1896. • | K> WWW MWMMM UMOWA AZMWWB UMMMIMMM «-d# a^sSBBlÄSS&stzs^^* läsr-.M Gesühnt? Novelle von Zo« von Reuß. (Fortsetzung.) „Ich muß dem Herrn Baron beistimmen, in diesem Falle wenigstens," sagte der alte Maler mit ungewöhnlichem Ernst. „Es sollte mich freuen, wenn sich die Herrschaften für eine Ausstellung des Bildes bestimmen würden. Nicht sowohl um mein Werk, das mich keineswegs voll befriedigt. Es würde mir mehr auf einen Beweis der Ansicht ankommen, die ich in Künstlerkreisen vertrete. Der Vollblut-Italiener stellt nämlich uns Deutschen gegenüber den italienischen Typus als Schönheitsregel auf — als ob sich der unversiegbare, immer neue Quell der Schönheit überhaupt einengen ließe! Die Ausnahmen sind selten, Marchese Picci gehört darunter." „Selbstredend!" lachte Mülverstedt. „Ich weiß am besten, wie er schmachtet, Dein Cicisbeo zu werden." „Besonders als deutscher Künstler nehme ich Interesse daran, das Bild auszustellen," fuhr Wahlländer fort, die Bemerkung Mülverstedts unbeachtet lassend. „Der italienische Typus wirkt durch die Regelmäßigkeit nur stark auf die Sinne, das Herz bleibt kalt. Es fehlt ihm das geistige Fluidum, das die Hülle durchstrahlt, auch wenn die farbige Malerei zu schwinden beginnt. Pardon, ich langweile die Herrschaften." Baron Mülverstedt gab noch einmal seinen zustimmenden Entschluß zu erkennen und empfahl sich mit Dora. Es zeigte sich auch bald, daß sich der deutsche Maler über die Anziehungskraft seines Werkes durchaus nicht getäuscht hatte. Es begann fast eine Wallfahrt nach dem Bilde. Fast die gefammte internationale Bevölkerung von Nizza, durch Klatsch und Medisance oder Spielverlust gelangweilt oder verstimmt, wanderte bei ihm aus und ein, um die Baronin Mülverstedt in effigie zu bewundern. ♦ * * „Weißt Du auch, Närrchen, daß Du die Löwin der Saison geworden bist?" frug Baron Mülverstedt, aus dem Conversationshause zurückkehrend, Dora acht Tage später- „Wieso?" „Wirklich, man kann Dich beglückwünschen zum „stai“. Man redete heute nur von Wahlländers Bild und nennt seine Auffassung „genial". Nach dem Erfolge scheint er wirklich in's Schwarze getroffen zu haben." „Wie mich das freut — um seinetwillen-" „Nun, für Dich ist's auch nicht von Nebel. Pariser Elegants und amerikanische Geldbarone, Engländerinnen in Reit- und Radlercostüm, sogar ein rothe« Fez mit einem Türken bewundern Dich. Daß der Marchese darunter, versteht sich von selbst; er tritt sogar als Käufer des Bildes auf. Alle neiden mein Glück — nun, man hat sich dies „Glück" auch etwas kosten lassen!" „Wie — meinst Du das?" frug Dora gespannt. „Nun, denkst Du, daß es mir leicht geworden ist, den Abschied zu nehmen? Mein erster Blick siel auf eine Uniform, die Uniform meines Vaters. Dazu waren es lustige Tage im Regiment. . . . Aber ich vermochte es nicht zu ertragen, Dich, Dich ... Du verstehst mich. Die Horstens, die Klatsch- zungen, hatten die Situation verdorben — verdammt! Es ist mir schwer geworden, mit den alten Verhältnissen zu brechen, schwerer als Du denkst." „Und machst Du mich verantwortlich dafür?" frug Dora stockend, indem ihre Augen zärtlich und flehend an dem Antlitz des Gatten hingen. „Nein! Aber —" „Nun?" „Es ist mein Pech, das grenzenlose Pech, das mich verfolgt, feit Wülpsrn Dich mir überließ. Die letzten Ernten in Mülverstedt waren ungenügend, Fräulein von Streckfuß, die alte Jungfer, will immer noch nicht sterben, um mir, ihrem entzückten Pathenkinde, das ausgesetzte Legat zu hinterlassen, dazu nicht einmal Hauptmannspension ... ist es nicht haarsträubend ?" „O, Arthur!" „Apropos, dieser Marchese Picci muß ein geradezu eoloffales Vermögen haben, wie sie sich — allerdings sehr einzeln — in seinem Vaterlande finden. Allgemeine Armuth mit fast paradiesischer Bedürfnißlosigkeit und daneben einige immense Vermögen, die ihren glücklichen Besitzern nicht allein erlauben, als Krösus zu leben, sondern auch großmüthig für - 250 ihre Freunde etwas zu thun. Marchese Picei ist glücklicher« weise unter den Letzteren »Was willst Du damit sagen? Sprich Dich näher aus — ich bitte Dich inständig," sagte Dora mit schlecht ver- hehlter Angst. „Marchese Picci — hat er Dir Geld geliehen?" „Rege Dich nicht auf, ich bitte! Und vor Allem keine Thränen, die mater dolorosa war niemals mein Geschmack. Du bist ganz verändert gegen früher, unglücklich verändert. Nächstens wirst Du mir Gardinenpredigten halten wie Madame Kaudel — leider fehlt nur der Humor dabei. Der Humor ist perdu.“ »Du verkennst mich, Arthur. O, mein Gott, verstehen wir uns wirklich nicht mehr?" „Anscheinend — nicht. Leider!" „Siehst Du nicht, daß ich nur um Dein Glück besorgt bin, Dein Glück, Deine Gemüthsruhe, Deine Gesundheit? Deine Reizbarkeit wird immer größer." „Allerdings! O, meine Schwester kannte mich! Sie meinte, daß mir ein ruhiges, sorgenloses, flottes Leben absolut noth- wendig sei. Ja, sie kannte mich — bester als ich mich selbst gekannt habe." „Und theile ich Deine Sorgen nicht mit Dir alle?" sprach Dora händeringend, indem sie zu seinen Füßen niedersank und den Kopf zärtlich auf seine Knies drückte. „O, mein Gott! Sie find erdrückend!" Mülverstedt schien bewegt und fuhr ihr freundlich über das wellige Haar. Aber anstatt wie sonst seine wohlgepflegte Hand liebkosend in demselben zu vergraben, zog er sie plötzlich wieder zurück, indem er sagte: „Du übertreibst wieder, Kind. So schlimm ist es keineswegs. Ich gebe gern zu, daß, daß . . . Nein, Du verstehst eben das Leben nicht. Es hängt Dir noch zu viel Kleinbürgerei an. Lerne doch das Leben begreifen, in das Du nun doch einmal hin eingeworfen bist durch den überraschend schnellen Verzicht Deines Krösus . ." „Arthur!" „Er hat fich wirklich sehr kurz besonnen. Bei dieser — rührenden Zärtlichkeit ist seine Großmuth kaum zu verstehen, wahrhaftig, er wäre nachahmungswürdig. Weißt Du, Kleine, daß ich aus allen Sorgen heraus wäre und Du selbst von allen Nöthen befreit, wenn, wenn . . ." „Um Gotteswillen, was meinst Du?" fiel Dora entsetzt ein. „Rege Dich und mich nicht unnöthig auf — bitte!" sagte Mülverstedt, den braunen Bart streichelnd, welcher so wunderbar harmonisch das schöne Oval umrahmte. „Ich meine nur so ... . Marchese Picci würde Dich auf Rosen betten, wie Du es verdienst. Er ist nämlich todt verliebt, ebenso sehr als ich es einst . . . Unstnn, ich liebe Dich noch immer —" „Kein Wort weiter!" schrie Dora laut auf. Die Stimme klang schneidend, hohl, mißtönig. Dazu schien sie plötzlich riesengroß gewachsen, wie sie mit flammenden Augen vor ihm stand, das holde Kindergesicht blaß und starr wie ein Mebusen- haupt. „Jedes Wort ist Anklage und Urthetl zugleich für mich und Dich. Ich war eine Thörin, er aber wollte nicht, daß ich eine Sünderin oder unglücklich werden sollte. Du — laß mich schweigen." „Das scheint mir allerdings auch das Beste, im Augen- blicke wenigstens. Du bist gereizt — sehr. Begreifst Du nicht, wie sehr ich leiden würde, wenn .... Ich hoffe Dich morgen in besserer Stimmung zu finden." Dora stand noch immer starr wie eine Bildsäule und antwortete nicht. „Da ich heute entschiedenes Pech in der Liebe habe, hoffe ich auf Glück im Spiel nach dem alten Wort: Sprichwort ist Wahrwort. Adieu, Kleine! Auf besseres Wiedersehen!" Sie hielt ihn nicht zurück, obgleich sie wußte, wohin er vermuthlich wieder mit dem Marchese gehen würde. Ihr Denken und Empfinden war ein Chaos, nur allmälig kehrte Klarheit in Kopf und Herz zurück und mit ihr Kraft und Stolz, wie sie niemals vorher empfunden hatte. Selbst das Reuegefühl ward durch sie zurückgedrängt. Mochte sie gefehlt haben in Verblendung und Uebermaß des Liebesgefühls, sie hatte gebüßt für tausend Sünden — durch ihn. Dort die Männlichkeit, die aus einer geläuterten Seele hervorsprießt, hier nichts weiter als der unzulängliche Ersatz der „Schneidig, feit". Das Verhängniß, ihr Schicksal hatte sie fortgerissen, aber es sollte sie nicht vernichten. Sie war entschlossen, in das Elternhaus zurückzukehren. In unbeschreiblichen Gefühlen, bei welchen sich Vergangen- heit und Zukunft znsammendrängten, erwartete sie die Nacht. Mit dem ersten Morgengrauen schon war sie wach nach kurzem, schwerem Schlummer. Mülverstedt war noch nicht zurückgekehrt. Sie erhob sich von ihrem Lager, um ihre schon gestern Abend begonnenen Reisevorbereitungen zu vollenden. Der Koffer mit der nothwendigsten Garderobe war bereits gepackt, aus der relchgefüllten Schmuckschatulle nahm sie nur ein paar unbedeutende Kleinigkeiten als Ergänzung des Gedenkens in der Seele. Den Trauring mit Mülverstedts Namen streifte sie ab; aber sie nahm dafür einige verwelkte Blumen, die er ihr einst geschenkt hatte, und schloß sie in ein sammetnes Be- hältniß, das die Inschrift „Liebe Erinnerungen" trug. Denn die leidenschaftliche Liebesempfindung, die ihr zum Verhängniß geworden, war keineswegs in ihr erstorben. Im Frauen- Herzen gießt es zwar ein plötzliches Erglühen der Liebe, aber kein plötzliches Welken. Das Liebesgefühl, das Schicksal des Weibes, läßt tiefe Spuren zurück und der Geliebte hört keineswegs auf, in dem Herzen weiterzuleben, obgleich das Herz sich gezwungen steht, stch loszureißen. Alles ist geschehen — nun nach dem Bahnhof. Dora drückt auf den Knopf der Zimmerklingel, um einen Wagen zu bestellen. Die Glocke giebt ihren einzigen sonoren Ton; dazwischen aber klingt draußen Lärm und Getöse. Dora erschreckt und steht lauschend; das Geräusch ist ganz ungewöhnlich in der um diese Zeit todtenstillen Villa Forti. Jetzt vernimmt sie auch die rauhe Baßstimme des biederen Westfalen. Sie hört den Namen de« Gatten nennen und dazwischen „San Carlo". Man kommt die Treppe hinan — ahnungsvoll, entsetzt reißt Dora die Thüre auf. Auf einer blutbesudelten Tragbahre liegt ausgestreckt der Gatte, lebend, aber bleich und regungslos. Man hatte ihn gestern Abend in unmittelbarer Nähe der Spielsäle bewußtlos aufgefunden, die Pistole neben sich. XIV. Echt malerisch lagert sich das Dorf Alapiccolo zwischen Olivenhainen, Msulbeerpflanzungen und Rebengeländen. Seine Entfernung von Nizza beträgt wenig über eine deutsche Meile und doch ist diese geringe Entfernung der Grund, weshalb es auch in Alapiccolo einzelne, sich aus dem gewaltigen Fremdenstrom verirrende leidende oder ruhebedürftige Ansiedler giebt. Denn das Leben und Treiben des großen internationalen Curorts verbraucht kaum weniger Lebens- und Nervenkraft als eine europäische Großstadt, und Luft, Meer und Sonne haben vollauf zu thun, um die schädigenden Einflüsse zu überwinden. Trotz der Sommerhitze hatte Dora mit dem schwer leiden- den Gatten während der letzten Monate hier ausgehalten. Beide bewohnten das an mittägiger Berglehne 'belegens Häuschen eines Winzers, der nach Genua ausgewandert war. Das verödete Grundstück mit seinen laubenartig angelegten, aber stark vernachlässigten Weingängen zog sich terrassenarttg zur Ebene hinab. Trotz aller mangelnden Bequemlichkeit waren sie in dasselbe übergefledelt, nachdem Mülverstedt durch . Entfernung der in die Brusthöhle eingedrungenen Pistolenkugel transportfähig geworden war. Vom ersten Augenblicke des Wiedersehens an war Dora nicht von Mülverstedts Seite gewichen. Durch Andere, Bekannte und Freunde, hatte sie erfahren, daß der Gatts anfangs mit großem Glück gespielt hatte. Aber dies Glück war plötzlich in's Gegentheil umgeschlagen — er verlor, verlor, bis er, tollkül zu wn Seele Pflege der @i Die§ weil wieder aller 1 Mülv! dem i Engel Friede seinen zu en! 1 Beute lassen, blanc' zur V falls! zurück! c •V energi genom stützur Brief des W Aber Deuts, ( Aufen sitzer von £ Hypot stand Groß! Stron zu de Mülv obglei 5 Lunge Arzte! nur lebenb 5 Münc nach 2 Dorm Gatte Titel Kunst < überhi zu abe Po wä räv ftU! uni kär mi 251 tollkii hn geworden, Alles aufs Spiel setzte, um — zum Bettler zu werden. Langsam, fast traumhaft zogen die Tage an Doras Seele vorüber. Es war fast ein Glück zu nennen, daß die Pfleae des Gatten sie vollständig in Anspruch nahm — in der Sorge um bas Heute vergaß sie das Gestern und Morgen. Die Schußwunde in der Brust war nicht eigentlich gefährlich, weil das Herz verschont geblieben war. So hoffte Dora wieder, nachdem ihr der Thatbestand mitgethellt war, mit aller Kraft ihres treuen, liebesstarken Herzens. Und auch in Mülverstedt begann sich ein neuer Lsbenstrieb zu regen, nachdem ihn die Verzweiflung verlassen hatte, und Dora als Engel an seiner Seite weilte. Dann wehte es ihn an wie Frieden. Aber es kamen auch böse Zeiten, in denen Mülverstedt, seinen Ruin erkennend, sich vermaß, das zerstörte Leben dennoch zu enden, koste es was es wolle. Um den Selbstmordversuch todtzuschweigen und nicht eine Beute der neuigkeit-hungrigen Zeitungsreporter werden zu lasten, hatte die Spielbankverwaltung im Auftrage Mr. Le- blanc's, des Generalpächters, Dora eine namhafte Unterstützung zur Verfügung gestellt und auch weitere Hilfe versprochen, falls die Frau Baronin mit dem Gatten nach der Heimath zurückkehren wolle. Innerlich widerstrebend, aber durch die Verhältniffs energisch gezwungen, hatte Dora die augenblickliche Hilfe angenommen. Ja, sie hätte vermuthlich auch die Reiseunter- stützung nicht von der Hand gewiesen, weil ihr ein lamentaler Brief Thereses eine bedeutende Verschlimmerung im Befinden des Vaters meldete, die sogar eine Katastrophe erwarten laste. Aber Mülverstedt widerstrebte entschieden einer Rückkehr nach Deutschland. In Mülverstedt — wenn man sich wirklich zu einem Aufenthalt daselbst entschlosten hätte — erwarteten den Besitzer vielerlei Unannehmlichkeiten. Denn das seit einer Reihe von Jahren stark vernachlässigte Gut war allmählich mit Hypotheken überlastet worden, und eine Zwangsversteigerung stand vor der Thüre. Und an ein Leben in einer deutschen Großstadt, irt welcher man unbekannt war, aber mit dem Strome schwimmen konnte, war aus finanziellen Gründen nicht zu denken, selbst wenn die Reise und Eingewöhnung durch Mülverstedt glücklich überstanden war. So blieb man — obgleich die Sorgen für Dora riesengroß heranwuchsen. Denn leider stellte fich mit Bestimmtheit heraus, daß die Lunge durch den Schuß gestreift war und nach Ausspruch des Arztes schweres, langes Siechthum unvermeidlich blieb. Und nur zu schnell mußte Dora den Zustand des Gatten selbst als lebenbedrohend erkennen. Da, in neuer Verzweiflung, traf sie ein Brief aus München. Der Schreiber war Maler Wahlländer, der bald nach Mülverstedts Selbstmordversuch dorthin zurückgekehrt war. Doras Bild hatte er mit sich genommen, da es von dem Gatten, der es bestellt, unverlangt geblieben war. Unter dem Titel „Das Bild der Rose" schmückte es die Räume der Kunstausstellung und ward viel bewundert. Der Brief, der Dora drückender, augenblicklicher Sorge überhob, lautete: „Gnädige Frau! Gestatten Sie einem alten Freunde, sich in Erinnerung zu bringen und verzeihen Sie ihm, wenn er wohlmeinend, aber vielleicht etwas vorschnell für Sie handelte. Ihr Portrait, zu dem ich eine mehr genrebildliche Auffassung wählte, schmückt seit einigen Wochen die Kunstausstellungsräume. Ich brachte es nicht über's Herz, seinen Liebreiz zu verbergen. Unter den Bewunderern, die es schnell um sich versammelte, befand sich auch ein junger, auf einer Reise nach dem Süden begriffener Professor, Doctor Hertel aus L. Er versicherte mir sofort, das Original zu kennen und benahmen mir in der That seine Worte jeglichen Zweifel, daß er ein früherer Bekannter von Ihnen sei. Seinem wiederholten Drängen nachgebend, überließ ich ihm käuflich das Portrait, nachdem ich heimlich eine Copie für mich felbst genommen hatte. Habe ich Unrecht gethan? Ich hoffe nicht, obgleich ich weiß, daß Sie Marchese Picct das Portrait beharrlich verweigerten. Nachdem ich aber das Interesse gesehen hatte, mit welchem er es täglich betrachtete, bin ich überzeugt, daß er das Bild wie einen Schatz hüten wird. Gestatten Sie mir, gnädige Frau, daß ich Ihnen den Gelderlös übersende, indem Sie mir erlauben, mir für mich selbst an der Erinnerung unseres einstigen Freundschaftsverkehrs genügen zu lassen. Ihr Wahlländer." „Edler Mann!" rief Dora aus, indem ihr die Thränen aus den Augen stürzten. Denn ihr Herz war durch die Masse der Eindrücke wie ein vollgefülltes Gefäß, das schon dis leiseste Berührung überflteßen läßt. „Ich verstehe Dich und Deine Großmuth. Und mein alter, heimlicher Verehrer, der trotz aller Gelehrsamkeit so ein freundliches, kluges, warmes Herz besitzt, nein, er ist kein Marchese Picci. Er mag das Bild behalten." ♦ * ♦ Es war Anfang October und Weinlese. Schwer und purpurn hingen die gereiften Trauben an den Rebstöcken, zwischen deren fich täglich vergrößernden Blattlichtungen die einerntende Winzerschaar sich hin und her bewegte. Terrasse um Terrasse begann sich zu leeren; hochgewachsene, mit südlicher Farbenfreudigkeit gekleidete oder fast unverhüllte Frauen- und Mädchengestalten beförderten die Traubenfülle hinab zur Kelter, so stolz und aufrecht, als ob sie anstatt des Kübels eine Königskrone auf dem Kopfe trügen. Abends aber faß man beieinander, malerischer als es der Pinsel des Künstlers wiedergeben könnte, oder drehte sich im Tanz, zu dem die Sternenlichter leuchteten. Gesang, halb weinlesesroh, halb herbstlich traurig, schallte zur obersten Terrasse herauf, auf der dar Haus des nach Genua ausgewanderten Weingärtners gelegen war, in dem Mülverstedt und Dora feit Monaten Unterkunft gefunden hatten. Mülverstedts Befinden ließ keine Hoffnung mehr zu, mit dumpfer Ruhe sah Dora der Katastrophe entgegen. Auf einem improvistrten, aber bequemen und sauberen Lager ausgestreckt, das vor dem Häuschen aufgestellt war, verbrachte Mülverstedt die Tage. Dora verließ ihn keinen Augenblick mehr. Mochte der Becher des Liebesglücks, das ihr Mülvststedt gereicht hatte, ungezählte bittere Tropfen enthalten haben — jetzt, wo er ihr von den Lippen genommen wurde, empfand sie nur dessen Süßigkeit. „Die letzte Bitte — wirst Du sie mir erfüllen?" frug Mülverstedt mit Anstrengung. „Alles, Geliebter." „Wenn Du zurückkehrst nach Deutschland, Du wirst es? - Nicht?" „Doch, Arthur " „Armes Kind, Du triffst Niemand mehr — auch Deinen Vater nicht. Aber glaube mir, es ist mir schwer geworden, Dich hier festzuhalten . . „Ich würde niemals gegangen fein, Dich niemals verlassen haben. Auch hat er mich kaum entbehrt, so hoffe ich wenigstens. Therese hat ihm die Augen zugedrückt." „Nimm mich mit Dir, wenn Du zurückkehrst! Ich will in Mülverstedt begraben sein. Dorthin sollst Du mich bringen!" „Nach — Mülverstedt?" frug Dora mit geheimem Schreck. „Wülpern ist auf der Hochzeitsreise, wie ich zufällig durch den Inspektor hörte. Närrchen, was ist's auch weiter, selbst wenn Du ihn sehen solltest!" schloß Mülverstedt mit seiner gewöhnlichen Rücksichtslosigkeit. „Freilich wird das Stamm- gut nicht zu halten sein. Der Erbonkel mußte seine Sache besser machen und mindestens auch eine halbe Million Mark dazu legen — zu dem Famtlienbesitz nämlich. Aber ich möchte wenigstens dort begraben sein als Letzter meines Stammes. Versprichst Du es mir?" Ein stummer Händedruck und eine große, herabfallende Thräne waren Doras Antwort. (Schluß folgt.) Arbeit und Ruhe. Von Dr. HanS Froehlich. ------- (Nachdruck verboten.) Die Gesundheit hängt nicht allein davon ab, daß man die nothwendigsten Nährstoffe durch Effen und Trinken dem Körper zuführt, und daß man ferner durch Einathmung guter reiner Luft den für Leben und Wohlsein unumgänglich noth- «endigen Sauerstoff gewinne, sowie unbrauchbar Gewordenes aus dem Blute entferne, sondern, um die Gesundheit zu erhalten, muß man durch Arbeit diejenigen Kräfte nützen, welche man mit Hilfe einer vernünftigen Lebensweise gewonnen hat. Der Faule wird nie dauernd gesund und glücklich sein l Müßiggang ist nicht nur aller Laster, sondern auch aller Krankheit Anfang. Mit Speise, Trank, Luft und Kleidern wollen wir ja nur dem Körper diejenigen Stoffe ersetzen, welche durch Anstrengung unbrauchbar geworden find, und die brauchbaren erhalten. Deßhalb macht Arbeit und Abkühlung hungrig. Wer sich reichlich ernährt, ohne sich anzustrengen, der „mästet" sich, wie Thiere gemästet werden, welche man fett macht. Kinder mögen bei gutem Wetter und nicht zu großer Hitze oder Kälte möglichst viel in freier Luft sich beschäftigen. Wenn die Schule aus ist und die Schularbeiten gemacht find, können fie durch gemeinsame Spiele, durch Turnen, Schwimmen, Schlittschuhlaufen, Ballschlagen, Reifenspiel oder Hüpfen mit der Schnur ihre Kraft und Geschicklichkeit üben. Auch leichte Arbeiten im Garten, z. B. das Unkraut auszuziehen. Neugepflanztes angießen, kleine Pflänzchen einpflanzen, oder in der Hauswirthschaft sind ihnen nützlich. Aufmerksame und artige Kinder finden vielerlei Gelegenheit, durch Handreichungen und Besorgungen den Erwachsenen bei der Arbeit zu helfen. Für die eigentlichen Arbeiten der Erwachsenen find Kinder noch nicht befähigt! Ihr Körper ist noch im Wachsen begriffen und bedarf der Nährstoffe hauptsächlich für diesen Zweck. Die Schule ist der Kinder Arbeitsfeld; hier sollen sie recht aufmerksam und fleißig sein, damit sie viel Gutes lernen, was sie künftig im Leben verwenden können. Nur wenn sie diese Arbeit gut aussühren, verdienen sie nach den Schulstunden die Erholung. Die Arbeit der Erwachsenen hat meist zunächst den Zweck: Nahrung, Kleidung und Wohnung zu beschaffen. Aber in ihr ruht auch der Segen: innere Heiterkeit, Ruhe und Frohsinn zu gewinnen. Das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht ist für Jeden die Bedingung des Glückes. Nach gut vollbrachter Arbeit schmeckt das Effen, schmeckt die Ruhe. „Ein gute« Ge- wiffen ist das beste Ruheriffen." Leider ist jedoch der Erwachsene genöthigt, in seinem Berufe lange Zeit hindurch in einer so gleichmäßigen und einseitigen Weise zu arbeiten, daß einzelne Körperteile dabei sehr angestrengt werden müffen, andere nicht. Dies bringt die Gefahr des Erkrankens, welcher man jedoch vorbeugen kann, wenn man sie erkennt. Dann vermag man sicher den Gefahren des zu langen Sitzens, Stehens, Bückens, der Ueber- anstrengung (für die Athemwerkzeugs, die Augen, für Gehör, für Gehirn), der zu großen Hitze oder Kälte und der unreinen Luft (Staub, Kohlenduft, Gifte) zu entgehen, kann sich gesund, das heißt arbeitsfähig, erhalten. In den meisten Fällen sind für fleißige Erwachsene leichte Turnübungen (sogenanntes Freiturnen ohne Geräthe) zur Erhaltung der Gesundheit und Kraft nothwendig. Nicht minder bedarf aber jeder Fleißige nach der Arbeit der Ruhe und Erholung. Die beste Erholung zum Ersatz der Kälte gewährt der Schlaf in reiner Luft. Kinder, sowie bleiche und magere Personen, bedürfen einer längeren Schlafzeit, als gesunde Erwachsene. Mit der strengen Arbeit vermehrt sich auch das Bedürsniß nach Schlaf und Ruhe, ebenso wie das Bedürfniß nach Speise. Zu viel Schlaf macht fett, träge und krank. Man sollte sich zeitig schlafen legen, damit man 'auch zeitig ausstehen kann. Greise können in der Regel nicht schlafen; sie sollen aber eben so lange als die jüngeren Erwachsenen im Bette bleiben, weil dies ihnen zuträglich ist. Die Schlafzeit richtet sich nach dem Lebensalter. Der „Säugling" schläft bis zwanzig Siunden täglich, — das „kleine Kiud" bi» zum vierten Lebensjahre sechzehn Stunden, dann weniger, — und im siebenten Jahre zehn Stunden; — im achten bis zehnten Jahre brauchen die Kinder neun Stunden Schlaf, — im elften bis fünfzehnten Jahre acht Stunden. Wenn sie dann wenigstens fünf Stunden im Freien sich tummeln und drei bis vier Stunden sich ruhig beschäftigen (mit Lesen, Schreiben, Papparbeiten, Schnitzen, Fechten), so können sie die übrige Tageszeit zum fleißigen Lernen und zu geistiger Anstrengung verwenden, ohne daß es ihnen zu viel wäre. Beim Erwachsenen vom 20. bis 55. Lebensjahre richtet sich das Schlafbedürfniß nach der Arbeit. Wer ruhig im Zimmer arbeitet, braucht nur sieben Stunden Schlaf; wer sich aber durch anhaltendes Nachdenken, vieles und lautes Sprechen, durch große Märsche, starke Muskelanstrengung und Heben schwerer Lasten Tag für Tag abmüht, der muß auch eine Stunde länger schlafen als Andere. Auch dem eigenen Körper gegenüber muß die Regel gelten: „Wie die Arbeit,, so der Lohn." — Nach dem 55. Lebensjahre tritt wiederum höheres Schlafbedürfniß ein, und Greife fallen je nach dem Zustande ihrer Kraft neun oder zehn oder elf Stunden lang ruhig im warmen Bette bleiben, auch wenn sie nicht zu schlafen vermögen. Dies ist für Viele eine schwere ^Aufgabe; bei gutem Willen aber läßt fie sich durchführen. VermMcht-s. Annonce. „Köchin, in feinem Restaurant, sucht paffende Bekanntschaft zu machen. (Reichhaltige Abendkarte.) Offerten unter „Amor“ an die Expedition." ♦ t * Schon etwas. Professor: „Herr Candidat, Sie werden wohl durchfallen." — Candidat: „Macht nichts, dann geh' ich zum Militär." — Profeffor: „Sehr gut, Sie können in Moltkes Fußstapfen treten, schweigen können Sie schon." ♦ ♦ ♦ Logischer Schluß. „Wer ist denn dieser ungewöhnlich dicke Herr dort?" — „Das ist ein Dichter?" — „Ein Dichter? . . . Sapperment, muß der aber berühmt sein!" Einführung in di« Musik von Adolph Pochhammer. Gebunden Mk. 1.— (Verlag des „Musikführer", H. Bechhold, Frankfurt a. M.). Ein prächtiges Büchlein liegt vor uns, ein Werk, das alles enthält, was der Musikfreund von der Musik wissen sollte. Erstens die Hauptpunkte der Musikgeschichte. Gestirne wie Bach und Händel tauchten nicht plötzlich am Firmament auf, und der Schritt von ihnen bis zu Beethoven, weiter zu Schumann, Berlioz, Wagner, Brahms und den Vertretern der Programmmusik ist ein gewaltiger. — Zweitens der Elemente der practischen und theoretischen Musik: Wer hat nicht schon vergeblich Erklärung von Begriffen wie Tonica, Dominante, Contrapunlt, Orgelpunkt, Suite, Fuge und vielen anderen Kunstausdrücken gesucht? sie sind alle in einer auch für den weniger musikalisch Gebildeten faßlichen Weise erklärt. — Drittens die Musikinstrumente und ihre Anwendung. Ich bin sicher, daß es viele gießt, die weder im Ansehen, noch nach dem Ton eine Clarinette von einer Oboe oder einem Fagott rmterscheiden können. Den wahren Genuß von einem Concert hat man aber erst, wenn man auch die Wirkung der verschiedenen Instrumente begreifen lernt. Zum Schluß enthält das Werk noch ein vollständiges Musikalisches Lexikon. Die Darstellungsgabe und Klarheit des Verfassers ist wahrhaft bewundernswürdig. Ebenso erstaunlich ist, was der Verleger für den Preis von nur einer Mark bietet. Man kann das Buch nicht warm genug empfehlen. Redaktion: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schepda) in Gießen.