Untechaltungsdlatt MM Gießener Anzeiger (General-AnMer). smiltskßlsttek h ! W Vai Z '* 'V. f ' ,-2=£--& MM xMM Mß^W »eSSSS Sg-®%a UMM fäss^a Gesühnt? Novelle von Zos von Reuß. (Schluß.) „Armes Kind, ich habe unselig in Dein Leben eingegriffen und es aus seinen Bahnen geschleudert/' sagte Mülverstedt mit jener Selbsterkenntniß, die zuweilen dem Tode vorherzugehen pflegt. „Kannst Du mir verzeihen!" „Laß, ich bitte!" wehrte Dora ab. Dann setzte ste nachdenklich und reif hinzu: „Ich glaube, daß unser Schicksal nur die Wirkung unabwendbarer Gewalten ist, welche unsere inneren Bedingungen über uns bringen." „Es ist kalt — mich friert . . Dora erschrack. „Willst Du in's Haus zurückkehren?" frug ste ahnungsvoll; denn ste glaubte plötzlich einen eiskalte« Hauch von wehenden Geistesflügsln zu spüren. „Nein, das Athmen ist hier leichter." Die Gattin zog nun die wärmende Seidendecke höher herauf und glättete sorgsam die Falten, daß sie sich weich und mollig um die Leidensgestalt des Geliebten schmiege. Dann saßen sie noch eine Weile Hand in Hand und blickten der geschiedenen Sonne nach. Und der gegenseitige Druck drang bis in die innerste Seele hinein und die übervollen Empfindungen der Herzen strömten einander zu. So kam die Nacht heran, die letzte für Mülverstedt. Anderen Tag« hatte ein durch die kranke Lunge veranlaßter Blutsturz seinem Leben ein Ende gemacht. XV. „Es ist schrecklich, daß wir uns so wiedersehen, Dora, ganz schrecklich!" sagte Schwester Therese vierzehn Tage später weinerlich. „Als Dich Wülpern heirathete, glaubten wir aus allen Sorgen zu sein. Es war eine noble Hochzeit — ste konnte gar nicht schöner fein- Du — weißt es wohl gar nicht mehr?" „Erzähle mir vom Vater 1" sagte Dora dringend, die bleich wie der Tod und in tiefer Trauerkleidung in der alten Häuslichkeit neben der Schwester auf dem Sopha faß. „Ja so, vom Vater. — Du lieber Gott, er war nun einmal ganz auseinander über die Geschichte mit Mülverstedt und Dir. Aber Du bist ja immer sein Liebling gewesen und so blieb es auch trotz Deiner dummen Streiche und obgleich ich Alles für ihn that und viele Nächte nicht geschlafen habe. Ich weiß wohl, daß er Dich lieber um sich gesehen hätte, wenn er's auch nicht gesagt hat . . ." Dora vermochte ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten. „Warum bist Du auch nicht früher gekommen?" ließ Therese verdrießlich als Anklage hören. „Weil ich meinen Gatten nicht verlaffen wollte," erklärte Dora schroff. „Aber er soll doch gar nicht gut zu Dir gewesen sein. Und Wülpern war der reine Engel. Und Du hast ihn doch verlaffen und das Elend über uns gebracht. . . . Das Allerschlimmste ist nämlich -" „Nun? Was?" frug Dora ungeduldig. „Das kleine Vermögen, was der Vater erspart hat — ich sage Dir, es ist eigentlich erhungert — Du wirst nun auch Dein Theil davon verlangen — Dein zweiter Mann soll ja nichts als Schulden hinterlassen haben, wie die Leute sagen. Mülverstedt soll nächstens vom Gericht verkauft werden — ist's wahr?" „Allerdings!" „So weit ist es gekommen! Du lieber Gott, dann werde ich doch wohl unter fremde Leute gehen müssen — das halbe Erbtheil reicht nicht zum Leben. Und ich hätte mir's gern hübsch bequem gemacht — an Unsereins ist früher (niemals gedacht worden." „Behalte Alles — ich meine das Geld," sagte Dora aufstehend. „Laß mir nur die Porträts der Eltern und ein paar Andenken. Wie es auch fein mag — ich mache keinen Anspruch an die Hinterlassenschaft." „Ist bas Dein Ernst, Dorchen?" frug Therese freudig überrascht. „Wovon willst Du denn aber leben, Kind? So verwöhnt, wie Du doch bist I" setzte sie hinzu, indem sie einen prüfend-bewundernden Blick auf die Trauerloilette warf, die trotz ihrer Einfachheit von Eleganz und Geschmack zeugte. „Ja, wenn Du mit Wülpern in gutem Einvernehmen geblieben wärst! Weißt Du, daß er auf der Hochzeitsreise ist? Er ist auch Commerzienrath geworden." Dora antwortete nicht. Noch ein einziger, langer Blick - 2S4 - auf die alten Sachen rings um sie her, die tausend Er« innerungen predigten. Da der einfache Schreibtisch des Vaters, dort der Großstuhl am Ofen, weichgepolstert und guterhalten und mit vielen blüthenweißen Deckchen bedeckt, hier die alte Wanduhr, deren sanftes Ticken Dora als kleines „junges" Mädchen oft in den Schlaf gelullt hatte, und deren lauter Glockenruf der Häuslichkeit des Rendanten viele Stunden be« scheidenen, friedenvollen Glückes verkündet hatte: Alles, Alles Wahrzeichen einer glücklichen Vergangenheit. Dennoch galt es sich loszureißen. „Es soll Dir Alles bleiben - Du hast ein Recht darauf," erklärte sie bestimmt, „wenigstens ein moralisches —" „Findest Du auch?" frug Therese erleichtert. „War mit mir werden soll? Noch weiß ich's nicht. Es ist auch einerlei - Dein Recht, ich will es Dir nicht schmälern. Leb' wohl, ThereseI" o . »So willst Du schon wieder gehen? Wieder nach Mülver« stedt? Bleibst Du noch lange dort?" frug Therese freund- Ucher. „Jedenfalls nur noch kurze Zeit. Lebe wohl!" Damit war Dora hinaus, um draußen auf der Straße den Wagen zu besteigen, der sie zum Besuch des Elternhauses nach Gröpelingen geführt hatte. Vor acht Tagen war Dora mit Mülverstedts Leiche aus Italien angelangt. Andern Tags hatte die stille Beisetzung in der Familiengruft auf dem alten Gottesacker stattgefunden. Traumhaft und eindruckslos waren die nächstfolgenden Tage an ihrem Geiste vorübergezogen. ... Erst die oberflächliche Frage, welche die practische Therese für die Schwester an die Zukunft gestellt, hatte Dora aus dem geistigen Schlummer geweckt, in welchen eine natürliche Schwäche nach einem Uebermaß der Gefühle sie sinken ließ. Ja, was sollte aus ihr werden? Sie fühlte, daß sie an einem Meilensteine ihres Lebens angekommen war, von dem aus allerlei Wege sich abzweigten. Aber es waren wohl rauhe, dornenvolle Pfade, und ihre armen Füße waren müde, müde vom Wandern. c Halb in Indignation, halb in Mitleid und Liebe hatte sie der Schwester das väterliche Erbtheil überlaffen. So klein es sein mochte — im Augenblick war es viel für Dora. Ja, sie war verwöhnt. . . . Aber es war Dora unmöglich gewesen, der vom Schicksal stiefmütterlich bedachten Schwester gegenüber ihr Theil zu nehmen, um so mehr, als sich Therese seit ^träum?hatte Alpern in den alleinigen Besitz hinein« D^a der Gedanke, Diaconissin zu werden, da i>aß ste sich in ihrer jetzigen Seelenstimmung zur Gesellschafterin absolut nicht eignen würde. Die Ausübung der Diaconie galt in den Kreisen, in denen sie zuletzt gelebt hat ^ durchaus für ladylike, selbst die Mode hatte ihren aft ??ran‘,,.3lber Re war nicht umsonst mit Liebe ver« wöhnt, hatte nicht selbst leidenschaftlich geliebt. Und wie die die Erzeugerin der edelsten Gefühle ist, macht sie ander« seits auch egoistisch; sie stammt nicht allein vom Himmel, sie ^V" ^?«dlmsch selbst, ein Kind der Erde. Die Menschen« genügte dem Herzen der jungen Frau b «iene Leidenschaft gekannt hatte. „O, hätte ich ein Kind! flüsterte sie immer wieder. a wanbette sie am Nachmittag nach Mülver« KÄ 5Ä N L 'S Es war ein letzter schöner Herbsttag mit broncegefärbter, wenn auch sturmzerzauster Blattfülle. Der Himmel erschien herbstlich feurig und buntfarbig, und auf der Dorfstraße tummelte sich spielend eine Ktndergruppe im Abendsonnenschein. Vor einem verwahrlosten Häuschen saß, einsam und aus« geschlossen von den Kameraden, ein ungefähr sechsjähriges Mädchen und hielt eine Puppe im Arm. ® ., ,r »Magst Du nicht spielen?" frug Dora unwillkürlich theilnehmend im Vorubergehen. 0. k Mer plötzlich bleibt die junge Frau stillstehen. Da» Kind dort, diese braunen Augen, sanft wie Blumensterne und leuchtend wie Himmelslichter, es ist Lenchen, ganz ohne Zweifel. Und da ist ja auch die Puppe noch, die ihr Dora geschenkt hat, zwar mit stark blesstrtem Kopfe, aber noch kenntlich an der Kleidung, die sogar leidlich erhalten ist. „Bist Du nicht Lenchen Meyer?" fragt Dora weiter. «Ja-" „Wo ist Deine Mutter?" „Todtgestorben." „Kennst Du mich?" Das Kind schüttelt stumm mit dem Köpfchen, hat sich aber unwillkürlich von seinem Steine erhoben und blickt freund« lich und bittend nach der schönen Dame hinüber, die trotz der schwarzen Kleidung so herzig und lieb zu ihm spricht. Zu« es Dora an die Hand, um ihr zu folgen. Und die bleiche, zunge Frau läßt er lächelnd geschehen, e« ist ihr wie ein Trost. „Gehst Du schon zur Schule?" fragt sie im Gehen. „Ja, seit Ostern." „Kannst Du schon lesen?" „In der Fibel und im Gesangbuch." Und wie um die Kunst zu zeigen, buchstabirt Lenchen nach dem Betreten der Friedhofes von dem nächsten Grabe ab: „Ru—he sanft." Dora überläßt das Kind seinem Schicksal, um sich nach der Familiengruft zu wenden, die den Geliebten umschließt. Innerhalb des Eisengitters sinkt sie weinend auf dem Grabe des letzten Sproßen Derer von Mülverstedt nieder. Der Tod hat es an sich, alle irdische Zuthat abzustreffcn; was uns an dem Lebenden verletzt, gekränkt, fällt ab, als wäre es nie gewesen. Auch von dem Geliebten war nur da» strahlende Bild zurückgeblieben, das einst ihr Herz bezwungen hatte. Als sie sich zum Heimweg wandte, empfand sie Schmer, und Verlassenheit doppelt. Lenchen erwartete sie an der Ausgangspforte, um sie nach Haufe zu begleiten — es geschieht wie selbstverständlich. Dora läßt sich im Gehen Allerlei erzählen, von dem schonen, kranzgeschmückten Sarge, den die tobte Mutter gehabt ^emtb daß Lenchen jetzt im Armenhause wohne und nächsten» die Gänse auf dem Gemeinde-Anger hüten solle. Dabei ist es fast Nacht geworden. Da — plötzlich rollt in raschem Trabe ein Wagen durch die Dämmerung heran. Die eleganten Jucker greifen schnell aus — sie scheinen zu wissen, daß es heimwärts geht — so schnell, daß es Dora kaum gelingt, sich auf die Seite der Dorfstraße unter den Schutz der Lindenbäume zu retten. „Doch hat sie Lenchen glücklich mit sich gezogen. Nur die Puppe, der Wechselbalg, ist den kleinen Händen entschlüpft. Aber Lenchen läßt sein Puppenkind nicht - sie reißt sich los, um es zu retten. Aber, o Schreck! — Sie stürzt nieder, der Huf des Pferdes, das Rad, ein lauter Wehe« schrei, der in Doras Ohren klingt: Alles ein Augenblick! Das Unglück ist geschehen; Lenchen liegt schwerverletzt am Boden, während der Wagen in schnellem Trabe weiter rollt. Der Vorgang ist nicht unbemerkt geblieben, trotz der hereinbrechenden Nacht. Von den Vorübergehenden tritt Einer zum Andern. „Was ist's?" - „Nun, das Kind ist überfahren." - „Wer hat's gethan?" - „Der aus Almenhausen." - „Der Commerzienrath?" - „Freilich, sie erwarten ihn heute zurück, er hat sich eine neue Frau geholt." Auch ein paar Arbeiter treten heran, die mit dem Wochenlohn direct aus der Kneipe kommen. „Ja, die Reichen fragen nach so was nicht- Das arme Wurm — es hat genug sein Leben lang," so klingt e» bunt durcheinander. „Lebt es denn noch?" Dora ist neben Lenchen niedergekniet und versucht mit ihrem Taschentuche das Blut zu stillen. Sie hat den Schleier tief h ihr h und \ fragt komm antwi stehen wenn zahle» Bote Kind neben gebett und währ: Com; schöpf Morx und Marx wesen äuge: erhall dem । unsre „die macht auf t Aben! hatte, „verr keiner vorzu trans die li kehre! für S Wun Denn öffne, einsai Besitz beieir wurd sie d! alten hinzu e» iß Auge sein Send unsch 2S5 - tief herabgezogen; im Verein mit der Dämmerung gelingt es ihr hoffentlich, sich unkenntlich zu machen. „Wollen Sie mir nicht helfen, die Kleine äufzuheben und in Sicherheit zu bringen, bevor es völlig Nacht wird?" fragt sie die Umstehenden. „Auch muß der Arzt sofort kommen." „Wer ist's denn eigentlich?" klingt es zurück. „'s ist die kleine Lene Meyer au« dem Armenhause," antwortet eine Frau, die das Kind erkennt. „Wer soll denn den Doctor bezahlen?" bemerkt ein Um» stehender, „'s wird auch nicht viel zu machen sein. Nun, wenn die Lene stirbt, braucht die Gemeinde nicht mehr zu bezahlen." „Eine Tragbahre sofort I" drängt Dora. „Und ein Bote zum Doctor!" ertheilt sie Befehl. „Ich nehme das Kind mit mir auf'» Schloß." XVI. Am andern Morgen saß Dora nach durchwachter Nacht neben dem eigenen Lager, in dem man das verwundete Lenchen gebettet hatte. Der Arzt war noch am Abend gekommen und hatte bedeutende Verletzungen constatirt. Dora hatte während der ganzen Nacht die vorgeschriebenen kalten Compreffen erneut und dem vom Blutverlust zum Tode er» schöpften Lenchen fortwährend starken Wein gereicht. Gegen Morgen war die kleine Patientin in Schlummer gesunken. In Doras Augen war kein Schlaf gekommen. Starr und unbeweglich blickte sie hinaus durch'« Fenster, dem Morgenlicht entgegen und über da« verfallene ländliche Heim» wesen hinweg, das nächstens unter den Hammer kommen sollte. Augenblicklich ward es noch mühsam und schleppend aufrecht erhalten durch ein paar alte Leute, Mann und Frau, die noch dem Erbonkel gedient hatten. Sie waren von Anfang an unfreundlich gegen Dora gewesen, da sie vom Hörensagen „die ganze Geschichte" kannten und sie dafür verantwortlich machten, daß sie nächstens bett Mätz würden verlassen müssen, auf dem sie alt geworden waren. Und daß sie ihnen gestern Abend noch da« Kind und damit Unruhe in's Hau« gebracht hatte, „in dem ihr kein Nagel gehörte", fanden sie vollend« „verrückt". Dora war auch die Mißbilligung ihrer Handlungsweise keineswegs entgangen und zwang sie, sich selbst die Frage vorzulegen, was mit Lenchen werden sollte, wenn sie wieder transportfähig fein werde. Es war ein trauriger Gedanke, die liebe arme Kleine wieder in's Gemeinde-Armenhaus zurückkehren zu sehen, wo sie unmöglich Mutterliebe fand. Wie glücklich würde Dora fein, wenn es gestattet wäre, für Lenchen zu leben — zum zweiten Male aber ward dieser Wunsch vereitelt, diesmal durch den Druck der Verhältnisse. Dennoch brauchte Lenchen nur die braunen Aurikelaugen zu öffnen und ihre Pflegerin dankbar anzusehen, um die junge, einsame Frau in unbewußtem Muttergesühl alles Glück des Besitzes empfinden zu lassen. Hand in Hand geschlossen saßen fie während des Tage» beieinander, bis Dora gegen Abend vom Schlaf übermannt wurde. Eine Viertelstunde schlummert sie süß — plötzlich fühlt sie die warme, weiche Berührung einer Hand auf ihrer Stirn. Sie schlägt die Augen auf, Wülpern steht vor ihr. „Verzeih', wenn ich störe, Kleine," redet er sie mit dem alten Kosenamen an. Dann sich besinnend, setzt er schnell hinzu: «Oder soll ich eine andere Anrede gebrauchen? Nein, e» ist mir unmöglich!" Al» Antwort blickt Dora nur glückselig zu ihm auf. Ja, er ist grauer geworden und die Furchen des unregelmäßigen Gesichts haben sich vertieft. Aber die hellen, klugen Augen und eine vermehrte Rundung der Wangen bezeugten fein Wohlergehen. „Es durfte nicht Abend werden, bevor ich mich nach Lenchen umgesehen hatte. Du weißt vielleicht, daß ich die unschuldige Veranlassung zu dem Unglück geworden bin?" „Ich hörte die Leute davon sprechen," erwidert Dora leise und zitternd. Das unerwartete Wiedersehen, gewünscht und gefürchtet zugleich, greift an ihr Herz. „Wahrscheinlich wird die Geschichte nächsten« in einem gegnerischen Parteiblatt zu lesen fein, natürlich mit gehörigen Randbemerkungen," sagte Wülpern stirnrunzelnd. „Du weißt vielleicht nicht einmal, liebe Dora, daß Du mir einen großen Dienst erzeigt hast, al« Du da« Lenchen mit Dir nahmst auf'« Schloß. Glücklicherweise wird der Unfall keine üblen Folgen haben, der Arzt hat mir Bericht erstattet." „O, Gottlob!" „Ich fühlte mich dem Kinde gegenüber ohnehin al» Schuldner; sein Vater war Arbeiter in der Almenhäuser Zuckerfabrik und verunglückte vor einigen Jahren. Vielleicht erinnerst Du Dich noch? O nein — kaum." „Ich weiß e« noch, al« ob'» gestern gewesen wäre," sagte Dora eifrig. „Es war im ersten Jahre —" Sie stockte plötzlich. „Gut, Kleine. Ich möchte Dich nun fragen, ob Du da» Lenchen wohl bei Dir behalten wolltest? Du liebtest ja da» Kind- Aber mein Wunsch ist unbescheiden — es wird sich etwas Anderes ausfindig machen lassen . . ." „O, Bernhard, ich würde glücklich fein, Lenchen behalten zu können, jetzt doppelt. O, ich bin — sehr einsam!" machte sich die bedrückte Seele Luft. „Vortrefflich! Dann ist die Sache abgemacht. Du übernimmst Lenchens Erziehung und erlaubst mir, alles Andere zu ordnen. Was meinst Du zu einem kleinen Haufe nebst Gärtchen in einer hübschen Mittelstadt? - . . Apropos, habe ich die Grüße von Cousine Meta, wollte sagen die Grüße von meiner Frau schon bestellt? Darf ich sie wieder grüßen, Kleine?" schloß er, indem er sich langsam zum Gehen wandte. Dora nickte stumm. Dann griff sie in leidenschaftlicher Bewegung nach Wülpern» Hand und drückte einen einzigen heißen, dankbaren Kuß darauf. Eine Minute später war sie allein mit Lenchen, ihrem Kinde. — __________ GeinsinnrrtzigeS. Weißkraut für Herbst, und Winterbedarf. Die beste Aussaat für den Herbst- und Winterbedarf ist Ende Mai oder Anfangs Juni, und zwar wählt man dazu ein Beet, welches schon einmal abgetragen hat. Das vielleicht vorhandene Kraut wird abgehackt und mit Reisern bedeckt, welche nach dem Erscheinen der Pflanzen jedoch zu entfernen find. Sollte trockene Witterung eintreten, so muß man das Beet selbstverständlich gießen, damit die Erde immer feucht ist und der Samen keimen kann. Sobald die Pflanzen pflanzbar sind, was meist um Johanni der Fall sein wird, so werden sie auf gut gegrabenes, am besten im Frühjahr gedüngtes Land mit ungefähr 45 Zentimeter Abstand gepflanzt. Das Abschneiden der Köpfe darf im Herbst nicht zu frühzeitig geschehen, indem der Kohl gerade im Herbst bei dem feuchten und kühlen Wetter noch am meisten wächst und sich ohnehin im Winter besser hält, wenn er draußen steht, bi« Frost eintritt. * * Der Fruchtwechsel bei -em Gartenbau. Der Fruchtwechsel ist auch beim Gartenbau durchaus nothwendig. Er ist ungefähr dasselbe wie bei der Landwirthschaft die Dreifeldercultur, mit Hilfe deren dem Boden ein so hoher al» möglicher Ertrag abgewonnen wird. Leider aber wird dieser Fruchtwechsel in so svielen Gemüsegärten gar nicht beachtet; jahraus, jahrein wird das gleiche Beet mit Blumenkohl, mit Erbsen oder zwei- oder dreimal jährlich mit Salat besetzt- Der praktische Gemüsezüchter aber, der seinen Gemüsegarten den größtmöglichsten Ertrag abgewinnen will, macht sich einen Betriebsplan. Zur Errichtung dieses Zweckes theili man seinen Gemüsegarten in drei Abtheilungen ein. Erste Ab- theilung: Starke Düngung verlangen sämmtliche Kohlarten 256 (Wirsing, Blattkohl, Blumenkohl re., Salate, Gurken), (alten Dünger) Tomaten, Rettigs. — Zweite Abtheilung: Vorjährige oder Herbstdüngung verlangen Möhren, Carotten, Sellerie, Schwarzwurzel, Bohnen, Spinat, Zwiebeln und Porree. Dritte Abtheilung: Das heißt, fast ohne Düngung, gedeihen Erbsen, Bohnen, Carotten, Zwiebeln. ♦ * Getragene Cachemirshawls zu waschen und Wieder aufznfrischen. Man legt den zu reinigenden Shaw! zuerst in eine mit ganz klarem, weichen Wasser ge« füllten Wanne und mischt dann in einer zweiten Wanne 15 Liter Wasser mit 100 Gramm guter venettanischer Seife und 150 Gramm gereinigter Galle. Hierauf wäscht man die in der ersten Wanne blos angefeuchteten Cachemirs in der genannten Mischung und spült fie dann mit etwas Alaun» wasser au». ♦ » ♦ Putzpulver für Silber. Man mischt Kochsalz, Weinsteinrahm und Alaun, jedes zu gleichen Theilen, gut durcheinander. Wenn man diesem Pulver etwas Wasser zusetzt, da» Silberzeug darin aufkocht und gut abtrocknet, so wird es wie neu- * * Gin Versengen der Wäsche beim Bügeln kommt häufig vor. Sind die Fasern noch nicht zerstört, so bestreicht man den Fleck mit in Wasser aufgelöstem Borax und bügelt dann die Stelle trocken. Oder man bestreiche den Fleck mit einem Brei aus Thonerde, Zucker, Stärke, Gummi und Wasser und lasse ihn trocknen. ♦ • Beim Schreiben auf Holz fließt meist die Tinte und wird unleserlich. Man kann dies vermeiden, indem män das Holz zuvor mit irgend einem pulverifirten Harz einreibt- VepMisehtes. Versuche über die eleetrifche Ausstrahlung des menschlichen Körpers hat der Stadtrath v- Nar- kiewicz»Jodko aus St. Petersburg in den letzten Tagen in Berlin mehrfach kleineren Kreisen von Sachkundigen und Laien vorgezeigt, v. Narkiewicz will durch seine Versuche beweisen, daß der menschliche Körper eine bedeutende electrische Energie befitze. Er begründet darauf eine Reihe von Lehren zur Biologie. Diese Versuche sind jetzt auch dem Professor vr. Oppenheim im Berliner Medicinischen Waarenhause gelungen. Dadurch ist die willkommene Gelegenheit gegeben, die Narkiewiczsche Theorie nachzuprüfen. Der Versuch läßt sich mit ziemlich einfachen Mitteln anstelle». Die Versuchsanordnung ist die Folgende. An einem Ruhmkorffschen Apparat, der durch einen Akkumulator betrieben wird, ist vermittelst eines Kupferdrahtes eine Glasröhre angeschloffen. Die ganze Anordnug wird auf einen Tisch gestellt. Die Versuchsperson nimmt vor diesem auf einem Stuhle Platz. Sie ergreift, nachdem der Ruhmkorffsche Apparat in Gang gesetzt ist, mit der einens Hand die Glasröhre. Es geht dann ein Strom aus dem Ruhmkorff in den Körper der Versuchsperson. Um nun zu zeigen, daß die zugeführte Electricität von der Haut der Versuchsperson nach außen abgegeben wird, nimmt die Versuchsperson in die freie Hand eine Geißler'sche Röhre, in die ein fluorescirender Stoff eingebracht ist. Der fluores- cirende Stoff, in eine solche Röhre eingebracht, hat die Eigenschaft, aufzuleuchten, sobald ein elektrischer Strom durch ihn geschickt wird. Bei der beschriebenen Anordnung beginnt nun die Geißlersche Röhre aufzuleuchten, sobald der vorher abgestellte Ruhmkorff in Gang gebracht wird. Das Leuchten dauert fort, so lange der Ruhmkorff im Betriebe ist. Der electrische Strom geht also von der Handfläche der Versuchsperson in die Röhre über. Diese Ausstrahlung kann noch auf einem anderen Wege gezeigt werden. Reben der Versuchsperson nimmt der Experimentator an dem Tische Platz. Berührt er mit seinem Finger die freie Hand der Versuchsperson und fährt mit der Fingerspitze zum Beispiel auf dem Handrücken hin und her, fo hat die Versuchsperson an den berührten Stellen das Gefühl, wie bei der Electrisirung mit den üblichen Electroden bei geschlossenem Stromkreise mit schwachen Strömen.. Die Empfindung wird aber um so deutlicher, je stärker man den Strom anschwellen läßt; sie läßt sich bis zur geringen Schmerzhaftigkeit steigern. Noch deutlicher kommt bei einer Abänderung des Versuches die wesentliche Erscheinung zum Ausdrucke. Berührt der Experimentator die Versuchsperson anstatt mit seinem Finger mit einer Stahlnadel am Handrücken, so sieht man bei jeder Berührung von der Hautstelle auf die Nadelspitze einen Funken überspringen. Er ist zu erwarten, daß die reine Anordnung der Versuche», diejenige, in der der Experimentator die Hand der Versuchsperson streicht, sich in der practischen Medicin wird verwerthen lassen. Man kann sich vorstellen, daß mit Hilfe der vorher beschriebenen Anordnung der Arzt birect mit der eigenen Hand ohne Electrode den Kranken electrifirt. Das feine Gefühl der Fingerspitzen läßt die Anwendung der Electricität sehr verfeinern. Voraussichtlich wird auch die experimentelle Psychologie aus der Versuchsanordnung Nutzen ziehen. Es lassen sich damit die Hautreize allem Anscheine nach auf das feinste abstufen. Was v. Narkiewicz neues gezeigt hat, das ist eine neue Methode der Stromzuführung. Die allgemeinen biologischen Lehren, die v. Narkiwicz aus feinen Lehren zieht (er nimmt an, daß der menschliche Körper eine bedeutende electrische Energie an sich hat), werden der genaueren Prüfung nicht standhalten. Moderne Annonce. „Junger, realistischer Schriftsteller sucht sich unglücklich zu verheirathen." Der Hautpoet als Hochzeitögratulant und Der- S«üg«»gSraty, herausgegebeu von Constanze von Franken. Stuttgart, Verlag von Levy & Müller. Preis eleg. kart. Mk. 1.50. Die Zeit, wo „die Finken schlagen und zu Neste tragen", die wonnige, sonnendurchwobene Frühlingszeit ist nun da. Ueberall sproßt und blüht es in der Natur, und auch im Menschenherzen halten Lust und Freude ihren Einzug, und die schönste Herzensblume, die Liebe, entfaltet ihre duftigsten Blüthen. In keiner Zeit des Jahres hat Gott Hymen so viel zu thun, um die in Liebe entbrannten Herzen zum ewigen Bunde zu vereinigen, als in den Tagen des Lenzes. Allenthalben rüstet man sich zur Hochzeitsfeier. Das Brautpaar zählt ungeduldig schon die Stunden bis zum Hochzeitstage, seine Angehörige und seine Freunde jedoch wünschen diesen Tag noch möglichst weit hinausgeschoben-, sie sind ja mit den Vorbereitungen zu dem Feste noch nicht fertig, das sie doch, der Bedeutung des Tages entsprechend, möglichst feierlich begehen möchten. Namentlich verursachen ihnen die ernsten und launigen Anreden und Vorträge, mit welchen sie am Polterabende und Hochzeitstage das Brautpaar überraschen wollen, viel Kopfzerbrechen. Ueber den Inhalt dessen, was man sagen oder aufführen will, ist man sich wohl klar, aber die richtige Form und das geeignetste Material iveiß man nicht zu finden. In dieser Verlegenheit erscheint nun als Retter in der Noth ein ganz reizend ausgestattetes Büchlein, das vortrefflich Rath zu schaffen weiß. Es ist „Der Hauspoet als Hochzeitsgratulant und Ver- gnügungsrath," herausgegeben von Constanze von Franken. Verlag von Levy & Müller in Stuttgart. In großer Auswahl finden wir darin wunderschöne Kranz- und Schleiergedichte, Begrüßungsgedichte für das Brautpaar bei Ueberreichung von Geschenken am Polterabend, heitere Aufführungen in Costüm für eine und mehrere Personen jeden Alters, Trinksprüche und festliche Ansprachen für die Polterabend- und Hochzeitstafel, Tafellieder nach bekannten Melodieen zu singen, ja selbst witzige und humorvolle Schnadahüpfel auf jeden Hochzeitsgast. Doch nicht di- grüne Hochzeit allein ist bei Abfassung des Büchleins in Betracht gezogen worden, sondern auch für die silberne und goldene Hochzeit ist reichhaltiges Material sorgfältigst ausgewählter Gedichte und Aufuhrungen zusammengetragen. Dem prächtigen Inhalt entspricht das -östliche Gewand, in dem sich der „Hauspoet als Hochzeitsgratulant" gar schmuck präsentirt. Papier, Druck und Einband sind splendid und geschmackvoll. Dabei ist der Preis (Mk. 1.50) ein so verlockend billiger, daß das Büchlein gewiß in den weitesten Kreisen schnell allgemeine Verbreitung finden wird, die wir ihm selbst gern wünschen. Redaction: I. V.; Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.