LmMMMek >W fflSTX'iir':.-■'./.. ' ?£7/- j UnterlMmgsdlatt juw Mrßenrr Anpigrr (Weiirral Anxeiger) Die Brüder. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Mit großem, fast entsetztem Blick suchten die Augen Hermanns in seinem Gestcht zu lesen. „Was heißt da»? Wenn ich glauben müßte, Werner, daß Du — daß Du im Stande wärest, sie schändlich zu verrathen —* Der Andere unterbrach ihn/ mit einer ungeduldigen Schulterbewegung. „Wozu in aller Welt diese theatralischen Phrasen! Hier ist von keinem Verrath die Rede, sondern einfach von der Erkenntniß eines Jrrthums, dessen heuchlerische Aufrecht» erhaltung geradezu ein Verbrechen wäre sowohl gegen das Mädchen al» gegen mich selbst. Soll ich denn mit vollem Bewußtsein uns Beide für alle Zukunft unglücklich machen, nur weil ich mich eine kurze Zeit lang über die Natur meiner Empfindungen getäuscht habe? — Soll ich —" Er konnte nicht ausreden, denn sein Bruder hatte ihn an beiden Schultern gWackt und rüttelte ihn wie man einen Schlaftruvkenen im Augenblick der Gefahr zu ermuntern sucht. „Wach' auf, Unseliger! — Komm' zu Dir! Du bist ja von Sinnen! Was hat diese italienische Hexe mit Dir angefangen, daß Du so wahnwitzige Dinge denken und sprechen kannst? Danke dem Himmel, daß Niemand fie gehört hat al» ich." Ungestüm befreite sich Werner von dem rauhen Griff. „Mich dünkt, wenn Einer von uns sich wie ein Verrückter benimmt, so bist Du es, nicht ich. Und ein für alle Mal, Hermann: Du magst über mich und meine Handlungsweise denken wie es Dir beliebt — die Dame aber, deren Du soeben Erwähnung gethan, werde ich nicht beleidigen lassen, von Dir so wenig als von irgend einem anderen Menschen. Keiner hat ein Recht, mit Geringschätzung von ihr zu reden, denn sie hat Keinem Anlaß dazu gegeben." „Aber ist es denn nicht die« Weib, dem Du Margarethe zum Opfer bringen willst. Kannst Du mir bei Deiner Ehre s versichern, daß fie keinen Antheil hat an der ungeheuerlichen Wandlung, die seit heute Morgen mit Dir vorgegangen ist?" „Soll es ihr als ein Verbrechen angerechnet werden, daß eine unwiderstehliche Gewalt unsere Herzen zusammenzwingt — daß wir von allem Anbeginn für einander bestimmt waren, ob auch Länder und Meere uns trennen mochten? Dir freilich werde ich das Wesen einer solchen Liebe niemals begreiflich machen, denn man muß selber leidenschaftlichen Empfinden» fähig sein, um lodernde Leidenschaft zu verstehen. Aber was liegt auch daran, ob Ihr nüchternen Alltagsseelen uns begreift! Es muß Dir genügen, daß diese Liebe für mich eine Erlösung bedeutet, eine Befreiung au» der erstickenden Dumpfheit, in der mein Talent rettungslos hätte verkümmern müssen. Jetzt erst spüre ich in mir wieder da» heilige Feuer, das mich zum Künstler macht; seit heute erst fühle ich mich wieder stolz und glücklich in der Gewißheit, daß ich zu Großem berufen bi«. — Wenn Du es in Wahrheit so gut und brüderlich mit mir meinst, wie Du es mich oft hast glauben machen wollen, so mußt Du mir viel eher behülflich sein, die verderblichen Fesseln abzustreife«, statt mir mit den hohlen Tiraden einer schwachmüthigen Philistermoral die köstlichsten Stunden meine» Lebens zu vergällen." „Ich kenne kein Stttengesetz, da» dem Künstler gestattete, war Anderen al» ehrlos verboten ist. Und ich glaube nicht daran, daß eine verbrecherische Leidenschaft tet Stande sein sollte, urplötzlich ein Genie aus Dir zu machen. Im besten Falle betrügst Du Dich selbst mit einem solchen Wahn. — Aber wenn es auch mehr wäre als Wahn — wenn dieser Sinnenrausch auch die Wunderkraft hätte, Dich zu den gewaltigsten künstlerischen Thaten zu begeistern, Du müßtest dennoch Deine ganze Energie dafür einsetzen, Dich von ihm zu befreien. Denn zehnmal heiliger als die vermeintliche Pflicht gegen Dich selbst sind Deine Pflichten gegen das Mädchen, das Dir seine Zukunft und dar Glück seines Lebens vertraute. Es giebt keinen Ruhm und keinen Erfolg, der nicht tausendfach zu hoch bezahlt wäre mit dem schimpflichen Bewußtsein einer begangenen Schurkerei." Mit einem ungeduldigen Achselzucken wandte sich Werner Eggestorf ab. „Laß un» diese zwecklose Auseinandersetzung enden, da - Ssä - wir doch niemals dahin gelangen werden, uns zn verstehen. Was sollen mir Deine schönen Tugendlehren frommen, nach« dem ich mit mir selber vollkommen im Reinen bin über da», war ich zu thun und zu lassen Habel Gebietet Dir Deine strenge Ehrenhaftigkeit, mich deshalb zu verachten — wohl, so muß ich Deine Verachtung eben tragen." Er schickte stch an zu gehen, sein Bruder aber vertrat ihm den Weg. -34 lasse Dich nicht fort," rief er, „denn ich werde nimmermehr zugeben, daß das reinste und edelste Geschöpf durch die elenden Künste einer gewissenlosen Kokette zeitlebens unglücklich werde. Ich verbiete Dir, sie wiederzusehen, denn — mein Wort darauf! — ich würde Dich, wenn es sein muß, mit Gewalt von ihrer Seite reißen." Trotz des engen verwandtschaftlichen Verhältnisses, das zwischen ihnen bestand, mußte Werner seinen Bruder sehr schlecht gekannt haben, als er ihm vorhin die Fähigkeit leidenschaftlichen Empfindens abgesprochen. Wie er jetzt vor ihm stand, die Hände unwillkürlich zu Fäusten geballlt, mit zuckenden Gesichtsmuskeln und sprühenden Augen, offenbarte sich eine fast erschreckende Leidenschaftlichkeit in seinem Ge- bahren, und der Andere war er, der sich ungleich besser zu beherrschen verstand. Er versteckte den Zorn, der ohne Zweifel auch in ihm arbeitete, hinter eiskaltem Sarcasmus, indem er erwiderte: „Darauf könnten wir es immerhin ankommen lassen. Aber es setzt mich, offen gestanden, in Verwunderung, gerade bei Dir einen so hartnäckigen Widerstand gegen die Auflösung meines Verlöbnisses zu finden. Ich hoffte Dir durch diese unerwartete Verbesserung Deiner eigenen Chancen vielmehr eine gewaltige Freude zu bereiten." Hermann Eggestorf starrte ihn an, als hätte er in einer fremden Sprache geredet. „Was — was willst Du damit sagen?" „Nun, wir brauchen die Comödie, die wir seit drei Monaten aufgeführt haben, doch jetzt wahrhaftig nicht länger zu spielen. Du hast Deine Sache nicht schlecht gemacht, das will ich Dir gerne zugeben; aber ich hätte trotzdem blind sein müffen, um nicht zu sehen, daß Du selber bis über beide Ohren in Margarethe Arnholdt verliebt bist. Nun kannst Du ja in Gottes Namen Dein Glück versuchen, da Du durch keine brüderliche Rücksicht mehr gehindert bist, um fie zu werben." Noch immer stand der Andere wie gelähmt. Nur seine Brust hob sich in schweren, hörbaren Athemzügen, und lang» sam, ganz langsam verbreitete sich eine dunkle, brennende Röthe über sein vordem bleiches Geficht. Werner Eggestorf aber war niemals in einem verhängnisvolleren Jrrthum gewesen als jetzt, da er stch dies Schweigen nach seiner Weise deutete. „Du siehst, mein Lieber, daß Deine flammende Entrüstung schon aus diesem Grunde keinen übergroßen Eindruck auf mich machen kann," fuhr er mit dem Ausdruck un- verhohlener Genugthuung fort. „Man verräth sich zuweilen auch dadurch, daß man des Guten zu viel thut. Und was das schlechte Gewissen betrifft, so sind die Leute, die sich offen Md ehrlich zu ihren Jrrthümern bekennen, wohl noch immer die schlimmsten nicht. — Gewisse schleichende Duckmäuser, die den Kato spielen, bis sich ihnen vielleicht eine gute Gelegenheit —" Er kam nicht weiter, denn ein furchtbarer Faustschlag, der ihn mitten ins Geficht getroffen, machte ihn zurücktaumeln. Hermann Eggestorf schien plötzlich um eine halbe Haupteslänge gewachsen, so gewaltig hatte sich sein Körper in allen Muskeln gereckt. Der heilige Zorn hatte seiner Erscheinung mit einem Mal etwas Jmponirendes, fast Hoheilsvolles gegeben. Der reckenhafte Werner sah trotz seines bunten kriegerischen Aufputzes in diesem Augenblick klein und unbedeuteud aus neben ihm. Und vielleicht war es diese seltsame Wandlung, die den Geschlagenen abhtelt, die schmachvolle Beschimpfung auf gleiche Weise zurückzugeben. Wohl hatte er mit einem Aufschrei der Wuth nach dem kurzen Schwerte gegriffen, das an seiner Hüfte niederhing, aber er hatte die Hand wieder finken lassen ohne es zu ziehen und bückte stch nach seinem zu Boden ae-' fallenen Helm. u »Du- bist mein Bruder — danke dem Himmel dafür daß ich mich dessen selbst in diesem Augenblicke erinnere. Aber die armseligste aller Creaturen will ich sein, wenn ich Dir diese Stunde je vergesse. Wir werden Abrechnung halten — verlaß Dich darauf — früher oder später — und der Schlag soll Dich gereuen bis an das Ende Deines Lebens." In abgerissenen Worten hatte er es hervorgefloßen, von der furchtbaren Erregung wie von einem Fieberschauer ge. schüttelt. Unbeweglich stand ihm der Andere gegenüber. In seinen Augen loderte noch immer der Grimm, um sseine Lippen aber lag jetzt ein tief schmerzlicher Ausdruck. „Gehl" sagte er tonlos. „Was Du auch thun magst — zwischen uns ist Alle» aus! Wir haben nichts mehr mit einander zu schaffen." Der Nachen, der Luigia übergesetzt hatte, näherte sich wieder der Insel und Werner Eggestorf ließ dem Gehilfen des Feuerwerkers kaum Zeit, ihn zu verlassen. Er warf dem Manne ein Geldstück zu und legte sich mit der ganzen Kraft seiner muskulösen Arme in die Ruder. Ein dunkler, blutunterlaufener Fleck bezeichnete die Stelle, wo ihn die Hand seines Bruders getroffen. m. Das enge, bescheidene Künstlerheim, da» Clemens Arnholdt vor mehr denn dreißig Jahren für sich und feine junge Gattin eingerichtet, hatte in dieser langen Zeit seine Physiognomie kaum merklich verändert. Die luxuriösen Wohnungsausstattungen waren damals noch nicht in der Mode gewesen, und den Neuvermählten, die in unendlich langem Brautstand auf den Tag ihrer Vereinigung geharrt hatten, wäre es überdies wohl herzlich schwer geworden, eine solche Mode mitzumachen. Denn wie fleißig auch Meister Arnholdt den Pinsel führte, mehr als zu des Lebens Nothdurft und Nahrung unumgänglich nothwendig war, wollte ihm feine Kunst durchaus nicht etntragen. Und der große Erfolg, an dem er gleich so ungezählten Hunderttausenden vor ihm und nach ihm seit seinen Knabenjahren träumte — dieser glänzende, märchenhafte Erfolg, der ihn mit einem Schlage berühmt und reich machen sollte, er ließ allem heißen Ringe« und rastlosem Bemühe« zum Trotz vergeblich auf sich warten. So war es denn ungeachtet der ausschweifendsten Hoffnungen und der kühnsten Lustschlösser bei den plumpen Schränken und Comoden, den steiflehnigen Rohrstühlen und der billigen Schwarzwälder Uhr in Meister Arnholdts Wohn- stübchen geblieben. Was sich im Lauf der Zeiten an prunkendem Ueberfluß dazu angefunden hatte, stammte fast ausschließlich aus des Hausherrn eigener Werkstatt. — Das lebensgroße Brustbild seiner jungen Frau, ein Selbstportrait, und zwischen den beiden ein liebes blondlockiges Ktnder- köpfchen mit lachenden Lippen, lustigen Schelmenaugen und einem traurigen Jmmortellenkränze über dem verblichenen Rahmen. Clemens Arnholdt hatte kein Bildniß mehr gemalt nach diesem, dessen Farben noch nicht trocken gewesen waren, als sich die lustigen Schelmenaugen seines Erstgebornen bereits auf ewig geschlossen. Er hatte er in jener dunklen Stunde verschworen, und er hatte das qualerpreßte Gelöbniß gehalten, wie oft er auch in Versuchung gerathen sein mochte, die reizenden Züge der Töchterchen«, mit dem ihn der Himmel nach achtjähriger Ehe beschenkt hatte, auf der Leinwand festzuhalten. Es waren fortan nur noch Landschaften aus seinem Atelier hervorgegangen, hübsche, saubere, glatte Bilder, von denen nur seine mißgünstigen Kunstgenossen behaupten konnten, daß auf ihnen der Himmel zu blau und der Wald zu grün sei. — Unerschütterlich hatte Clemens Arnholdt an sein Talent und an seine große Zukunft geglaubt, auch als sein üppiges Lockenhaar sich schon bedenklich zu lichten und fein wallender Bart sich silbern zu verfärben 563 — begann. Als matt die treue Gefährtin feines Lebens hinaus« trug zum letzten Schlummer, da hatte er nichts so bitter be« klagt, als daß es ihr nicht mehr vergönnt sein sollte, die glorreiche Zeit seiner glänzenden Triumphe zu erleben, und wenn er des Abends mit seiner qualmenden Meerschaumpfeife in der Sopharcke saß, während Margarethens schlanke Finger den Tisch sür das einfache Nachtmahl herrichteten, pflegte er mit greisenhafter Stimme und jugendlichem Feuer von den Erfolgen zu sprechen, die sich nun ganz gewiß in allernächster Zukunft einstellen mußten. Seine Bilder aber wanderten unterdessen von einer Ausstellung in die andere, bis sie endlich nach langer Irrfahrt in den Ausgangshafen, das Atelier ihres Schöpfers, zurückkehrte«. Hier und da nur, wenn die harten Anforde« rungen des Daseins sich gar zu gebieterisch geltend machten, verschwand eines von ihnen in dem Magazin irgend eines zweifelhaften Kunsthändlers, bei dessen geschäftlichen Calcu- lationen der Hunger unberühmter Künstler einen der wesentlichsten Factoren ausmacht, und die Tage, an denen solches geschah, waren die einzig wirklich düsteren in dem Leben des alten Malers. Er pflegte nicht davon zu sprechen, wenn er einen derartigen Handel abgeschlossen hatte; Margarethe aber las es ihm vom Gestcht, und niemals war sie voll zärtlicherer Aufmerksamkeit für den Vater als an diesen seinen schwarzen Tagen. Länger als vierundzwanzig Stunden hielt denn auch feine Niedergeschlagenheit selten an, und wenn er am folgenden Abend behaglich rauchend auf seinem Lteblingsplätzchen saß, konnte er von dem Plan zu einem neuen Werke mit solcher Begeisterung reden, wie wenn ihn ein eben errungener gewaltiger Erfolg dazu angestachelt hätte. Aber das Alles war ja nun vorbei — auf ewig vorbei. Das alte Sopha und die steiflehnigen Rohrstühle standen wohl noch auf ihren Plätzen und die ausdauernde Schwarzwälder Uhr tickte in schläfrigem Gleichmaß wie seit dreißig Jahren. Auch die dunkel angerauchte Meerschaumpfsife hing an der gewohnten Stelle und ihre silbernen Beschläge blinkten im frostigen Schein der Februarsonne- Meister Arnholdt aber kam nicht mehr, sie mit liebevoller Behutsamkeit herabzunehmen, und die bläulichen Rauchwolken, die er ihr entlockt, zu phantastischen Luftschlössern zu gestalten. Die Thür zu seinem Atelier blieb beharrlich geschloffen; denn er lag seit einem halben Jahre neben der voraufgegangenen Gefährtin seiner Jugend draußen in der kühlen Erde, und seine Enttäuschungen wie seine Hoffnungen, sie waren mit ihm begraben. Im einfachen schwarz»» Trauerkleide saß Margarethe am Tische, mit einer kunstlosen Näherei beschäftigt. Sie hatte sich sehr verändert in diesen schicksalsschweren neun Monaten, die seit dem Künstlersest im Stadtpark und seit der Aufhebung ihres Verlöbnifles mit Werner Eggestorf vergangen waren. Ihr Teint war minder frisch und rosig als damals, ihre Wangen schienen schmaler und ihr Augen größer geworden. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Reifes und Frauenhaftes gewonnen und von der naiven Kindlichkeit jene: Tage war nichts mehr in ihren Zügen. Der sanfte Liebreiz ihrer Person aber hatte dabei nichts eingebüßt, ja, sie war heute trotz des schlichten dunklen Gewandes vielleicht schöner als in dem bunten Maskencostüm des für sie so unglücklich verlaufenen Frühlingsfestes. Draußen auf der altersmorschen, knarrenden Stiege wurde ein Schritt vernehmlich. Margarethe horchte erwartungsvoll auf, sogleich aber senkte sie mit einem kleinen Stirnrunzeln der Enttäuschung das Köpfchen wieder auf ihre Arbeit. Nein, so schwer und langsam war sein Schritt nicht. Der, auf deffen Erscheinen sie in verschwiegenem Herzen seit Stunden hoffte, konnte das nimmer sein. Nun schlug die Wohnungszlocke an, und da sie die Auf- Wärterin sortgeschickt hatte, mußte sie selber hingehen zu öffnen. Da sah sie im Halbdunkel des Treppenflurs mit freudigem Erstaunen, daß es dennoch der Erwartete war, der da vor ihr stand. „Grüß Gott, Fräulein Margarethe! — Ich störe doch nicht? Nur auf einen Sprung wollte ich herauf kommest, weil ich gute Neuigkeiten für Sie habe." „Wie können Sie von Störung sprechen, Herr Eggestorf Seitdem alle Welt mich vergeffen hat, ist jeder Besuch zu einem festlichen Ereigntß für mich geworden." Sie hatte ihn in das Wohnzimmer genöthigt, und nun erst konnte sie ihm ordentlich ins Gesicht sehen. Aber sie erschrak vor seinem Anblick so sehr, daß sie außer Stande war, ihm ihre Mstürzung zu verbergen. „Mein Gott, wie bleich und angegriffen Sie aussehen! - Sie find doch nicht krank?" Hermann Eggestorf lächelte und machte eine verneinende Geste; aber er fuhr dabei doch unwillkürlich mit der Hand über die Stirn. „Nicht im Geringsten. Etwas Usberarbeitung vielleicht — Sie wissen ja, die Denkmalsconcurrenz macht mir zu schaffen — und allenfalls ein bischen Kopfschmerz. Aber das hat nichts zu bedeuten." W Sein ohne dies hageres Antlitz erschien in der That beunruhigend fahl und verfallen. In wie leichtem Tone er auch auf ihre besorgte Frage geantwortet hatte, es war ihm doch nicht gelungen, Margarethens Beforgniß ganz zu zerstreuen. „So erlauben Sie mir wenigstens, Ihnen eine Tafle starken Kaffee zu bereiten. Es war meines armen Vaters Universalheilmittel gegen derartige Zufälle, und ich Habs hier Alle; bei der Hand." Es half ihm nichts, daß er bescheidenen Einspruch erhob, und er mußt« auch, trotz seines Sträuben», in der Sophaecke Platz nehmen, darin Meister Arnholdt dreißig Jahre lang von seinen künftigen Erfolgen geträumt hatte.. Unverwandt, wenn auch mit merkwürdig verschleiertem Blick, sah er von da aus den graziösen Hantirungen Margarethens zu. „Aber sind Sie denn gar nicht neugierig, meine Neuigkeiten zu erfahren?" fragte er nach einer Weile- „Ich will doch sehen, ob Sie scharfsinnig genug sind, sie zu errathen." „Eine gute Neuigkeit, Herr Eggestorf?" „Ich denke wohl, daß man sie so nennen kann. Und ich werde Ihnen ein bischen helfen, indem ich verrathe, daß ich geradewegs von dem Kunsthändler Becker komme." „Wie? — Er hat doch nicht schon wieder eins von meines Vaters nachgelassenen Bildern verkauft?" „Richtig getroffen. — Die verfallene Mühle im Walde, und natürlich abermals an einen Amerikaner. Der Kaufpreis ist allerdings nicht sehr hoch — nur tausend Mark. Aber bei den heutigen Verhältnissen —" Freudig betroffen hatte Margarethe in ihrer Beschäftigung inne gehalten. „Tausend Mark? Das ist ja ein Vermögen. O, mein armer, armer Vater, wenn er das doch hätte erleben können! Ich glaube, man hat ihm niemals solche Preise für seine Bilder gezahlt. Und in der kurzen Zeit, seit dem Beginn der Ausstellung, ist es nun schon der dritte Verkauf. — Warum nur ist es meinem Vater bei Lebzeiten nicht so gut geworden?" „Sie kennen ja den alten Erfahrungssatz, Fräulein Margarethe, daß die Würdigung eines Künstlers zumeist erst anfängt, wenn er selber aufgehört hat, auf Erden zu wandeln. Es ist traurig, daß auch Ihr Vater dies Loos theilen mußte; aber wir wollen uns freuen, daß man jetzt wenigstens zu einem kleinen Theile gut macht, was man an ihm gefehlt." Zaudernd und befangen, wie wenn er im Begriff sei, etwas Unrechtes zu thun, hEe er seinem Portefeuille einen ver» schloffenen Briefumschlag entnommen, den er jetzt auf den Tisch legte. „Da mich der Kunsthändler nun einmal als Ihren Generalbevollmächtigten anfisht, hat er mir den Betrag für Sie eingehändigt. Sie haben wohl die Güte, sich von der Richtigkeit zu übergeugen." (Fortsetzung folgt.) *■ 564 Unsere Winterkleidung in gesundheitlicher Beziehung. Son Br. Otto Sotthils. (Schluß.) Wie soll nun aber eine rationelle Winterkleidung beschaffen sein ? Für Personen, welche fast stet« in geschloffenen Räumen verweile» und nicht durch körperliche Thätigkeit in Schweiß gerathen, ergeben sich keine großen Schwierigkeiten oder besondere Vorsichtsmaßregeln- Geschloffene Räume können durch die Heizung in behaglichen Temperaturen erhalten werden. Gehen solche Personen in'« Freie, so schaffen ihnen Oberkleider den nöthigen Wärmeschutz, die aber sofort beim Betreten de« Zimmers wieder abgelegt werden solle». Al- innerster Kleidungsbestandtheil ist ein Baumwoll- oder Leinenhemd vollauf genügend. Rur wer zu Erkältungen, namentlich zu Erkrankungen der Athmungswege, Gelenkrheumatismus und Muskelreißen neigt, oder sonst kränklich oder schwächlich ist, möge sich wollene Hemden anziehen. Ebenso sollten Diejenigen, welche die meiste Zeit de» Tages draußen zubringen und alle Unbilden der Witterung auszuhalten haben, nur wollene Unterkleidung tragen, denn die wollenen Stoffe gewähren vermöge ihres größeren Porenreichthums einen wirksameren Schutz gegen Kälte al« alle anderen. Und gerade in der dem Körper zunächst anliegenden Unterkleidung muß eine ausgiebige Gewähr de» Wärmeschutzes gegeben sein, welche durch die Oberkletdung erhöht, aber nicht erst ersetzt werden soll. Ein Wollhemd spart über doppelt so viel Körperwärme al« ein Rock und ermäßigt bedeutend die Menge und Dicke der Oberkleidung, wa« im Interesse der Beweglichkeit und freien Athmung nicht gering anzuschlagen ist. Au« diesen Gründen sagt auch der Hygieniker Hiller: er würde in der Einführung wollener Hemden in die Armee einen wichtigen Fortschritt in der Gesundheitspflege des Heeres erblicken. Leider wird aber mit der wollenen Unterkleidung vielfach ein gesundheitswidriger Mißbrauch getrieben, indem viele Leute dieselbe weit seltener wechseln als die weiße Wäsche. Während man Kragen und Manschetten wohl schon der Leute wegen wechselt, sobald sich da» geringste Schmutzfleckchen zeigt, trägt man dar Wollenhemd, da« ja Niemand zu sehen bekommt, womöglich Wochen hindurch ungewechselt und ungewaschen. Eine besonders wichtige Rolle spielt im Winter die Halrbekleidung. Bisher wurde darin am meisten die Männerwelt verwöhnt, vom jüngsten Knaben an bis zum alten Manne. Nur Männer tragen jene unförmlichen, den Hals mehrfach umwurstelnden Shawls und Eachenez, und die Mütter, Schwestern, Bräute und Gattinnen, obgleich für sich darauf verzichtend, bestärken uns in dieser schädlichen Gewohnheit, indem sie uns solche Verpimpelungrtücher zum ^Geschenk machen oder wohl gar eigenhändig anfertigen. Jetzt freilich sind auch sie nicht mehr „frei von Schuld und Fehle". Denn mit ihren neuen unförmlichen Stehkragen an Taille oder Jakett sündigen sie nicht nur gegen die Gesundheit, sondern auch gegen den guten Geschmack. Und dabei erfüllt weder das wurstartig zusammengelegte Halstuch noch der hochgeschlagene Kragen den erwünschten Zweck, den Hals äußerlich und durch ihn hindurch wohl gar die im Halstnnern gelegenen Organe, besonder» den Kehlkopf, warm zu halten. Denn dadurch, daß der Nacken luftig und unbedeckt bleibt, tritt dort bei jeder Bewegung die warme, in den Kleidern nach oben steigende Luft heraus und wird sofort durch kalte Außenlust ersetzt; es entsteht an dieser Stelle immer wieder ein Gefühl von „Zug" und Kälte, welches den ganzen Körper fröstelnd zusammenschauern läßt. Daher haben auch so viele Leute gerade im Nacken und Rücken Rheumatismus. Halstuch und Rockkragen find zu vergleichen mit fehlerhaft angelegten . und deshalb Nebenluft gestattenden Ofenklappen. Handelt es sich um richtige» Warmhalten der Haltgegend, wie es in kalten Tagen, bei windigem Wetter und langen Bahn- und Wagenfahrten zum Bedürfniß werden kann, so muß dies folgendermaßen geschehen: das Halstuch werde nicht zum schmalen, mehrschichtigen Streifen, sondern nur einmal mit der Spitze nach dem Rücken hinunter umgelegt, oder noch besser zwischen Hemd und Weste (oder Taille) eingefügt. Auf diese Weise wird auch der schädlichen Einschnürung und Zusammenziehung am Halse vorgebeugt, welche, den Rückfluß des Blutes aus Kopf und Gehirn bs- hindernd, zu Luftmangel, Blutüberfüllrmg de» Gehirns, Kopfschmerz und Schwindel Veranlassung giebt. Aber auch die rationellste Kleidung, die größte Fülle än Unterkleidern, Röcken, Mänteln und Pelzen kann uns nur in dem Maße warm halten, als wir aus uns selbst heraus Wärme hervorbringen, da, wie wir vorhin gesehen haben, auch die „wärmste Kleidung" weiter nicht» vermag, als unsere Körperwärme gut beisammen zu halten. Also auch hier drängt ffch wieder von Neuem die Pflicht der körperlichen Bewegung und Abhärtung auf. Wenn der Gelehrte oder Bureaumensch beim Stillesitzeu an seinem Schreibtisch friert, so soll er nicht noch mehr Unterkleider und Ueberröcke anlegen oder immer wüthender darauf los Heizen, sondern soll durch körperliche Bewegung die Bluteirculation energisch an- regen; das ist bedmtend gesünder und sichert allein wirklich dauernden Erfolg. Literarisches Keine Hausfrau sollte versäumen, sich an derjenigen Verkaufs stelle, von der sie ihren Bedarf an echtem Liebig Companys Fleischextract bezieht, eine soeben erschienene neue Aochr