L8S6. ff] Samstag bett 6. Auni c -^V* V®® VV ariiiheiwlatKM? MkeKek UntechalümgMatt pim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) MZMZ LA-LMMW WM Die Magdalena des Correggio. Erzählung nach actenmäßigen Quellen von Reinhold Ortmann. (Nachdruck verboten.) Wild und ungeberdig brauste an einem Octobertage des Jahres 1788 der Herbststurm über die Felder und Wiesen vor dem schwarzen Thore von Dresden, al« ein einfach ge- kleideter junger Mann auf dem schlechten Landwege einem zwischen Aeckern und Weiden einfam gelegenen Hause zu» strebte. Er hatte ein frisches, offenes Gestcht mit einnehmenden Zügen und lustig glänzenden Augen Anscheinend war es ihm sehr eilig, sein Ziel zu erreichen; denn er schritt rüstig aus, ohne sich viel um den schneidenden Wind zu kümmern, der ihm gerade entgegenblies. Und ob er dann auch ein wenig außer Athem war, als er endlich vor dem schiefen Gitterthor in der Umzäunung des ziemlich armseligen Gehöfts anlangte, ließ er doch unverwetlt dreimal nacheinander einen eigentümlichen, weithin schallenden Juchzer vernehmen, der ohne Zweifel ein Signal von ganz bestimmter Bedeutung darstellte. Nach wenigen Minuten schon wurde es offenbar, was für eine Bewandtniß es mit diesem Erkennungszeichen gehabt; denn aus dem Hause trat eine jugendschlanke, zierliche Mädchengestalt, wandte vorsichtig spähend das blonde Köpfchen nach allen Seiten und eilte dann behend über den Hof zu dem draußen harrenden Manne. Mit einem Blick und mit einem Lächeln, das keinen Beobachter über die Natur ihrer Empfindungen hätte im Ungewissen lassen können, reichte fie ihm ihre beiden Hände. „Wie freue ich mich, daß Du noch gekommen bist, Hermann! Ich meinte schon, es wär' Dir leid geworden bei schlimmen Wetter." „Als wenn man nach dem Wetter fragte, wenn es gilt, seinen Schatz zu besuchen!" gab er fröhlich zurück. „Der schreckliche Wogaz ist doch hoffentlich nicht daheim?" „Nein, er ist schon frühzeitig in die Stadt, weil heute der Proceß entschieden werden soll, den er mit dem Nachbar Klimsch wegen der großen Wiese hat. Aber in'« Haus darf ich Dich darum doch nicht lassen, denn er kann in jedem Augenblick wiederksmmen." Der junge Mann warf mit einer etwa« ungeduldigen Geberde den Kopf zurück. „Und wenn er uns nun wirklich beisammen fände, was könnte am Ende so Schreckliches geschehen? Es ist doch kein Verbrechen, daß wir uns lieb haben." Das reizende Gesichtchen der Achtzehnjährigen wurde sehr ernst und ein tiefer Seufzer hob ihren Busen. „Er würde e« gewiß dafür ansehen," sagte sie, „und es möchte böse Tage für mich geben, wenn er's erführe. Quält er mich doch ohnedies, daß es kaum noch zu ertragen ist!" „Was? — Er wagt es, Dich schlecht zu behandeln, Christine?" fuhr der Andere hitzig auf. „Das darf er nicht und ich werde es nicht leiden, mag er hundertmal Dein Oheim und Dein Vormund fein!" „Nicht doch!" fiel das Mädchen begütigend ein, indem es die Hand auf seinen Arm legte und ihn ein wenig mit sich fortzog, so daß sie vom Hause her nicht mehr gesehen werden konnten. „Er meint e« ja im Gegentheil nach seiner Weise sehr gut mit mir und gerade seine Freundlichkeit ist es, gegen die ich mich wehren muß." Diese Berichtigung war nun aber offenbar am wenigsten darnach angethan, den jungen Mann sanfter zu stimmen. In Hellen Flammen loderte das Feuer der Eifersucht aus seinen eben noch so lustigen Augen. „Trägt sich der schlechte Kerl wirklich mit solchen Gedanken? — Und er ist vielleicht gar schon zudringlich gegen Dich geworden?" Christine wurde sehr roth, während sie mit einem verneinenden Kopsschütteln Antwort gab. „Er weiß, daß ich nicht eine Stunde länger unter seinem Dache bleiben würde, wenn er sich Dergleichen herausnähme. Aber er bedrängt mich freilich oft genug mit Bitten, daß ich einwilligen solle, seine Frau zu werden. Und es ist lächerlich, was für goldene Berge er mir dabei verspricht. Wenn man ihn so reden hört, könnte man wahrhaftig glauben, daß er irgendwo einen Haufen von Schätzen verborgen hat." „Vielleicht besitzt er eine Wünschelruthe oder er hat den Stein der Weisen gefunden," sagte der junge Liebhaber mit grimmigem Spott. „Und Du wirst dann wohl auch eine» Tages einsehen, daß e« besser ist, ihn zu nehmen, al» einen ä 2Ss ~ ärmen Goldschmiedsgefellen, der keinen anderen Reichthum sein eigen nennt, al« zwei gesunde Arme." „Und ein gute«, treue« Herz," ergänzte sie mit so weicher, hingebender Zärtlichkeit, daß die düstere Wolke allmälig wieder von seinem Antlitz schwand. „Ich meine doch, Du kannst einen so häßlichen Argwohn nicht im Ernst gegen mich hegen, Hermann! Ich werde Dir immer treu bleiben und werde nie einem anderen Manne gehören al« Dir. Wenn mein Oheim auch dis Kunst verstände, aus Eisen Gold zu machen, würde ich ihm auf seine thörichte Werbung doch keine andere Antwort geben, al« „Nein!" und immer wieder „Nein!" Er zog sie liebevoll an seine Brust und sie spürten nichts von dem garstigen Wind, der sie umbrauste, während ihre Lippen sich in langem Kuffe fanden. Nach einer geraumen Weils erst, als sich Christine mit sanfter Gewalt aus feinen Armen losgemacht hatte, kam es wieder zu einem ordentlichen Gespräch mit Fragen und Antworten. Und es war wohl begreiflich, daß der junge Goldschmiedsgeselle sogleich auf's Neue von dem zu reden begann, was ihm am meisten am Herzen lag. „Wenn Du doch so fest entschlossen bist, Christine, Deinem Vormund niemals Gehör zu geben, warum sagst Du's sihm nicht rund heraus? Und warum soll ich nicht zu ihm gehen, Dich offen von ihm zur Frau zu begehren?" „Du würdest mich das nicht fragen, Hermann, wenn Du ihn so kennen gelernt hättest, wie ich ihn kenne. Jetzt ist er in seiner Art gut und freundlich gegen mich, weil er noch immer hofft, daß ich eines Tages meinen Sinn ändern solle. Aber er würde in einen unbändigen Zorn gerathen und würde mich gewiß hart und grausam behandeln, wenn er dahinter käme, daß mein Herz sich bereits für einen Andern entschieden hat. Dann hätte ich sicherlich keine ruhige Stunde mehr. Und weil wir uns doch nun einmal nicht ohne seine Einwilligung heirathen können, müssen wir erst geduldig warten, bis er selber zur Vernunst gekommen ist oder bis der liebe Gott sonst etwas zu unfern Gunsten geschehen läßt." „Das sind sehr ungewisse Hoffnungen, lieber Schatz. Was könnte sich denn da Erfreuliches ereignen? Sollen wir etwa auf den Tod des Wogaz warten, der ein Mensch ist wie eine Eiche?" „O pfui, wie magst Du nur etwas so Garstiges aur- sprechen! Nein, seinen Tod wünsche ich gewiß nicht. Aber er hat schon ein paar Mal davon geredet, daß es seine Absicht ist, nach Amerika auszuwandern, wenn er nur erst einen Käufer für Hof und Feld gefunden hat. Natürlich meint er, daß ich ihn begleiten würde, vielleicht gar als feine Frau. Aber er darf mich zum Glück nicht zwingen, mit ihm über das große Wasser zu gehen, und wenn er mit diesem Plan Ernst macht, bin ich frei." Zweifelnd schüttelte der Goldschmied den Kopf. »Ich glaube nicht recht daran, Christine. Wahrscheinlich ist es nichts als müßiges Gerede. Um nach Amerika zu gehen, braucht man Geld, und seine Wirthschaft ist in einem so elenden Zustand, daß ich kaum begreifen kann, wie er a uch nur da« nackte Leben fristet." „Weißt Du — ich denke immer, daß er außerdem ganz in der Stille noch irgend ein anderes Geschäft oder Gewerbe betreiben muß. Wie ließe sich'» sonst erklären, daß er oft am späten Abend ausgeht und erst bei Tagesanbruch wieder nach Hause kommt." „Dies Räthsel dürfte sehr leicht zu lösen sein, mein Herz. Er wird dann eben einfach die ganze Nacht in der Schänke zubringen." „Das glaubte ich anfänglich auch. Aber in der letzten Zeit, wo ich einen sehr leisen und unruhigen Schlaf hatte und beinahe immer munter war, wenn er heimkehrte, bin ich anderer Meinung geworden; denn aus dem Fenster meiner Schlafkammer habe ich deutlich gesehen, wie er mit einer Laterne über den Hof ging und nach dem Heuboden hinausstieg." „Nach dem Heuboden? Mitten in der Nacht?" „Jawohl. Und dabei trug er jede« Mal etwas auf dem Rücken, da« wie ein großer, gefüllter Sack aussah. Wenn er nach einer Weile wieder herunterkam, um in seine Stube zu gehen, hatte er die Last nicht mehr bei sich." „Das ist sehr merkwürdig. Und bist Du auch sicher, Liebste, daß Du es nicht etwa blos geträumt hast?" „Es müßte wahrhaftig ein seltsamer Traum fein, der sich immer wieder aufs Neue einstellt. Heute Morgen noch beim ersten Tagesgrauen hat sich's abermals so zugetragen, und diesmal war es etwas ganz Unförmliches, welches der Oheim mit sich schleppte." „Nun, wens Wogaz diese fürchterliche Sturmnacht, wo drinnen in der Stadt kein Schornstein sicher war, außer dem Haufe zugebracht hat, so muß er dafür freilich ganz besondere Ursachen gehabt haben. Und hast Du denn niemals auf dem Heuboden nachgefehen, was für geheimnißvolle Dinge es sind, die er da bei Nacht und Nebel hinaufträgt?" „Ja, ich will Dir's gestehen, die Neugier ließ mir keine Ruhe. In allen Winkeln habe ich nachgespürt, aber gesunden habe ich nichts, als gewöhnliches Heu." „Nun, da haben wir'«," lachte der junge Mann, „Du hast Gespenster gesehen, lieber Schatz!" Und da ste etwas verdrießlich über seinen Zweifel das Köpfchen schüttelte, fügte er hinzu : „Jedenfalls solltest Du den Wogaz einmal fragen, was für eine Bewandtniß es mit feinen nächtlichen Spaziergängen hat." „O, ich werde mich wohl hüten, das zu thun. Als ich ihm nur einmal eine kleine Andeutung darüber machte, sah er mich mit so wüthenden Augen an, als ob er mir gleich an den Hals springen wollte. Und er ist so gefährlich in seinem Jähzorn, daß es wahrlich eine große Thorheit wäre, ihn ohne Noth zu reizen." Sie hatten sich während ihres Gespräches immer weiter von dem Haufe entfernt; nun aber blieb Christine plötzlich erschrocken stehen; denn sie hatte von einer auffallend rauhen und tiefen Männerstimme ihren Namen rufen hören. „Das ist der Oheim!" sagte sie bestürzt. „Er ist au« der Stadt zurück und natürlich verlangt er zuerst nach mir. So schwer es mir auch fällt — ich muß eilen, daß ich wieder in das Haus komme." Wohl machte der Anders noch einen Versuch, sie mit Bitten und Schmeicheln zurückzuhalten; aber ihrs Furcht vor dem Oheim war zu groß, als daß sie der Versuchung hätte unterliegen sollen. „Ich werde Dich morgen Abend um acht Uhr drüben an dem Weinberge erwarten," sagte sie nur noch hastig. „Das ist die einzige Zeit, wo ich mich einmal unbemerkt auf eine Stunde fortschleichen kann. Sei mir nicht böse, wenn ich jetzt fort muß. Auf Wiedersehen!" Und nach einem letzten zärtlichen Gruß mit Hand und Augen huschte sie eilig davon, um den Hof zu gewinnen. Der Vormund stand spähend in der Haurthür — ein untersetzter, kräftig gebauter Mann von vielleicht sünfund- vierzig Jahren mit einem derbknochigen, brutalen Gesicht und kleinen, unruhigen, verschmitzten Augen. Er schien sich zum Glück in sehr guter Laune zu befinden; denn er verzog den Mund zu einem breiten Grinsen, al« er seines hübschen Mündels ansichtig wurde und winkte ihr schon von weitem mit der Hand. „Gute Nachrichten, Christine!" sagte er, da sie vor ihm stand. „Ich hab' meinen Proceß gewonnen. Die Wiese ist mein." „Ich wünsch' Euch Glück dazu," erwiderte sie etwa« gezwungen. „Ihr habt also den Eid geschworen, welchen die Herren vom Gericht verlangten?" „Natürlich hab' ich! Sollt' ich dem Klimsch etwa den fetten Bissen vergönnen? Ich sage Dir, Mädel, e« ist dem dürren Geizkragen nicht schlecht an die Nieren gegangen, wie er mit langer Nase abziehen mußte. Und die Proeeßkosten hat er nun obendrein zu zahlen. Grün und gelb wurde er, da ich nach dem Urtheilsspruch an ihm vorbei spazierte und ihm so recht vergnügt in's Gesicht lachte. Wenn der mich mit Rattengift vergiften könnte, er thät's auf der Stelle- Aber es geschieht ihm nur, was er verdient hat; denn wer sich a 2öS - mit dem Johann Georg Wogaz einläßt, der kann sicher sein, daß er das kürzere Ende in der Hand behält." Christine antwortete ihm nicht weiter auf seine trium- phirenden Reden; aber sie weigerte sich nicht, als er sie durch eine Handbewegung bedeutete, mit ihm in das niedere, dürftig ausgestattete Wohnzimmer einzutreten. Hier sah es allerdings gar nicht so aus, als ob der Hausherr der Besitzer irgend welcher Schätze wäre, und die gespreizte Art, wie Wogaz umherging und mit prahlerischen Worten um sich warf, konnte in einer so armseligen Umgebung nur geradezu lächerlich wirken. „Uebrigens — wenn’« mir nicht darum gewesen wäre, den Klimsch zu ärgern, an der lumpigen Wiese hätte mir gar nicht so viel gelegen- Da« Gras, da« im nächsten Früh« jahr darauf wächst, brauche ich hoffentlich nicht mehr zu schneiden. Denn ich hab’« satt, mich auf der Hungerscholle hier zu plagen. Irgend ein Narr, der mir das Stück Land abkauft, wird sich schon finden. Und wenn nicht — nun, so lasten wir eben eine« schönen Tage« einfach Alles stehe», wie e« steht, und machen uns auf nach Amerika." In hoffnungsvoller Spannung horchte Christine auf. „Ist das wirklich noch immer Eure Absicht, Oheim?" „Mehr als je, Mädchen I Und um das Reisegeld brauchst Du Dir keine Sorge zu machen. Wir gehen nicht als Bettelleute über das Master; darauf kannst Du Dich verlaffen." Dabei lachte er behaglich in sich hinein, und nachdem er noch einmal die Stube durchmessen hatte, trat er dicht vor die scheu zurückweichende Christine hin. „Eigentlich kommt es dabei nur noch auf Dich an, mein Kindl Wenn Du mir versprichst, daß Du drüben in Amerika meine Frau werden willst, können wir meinetwegen schon in vier Wochen reifen." Er hatte einen Versuch gemacht, ihr zärtlich unter das Kinn zu greifen; aber sie hatte sich der beabsichtigten Liebkosung durch eine geschickte Wendung entgegengesetzt. „Warum quält Ihr mich beständig mit solchen Reden," sagte sie vorwurfsvoll. „Ihr wißt doch recht wohl, daß daraus nie und nimmer etwas werden kann." „Oho, das wollen wir immerhin erst abwarten," lachte Wogaz mit der Zuversicht eines Mannes, der seines endlichen Erfolges vollkommen gewiß ist. „Es ist schon manches Vögelchen zahm geworden, das noch viel scheuer war als Du. Man muß nur bas rechte Lockmittel haben und ich denke, wenn die Zeit da ist, soll mir’s daran nicht fehlen. Ich sage Dir, Mädel, Du sollst Dein blaues Wunder sehen und Deine Augen sollen noch blanker werben, al« ste's schon sind. Ja, der Wogaz ist kein Dummkopf und wer da glaubt, daß er sich bis an sein Lebensende mit Pflug und Hacke plagen wirb, der ist auf dem Holzweg. — Aber nun ist’s genug geschwatzt sür diesmal. Schau’ Dich nach Deiner Arbeit um, Christine! Ich hab’ auch noch das Eine und das Andere zu schaffen." Sie folgte erleichterten Herzens der Aufforderung, die sie wieder für eine Weile von feiner beängstigenden Gesellschaft befreite. Wogaz aber blieb noch ein paar Minuten in der Wohnstube, um dann, als er sich unbeachtet glauben konnte, trotz des Sonntagsanzuges, den er noch immer auf dem Leibe trug, nach dem Heuboden hinauf zu steigen. * * ♦ In den Morgenstunden dieses nämlichen Octobertages war es gewesen, als sich athemlos und schreckensbleich Johann Anton Riedel, der wackere Inspektor der Dresdener Gemälde- Gallerte, bei seinem nächsten Vorgesetzten, dem General- Director Grafen Marcolini, melden ließ. Der hochgeborene Herr hatte sich eben erst den Armen des Schlummers entrissen und saß noch gemächlich beim Frühstück, eine Beschäftigung, in der er sich sonst nicht eben gern stören ließ. Es war darum wohl begreiflich, wenn er den eintreten» den Inspektor mit der etwa« ungnädigen Frage empfing, was es denn in aller Frühe schon so fürchterlich Dringendes gebe. aber seine ärgerliche Miene verwandelte sich ebenfalls in eine Miene der äußersten Bestürzung, da Riedel in hastig hervorgestoßenen, aufgeregten Worten erwiderte: „Ein großes Unglück ist geschehen, Herr Graf! Ueber Nacht sind Diebe in die Gallerie eingebrochen. Wir sind schändlich bestohlen." So heftig war Marcolini von seinem Stuhle emporgefahren, baß um ein Haar bas kostbare Meißener Service auf dem Tische ernsten Schaden erlitten hätte. „Bestohlen? — Trotz des Wächter«? — Wie ist da« möglich? — Und vor Allem: Was hat man uns entwendet?" „Drei Bilder von geringem Umfange; doch ein unersetzliches Kleinod ist unter ihnen: Die heilige Magdalena de« Correggio." Der Graf stieß einen Schreckensruf aus. „Ist das Wahrheit, Riedel? Nein, es ist undenkbar. Ich kann es nicht glauben." „Und doch ist es leider nur zu wahr. Die Diebe haben das fürchterliche Sturmgetöse dieser Nacht benutzt, um ihr abscheuliches Unternehmen auszusühren. Vielleicht ist es auch nur ein einziger Spitzbube gewesen, da sonst möglicherweise eine noch größere Anzahl von Gemälden fortgeschleppt worben wäre. Er hat da« Drahtgitter vor einem Fenster des Erdgeschosses durchfeilt, hat die Scheiben eingedrückt und ist so in die Gallerie gelangt. Die drei Bilder, die er mitgenommen hat, sind „Das Urtheil des Paris" von van der Werff, das Bildniß eines alten Mannes von Seybold und unser Stolz, die berühmte Magdalena. Wahrscheinlich ist es der silberne, mit Edelsteinen geschmückte Rahmen dieses Bildes gewesen, der ihn angelockt hat. Denn wenn er ein Kenner gewesen wäre, hätte er in Bezug auf die beiden anderen Gemälde wohl eine bessere Wahl getroffen." „So wünschte ich wahrhastig, er hätte sich mit dem Rahmen begnügt und uns den Correggio gelassen! — Hat man denn gar nichts gefunden, das auf die Spur des Räubers führen könnte?" „Nichts — gar nichts 1 Er muß sein Handwerk gut verstehen, denn er hat weder ein Diebsgeräth noch sonst einen Gegenstand, der ihm zum Verräther werden könnte, am That- ort zurückgelassen. Und in dem schrecklichen Unwetter dieser Nacht, wo gewiß keine Menschenseele außer ihm auf bett Straßen war, wirb es ihm leicht genug geworden sein, sich und seine Beute ungesehen in Sicherheit zu bringen." „Das ist fürwahr eine Hiobspost, wie sie schlimmer kaum zu denken gewesen wäre. Und was, um des Himmels willen, sollen wir nun beginnen?" „Die Polizei ist natürlich bereits alarmirt; aber das herrliche Kunstwerk kann längst der Vernichtung anheimgefallen und unwiederbringlich verloren fein, bis es ihrem Scharfsinn vielleicht gelungen ist, den Dieb aufzuspüren. Für uns aber sind doch wohl die Gemälde viel wichtiger, als die Person des Spitzbuben." „Das ist keine Frage, Riedel. Der Kerl mag meinet» wegen mit heiler Haut davonkommen, wenn er uns nur feinen Raub wieder heransgiebt." „So dürfte es das Beste fein, dem Wiederbringer de« Bildes öffentlich eine recht hohe Belohnung zu versprechen. Der Dieb selbst wirb allerdings schwerlich den Muth haben, sich um diese Prämie zu bewerben. Wenn seine Thal aber einen Mitwisser gehabt hat, so werden wir vielleicht nicht umsonst auf menschlichen Eigennutz und menschliche Habgier gerechnet haben. Jedenfalls meine ich, daß wir dies oft bewährte Mittel nicht unversucht lassen dürfen." Graf Marcolini zeigte sich denn auch mit dem Vorschlag des Inspektors sofort einverstanden und erklärte, baß er sich ohne Zeitverlust zum Kurfürsten begeben würbe, um beffen Genehmigung einzuholen. Eine gewaltige Aufregung bemächtigte sich beim Bekannt- werben bes unersetzlichen Verlustes der ganzen Hofgesellschast, (Fortsetzung folgt.) ----- 260 s G-nBeinnÄtzig-S. (gilt Sanitäts - Beerenwein. Der aus Heidel« oder Blaubeeren bereitete Wein besitzt in der Bevölkerung noch lange nicht das Interesse, welches er al» wirklich gutes und gesundes Volksgetränk verdient. Die Heidelbeeren sowohl in frischem wie getrocknetem Zustands und der aus ihnen durch sachgemäße Behandlung gewonnene Wein besitzen werthvolle medicinische Eigenschaften, die andere Beeren und Beerenweine, ja selbst Traubenweine nicht haben. Nach einer Analyse der Weinbau-Versuchsstation Würzburg ist Heidelbeerwe n reich an Gerbstoff und Eisenverbindungen und deshalb als diätetischer Wein werthvoll. Es ist aber nicht das allein, was die Heidelbeeren in gesundheitlicher Hinsicht so nützlich macht; es ist vor allem ihr Farbstoff. Jedermann weiß, daß der Farbstoff der Heidelbeeren in die feinsten Spalten einzudringen vermag; er dringt sogar in die feinen Canäle des Zahnschmalzes ein. In dieser starken Färbekraft liegt nun eine besondere Heilwirkung, die sich bei manchen leichteren Mund- krankheiten und Flechten der Haut bewährt hat. Der Färb- stoss dringt in jede kleine Zelle ein und macht sie unschädlich und schafft so eine Wundfläche von noch lebenskräftigen Zellen. Zu Wein verarbeitet kann die Heidelbeere nur noch größere wirthschaftlichs Bedeutung erlangen, als sie jetzt als Genuß- mittel schon hat. Es ist immerhin ein wirthschaftlicher Ge- winn, wenn ihre Gewinnung und Verarbeitung einen Theil des Capital» an sich zieht, das bisher alljährlich noch für Rothweine ans Ausland gezahlt wird. Die Mengen von Heidelbeeren, welche die deutschen Waldungen in sich bergen, würden der ärmeren Bevölkerung, namentlich der Gebirgsgegenden, eine willkommene Erwerbsquelle gewähren, wenn bei verstärkter Nachfrage sicherer Absatz das Einsammeln lohnte. Milch- und Kaffeedecken werden mit einer Mischung von Eigelb und Glycerin bestrichen, dann in warmem Wasser ausgewaschen und noch feucht auf der verkehrten Seite mit einem nicht gar zu heißen Plätteisen geplättet. Für wollene und halbwollene Maaren benutzt man eine Mischung aus einem Theil Glycerin, neun Thetlen Wasser und einem halben Theil Salmiakgeist. Man benetzt die befleckten Stellen damit und wiederholt das Benetzen zwölf Stunden lang, so oft die Stellen trocken werden. Dann preßt man sie zwischen reinen Lappen und plättet dieselben. Seidenstoffe werden in ähnlicher Weise mit fünf Theilen Glycerin, fünf Theilen Wasser und einem Vierteltheil Salmiakgeist behandelt, doch muß man sich früher überzeugen, ob die Farbe nicht leidet. Man stellt den Glanz durch Bepinseln mit Gummiwafler oder Bier vor dem Plätten wieder her. * Wirksames Mittel gegen Fliegen. Da in der warmen Jahreszeit die Fliegen in den Ställen und Wirth- schaftsräumen des Landwirthe» oft zu einer großen Plage werden, so sei auf ein ausgezeichnetes Mittel aufmerksam gemacht, welches der Rittergutsbesitzer Koch in Altenzaun gegen die Fliegen mit großem Erfolg anwendet. Ende Februar oder auch noch im März werden sämmtliche Stallungen und Wirthschaftsräume geweißt und jedem Eimer Kalkmilch wird etwa */< Liter Kresolin zugesetzt. Die Volkstracht, die sich leider nur in einigen Gegenden unsere» deutschen Vaterlandes erhalten hat, stellt auch ein Stück deutschen Volksthums dar. Sie weist ein hohes, ehrwürdiges Alter auf, indem sie eine Ueberlieferung aus der grauen Vorzeit unseres Volkes und zum Theil bi» auf die germanische Götterwelt zurückzusühren ist. Mehrfach sind in jüngerer Zeit Bestrebungen hervorgetreten, u. A. auch in Oberhessen, die noch vorhandenen Volkstrachten vor dem Untergangs, vor der Verdrängung durch die alle» gleich machende städtische Tracht zu bewahren. Diesen Bestrebungen liegt der edle Wunsch dess Festhaltens an der Väter Weise zu Grunde, der auch den Leitgrund der nachfolgenden stimmungs- und gemüthvollen Dichtung eines fränkischen Land- wirthe» bildet. Bärbchens Lied. Wenn ich im Hausflur oben geh' An Muhmes Truh' vorbei, Wird stets mir um das Herz so weh, Als ob dort unter Erd' und Schnee Ein Glück vergraben sei; Wohl weiß ich, was im trübem Muth Mein Herz so traurig macht: Im spruchgeschmückten Schreine ruht Die alte, liebe Tracht. Da liegt, gefaltet säuberlich Von Händen, die längst ruhn, Manch' Röckchen, dessen Grün verblich, Dess' buntes Band entfärbte sich. Bei hohen Stöckelschuh'n; Der Ahne braunes Bernsteinbaud, Manch' alter Thaler schwer, Ein Silberreif für Bauernhand Und andre Schätze mehr. Es ruht im altersgrauen Schrein Seit vielen Jahren aus Manch' schneeig-weißes Halstüchlein, In dessen Ecken stickte fein Die Ahn' den Blumenstrauß, Und auch ein Mützlein*) ruht dort wohl, Von längst verschollenem Schnitt, Mit Silberknöpfen schwer und hohl Denn anders that man's nit. — Doch auch manch' dunkles Häubchen rund, Dran manch' gewässert Band, Dess' Form man nicht mehr kennt jetzund, Und Seidentüchlein zart und bunt, Mit weichem Franzelrand. Wie wird mir doch so trüb zu Sinn, Daß man dich nun verlacht, Wo gingst du hin, wo gingst hin, Du alte, liebe Tracht! — Im Schenkhaus tanzt heut' eine Maid, Tanzt eine Bauernbraut, Nach neu'ster Mode ist das Kleid Der luft'gen frohen Freiersleut', Die Gäste jubeln laut. Ich hab' befestigt ihr den Kranz, Dann schlich ich fort mich sacht — Du fielst mir ein bei Spiel und Tanz, Du alte, liebe Tracht! — Wenn ich einst freie, soll anS Licht Der Schmuck Großmütterleins, So tret' ich an den Altar schlicht — Die neue Tracht, ich mag sie nicht! — Im Glanz des Sonnenscheins. Und wenn sie einst mich sargen ein, Sei es in alter Tracht, In ihr geh' ich zum Himmel ein, Bin ich zum Heil erwacht. Wenn dann der Petrus zögern will Und starmt mich an gar sehr, Und geht hinein zum Herrgott still, Daß selbst er meinen Wunsch erfüll', Und ruft ihn keife her, Spricht wohl der Herr: Mach' auf geschwind, Zeig' ihm des Himmels Pracht! — Das ist das letzte Bauernkind In alter, lieber Tracht. Edmund Stubenrauch. *) Altfränkische Bezeichnung für „Kittel". Eine klassische Köchin. «Da sehen Sie her, Marie, schon wieder haben Sie etwas verschüttet!" — „Aber gnädige Frau, im Alterthum wurden zwei Städte verschüttet! Die Gelehrten freuten sich darüber und Sie schimpfen bei lever Kleinigkeit!" Redaktion: I. V.: Hermann Elle. - Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Sch end a) in Gießen.