■ I , SamStag de« 3. Oktober smiliskßl'äösr 'fe^25S&ä5^ÖäÖ*4 ' ä8äS?S?te - EK^-SL: 'S: i ?S§äc>; UntechaltungMatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger), — ...... ......-......... 1 1 1 1 -1—4 1 I ■■" ■" .11 ----1--l±J-L--------L:—M—.........IWJL 1,'^-B Falsches Spiel. Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung.) Die Gesellschaft, deren Wagen gesandt worden waren, machte sich jetzt auf den Heimweg, und nur Herr von Römhild blieb mit dem Notar noch zurück. Diese beiden Herren waren in einer leisen, sehr erregten Unterredung begriffen, als der Förster sich ihnen näherte. „Kommen Sie, lieber Erichsen," sagte Römhild, „der Herr Notar kann unser» Verdacht nicht theilen. Sie wissen ja, von wegen der Kugel." „Ich habe hier den Beweis dafür, daß mein theurer Herr nicht durch die eigene, sondern durch eine fremde Kugel niedergeschoffen worden ist," sagte der Förster mit heiserer Stimme, das betreffende Geschoß au« der Tasche ziehend, „ich habe sie schon an der Flinte erprobt." Der Notar erschrak so heftig, daß er zitterte und eine Todtenblässe fein Gesicht überzog. „Haben Sie eine Ahnung, wer dieser ungeschickte Schütze gewesen sein könnte, Herr Förster?" fragte er, den Blick des alten Edelmanns meidend. „Wer hatte ihm zunächst seinen Stand?" „Na, ich danke dem Herrgott, daß ich mir heute Nachmittag einen anderen Stand erwählt," bemerkte Mmhild, „mir wurde angst in seiner Nähe, weil er so wunderlich mit seiner Büchse hantirte." „Das kam daher, weil der Lauf verbogen war," erwiderte der Förster schwer athmend, „Herrgott, ich denke mir, wer da« gethan hat, steht auch dem Schüsse nicht fern. Ja, ja, wenn der Herr Rittmeister die Flinte behalten hätte, dann wär's nicht herausgekommen, weil die Kugel, die au« seiner Brust herausgezogen worden ist, genau dazu paßt/ „Ich will darauf schwören," setzte er hinzu, «daß sie eine — Er schwieg und blickte starr zu Boden. Auch die beiden Herren wagten kein lautes Wort zu reden, jedoch tauschten sie nur einen entsetzten Blick miteinander- „Weshalb sollte aber eine ftemde Hand den Flintenlauf verbogen haben?" fragte der Notar nach einer Weile mit leiser Stimme. Förster Erichsen wiegte den graue« Kopf hi» und her. „Hm, da giebt's vielerlei zu bedenken," sagte er langsam, „ein verbogenes Rohr kann die Kugel nicht heraurlaffen, aber dabei wohl platzen, und e» hätte doch sein können, daß der Herr Rittmeister den feigen Schützen, der au« dem Hinterhalt schießt, vorher bemerkt und ihm eine Kugel zugeschickt hätte. — Das aber kann bei einem verbogenen Lauf nicht vorkommen. Ein wahres Glück, daß meinem Herrn damit kein Wild vor den Schuß gekommen ist." „Ich hab' darüber geflucht und gewettert," bemerkte Herr von Römhild, „und fest geglaubt, daß Ihr Herr die Schuld davon trage, danke nun aber dem Herrgott, daß wir kein Stück Wild zu Gesicht bekamen. Aber hören Sie, mein lieber Erichsen," setzte er leise hinzu, „mir ist da vorhin ein fremder Mensch im Wald begegnet, oder mein Trump hier hat ihn vielmehr gestellt, da er jedenfalls hinter dem Busch bleiben wollte, der mir sehr verdächtig erschien. Er trug eine Jäger- Joppe, behauptete, im Dienste des Lindenhagener zu stehen, für den er eine Bestellung an den junge» Baron von Alting ausrichten sollte, und gestand mir schließlich, daß er ein Amerikaner sei." „Ja, ja, den kenne ich, gnädiger Herr!" erwiderte der Förster, „er wurde von dem jungen Baron zu mir geschickt mit dem Bescheid, daß er sein Diener sei und einstweilen bei mir bleiben sollte. Es gab einen bösen Krach mit mir, als ich — doch das gehört nicht hierher. Der Patron ist also jetzt in Lindenhagen — habe ihn heute auch schon hier im Walde herumschletchen sehen, hm, ein Kerl, dem ich nicht über'» Weg traue." „Nicht wahr? — Ein rechtes Galgenvogelgesicht, den man einen Schuß aus dem Hinterhalt schon zutrauen könnte," versetzte Mmhild lebhaft, „mich wundert nur, daß der freche Geselle nicht da« Weite gesucht hat." „Behalten Sie solche Gedanken lieber für sich, Herr von Römhild," sagte der Notar, ihm warnend die Hand auf den Arm legend, „es find Vermutungen, denen man wohl nachspüren kann, die man aber nicht aussprechen darf, weil auch der Wald Ohren hat." MDer alte Edelmann spähte umher und athmete dann wie erleichtert auf. „Zum Henker aber auch, mein lieber Herr Notar," 462 meinte er halblaut, „es ist doch keine Kleinigkeit, in unseren sonst so stcheren Wäldern Gefahr zu laufen, unversehens eine Kugel zwischen die Rippen zu bekommen. Wenn stch hier die Gewohnheiten amerikanischer Hinterwälder einbürgern sollten, wie es doch den Anschein hat, dann verkaufe ich mein Gut und fiedele mich bet anständigen Nachbarn an." „Ja, es ist eine unheimliche Geschichte," erwiderte der Notar mit leiser Stimme, „möge Gott fie zum Guten wenden- — Bitte, Herr Förster," wandte er fich, wie von einem peinlichen Gedanken ergriffen, hastig an Erichsen, „bringen Sie mir, wenn es möglich ist, noch eine Nachricht über den KraÄen, da ich jetzt schleunigst nach dem Schlosse zurück muß." Der Förster ging in's Haus und kehrte schon nach wenigen Minuten mit dem Arzte zurück, der seinem alten Freunde selber die Mittheilung machen wollte, daß die Hoffnung, bett Verwundeten am Leben zu erhalten, allerdings noch nicht aufzugeben, jedoch sehr schwach sei. „Selbstverständlich werde ich hier bleiben, bis fich der Zustand in der einen oder anderen Weise entschieden hat," setzte er hinzu, „doch hoffe ich, daß keine edleren Theile verletzt find, was natürlich ausschlaggebend ist. Von einem Transport kann aber auch in diesem Falle noch wochenlang keine Rede sein, weshalb der Barbier als brauchbarer Heil- gehülfe und Wärter ebenfalls hier bleibt. Sein Geschäft wird, wie er verfichert, nicht darunter leiden." „Bleibt denn die Baronesse hier im Forsthause?" fragte Römhild. „Sie besteht allerdings fest darauf," erwiderte der Arzt, „und ich leugne nicht, daß ich gerade fie als Pflegerin jeder anderen vorziehen würde. — Es fragt fich ja nur, ob fie im Schlosse entbehrt werden kann." „Darüber wird die junge Dame jedenfalls selbst am besten entscheiden können," meinte der Notar, „wenn Sie die Güte haben möchten, lieber Doctor, mich ihr zu empfehlen, da ich noch heute nach F. zurückkehren muß." „Die können fich auch persönlich von ihr verabschieden, alter Freund, werde der Baronesse einige Notizen für meinen Asfistenten einhändigen, die Sie wohl mitnehmen. Adieu, lieber Notar I" Er schüttelte ihm die Hand und begab stch in's Haus zurück, worauf nach einer Weile Ellen mit kummervoller Miene erschien. „Lassen Sie den Muth nicht finken, Baronesse," sagte Herr von Römhild, stch heftig räuspernd, um seine innere Bewegung zu verbergen. „Der Doctor hofft das Beste und unter Ihrer Pflege kann er ja garnicht sterben. Sie habe« ja auch eine gute Wirthschafterin im Schloß —" „Gewiß," erwiderte Ellen leise, „in dieser Hinsicht kann ich vollständig beruhigt sei», lieber Herr von Römhild!" „Und doch wäre Ihre Anwesenheit dort nothwendig, meine gnädige Baronesse," bemerkte der Notar, die junge Dame, welche sehr bleich aussah, theilnehmend betrachtend. „Der amerikanische Neffe wird trotz seiner Verwundung sofort die Zügel der Herrschaft ergreifen —" „Worin ich ihn doch nicht hindern kann, Herr NotarI" fiel Ellen restgnirt ein, „er ist von dem Baron als rechtmäßiger Neffe anerkannt worden und wird sich, vor mir am allerwenigsten fürchten. Ich bitte Sie nur, diesen Schlüssel, den ich von dem Cabinet neben dem Wohnzimmer abgezogen habe, in Verwahrung zu nehmen. Sie wissen, daß das Eabinet durch eine Tapetenthür mit dem Zimmer meines Vaters in Verbindung steht, während er den Hauptschlüssel bei stch trägt und ihn auch diesmal zu stch gesteckt hatte. Ich «üß ja nicht, Herr Notar, ob Sie nicht irgend einen gesetzlichen Einspruch gegen die Herrschafts-Gelüste des Neffen in Anwendung bringen können, dem sei aber, wie ihm wolle, so viel steht fest, daß ich nur in der Begleitung meines Vaters nach Altinghof zurückkehren werde." „Aber, meine liebe Baronesse," rief Römhild, tief be- wegt ihre Hand ergreifend, „wir alle, die wir uns Freunde des Barons Atting nennen, wissen es doch und können es Mhigevfalls eidlich bezeugen, daß er Sie als Tochter adoptirt und auf Sie nicht nur feine volle väterliche Liebe, sondern auch alle Kindes - Rechte übertragen hat. Altinghof ist Ihre Heimath, Ihr Vaterhaus, und wenn Sie Rath und Beistand gebrauchen sollten gegen fremde Ansprüche, so besitzen Sie Freunde genug, an die Sie sich ohne Scheu wenden können, zum Exempel den Herrn Notar hier und mich. Es müßte sonst vielleicht schon ein Testament zu Gunsten des Neffen existiren —" fügte er mit einem fragenden Blick auf den Notar hinzu. Dieser wiegte unmerklich den Kopf und nahm dann, nachdem er den Schlüssel und die ärztlichen Notizen zu sich gesteckt hatte, hastig von der jungen Dame Abschied. Die beiden Herren, die stch zu Fuß auf den Weg machten, schritten jetzt rasch und schweigend durch den Wald, mit scharfen Blicken rechts und links umherspähend. Sie waren überzeugt, daß der Kranke unter der Obhut des Försters am sichersten war und daß keine neue Gefahr ihn dort bedrohen konnte. Erst, nachdem sie einen freien Feldweg, wo sie ganz sicher vor Horchern waren, eingeschlagen hatten, brach Römhild das Schweigen. „Ich glaube, der amerikanische Buschklepper hat sich nur noch im Wald-Revier aufgehalten, um sich vom Gelingen seines Mord-Anschlags zu überzeugen." „Wenn Ihr schauerlicher Verdacht stch bewahrheiten sollte, dann glaube ich's selber," erwiderte der Notar, „obwohl die Consequenz, die man alsdann daraus ziehen müßte, eine so ungeheuerliche ist, daß mir das Blut zu Eis gerinnt." „Sie wissen es wohl nicht, daß der amerikanische Reffe ein Hausfreund des Lindenhageners ist?" fragte Römhild unvermittelt. Der Notar blieb erschreckt stehen. „Ja, ja, es ist so," fuhr der alte Edelmann fort, „die beiden Kumpane haben sogar eine Spielbank etablirt, um unsere Söhne zu rupfen. Hat der Baron Ihnen nichts davon gesagt?" „Nein," erwiderte der Notar langsam weiterschreitend, „doch wird mir jetzt Vieles klar. Er wußte es also?" „Ich selber wurde von den Freunden beauftragt, ihm die häßliche Geschichte mitzutheilen. Na, es war keine angenehme Aufgabe, der Gedanke daran macht mich noch unbehaglich." „Ist der Baron denn nicht dagegen eingeschritten?" „Er wurde dieser Mühe durch die jüngsten Ereignisse überhoben, zuerst durch die seltsame Ungeschicklichkeit des Neffen, der fich die ungefährliche Wunde beibrachte, und dadurch an der Theilnahme an unserer heutigen Jagd verhindert wurde, und nun durch das eigene größere Unglück." „Sie folgern ja mit einer wahren Detectiv-Schärfe, Herr von Römhild!" sagte der Notar mit unverhohlener lieber« raschung. „Allerdings liegt Ueberzeugung in Ihrer Logik, zumal die Kugel, welche den Baron getroffen, nicht aus feiner eigener Flinte stammt. Liegt aber hier nicht auch die Möglichkeit vor, daß die verhängnißvolle Kugel stch aus unserer Mitte zu ihm verirrt haben kann, diese Schuld also einen ungeschickten oder sorglosen Jagdgenoffen trifft?" „Das ist undenkbar," versetzte Römhild ohne Zaudern, „ich hatte mir allerdings einen anderen Standort gewählt, weil mir vor seinem wunderlichen Gebahren bange wurde, doch konnte nach der Ausdehnung des Wald - Reviers kein Jäger mit dem anderen in Berührung kommen. Zur Beseitigung dieser Ungewißheit aber soll mir Förster Erichsen die Kugel überlassen, die Sache wird stch alsdann bald aufklären." „Thun Sie das, Herr von Römhild," bat der Notar, „der Verdacht ist so ungeheuerlich, daß man jeden Beweis streng prüfen und mit allen Möglichkeiten rechnen muß." „Gut, so sei es, aber ich denke, daß wir die Augen offen halten, und daß die Adoptiv-Tochter meines alten Freundes auch besser dort bei ihm jetzt aufgehoben fein wird, als im Schlosse Altinghof. Im Vertrauen gesagt, Herr Notar, ich dachte mir eigentlich, daß Sie nicht bloß zur Jagd von F. herübergekommen sein konnten, sondern daß Sie noch ein 463 anderes Geschäft, vielleicht ein Testament - — hm, hab' ich recht gerathen?" „Hören Sie, Herr von Römhild, Sie find mir als Ehrenmann bekannt, und als intimer Freund des Barons auch eine Art von Vertrauensperson für mich," erwiderte der Notar nach einer Welle. „Sie haben recht, die Haupt, ache betraf ein Testament, und weil ich eine Art Nimrod bin, so verband der Baron in seiner liebenswürdigen Art zugleich dieses Jagdsest damit. Er hatte auf zwei Tage gerechnet und das Geschäftliche auf morgen festgesetzt. Da mir jedoch nur der heutige Tag zur Verfügung stand, so traf ich schon gestern Abend ein und machte mich auch sofort an die Arbeit. Obwohl der Inhalt des Testaments vorerst ein Geheimniß bleiben muß, so darf ich doch Ihnen, der als einer der Zeugen fungiren sollte, soviel verrathen, daß der Reffe darin nur mit einer Baarsumme abgefunden wurde." "®otl Dank!" brach es wie ein Aufathmen von Römhilds Lippen. „Freuen Sie sich nicht zu früh," fuhr der Notar seufzend fort, „das Testament ist freilich fertig, aber/ das Wichtigste, die Unterschrift fehlt, natürlich auch die Zeugen, was mit Ihrer heutigen Gegenwart verbunden werden sollte." „Aber deshalb hätte doch Baron Alting unterschreiben können!" rief der alte Edelmann, zornig an seinem Bart zausend. L «Za, ja, ich bat ihn auch darum, — aber er meinte, das fei morgen mit den Zeugen-Unterschriften ein Abmachen, — und dabet blieb e». - Wenn der Mensch bei wichtigen Anlässen doch niemals etwas aufschieben würde, wie viel nutzlose Reue könnte er sich und Anderen ersparen!" m "Natürlich, man ist immer klüger, wenn man vom Rathhause kommt, als wenn man htngeht," murrte Römhild, „nun seh' ich's kommen; wenn das Unglück sich erfüllt, dann kann die Adoptivtochter sich trollen, und der neue Herr tritt das Erbe an. Aber können Sie, al» gerichtliche Person, denn wirklich nichts dabei thun, daß diese» Testament seine Gültigkeit behält, Herr Notar? — Sie können es doch beschwören, daß der Baron e» so hat haben wollen —" Ueber da» hagere Gesicht der Notars zuckte ein flüchtige, Lächeln. „Sie sprechen da ein großes Wort gelassen aus," erwiderte er langsam; „ein Testament ohne Unterschrift läßt sich durch keinen Eid rechtskräftig machen, hier gilt tatsächlich nur der Buchstabe. Wenn ich bei Ihnen, sollte das Schlimmste eintreten, alsdann auf Beistand rechnen darf, so will ich selbst, verständlich auch mit dem unvollendeten Testament Aller thun, um der Baronesse zu ihrem Recht zu verhelfen. Mein seliger Vater hat schon dem verstorbenen Baron von Alting al« Rechtrbeistand und Vermögens-Verwalter gedient, ich bin ihm in diesem Vertrauenramte gefolgt und weiß deshalb auch ganz genau, daß der Vater de» Amerikaners fein Erbe bei Heller und Pfennig ausgezahlt erhalten hat. Meines seligen Vaters Bücher reden laut genug davon, und wenn Herr Justus es nicht glauben sollte, dann steht's auch noch fest besiegelt im gerichtlichen Archiv." „Dar Wort gefällt mir von Ihnen, Herr Notar!" rief Römhild erfreut. „Natürlich stehe ich und mit mir noch mancher alte Freund zu Ihnen, um unsere Gegend nicht zu einem amerikanischen Tummelplatz unheimlicher Gesellen um# zuwandeln. Ich denke, wir hätten genug an diesem Melwig, der sich wie ein Raubthier zwischen uns gesetzt hat. Aber noch lebt mein wackerer Alting," setzte er, unwillkürlich seine Jagdkappe abnehmend, hinzu, „und ich hoffe zu Gott, daß er ihn un» erhalten wird." „Dar hoffe ich ebensallr," sprach der Notar aus der Tiefe seines Herzen«. 11. Eapitel. Eine Niederlage. Acht Tage waren seit dem verhängnißvollen Jagdfest verflossen, Hans Justus, den der Barbier-Gehtlf«, welcher die Geschäfte seines Prinzipal, jetzt allein besorgte, mittlerweile verbunden hatte, war wieder hergestellt und zeigte dem Gesinde seine» tobtkranken Oheims jetzt den Herrn. War er vorher schon gefürchtet gewesen, so zitterte jetzt Alle» vor ihm bis auf dar unvernünftige Vieh herab, wie der Kutscher seinem Weibe im Vertrauen klagte. Hans Justus kannte nur zwei Menschenklaffen, Herren und Sclaven, und zwar für die ersteren alle Rechte, für die letzteren alle Pflichten! Man hatte ehedem recht häufig fröhliche, Lachen, Singen und Pfeifen unter den Leuten gehört, der alte Herr Baron liebte es, frohe Gesichter zu sehen und nahm selbst ein vor# lautes Scherzwort nicht übel. In den letzten acht Tagen aber herrschte Friedhofsstille überall, Niemand wagte auch nur ein lautes Wort, geschweige denn einen Ton, der wie Singen oder Pfeifen klang. Al» sie sich am ersten Sonntag, wie e, Gesetz in Altinghof war, mit den nothwendigsten Ausnahmen zur Kirche rüsteten, fuhr der neue Herr wie ein Ungewitter dazwischen und verbot ihnen den „Unsinn". „Ich verlange von Euch Arbeit, aber kein Beten," höhnte er, seine Reitpeitsche, die er stet» in der Rechten hatte, drohend gegen die verblüfften Leute schwingend. „Macht Eure Sal# baderei Abends vor'rn Schlafen ab, verstanden?" „Wir bleiben nicht bei diesem Herrn," flüsterten sich die Knechte zu, „und ich halt'« auch nicht bei ihm aus," seufzte der verheirathete Kutscher, „ich verzage am Herrgott, wenn er uns unseren Rittmeister nimmt." Auch die Mägde gingen dem brutalen Gebieter so wett al» möglich aus dem Wege, während die beiden Aeltesten, die Wirthschafterin und der alte Diener, sich kummervoll anblickten, da sie wohl Ersparnisse besaßen, aber doch nicht ausreichend, um davon leben zu können. Wie sollte da, werden? — Es war ein heiterer Octobertag. Han» Justus hatte sich de» Onkels Reitpferd satteln lassen, um einen Besuch im Forsthause zu machen, vor dem ihm ein wenig zu grauen schien. „Bah, ich war daheim geblieben," dachte er, al« er lang# sam dem Walde zuritt, „was kann ich dafür, daß ihm da«# selbe pasfirte, was mir, dem Meisterschützen, geschah? Wir haben uns Beide «»geschossen!" Gr lachte kurz, ein häßliches Lachen, vor dem selbst da« Pferd zu erschrecken schien, denn e» machte einen Sprung nach vorwärts und jagte dann im Galopp weiter. „Ah, Bursche, Du hast jetzt einen anderen Herrn, der keine Eigenmächtigkeit duldet," sprach Hans Justus, mit festem Griff und Schenkeldruck das Pferd zum Schritt zwingend. Dann setzte er es in Trab und hatte bald den Wald erreicht, durch welchen ein bequemer Reit' und Fahrweg bi« zum Forst# hause führte. Er war klug genug, diese« Pferd, da« noch sein eigen nicht war, nicht zu mißhandeln und jetzt eine sehr ernste Miene aufzusetzen. Al» er vor dem Forsthause hielt, eilte ein Jägerbursche herbei, um das Pferd zu halten. Han« Justus sprang au« dem Sattel, warf ihm den Zügel zu und fragte den au« dem Hause tretenden Förster, mit kurzem Nicken den Gruß desselben erwidernd: „Ist der Arzt noch hier?" „Ja, gnädiger Herr, doch macht er augenblicklich einen Spaziergang im Walde." «In Begleitung der Baronesse?"! „O nein, die Baronesse ist im Krankenzimmer —" „Dann führen Sie mich dorthin," befahl Han» Justu« herrisch. Der Förster zögerte. „Um Verzeihung, gnädiger Herr," sagte er ehrerbietig, aber fest, „der Arzt hat mir den strengen Befehl gegeben, jeden Besuch ohne Ausnahme abzuweisen, well der Herr Ritt# meister vor jeder Aufregung sorgfältig behütet «erden müsse." Han« Justus maß den „stechen Sclaven", wie er ihn im Innern nannte, mit einem zornigen Blick und machte dann eine Bewegung, um an ihm vorüber in’« Hau« zu trete«. Furchtlos stellte sich Erichsen vor die Thür. „Ich muß den gnädigen Herrn bitten, den Befehl de« Arztes zu respectiren," sagte er mit fester Stimme. „Sie — 464 werden nicht wolle«, daß ich durch eine solche Pflichtvergessen« heil mein Gewissen beschwere." „Albernes Geschwätz! — Gewissen!" rief Hans Justus verächtlich. „Als ob ich nicht trotz aller ärztlichen Befehle das Recht hätte, meinen Oheim zu sehen. Weg da oder meine Peitsche soll'« Dich lehren, alter Graukopf!" (Fortsetzung folgt.) Am Usstschatter. »Habe« Sie Briefmarken ?" „Jawohl, das ist sogar ei» Specialartikel von uns." „Na dann jeden Sie mir man een paar." „Zu 3, 5, 10, 20, 25, 50 Pfennig?" „Na, selbstverständlich zu 10 Pfennig." „Das ist aber garnicht so selbstverständlich," lautet die Entgegnung des Beamten. „Wieviel wollen Sie denn haben?" „Na jeden Sie mir man zwee." Der Beamte reißt die Marken äb. „Na warten Sie mal, Sie können mir man ooch gleich zehne jeden, die Dinger kann man ja immer brauchen," meinte der Brave mit Gönnermiene. „Macht eine Mark." Der Mann greift hastig in seine Tasche, zieht ein großes Portemonnaie heraus und sucht eine Weile darin herum. „Schwerebrett, ich habe nur 80 Pfennige bei mir, nehmen Sie man zwee Marken wieder retour." Der geplagte Beamte nimmt die Marken zurück und ein Seufzer der Erleichterung entringt fich seiner Brust, al» er diesen umständlichen Kunden los ist. „Kann man hier auch telegraphiren?" fragt ein biederer Kleinbürger. „Jawohl." „Na, bitte, dann telegraphiren Sie mal, also: „„Liebste Juste, ich kumme erst morgen tu Hus."" „Dort draußen am Schreibpulte hängen Formulare; schreiben Sie dort auf, an wen und was Sie telegraphiren wollen; so kurzer Hand geht dar nicht." „Zehn blaue Marken für ein Dienstmädchen," verlangt eine Unschuld vom Lande. „Sie meinen Jnvaliditätsmarken zu zwanzig Pfennigen, nicht wahr?" „Meine Madame hat gesagt, ich sollte nur sagen sür Dienstmädchen: Sie werden er dann schon wissen. Die alten Fremdwörter find immer so schwer zu behalten." Lächelnd reicht ihr der Beamte das Gewünschte. „Für zehn Pfennige Briefbogen und Couverts," fordert ein Dreikäsehoch, der gerade mit der Nase über« Schalterbrett reicht. „Die gibt's beim Buchbinder, mein Sohn." „Ist vielleicht etwas da unter A. B. 100?" erkundigt fich eine stark geschminkte Schöne mit mächtigen Ballonärmeln, welche das ganze Schalterfenster versperren und den Eindruck machen, als plane die Trägerin derselben eine Ballonfahrt über den Nordpol. Ihren Kopf ziert ein breitkrämpiger Hut mit mächtigem Gemüsegarten, ihren Kleidern entströmt ein starker Moschusduft. „Rein, nichts hier." „M. B. H. auch nicht?" „Nein." „Dann vielleicht unter Traumglück?" „Auch nichts, mein Fräulein; Sie lieben wohl en gros ?" Mit einem vernichtenden Blick auf den Beamten rauscht die Gekränkte zur Thür hinaus. „Ach, können Sie mir nicht sagen," meint eine ziemlich korpulente Frau mit hochrothem Gesicht, „wo die Frau Miller'» hingezogen ist, die hier nebenan vier Treppen gewohnt hat?" «Bedaure sehr, ich habe nicht die Ehre, die Frau Müller zu kennen. Vielleicht weiß der Briefträger, der in demselben Hause bestellt, wohin die Betreffende gezogen ist, oder aber, Sie erkundigen fich bei dem zuständigen Polizeibureau." „Drei Stück Marken für Altersschwäche," fordert ein Lehrling, der den ihm gegebenen Auftrag jedenfalls nur mU halbem Ohr gehört hat- «Lieutenant v. Z." schnarrt es zum Schalterfenster herein, „Geldbriefträger heute bei mir gewese«, war leider nicht zu Hause." „Ja, hier ist ein Postauftrag für Sie über 300 Mk., wollen Sie denselben einlösen?" „Aeh, Postauftrag mit 300 Mark?" lautet die verblüffte Frage. „Aeh, Geldbriesträger soll morgen wlederkommen, werde dann bezahlen." Spricht'« und säbelraffelnd verschwindet ; er schnell. „Eine Postadresse auf Geld," verlangt ein hübsches Mädchen. „Sie meinen jedenfalls eine Postanweisung, mein Fräulein," entgegnet mit verbindlichem Lächeln der Beamte und gibt ihr dar Gewünschte. „Ach richtig," flüstert erröthend die hübsche Kleine und huscht von dannen, nicht ohne fich zuvor noch einmal nach dem Beamten umzuschauen, der ihr verliebt zunickt. Derartige Kundschaft ist ihm jedenfalls die angenehmste. Hrtinovistisehes. Ihr Ständpunkt. Braut (in starkbesuchter Sommer« frische): „Ich begreife nicht, daß alle Welt die Lust al« rein preist — wo mir mein Karl nirgend« auch nur dar kleinste Küßchen unbemerkt geben kann." * * * Protzig. „Der Gerichtshof hat Sie zu 20 Mark Geldstrafe verurtheilt!" — „Jawohl, können Sie mir auf einen Tausendmarkschein herausgeben, Herr Prästdent?" * * • Vorbereitung. Lieutenant: «Sie lesen da in Brehm« Thierleben?" — Unterofficier: „Jawohl, Herr Lieutenant, schöpfe ein bischen Anregung für Nachmittags«Exereieren." Literarisches Von der schon öfter von uns empfohlenen vortrefflichen Jugendzeitschrift „««fikattsche Jugendpok« liegt uns das 3. Quartal vor; dasselbe enthält wieder eine Reihe dem jugendlichen Fassungsvermögen angepaßter belehrender und unterhaltender Artikel, Erzählungen, Humoresken und Märchen, sowie Gedichte mit prächtigen, zum Theil recht humorvollen Illustrationen, allerlei Kurzweil, Spiele, Räthsel rc. Ferner als Gratisbeilagen: 6 Clavierstücke namhafter Componisten, worunter einen reizenden Walzer von dem jugendlichen Virtuosen und Componisten Raoul Koczalski, Lieder mit Clavierbegleitung und DuoS für Clavier und Geige. Eltern musikalisch beanlagter Kinder, sowie Lehrern und Lehrerinnen empfehlen wir, sich eine Probenummer kommen zu taffen, welche der Verleger Carl Grüninger in Stuttgart gratis und franco übersendet. -i- * Das demnächst erscheinende Octoberheft der „Dtttlscht« ÄtVttt"# herausgegeben von Richard Fleischer (Stuttgart, Deutsche Verlags- Anstalt) wird wieder einen ganz besonders reichhaltigen und fesselnden Inhalt haben. H. v. Poschinger veröffentlicht darin Auszüge aus dem politischen Tagebuche des Grafen Fred Frankenberg, dessen vor Kurzem ausgegebene Kriegstagebücher so gewaltiges Aufsehen erregt haben. Das Heft bringt ferner Erinnerungen des Viceadmirals Bätsch an General von Stosch mit einer Reihe ungedruckter Briefe des letzteren, einen Artikel des berühmten Wiener Hofschauspielers Josef Lewinsky über Tolstoj und das russische Theater, einen „Besuch bei Adeline Patti in ihrem Schlosse Craig-y-nos", eine Skizze von Frau Marie von Ebner- Eschenbach, einen Aufsatz des Admirals Werner über Taifune (anläßlich des Untergangs des Kanonenboots „Iltis"), eine längere, außerordentlich interessante Abhandlung des Pariser Professors Funck-Brentano über Gifte und schwarze Kunst am Hofe Ludwigs XIV. nach bisher nicht benützten Actenstücken aus dem Archiv der Bastille, einen bisher ungedruckten Brief des verstorbenen Afrikaforschers Gerhard Rohlfs über Colonialpolitik u. A. m. — Wir können unfern Lesern die vortrefflich geleitete „Deutsche Revue" nur wiederholt zum Abonnement empfehlen. Rebaction; K. Schetzda. — Druck und Vrrlag der Brühlffchen UntverkkAS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen. E die Th selben Wuthg der die und zu widerst^ ab und zärtlich W stand, 1 jetzt nu Hund z Rowdy! volver, gewöhn zielend, er seine wilden, einen e: (ö Justus, (»3 der Her EL entsetzt Hunde Justus Temper hatte, nung er lichen E gelassen grüßend