UntechaUungsdlatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). 6 1 Donnerstag den 5. März ------ .'■■!'1.-— ' -------■ ■ ".. '!.....>. —. Schwester Ilse. Roman von Clarissa Lohdr. (Fortsetzung.) Käthe sah ihn von der Seite an; sie fand, er sehe bleich und verstimmt aus. Aber sie mochte nicht weiter fragen, sondern schritt schweigend mit ihm die Reihen der Säle entlang, bis sie in einem von ihnen die Geheimräthin ermüdet auf einem Sopha fanden, während Elly ihnen etwas verdrießlich zurief: „Aber bleibt Ihr lange! Mama ist schon ganz schwach; wir wollen doch bei Bauer Kaffee trinken —* «Die Tante hat ja nur zu befehlen," sagte Axel artig und bot der alten Dame seinen Arm, um ste hinaus zu führen. Doch war es nicht leicht, einen Platz zu finden. Erst als man eine Weile dem Strome der Lustwandelnden gefolgt war, gelang es Axel, einen eben frei gewordenen Tisch zu sichern. Kaum hatten sie sich gesetzt, als ein Herr von einem der Nebentische aufsprang und zu ihnen trat, um ihn zu begrüßen. Es war ein College Axels, Doctor Schimmer, der mit ihm im Auswärtigen Amt arbeitete und auch den Damen bekannt war. „Gestatten Frau Geheimräthin, daß ich einen Augenblick mich zu Ihnen fetze?" wandte er. sich artig zu der alten Dame. „Sehr angenehm, Herr Doctor." „Gut, daß ich Sie hier treffe, Menzelen," wandte er sich sogleich zu diesem, seinen Stuhl an dessen Seite schiebend. „Komme geradewegs von Josty, wo ich mir erlaubt habe, ein Zeitungrblatt, natürlich mit Bewilligung des Oberkellners, für Sie zu escamotiren. Die neueste Nachricht von Gatters- berg —" Axel wechselte die Farbe. „Hoffentlich keine schlechte?" „Im Gegentheil; aber Sie werden baff sein. Der Herr Baron Wolf liebt, wie es scheint, die Welt stet» auf eine ganz besondere Art in Erstaunen zu versetzen. Er, der ver- muthlich Sterbende, schlägt dem Tode plötzlich ein Schnippchen und, verwundern Sie sich nicht zu sehr, zieht er vor, statt des häßlichen Sensenmannes ein junges, hübsches Weib zu umarmen." „Also doch," riefen die Damen wie aus einem Munde. „Erklären Sie sich deutlicher," sagte Axel, der noch im Zweifel war, ob nicht Alles eine Mystifikation fei. „Der Kranke, kaum erst in der Reconvalescenz sich Befindende, sollte an's Heirathen denken? Unmöglich, welch' Mädchen würde sich zum Eingehen solcher Ehe entschließen? Keine jedenfalls, die der stolze Wolf geneigt sein könnte, zur Baronin von Menzelen und Schloßherrin von Gattersberg zu machen." „Elly hatte heute schon von der Eoa von Strach von so etwas gehört," warf die Gehetmräthin ein; „ich nahm es jedoch für ein leeres Geschwätz, über das gar nicht weiter zu reden sei —" «Und doch muß dieses Geschwätz wohl auf Wahrheit beruhen," fuhr Doctor Schimmer fort und nahm ein Zettungs- blatt aus der Tasche, das er Axel hinüberreichte. «Lesen Sie selbst! Die unglaublichste Geschichte, die ich je gehört habe." * Axel faltete das Blatt auseinander und las halblaut den Hochaufhorchenden vor. „In dem nahen Gattersberg wird in bett nächsten Tagen die Vermählung des Barons Wolf von Menzelen mit dem uns Allen wohlbekannten Fräulein Ilse von Bellin oder besser Schwester Ilse stattfinden. Wie erinnerlich, befand sich Baron von Menzelen infolge seiner schweren Verwundung im Duell mit dem eigenen Vetter hier in unserem Badeort bei Doctor Balzer in Behandlung. Fräulein von Bellin, die, obwohl zur Krankenpflegerin in Berlin ausgebildet, bisher nur privatim in ihrem Heimathsorte ihrem freiwillig erwählten Berufe nachgegangen war, entschloß sich, da keine andere Pflegerin zur Hand, auf die dringende Bitte des ihr besreun- deten Arztes dazu, die Pflege des Schwerverwundeten zu übernehmen. Am Krankenbette ist dann der Herzensbund geschloffen worden, der demnächst durch unfern trefflichen Pastor Seiffard, den nahen Freund der Familie Bellin, eingesegnet werden wird." „Nun?" fragte Doctor Schimmer, als Axel geendet hatte. „Was sagen Sie zu diesem Streiche des Herrn Vetters?" „Streiche?" wiederholte Axel, jetzt aufblickend. „Seltsam klingt allerdings die Kunde, doch begrüße ich sie auf alle c— j.06 ”** Fälle mit Freuden. Sie ist mir das deutlichste Zeichen, daß Wolf auf völlige Wiederherstellung hofft, was bisher immer noch zweifelhaft war." „Aber die Erbschaft," warf Schimmer lachend ein. „Denken Sie denn gar nicht an die Erbschaft, die Ihnen durch die Heirath vielleicht ganz entschlüpfen kann?" „Damit, wiffen Sie, habe ich mich ja schon abgefunden, als das Testament des Onkels eröffnet wurde und ich wußte es ja auch schon eigentlich vorher." „Sie sind ein Philosoph, lieber Baron, und setzen sich über das Unabwendbare mit Anstand fort. Ich weiß nicht, ob ich an Ihrer Stelle so restgnirt sein könnte." „Ich verstehe nicht, wie man anders darüber denken kann," entgegnete Axel etwas abweisend. „Die Welt und meine Freunde wohl gar auch scheinen mich infolge des unglücklichen Duells für einen ganz rücksichtslosen Glücksjäger zu halten; man glaubt, mir sei es allein um die Erbschaft des seligen Onkel zu thun gewesen und nur deshalb habe ich dem bevorzugten Erben eine Kugel durch die Brust gejagt. Daß dieses Gerede nun doch endlich aufhören muß, da Wolf sich anschickt, eine Familie zu gründen, ist Anlaß genug, mich über die Nachricht zu freuen, so wenig mir auch sonst die Person des Vetters selbst nahe steht." „Das begreife ich vollkommen," rief Käthe und drückte Axel warm die Hand. „Ja, wir begreifen es Alle," stimmte nun auch die Geheimräthin zu. „Auch wir haben von jeher wenig für den hochmüthigen Wolf, der uns sehr links liegen ließ, übrig gehabt; aber gerade, weil Du uns besonders nahe stehst, stimmen auch wir in Deinen Wunsch von Herzen ein, daß diese Sache, die auf den Namen Wenzelen einen Schatten zu werfen drohte, aus der Welt geschafft werde." Damit wurde das Thema fallen gelaßen und die kleine Gesellschaft brach bald wieder auf, um in die Ausstellungssäle zurückzukehren, dieses Mal in Begleitung Doctor Schimmers, der an der Seite Elly« sich hielt und mit ihr eins Plänkelei lustiger Neckereien anfing, die durch das gemeinsame Betrachten der Bilder immer neue Nahrung gewann. „Ja," rief er, mit ineinander gefalteten Händen vor einem, zwei alte, im Kartoffelfelds hackende Weiber darstellenden Gemälde stehen bleibend, „wenn ich nur wüßte, wer stch solch' Bild kaufen und seine Wohnung damit schmücken möchte I" ELy lachte. „Das müssen Sie Käthe fragen! Solch' ein Bild würdigen zu können, dazu gehört eben ein so feiner Kunstverstand, wie fie ihn besitzt; wir sind zu dumm dazu." „Ihre Fräulein Cousine ist Malerin von Fach?" „Ja und eine ganz bedeutende. Sie malt jetzt Axels Braut, die schöne Miß Graham, und das Bild wird gut." „Ah, dann gratulire ich, obwohl ich im Grunde wünschte, die Damen würden nicht so furchtbar ernsthaft." „Ernsthaft, wie meinen Sie das?" „Nun, wer eine Kunst als Beruf erwählt, muß sie ernsthaft nehmen, nicht wahr, gnädiges Fräulein ? Doch haben die Damen, die wie die Lilien sich selber schmücken und die Sorge für ihre Zukunft dem stärkeren Geschlechte überlassen, bedeutend mehr Charme für uns. Wir armen Männer müssen ja heutzutage schon über die Maßen uns plagen; sollen das die Frauen nun auch noch thun, dann würden Poesie und Schönheit wohl bald ganz aus der Welt flüchten." „Ja," mischte sich Käthe, welche die letzte Aeußerung Doctor Schimmers gehört hatte, jetzt ein, „wenn nur die Männer wirklich für die Lilien, die sich selbst schmücken, sorgen und die Noth des Lebens von ihnen fernhalten wollten. — Leider aber thun fie das nicht, sondern das Geld spielt bei jeder Heirath die Hauptrolle." „Sie trauen uns Männern doch zu wenig zu," verthek- digte sich Doctor Schimmer. „Wer wahrhaft liebt, wird nach Geld nicht viel fragen." „Wenn er es hat. Sie werden jedoch zugeben, daß man stch lieben und doch nicht heirathen kann." „Unter Umständen allerdings." „Da der Mensch nun einmal nicht Herr der Umstände fi, unter denen er zu leben gezwungen ist, werden Sie den Frauen wohl gestatten müssen, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten und stch selbstständig zu machen, auf die Gefahr )in, den Charme für die Männer, die ihnen ja doch weder seifen wollen noch können, zu verlieren." Axel, der sich die ganze Zeit sehr schweigend verhalten hatte, fragte die Tante jetzt, ob sie ihm gestatten wolle, sich u verabschieden. Er habe noch einen Besuch bei seiner Braut vor und fürchte, sie zu stören, wenn er zu spät käme. Schimmer würde ja wohl die Cavalierdienste, die er bisher geleistet habe, gern auf sich nehmen. „O, auch ohne Doctor Schimmer bist Du vollständig tel Wir wußten ja, daß Du nicht spät hierbleiben wolltest und sind seit langem schon gewöhnt, des männlichen Schutzes zu entbehren." Doctor Schimmer äußerte sich sehr beglückt, daß die Damen stch seiner Leitung anvertrauen wollten. Axel verabschiedete stch. Käthe sah dem Davoneilenden lange mit theilnahmsvollem Blicks nach. „Ich fürchte, ich fürchte," wandte sie stch mit bekümmerter Miene zu der Tante, „die Nachricht von Wolfs Verhei- rarhung wird Axels Verhältniß zu feiner Braut und deren Mutter nicht verbessern." „Du magst Recht haben," stimmte diese zu, „die Hoffnung auf die Erbschaft ist damit vorläufig wenigstens in weite Ferne gerückt, wenn nicht gänzlich vernichtet. Aber es ist gut, daß es so gekommen ist. Nun muß sich die Situation doch endlich für Axel klären, sich endlich zeigen, ob die schöne Amerikanerin ihn wirklich liebt. Beruht aber die Verlobung ihrerseits nur auf einer Speculation, nun, dann verlöre Axel nichts an dieser Fremden, von der ich so wie so bezweifle, ob sie sich je in deutsche Verhältnisse wird finden können." VIII. Adeline lehnte in einem weißseidenen, mit kostbaren Spitzen überrieselten Negligee auf der Chaiselongue im Erker und schaute, den Kopf in die Hand gelegt, hinaus auf die sich weit dehnende Straße mit den schon hier und da aufblitzenden Laternen, den rollenden Wagen und Pferdebahnen und den ganzen nervenerregenden Lärm der Großstadt. „Ich werde hier noch wahnsinnig," rief sie in englischer Sprache mit einer leichten Kopsbewegung zu Mrs. Graham hin, die im eleganten, strammsitzenden Hausanzugs aus weichem, grauem Sommerstoff eben damit beschäftigt war, eine Stickerei, an der sie gearbeitet hatte, der einbrechenden Dunkelheit wegen zusammenzulegen. „Ich bitte Dich, Mutter, laß uns fort aus Berlin oder ich stehe Dir nicht gut dafür, daß irgend etwas passtrt." „Adeline, sei kein Kind!" mahnte die Mutter, mit leichtem, elastischen Schritte an die Seite der Tochter tretend. Der durch das Erkerfenster fallende Abendschein umstrahlte ihre schlanke, noch jugendliche Gestalt, die Linien des feinen, fesigezeichneten Antlitzes, aus dem ein Paar dunkle Augen so kalt und starr blickten, als hätte nie ein wärmeres Gefühl darin gelebt. „Ach, wäre ich noch ein Kind," seufzte Adeline auf, „dann läge das Leben noch vor mir. Jetzt, wenn ich dieses Axels Frau werden muß, dieses correcten, die Form über Alles stellenden Diplomaten, ist es rettungslos verpfuscht. Ich werde unglücklich an seiner Seite, glaube es mir, Mutter." „Das hättest Du eher bedenken sollen," entgegnete Miß Graham verweisend. „Du kennst unsere Verhältnisse. Es war Dein Wunsch, nach Europa zu gehen und hier Dein Glück zu suchen." „Weil ich als armes Mädchen in New-Pork unter den reichen Verwandten nicht in Abhängigkeit leben mochte," stieß Adeline heftig hervor. „Ja, ich hoffte, hier mein Glück zu finden; aber es verstnkt, entschwindet in Nichts, ehe ich es nur gefaßt habe." - 10t - „Zur festen Gründung eines Glückes gehört vor Allem Geduld, die Dir leider fehlt." „Als ob ich durch Geduld einen Mann lieben lernen könnte, der mir mehr noch als unsympathisch, der mir lang„In Kisfingen, als Du Axel kennen lerntest, sprachst Du anders. Da wandtest Du alle Dir zu Gebote stehenden Künste auf, ihn an Dich zu fesseln." „Ja, damals war Vieles nicht so, wie es heute ist." „Im Gegentheil. Axel ist jetzt eine bessere Partie als früher, seit er Aussicht hat, der Erbe großer Besitzungen zu werden." „Ich bitte Dich, Mutter, schweige davon," fuhr nun Adeline nervös auf. „Gerade das, jenes unselige Duell hat mich gänzlich von ihm gelöst. Als er mir an jenem schreck- lichen Tags die Mittheilung von Wolfs tödtlicher Verwundung machte und mir dabei verrieth, daß der tiefere Grund zu dem Zusammenstoß zwischen ihnen nicht in der von Wolf zum Vorwande genommenen Beleidigung seiner Mutter zu suchen sei, sondern in der Eifersucht, daß er, Axel, in meinem Herzen über ihn gesiegt, da wußte ich, daß ich in thörichter Verblendung mein eigenes Glück verscherzt hatte. O, wenn ich es geahnt hätte, daß Wolf seine Bewerbung ernstlich meinte!" „Da Du er aber nicht geahnt hast und es so gekommen ist," unterbrach Miß Graham sie herbe, „so bleibt Dir nichts, als in die gegebenen Verhältnisse Dich zu finden. Jetzt am wenigsten darfst Du Deine Verlobung auslösen. Weißt Du doch, was für uns auf dem Spiele steht. Mein Bruder hat nur auf Deine dringenden Bitten uns die Mittel zur Reife nach Europa gewährt; er hat feine Zustimmung zu Deiner Verheirathung mit Axel von Wsnzelen gegeben. Tretest Du jetzt wieder zurück, wie es ja leider schon öfters vorgekommen, da Deine Laune unberechenbar ist, so würde er seine Hand gänzlich von UNS abziehen. Dann bliebe Dir nichts, als nach New-York zurückzukehren und Dich entweder vom Onkel nach dessen Willen verheirathen zu lassen oder in irgend einem Boardinghouse von unserer kleinen Rente ein bescheidenes. Leben zu fristen." „Das nie, Mutter, das nie!" stieß Adeline erregt hervor. „Eher Alles, als das!" „Dann sei vernünftig und füge Dich! Sage Dir, daß Du es mußt und es wird gehen!" Adeline sank aufseufzend in ihren Stuhl zurück. „Ach, dieses Muß, wie ich es hasse!" Draußen schlug die Corridorglocke an; gleich darauf meldete die Jungfer den Assessor von Wsnzelen. Axel begrüßte Miß Graham mit einem Handkuß und eilte dann an Adelinens Seite, die ihm mit einem nachlässig müden Ausdruck die Stirn zum Kusse bot. „Lasse Dich ja nicht in Deiner Ruhe stören," sagte er galant. „Ich setze mich an Deine Seite und wir plaudern ein wenig. Käthe war ganz traurig, daß Du ihr die Sitzung abgesagt hast; sie ist so eisrig bei Deinem Bilde!" „Mein Himmel, Du weißt, das Sitzen ist mir eine wahre Pein," entgegnete sie verdrießlich, „und nun gar mit schwerem Kopf." „Aber Du selbst wünschtest ja doch so sehr, von Käthe porträtirt zu werden und ich freue mich, daß es dazu gekommen ist. Denn sie hat Dich so vorzüglich aufgefaßt, wie wohl keiner der großen Meister er besser machen könnte." Dabei war er aufgestanden und hatte das Tuch von dem angefangenen Bilde entfernt, das neben dem Erker auf einer Staffelei stand. Die Aehnlichkett war unverkennbar: der schöne, mädchenhaft weiche Kopf mit dem üppigen, leicht gewellten, aschblonden Haar, den wunderbaren, lichtbraunen Rehaugen, die so eigenthümlich verlangend in die Welt schauten — das war Adeline und doch war sie es auch nicht. Die Künstlerin hatte in diese schönen Formen viel von dem eigenen Empfinde» hineingelegt oder das, was sie diesem schönen Menschengebtlde in ihrem Herzen als Besitz wünschte. Zum ersten Mal, als Axel jetzt vergleichend von Adeline auf ihr Bildniß schaute, empfand er es peinlich, daß ihr Ausdruck nicht so herzgewinnend war, wie Käthe ihn dargestellt hatte. „Du bist ja ganz verliebt in mein Conterfei," spöttelte sie, „oder bist Du es in die Malerin und deren Kunst?" „O, nicht so," wehrte Axel. „Zum Spotte ist dar Bild und ist Käthe doch zu gut." „Ja, ja, die Käthe ist eine Noli me tangere für Dich," fuhr sie dennoch unbeirrt in demselben Tone fort. „Eigentlich begreife ich nicht, warum Ihr Beide, die Ihr so für einander schwärmt, Euch nicht längst gesunden, warum Du es nicht vorgezogen hast, Dich mit ihr statt mit mir zu verloben." Seine Stirne runzelte sich ein wenig. „Hoffentlich ist Dir das nicht leid!" „Im Gegentheil, es schmeichelt meiner Eitelkeit, daß Du mich ihr vorgezogen hast. Aber begreifen kann ich es nicht, wie zwei Menschen so Kindheit und Jugend im vertrautesten Verkehr zusammen verleben konnten, ohne sich sterblich in einander zu verlieben. Ihr müßt doch gewaltig kühle Naturen sein." „Habe ich Dir das bewiesen?" „Nein - ja — Beides, Axel, Beides. Jedenfalls herrscht die Kühle bei Dir vor." „Das heißt, meine Wärme ist nur für Eine vorhanden." Er sah sie dabei mit einem Blicke an, aus dem nun doch etwas aufflammte, das mehr als Wärme, ja, eine heiße Leidenschaft verrieth." „Und Fräulein Käthe - für wen hegt sie Wärme im Herzen?" , , ' t „Vorläufig wohl für Niemand," entgegnete Axel abweisend. Die Jugendfreundin stand ihm zu hoch, um sie in dieser Weise als Unterhaltungsstoff zu benutzen. „Und doch sieht sie so aus, als ob sie sich leicht für irgend Jemand begeistern könnte." „Dieser Jemand ist vorläufig die Kunst." „Für ein so hübsches Mädchen wie Fräulein Käthe ist diese Begeisterung doch zu abstract." „Verzeih', wenn ich Dir auf diese Bemerkung nur antworten kann: Du verstehst eben eine Natur wie die Käthes nicht. Gerade, weil sie so begeistert für ihre Kunst ist, findet sie auch vollen Ersatz für alles Andere darin, ja, die Liebe zu einem Manne würde sie in ihrer Entwickelung nur stören. Wir Beide waren allezeit Kameraden, zwei treue Kameraden, die Leid und Freude gern miteinander theilten und so wird es bleiben, so lange wir leben, und ich hoffe, meine liebe Frau wird dereinst auch so denken und ihr eine treue und liebe Freundin werden." Adeline blickte den Verlobten mit halbem Lächeln an. Dann sprang sie von ihrem Sitze empor und stellte sich hoch aufgerichtet an Axels Seite, in ihrer schlanken Schönheit ein Bild des Lebens und der Lust, das begehrende und begehrte Weib, ganz im Gegensatz zu dem Bilde, das er eben von seiner herben Jugendgefährtin gegeben, die in ihrem Streben nach selbstständiger Bethätigung jenen Reiz, der so verlockend für die männliche Natur ist, abgestreift hatte. In aufwallendem Gefühl umschlang er sie und preßte sie an sein Herz. Sie ließ es sich gefallen, doch nichts in ihr kam dem warmen Gefühle entgegen, das ihn durchströmts- „Doppelt erfreue ich mich heute des Glückes Deine» Besitzes, Geliebte," flüsterte er ihr zärtlich in'S Ohr, „und auch Dir wird'S erfreulich fein, zu hören, daß kein Schatten eines Geopferten mehr zwischen uns steht. Freilich, Deiner Eitelkeit wird die Neuigkeit, die ich Dir mitzutheilen habe, einen kleinen Stoß versetzen. Der vor wenigen Monaten noch in keckem Wagemuth um Deins Gunst buhlte, der wie ein Vernichteter vor mir stand, als ich ihm unsere Verlobung mit- theilte, hat sich nun doch rascher getröstet, al» ich und Du e« ahnen konnten, als ich es vor Monaten noch für möglich gehalten hätte. Um kurz zu fein, Wolf heirathet oder ist bereits verheirathet I" Ein Aufschrei der Ueberraschung, wie er meinte, dann ein Helles Auflachen war die Antwort Adelinen» auf diese Mittheilung. (Fortsetzung folgt.) - 1U8 =a Kelehrung üdir die ersten Anzeichen deginnender Lungen- schwindsucht und Mahnung zu deren Keachtnng. Die Lungenschwindsucht ist eine der am weitesten ser- breiteten Krankheiten. Eine außerordentlich große Zahl von Menschen fällt ihr alljährlich zum Opfer. Da die Krankheit, vorausgesetzt, daß rechtzeitig dagegen eingeschritten wird, in der Regel heilbar ist, so würden solcher Opfer viel weniger sein, wenn die Erkrankten ihr Leiden schon im ersten Anfänge erkennen und alsdann die zum Zwecke der Heilung erforderlichen Maßnahmen ergreifen würden. Um dies zu ermöglichen, dazu soll die folgende Belehrung dienen. I. Im Allgemeinen kündigt sich beginnende Lungenschwindsucht durch Husten an. Zwar hat keineswegs jeder Mensch, der hustet, Lungenschwindsucht; Husten ist vielmehr eine Begleiterscheinung jeder Erkältungskrankheit, sowie mancher anderer Krankheiten der Lungen und der übrigen Athmungs» Werkzeuge. Es braucht deßhalb noch nicht Jeder, der einmal von Husten befallen wird, in Sorge zu gerathen, daß er mit Lungenschwindsucht behaftet sei. Wer aber bei jeder Gelegenheit zu Husten neigt, und zwar zu Husten, der trotz angewandter Vorsicht wochenlaug anhält oder wer dauernd den Reiz zu trockenem Hüsteln oder dauernd die Neigung zur Heiserkeit hat, der soll der Sache sogleich die größte Aufmerksamkeit zu schenken. Dies gilt besonders dann, wenn sich neben solchem Husten die Neigung zu leichterem Ermatten oder eine früher ungewohnte Kurzlustigkeit bei der Arbeit oder beim Treppensteigen einstellt, oder wenn Schmerzen und Stiche bald in der Brust, bald zwischen den Schulterblättern auftreten oder wenn Verlust des Appetites oder trotz guter Speiseaufnahme erhebliche Abnahme des Körpergewichtes bemerkbar wird, oder wenn der Körper während des Schlafes leicht in Schweiß geräth oder sich Abends leichte Fieberschauer einstellen, oder wenn Auswurf — auch ohne viel Hustenbeschwerden — hinzutritt, oder wenn dem Auswurfe irgend welche Mengen Blutes, mögen sie auch noch so gering sein, beigemischt sind. Da die Lungenschwindsucht auch oft mit einer Lungenblutung beginnt, ohne daß der Kranke vorher erheblich von Husten gequält ist und ohne daß er verhindert gewesen wäre, seiner Beschäftigung nachzugehen, ist jedes Blutspucken al« eine ernste Krankheitserscheinung zu behandeln. II. Erhöhte Bedeutung gewinnen diese Erscheinungen bei Personen mit schwächlichem Körper. Die Schwäche des Körpers kann angeboren sein. Personen, deren Eltern bereits an einer Lungenkrankheit gelitten hatten, find oft mit solcher angeborenen Schwäche behaftet; aber auch bet solchen Personen trifft das nicht zu, deren Eltern mit einer anderen, den Körper aufreibenden Krankheit, wie z. ,83. Krebs behaftet waren, oder dem Trünke ergeben waren. Eine Schwächung des Körpers, die das Eintreten der Lungenschwindsucht befördert, kann aber auch später erworben werden. Jede Krankheit, die eine längere Zeit währt, schwächt den Körper; es gibt aber eine Anzahl von Krankheiten, die besonders leicht Lungenschwindsucht im Gefolge haben. Dahin gehören von Erkrankungen der Lungen und sonstigen Athmungswerkzeuge: Grippe, Rippenfellentzündung, jede Art von Katarrh und Lungenentzündung; von anderen Krankheiten besonders: langdauernde Magen- und Darmkatarrhe, Bleichsucht, Scharlach, Masern und Keuchhusten, sowie alle skrophulösen Leiden (Drüsenanschwellungen und Augenentzündungen). Auch das Wochenbett läßt in manchen Fällen die Neigung zur Lungenschwindsucht zurück. Eine Schwächung des Körpers und mit solcher die Neigung zur Erkrankung an Lungenschwindsucht wird außer durch Krankheit aber auch durch eine Reihe anderer Ursachen hervorgerufen. Als solche sind besouders hervorzuheben: dumpfe, feuchte, des Sonnenlichtes entbehrende Wohnungen, mangelhafte oder unzweckmäßige Ernährung, Beschäftigungsarten, bei denen eine starke Staubentwickelung verursacht wird. Außerdem gilt dies in besonderem Grade auch von dem reichlichen Genüsse geistiger Getränke. (Schnapstrtnker gehen in außerordentlich großer Zahl an Lungenschwindsucht zu Grunde!) III. Allen Personen, welche die unter I. beschriebenen Erscheinungen an sich wahrnehmen, und zumal solchen, die sich bei eingehender Ueberlegung sagen müssen, daß die eine oder andere der unter II. bezeichneten Voraussetzungen, welche der Lungenschwindsucht im Körper den Weg ebnen, bei ihnen vorliegt, ist auf das Dringendste anzurathen, einen Arzt zu Raths zu ziehen. Sie dürfen damit nicht zögern, bis die Erscheinungen der Krankheit sie hinfällig und kraftlos machen. Hat die Lungenschwindsucht den Körper erst in diesem Maße überwältigt, so ist Genesung nur schwer, in vielen Fällen gar nicht zu erreichen. Also nochmals: gleich beim Auftreten derjenigen Anzeichen, die auf den Beginn der Erkrankung an Lungenschwindsucht schließen lassen, ist ärztlicher Rath einzuholen! Sorglose» Außerachtlassen der Anfangserscheinungen der Krankheit kosten alljährlich vielen Tausenden Genesung und Leben! Im Anschluß an das Gesagte soll noch darauf hingewiesen werden, daß die Vernichtung de» Auswurfs von Lungenschwindsüchtigen wichtig ist. Selbst der Auswurf von Personen, welche der Lungenschwindsucht nur verdächtig sind, ohne daß die Krankheit bei ihnen nachgewiesen ist, muß unschädlich gemacht werden. Der Auswurf darf deßhalb nicht auf den Boden der Wohnung, oder der Arbeitsräume oder sonstiger Zimmer, äuch nicht auf Straßen und Wege entleert werden. Ebensowenig darf in Taschentücher gespuckt werden. Zur Aufnahme des Auswurfs sollen nur mit Wasser halb gefüllte Spucknäpfe oder kleine, dafür besonders eingerichtete Taschenfläschchen verwandt werden. Diese Gefäße müssen täglich ausgespült werden. Der Inhalt der Spucknäpfe und Fläschchen ist, wenn sich dazu Gelegenheit bietet, durch Feuer zu vernichten, wenn dar aber unausführbar ist, vorsichtig in den Abort zu schütten. Wenn diese Vorsichtsmaßregeln betreffs des Auswurfs beachtet und auch sonst in allen Stücken peinliche Sauberkeit in den Räumen, welche Lungenkranke benutzen, bewahrt wird, so ist die Gefahr der Uebertragung der Krankheit auf gesunde Personen sehr gering und die Lungenkranken brauchen alsdann nicht lieblos gemieden zu werden. Aber die Beobachtung der angeführten Maßnahmen ist für den Verkehr lungenkranker Personen mit anderen unerläßlich und darum müssen es sich die Lungenkranken selbst mit Sorgsamkeit angelegen sein lassen, sie in Anwendung zu bringen. Vorstehende Ausführungen sind von der Hanseatischen Versicherungsanstalt in Lübeck zusammengestellt worden. Leipzig, im Januar 1896. Die Vereinigung zur Fürsorge für kranke Arbeiter. Gsrnsinnirtziges. Dicke Bohnen nach westfälischer Art. Die weißen Bohnen stellt man mit kaltem weichem Wasser auf und läßt sie langsam zum Kochen kommen. Alsdann gießt man das Wasser ab und füllt wieder flaltes Wasser auf die Bohnen. Fangen sie an zu kochen, so gibt man eine Messerspitze doppelkohlensaures Natron daran. In einer Kasserole wird Butter, Fett oder Speck mit gehackter Zwiebel, Petersilie, Salz, Pfeffer und etwas Mehl geschwitzt, die Embrenne mit Wafler oder Fleischbrühe angegossen und mit Essig abgeschmeckt. In diesem Beiguß werden die abgegossenen Bohnen aufgekocht und angerichtet. Btebactlon: A. Schehda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfltätS-Buch- und Stemdruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.