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Fröden auf meine Baroneß ein Äug' hat?" „Alle zwei, sag' ich Ihnen — oder ich bin selber blind; blind, taub oder verrückt, was Sie wollen! Heute früh hat er im Schlaf zweimal leise, aber sehr schmerzlich — Adele geseufzt. Und eine andere Adele al« Ihre Baronesse kennen wir nicht. Ich wußte daher im ersten Augenblick auch gar nicht, war ich davon denken sollte, aber al» er mir den Auftrag gab, da» Büchel da hierher zu tragen und er der Baronesse Adele zu geben — sprach er mir den Namen ein paar Mal und mit so einer eigenen Betonung, so ... so gelassen sein wollend und es absolut nicht sein könnend — na, da wußte ich über die geträumte Adele schon genau Bescheid. Es liegt auf der Hand, e» drückt ihm das Herz ab, ste al» Braut dieses Grafen Säbelscheid oder Degenstein zu kennen. — Sehen Sie doch zu, suchen Sie Ihre Gnädige aurzuforschen, wie ich meinen Attachö I Vielleicht gelingt es Ihnen . . ." „Ste haben wirklich auswüchstge Ideen, das muß ich sagen!" „Halten Sie 's denn für so unmöglich, daß wir uns da als glückliche — Heirathsstifter zusammenthun könnten?" „Für'» erste bin ich keine Spionin!" „Pfui: Das ist ein häßliches Wort bei einer so guten Sache, wie ste mir vorschwebt: ein kalter, durch mütterlichen Eigenfinn geknüpftes Band zu lösen, um e» durch ein natürliche», von Herz zu Herzen, zu ersetzen!" «Mir scheint, Sie hätten besser gethan, ein — Dichter zu werden I" «Die Liebe, sagt man, hat Manchen schon dazu gemacht !" declamirte der gefühlvolle Friseur patetisch. «Na geben Sie mir endlich das Büchel!" lachte die Wetti und entriß ihm das Päckchen. „Ich will'» der Baroneß auf den Schreibtisch legen. Was ist es denn eigentlich?" «Er enthält Bilder, so viel ich in der Eile sehen konnte." „Aha! Da« ist wa« für fie." „Sie malt selbst, sagten Sie?" „Na ob! Da schauen Sie einmal hinein!" Wetti öffnete am Ende de« corridorartigen Borzimmer» die Thür zu einem großen Damenboudoir, da» halb al» Studirzimmer, halb als Maleratelier eingerichtet war. „Sapperment!" rief Nazi bewundernd. „So war hab' ich seit München, wo ich ein paar berühmte Künstler zu barbiren hatte, noch nicht gesehen." Er folgte der Zofe mit den Blicken nach dem Schreib, tisch an der einen Ztmmerwand, wo sie dar Packet niederlegte. Ueber dem breiten Renaissance-Pult hing in reich- geschnitztem Goldrahmen ein lebensgroßer Damenbildniß, jetzt gerade von der Bormittagrsonne beleuchtet. „Ist dies vielleicht das Portrait Ihrer Baronesse?" fragte Ignaz mit begreiflicher Neugier und trat näher. „Nein, da« ist eben — die erste Gemahlin des Grafen Degenstein, die Freundin Thekla; mein Fräulein malte sie, wenn ich mich recht erinnere, als sie auf der Rückreise von ihrer Hochzeitsreise mit dem Grafen hier Besuch machte. Seit der Zeit, glaub' ich, haben sich die beiden Schulfreundinnen nicht mehr gesehen. — Aber was haben Sie denn?" Ignaz stand am Schreibtisch, ganz in den Anblick de» Portrait« versunken. Er war ein Kniestück, buchstäblich ge- nommen, denn die Dame war bargestellt, wie sie in graziöser Pose auf einem rothen Plüschfauteuil halb kniete, dem Beschauer da« reizend lächelnde, kindlich zarte Antlitz voll zu- wendend. „Diese» eigenthümlich blonde Haar,,' murmelte Ignaz gedankenvoll, „diese reizende Haltung de« Kopfe« . . ." „Schau, schau! Der Herr Ignaz scheint ja bei helllichtem Tage zu träumen," bemerkte da« Mädchen mit piktrtem Lächeln. „Die Frau Gräfin war freilich eine Schönheit, da« muß wahr sein, aber . . ." Da wurde fie von einem Ueberraschungsruf des jungen Menschen unterbrochen. Ignaz hatte zuerst nur allein den Kopf de« Portrait« fixirt, jetzt hatte er aber eine nach seiner Meinung sehr interessante Entdeckung gemacht. „Da sehen Sie einmal her!" rief er, ganz blaß vor 514 Erregung, und deutete auf die Hände des Portraits. Sie ragten, leicht gefaltet, fcheinbar aus dem Bilde heraus; die Unterarme, von den losen Aermeln de» duftigen, hellen Sommerkleides umgeben, waren auf die Fauteuillehne gestützt, so daß man noch die Armbänder an den Handgelenken sehen konnte. Am linken Arm trug die Dame ein blauemaillirtes Bracelet mit einem Berlok — einem kleinen blauen Herzen. „Sie meine« — das Anhängsel da an dem gemalten Armband?" fragte Wetti erstaunt. „Ach ja, das erinnert Sie wohl an ein ähnliches Ding, wie Sie es zu besitzen behaupten?" „Ein ähnliches?" rief Ignaz, griff in die Westentasche, holte daraus ein winziges Pappschächtelchen hervor und wickelte aus einem Stück Rosa < Setdenpapier seinen — „Talisman". „Es ist — dasselbe! Vergleichen Sie nur und überzeugen Sie sich!" , r rK Mit dem ganzen Eifer der Evastochter in solcher Lage nahm Wetti den kleinen Gegenstand entgegen und betrachtete ihn von allen Seiten. „Run — hab' ich -nicht Richt? Da, da sehen Sie's deutlich! Das find die kleinen Perlen am Rande — die erkennt man auch auf dem Bilde ziemlich genau. Und die zarte Goldschrist „Napoli" unter dem Mittelstern, ste ist vort auf der Leinwand nur angedeutet, aber immerhin zu errathen. Vor Allem sehen Sie doch, daß die Grüße genau übereinstimmt, auch die Farbe." „Es scheint so," gab Wetti zurück und versuchte das Berlok wie ein gewöhnliches Medaillon zu öffnen; aber da entriß es Nazi ihr wieder. „Es geht nicht aus, es ist massiv. — Daß Ihr Frauens- leut' bei Allem ein Inwendige» auszuforschen sucht! — Sie wären im Stande, mir da» Ding zu ruiniren." „Nein, nein, ich rolB nichts daran thun. Laffen Sie mich'» nur noch einmal genau ansehen. Bitte, bitte!" Die Neugierige bat so nett, daß Nazi nicht widerstehen konnte. Er reichte ihr da» Berlok wieder. „Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie mir keine Perle ausbrechen l" „Aber — Sie kindischer Mensch," meinte Wetti, während sie den Gegenstand auf'» Neue drehte und wendete und immer mehr Gefallen daran fand, „Sie werden doch nicht behaupte« wollen, daß es diese Dame, die Gräfin Thekla Degenstein war, die die Ehre hatte, von Ihnen als — Jugendtdeal angebetet zu werden?' „Unmöglich wär' es nicht," sagte Ignaz, wieder das Bild betrachtend. „Diese Haare — und wie gesagt, die grozöse Kopfhaltung, der Nacken . . . Hatte die Gräfin nicht einen Bruder?" „Nein, da« weiß ich gewiß. Sie war das einzige Kind einer Fabrikanten, eine» Millionärs. Boshafte Leute behaupten, eben deswegen — weil ste die Univerfalerbtn des Riesenvermögsn» ihre» Vater» war — hätte ste der Grak geheirathet-" „So so. — Und wie sieht denn der Graf au»? Hat er nicht gelbliches Gesicht, kohlschwarzes Haar und einen ebensolchen Schnurrbart?" „Nein, er ist dunkelblond ober hellbraun." Ignaz drängte weitere Fragen zurück, da ihn der spöttische Ton der Zofe ärgerte. Sie sah in ihm offenbar nur einen komischen Phantasten. Plötzlich hob er das Knie und schwang sich auf die Platte des Schreibtisches hinauf. Wetti hatte mittlerweile heimlich an der Oese de» blauen Herzens gedreht und sie ein wenig herausgeschraubt. Jetzt unterbrach sie diese Untersuchungen, um voll Entrüstunk zuzugreifen, den Burschen am Rockschoß vom Schreibtisch herabzuzerren. ,He, Sie — wa» mache« Sie denn da? Sie werden doch da nicht Turnübungen treiben wollen?" Er schüttelte sie ab. „Nur einen Augenblick, ich bitte Sie! Ich muß noch Ein« versuchen . . . ." Er streckte sich zu dem Portrait empor und bedeckte di« obere Gestcht«hälste derselben mit der flachen Hand. Der dunkle Handschuh, den er anhatte, konnte so ungefähr eine Larve vor dem Antlitz der gemalten Dame darstellen. „Bei Gott!" murmelte er. „Wenn ich mir noch den Pelzmantel um diese Schultern vorstelle. . . ." Da stieß Wetti einen halblauten Schreckensschrei aus und machte verlegen einen Schritt gegen die offengebliebene Ein- gangsthür. Dort auf der Schwelle stand eine blaffe, etwa fünfundzwanzigjährige Dame, mit kopfschüttelnder Verwunde- rung, die sich ihr bietende groteske Scene überblickend. Ignaz beeilte sich jetzt, vom Schreibtisch herabzukommen. „Bitte um Verzeihung!" stotterte er beschämt. Er er- rieth, daß die Dame — sie trat jetzt vollend« ein — Niemand Andere« sei als die Tochter des Hauses, die Baroneffe Effenberg. Wetti sah sich zu einer raschen Erklärung der sonderbaren Situation verpflichtet. Mit der ganzen Gewandtheit ihre« Mundwerks setzte ste der Herrin auseinander, wie „dieser Mensch" sich einbilde, in dem Portrait da oben eine ihm bekannte Dame zu entdecken, und daß er sich trotz ihrer Mißbilligung soweit „verstiegen" habe, den Schreibtisch ul» Leiter zu seinem Ziele zu benutzen. Dann aber riß Ignaz das Wort an sich, indem er das eingepackte Skizzenbuch nahm und es der Baronesse überreichte. Als Adele den Namen des Herrn von Fröden vernahm, huschte etwas über ihr Antlitz wie ein Strahl von purpurner Sonnengluth. Sie wandte sich ab — um recht hastig nach einer Papierscheere zu greifen, mit welcher sie die Hülle des Päckchens öffnete. Ignaz blinzelte indessen da« Zöfchen an und verlangte mit lebhbftem Geberdenspiel das blaue Berlok zurück, dar Wetti in der hohlen Hand behalten hatte. „Ich danke — es ist gut!" sagte die Baronesse etwas kleinlaut, nachdem sie das Begleitschreiben Frödens gelesen hatte, und biß sich auf die Lippe. Verstand ste wohl zwischen den Zeilen zu lesen? Ignaz stand wie auf glühenden Kohlen- Jetzt war er entlassen und sollte gehen. Aber da hielt das intriguante Ding noch seinen „Talisman" in Händen und verleugnete ihn mit einer Miene, um die sie da« unschuldligste Lamm hätte beneiden können Wie, dachte der kleine Kobold etwa daran, ihm das Kleinod zu unterschlagen? Noch einmal wagte er's, ihr seine Wünsche pantomimisch auszudrücken. Vergebens — Wetti wendete sich ab und that, als hätte sie auf einer Console etwas Staub entdeckt, den sie entfernen mußte. Da ging er so weit, sie im Zurücktreten am Schürzenband zu zupfen. Im selben Moment sah die Baroneffe wieder von dem Skizzenbuche Vollwang« auf und — verwunderte sich nach Gebühr über die anscheinende Respectlosigkeit diese« Domestiken. „Was giebt's? Wollen Sie noch etwas von diesem Mädchen?" Ignaz konnte nur ein Undeutliches hervorstottern. Wetti aber sprang schon zungenfertig ein, um dem Burschen einen unerwarteten Streich zu spielen. „Der Herr Ignaz wollte mich nur bitten, der gnädigen Baroneffe — dieses Ding da zu übergeben- Er will es gesunden haben; es soll eben der Dame gehören, die er in diesem Portrait der Frau Gräfin Degenstetn halb und halb wiedererkannt zu haben meint' — Ob die Baroneffe nicht die Güte haben wollten, es dem Herrn Grafen zu zeigen; vielleicht erkennt er es wirklich als das Eigenthum der seligen Frau Gemahlin. Der junge Mann thut ja schon seit Jahren alles Mögliche, den Schmuck dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückzustellen." „Sie kannten die Gräfin Degenstein?" wandte sich dis Baroneß an den Diener, nachdem sie von Wetti das Berlok empfangen hatte. „Verzeihung! Da« kann ich eben nicht sagen," entgegnete Ignaz, in seiner schmerzlichen Bestürzung über Wetti» schnöden Verrath ganz fassungslos. „Ich meinte nur, dre Gräfin da auf dem Bilde sähe allenfalls - einer Dame ähn- 515 - lich, die — die ich einmal in Marke gesehen habe. Und — und . - ." »Und weil das blaue Herze! genau mit dem auf dem Portrait übereinstimmt," fiel Wetti mit boshaftem Triumph ein, „fo will er es eben Ihrer oder de» Herrn Grafen Entscheidung überlassen, ob nicht wirklich die Gräfin Thekla das Ding verloren hätte." Die Baronesse winkte der Uebereifrigen, zu schweigen. Der ganze Auftritt war ihr ärgerlich; fie wollte jetzt gerade an etwas Anderes denken. „Gut, gut also," sagte fie kühl und legte das kleine Herz auf den Schreibtischaufsatz. „Ich werde Ihren Wunsch erfüllen. — Fragen Sie nächster Tage darnach an." Die Geste, mit der Re diese Worte begleitete, machte es Nazi unmöglich, noch eine Silbe vorzubringen. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich mit einem devoten Kratzfuß zu bedanken und zu empfehlen. Der Blick aber, mit dem er von Wetti Abschied nahm, war einfach unbeschreiblich. Als er gegangen war, wagte Wetti noch einmal einen diplomatischen Kniff, sich des begehrten Berloks zu bemächtigen, um ihre Forschungen daran fortzusetzen. Sie war ja dabei gerade in dem Augenblicke unterbrochen worden, in welchem sie auf eine interessante Spur gekommen zu sein glaubte. „Bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein! Soll ich vielleicht das Ding dort gleich zum Herrn Grafen Degenstein tragen?" Adele warf unmuthig den Kopf zurück, griff aber doch wieder nach dem allzuviel besprochenen Gegenstände. „Ja, was weiß ich l Was redete der Bursche überhaupt für ungereimtes Zeug; ich habe gar nicht recht darauf hingehört. — Wie sagte er, will er auf den Gedanken gekommen sein, daß diese Quincaillerie einst meiner Freundin Thekla gehört habe? ' Wetti wies noch einmal auf das Portrait hin. Adele verglich nun das Berlok in ihrer Hand mit dem auf dem Gemälde. „Ja, es ist nicht unmöglich, daß es dasselbe Anhängsel ist, das ich da auf der Leinwand conterfeit habe- Aber ich erinnere mich nicht mehr daran. Genau habe ich mir's jedenfalls auch damals nicht angesehen; ich malte eben, was ich vor mir sah. Und schließlich könnte der Juwelier doch mehrere Exemplare desselben Berloks verkauft haben. — Wie, wann und wo wm der Mann es übrigens gefunden haben?" Wetti konnte darüber keine ausreichende Antwort geben — oder fie verschwieg vielmehr das Flüchtige, was fie davon gehört hatte; es galt ihr ja, einen Vorwand zur eingehenden Untersuchung des „blauen Herzen»" zu finden, das ihren Geist so intensiv beschäftigte. „Wirklich, es ist schade, daß wir den Burschen nicht gleich um das Nähere gefragt haben. Aber — vielleicht hätte das Ding einen — Inhalt, aus dem man irgendwie — auf die Verlustträgerin schließen könnte. . . „Den müßte der Mann doch längst schon selber entdeckt habe«. . ." „Verzeihung I" kicherte die Kleine, mit ihrer Schürze tändelnd. „Er behauptet, da« Herz sei massiv. Aber er ist ein Bischen dumm — und die Männer verstehen sich überhaupt nicht viel auf derlei Sächelchen. Es könnte ja einen ganz besonderen Verschluß haben. Und mir war's vorhin gerade, als wäre ich auf dem Weg zur Entdeckung eine» solchen gewesen. Ich hab' mir nämlich gedacht, ob da» kleine Ringel an dem Herzel nicht vielleicht so — herauszudrehen wär'. Ich hab' als Kind von meiner Firmgodl*) eine kleine Nuß aus Silber 'kriegt, die man auch durch so ein Schraube! an dem einen End' aufmachen und auseinanderlegen können.. „Nun, so versuch'« l" lächelte die Baronesse und deutete mit nachlässiger Geberde auf den Schreibtisch. Wetti ließ sich da« nicht zweimal sagen. Sie nahm da» Ding auf und drehte die in eine Schraube auslaufende *) Firm-Pathin. Oese, die sie vorhin mittel» einer al» Kurbel durchgesteckten Haarnadel schon in Bewegung gesetzt hatte, vollend» heraus. Noch blieb das Herz fest. Aber als es Wetti zwischen Daumen und Zeigefinger rieb, siehe — da schob es sich in zwei Hälften auseinander. Die beiden Theile waren durch einen inneren Falz aneinander gefügt gewesen, und die äußere Perlenumrahmung hatte die Fuge verdeckt. Innen ließen diese zwei Hälften gemeinsam eine Höhlung frei, in welcher allenfalls eine kleine Erbse Platz gehabt hätte; im Uebrigen war da» Herz dennoch immer schwer genug, daß man es für „massiv" hatte halten können. Es war ein kleines weißes Etwas, da» aus der Höhlung herausfiel auf den Teppich. Wetti bückte sich und hob es triumphirend auf. „Ah! Hab's ich'» nicht gesagt? Da sehen die Baronesse» — Das ist — wahrhaftig I ein Papier, fein zusammengedreht, darf ich's aufmachen?" Adele schüttelte den Kopf und nahm ihr sowohl die emaillirte Goldkapsel als auch das Papierröllchen ab. „Es wäre wohl indiscret, dies zu untersuchen, nachdem es der Mann, der vorläufig doch als der Eigenthümer dieses Gegenstandes betrachtet werden muß, noch nicht gethan hat." „Aber bitte," wagte die Neugierige zu erinnern, „man kann stch doch wenigstens davon! überzeugen, ob wirklich was dran ist — vielleicht ist es nur ein leeres Papier, ein Pfropfen. . . . Und auf der anderen Seite — wenn sich doch Herausstellen sollte, daß es etwas ist, das von der seligen Frau Gräfin herrührt, dann braucht der Bediente doch auch nicht gerad' in die Heimlichkeiten der Dame hineinzugucken." Das war nicht übel argumentirt Adele ergriff nach kurzem Zögern wieder die Papierfcheere, um mit einer Spitze derselben das winzige weiße Röllchen sorgfältig zu öffnen. Es entpuppte stch nun als schmaler Streifen — als ein zweimal zusammengefaltetes Papier und weiterhin als ei« Blättchen im Umfang von etwa fünf Centimetern im Quadrat. Adele stutzte beim Anblick der eng aneinandergereihten Zeilen, mit denen die eine Seite des Papieres bekritzelt war. Sie mußte es dicht an die Augen bringen, um lesen zu können. Während es geschah, verbreitete sich der Ausdruck hoher Ueberraschung über ihr schönes Gesicht. Wetti hatte Mühe, an sich zu halten; man hätte meinen können, sie wolle das Papier in der Hand der Gebieterin durch ihre Feueraugen in Flammen setzen. Der schwere Seufzer, mit dem sich dann ihr zurückgedrängter Athem Luft machte, scheuchte die Baroneffe au« ihrem Nachdenken auf. »Ja," sagte sie, den Kopf erhebend, mit ruhiger, klarer Stimme, „dies Medaillon hat wirklich der Gräfin Thekla gehört." »Ah!" Die große Frage, die sich nach diesem Staunensruf auf dem erhitzten Gesichtchen der Zofe malte, fand aber keine Beantwortung. „Ich werde es dem Grafen nach heute zurückstellen," warf die Baronesse kurz hin. „Das kannst Du dem Lakaien des Attache« sagen, wenn er nachfragt." Damit schloß Adele da« zerlegte Berlok mitsammt dem kleinen Zettel in ein besondere« Fach ihre« Schreibtische« — und Wetti mußte abziehen, verzehrende Wißbegierde im Busen. (Fortsetzung folgt.) Die Familie — eine Last? Da« klingt grausam, hart, unnatürlich, nicht wahr, liebe Leserin? Man ist gewöhnt, von Familienfreuden, von der Poesie de« Familienleben« zu sprechen, sich da« Glück auszumalen, das Vater und Mutter im trauten Heim genieße», wenn eine blühende Kinderschaar heranwächst. Aber wie Wenigen werden diese Freuden ungetrübt zu Thetl! Die Familienväter seufzen zumeist unter der Last der Ausgaben, - 516 die sie nicht zu erschwingen vermögen, — die Mütter unter ! der Misöre, mit dem nach ihren Begriffen karg bemeffenen Wtrthschastegeld nicht ausreichen zu können. — Die Wenigsten wissen sich zu helfen — leiber. Da geht dann sehr oft das Familtenglück, da« man sich vor der Ehe in so anmuthenden Farben ausmalte, in die Brüche und mancher Mann verliert in dem aussichtslosen Ringen um eine Existenz die Kraft, den Kampf um'» Dasein auszukämpfen. Man werfe nur einen Blick auf die Statistik der Selbstmorde! Zahlen beweisen! Diese Zahlen sprechen eine eindringliche Sprache. Sie erzählen un» von Unsummen, die mancher Haushalt verbraucht, von ktndervollen Häusern, von unbeholfenen, erwerbruntüchtigen Frauen, die dem Manne in Zeiten der Roth ein Ballast sind, anstatt ihm helfend, stützend, ermuthigend zur Seite zu stehen. „Der Mann," so heißt e», „soll der Ernährer der Familie sein." Wohl, er soll es sein; wie aber, wenn er durch ungünstige Verhältnisse aus seiner Carriöre gerissen, keinen Erwerb findet? — Hat er eine pflichtbewußte, energische Frau, so wird sie Hilfe zu schaffen wissen, sich einen Erwerb suchen, sich einschränken, gute Menschen für da» Schicksal der Ihrigen zu interesstren wissen. Aber dar Gros der Frauen läßt leider Gotte» Elend und Roth Gewalt über sich gewinnen, ohne den Kampf mit den feindlichen Mächten aufzunehmsn- Sie glauben, ihre Pflicht zu erfüllen, wenn sie kochen, den Haushalt versorgen und — dem erwerbslosen und dadurch doppelt unglücklichen Manne ihr Leid vorseufzen. Das Unglück will es dann zumeist, daß die Frau, anstatt sich aufzuraffen, sich erwerbstüchtig zu machen, Kind auf Kind in's Hau» bringt und daß der alljährliche Familienzuwachs ihre Kräfte derart in Anspruch nimmt, daß sie faktisch meint, nichts thun zu können, al« ihr Kleinvolk zu versorgen. Man pflegt solch' eine arme Frau, deren Reichthum eine zahlreiche Familie ist, zu bemitleiden; gefehlt! Sollte man sie nicht eher verurtheilen? Man eifert sonderbarerweise so sehr dagegen, daß Frauen und Mädchen einen Beruf wählen sollen- Sehr mit Unrecht. Sind denn die Männer stets in der Lage, ihre Familie zu ernähren? Fragen wir nur, wie viele Tausende die Mithilfe der Frau mit Freuden begrüßen würden! Und nicht allein um da» Geld handelt es sich, da» die Frau erwirbt, auch um da« Sparsystem, da» die erwerbende Frau in ihrem Hause einzuführen bestrebt ist. Wer selbst weiß, wie schwer der Thaler zu verdienen ist, giebt ihn sicher nicht leicht au». Aber die meisten der indolent dahinlebenden Frauen, die nie eine Anstrengung gemacht, dem Manne die Last, alle» für da» Hau» Nöthige heranzuschaffen, abzunehmen, die in dem Manne nur eine Versorgungsmaschine sehen, die functioniren muß, nie stille stehen darf, — wissen nicht, was sparen und haushalten heißt. — Sie meinen, wenn ihre Töpfe blank gescheuert, der Boden blank gewichst, ihre Toilette in Ordnung ist, daß sie damit genug geleistet. In guten Verhältnissen wohl, — aber wo des Mannes Kraft nicht ausreicht, eine zahlreiche Familie zu ernähren, da ist die vielgerühmte Eigenheit mancher Frau schlecht am Platze, da darf sie nicht in dem Streben, Alles auf Glanz herzurichten, aufgehen, da muß sie ihr Hauptaugenmerk darauf richten, dem Manne die große Last, die Familie zu ernähren, von den Schultern zu nehmen, damit er der Last nicht erliege. E« ist erstaunlich, was manche Familienväter leisten müssen, um allen Ansprüchen, die ein großer Haushalt an sie stellt, zu genügen. So lange der Mann erwerbsfähig ist, schafft er wohl und giebt gerne Alle» hin. Wie aber, wenn Krankheit, Geschäftslosigkeit rc. eintreten? Da ist oft kein Spargroschen in der Familie, keine Aussicht, die schwere Zett zu überdauern. Schulden über Schulden werden gemacht; die Last derselben erdrückt jede Lebenrfreudigkeit und löstet die Hoffnung auf bessere Tage. Wehe und dreimal wehe all' den Familien, welche den moralischen Halt verloren, sih auf eigene Kraft zu stützen. I Das Unglück unzähliger Menschen entsteht dadurch, daß sie • eben auf zu großem Fuße leben, sich nicht bescheiden, nicht i entsagen können. Der Putz der Frauen ist in'» Maßlose ge- stiegen; sie fragen nicht: „Woher nimmt der Mann da» Geld, um Dir die« und da» zu schaffen?" E« muß da sein. Sie fragen nicht: „Wäre e» nicht besser, anstatt diesen und jenen leicht entbehrlichen Gegenstand zu kaufen, da» Geld in die Sparkasse zu tragen?" noch weniger: „Findet sich nicht eine Gelegenheit, selbst etwa» zu verdienen, wenn e» dem Gatten schwer wird, Alle» herbeizuschaffen?" E» ist ganz erstaunlich, mit welcher Indolenz junge, begabte, erwerbsfähige Frauen dahinleben, ohne sich zu fragen: „Wie nun, wenn Dein Mann krank oder stellenlo« wird? Wovon dann leben?" Ein bekannter Rrtionalöconom sagte, man solle da» Volk zwingen, Kranken» und Altersversorgungskaffen beizutreten, namentlich in Frauenkreisen dafür Propaganda machen, daß der Sinn für'« Sparen ausgebildet, die Mode» und Luxus- bedürfnifle eingeschränkt werden. Der Nothgroschen muß da sein, muß geschafft werden. Die Last, die Familie zu ernähren, ist sonst für den Familienvater eine zu große. Wer dagegen ist, daß die Frauen erwerbstüchtig gemacht werden, kennt eben da» Leben nicht» wie e» wirklich ist. Wie glücklich wären so und so viel Männer, wenn sie Frauen hätten, die ihnen die Last, die Familie zu erhalten, würden tragen helfen I Darum die Mahnung: Jede Frau betrachte sich, wo die Roth- wendigkeit da ist, al» mithelfende, miterwerbende Kraft! Sie lasse ihre Fähigkeiten nicht brach liegen! Vie sei die Kameradin de» Gatten in Freud und Leid, seine Stütze, seine Hllfe, sie entlaste ihn, wo sie kann, lebe nicht ausschließlich für Putz und Tand, für Kochen und Scheuern, für Klatsch und Tratsch! Wo ein Mann sich einer Frau rühmen darf, die ihm in dieser edelsten Bedeutung de» Wortes ein guter Kamerad ist, da wird ihm die Familie nie eine Last sein. Aber fragen wir nur, wie Viele noch unter der Last seufzen, Alle» und Alles für ihre „theuren" Frauen herbeischaffen zu müssen, für Frauen, die keinerlei Verständniß dafür haben, daß jede Kraft einmal versagt und daß der allzu straff gespannte Bogen springt. _____________ Huinovistische». Richtig. Die Menschheit läßt sich heutzutage in zwei Hälften theilen: in die, welche Rad fahren, und die, welche überfahren werden. ♦ Gespannt. „Auf die Sache bin ich gespannt," sagte der Schüler, al» es mit dem Prügeln losgehen sollte. Verdächtig. (Zwei Köchinnen.) „Warum grämst Du Dich denn gar so sehr um Deinen Gefreiten?" — „Er kommt immer satt zu mir!" DerParvenü. Herr: „Hier steht ein sehr interessanter Artikel über das bürgerliche Gesetzbuch im Blatte." — Frischgeadelter Bankier: „Jnteresfirt mich nicht mehr." * • * Zweifelhafte» Lob. Oberförster (nach dem Treiben): „Ehre, wem Ehre gebührt! Herr Hofrath, Sie find ein wackerer Schütze, Sie habenden magersten Treiber getroffen!" ♦ * ♦ Im Examen. Geschichtsprofessor: „Können Sie mir sagen, Herr Candidat, woran der König Wenzel zu Grunde ging?" — Candidat (Scatspieler): „O ja, Herr Professor, an der Möglichkeit, ein König und ein Wenzel zugleich zu sein." ♦ • • Fein. Professor: „Herr Candidat, Sie werben wohl burchfallen." — Candidat: „Macht nicht«, dann gehe ich zum Militär." — Professor: „Sehr gut, Sie können in Mollkes Fußtapfen treten — schweigen können Sie schon!" Redaction: Ä. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UntverstkRS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Tcheyda) in Gießen.