PI Nr. LOS MuStag Bett 1. September V V •• V V ♦ LMMMMK y 1v MW Unlerhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger), Falsches Spiel. Roman von E. v. Linden- (Fortsetzung.) Die Hochzeit, wozu Hans sein Erscheinen zugesagt hatte, war auf den 1. November festgesetzt, heute war der erste October, also in vier Wochen sollte Baron Justus, der wie in einem seligen Traume sich befand, mit der Geliebten vereint werden. Armer, verblendeter Mannl Vierzehn Tage nach des Bruders Abfahrt lag in einer mondhellen Nacht der dänische Kutter vor Bremerhaven, wohin Helene Rössing, so hieß die Nichte des Hamburgers Senators, auf einige Tage gereist war, um eine kranke Freundin zu besuchen- Während man sie dort wähnte, erhielt der Onkel nach fünf Tagen einen Brief aus Helgoland von Baron Hans Joachim, worin dieser die entsetzte Familie benachrichtigte, daß er Helene von Bremerhaven aus auf seinem Schiffe entführt habe, weil sie nicht ohne einander leben könnten, daß sie beide um Verzeihung und um die Einwilligung der Verwandten flehentlich bäten, und daß er auch bereits an Justus geschrieben habe. Der Bruder werde diesen Schritt verzeihen, der Helene und ihn selber noch in der letzten Stunde vor einem schweren Jrrthum bewahrt habe- Justus glaubte diesen Schlag kaum überleben zu können. Er warf ihn auch wirklich darnieder wie eine vom Blitz getroffene Eiche. Ein schweres Nervenfieber brachte ihn an den Rand des Grabes. Der Senator sowohl wie seine Gattin waren außer sich vor Zorn und Erbitterung, sie sagten sich gänzlich los von der unwürdigen Nichte, sandten ihr aber die nöthigen Papiere zu ihrer Trauung nach Helgoland, die einem dortigen Privilegium zufolge von dem Geistlichen ohne das übliche Aufgebot gesetzlich vollzogen werden darf. Der Onkel gab dem dänischen Marine-Lieutenant zugleich anheim, den Heiraths - Consens von seiner vorgesetzten Behörde in Kopenhagen zu erwirken. Ein kleines Vermögen, das sie von ihren verstorbenen Eltern besaß, sandte der reiche Senator ihr ebenfalls mit diesem Schreiben, während er in derselben Stunde durch den dänischen Consul in Hamburg einen Bericht an da» Admiralitäts-Amt in Kopenhagen abgehen ließ. Hätte Baron Justus Alling eine Ahnung von diesem rachsüchtigen Vorgehen des Senators haben können, dann wäre es sicherlich nicht aurgeführt worden und Alles anders gekommen. Aber er lag bereits in Fisberbanden und sollte auch, wie der Senator erklärte, mit dem schändlichen Verrath der beiden ihm am nächsten stehenden Personen nicht weiter behelligt werden. Als seine kräftige Natur sich endlich nach monate- länger Krankheit zur Genesung durchrang, erfuhr er nach und nach, was sich während der Zeit zugetragen hatte, obwohl die Frau Senator, deren verhätschelter Liebling er blieb, ihm vorsichtiger Weise Vieles verschwieg, was seins völlige Genesung in Frage hätte stellen könnnen. Er erfuhr nur, daß die Trauung in Helgoland stattgefunden, Hans Joachim seinen Abschied genommen habe und mit der Gattin übers Weltmeer, wahrscheinlich nach Amerika gegangen sei. Was sie ihm verschwieg, das war der Umstand, daß sein Bruder vom Kriegsgericht zu einem Jahr Festung verurtheilt, dann aber, nachdem seine junge Frau sich an die damalige Gemahlin des Königs gewandt, schon nach zwei Monaten begnadigt und hierauf kasstrt worden war. Mit feinem Tacte empfand die Frau Senator, daß diese Strafe, welche den Bruder betroffen, verhängnißvoll für Baron Justus werden könnte, daß sein Stolz in dem fleckenlosen Namen seines alten Geschlechts wurzelte, und er somit das Schlimmste wenigstens jetzt noch nicht erfahren durften Als die kluge Frau ihn nun auch über den Geldpunkt beruhigen konnte, weil sie dafür gesorgt hatte, daß der Senator dem unwürdigen Paare noch eine erkleckliche Summe durch den Consul hatte übermitteln lassen und er schließlich au« den Briefen und Abrechnungen seines Verwalters, sowie aus einem vertraulichen Schreiben des Sachwalters die Gewißheit erhielt, daß Hans Joachim vor seiner Gattin in Alttnghof gewesen war, um sich sein Erbtheil auszahlen zu lassen, da konnte er mit gutem Gewissen zwischen sich und dem Bruder das Tischtuch zerschneiden. „Ich glaube,- so schrieb der alte Sachwalter und Freund seines Hauses, „in Ihrem Sinne, Herr Baron, gehandelt zu haben, wenn ich Alttnghof mit einer Hypothek belastete, um Baron Hans das ihm nach meiner Berechnung zukommende Erbe behändigen zu können, wie es mir auch ge* — 406 — glückt ist, das Baarvermögen flüssig zu machen, wonach nun laut Abrechnung Alles erledigt ist. Es hat mich in tiefster Seele alterirt, daß der junge Herr seinen Abschied genommen und sich so früh eine Gemahlin erwählt hat. Das kümmert mich freilich nicht, nur glaubte ich ganz fest, daß er das Gut übernehmen wolle, weil Sie ja leider noch immer gezwungen find, die Heimath zu meiden. Der Gedanke gab mir einen Stich durchs Herz, doch dachte er gottlob garnicht daran, sondern meinte, daß es über kurz oder lang in Schleswig« Holstein anders würde, weil der König es nicht mehr lange machen könne, daß ein Krieg und infolge dessen die Trennung der Herzogthümer von Dänemark alsdann unausbleiblich wäre. Er schien sich darüber zu freuen, — ich denke mir, daß es Ihretwegen war, Herr Baron! — Auf Justus machte dieses Schreiben den Eindruck, als ob der Bruder, welcher mit gieriger Hast fein Erbe gefordert, ohne sich weiter um ihn, den er verrathen und beraubt hatte, zu kümmern, für ihn gestorben, für immer aus seinem Dasein gestrichen sei. Und so trug er mit männlicher Kraft den Verlust, welcher einen Riß durch sein ganzes Leben, durch alle Träume einer glücklichen Zukunft an der Seite eines geliebten Wesens gemacht, weil ihm der Gedanke an Liebe und Ehe nun vollständig und für immer vergangen war. Einige Jahre später starb König Friedrich VII. von Dänemark, mit ihm erlosch die männliche Linie des bislang regierenden oldenburgischen Stammes, und das Haus Schleswig-Holstein« Glücksburg bestieg den erledigten Thron, somit die weibliche Linie, infolge dessen die deutschen Herzogthümer, wenn auch erst nach blutigem Kampfe, von Dänemark losgetrennt wurden. Und nun durfte auch Baron Justus Alting in die ge« liebte Heimath, auf die väterliche Scholle zurückkehren. 3. Capitel. Ahnungen. Wir sahen den Rittmeister heute, in seinem zweiundsechzigsten Lebensjahrs, noch ungebrochen an Geist und Körper, vor seinem Schreibtische sitzen, den amerikanischen Brief, welcher ihn in die soeben entrollte Vergangenheit zurückführte, vor sich. Es war wohl kein Wunder, daß dieses Schreibe» ihn in tiefster Seels aufregte, da die Unterschrift den Namen «Hans Joachim von Alting" trug, der folgendermaßen schrieb: «Mein theurer Bruder! — Wenn diese Anrede nach alledem, was ich gegen Dich verschuldet habe, Dir zu anmaßend erscheint, dann streiche sie durch, aber sei wenigstens nicht rachsüchtig, meinen Brief ungelesen zu vernichten. Ich möchte Dir recht viel schreiben, Dir mit ganz anderen Worten meine Reue darthun, wenn nicht die Zeit zu kurz dazu wäre, well der Tod neben mir steht und mich zur Eile mahnt. Vielleicht gereicht es Dir zur Genugthuung, wenn Du hörst, daß mein Glück an ihrer Seite nur von kurzer Dauer gewesen ist, daß es nur ein Jahr gewährt und die Geburt unseres ersten Knaben ihr das Leben gekostet hat. Ach, vielleicht wäre es auch besser gewesen, sie hätte das Kind mitgenommen, da ich es nicht ansehsn konnte, ohne an meinen Verlust erinnert zu werden, — denn selbst auf die Gefahr hin, von Dir noch tiefer verachtet zu werden, gestehe ich, daß ich es haßte und infolge dessen fremden Händen (einer deutschen Familie) zur Pflege und Erziehung übergab. Der Tod meines Weibes, für dessen Besitz ich nicht nur an dem eigenen Bruder zum Verräther geworden, sondern auch Ehre, Beruf und Vaterland verloren habe, war die erste furchtbare Strafe, welche mich traf. Von nun an begann die Veraltung, ihre Geißel über smich zu schwingen und alle meine Pläne und Bemühungen zu durchkreuzen. Ich wußte den Knaben in guten Händen und versuchte es, in dem großen Welttheil, wo nur der Erfolg, das heißt König Mamon angebetet wird, meine seemännischen Fähigkeiten, und zwar in der Marine zu verwerthen, um in meinem geliebten Fahrwasser zu bleiben. Vergebens! Nun kaufte ich mir ein Schiff, um als Küstenfahrer dem Elemente treu zu bleiben, — aber ich war kein Handelsmann, und eines Tages, als ich Sehnsucht nach meinem Sohne Hans Justus bekam und das Schiff in der Obhut meines Compagnons ließ, war dieser bei meiner Rückkehr mit meinem Eigenthum auf und davon gegangen. Ich wurde dann Farmer,'.wovon ich Nichts verstand und somit wieder zu den Betrogenen gehörte, doch Habs ich mir stet» den harten Spruch wiederholt: Du hast es verdient! — Jetzt aber bin ich ein sterbender, von fruchtloser Reue und Gewiffensqual gepeinigter, unglücklicher Mann, welchem der Gedanke, seinen Sohn arm und nutzlos in dieser fremden Welt zurücklaffen zu müssen, das Sterben unsäglich schwer macht. Da gedachte ich Deiner, mein Bruder, und fand den Muth zu diesem Briefe, um Dir meinen Justus ans Herz zu legen, Dich zu bitten, Dich seiner anzunehmen und ihm die Sünde der Eltern nicht anzurechnen. Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich tobt und mein Sohn bereits unterwegs zu Dir. Seine Mutter gab ihm schon sterbend den Namen Justus, ihr letzter Gedanke galt Dir. Leider steht er mir sehr ähnlich, es wäre mir lieber gewesen, wenn er ihr'gliche, und mit ihren Augen Dich zur Milde, zur Versöhnung stimmen könnte; so laß unsere gute, verstorbene Mutter, deren Augen und Gesichtszüge er besitzt, zu Deinem brüder- lichen Herzen sprechen, und ihrem Enkel ein Plätzchen im Hause seiner Vorfahren bereiten. Darauf hofft Dein sterbender Bruder Hans Joachim von Alting." Der Brief war aus Jefferson, Staat Missouri, datirt und trug das Datum des 21. Juli 1886. „Beide tobt," murmelte ber Rittmeister, „sie in bet Blüthe ihrer Jahre, noch im Sterben be» von ihr Verrathenen gebenkenb, und er ein verlorener, in ber besten Manneskraft vom Tobe ereilter Mann! — So rächt sich jebs Sünbe schon hienieben." Er faltete bett Brief wieder zusammen, steckte ihn in den Umschlag und verschloß ihn in seinem Schreibtisch: Dann erhob 6t sich und schritt in düstetet Erregung auf und nieder. „Armer Junge," murmelte er dabei, „armer, verwahrlostet Schelm, ber im Gtunbe gänzlich verwaist ist. — Wie kann ich ihn bie Sünben ber Eltern entgelten lassen? Ist er nicht von meinem Blute, ein echter Alting? Ob er wohl das Reisegeld gehabt hat?" setzte er nachdenklich hinzu, „sicherlich, er könnte doch sonst nicht schon unterwegs sein." Hans Joachim hatte, als er für seinen Sohn an das Hetz des Bruders appellirts, diesen sehr richtig beuttheilt, da das ausgeprägte Gerechtigkeitsgefühl desselben es nicht zuließ, einen Unschuldigen für die Sünden Anderer verantwortlich zu machen, wie Baron Justus auch zu stolz war, einen Alting verkümmern und verderben, den unbefleckten Namen in irgend einer Weise schänden zu lassen. Als er zu diesem Entschlüsse gekommen war und seine Fassung wieder erlangt hatte, begab er sich zu seinem Töchterchen zurück, das noch immer auf ber Veranba saß, und träumend in die Landschaft hinausblickte. Es war mittlerweile ganz dunkel geworden, ein geheimnißvollet Zauber umwob bie Natur, von fernher scholl bas Quaken ber Frösche. Dann schien sich das Dunkel zu lichten, ein märchenhafter Schein erhellte die stille Gegend, und im silbernen Lichte begann der Mond seine magische Wanderung am Nachtgewölbe. Ellen sühlte sich an diesem Abend von einer beklemmenden Angst bedrückt, wie vor dem Nahen einer großen Gefahr. Der amerikanische Brief ließ ihr kein Ruhe, die Ahnung kommenden Unheils, welches ihren Wohlthäter und zweiten Vater, und vor Allem auch ihr eigenes Glück bedrohte, erfüllte ihr Herz mit banger Sorge. Sie athmete wie erlöst auf, als der Baron zurückkehrte und sich an ihrer Seite niederließ. „Du spinnst wohl hier poetische Sommernachts-Fäden, mein Kind," meinte er scherzend, „na, in Deinen Jahren übte der Mondschein auch so eine Art Zauber auf mich aus. Später versteht man dergleichen nicht mehr." „Ei, ich meine doch, wenn das Herz Dir jung blieb, müßte ei» solcher Zauber —" „Ne, Kleine, das wäre im Alter doch nur ein fauler -s 407 Za» ber," unterbrach der Baron sie mit einem etwas gewaltsamen Lachen. „Die Mondschein-Schwärmerei gehört der Zugendj, für graue Haare ist sie thöricht und lächerlich. Naj, lassen wir das, meine Tochter," setzte er rasch hinzu, „ich habe Dir eine Mittheilung zu machen, welche jenen Brief, der mich heute Abend ziemlich erregt hat, betrifft. Er kommt aus Amerika und zeigt mir die Ankunft eines Neffen an." „Der junge Herr von Römhild sprach vor einiger Zeit davon, lieber Vater I" versetzte Ellen mit Anstrengung. Es war urplötzlich, als sei mit diesem unbekannten Neffen das Unheil bereits angekündigt worden." „Was weiß der Grünschnabel von meinem Bruder?" fuhr der Baron heftig empor, „sprich, was erzählte er Dir I" „O, nichts weiter, als daß vor vielen Jahren ein jüngerer Bruder von Dir existirt habe, welcher dänischer Marineoffizier gewesen und bet dem schleswig-holsteinischen Aufstand als Dein Gegner mit Dir in der Schlacht zusammengetroffen sei. Mehr wußte er nicht, und mich verlangt auch nicht darnach, weil Du sicherlich, wie ich mir dachte, Deine gewichtigen Gründe haben würdest, nicht davon zu sprechen." „So war es auch, mein Kind," sagte der alte Herr tief aufseufzeud. „Mein Bruder war seit 26 Jahren tobt für mich. Du wirst mein Erschrecken verstehen, wenn ich Dir sage, daß der heutige Brief seine Unterschrift trägt, und zwar die eines sterbenden Mannes, der mir seinen Sohn sendet. Hans Justus von Alting, so heißt mein Neffe, muß, wie ich mir denke, 25 Jahre alt sein. Wenn er seinem Vater die Augen zugedrückt und ihn begraben hat, tritt er seine Reise an, und ich glaube, daß wir ihn jetzt täglich erwarten können. Was meinst Du zu den beiden Thurmzimmern, sie sind geräumig, mit hübscher Aussicht und könnten dem Amerikaner schon gefallen. Es waren einst die Zimmer seines Vaters, welche dieser als Knabe mit mir zusammen bewohnte Ich habe sie seit unserer Trennung nicht wieder betreten," setzte er leiser hinzu. „Die Zimmer sind stets gesäubert und in Ordnung gehalten worden," bemerkte Ellen, deren Beklemmung zuge- benommen hatte, „sie gefielen mir gleich so sehr —* „Ja, ich weiß, mein Kind, Du wolltest sie bewohnen, was ich Dir rundweg abschlug. Wie stehst aber mit der Ausstattung derselben?" „Ziemlich kläglich, lieber Vater, die Möbel müssen mindestens mit neuen Ueberzügen versehen werden." „Dann müßen wir lieber neue aus T. kommen lassen, oder — ich denke mir, daß der junge Mann es in Amerika al» Farmer oder dergleichen wohl nicht luxuriös gewohnt sein wird, — und wir uns die Umstände deshalb nicht zu machen brauchen, zumal er täglich eintreffen kann. Verstehe mich recht, Ellen, es kommt mir nicht auf die Ausgabe, sondern einzig auf den Punkt der Zweckmäßigkeit an." „Ich weiß, Papa," erwiderte das junge Mädchen, „und werde es auch ohne neue Möbel behaglich machen. Hoffentlich wird dieser Neffe, welcher Deinen Namen führt, sich desselben würdig erweisen und Dir den Sohn und Erben ersetzen, ja, es freut mich aufrichtig, daß dieses schöne Gut dereinst doch noch dem alten Stamme verbleiben und in die rechtmäßigen Hände kommen wird." Der Baron schwieg eine Weile. „Mein Bruder erhielt sein Erbtheil auf Heller und Pfennig ausgezahlt," erwiderte er dann mit harter Stimme. „Weder er noch seine Nachkommen haben auch nur den Schatten eines Rechts auf Altinghof. Ich bin nicht kinderlos, wie Du weist, und nicht gesonnen, mich durch einen hergeschneiten Neffen zu einer himmelschreienden Ungerechtigkeit verleiten zu lassen." „Er ist Deine» Bruders Sohn, Dein leiblicher Verwandter," wandte Ellen zaghaft ein, „Du wirst ihn um meinetwillen nicht zurücksetzen, lieber Papa, bedenke nur, wie er mich betrachten, mich in den Augen der Welt verdächtigen könnte „Er wird es nicht wagen, Zwietracht in mein friedliches Haus zu tragen," unterbrach der Baron sie heftig, „fei deshalb ganz ruhig, meine Tochter, und vergiß nicht, daß er als Bittender unter mein Dach tritt, und daß fein Vater — doch genug davon," unterbrach er sich mit einem schweren Athemzuge, „ich freue mich nicht seines Kommens, ich will nur wünschen, daß er ein civilisirter, vor allen Dingen aber ein Halbwegs guter Mensch sei, der es mich nie gereuen lasse, ihn ausgenommen und damit eine dunkle Vergangenheit begraben zu haben. — Laß un« zur Ruhe gehen, meine Liebe, morgen beim Hellen Sonnenlicht werden wir die Dinge ruhiger betrachten und überlegen können." 4. Capitel. Der ajmerikanische Neffe. Drei Tage waren feit der vorhergehenden Unterredung zwischen Baron Alting und seiner Adoptivtochter verflossen, als ein Telegramm aus Hamburg eintraf, das folgende lakonische Zeilen enthielt: „In Hamburg eingetroffen, reise sofort weiter und treffe am 29. August auf Station X. ein. Alting. Baron Justus las das Telegramm zweimal durch und gab es dann Ellen, welche mit ihm auf der Veranda beim Morgenkaffee saß. Sie erschrak so heftig, daß das Papier in ihrer Hand knisterte. „Das ist ja heute schon," sagte sie leise. Der alte Herr warf einen Blick auf seine Uhr. „Sieben, —" bemerkte er kurz, „wann ist das Tele gramm aufgegeben?" „Gestern Abend um acht Uhr —" „Dann ist er also mit dem Nachtzuge gefahren, der um neun Uhr auf dek Station X. eintrifft," rief Baron Justus erschreckt. „Heinrich schirre mal gleich den kleinen Jagdwagen an und fahre Hal» über Kopf so rasch der Schimmel laufen kann, nach der Station." Dieser Befehl wurde dem Kutscher zugerufen, der soeben auf dem breiten Platze vor dem Schlosse vorüberging. Der alte Herr folgte ihm sofort, um ihn noch genauer über den Ankömmling zu instruiren, während Ellen erregt ins Haus ging, um ihre Anordnungen für den Gast zu treffen. „Du bist nicht mitgefahren, Papa?" fragte sie, als der Baron ihr drinnen begegnete. „Das hieße dem ungebetene» Gaste zu viel Ehre erzeigen und ihn zum Herrn der Situation machen," versetzte er finster, „zum Henker, meine Liebe, ich hätte ihm mit Vergnügen eine Summe nach Amerika geschickt, aber mir diesen groß« Jungen so ohne Weiteres wie eine bestellte Waare herzusenden, ist die letzte erstaunliche That meines Herrn Bruders, vielleicht eine zweite Auflage feiner Jugendsünden." „Du sprichst von einem Tobten," mahnte ihn Ellen, liebevoll ihre Arme um sein Hal» legend. »War er Dir auch Schlimmes zugefügt haben mag, mein theurer Vater, der Tod löscht jede Schuld. Am allerwenigsten aber darfst Du es jetzt dem Lebenden, der vertrauensvoll zu Dir, seinem einzigen Blutsverwandten kommt, entgelten lassen. Wer weiß, welche Stütze Dein Alter an ihm gewinnt." „Du bist ein Prachtmädel," sagte Baron Justus, zärtlich ihre Stirn küssend, „es soll nach Deinem Willen geschehen. — Doch was die Stütze anbetrifft, so bist Du mir gerade recht, denn nach dem Telegramm zu urtheilen, scheint mein Herr Neffe einen netten amerikanichen Ton anzuschlagen. Warten wirs also ab, wie er sich benimmt, und welche Rolle er hier zu spielen gedenkt." (Fortsetzung folgt.) Ouittensenf. 4 bis 6 Quitten, 200 Gramm gelbes und 50 Gramm grünes Senfmehl, Vs Liter Weinmost, 6 Gramm Gewürznelken, ebenso viel Ingwer, 5 Gramm Koriander, ebenso viel Anis und Fenchel, möglichst fein ge« 408 stoßen, sind dazu nöthig. Die Quitten werden geschält und mit gutem Wein verkocht, daß fie sich durch ein Sieb zu Mus reiben lassen. Dann rührt man den Senf und den kochenden Weinmost darunter und schließlich die Gewürze und verwahrt Alles in wohlverschlossenrn Gesäßen an einem kühlen Ort, was überhaupt bei jedem Senf beobachtet werden muß. * ♦ s Apfelkrautsenf. Man wasch? 75 Gramm Sardellen, hacke sie ganz fein, gieße % Liter Weinessig darüber, gebe Vi Liter Apfelkraut (Apfelmus), eine fein geschnittene Zwiebel, die Schale einer Citrone, 6 Nelken, 6 Lorbeerblätter, 40 Gramm Zucker dazu und koche dies alles zusammen in einem glasierten Topf eine Halbs Stunde lang. Dann lasse man es über Nacht stehen, rühre es durch ein feines Sieb, vermische es mit ca. 3/4 Liter gutem Senf und bewahre fsstverschloffen in Porzellanbüchsen auf. Eier frisch zu erhalten. Ein Aufbewahrungsmittel, das die Uebelstände der anderen nicht hat, die Eier prächtig erhält und den späteren Geschmack derselben in keiner Weise beeinträchtigt, ist frisches Hühneretweiß. Man quirlt es zu Schnee, läßt es durch 24 Stunden sich klären und gießt die geklärte Flüssigkeit von den Schaumresten ab. Mit dieser Flüssigkeit streicht man die Eier an, die sodann mit der Spitze nach unten auf einen Eierkorb gestellt in gut trockenen Mumen aufbewahrt werden. Wer selbst viel Hühner hält, thut am Besten, das Anstreichen sofort oder wenigstens in den ersten Tagen nach der Legung vorzunehmen, er wird dann im Winter die Eier noch vollkommen so frisch finden, als seien fie eben gelegt. ♦ Frühgemüse zu einer Zeit, wo Gemüse überhaupt selten ist, kann man sich verschaffen, wenn man im Herbst die geschloffenen Kraut- und Wirsingköpfe möglichst hoch abschneidet, den Strunk mit einigen Blättern stehen läßt und ihn dann, um ihn gegen Kälte zu schützen, im Spätjahr ganz zuhäufelt. Die Strünke überwintern sehr gut und treiben im kommenden Jahre sehr frühzeitig aus, ein angenehm schmeckendes Gemüse liefernd. * • Gurken aufbewahren. Sie halten sich drei bis vier Wochen recht gut, wenn man sie mit dem Stielende 6 bis 8 Centimeter tief in frisches Brunnenwasser steckt und dieses oft wechselt. Für den Winter bewahrt man sie in großen, mit Sand gefüllten und einem Deckel verschlossenen irdenen Gefäßen auf, welche man circa 50 bis 60 Centimeter tief in die Erde eingräbt. « Zur Gewinnung von Gurkensamen läßt man die schönsten Gurken vom zweiten Absätze an den Stöcken, legt sie auf Ziegelstücke und nimmt sie ab, wenn sie gelb werden. Dann läßt man sie an einem trockenen, luftigen Orte Nachreifen, nimmt hierauf Mark sammt Kernen heraus, thut dasselbe in eine Schüssel, und reinigt die Kerne nach 4 bis 6 Tagen durch Waschen in einem Siebe. Die guten Kerne fallen im Wasser zu Boden; diese trocknet man schnell an der Sonne üb, reibt die aneinander klebenden auseinander und bewahrt fie an einem trockenen Orte auf. ♦ Um eingemachte Früchte haltbarer zu machen, setze man denselben eine Kleinigkeit Franzbranntwein, Rum oder Weingeist zu, und wiederhole solche einige Mal. Ferner stelle man die Emmachegläser, Büchsen oder dergleichen eine Zeit lang auf den Kopf, damit der im Gefäße sich befindliche Fruchtsaft den Kork oder den Verschluß befeuchte. Der den Verschlußstellen anhaftende Saft verdichtet und verkittet die betreffenden Stellen, macht sie luftdichter, den Inhalt mithin haltbarer. Heidelbeerttqueur. Nachdem man die Beeren fast zerdrückt hat, stellt man fie 4 bis 5 Tage in den Keller und preßt sie dann recht gut aus. Der erhaltene Saft wird mit Zucker, Zimmet und Nelken aufgekocht, durchgeseiht und nach dem Erkalten mit 90°/o Spiritus vermischt. Auf 1 Liter Saft rechnet man 120 Gramm Zucker, 8 Gramm Zimmet 2 Gramm Nelken und 1/2 Liter Spiritus. * • * Aepfelfaft aus Falläpfeln. Man nimmt einen Korb mit recht verschiedenen Falläpfeln und reinigt sie von etwa anhaftendem Schmutz. Dann schneidet man jeden Apfel in mehrere Stücke, wobei die Wurmstellen und in der Hauptsache auch die Kernhäuser ausgestochen werden und wirft die Stücke ungeschält in einen Kessel ober glastrten Topf. Nachdem sie mit soviel Wasser übergossen sind, daß dasselbe die Früchte gerade bedeckt, kocht man sie gar, läßt die Masse etwas abkühlen und gießt sie noch warm in einen leinenen Beutel und läßt, ohne zu rührea ober zu drücken, den Saft langsam durchlaufen. Der Saft wird hierauf wieder aufs Feuer gesetzt, pro Liter mit 125 Gramm Zucker gesüßt, 71 Stunde gekocht und dabei geschäumt. Hierauf füllt man ihn noch heiß in angewärmte Flaschen, verkorkt und verlackt dieselben. An kühlem Orte aufbewahrt, hält sich der Saft jahrelang. * Wie erkennt man giftige Schwämme? Folgende sind die bemerkenswerthesten Grundsätze nach denen man sich, wenn man keine Fachkenntnisse besitzt, am besten, wenn auch nicht immer, richten kann. 1. Alte, madige und morsche Pilze nehme man nie. 2. Einen milchenden Pilz halte man immer für verdächtig. 3. Die giftigen Pilze haben einen widerlichen Geruch, zumal, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt. 4. Wenn man einen gesundheitsschädlichen Pilz zerbricht oder, was noch besser ist, mit einem Messer zerschneidet, so wird gewöhnlich, aber nicht immer, bald darnach die Schnittstäche blau. 5 Wenn man ein Stückchen von einem giftigen Pilze in den Mund nimmt und etwas zerkaut — das kann man getrost thun, denn von einem giftigen Pilze stirbt einer noch lange nicht und von einem kleinen Stückchen bekommt einer nicht die geringsten Magenschmerzen — so wirkt es auf der Zunge stechend oder brennend. Am gewöhnlichen ; Fliegenschwamme, den Jederman kennt, läßt fich dieser Versuch leicht machen. ____________ Humoristisches. Hinreichender Grund. Prinzipal: „Wir haben doch zum ersten Mal Austern zum Verkauf?" Kommis: „Jawohl!" Prinzipal: „Annonciren Sie Prima Austern." ♦ ♦ ♦ Anknüpfung. Ein junger Mann sitzt beim Ball lange neben seiner Dame und weiß nicht, wie er das Gespräch beginnen soll. Endlich stottert er erröthend: „Gnädiges Fräulein, was ich sagen wollte, lebt denn Ihr seliger Onkel noch?" Ehrenrettung. Lehrer: „Fritz, nenne mir mal einen recht guten Herrscher." — Fritz: „Der Kaiser Nero."— Lehrer: „Kaiser Nero? Aber wieso denn?" — Fritz: «Weil er Rom ansteckte und damit der römischen Geschichte ein Ende machen wollte." * * Vorsorglich. Wo reffen Sie hin?" — „Ins Seebad." — „In welches Seebad?" — „Nach Helgoland.,, — „Warum nicht lieber nach Sylt?" — „Eigentlich wollte ich nach Sylt reisen; da habe ich mir aber gedacht, Sie würden mich fragen: „warum nicht lieber nach Helgoland?" und da fahre ich lieber gleich nach Helgoland/' Redaction I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in ließen.