Untechaltungsklatt pim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) 1896 t /- ->. *' rX^ ’A -— - .-,. ' WAEMWMMV^EMKWMAKNNW MLMWW 'ÄE'M Wk^i^KEWÄWN^rAL^ X -^M '•{"Flf. J^/Sr*h •Liyr-^'X < —' Ostevnl Gewaltig braust'» im Lenzeswehen Verheißungsvoll durch Hain und Flur: Es giebt kein Sterben und Vergehen, Nein, stets nur neuen Werdens Spur. — Was auch in starren Wintersbanden Gefesselt lag weithin im Hag — Zu frischem Leben ist's erstanden Nun heut' am heil'gen Ostertag! Wohlan, der jetzt auf äffen Pfaden Ein neues Wunder läßt gescheh'», Er wird auch Dein Herz voll begnaden, Daß in ihm klingt das Aufersteh'n. — Wirf ab des Winters letzte Sorgen, Befreie Dich von Gram und Leid — Es grüßt Dich ja zum Ostermorgen Jetzt eine hoffnungsfrohe Zeit l „Durch Nacht zum Licht!" mag's d'rum heut' klingen Als echter Auferstehungssang; Dies Wort, es soll sich jubelnd schwingen Vom tiefsten Thal zum höchsten Hang. — Thut Alle auf des Herzens Pforten Und hoffet froh nun allzumal — Denn Ostern, Ostern ist's geworden: Gegrüßt, du Ofterfonnenstrahll B. Neuendorff. Schwester Ilse. Roman von Clarissa Lohde. (Fortsetzung.) Ja, wer ste nur sein mag? Käthe wußte es, seit Axel mit ihr zusammen in Radnitz beim Grafen Wolden gewesen, und deshalb hörte sie auch ohne Zeichen sichtlicher Ueber- raschung zu, als er jetzt lebhaft begann: „Ich kann Dir gar nicht sagen, Käthe, welch' ein Stein mir vom Herzen gefallen ist, als ich hörte, jene Fremde werde nicht den Namen Menzelen tragen, nicht Wolfs Gattin werden- Gerade jetzt wäre es mir doppelt peinlich gewesen, in ihr eine Verwandte betrachten zu müssen, jetzt . . Er zögerte. Sie sah ihn mit ihren großen, forschenden Augen an. „Gerade jetzt?" wiederholte sie. „Ja, jetzt, staune nicht zu sehr, da ich im Begriffe bin, ein neues Band zu knüpfen. Du, Käthe, bist die Erste, dis davon etwas erfährt; noch weiß es, ahnt es Niemand!" Sie lächelte wehmüthig. Ach, man wußte und ahnte ja längst — „Ich war gestern in Radnitz," fuhr er mit halblauter Stimme fort, „und habe mir von Helene das Jawort geholt." Sie fühlte, wie alle Farbe aus ihren Wangen wich; dennoch brachte sie es über sich, ihm die Hand zu reichen und warm zu erwidern: „Ich gratulire Dir aufrichtig; Helens ist ein liebes und gutes Mädchen —" „Das ist sie, ja," entgegnete er mit aufleuchtenden Augen, „und daß Du das sagst, Käthe, Du, dis ich auf Erden am höchsten halte, das giebt unserem Bunde erst recht dis Weihe. Dir darf ich es ja gestehen, Liebe ist es nicht, was mich zu ihr hinzieht. Ich habe einmal geliebt, Einer meins ganze Seele gegeben, sie hat mich getäuscht- Jetzt bin ich mit diesen Gefühlen fertig. Ich sagte mir damals gleich, nun solle allein die Vernunft mich bei der Wahl einer Gattin leiten. Ja, Käthe, wenn ich Dich hätte bitten dürfen, die Meine zu werden," — er blickte auf und sah ihr bewegt in die Augen. „Aber das, das durfte ich nicht, um Deinetwillen nicht, Käthe! Eine Künstlerin, die sich eine Stellung errungen wie Du, aus ihrem Berufe reißen, sie hinabziehen in die alltägliche Misere des Lebens, ihr die Schwingen, die sie hinauftragen in das Reich des Schönen, abschneiden, ihr Genie, da» ich so bewundere, untergehen zu sehen in der gemeinen. Sorge um das tägliche Brod, nein, Käthe, dazu gehörte ein Egoismus, den ich Gott fei Dank nicht besitze; das wäre geradezu ein Verbrechen gegen den heiligen Geist gewesen. Du sollst meine Psyche, mein Ideal bleiben, das Götterbild, zu dem ich aufschaue als zu etwa» Höherem, Unerreichbaren, da» tröstend, 158 - ermuthigend mir die Fackel emporhält, wenn im Wust der > die Hände vergraben, und ihr ganzer Körper zitterte unter Arbeit, des Kampfes das himmlische Licht sich mir zu ver« der Gewalt bittersten Wehs. dunkeln droht. Dich in meine Arme nehmen wie ein gewöhn« „Käthe," sagte sie weich und neigte sich zärtlich zu ihr, sicher Weib, hieße Dich entgöttlichen." ihren Kopf zu sich erhebend. „Liebe Käthe, ich weiß, ich „Um Gotteswillen, schweig'," rief Käthe und legte ihm ahne Alles! Ja, ja, so stark wir uns auch dünken mögen, mit geisterbleichem Antlitz den Finger auf den Mund, auf den wir bleiben doch das liebebedürftige Geschlecht." er einen leidenschaftlichen Kuß drückte. „Kehren wir zur „O bitte, Tante, sage nichts," wehrte Käthe. „Es wird Vernunft, zur Wirklichkeit zurück! Wann wird Eure Ver« vorübergehen, bald vorübergehsn. Ich wußte ja, daß mir das lobung stattfinden?" Höchsts Glück des Weibes nie blühen werde. Mein Herz ge« Axel senkte das Auge; nicht so räsch wie sonst vermochte hörte Axel, so lange ich denken kann, er war mir Alles, Alles! er das aufwallende Gefühl niederzudämmen. Und ich hoffte eine Zett lang, auch er erwidere meine Ge« „Du hast recht, Käthe," entgegnete er gepreßt, „recht fühle. Aber es war eine Täuschung. Als er sich mit jener wie immer. Man darf nicht zu hoch den Flug der Seele schönen Amerikanerin verlobte, da wußte ich, daß ihm wahre, nehmen, soll man nicht wie Ikarus in jähem Sturze aus der tiefe, dauernde Liebe zu hegen versagt sei. Der Leidenschaft Sonnenhöhe wieder zur Erde herabgeschleudert werden. Kehren konnte er einmal unterliegen, der stillen Liebe zu der Jugend« wir denn zum Practischen zurück. Du fragtest, wann meine freundin setzte er die Erwägungen der Vernunft entgegen, der Verlobung stattfinden werde. Graf Wolden, mein künftiger vornehmen, reichen Comteß Wolden mußte die arme Käthe Schwiegervater, der in naher Verbindung mit meinem Chef weichen." steht, theilte mir gestern mit, daß meine Ernennung zum Bot« „Ah so," sagte die Geheimräthin leise; „also Comteß schaftsrath an unserer Gesandtschaft in Constantinopel in Wolden! Ja, dieser Versuchung konnte ein Mann wie Axel naher Aussicht stehe. Da ist er mit mir der Ansicht, daß e» f nicht widerstehen 1 Das begreife ich vollkommen. Er war von am besten sei, die Verlobung erst nach erfolgter Ernennung jeher ein Streber und, verzeih', wenn ich Dein Freundschafts« zu veröffentlichen. Dann kann Hochzeit und Abreise so schnell gesühl sür den Jugendfreund dadurch kränke, ein Egoist. Von erfolgen, daß die Welt zum Gerede, wie es ja in diesem der selbstlosen Hingabe, die Du ihm von jeher gewidmet, hat Falle unausbleiblich wäre, keine Zeit mehr findet." er nichts in stch. Und wie viele Männer haben das heute? „Fürchtest Du Dich vor dem Gerede der Welt? Was Ich bin überzeugt, daß er nicht ohne inneren Kampf stch zu kann sie Dir anhaben, wenn Du Dein Glück im Arme der Verbindung mit Helene Wolden entfchloffen hat. Aber hältst!" er wird stch mit der kühlen Ueberlegung, die ihm eigen ist, „Ich fürchte bas auch nicht meinetwillen, sondern um gesagt haben: Ich bin ehrgeizig und wenn ich meinen Ehrgeiz Helenens willen. Ich habe ihr natürlich Alles, was meine nicht befriedigen kann, werde ich unglücklich werden und un« unglückliche Verlobung mit Adeline betrifft, mitgetheilt und glücklich machen- - Und wenn wtr's recht bedenken, müffen sie wünschte deshalb mit mir, unsere Verlobung so still wie wir ihm zustimmen." möglich und ohne Geräusch vor sich gehen zu lassen. Am „Ja, Tante, ja, tausendmal hat er recht. Wir wären nächsten Sonntag bin ich dort, um in aller Stille den Ring Beide vielleicht an der Misere des Lebens zu Grunde ge« ihr an den Finger zu stecken. Uebrigens hat mir Helene gangen und dennoch, dennoch; ich liebe ihn, und eine Andere tausend Grüße ssür Dich aufgetragen. Sie hofft, Dich noch neben ihm zu wissen, o, das schmerzt, schmerzt mehr als ich einmal, ehe wir in die Ferne ziehen, in Radnitz zu längerem es sagen kann." Besuche zu sehen, natürlich, wenn es Deine kostbare Zeit er« Von Neuem brach sie in Schluchzen aus. Die Geheim« laubt. Und dann später, wenn wir erst in Constantinopel räthin ließ sie eine Weile gewähren, dann aber mahnte sie sein werden, dann mußt Du natürlich für lange unser Gast tröstend: „Laß es jetzt gut sein, Kind! Du hast einen besseren sein. Dort wird es Dir gewiß an Aufträgen für Deine Trost als tausend andere Mädchen, denen gleiches Leid, o wie Kunst nicht fehlen, da ich Dir in meiner Stellung nützlich sein oft, heute widerfährt. Du hast Deine Kunst, die Du liebst, zu können hoffe." die Dir Alles ersetzen wird." „Du warst es mir ja schon so oft, Axel," entgegnete »Und Dich, Tante, Dich," rief Käthe, mit stürmischer Käthe, sich langsam erhebend. „Dir habe ich ja auch die Zärtlichkeit der alten Dame Hals umfassend. „Elly geht fort, Aufträge im Wolden'schen Hause zu verdanken gehabt." laß mich jetzt Deine Tochter sein." „Nur Ersatz für den um meinetwillen erlittenen Ausfall „Das warst Du lange, mein Kind. Nur Du hast in bei dem Bilde Adelinens. Ach, Käthe, Alles, was ich für Deinem stolzen Selbstbewußtsein der Liebe, die Dir hier im Dich gethan, ist ja nichts gegen das, was ich Dir zu danken häuslichen Kreise entgegengebracht wurde, nicht so geachtet, habe. Ohne Dich, ohne Deine Liebe, Deinen Trost, hätte Ja, trotz Allem und Allem, das menschliche Herz bedarf eines ich mich jemals von meinem tiefen Falle so wieder aufrichten mitfühlenden und mitleidenden Herzens, darüber hebt auch die können? Ich bleibe Dein ewiger Schuldner." Kunst nicht hinweg. Liebe üben, und sei es auch an einer Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen und reichte ihm alten, einsamen Frau, das ist doch der eigenste Beruf des die Hand, die eiskalt war und ein wenig zitterte. Er blickte Weibes, über den es nicht hinwegkommt." sie besorgt an, eine Frage schwebte auf seinen Lippen, sie Käthe antwortete nicht, sondern drückte nur fester ihr wußte ihr aber auszuweichen, indem sie an den Tisch zu der müdes Haupt an der Tante Brust. „Ja, Liebe üben," klang Tante trat, zu welchem sich nun auch das Brautpaar zum es in ihr, „das will ich und gelobe ich!" gemeinsamen Plaudern einfand. Zum Glück für Käthe war es bereits spät geworden; xxln. sie hatte nicht mehr gar zu lange die Qual zu tragen, die Wolf war heimgekehrt. Düster, mit sich und der Welt heitere Unbefangene spielen zu müffen, während ihr Herz in zerfallen, saß er auf seinem einsamen Schlosse und grollte mit tausend Schmerzen bebte. Sobald der letzte Gast sich vrrab« Gott und dem Schicksal, das ihn dem Leben wiedergegeben, schiedet hatte, bot auch sie eine „Gute Nacht" und zog sich in doch ohne die Lust an ihm. ihr Zimmer zurück. Elly, ganz von ihrem Glück benommen, Die erneute bittere Erfahrung, die er an Adeline ge« achtete nicht weiter auf sie, der Lieutenant war mit Eva von macht, war ihm näher gegangen, als er sich selbst gestehen Strachwitz gegangen, sie nach Hause zu geleiten. mochte. Oder war es nicht der Verlust Adelinens, den er be« Nur die Geheimräthin beobachtete sie- mit geheimer klagte, sondern mehr, daß er um ihretwillen Die verloren, Sorge. Sie, die Erfahrene, hatte auf ihrem Gesicht gelesen, deren Gegenwart ihm zur süßen Gewohnheit geworden? In daß sie litt. Und nun, was war das? War es nicht wie welcher widerwärtigen Lage er stch befand! Seine Frau, von ein unterdrücktes Schluchzen, das aus Käthes Zimmer tönte? ihm getrennt, im Haufe der Mutter, jedes Angebot von ihm, Leise öffnete sie die zu ihr sührende Thür. Da lag das stolze das ihn im Innersten wenigstens etwa» der Pflichten der Mädchen wie gebrochen auf dem kleinen Sopha, den Kopf in I Dankbarkeit gegen sie entlasten konnte, entschieden zurückweisend, 169 - der Scanbai einer Scheidung in Aussicht — es war, um den Verstand zu verlieren. Justtzrath Heldreich, der jetzt fast alle Tage nach Gatters» berg hinauskam, um Wolf Rechnung zu legen, brachte ihm die angenehme Nachricht, daß auf eine von ihm eingereichte Immediateingabe Wolf die vom Kriegsgericht wegen der Duell- affaire ihm zuerkannte Festungsstrafe feiner schweren Verwundung und des daraus hervorgegangenen mißlichen Gesundheitszustandes wegen durch kaiserliche Gnade erlassen worden sei. Wolf hörte kaum danach hin, er kramte in seinen Papieren und schob mehrere Schriftstücks dem Justizrath zur Einsicht hin. „Ei," konnte dieser sich nicht enthalten, zu sagen, „ich hoffte wirklich- für meine Mittheilung ein fröhlicheres Gesicht zu sehen. Mir scheint doch, es ist nichts Kleines, statt in der Festung Magdeburg die schönen Frühlingstage in Gattersberg verbringen zu dürfen." Wolf schüttelte den Kopf. „Für mich ist jeder Aufenthalt gleich, ich habe die Freude am Leben mit meiner Gesundheit eingebüßt." „Aber Sie sind ja nicht mehr krank, Herr Baron. Die Folgen der Malaria drücken nur augenblicklich auf Ihre Stimmung." „Meinen Sie? Vielleicht! Aber ich werde nicht eher wieder Lebensmuth gewinnen, bis ich über die Widerwärtigkeiten der Auseinandersetzungen über meine Ehescheidung hinaus bin. Wie steht es damit?" „Ich habe Ihnen nicht« Neues mitzutheilen, Herr Baron," entgegnete der Justizrath, mit einem halben Blicke das bleiche Antlitz Wolfs streifend. „Die Frau Baronin hat, wie mir Pastor Seiffard als ihr Vertreter mitgethetlt, ihre Gesinnung nicht geändert. Sie giebt ihre Einwilligung zur Trennung der Ehe, weist aber vor wie nach jeden Vermögensvortheil zurück!" Wolf lieb die Hand schwer auf den Tisch fallen. „Das ist'» eben," stieß er heftig hervor, „was mich zum Wahnsinn treibt. Ich mag nicht ihr Schuldner bleiben, ich kann es nicht. Das demüthigt mich, nimmt mir meins Selbstachtung, begreifen Sie das nicht, Justizrath?" Der kleine Herr zuckte etwas ungeduldig die Achseln. „Gewiß begreife ich es, Herr Baron. Aber da an der Sache nichts zu ändern ist, müssen Sie sich schon darein finden. Die Hauptsache bleibt doch, daß Sie wieder frei werben!" „Ich werde unter diesen Umständen meine Freiheit nie ohne Scrupel genießen können." „Die Zeit wird auch das lindern, Herr Baron, und die Erinnerung verwischen. Uebrigens wäre es vielleicht am besten, Sie verhandelten in dieser heiklen Sache mit dem Herrn Pastor selbst." „Diesen Mann wieder zu sehen, ist mir im höchsten Maße peinlich. Sie werden mir da« nachsühlen." „Gewiß, aber da so viel für Ihre Gemüthsruhe davon abhängt, den harten Sinn," — hier konnte der joviale Justizrath doch ein Lächeln nicht unterdrücken, — „der Frau Baronin zu erweichen, so würde ich diese Pein dennoch auf mich nehmen. Es gilt einen Versuch und bei dem großen Stein im Brett, den der Herr Pastor bet Ihrer Frau Gemahlin hat, wäre es doch möglich, daß eine persönliche Rücksprache mit Ihnen mehr bewirkte, als alle Verhandlungen mit mir." „Ich scheue die Aufregung. Wenn meine Gesundheit erst wieder besser, die Fieberanfälle überwunden sein werden, dann läßt sich darüber sprechen." Damit wurde das Gespräch über diesen Gegenstand abgebrochen und die beiden Herren vertieften sich-auf'» Neue in ihre Berechnungen. In Wolfs Innerem aber tönten des Justizrathes Worte unaufhörlich nach. Ja, er mußte einmal sich überwinden, das Widerwärtige auf sich nehmen und den Pastor aufsuchen. Je länger er zögerte, desto mehr wuchs ja seine Qual. Zum Abschluß mußte er ja endlich kommen und dann? Ja, was bann, darüber mochte er jetzt nicht weiter nachsinnen. In Gattersberg bleiben, täglich die fragenden Blicks seiner Dienstleute, namentlich des alten treuen Georg, aushalten, jedem Verkehr mit dm Nachbarn aus erklärlicher Scheu aus dem Wegs gehen, ein Einsiedler in seinen vier Wänden sein mit diesen Erinnerungen im Herzen, nein, das verleidete ihm selbst die Heimath. So lange wenigstens mußte er fort, bis diese letzte Episode seines Leben» etwas in Vergessenheit ge« rathen war. Also wieder hinaus in die Fremde, in die weite, lieblose, kalte Welt. Und er hatte nach der langen Abwesenheit von der trauten Heimstätte so sehr sich gesehnt, einige Zeit der Ruhe in ihr verleben zu dürfen, wie Antäos neue Lebenskraft aus dem heimathlichen Boden zu saugen. Aber auch das versagte ihm das Schicksal, auch dieser Trost wurde ihm gekommen. Ruhe, wo blühte sie ihm denn noch, wo konnte er sie noch suchen, wo zu finden hoffen? Dennoch, es mußte wenigstens versucht werden, das Leden sich zu gestalten. Nur keine Halbheit, die hatte er nie ertragen können. Also vorwärts, den letzten Schritt gethan! (Fortsetzung folgt.) Warm der Major in PW »itzt heuchele. Humoreske von Hermann Birkenfeld. (Fortsetzung.) Na, die Stimmung, als ich schließlich die Schlaskappe verließ und nach unten stieg! In einer Ecke saß noch 'ne kleine Gesellschaft. Ich mich in 'ne andere geflözt und den Kellner gerufen. Der Kerl wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Ist dem Herrn wohl auch auf dem Zimmer noch zu schwül gewesen? ' fragt er und ich nicke. Ja wohl, zu schwül! — Hat sich was! Aber meine Schwüle — na, er brauchte ja nicht zu wissen, welcher Art die war. Er-bringt was Trinkbares und läßt mich nicht allein. Eine Stunde dämmere ich so dahin, daß heißt, ich schlief beileibe nicht. Aber wach hätte ich mich auch nicht nennen können. Stumpfsinnig in einem Journal geblättert, ins Glas gestarrt, ein paar Schluck getrunken. Der Rothwsin war leidlich. Hm! — Sonnt)! — Zum Tenfel mit der Sentimentalität! denke ich und lasse mir 'ne Flasche Sect dazu kommen, so recht scharf auf Eis. Die Gesellschaft an der anderen Saalkante schob ab. Nun that mir der Kellner leid. Fange an, mit ihm zu schwatzen. Was man so redet. Der Mann hatte aber viel gesehen, wußte ganz amüsant zu unterhalten--na, das Ende war: Gesellschaft muß der Mensch haben, denke ich; thust Dir sonst am Ende ein Leids an ober so was--lache nicht, Wolfrum; ich calculirte wirklich so albern. Hätte Dich 'mal bloß sehen mögen, wenn Dir Deine Frau vor der Verlobung so'nen kolossalen Schnarchbaßschlüssel durch dis Kurpläns gemalt hätte! Also — um nicht allein zu sein, proponire ich dem Kellner eine Nachtsitzung. Sein Getränke war ja danach. Er deshalb noch ein paar Flaschen kalt gestellt, und wir damit auf die Veranda- Weiß der Himmel, wo mein Oberkellner überall gewesen war — — Ungarn, Türkei, New-Fork, Petersburg — und was er dabei log. Darauf tarn’» ja auch nicht an; er rettete mich eben vor Verzweiflung. Na, die wärmsten Sommernächte sind gemeiniglich dis kürzesten. Und als eben die Sonne 'raus ist, da — der Kellner war in’s Haus gegangen, wollte irgendwo nach dem Rechten sehen — da fahre ich aus meinem Schlummer in die Höhe „Nanu! — Sie schlummerten doch nicht?" riefen zwei, drei Stimmen zugleich. Pitsch nickte ärgerlich. „Natürlich schlief ich — mit dem Kopf auf der Tischkante, ein halb Dutzend geleerte Flaschen vor mir. Wa» 160 - denn? — Erst überlegen Sie's, und dann machen Sie mit'« nach: Abendsitzung auf Stubenkammer, Fußmarsch nach Saß' nitz, Strandbummelei, keine Nachtruhe, wieder Strand getreten und nochmals keine Nachtruhe — meinen Sie, ich wär'n Perpetuum mobile? — Also ich aufgefahren, weil — na, natürlich kam sie daher. Dieser Blick I — Nur gestreift hatte sie den Winkel, in dem ich hockte, aber gestreift mit dreifach potenziertem Eis in den braunen Augen. Das im Kübel vor mir war bademäßig warm gegen so was. Ich wagte nicht 'mal zu grüßen. Die Ditto's hinter ihr, augenscheinlich zu 'ner Frühpromenade gerüstet. Er sah mich und machte so'ne verlor'ne Bewegung nach mir hin, aber Frau Cölestine zupft ihn leis' am Aermel. Ich verstand. „Ein Mensch, der die Nächte bei Rothspohn und Scct durchkneipt, ist keine Parthie mehr sür unsere Sonny," wollte das bedeuten. Als ob mir so was Wurscht gewesen wäre, jetzt! Aber schämen that ich mich doch. Als ich damit fertig war, stand ich auf und kroch auf mein Zimmer. Konnte ja nun noch ein paar Züge Schlaf mitnehmen. Wie ich gegen Mittag mein Frühstück einnehme, fällt mir ein, daß heute ja mein Freund Apel kommen wollte. Das hatte ich über der verflixten Liebelei und Schnarchaffaire total vergesien. Also nach dem Landungsplätze gerannt- War auch just ein Dampfer von Greifswald angekommsn, aber natürlich ohne Apel. Schlängle mich deshalb bis gegen Abend herum, mächtig verschnupft. Daß Apel mir auch Routs und Ankunftszeit nicht genauer angegeben hatte. Das Infamste war, daß ich liebend gern gleich möglichst viele Kilometer zwischen mich und dies ganze Rügen gelegt hätte, und nun konnte ich nicht, der Abrede mit Apel wegen. Eip einziges war mein Trost: mein Zimmer hatte der Oberkellner in eine andere Ecke von seinem Quisisana verlegt. So hoffte ich diesmal auf 'ne leidliche Nacht, saß gegen Abend auf der Veranda draußen und genoß ein bischen. „Nun, was meinen Sie, wer da ankommt?" Pitsch sah mit großen Augen in der pfeffersäcklichen Runde umher. Bürgermeister Greifer grunzte: „Natürlich die Dittos. Konnten ja nicht ewig draußen bleiben!" „Hm!" Sie müssen'« wissen," versetzte der Major verdrießlich. Greifer hatte ihm zu rasch gerathen. „Recht aber haben Sie: die Dittos. Aber wem Sonny am Arm hing — hing mit so'ner sich anschmiegenden Entschiedenheit, als wollte sie sagen: Hier gehöre ich ganz genau hin und nirgends sonst wo — strahlend in Glück und Zärt- lichkeitsgethue? Das war — Apel meine Herren! — Hauptmann Apel vom xten Garderegiment." Na, ich petrefiziert! Der alte Kerl nimmt mich beiseite. „Nich bös fein, Pitsch! Nacht durchgefahren, früh von Stettin Fahrgelegenheit gehabt, alte Bekannte wiedergefunden, und — na, Du kennst sie ja schon, wie ich hörte- Sonny —" dabei wirft er so'ne halbe Handschwenkung und ’nen ganzen Augenaufschlag nach ihr hin „meine Braut." Was sollte ich machen? — Seine Braut! Und das sagt der Mann mit einer Miene, als hätte er die halbe Million in der Preußischen gewonnen! Können sich vorstellen, was ich fühlte — so um Herz und Magen 'rum. Gestern noch um sie geworben — heute in der allerersten Herrgottsfrühe Entsagen auf ewig — und am Abend sie die Braut von meinem bravsten Freunde und mir die Hand gereicht, als hätte sie Alles vergessen, was es zu behalten gab: Buchenwald und Kieler Bachblumen, Strandpromenade und Geschnarche, meine Nachtkneiperei und ihren Eisblick als Quittung drauf! Und ihr--dieser Schnarchkönigin — sollte ich meinen besten Freund opfern? Müssen nämlich wissen, daß Apel die Schnacherei fast ebenso haßte wie ich. Und da« war eigentlich der Anfang unserer Freundschaft gewesen. Schon al« wir als Fähnriche bei demselben Regiment standen —" „Muß das miterzählt werden?" fragte Heller. „Na, meinetwegen nicht. Jedenfalls stand bei mir fest: Aus dieser Parthie durfte nicht» werden, ä tout prix nicht! — Wenn ich je in meinem Leben 'ne dämliche und gnädige Visage aufgesetzt habe, dann an diesem Abend. Und die Andern dabei so in Stimmung, so--natürlich, 's war ja 'ne Verlobungsfeier! Ebenso natürlich hatten die Ditto'r ihm erzählt, in welcher Verfassung sie mich in aller Frühe gefunden hätten. Aber meinen Sie, ich wäre auf seine An» zapfungen eingegangen? — Ging's denn die Ditto» 'was an, wie viel Nächte ich durchkneipte? — Sagte dsßhalb kurz ab, ’s wäre mir auf dem Zimmer zu warm gewesen, und so 'war machte ich öfter." (Schluß folgt ) VermEchtes. Aus den FliegendenBlättern. — Vor Gericht Richter (zum Angeklagten): „Sie sind wegen einer, Ihrem College» gegebenen Ohrfeige zur Zahlung von zehn Marl Strafe verurtheilt I" — Angeklagter: „Darf ich, Herr, die zehn Mark nicht ratenweis zahlen?" — Richter: „Nein! Sie haben ihm die Ohrfeige auch nicht ratenweis gegeben I"-- Theorie und Praxis- A.: „Was wirst Du nun mit dem vielen Gelbe anfangen, das Dir Dein Buch gegen die Ehe eingebracht hat?" — B.: „Ich werde meine Anna hei« rathen!"--Unmodern. '„- . . Und weßhalb bezweifelst Du, daß Frau Schwarz gebildet und au» feiner Familie?" — „Ich bitte Dich — eine Frau, die jahraus, jahrein gesund ist!"--Immer im Beruf. Gerichtsrath (zu seiner Tochter): „Wenn Du Dein Benehmen gegen die Herrenwelt nicht änderst, so wirst Du in erster, zweiter und dritter Instanz sitzen bleiben!" ♦ Neueste Methode zur Anfertigung moderner Damen- kleidet. Man nehme den Stoff zu zwei Röcken und mache daraus die Aermel; dann nehme man den Stoff zu einem Aermel und mache daraus den Rock. • * Trübe Ahnung Junge Frau: „Heute habe ich Dir eine selbst erfundene Speise eigenhändig bereitet! . . . Aber, warum blickst Du so ernst?" — Mann: „Ich erwarte „dar jüngste Gericht!"" Literarisches Die ältesten Handarbeiten der Welt sind die ägyptischen Mützen, die man in den Pyramidengräbern fand. Sie sind in einer Flechttechnik hergestellt, die sich noch in der ruthenischen Hausindustrie und in zwei kroatischen Dörfern erhalten hat.. Im eben erschienenen Heft 13 der „Wiener Mode" beginnt ein Cursus über diese hoch' interessanteste Handarbeit, bei deren Anwendung durch Herstellen eines Stückes ganz von selbst ein zweites entsteht. Dasselbe Heft enthält außerdem weit über 100 practische Garderobestücke für die Frühjahrs- Saison und stilvolle Handarbeiten. Mit diesem Hefte, das in allen Buchhandlungen zur Ansicht ausliegt, beginnt ein neues Abonnement. Preis per Quartal 2 Mk- 50 Pfg. Die musikalische Erziehung bildet heutzutage einen so wichtigen Factor in der modernen Bildung unserer Jugend, daß alle Eltern und Erzieher ihr Augenmerk darauf richten sollten, auch in dieser Hinsicht die rationellsten pädagogischen Hilfsmittel in Anwendung zu bringen. Als ein solches erweist sich als ganz besonders zweckdienlich und fördernd die von uns schon, öfters empfohlene „Musikalische JugeNdpost’ (Verlag von Carl Grüninger in Stuttgart), ein Organ, das es vortrefflich versteht, den Kindern in erster Linie Lust und Liebe und das richtige Berständniß für die zu erlernende Kunst beizubringen. Selbst Erwachsene müssen dem frischen, gesunden Inhalt der „Musikalischen Jugendpost" Geschmack abgewinnen. Gewiß aber hat die musikalische Jugend ihre helle Freude an den hübsch illustrirten Gedichten, Erzaip lungen, belehrenden und unterhaltenden Artikeln und den vielen mi Geschick gewählten Clavierstücken und Liedern. Jedes Vierteljahr bringt 24 Seiten solcher Musikbeilagen. Der Preis beträgt nur Mk. 1,50. — Probenummern versendet der Verlag auf Verlangen kostenfrei. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfiMS-Buch- und Steindriickerei (Pietsch & Schehda) in Gießen.