UntechaltungskLatt zum Gießener Anzeiger (General Anzeiger) er «t r ff i ? WWW <9>, K SB HWWM Wf^U A^W Der Sohn des Regiments. Grzählung von E. Heinrichs. (Schluß.) »Ein wenig, das geb' ich zu," erwiderte Cäcilie lächelnd, „er würde zum Exempel mich verwerfen, wenn er als armer Mann mich heirathen sollte und nicht als gleichberechtigt um sein Glück kämpfen könnte. Von seiner Liebe für mich überzeugt, doch ohnmächtig gegen seinen Stolz — gegen sein unbestechliches Pflicht- und Gerechtigkeitsgefühl, da« ihm die Handlungsweise des Vater» strafwürdiger erscheinen ließ, als nöthig war. In der Furcht um unser beiderseitiges Lebens- glück griff ich nach einem Strohhalm, der stch jetzt als ein sicherer Rettungsanker erweist. Ich knüpfte an den Sieg über seinen Starrsinn die Bedingung, den Beweis zu führen, daß feine Mutter dem Vater verziehen habe, weil sie ihm bett Namen desselben gegeben, und dieser Beweis liegt hier vor mir so heilig und hehr, in so zwingender Gewalt, daß der Sohn sich demselben nun und nimmermehr entziehen wird. Ich bürge für den Erfolg, mein Vater, wenn Du mir dieses kostbare Schriftstück anvertrauen willst." „Ja, meine Tochter," versetzte der Hauptmann feierlich, „kostbar ist ee für mich, kostbarer als all'mein Geld und Gut, da es mir den Frieden und die Hoffnung auf eine ruhige Sterbestunde gegeben hat. Aber auch für Euer Glück ist es ein kostbarer Schatz, darum nimm ihn hin, ich vertraue ihn Dir an, Du geliebtes Kind, das ich heute zum ersten Male gesehen habe und das den alte« Starrkopf doch auf den ersten Mick besiegt hat. Sag' meinem Sohne, daß ich sein mütterliches Erbe nicht angerührt habe, daß er nach Recht und Gesetz ee in Anspruch nehmen solle, wenn er auch den Vater verachte. — Sag' ihm, daß mein Segen —" Die Stimme versagte ihm, er fuhr sich zornig mit der Rechten über die Augen und murmelte etwas von „altem Weibe — Gefühlsduselei — und schwachen Nerven". „Er geht zu Ende mit mir, mein Kind," setzte er dann mit heiserer Stimme hinzu. „Hier drinnen i« der Brust hat sich war abgebröckelt und gelöst, wa» durch nicht» mehr fest- zukitten ist. Sag' dem Jungen, daß ich zu seiner Mutter gehe. — Weiß der Henker, wie es zugegangen, daß ich gar nicht an da« mütterliche Erbe gedacht habe. Siehst Du, meine Liebe, dann könnt Ihr doch heirathen auch ohne den alten Rautenstern, der einen solchen Sohn ja auch gar nicht verdient. Aber den Denuneianten muß er mir noch vor die Klinge fordern und den Oberst versöhnen. — Weißt Du, meine Tochter, ich sähe ihn gar zu gern in der Uniform." Der Alte redete stch offenbar nur in diese Pläne und Ideen hinein, um die ungewohnte Rührung, das fremde Gefühl der Thränen abzuschütteln und Cäcllie hörte geduldig zu, bi« ste endlich die Gelegenheit einer Pause wahrnahm, um triumphirend das Haus des Einsiedlers zu verlassen. Als Jacob ihr mit unverhohlenem Staunen das Thor öffnete, fragte sie, ihn lächelnd anblickend: „Habt Ihr Euren brummigen Herrn wirklich lieb, Jacob, und dient Ihr ihm gern?" „Das sollt' ich meinen," erwiderte dieser mit einer Art Entrüstung, „brummig — i wo, — ich laß auf meinen guten Herrn, der nur ein wenig hitzig ist, nichts kommen, Fräulein! — Davor kann er nichts und macht Alle» doppelt wieder gut." „Freut mich, zu hören," sagte Cäcilie, ihm freundlich zunickend, wobei Jacob einen leisen Druck der Hand spürte, in welcher sie ein Goldstück zurückgelaffen hatte. Die junge Dame entfernte stch rasch. Jacob aber schüttelte den Kopf, weil er Trinkgelder nicht kannte, bi» Hanne ihn einen Dummkopf schalt und ihn verwies, da» Geld seiner armen Schwester, die al» Wittwe vier Kinder ernähren müßte, zu schicken. „Thut freilich sowieso Eure brüderliche Pflicht daran, Jacob," sagte ste in ihrer resoluten Weise, „braucht aber da« Geld nicht und die Schwester muß justament ihre Miethe zahlen, wozu auch noch die Steuer kommt. Möchte nur wisse«, wa» diese feine Dame beim Herrn gewollt hat und so lange — Gott, wenn ich da» Glück noch erleben könnte." Jacob verstand da» Letzte nicht, nickte aber eifrig dazu. „Er ist wa» im Werk, Hanne, — vielleicht will der Herr noch heirathen, verwettert hübsch war die Dame —" Hanne hob majestätisch die Hand und Jacob senkte de« Kopf im Bewußtsein, eine große Dummheit gesagt zu haben. so Gis blickte ihn eine Zeit lang mit tiefer Verachtung an und sagte endlich kopsschüttelnd: „Schafskopf!" XII. laß mich bktiren,* sagte sie rasch. Mcilie danken^mag. ^einen sanft zurück und sah ihm tief tn ^„Du^scheinst keine besondere Sehnsucht nach meinem Besitz I m haben," sprach sie vorwurfsvoll. „Dein armer Vater, dem ich Trost und Hoffnung in'» Herz geflößt, scheint Dich besser beurtheilen zu können als ich, da er auf diese Weigerung gefaßt war. Er beauftragte mich, Dir mitzutheilen, daß Du, woran er in seiner Aufregung nicht gedacht, nach Recht und Gesetz dar Erbe Deiner Mutter, welche» er bi» heute unberührt gelassen, beanspruchen darfst. Sprich, Otto, wie senkst I Du über diesen Punkt?" , _ „ Ein leichter Kampf malte sich in seinen Zügen. Dann erwiderte er zögernd: „Wenn sich diese» Erbe wirklich al» da» Vermögen meiner Mutter ausweist, will ich es unbedenklich al« mein Eigenthum annehmen. Wer aber bürgt mir für diese Gewißheit?" „ Cäcilie richtete sich stolz auf und versetzte unwillig: «Hauptmann von Rautenstern konnte im Jähzorn am Heiligsten freveln, seine blinde Leidenschaft, sein wilder Naturell, dar ohne mütterliche Liebe nur der Hand eine» grausamen Vaters anvertraut war, ihn zum Verbrechen htnreißen, doch Niemand würde es gewagt haben, ihn einen Lügner zu heißen Waldmann hatte sich ebenfalls erhoben, eine tiefe Beschämung spiegelte sich in seinen Augen. „Vergieb, Du Unvergleichliche!" flehte er, ihr beide Hände entgegenstreckend. „Er «ar schlecht von mir, den leib- Die Frühlingssonne warf ihren Glanz über die sich neu- verjüngende Erde und Maienluft zog auf'» Neue hoffend und erlösend in', Menschenherz. Cäcilie hatte X. sofort wieder verlassen, zuvor jedoch ein Telegramm an Otto Waldmann ausgegeben und ihn wieder auf den folgenden Morgen nach P. in'« dortige Bahnhofs- Hotel bestellt, wo er pünktlich eintraf, das Herz von unruhigen Hoffnungen und Erwartungen erfüllt. Sie streckte ihm die Hand entgegen und sah ihn mit einem siegreichen Lächeln an. Waldmann hielt sie fest und zog die fchlanke Gestalt ungestüm an sein Herz. Sie wider- stand ihm nicht mehr, sondern erwiderte seine Küsse, bis sie | sich endlich seinen Armen entwand. „Du unterwirsst Dich also meiner Gnade, rief sie übermüthig, ihn lachend in einen Sessel niederdrückend, «ährend sie sich auf'» Sopha setzte. Er sah sie bestürzt an. , „Cäcilie!" sagte er mit unsicherer Stimme. «Ich mag» nicht glauben, daß Du ein frivole» Spiel mit meinen heiligsten Gefühlen treiben kannst." t „O nein, mein theurer Freund!" erwiderte sie plötzlich sehr ernst. „Dergleichen wirst Du niemals von mir denken. Es ist da» Glücksgesühl, Deinen Widerstand besiegt, die Be- dingungen unserer gemeinschaftlichen Zukunft erfüllt zu haben. Hier stehst Du den Beweis, den Dein bedauernswerther Vater in meine Hand gelegt, mir damit, wie er faßte, feinen kostbarsten Schatz anvertraut hat." Sie legte den Brief der Mutter ihm vor. Waldmann las ihn, zwei - dreimal - und feine Augen verdunkelten sich. — Eine Thräne fank auf das Schreiben herab. Als er sie hastig tilgen wollte, entzog Eäcllie, welche sich leise erhoben hatte, ihm sanft da» Papier. „Laß diese» Zeichen kindlicher Pietät al« Beweis der versöhnenden Liebe, welche Dein Herz setzt erfüllt, hier auf den Schriftzügen der Mutter trocknen, mein Geliebter! sprach sie, zärtlich den Arm um seinen Hals Mngend. „Nicht wahr, Otto, das Gebot der tobten Dulderin ist Dir heilig ? „Ja, Du Einziggeliebte," erwiderte er mit einem tiefen Athemzug, „ich will ihm verzeihen, will ihn Vater nennen, vielleicht «erde ich ihn auch noch lieben lernen. - Sem Geld aber nehme ich nicht, weil ich ihm mein Glück nicht ver- lichen Vater so tief herabzuwürdigen, ihn noch unglücklicher zu machen, al» er schon ist, anstatt da, Gebot der Mutter zu erfüllen und durch meine Liebe ihm die Brücke zu ihr zu bauen. Ich nehme da» Erbe an „Ohne Rückhalt?" n „Und ohne Bedingung." „Gut, Du bist von heute an also ein reicher Mann,— i .wir müssen unsere Verlobung sosort durch ein Telegramm der Bornheim'schen Familie anzeigen." „Wie Du befiehlst, meine heldenmüthige Braut, die sich so tapfer in bett Zwinger de» Bären gewagt und ihn befiegt hat. Weshalb über wollen wir nicht selber riach Hirfchweiler reisen und uns als Brautpaar vorstellen, mein süßes Lieb? „Weil unser erster Weg nach X. führt, wo ein bemit- I leidenswerther Vater sich nach dem Anblick des Sohnes sehnt, versetzte 'Cäcilie mit Nachdruck. „Du hast Recht wie immer, Geliebte! — Ich setze sosort das Tekgramm^aus.att ^«n Taschenbuch und wollte „Stern willst Du sagen," corrigirte Otto belustigt. „Nein, mein Freund, — schreibe Stein, es ist mein rechter Namen. Ich «ar bislang gezwungen, den einen Buch- staben zu verändern, um Dir al» Stern zu folgen. Heute bin ich am Ziel." Waldmann starrte ste verständnißlos an. „Aber weshalb denn? Ich verstehe Dich nicht, wozu diese Rolle?" stieß er heftig hervor. Cäcilie zog Waldmann neben stch auf s Sopha niebet tmb ergriff feine Hänbe, bie in ben ihrigen unruhig zuckte« „Höre mich an und unterbrich mich nicht, Otto! — I« heiße wirklich Cäcilie Stein, mein Vormund war Dein Haus- wirth, Herr Werner. Dort habe ich Dich nur zweimal gesehen, — weil ich in der Regel aus Reisen war, — und zum ersten Male mein Herz entdeckt. Ich konnte Dich nicht ver- geffen, Du hattest es mir angetha« und ich glaube nicht, daß ich einem Anderen jemals hätte angehüren könne« Da kam die Katastrophe mit Deinem Oberst, welche Deinen Abschied mr Folge hatte. Ich kannte Deine Verhältnisse ganz genau durch meinen Vormund, dem Dein Geschick sehr zu Herzen gin? der aber von meinem Interesse für Dich auch nicht die leiseste Ahnung hatte. Du warst mittellos und ohne Stellung, mein Vermögen hätte Dir dienen können; doch lag hier der wunde Punkt für mich, meine Achiller-Ferse. Ich fürchtete vor der Welt nicht» mehr, als um meines Geldes willen aebeirathet zu werden. Es war ein grausamer Kampf für mich, all' mein Sehnen und Wünschen flWte in Deinem Besitz, aber auch in der Ueberzeugung Deiner Gegenliebe. Da fiel ich auf die Idee — auf dem heute nicht mehr ungewvhn- U$en£Xtoßfufcr erschreckt zusammen und sah sie verwirrt an. Doch nicht den der Heiraths-Annonce mit den drei bösen Sieben?" stotterteerbestürzt. „Ja, ich war die Versucherin, die dreifache böse Sieben! nickte Cäcilie mit einem schelmischen Lächeln. „Wie ich auf diese ominöse Chiffre gekommen bin? — Ich hörte zufällig durch meinen guten Werner, daß der tolle Einfiedler, wie man den armen Hauptmann nannte, diese Hausnummer nach langem Kampfe durchgesetzt habe. Ich fand e« so originell, daß ich sie al« Chiffre für meine Annonc wählte. Mein 1 Himmel, wie viele Antworten ich erhielt; wir ««den uns, da ich sie alle aufgehoben habe, späterhin daran belustigen. „Du vergiffest, daß auch die meinige sich darunter be- findet," bemerkte Waldmann mit gepreßter Stimme. „Ja, auch Du warst der Versuchung erlegen, mein armer Otto I" sagte Cäcilie in einem bedauernden Tone. «Ich leugne nicht, daß e» mich im ersten Augenblick erschreckte. Dann erfuhr ich durch Herrn Werner, daß Lieutenant von Rosenau I van Metz gekommen sei und Dich al» Freund zu der Reise nach Wie» bewogen habe. Ich setzte Dein« Antwort auf sei« Conto- War'» nicht so?" „Ich Bitte mich nicht dazu verleiten lassen sollen, — e» «ar eine Schmach — die ich Dir doch noch gebeichtet hätte," erwiderte der junge Mann, finster an der Unterlippe nagend. „Die Geschichte demüthigt mich tiefer, als alles Andere, weil es leine Entschuldigung dafür giebt." „Gemach, mein Freund, Du darfst die Sache nicht so tragisch nehmen- Deine Lage war verzweifelt genug, um nicht den ersten besten Rettungsanker zu ergreifen- Mein Leben«» Motto war stet«, aus jeder Fatalität, die mir begegnete, irgend einen Nutzen, sei e» eine Lehre, eine theuer bezahlte Erfahrung oder eine Hoffnung zu ziehen. Au» Deiner Antwort schöpfte ich die Zuverficht, daß Dein Herz noch frei von jeder Fessel fein müsse." „Eine richtige Schlußfolgerung," schaltete Waldmann ironisch ein- „Hätte sonst wahrscheinlich noch gefehlt zu der ganzen Geschichte, um mich vollend» in Deinen Augen zu degradiren." „Nun, nun, mein theurer Otto I* rief Cäcilie lachend. „Kann denn ein junger Offizier nicht ausnahmsweise auch einmal eine unglückliche Liebe haben? — Ich zog, wie bemerkt, neue Hoffnung daraus und entwarf einen regelrechten Eroberungsplan, um die dreifache böse Sieben mit ihrem Gelbe durch meine arme Person au» dem Felde zu schlagen. — Sprich, Du Böser, ob e» mir gelungen ist? Und ob mir die zweite Antwort der dreifachen Neun nicht kostbarer fein muß, al« die 200,000 Mark der bösen Sieben? Ich jauchzte und jubelte nicht in meinem Herzen, mein ganze« Sein und Empfinden war ein Dankgebet zu Gott, daß jeder Zweifel für di« Zukunft mir gelöst, da« wahre Lebenaglück, wie ich'« so lang ersehnt und erhofft, mir gewährleistet war durch jene echte Liebe, welche nicht nach Geld und Gut fragt und fich vom berechnenden Eigennutz nicht leiten läßt. Du schlugst die Erbin au« um meinetwillen —" „O, Du schlimme Versucherin!" rief Waldmann, fie stürmisch an fich ziehend. „Wenn ich der bösen Sieben nun verfallen wäre, was dann?" „Dann hätte ich Dir die Hälfte meine» Vermögen» gegeben," erwiderte Cäcilie leise, „und meine Hoffnung auf wahre» Glück für immer eingesargt." „Du hättest mich also aurgefchlagen, ich aber selbstverständlich auch Dein Geld," rief der junge Mann in tiefer Erregung. „O, Geliebte, e« war doch eine gefährliche Probe, ein Spiel mit sehr gewagtem Einsatz." „Da» Du mir hoffentlich vergiebst, da wir Beide bä» große Glück»loo< darin gezogen haben." „Ja, ich vergebe Dir die Täuschung," sprach er ernst, „weil fie einem so wichtigen Beweggrund entsprungen- — Al» reiche Erbin, al» elternlose Waise drohte Dir da» herbe Schicksal, irgend einem hochgeborenen Glücksritter, in den meisten Fällen jener Speculation, die mit dem Herzen nicht zu rechnen pflegt, zum Opfer zu fallen. Dem Himmel fei Dank, daß Dein Herz fich früh genug mir zuwandte, daß Du den Muth besaßest, meinen Weg zu kreuzen. — Der Sieg war Dir gewiß, denn wer könnte Dir, mein süßes Lieb, widerstehen! Ach, wie gern hätte ich Dich jetzt als Erbe meiner Mutter zur gebietenden Zahl emporheben mögen —" „Ohne die beseeligende Ueberzeugung meiner uneigennützigen Liebe," fiel Cäcilie forschend ein, «ist die« so werth- Io« für Dich, stolzer Findling?" Die Antwort bestand in einer langen Umarmung, welcher sie fich durch die drängende Mahnung an da« Bornheim'sche Telegramm und die Reise gewaltsam entwand. Nach einer halben Stunde schon brauste der Zug mit ihnen davon- XIII. Er «ar ein seltsame» Wiedersehen zwischen Vater und Sohn, eine stumme Versöhnung«»Scene, welcher doch da» rechte Lettens-Element fehlte- „Ich muß zufrieden fein mit den Brosamen kindlicher Liebe," murmelte der Hauptmann, al» Cäcilie, welche die alte Hanne ausgesucht hatte, in'» Zimmer trat und fich zu ihm etzte, während Otto fich mit Bornheim» Brief, welchen 6er Batet ihm gegeben, in'» Nebenzimmer zurückgezogen hatte- „Nur Geduld, liebe» Väterchen," fagte fie, liebevoll tröstend und seine Hand ergreifend, „ein echter Soldat ergiebt ich nicht nach der ersten Breschelegung. Wir zwingen ihn roch zur Capitulation." „Darf nicht mehr von ihm verlangen," seufzte Stauten» lern, „doch kann ich dem Himmel nicht genug für feine Liebe >anten, meine Tochter! Hab' mich schmerzlich nach Dir ge» sehnt, da« glaube mir." Cäcilie glaubte es gar zu gern. Ihr auch hatte er'« zu verdanken, ihr und der alten Hanne, die in überschwänglicher Freude und Rührung für den zerknirschten Gebieter Partei ergriff, daß der Sohn ihrer geliebten Herrin fich die Adoption de« väterlichen Namen« gefallen ließ. E» war keine geringe Ueberraschung, welche da» Brautpaar der Stadt X. bereitete. Der alte Herr Werner freute fich wohl am meisten darüber; aber auch die Tochter de« Obersten, welche fie bei einem Besuche zufällig trafen und deren Glückwünsche fie tief bewegten. Unter vier Augen drückte fie dem beschämten jungen Manne ihre aufrichtige Freude darüber au», daß die dumme Geschichte, welche ihr Vater viel zu tragisch genommen, ihm doch noch ein so große« Glück gebracht habe. Sie wollte gar nicht» mehr davon hören, hatte fie ihm doch außerdem noch die Genugthuung verschafft, daß der Denunciant versetzt worden war. An einem der nächsten Tage, al« sich mittlerweile da« Gerücht verbreitet, daß Lieutenant Waldmann der legitime Sohn de« reichen Menschenfeinde« in Nr. 777 fei, erhielt er eine Einladung vom Oberst, der er natürlich Folge leistete. „Vielleicht will er da« Duell jetzt noch au«fechten," meinte der Hauptmann mit Genugthuung. Da« war'« nun freilich nicht, doch etwa« recht Ueber» raschendrs wartete seiner. Der Oberst empfing ibn im Kreise feiner Offiziere, um ihm im Namen de« ganzen Corp» einen Ehrendegen zu Überreichen und ihm feine Hochachtung auszusprechen. „Ich zerbrach damal« in der Uebereilung Ihren Degen, anstatt den eine« Anderen," sprach er mit fester Stimme- „Er hat mich gereut, da Sie auf eine tadellose Vergangenheit zurückblicken, auf eine verheißungsvolle Carrier« mit Sicherheit hoffen dursten. Wünschen Sie al» Offizier in mein Regiment wieder einzutreten? E» wäre mir eine Genugthuung, Ihr Gesuch zu unterstützen." „ Waldmann, wie er sich jetzt noch nannte, war so über- rascht, daß ihn die Bewegung übermannte und er nicht im Stande war, zu antworten. Sich über de« Obersten Rechte beugend, schämte er sich der Thräne nicht, welche darauf niedertropfte. ... Ein fröhliche« Mahl beschloß diesen Act der Rechtfertigung, der ein goldene« Blatt in der Geschichte feine« Leben« bildete. Al» er glückstrahlend heimkehrte, fand er seinen Freund Rosenau, welcher auf die telegraphische Verlobungsanzeige sofort Urlaub genommen hatte, um von dem GlÜckemärchen de» Findling» stch persönlich zu Überzeugen- „Opfere den Göttern, mein Sohn," sagte er, staunend den Degen betrachtend. «Dein Glück wird mir ebenso unheimlich, wie einst da» de» alten König» von Samo». Willst Du wieder in'« Regiment eintreten?" „Natürlich!" rief der Hauptmann, der wie neubelebt erschien. , „ Otto beugte stch Über die Geliebte, um in ihren Augen zu lesen- Dann sagte er entschlossen: „Nein, ich habe die Natur lieb gewonnen und will ihr treu bleiben. Ein Jahr noch werde ich bei unserem Freund Bornheim fleißig lernen und dann versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen, meinen Herd zu gründen und die Gattin heimzuführen." „Bi« dahin bleib' ich bei unserem Vater," fetzte Cäcilie hinzu, „der später dann zu seinen Kindern zieht, am fich in ihrem Glück zu sonnen." - ö2 - .Er ist märchenhaft," brummte Rosenau, schade, daß der Otto nicht wieder eintritt, Sie würden eine so schneidige Offiziersfrau sein, mein Fräulein!" .Er würde meinen Namen wieder zu neuen Ehren bringen," bemerkte der Hauptmann, einen zaghaften Blick auf seinen Sohn werfend. .Wenn dar Vaterland in Gefahr sein wird, werde auch ich diesen Degen ihm weihen," sprach Otto, die Ehrenwaffe emporhebend. «Bi» dahin gehöre ich meiner Gattin, der ich mehr al» mein Leben verdanke. Unser erster Sohn aber soll, so Gott will, Soldat werden und dem Namen Rautenstern Ehre machen." .Amen!" flüsterte der alte Herr, demüthig dar weiße Haupt senkend, während Cäcilie dem Verlobten erröthend, doch mit einem dankbaren Blick die Hand drückte- — Die häuslichen Handarbeiten der Mädchen vom gesundheitlichen Standpunkte. Bon Marianne Nigg.*) ------- (Nachdruck verboten.) Dar Weihnachtsfest mit seinen Freuden, aber auch mit seinen Leiden ist vorbei. Wie haben fich in den letzten Wochen die DSchter de» Hause», von der jüngsten bi» zur ältesten, mit der Anfertigung von Handarbeiten anstrengen müssen 1 Mögen ihnen daher die Mütter jetzt längere Zeit Schonung und Er« holung zu Thetl werden lassen und diese Ruhepause selbst dazu benutzen, um stch die körperlichen Schädigungen einer fehlerhaften Anfertigung der Handarbeiten klar zu machen. Der erste Fehler besteht darin, daß man oft schon die kleinen Kinder, noch vor dem schulpflichtigen Alter mit Hand« arbeiten quält. Dadurch wird im Hause schon der Keim zur Verkrümmung der Wirbelsäule, zur Verschiebung de» Brust, korbe» gelegt. Der Körper unserer Lieblinge, weich und biegsam wie Wach», erhält durch die einförmige Bewegung eine dementsprechende verschobene Lage, die fich mit der Zeit al» Skoliofi» ausbildet. Es muß dann die Kleine für die Eitel« keit der Mutter büßen, welche ihren Stolz darin steht, wenn ihr Liebling da» Arbeitskörbchen am Arme, wie eine Alte fich mit dem ersten Strickstrumpf abmüht, um diese für da» kindliche Alter viel zu schwierige Arbeit zu bewältigen. Auch möge man die Kinder nicht an die Strickkörbchen gewöhnen, ebensowenig wie in den früheren Jahren die Spiel« körbchen. Denn ein Körbchen fordert ein Kind geradezu auf, e» am Arme zu tragen. Man stelle fich nun das zarte Kinder« ärmchen vor, wie ee beladen und niedergedrückt wird, nicht ohne der Wirbelsäule eine leichte Krümmung beigebracht zu haben, die, wenn der Arm öfter durch da» Körbchen belastet wird, sehr leicht eine bleibende wird. Also da» Körbchen in den Bann, ihr Mütter sowohl sür da» Spiel al» auch für die Arbeit! Der zarte Gliederbau verträgt er einmal nicht, daß er einseitig belastet werde. Auch dürfen beim Arbeiten die beiden Arme nicht aus der symetrischen Lage gebracht werden, Kopf und Hal» darf fich nicht seitlich biegen, die Schultern müssen gleichgehalten werben. Die» aller ist aber nur möglich, wenn der Knäuel fich nicht, an der Seite im Körbchen oder in der Kleidertasche befindet. Deßhalb gebet den Kindern zu Spiel und Arbeit Schürzchen mit einer großen Tasche, die gerade 'die Mitte de» Körpers einnimmt, oder eine vorn an der Taille befestigte Arbeitstasche. *) Die Verfasserin, Lehrerin in Korneuburg (Oesterreich), hielt auf dem VIII. internationalen Congreß für öffentliche Gesundheits- pflege in Budapest (1894) einen Vortrag über „Handarbeitsunterricht vom hygienischen Standpunkte," welcher bei den bedeutendsten Hygienikern aus aller Herren Länder den größten Anklang fand. Wir glauben daher, daß ein der häuslichen Praxis angepaßter Artikel über dieses Thema von so berufener Feder unseren Leserinnen höchst willkommen sein wird. Lasset da« Kind — Kind fein, und deshalb verlangt von ihm keine so haarsträubende Arbeit für da» vorschm- pflichtige Alter, wie z. B. der Strickstrumpf ist. Die Schule verlegt ihn in da» zweite Schuljahr, aber Mütter lassen diese anstrengende Arbeit au» Eitelkeit oft schon von ihrem fünf, jährigen Töchterchen ausführen. Man bedenke doch, wa« da» kleine Kinderhändchen leisten muß, bis er auch nur die Maschen richtig macht und fich eine gewisse Fertigkeit aneignet. Sin Mann kann sich ja gar nicht vorstellen, wa» es für Ruhe und Fleiß erfordert, bis auch nur ein ganz kleines Strümpfchen vollendet ist. Mindestens 20,000 Maschen sür einen Strumpf, und 40,000 für ein Pärchen! Wahrlich, eine Riesenarbeit für die kleinen Händchen! Und bei jeder Masche muß der Arm und die Hand vier Bewegungen machen. Wie auf» merksam muß da» Kind auf die Arbeit sehen, unverwandt Masche an Masche reihen, und Thränen und Schweißtropfen perlen ost auf die schwere Arbeit, bi» endlich nur eine Tour vollendet ist! , ,, . — . . , Zur Schonung der Augen muß nicht nur da» Material zu den Handarbeiten der Kinder grob sein, sondern auch die vorgezeichneten Muster müssen groß sein. Zu dunkle oder zu grelle Garne und Stoffe wende man nicht an- Selbstverständlich dürfen die Mädchen fich auch nicht zu tief auf die Arbeit niederbeugen, da sie sonsi leicht kurzstchtig werden. Namentlich bei den Nadelarbeiten solle« bi« wellen kurz« Ruhepausen eintreten, in welchen die Mädchen eine der Arbeit»« stellung entgegengesetzte Haltung einnehmen können; auch da« Auge kann dann zur Erholnng frei nach entfernten Gegen« ständen schweifen. Ueberhaupt halte man darauf, daß jede gestörte, anormale Haltung durch eine entgegengesetzte wieder geregelt und ausgeglichen werde. Nach dem gebeugten Sitzen: Strecken und Recken de» Oberkörpers, nach dem Stillefitzen: Laufen und Springen. Leider aber müssen die Mädchen oft gerade zu Haufe mehrere Stunden hinter einander arbeiten, ohne, wie in der Schule, wiederholte Erholungspausen zu haben. Also ihr Mütter, die ihr doch alle wünscht, daß eure Kinder gesunde, aber nicht körperlich verkrüppelte Menschen werden, gönnt ihnen die goldene Jugendzeit; sparet ihnen daher vorzeitige, überanstrengende Arbeiten, ermahnet fie stets zum geraden, aufrechten Sitzen und zwar so, daß immer beide Füße fest am Boden aufstehen, und gönnet euren Lieblingen immer einmal die goldene Freiheit zur Erholung, da« mit auch fie im späteren Leben fich mit Freuden der Jugendzeit erinnern und au» vollem Herzen sprechen können: „D selig, o selig ein Kind noch zu sein!" Vernttschtes. Der gefühlvolle Erbe. Arzt: „Ihr Onkel ist gerettet!" — Neffe: „Na, da» hätten Sie mir wohl etwa« schonender beibringen können." Tödtlich und nicht tödtlich. Richter: „Wa« hatten Sie von den Wunden de» Patienten?" — Gertchtsarzt: „Zwei derselben find unbedingt tödllich, die Dritte kann jedoch bei der nöthigen Schonung in drei Wochen geheilt sein." ♦ • • Eine Frage der Zeit- Alte Kokette: „Meineschönsten Erinnerungen knüpfen sich an Amerika, wo ich meine Mädchenzeit verlebte." Herr: „Hm — und ich dachte immer, Columbus sei zuerst dort gewesen." ♦ In den Alpen. Kutscher (an einer abschüssige» Stelle sich an die Passagiere seines Wagen« «endend): „Von hier au» ist der Weg nur für Esel passirbar, ich bitte daher die Herrschaften auszusteigen und allein weiter zu gehen." Redaktion: A. Vchetzda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversttSts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.