Kasse". In der oberen Etage, wo die Rohseide eingekauft wird, gibt es dann die Annoncenexpedition, die Privat-Bureaux, Maaren- abnahme und Controlle, wie auch das „Allerheiligste," das Compositionszimmer. Kein profanes Auge darf für gewöhn» lich hier hinetnschauen; um so ehrenvoller erschien mir die Ausnahme, deren man mich würdigte. Herr Hsnneberg zeigte mir die Farbenmusterbücher der großen Lyoner Färbereien, wo er für seine Fabriken viel Seide färben läßt — eine Scala von ea. 6000 verschiedenen Farbentönen I Tausende von Proben aller nur denkbaren Stoffe lagen umher — werden doch hier die „NouveautoS" componirt, die neuesten Farben ausgesucht, die erst ein halbes Jahr später auf allen Weltmärkten erscheinen. Selbst für mich, der ich persönlich uninteresstrt bin, war der Anblick verblüffend — wie würde Ihnen, meine Damen, erst dabei zu Muthe geworden sein? Bor dem Portal erwartete uns Herrn Hennebergs Equipage, und sort ging'» nach der Fabrik. Die Fahrt durch die herrliche Gegend stimmte meinen Gastfreund ganz philosophisch. „Was ist der Begriff Glück eigentlich?" meinte er. „Hat es jemand im Leben zu etwas gebracht, so heißt es leichthin: der Mann hat Glück — als ob man sich in den Lehnstuhl setzen und warten könne, bis das Glück hrrankommt, als ob dieses ,,Glück haben" nicht Arbeit von früh bis spät, Tage in Abhetzerei, durchgrübelte Nächte, ein Verzichten auf Ruhe und Vergnügen bedeutete! „Glück" ist allerdings in erster Reihe hervorragende Beanlagung, aber zähe Energie, eiserne Arbeitskraft muß dazu kommen. Geschäftssinn und con- sequentes Festhalten an dem, was ich mir vorgenommen, dazu die Kraft entbehren zu können, wenn es ein bestimmtes Ziel gilt, sind mir angeboren. Als achtjähriger Junge gründete ich mein erstes Geschäft, indem ich in einigen Cafös in Görlitz Fidibuffe verkaufte, ein Geschäft, das schon mein Vater ein paar Tage darauf durch eine tüchtige Tracht Prügel schloß; als neunjähriger Quintaner verzichtete ich auf das Weißbrödchen zum Kaffee, um mir eine Uhr zu kaufen, die mein guter Vater mit seinen 900 Mk. Gehalt als Steuerbeamter natürlich nicht erschwingen konnte. Welcher Stolz, als ich nach drei Jahren die Uhr, ein höchst achtbares Exemplar, silberne Ankeruhr mit Goldrand, mein eigen nannte! Alle späteren Erfolge haben an Süßigkeit kaum diesen ersten erreicht — doch da find wir!" „Wen Gott lieb hat, dem giebt er ein Haus in Zürich." Dieses schon im Mittelalter ost genannte Wort fiel mir ein, als wir vor der Rtesenanlage, die direet am Züricher See an dessen schönster Stelle aufgesührt ist, ankamen. Drei herrliche Bauten mit zwei mächtigen Dampf»Schornsteinen, Alles in rothem Verblendstein und Granit aurgeführt. Der Fabrik-Director machte uns die Honneurs. Die Ausschrist aller Thüren „Verbotener Eingang" hatte für uns keine Giltigkeit. Zuerst der Rohseiden-Saal. Es ist doch etwa« Prächtiges um die rohe Seidel Diese Glätte, Weiche, Zartheit, wie zum Streicheln und Liebkosen gemacht. Noch Sebaction: N. Gcheyda. 112 == jetzt thut es mir leid, daß ich Herrn Henneberg nicht um einen solchen Strang als Andenken gebeten habe. In dem Saale der gesärbten Seiden hängen diese in unzähligen großen Körben und an Holzhaken. Welcher Farbenzauber, welcher berückende Glanz in den Seidensträngen — und welcher Werth, den sie repräsentiren! Doch weiter: der große Fergger-Saal, wo die Seidenstücke, die von den Webstühlen kommen, abge> liefert, durchgesehen, etiquettirt und nummerirt werden, und frische Seide sür die Stühle herausgegeben wird. Ein gleichmäßiges Getöse wie ein ferner Wasserfall bereitete mich auf das vor, was kommen sollte, die Webe-Säle! Wie gebannt blieb ich stehen in dem Geräusch, dem wirbelnden Durcheinander. Links die Spülmaschinen, Tausende von kleinen Holzspulen, die sich mit erstaunlicher Schnelligkeit durch Dampskraft drehen. Bricht oder reißt solch' dünnes Seidenfädchen, so bleibt das betreffende Spülchen von- selbst stehen und eine Arbeiterin ist sofort zur Stells, um den Schaden aurzubeffern. Dann die großen Windmaschinen, die vermittelst großer Haspeln die „Kette" oder den „Zeddel" der Seidenstoffe präpariren. Ich sah darüber hinweg: Das wogte und wallte wie Meereswellen, in allen Farben spielend, wie bengalisch beleuchtet, Seide, nichts als Seide, ein blendender, sinn» verwirrender Anblick. R> chts die eisernen Webstühle, ebenfalls durch Dampfkraft getrieben, hin- und herfliegende Schiffchen, Surren und Sausen, ein gewaltiges Leben und Hasten in dieser Welt im Kleinen. Es werden hier nur glatte Seidenstoffe fabrtzirt; man. kann genau verfolgen, wie der Stoff centimeterweise entsteht, mit jedem Schuß ein winziges Stückchen; 8 bis 16 Meter liefert solch' ein Webstuhl täglich. — In einem oberen Saal stehen die majestätischen großen Zeddel« Maschinen, auf denen die „Ketten" der Stoffe für den Webebaum fix und fertig gestellt werden. Der Director zeigte mir u. A. eine Seidenkette, die bei einer Breite von 60 Centim. etwas über 18,000 Seidenfäden aufwies. Die interessantesten und complizirtesten von allen Stühlen find die Jaquard- Webstühle, auf denen die kostbaren Damaste und Brokate gewebt werden; besonders schwere Stühle dienen sür die besseren Qualitäten der einfarbigen Stoffe. Uebrigens beschäftigt die Firma Henneberg auch eine Menge Handweber, die in den umliegenden Dörfern und Bauernhäusern zu Hunderten ihre Webstühle aufgestellt haben, denn nicht sämmtliche Stoffe können mechanisch, d. h. durch Dampskraft hergestellt werden. „ , ., m t Herr Henneberg führte mich auch noch in sein Privat- Bureau. Hier herrschte die Unordnung des Genies; Seiden» muster, Pläne, Carton«, Farbrn-Musterkasten und Cigarren« kisten standen wirr durcheinander, doch behauptete der Besitzer, jedes Stück sofort aus dem Chaos herausfinden zu können. Etwas, was mir sehr nothwendig erschien, fehlte: Ein Stuhl, von einem Sopha ganz zu schweigen, doch mein Wirth erklärte dies für einen Act weiser Berechnung, da er gern, um nicht zu lange aufgehalten zu werden, alle Unterredungen stehend erledige. , . Mir schwirrte von Allem, was ich gesehen und gehört, etwas der Kopf, doch war mein Gedächtniß noch fähig, eine Ziffer zu behalten, nämlich die von einhünderttausend Francs, dis die Firma jährlich für Briefmarken verausgabt. Um Veruntreuungen unmöglich zu machen, werden die Manen fämmtlich mit den Buchstaben G. H. durchlocht. Zum Schluffe öffnete mein Wirth noch eine Schublade, um ihr einige Beweise sür die Findigkeit der Post zu entnehmen: ein Couvert mit dem Poststempel Nerv-Jork, jadressirt Mr. G. Henneberg in Europa; der Brief war prompt in Zürich eingetroffen. Dann: An die Seidenfabrik in Henneberg (Schweiz). Ferner verschiedene: An die erste Seidenfabrtk in Zürich; An Hennebergs Seidenfabrik, Werschetz (Ungarn). Dieser Brief war in Arnheim in Holland aufgegeben und direet nach Zürich gesandt worden. Mein Gönner meinte lächelnd: „Die Weltpost weiß ihren Henneberg zu finden." — Ich fügte hinzu: „Die Damen auch." (Rundschau.) - Druck und Verlag der Brühl'schen UmverfikatS-Buch- und Stemdrnckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen. Frau mit crem, Chaiselonx schäftigt. „Ei!' zogenem 3 die Frau Nun, den schon, Du ja nichts men bist, zu mir, L ein Frühf „Da: gesrühstüä weißt, tttei Lebewohl „Als bekomm'», brauche, daß Du t Heirath u hübsch, n Und der besttzer, j Mann wc immer eti griff, wii Weltmani die Liebe da ich so sehen hab gewesen i Heirath s „Ick