fei' ff EULMNÄK UnterhaUnngsblott Mr Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) i . _—_____ I / •*, "V, ■■ % MW MO Trug-Glück. Roman von $‘[je‘£la [Rempel. (Schluß.) An einem Spätnachmittage saß sie am Fenster in einem Zimmer im Erdgeschoß; sie hatte die Nacht vorher durch» wacht bei einem Verwundeten, ebenso tagesüber treulich ge« Holsen, nun that ihr ein stilles Nachsinnen wohl. Sie blickte hinaus zu den lustig tanzenden Schneeflocken und ihre Gedanken flogen weit zurück zur Vergangenheit; wie wunderbar Gott sie geführt, wie so ganz anders ihr Leben sich gestaltet, als sie gedacht und gewünscht. Kaum von den Eltern ein# geführt in die Geselligkeit der kleinen Garnison, fühlte sie sich unbefriedigt, verlangte nach ganz Anderem. Der Mutter Vorwürfe, daß sie nie zufrieden, erschienen ihr ungerecht. Mit dem Fuße hätte sie aufstampfen mögen, daß sie stets dasselbe einfache weiße Kleid tragen mußte, die selbstgezogene Blume im Haar. In derselben Geselligkeit machte die Tochter des reichen Getretdehändlers sich breit im seidenen Schleppengewand, dtrect aus Paris bezogen, sie musterte mit spöltischen Blicken die Toilette von der Tochter des Obersten. Endlich war es erreicht, was sie glühend erhofft; ihr Vater ward Regimentskommandeur in der Hauptstadt. O, warum sahen ihre Bekannten nicht, wie ihr Hofkleid glänzte in den Spiegelwänden de» Fürstenschloffes, wie sie gefeiert, bevorzugt ward. Dort sah sie Herbert von Löwen wieder, sie liebte ihn, allein noch größeres Glück wollte sie erringen, sie hieß ihr Herz schweigen. Höher hinauf ging ihr Flug, unter Palmen zu wandeln. Sie that es nicht ungestraft, es folgte der Sturz zur Tiefe, Krankheit, Armuth, man verwies sie aus dem FÜrstenfchloß l Die Wellen rauschten zu ihren Füßen, da hinab! Riefen sie nicht? Klang nicht seine Stimme traurig, mitleidig an ihr Ohr? — Ihr Kopf ist schwer, sie will entfliehen, allein dir Füße versagen den Dienst. Zu ihm I Er ist in Roth, in Gefahr, er ruft siel Sie «endet alle Kräfte an, endlich schlägt sie die Augen auf, Alle» war ein böser Traum, sie hat den festen Schlaf der Ueberwindung geschlafen. Roch sinkt der Schnee in dichten Flocken herab, nur die Dämmerung hat mehr noch da» Tageslicht verscheucht. Da wird die tiefe Stille durch einen Laut im Nebenzimmer unterbrochen. Sollte der schwerleidende Offizier der Hülfe bedürfen? Sie überlegt nicht lange, stößt die Thür auf. Er steht ihr gegenüber in bequemer Interims uniform, den Verband von den Augen gelöst. Wortlos blickt er sie an; endlich löst es sich von seinen Lippen: „Elisabeth, Du bist er, ich sehe Dich wieder." „Um de» Himmels willen, Herr von Löwen, kaffen Sie sich den Verband umlegen, es könnte Ihnen schaden I" „Nur wenn Du mir ein besseres Wort gönnst!" „Herbert, ich liebe Dich schon lange, Todesangst habe ich um Dich getragen, folge mir!" Mit sorgsamer Hand verhüllte sie die schmerzenden Augen. Nun sitzen sie Hand in Hand. „Ich hörte, daß Du in die Fremde gegangen; dann — sogar bis in Feindesleind drangen so viele wahre und unwahre Nachrichten, Du seiest eines reichen Mannes Frau geworden; ich wollte sterben, allein mein Wunsch erfüllte sich nicht. In Verzweiflung kehrte ich zurück in's Vaterland. Warum durfte ich nicht sterben, nachdem ich meinte, Dich auf immer verloren zu haben? Nun danke ich Gott, daß ich lebe! Ich löste soeben zum ersten Male den Verband, ich sah Dich! O, mein Lieb, sei mein, laß mein ganzes Leben Dir beweisen, wie innig ich Dich liebe. Alles will ich ertragen, um das Augenlicht wieder zu erlangen." „Und wenn Gott es anders bestimmt hat, dann laß mich Dich führen und leiten, laß mich Dein hartes Loos Dir erleichtern nach meinen Kräften. Erst als ein anderer Mann meine Hand begehrte, da ward mir recht klar, daß mein Herz Dir, nur Dir allein gehört. Wunderbar führte Gott uns wieder zusammen, nachdem ich Dich al« todt beweint," flüsterte Elisabeth. „Nun aber lebe wohl, Du theurer Mann, laß uns jetzt noch unser Gcheimnlß bewahren, bis wir im Elternhaus uns wiedersehen." Sie schlüpfte eilig hinaus, als sie in der Nähe Schritte vernahm. Auf Frau Berends Bitte ging sie hinauf nach dem ersten Stock, um wieder mal den Thee zu bereiten; kurz nach ihr fand sich ihr guter Freund, der Stabsarzt, ein, st« hatte sich die Gunst des alten gemüthlichen Herrn erworben durch ihr praktisches Zugreifen, wo Hilfe nöthtg war. „Heute ist es behaglich im warmen Zimmer," meinte er schmunzelnd, „so wohl ist mir im ganzen Feldzug nicht geworden, als bei Ihnen. Nun, es hilft nichts, wenn es bald wieder ander» kommt, man nimmt es eben hin. Aber denken Sie, mein schwerster Patient scheint in der Villa Glück da» Augenlicht wiedergefunden zu haben, hoffentlich bleibt e« dabei; eben besuchte ich ihn, da verkündete er mir jubelnd: „Ich kann sehen I" Nun, vorderhand habe ich ihm das Handwerk gelegt und ihm alle Versuche, zu sehen, verboten. Allein nach wenigen Tagen schon soll er in Begleitung eines Arztes einer Augenheilanstalt anvertraut werden, Gott gebe ihm volle Genesung." „Darf man nun den Namen de» geheimnißvollen Gastes erfahren?" frug Frau Berend, hocherfreut über die gute Nachricht. „Rittmeister von Löwen." Elisabeth hatte ihren Stuhl möglichst in den Schatten gerückt, damit Niemand ihre Bewegung sähe, sie war ja doch die Glücklichste im Kreise; still mit gefalteten Händen blickte sie hinauf zu den Sternen, hinauf zu dem treuen Lenker aller Schicksale. Am Weihnachtsabend kam Löwen in ihr Elternhaus, ihre Hand zu erbitten. Genesen kehrte er zurück aus der Augen- Ütntk, aber noch nicht gekräftigt genug, um auf'» Neus den Strapazen des Krieges sich auszusetzen. Paul war nach treuer Pflege von seiner jungen Frau wieder auf seinen Posten zurückgekehrt. Eine Verwundung de« Armes war gut geheilt.. Man verlebte das Fest still, zu Viele noch gab es, um welche man Sorge trug. Aber da« Gefühl des reichsten Glückes ließ sich nicht bannen ans dem Herzen des jungen Paare«; nach langer Trennung, nach Kummer und Herzeleid war e« vereint für alle Zeit und der Eltern Segen ruhte auf ihnen. * * ♦ Der Frühling ist gekommen- Friede! hallt es durch die Lande. Ruhmbedeckt, mit Lorbeer geschmückt, kehren die tapferen Truppen heim. In der Hauptstadt ziehen sie ein, ein Regen von Frühlingsblüthen senkt sich auf sie herab. Vergebens grüßt Graf von Bretow hinauf zu dem Balkon, auf welchem Elisabeth von Kronau steht, sie will fein Winken, seine bittenden Blicke nicht verstehen- Ein Glücklicherer nimmt den Lorbeerkranz in Empfang. „Gratulire, Löwen," ruft einer der Prinzen, in deffen Gefolge er reitet, dem Rittmeister zu. „Sie haben da« schönste Glück errungen." Bretow mußte an dem Tage überhaupt erfahren, daß seine Zeit des Glanzes vorüber. — Ein kleiner Kreis versammelt sich an einem schönen Mai- tag bei Elisabeths Eltern zum Hochzeitsfest, Herr und Frau Berend ließen es sich nicht nehmen, unter den Gästen zu fein, nachdem sie zu ihrem Erstaunen erfahren, daß in Villa Glück die Glücklichen sich wiedergefunden nach langem Trennung«- schmerz. Der Abschied wird Elisabeth nicht schwer, ihre neue, schöne Heimath ist den Eltern leicht erreichbar und die Kinder wünschen dringend, diese al« Hebe Gäste recht oft bei sich zu sehen. — Leicht rollt der Wagen im Mondenschein dahin, der milde Frühlingswind weht Blüthen hinein. Die junge Frau lehnt sich fest an den geliebten Gatten, sie weiß, er wird ihr in Leid und Freud ein treuer Führer sein, ihr fester Halt in dieser Welt de« Wechsel«. „Nun, meine geliebte Elisabeth, wie wollen wir unsere Zukunft gestalten?" fragte er neckend. „WM Du, daß ich unser Besttzthum fretnben Händen anvertraue und daß wir abermals zur Hauptstadt zurückkehren. Das Fürstenpaar sprach mit großer Huld von unserer Verbindung und erwähnte in lieben«würdiger Weise, man hoffe uns recht oft wieder- -«sehe«." Mit festem Druck ergriff Elisabeth de« Gatten Hand und sagte: „Laß uns int stillen Frieden in der neuen Heimath das rechte, wahre Glück finden. Ich danke Gott, denn er ließ mich erkennen, daß der äußere Glanz da« Herz unbefriedigt läßt und daß nur der stolze Weg der Pflicht zu unserem Besten ist. Ich war einst ein eitle«, oberflächliches Geschöpf, und der Kummer der verehrten Mutter. Des Lebens ernste Schule allein zeigte mir da« rechte Glück." Still fuhren sie weiter, der Mond aber mit seinem milden Licht beleuchtete wohl selten zwei glücklichere Menschen al» diese» Paar. — Jlkitterwochen. Skizzenblatt von F. Storck. Da» idyllische Apothekergärtlein im Schutz der hohen Giebel prangte in all' feiner Blüthenpracht. Die behaglich angerundete Hausfrau erhob sich bei unferm Eintritt, uns in ihrer herzgewinnend lebhaften Art begrüßend. Unter der alten Linde standen wir dann einem jungen Paar gegenüber, dessen stärkere Hälfte uns ans ihrer „Werdezeit" bekannt war. Vor Jahren hantirte dieser schlanke Mann, deffen Kopf schon damals etwas entschieden Geniales hatte, als pillen- und mixturenbereitender Lehrling int Laboratorium dieses Hause«. Damal« wie heute hatten btefe braunen Augen den sieghaft leuchtenden Glanz und die dunklen Locken fielen regellos auf die edel geformte Stirn. Nur das kecke Bärtchen war ein Product der Neuzeit. Und an feiner Seite das junge Wesen im grauen Reisekleid war sein Weib. Vor acht Tagen brachten goldumrandete Karten die Vermählungsanzeige. Eben diese Anzeige verblüffte den einstigen Lehrherrn und seine Frau nicht wenig, denn man hörte seit seinem Abgang au« der Lehre absolut nicht« von Ernst Weigel. Diese Schweigsamkeit hatte guten Grund. Ernst war dazumal grollend von dannen gezogen, weil sein Prinzipal die Ehre nicht zu schätzen wußte, fein Gläubiger zu werden. Etliche lumpige hundert Mark hatte er ja nur begehrt. Der Apotheker, Herr Brand, weigerte fich und Ernst schüttelte verächtlich den Staub der Kleinstadt von feinen neuen Lackstiefeln. Ab und zu redete man in späteren Jahren von dem einstigen Hausgenoffen. Die Kinder hatten ihn fanatisch geliebt und in der Gesellschaft genoß er stet« des Vorzugs allgemeiner Beachtung. Er machte nämlich auf alle be uerkenswerthen Vorkommnisse fließende Verse, huldigte der Jugend und Schönheit, wo sie ihm nahe trat und berauschte sich selbst in dem felsenfesten Bewußtsein feiner persönlichen Liebenswürdigkeit. In der Schule hatte er neben anderen nützlichen Dingen auch Rechnen gelernt, doch die praktische Nutzanwendung für'« Leben hatte man ihm nicht beigebracht. Anscheinend war auch kein Grund vorhanden, sich mit Aneignen so prosaischer Praxi« die Jugend zu verkümmern. Die Eltern verweigerten ja nie die geforderten Summen, bi« urplötzlich dieser stetig sprudelnde Geldquell verstechte. Man munkelte, Ernsts Vater habe schlecht verstanden, sein Soll und Haben in harmonischen Einklang zu bringen. Und gerade nach dieser fatalen Krista im Elternhause verließ Emst die Stätte seiner ersten Triumphe. Dann war er feit Jahren hier verschollen. Und nun saß er neben un«, feinem glückstrahlenden, jungen Weibe gegenüber. Strahlend glücklich war scheinbar auch er. Ihre Augen schienen nicht voneinander lassen zu können. Schier andächtig, al« vernehme ste himmlische Offenbarungen, lauschte fie seiner ein wenig forcirt geistreich sein sollenden Rede. Wir vernahmen die befremdliche Kunde, daß er ein schöne« Hau» nebst Drogenhandlung in einer Provinzialstadt gekauft habe — natürlich im neu angelegten Millionenviertel. Ein distinguirte« Publikum brannte schon lange darauf, von ihm bedient zu werden. Al« Apotheker sei man ja der reine Sklave der lieben Mitmenschen. Da bekomme gerade Sonntag» Jeder, den die Langewelle plage, irgend ein Gebrechen und schicke sein Recept in die Apotheke. Rar der Kaufmann ist etn freier Mann Der Sonntag gehöre seinem Frauchen, da mache man die herrlichsten Ausflüge zusammen. So renom« mirte er und wir staunten. Ja, wie hatten sich denn die Finanzen so glänzend umgestaltet? Wohl redete die junge Frau von der Fabrik, welche Mama mit den Brüdern fort« Ure, seit Papa vor Jahresfrist gestorben; sollte aber dir Mitgift der Tochter so bedeutend sein? Sonderbar. Ich habe schon immer bei der Bezeichnung „Flitterwochen" ttieke schwerernsten Gedanken; hier, bei diesem Paar, konnte ich sie erst recht nicht bannen. Wird sich das Eheglück echt erweisen? Wird sich die Liebe bet gegenseitiger Werthschätzung mehren oder werden die trügerischen Rosen« schleier unerbittlich in den Schmutz gezogen werden und nur die nackte, trostlose Oede gegenseitiger Nichtachtung und Ent« täuschung bleiben? Warum verfolgte mich diese Frage an« gefichts der abgöttischen Verehrung, die dies junge Weib dem Manne zollte. Er hatte sich entfernt, noch im Gehen ihr eine Kußhand zuwerfend. Ec wollte vom Postamt einem be« freundeten Landpastpr telephoniren, daß er ihm noch heute sein „immenses Glück" zeigen würde, wie er zärtlich sagte. Sie schaute ihm mit feuchtem Blick nach und seufzte: »Die erste Trennung seit unserem Hochzeitstage." Es klang eigentlich komisch und doch konnte ich nicht mit den Anderen lachen. Mir war es rührend. Ihre Stimme bebte wie in unterdrückter Angst. Endlich kam er heiter zurück. Die kleine Frau sah vor« wurssvoll auf. „Eine ganze Stunde, Ernst," sagte sie. Unter seinem leuchtenden Blick, bei seiner humorvollen Schilderung der Hindernisse, die er beseitigt, bi« der Apparat endlich de« Freunde« freudezttternde Antwort gab: „Ich er« warte Dich und Dein Glück," schwand der kleine Schmollansatz. „So, Schatz, nun ist schon der Wagen bestellt. Wie wird mein guter Walter seine ohnehin großen Augen aufreißen, wenn er Dich steht! Der gute ehrliche Kerl scheint mir rein au« dem Häuschen vor Freude," schloß er feinen Bericht- Auf der kleinen Veranda vor dem Laboratorium war gastlich der Tisch gedeckt. Han«, der Sextaner, schleppte den riestgen Majolikabierkrug herbei. Der Hausherr füllte die kunstvoll geschliffenen Gläser mit dem schäumenden Gerstensaft. Er sah gegen seine sonstige gemüthrheitere Art ernst, fast gedrückt au«. Grollte er dem einstigen Lehrling noch ob seines damaligen brüsken Abschiedes? Der junge Gatte lachte und renommirte um so ungezwungener. Er entrollte mit leuchtenden Farben den ferneren Reiseplan, obgleich seine Frau meinte, dieses Hasten sei ihr schon völlig über, sie möchte am liebsten morgen daheim sein. Sie freute sich kindisch auf ihr eigene» Hau», auf da« stilvolle Eßzimmer und ihren molligen, heliotropfarbenen Salon. Und auf der grün umsponnenen Veranda werde sie gleich erster Tage sämmtltche Freundinnen mit Ehocolade und Ei« bewirthen. „Sie sollen mich recht beneiden um meinen Ernst." „Närrchen!" unterbrach er sie. „War sollten Mama und die Bekannten sagen, hielten wir unsere Reisezeit nicht au« und überrumpelten sie wie ein Dieb in der Nacht. Ich will Dir doch noch den Schwarzwald und den Bodensee zeigen. Noch köstliche Tage sind unser, ehe e« in'« Geschäftrjoch geht mit seiner ewigen Plackerei." Sie sah sofort ein, ihr Ernst traf immer da« Rechte. „Freilich, Liebster, eine Ausspannung thut Dir so nöthig. — Denken Sie nur, der Aermste war ganz nervös vor unserer Hochzeit." „Richtig," unterbrach er sie wieder lachend. „Ich habe Faseleien verübt wie ein überstudirter, zerstreuter Professor, nervös aufgeregt. Frage bei meiner Mutter telegraphisch an: In welcher Kirche bin ich getraut? E» handelte sich um Beschaffung meine» Taufschein«." „Und Mama telegraphirte zurück: Du hast den Kopf verloren, alter Junge 1" ergänzte die kleine Frau, zärtlich seine Hand fassend. t »Sie reiten wohl zu viel den Pegasus," schaltete der Hausherr trockenen Tones ein. „Mit Geschäftssorgen und Hochzeitsvorberettungen vertragen sich solche phantastischen Ausflüge nicht." Wir lachten. Wußten wir doch Alle, Brand hatte dem jungen Man, e einst schwer verübelt, daß er da» Leben in der Apotheke, frei nach Schillers Glocke, in Versen geschildert und des Prinzipal« kleine Schwächen geschickt gegeißelt- „Nun, in unser Fremdenbuch gestatte ich Ihnen einen poetischen Erguß," suchte die gutmüthige Hausfrau den Tadel des Eheherrn abzuschwächen. „Geh', Han«, hol' es her und Feder und Tinte." Das Reimschmieden ging in der That leicht von Statten. Ohne Besinnen flog die Feder in der wohlgepflegten Hand über das Buch. Der Brillant am kleinen Finger warf zuckende Lichtfünkchen auf das weiße Blatt. Dann versagte sich auch der Schnelldichter nicht, uns sein Poem mit dramatischem Schwung vorzulesen: „Wenn in späten Tagen Ihr forscht in diesem Buch, Darein viel Freunde sagen Euch Dank und SegenSspruch: So denket gern auch Dessen, Der in der Jugendzeit An Eurem Tisch gesessen, Allzeit zum Scherz bereit; Der, Euch sein Glück zu künden, Auch heut' hier suchte Rast, Durst' auch ein Plätzchen finden In diesem Buch als Gast." Bei den letzten Worten stürmten Han« und Elli wichtig in'« Gärtchen. „Die Chaise ist schon da, Ihr sollt gleich einsteigen," schrieen sie und hingen sich an den Onkel, der einst ihre ersten Abenteuer der Kinderstube miterlebte. Nun folgte etn überstürzter Aufbruch. Versicherungen gegenseitiger Gewogenheit, herzliche Emladung feiten« der jungen Frau an die Gastfreunde, dann rollte da« kostbarste Lohngefährt be« Städtchen« mit dem Paare davon. Noch halb betäubt tauschten wir unsere Ansichten über die Abfahrenden, al» der Hausherr, der sie hinau»geleitet, zurückkam. Seine Stirn war um wölkt. Um seine düstere Stimmung befragt, sagte er seufzend: „Da« arme junge Geschöpf! Sie ist blind in ihrer Siebe, aber sie wird schrecklich hellsehend werden." Damit ging er in sein Laboratorium, um sich weiteren Fragen be« ihm bekannten weiblichen Wissensdranges zu entziehen. Anderen Tage« theilte mir die Apothekerin mit, daß ihren Mann die Sorge um die Zukunft dec jungen Frau um feine Nachtruhe gebracht. Ernst habe ihn flehend, fast demüthig um etn Darlehn gebeten. Gr sei vollständig blank. Fünfzig Mark müsse er unbedingt haben, um Weiterreisen zu können. „Mein Mann hat'« ihm denn auch gegeben. Die ahnung«. lose, glückstrahlende Frau jammerte ihn zu sehr," sagte die Apothekerin. „Aber e« ist doch ein bodenloser Leichtsinn, sich wochenlang auf Reisen zu begeben ohne die nöthigen Gelder. Mein Mann ist überzeugt, Weigel hat bei seiner Schwiegermutter da» Blaue vom Himmel gelogen, ihr vorgeschwindelt, er sei reich und nun wird in kürzester Frist die ganze Herrlichkeit wie ein Kartenhaus zusammenbrechen." Das waren nun so ungefähr auch meine Gedanken. Nur ein grenzenlos leichtsinniger Mensch konnte so ungeniert, ja geradezu übermüthig auftreten, nachdem er eben den Gast- freund in solcher Weise angepumpt hatte. Anderen Tage« trug auch schon die geschäftige Fama der Kleinstadt uns die Kunde zu, Weigel habe Freund Walter gleichfalls bluten lassen.--- Drei Tage später führte mich mein Weg nach Baden- Baden. Eine Freundin stieg mit hinauf durch die harzduftenden Wälder auf die Höhe de» alten Schlosses. Dort kletterten wir umher in der mächtigen Ruine. Jeder unternahm feine eigenen kleinen Forschungsreisen. Die Sonne spielte freundlich auf dem mancherlei Gesträuch, welche« üppig im Mauerwerk - - 51s - LLtevavLsches (Schluß folgt) Genrernnütziges ■ VermMehtes Hirnstritzel. Ein abgehäutetes Kalbshirn wird gewiegt, Zwiebel, Petersilie, Citronenschale und etwas Citronen- saft, Nelken, nebst einem Ei und soviel Semmelbröieln dazu gegeben, um kleine Stritzel zu formen, welche in Eigelb, dann in gesalzenen Senmelbröseln umgewendet und aus heißem Schmalz gebacken werden- Gelbrübensuppe. Man reibt 4 große, abgeschabte Gelbrüben auf dem Reibeisen, wiegt 100 Gramm rohen Schinken und etwa» Petersilie, dünstet beides mit einem Stückchen Butter, stäubt es mit zwei Löffeln Mehl und füllt das Ganze mit Fletschsuppe auf. Man läßt die Suppe eine Stunde kochen, treibt sie durch ein Sieb und richtet sie über geröstete Semmelschnitten an. Gefüllte Kalb-leber. Man legt die Kalbsleber in Milchwaffer, häutet fie ab und schneidet sie in Blättchen, doch in der Weise, daß sie auf beiden Seiten, wie eine Tasche noch zusammenhängt und bestreut ste mit Salz. Nun röstet man kleingewiegten Speck mit etwas Zwiebeln, drei Eßlöffel Semmelbrösel und Peterstlie, rührt zwei Eier ab, gibt zwei Eßlöffel süßen Rahm, da« gedünstete und Salz und Pfeffer darunter. Man gibt nun mit einem Eßlöffel zwischen jedes Blatt der Leber etwas von der Fülle hinein, überwickelt ste dann mit einem sauber gewaschenen, etwas eingesalzenen Kalbsnetz und legt ste in eine gut mit Butter bestrichene Cafferole, in welcher die Leber auf beiden Seiten schön hellbraun gebraten wird. Unterdessen bereitet man eine kräftige Zwiebelsauce und läßt die Leber in dieser eine Viertelstunde auskochen. mich, liebes Herz." wuchert. Es war noch Vormittag und köstlich still und friedlich. Ich lehnte in einer Fensterwölbung. Meine Gedanke» schweiften in eine ferne Vergangenheit, da in diesen Fensternischen auf gesticktem Lederpolster anmuthige, edelgeborene Frauen kunstvolle Goldstickereien fertigten und sehnsüchtigen Blicke« die Heimkehr ihrer Ritter und Herren erharrten. Plötzlich trafen Stimmen mein Ohr. „Ich bitte Dich, Ernst, laß uns Heimreisen I Warum sttzen wir nur schon zwei Tage in diesem theuren Baden- Baden," bat eine weiche, mir bekannte Frauenstimme. „Aber kleine Thörin, Baden-Baden ist doch herrlich! Heute Abend sollst Du staunen! Große» Concert, Feuerwerk, Reunion. Wir tanzen und amüsiren uns. Und Du hast Es tage», c blaßblau Dei für die läßt; no Tempera Die ver! „Assyria war, ha! decke zus zu genief Lande di Ihr als über Bauart kleinen 9 deren, tl standen, Theil bei zu befind Nm fernen H de« zu g Fusi.yam daran ge sei. Unt der Perri von Joko Viertelst» Abei dem Was langsam Fischerboi leicht ben Eine liebe Gattin. Frau (zu ihrem Manne, der in Folge heftiger Zahnschmerzen wimmert): „Ach Gott, la- mentire doch nicht so, ich kann gar nicht schlafen!" — Mann: „Mein Kind, ich kann doch auch nicht schlafen!" — Frau: „Nun ja, Du hast aber wenigstens Zahnschmerzen!" Zu viel verlangt. Räuber: „Her die Uhr . . . na, sagen Sie einmal, geht sie aber auch?" Guter Rath. Student (eiligst an einen andern herantretend): „Sapperlot — ein paar Gläubiger sind mir aus den Fersen." — Commilitone: „Schnell, geh da hinein in die Sparkasse, dort sucht Dich keiner." EineAu»zetchnung. Großbauer (zu seinem Sohne): „Sepp, wie lang' mußt d' denn noch studiren, bi« d' a Brill' tragen dersst?" Der Luxus unter dem ersten Napoleon erreichte eine phänomenale Höhe. In der Pariser Nationalbibliothel werden noch die Geschäftsbücher des Damenschneiders Leroy aufbewahrt, so berichtet ein hochinteressanter Artikel der bekannten Familienzeitschrift „Zu« Guten Gtunve.E (Berlin W., Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.t, der unter dem ersten Napoleon im Reiche der Mode ebenso unbeschränkt das Szepter schwang, wie der berühmte Worth unter der Herrschaft seines Neffen und der dritten Republik. Wenn man den Unterschied des Geldwerthes zwischen dem Beginn und Schluß dieses Jahrhunderts berücksichtigt, wird man zweifelhaft sein, ob dem ältere» oder jüngeren Ritter von der Nadel der Ruhm gebührt, die höchsten Rechnungen ausgeschrieben zu haben. Leroy nahm für ein Kleid mit Besatz 500 Frcs., für einen gewöhnlichen Mantel 300 und für einen pelzverbrämten oder sonst complizirter gearbeiteten die doppelte Summe. Für die Hüte, die Karoline Murat von ihm bezog,, mußte sie von 120 bis 450 Frcs. das Stück zahlen, die Kaiserin Marie Luise noch bedeutend mehr. Die Rechnung der Herzogin von Bassanno belief sich bei Leroy in wenigen Monaten auf 20 000 Frcs.; die Gräfin Waleska kaufte bei ihm Battisttaschentücher das Stück zu 100 Frcs. Geradezu fabelhafte Summen gaben die Herzogin von Albufera und die Gräfin von Lugay für ihre Toiletten aus, die letztere für einen Kaschmirshwal 3500 Frcs. Als Napoleon Maria Luise von Oesterreich als seine zweite Gemahlin heimführte, öffnete er seine goldgefüllten Koffer in den Kellergewölben der Tuilerien, um ihr Hochzeitsgeschenke zu machen, die der Kaisertochter und seiner selbst würdig waren. Ein Medaillon mit seinem Bilde kostete 175 000 Frcs., ein Schmuck aus Smaragden, von Diamanten umgeben, 290 000 Frcs., und ein anderer aus Opalen, ebenfalls von den kostbarsten Brillanten eingefaßt, 275 000 Frcs. Für die Ausstattung der neuen Kaiserin wurden 300 000 Frcs. bestimmt, bei einem einzigen Modehändler belief sich die Rechnung auf 117 000 Frcs. — Solche Hinweise sind auch für unsere Zeit interessant. Wer aber derartige Artikel sucht, findet in „Zur Guten Stunde" stets seine Wünsche befriedigt, und in gleichem Maße und mit gleichem Glück pflegt die Zeitschrift die unterhaltenden Beiträge. Alexander von Roberts „Schlachtenbummler," Rudolf ElchoS „Pflicht des Starken" und Paul Oskar Höckers „s'Burgele" sind Cabinetstücke der Erzählungskunst. Die Illustrationen sind unbestritten die besten aller Zeitschriften. * * * Die von uns bereits lobend erwähnte neue Ausgabe von „«rmanvs AnSgewLhlte atomatt«* ist bis Lieferung 6 vorgeschritten. lieber das llnternehmen urtheilt die Zeitschrift „Quellwaffer für das deutsche Haus," 19. Jahrgang No. 35 wie folgt: „Die Aus- gewählten Romane Armands (Weimar, Verlag der Schriftenvertriebsanstalt; Inhalt: Verein für Massenverbreitung guter Schriften) eignen sich für die Zwecke des Vereins in der That vortrefflich dadurch, daß sie mit der Anziehungskraft einer spannenden Schreibweise sittlichen Gehalt und litterarischen Werth vereinen." Die „Rheinisch-Westfälische Zeitung" äußert sich in ihrer Nummerjl24 gleichfalls anerkennend, indem sie bemerkt: „Diese Ausgabe ist nicht etwa nur ein Abdruck der vergriffenen Werke Armands, sondern von berufenen Kräften auf das sorgfältigste durchgesehen, sodaß Inhalt sowohl wie Ausstattung den Anforderungen entsprechen, die man heutzutage an ein gutes Buch stellt." Wie uns die Verlagsbuchhandlung im weiteren mittheilt, ist ihr nicht nur eine große Anzahl der lobendsten Besprechungen von der Presse zutheil geworden, sondern auch im Kreise des Publikums hat die neue, gegen früher so billige Ausgabe von „Armands AuZge- wählte Romane" größten Beifall gefunden. Wir können daher unfern verehrlichen Lesern nur empfehlen, sich in jeder beliebigen Sortimentsoder Colportagebuchhandlung Probehefte von dem lobenswerthen Unternehmen zur Ansicht g-ben zu lassen, und wir sind überzeugt, daß dasselbe auch den Beifall unsrer werthen Abonennten finden wird. « * Der jüngste Veteran der deutschen Armee, ein Eisenbahnbeamter, dec als vierzehnjähriger Hornist im zweiten Württembergischen Jägerbataillon den Feldzug 1870/71 mitmachte, wird den Lesern der „Moderne« JBtttlft,* (Verlag von Rich. Bong, Berlin, ä Heft 60 Pfg.) in dem soeben erschienenen 4. Heft int Bilde vorgeführt. Diese feuilletonistischen Nachklänge der Zeitgeschichte, dieses stimmungsvolle Eingehen auf das, was zur Zeit interessant und be-- merkenwerth erscheint, ist einer der Hauptvorzüge eines Blattes, dessen vornehme Haltung es sonst von dem bunten Treiben des Tages fern hält. So steht der in demselben Heft veröffentlichte Artikel oon L. Hartmann über Dresden mit Illustrationen von Koppay in der Mitte zwischen dem Bestreben, das alte Elbathen zu schildern und gleichzeitig dem Auftreten der modernen mitteldeutschen Metropole gerecht zu werden. Eine Würdigung Konrad Ferdinand Meyers, der soeben seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert, von Georg Malkowsky, bildet den litterarischen Theil des Heftes, während die großen Holzschnitte nach Th. Rocholl, Marcus Stone und G. Simoni zeigen, wie ernst die „Moderne Kunst" bestrebt ist, ihren Lesern die besten Erzeugnisse der bildenden Kunst aller Nationen vor Augen zu führen.