Adelskrone verloren hatte. Frau Falkners Geständniß hatte ihn über Vieles, das er für einen verrätherifchen Undank von Seiten Cora« gehalten hatte, aufgeklärt.' Jetzt war es klar, daß Cora und er die unschuldigen Opfer einer schändlichen Jntrigue gewesen waren. „Mylord," erwiderte er mit ehrerbietiger, aber vielleicht ein wenig erzwungener Zärtlichkeit, „es steht mir nicht zu, Ihre Handlungsweise ohne genauere Kunde der Beweggründe zu beurtheilen, aber wenigstens möchte ich Sie bitten, das ge- fchehene Unrecht an dieser jungen Dame wieder gut zu machen, die, glaube ich, von uns Allen am schwersten gekränkt worden ist. Miß Cora sollte doch wohl sofort ihre Freiheit wieder- erhalten, sich nach eigenem Wunsch ihren Wohnort wählen dürfen und ihr dazu genügende Mittel zur Verfügung gestellt werden." Da fing Netta leise an zu schluchzen. „Es ist doch zu sonderbar, daß mich Jeder dieses Mädchens wegen vernachläsfigt- Ich sollte doch meinen, daß Du, Rupert, erst an mich denken solltest, statt Dir gerade jetzt Sorge um sie zu machen." Unwillkürlich zuckte es spöttisch um Trevilles Lippen, aber sein besseres Gefühl sagte ihm, daß die Klage seiner Nichte zum ersten Mal vielleicht nicht ganz ungerecht sei und ernst sagte er: „Netta hat vollständig Recht. Rupert, sie nahm Dich aus Liebe und es ist nicht Recht von Dir, sie zu vernachlässigen, nun es sich herausgestellt hat, daß Ihr Euch gleichgestellt seid." Der junge Mann wandte sich freundlich zu der schönen, schmollenden Braut: „Netta, kannst Du mir nicht verzeihen, daß mich für den Augenblick andere Dinge beschäftigen? Kannst Du nicht begreifen, daß ein so seltsamer Schicksals- wechsel mich für den Augenblick von Dir abzieht? Jetzt kann ich Dir doch wenigstens Rang und Reichthum bieten, wovon wir Beide uns nichts träumen ließen, als Du mir Deine Hand reichtest." „Ich bin froh, sehr froh, daß wir gleichgestellt sind, Rupert," sprach Netta sanft, „aber nicht wahr, Du vergißt nicht, daß ich, lange bevor ich eine Ahnung davon hatte, Dich wählte? Und ich verlange nichts, als daß Du gut und liebevoll gegen mich bist und Dich nicht durch das listige Mädchen von mir abziehen läßt, das an Allem, was mich in den letzten en beruhiget! lliene mache«, Inte, „fügen Freiwilligen Herrn Baron reckt. i seinem Ein« schickte, um ite Herminie, worden war. ßchen ärgert, em bestürzten Sie sind also n die Aristo- ; uns nichlr reiwilligen?" ebvre, meiner osen, die die e nur auf!" er ruhig ge- so groß als werden die Bevölkerung, ition fordert... Beaurepaire. eiben Kinder tme Blondine i Tochter. — lowendaal zu ß aus dessen > weinen. Do ner Freiheiis- e herauf, lief eruhigen, '\t> : werden m m zu schießen AH " tzt ausgegebenm irte" (mit vier iorzellan"; „Die n); „Schwämme - Mittheilungen.' ildungen): „DÄ fompah-Sonne« epläne aus alle« am), „Vom Lese Der reiche uni haftlichen Re-ent, daß hierübe i in den Roman« 24.) Heft der 6» :* (Berlin W, Zierzehntagsheftes mchtung verdient wfasser führt »" sogenannten tzen und vieW ; des Reichthmn^ । in Gießen, jMM M. 89.im 30. Full. (^, 1895. H V •• VV tföeKer HnterhaltMgMatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Die Tochter des Meeres. ÄWWR MH K. »Aber was gibt mir dix Gewißhett, baß Sie nicht einen zweiten Betrug auWbeN?" sagte der-Graf, indem er sich be- .mühte, jein» Hange Freude über die Hoffnungen, die sich ihm eröffneten, zu verbergen. „Auf sehr leichte Weise," antwortete Frau Falkner in kaltem Ton. „In der englischen Kirche zu Bremen befindet sich ein Taufregister, in welchem die Geburt dieses Knaben in demselben Jahre verzeichnet ist, in welchem Ihre verstoßene Frau vor Kummer starb. Und für mein Kind, meine Adele," fuhr sie mit einem innigen Blick auf da« junge Mädchen fort, „trug ich reichlich Sorge, daß Niemand verächtlich, als sei sie von zweifelhafter Herkunft, auf sie blicken kann.. Die Wärterin, die mir bei ihrer Geburt beistand, und ber* Geistliche, ber sie taufte, sind Beide noch am Leben und können, wenn Sie es wünschen, meine Aussage bestätigen. ES ist ein seltener Triumph, Mylord: Die Entdeckung, daß Sie einen natürlichen Sohn besitzen und ihm «die Erbin Ihres Bruders zur Frau gegeben haben." „Still, Frau! Still!" sagte Graf Treville ernst. „Glau- den Sie, ich würde mich bemüht haben, einen Unglücklichen aus der Dunkelheit-zu ziehen? Nein, erst als ein glücklicher Zufall .mir die Thatfache offenbarte, daß meine Sünden weniger traurige Folgen gehabt hatten, als ich glaubte: erst da wünschte ich die Wahrheit zu erfahren- Die heimliche Trauung, durch welche ich beabsichtigt hatte, eine nicht standes- gemäße Verbindung geheim zu halten, wurde durch ein gün- Mges Geschick eine wirkliche, gesetzliche. Rupert, mein Sohn," fügte er mit einem halb traurigen, doch innig liebevollen Blick M dem lungen Mann gewendet fort, „kannst Du das Deiner Mutter und Dir selbst angethane Unrecht mir verzeihen?" Man« war durch den schnellen Wechsel seiner Verhältnisse aufs Höchste verwirrt. Allerdings eröffnete sich ihm 616 den Sohn und anerkannten Erben de» reichen Grafen ^Eville eine glänzende Zukunft, aber doch hatte er das bittere " in der Verurtheilung feiner einstigen Liebe grausam gefehlt und dadurch den schönsten Edelstein seiner zwei Jahren so unglücklich gemacht hat, schuld ist," fuhr sie fort, und ihre Lippen zitterten mehr vor Erregung als Be- trübniß. Cora trat stolz näher, als sie diese Worte vernahm. „Beruhigen Sie sich," sprach sie mit vornehmer Miene, „ich werde Ihren Pfad nicht kreuzen, noch Sie irgendwie belästigen, es sei denn, daß ein widerwärtiges Geschick mich gegen meinen Willen dazu zwänge. Ich für meinen Theil bin jedenfalls zufrieden, daß ich und Ihr Gemahl getrennt wurden, bevor unsere Wege so weit auseinandergingen. Ich hätte mich als Eindringling nie glücklich sühlen können in einer Stellung, in die ich nicht durch meine Geburt paßte." Und ruhig wandte sie sich zum Gehen, als Graf Treville sie zurückhielt. „Halt, junge Damel" sagte er gebieterisch. „Ich habe wenigstens einiges Recht, Sie als den Schützling und das adoptirte Mündel sowohl meines Sohnes wie meines verstorbenen Bruders zu beschützen- Sie dürfen nicht wieder schutzlos und allein hinausgehen in die weite Welt." Cora wich vor der Berührung mit des Grafen ausgestreckter Hand zurück. „Verzeihen Sie mir, Mylord .... ich bin überzeugt, daß Sie es gütig mit ulir meinen, aber es gibt Wunden» die nur durch Einsamkeit und Freiheit geheilt werden können. Wenn Sie mir Unrecht gethan haben, so gewähren Sie mir meine Bitte als beste Entschädigung dafür." „Aber wohin, zu wem wollen Sie gehen?" fragte der Graf besorgt. „Ich weiß es nicht, es ist mir auch gleich, wenn ich nur Ruhe finde," erwiderte sie ungeduldig. „Jeder, der mir Freund zu sein schien, ist für mich zur Ursache großen Kummers geworben. Besser offene Feinde, als falsche Freunde." „Wenigstens müssen Sie die Mittel von mir annehmen, Ihre eigenen Pläne und Absichten durchführen zu können, Miß Cora," bat der Graf. „Nach all' dem Kummer und Schmerz, den Sie erlitten haben, bin ich Ihnen das schuldig." „Ich nehme nichts an. Ich brauche nichts, als die Anerkennung Ihrer Ungerechtigkeit und meiner Unschuld, Mylord," versetzte sie ruhig. „Alles Andere ist bald vergessen, wenn ich wirklich noch anders Wünsche in diesem Leben haben sollte, als nach Ruhe." „Und gibt es nichts, gar nichts, womit ich Ihnen beistehen könnte?" entgegnete der Graf bittend. „Glauben Sie mir, meine Sorge um Sie ist aufrichtig ... ich würde viel darum geben, wenn ich Vergangenes ungeschehen machen könnte," setzte er leiser hinzu. Sie schwieg einige Augenblicke, als wolle sie ihre Gedanken sammeln. Dann bedeckten sich ihre Wangen mit einer tiefen Röths und mit halb ängstlichem, halb hoffnungsvollem Ausdruck hob sie dis Augen bittend zu dem Grafen auf. „Ja, es gibt etwas," sagte sie zögernd, „das Einzige, um das ich Sie bitten möchte. Es ist eine Gunst, die jede Ungerechtigkeit und jeden Kummer verwischen, die mich sogar zu Ihrer Schuldnerin machen würde, Graf Treville." „Und was ist das? Was ist das?" fragte er. „Ich möchte für Jemand, der viel gelitten hat, um Verzeihung und um Ihren mächtigen Einfluß für feine Begnadigung bitten," sagte sie. „Für Jemand, der tief bereut hat . . . der, wie ich glaube, ja, wie ich weiß, nicht so schuldig ist, als es wohl scheinen mag ... für Lord Belford, Mylord." Auf des Grafen Gesicht blitzte es zornig auf. „Sie wissen nicht, was Sie verlangen," sagte er. „Ist es recht, den Verzicht auf die Vergeltung für des Bruders Blut zu fordern?" W „Es ist wohl richtig, Mylord, in so froher Stunde, wie esWe jetzige sein sollte, Gerechtigkeit und sogar Erbarmen zu üben," entgegnete sie mit einem Blick auf Rupert. „Den größten Verbrechern wirb verziehen, wenn einem Herrscher besonberes Glück zustößt. Unb ich wiederhole Ihnen aus vollem Herzen, baß bei ber unglücklichen Affaire mehr gegen Lord Belfort gesündigt wurde, als er gegen Andere sündigte. Sie können die Tobten nicht wieder lebendig machen. Wohl aber können Sie den Lebenden Ruhe und Frieden geben." Graf Treville war unschlüssig, aber seine Schwester trat zwischen» dis junge Fürsprecherin und ihren Bruder. „Das ist Alles recht klar, Miß Cora," sagte Lady Emily, „aber ich glaube, ich kann für das Alles, was die junge Dame sagt, einen besseren Grund finden. Sie wünscht Lady Belfort zu werden und hofft sich dadurch, daß sie den Lord rettet, eine solche Stellung zu erringen." „Ist das wahr? Wäre es möglich, daß Sie so selbstsüchtig sind, Cora?" rief Rupert halb unbewußt, während Graf Trevilles Stirn sich bei den Worten feiner Schwester umwölkte. „Ich wiederhole dis Frage: Ich möchts wissen, ob es möglich ist, daß Sie bei Ihrer Jugend und Schönheit so falsch sein können?" sprach er ernst. „Bedenken Sie wohl mit der Zeit wird sich die Wahrheit zeigen, so sehr Sie auch jetzt bemüht sein mögen, sie zu verbergen." „Wenn es für mich selbst wäre, würde ich mich nicht zu einer Antwort herablassen," sprach Cora stolz, „aber wo es sich um ein Menschenleben handelt, ist es nicht an der Zeit, sich gekränkt zu fühlen. Genügt es, wenn ich erkläre, daß ich weder Lord Belfort noch irgend einen Anderen, den ich kenne, heirathen werde, so lange ich ein unbekanntes, namenloses Findelkind bin? Ich könnte keinen Schatten auf einen edlen Namen werfen, Graf Treville. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich mir auf Ihre Kosten einen Titel erkaufe." „Edles Mädchen!" zitterte es von d5s Grafe» Lippen. Vielleicht fühlte er in diesem Augenblicks, wie viel er sich durch seine Schnelligkeit verscherzt hatte! Wie glücklich hätte Rupert sein können . . . welch'eine Tochter hätte seine letzten Jahre erheitern können! 6 Aber er gab seinen Gedanken keine Worte. Er blieb einige Momente stumm und sogar Lady Emily wagte nicht, die Stille zu unterbrechen. Endlich kam die Entscheidung in scharfem, Harem Kone von des Grafen Lippen. „Dis Siebe und Barmherzigkeit sollen siegen. Ich will jeden Versuch, meines Bruders Tob zu rächen, aufgeben und es soll bann Lord Belfort leicht werben, die Erlaubniß zur straflosen Rückkehr zu erlangen." LXIII. Tiefes Schweigen herrschte in der kleinen Capelle, nachdem die Hauptpersonen bei der soeben stattgefundenen Scene sie verlassen hatten. Frau Falkner war die Erste, die wieder sprach. „Du thätest besser, mit uns in Deine alte Heimath zurückzukehren, Cora," sagte sie höhnisch. „Es scheint nicht, als ob sich sonst Jemand nach Deiner Gesellschaft sehnte und obwohl Adele und ich allerdings sehr einfache Leute sind, die tief unter der Gesellschaft stehen, in welcher Du Dich, seit Du uns verlassen, bewegt hast, so ist es doch wohl anständiger für Dich, als daß Du jungen Herren nachläufst, dis sich nichts aus Dir machen." Coras erster Gedanke war, dieses höhnische Anerbieten verächtlich zurückzuweisen, aber dann stieg ein zweiter Gedanke in ihr auf. „Wissen Sie, was er — ich meine Lord Rupert — mit dem Flüchtigen, Lord Belfort, anfing, nachdem er ihn in seine Obhut genommen hatte?" fragte sie. „Wenn ich bas nun wüßte? Glaubst Du, ich würde Dich in bas Geheimniß einweihen unb Dich unterstützen in Deiner Liebschaft mit bem jungen Grafen?" lautete Frau Falkners bittere Antwort. „Ich wisberhols Ihnen bas Gelübde, das ich soeben that: Ich würde nie Lord Belfort heirathen, ohne ihm an Rang unb Reichthum gleichzustehen. Wenn ich nur Gelegenheit hätte, ihm seinen Rang, seine Sicherheit unb Ehre wiederzugeben unb ihm bann für immer Lebewohl zu sagen." „Lord Belfort wirb auch keine Lust haben, Dich zu hei 355 rächen," entgegnete Frau Falkner. „Der junge Lord hat jetzt andere Pläne." „Vielleicht!" erwiderte die Frau ruhig. „Es ist nur natürlich, daß der vermeintliche Sohn seinen Gefangenen in das Haus seiner Mutter bringt ... es war seine Zuflucht," setzte sie Adele mit einem bedeutungsvollen Lächeln anblickend, hinzu, ,'vielleicht ist es seines Herzens Wunsch, daß es seine Heimath werde." # e Mit einem seltsamen Gefühl näherte Cora sich dem Orte, wo sie die frühesten und vielleicht glücklichsten Jahre ihres Lebens zugebracht hatte. Alles, was in Beziehung dazu stand, rief diese Kindheit so lebhaft in ihr Gedächtniß zurück, daß sie sich kaum denken konnte, daß die Jahre und Ereignisse, die sie, seit sie dieses Häuschen verlassen, erlebt hatte, wirklich dazwischen lagen. Frau Falkner und Adele waren jetzt ebenso bei ihr wie damals. Die Umgebung des einsam dastehenden Häuschens war unverändert. Sie selbst fühlte sich fast wieder in jene Kinderzeit zurückversetzt, als ihr Auge auf die bekannte Gegend fiel, und ihr war, als könne ste wieder die Höhen da erklimmen, wieder wie früher das herankommende Schiff beobachten, das ihr den theuersten Gegenstand ihrer jungen Liebe zurückbrachte. Wo war er jetzt, der einst vergötterte junge Mann, der Beschützer ihrer Kindheit, der edle, großmüthige, liebende Rupert Falkner? Er war der hochgeborene Erbe eines edlen Namens, der reiche Abkömmling einer alten Adelsfamilie, der Gemahl eines Mädchens, das die Welt die als feine Gemahlin Passendste nennen würde. Cora war dagegen allein und einsam. Alle, die sie gekannt und geliebt hatten, schienen wie durch ein Verhängniß von ihr getrennt zu sein, sie sür schuldig zu halten und sie von sich zu verbannen. Sogar er, der ihr mehr als das Leben verdankte, sollte sie — ihrem eigenen Gelübde gemäß — nur sehen, um ihre Friedensbotschaft, die sie ihm brachte, in Empfang zu nehmen und dann für immer für sie verloren zu sein. Liebte sie ihn? Bereute ste das Gelübde, das sie abgelegt hatte? Cora hätte sich diese Frage kaum beantworten - können. Sie hatte ihn gerettet und gepflegt, sie war die unbewußte Ursache seiner Gefahr und Unehre und der edle, selbstlose Retter vor bösen Folgen gewesen. Er hatte sie geliebt, ja, sie fühlte es, er liebte ste noch tief und innig. War es zu verwundern, daß ihre Pulse rascher schlugen, als der Wagen, in dem ste saßen, langsam vor dem kleinen Hause vorfuhr, und wenn sie unwissentlich die Augen schloß, um sich die bevorstehende Unterredung auszumalen, die für immer die letzte Episode zärtlicher Romantik für ihr junges Herz beschließen würde? Aber jetzt war nicht die Zeit, solchen Gedanken nachzuhängen. Es waren neidische, unfreundliche Augen auf sie gerichtet und ihr einziges Bemühen mußte sein, den Sturm in ihrer Brust so gut als möglich fremden Blicken zu verbergen. Die Fenster des Hauses waren geschlossen und kein Mensch ringsum zu sehen, als der Wagen vor dem kleinen Gitter vorfuhr, doch das war natürlich, denn die Vorsicht gebot Ernst Belfort, durch nichts fein Hiersein zu verrathen. Frau Falkner stieg zuerst aus; ihr folgten Adele und Cora und rasch näherten sie sich der niedrigen Hausthür. Aber ihr Zeichen zum Einlaß blieb unbeantwortet, obwohl sie wiederholt heftig an die Thür klopften. Frau Falkner zog die Stirn in finstere Falten. , , »Das ist sonderbar, höchst sonderbar I" murmelte sie. „Ich habe Alles sür meine Rückkehr vorbereitet und außerdem bin idj überzeugt, daß Lord Belfort den Schutz, den er hier gefunden hat, nicht absichtlich mit solchem Undank lohnen würde, daß er das Haus so heimlich verläßt." Sie zog einen Hauptschlüffel aus der Tasche, den sie stets bet sich trug, schloß die Thür mit einiger Mühe auf und trat mit den beiden jungen Mädchen in die verlassenen Räume. Das war das Zsinmer, in welchem einst Lord Faro zuerst das schöne junge Wesen gesehen, das auf sein und seiner Angehörigen Schicksal so großen Einfluß ausgeübt hatte. Nichts war darin verändert. Alles stand noch genau so wie zu jener Zeit und Cora schrack jetzt vor dem Zusammentreffen, das ihr ihrer Meinung nach mit einem ihr noch Theueren bevorstand, scheu zurück. Aber das Zimmer war leer und still. Frau Falkner durchschritt rasch die verschiedenen Räume und dann stieg sie mit einer Schnelligkeit die schmale Treppe hinauf, wie man ste ihr kaum zugetraut hatte, aber nirgends war eine Spur eines lebenden Wesens zu entdecken. Endlich wendete Frau Falkner sich zu ihrer Tochter und dem bleichen Mädchen, dem alle Pulse in fieberhafter Angst und Erregung schlugen. „Das ist ein unerwartetes Ende unserer Reise!" sagte sie. „Lord Belfort ist fort .... freiwillig oder gezwungen ... und mir scheint, daß, seit wir das Haus verließen, seltsame Dinge hier stattgefunden haben. Therese hat das Haus trotz meines Befehles, unter allen Umständen zu bleiben, bis ich zurück fein würde, verlassen und mir scheint, daß gewissenlose Hände in meinen geheimsten Fächern gewühlt haben, was mehr sür Gewalt und Verrath, als für ein freiwilliges Verlassen des Hauses spricht," fuhr sie ernst fort, doch zeigte ihr Gesicht einen halb triumphirenden, halb ängstlichen Ausdruck, als sie sich zu dem Findling wandte- „Jedenfalls ist nun alle Hoffnung, durch die Kleinigkeiten, die ich befaß, Deine Herkunft zu ermitteln, Cora, für immer verloren." (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gtzne. Roman «ach Bictorien Sardou und F. Morroa«. Deutsch von »del« Berger. ------ % Catherine Lefebvre wies stolz auf den Kleinen, indem sie sagte: „Das ist mein kleiner Henriot, ein künftiger Sergeant, den ich erziehe, bis ich eigene Kinder bekomme, die die Republik vertheidigen werden." Herminie drückte leise die Hand der Marketenderin und wendete sich zu dem Baron: „Diese ausgezeichnete Frau zog mit dem Bataillon durch das Dorf Jouy-emArgonne. Da ließ sie der Commandant Beaurepaire rufen und bat sie, sich in ein bestimmtes Haus des Dorfes zu begeben, wo sie ein Kind vorfinden würde. Er bezeichnete ihr außerdem auch diese Wohnung, wo sie mir das Kind übergeben und mich von der Ankunst der Freiwilligen, von dem Herannahen eines Beschützers benachrichtigen sollte. Aus diesem Grunde befindet sich Ihre Tochter hier, Herr Baron." „So weiß also Beaurepaire?" stammelte Lowendaal. „Alles," sagte Herminie fest. „O, glauben Sie mir, das war ein schmerzliches Geständniß. Aber ich hatte keine Hoffnung mehr außer meinem Bruder. Ich wußte nicht, wie er das traurige Geständniß aufnehmen würde, das ich ihm an einem Tage der Entmuthigung ablegte, wo ich, an allem verzweifelnd, sterben wollte." „Und Ihr Bruder hat sich nachsichtig erwiesen?" fragte der Baron, indem er sich bemühte, so gleichgültig und ruhig wie am Beginne der Unterredung zu scheinen. „Mein Bruder hat mir verziehen und sich beeilt, zu meiner Rettung und Befreiung zu kommen. Die Freiwilligen von Mayenne-et-Loire haben, von ihm geführt, Frankreich im Lauffchritte durchquert." „Ja, Donnerwetter, bas waren Etappe», meins Herrschaften," sagte Catherine. „Wir hatten ja Alle große Lust, zur rechten Zeit zu kommen, um die gute Stadt Verdun zu befreien, aber der Commandant Beaurepaire, der hatte Flügel an den Fersen." Die Trommelschläge waren näher gekommen, die Stadt schien in festlicher Stimmung zu sein. Immer stärkeres Freudengeschrei erhob st- v^n den Ufern der Meuse. »Ich muß mich zurückziehen, man erwartet mich im Stadthause," sagt, der Baron. „Und ich muß m men Mann umarmen gehen I" rief Catherine. „Vorwärts, junger Konskribierter!" fügte sie hinzu, indem sie den kleinen Henriot bei der Hand ergriff. Das Kind widersetzte sich. Es hielt sich an dem Rocke des kleinen Mädchens fest und schien bei ihm bleiben zu . wollen. „Seht mal den kleinen Schlingel an," sagte die Sans- Gsne gutgelaunt. „Das Häkchen krümmt sich bei Zeiten. Vorwärts, mein Junge! Du wirst die Kleine wieberfinden, wenn wir den Feinden eine tüchtige Douche gegeben haben werden." „Madame," sagte Herminie gerührt, „niemals werde ich vergessen, was Sie für mich gethan haben. Sagen Sie meinem Bruder, daß ich Sie segne und ihn erwarte. „Was dieses Kind betrifft," fügte sie hinzu, indem sie auf Alice deutete, die dem kleinen Henriot zulächelte und ebenfalls keine Lust zu haben schien, sich von ihm zu trennen, „wenn das Unglück es will, daß ich Sie nicht mehr vertheidigen, lieben und beschützen kann, übergeben Sie sie meinem Bruder." „Sie dürfen auf mich zählen. Ich habe schon jetzt diesen Schlingel da, der in meinem Karren herumpoltert, dann habe ich eben ein Pärchen und kann in Geduld abwarten, bis ich eigene Kinder bekomme — wird wohl, nicht gar zu lange dauern," sagte sie mit ihrem offenherzigen lauten Lachen, indem sie die kräftige Brust reckte. „Auf Wiedersehen, Madame I Es schlägt jetzt Rappell. Meine Soldaten brauchen mich nothwendig und Lefebvre wundert sich gewiß, daß er mich nicht in Reih und Glied sieht." Und den kleinen Henriot, der ganz mißmuthig geworden war, mit sich führend/ beeilte sich Catherine, das Detachement des 13. Regiments zu «reichen, das bereits die Gewehrs auf dem Platze aufstellte. Herminie hatte sich nach einer eisigen Verabschiedung von dem Baron mit.ihrer Tochter, dis sie mit Liebkosungen bedeckte, ins Nebenzimmer zurückgezogen. Lowendaal entfernte sich ganz nachdenklich in der Richtung des Stadthauses, indem er bei sich sprach: „Wenn die Kaps- tulalion mich von diesem Beaurepaire nur befreien könnte! Aber nein, dieser Verrückte wird die Stadt vertheidigen und mich zwingen wollen, seine Schwester zu heirathen- O, in welche Falle bin ich da, gerathen!" Von diesen Ereignissen wenig befriedigt, begab sich der Baron in das Stadthaus, wo sich bereits die Honoratioren gemäß der Einladung des Präsidenten Hermaux und de» Bürgermeisters Gosstn versammelt hatten, dieser zwei Ver« räther, deren Namen für immer an den Pranger der Geschichte genagelt werden sollten. IX. Der GesandteBraunschweigr. In dem großen Saale des Stadthauses von Verdun, beim Lichte der Fackeln waren die Mitglieder des Distriktes und die Honoratioren schon versammelt. Der Geniekommandant und Gouverneur der Stadt, Bellmondo, wohnte der Berathung bei. Nachdem der Präsident Termaux die Sitzung eröffnet hatte, legte der Bürgermeister Goffin die Situation dar. Der Herzog von Braunschweig kampierte vor den Thoren der Stadt. Sollten sie ihm weit geöffnet und der kaiserliche Generalissimus als Befreier begrüßt werden, oder sollte man die Zugbrücke aufziehen und die Aufforderung, sie herabzulassen, mit Kanonenschüssen beantworten? Schon die bloße Fragestellung war eine Schande. A „Meine Herren," sagte der Bürgermeister mit klagender Stimme, „unser Herz blutet bei dem Gedanken an das Unheil, da» auf dar belagerte Verdun herabfallen kann I Widerstand gegen einen zehnfach überlegenen Feind ist Wahnsinn. Wollen Sie eine Persönlichkeit empfangen, die mit einer persönlichen Mission zu uns gesandt wurde?" Und der Präsident befragte gleichzeitig mit einem Blicke die Versammlung. „Ja, wir wollen es," sagten mehrere Stimmen. „Ich werde also die uns angekündigte Person einführen," fuhr der Präsident fort. Eine Bewegung der Neugierde lief durch die Versammlung, und alle Augen wandten sich der Thür des Präsidenten« zimmers zu. Sie öffnete sich bald und ließ einen jungen Mann in Civilkleidern erscheinen. Er war sehr bleich und trug den Arm in der Binde. Man hätte meinen können, daß « sich soeben von einer langen Krankheit erhoben habe. „Herr Graf Neipperg, Adjutant der Generals Clerfayt, General en chef der österreichischen Armee," sagte der Präsident, indem er den Gesandten Braunschweigs vorstellte. In der That, es war der junge Oesterreicher, den Catherine Sans-Gene am Morgen des |0. August gerettet hatte. Kaum von seiner Wunde genesen, war er mit Hilfe der guten Catherine von Pari» entflohen und hatte sich dem österreichischen Hauptquartier angeschloffen. (Fortsetzung folgt.) Erkannt. „Hierr bringe ich Ihnen, Herr Redacteur, ein kleines Gedicht!" — „Ja, ja, mit kleinen fängt man an und mit großen hört man.dann nicht auf!" Im Zoologischen Garten. Soldat (vor einem Rhinozeros): „Das ist also das Thi«, von dem uns der Feldwebel schon so viel erzählt hat!" Aus einem Soldatenbrief. „Liebe Eltern! Schickt mir sofort meine Manschettenknöpfe, die ich bei Euch zurückließ; das Fünf-Kilo-Packet könnt Ihr ja mit Schinken und Wurst ausfüllen. Euer Pepi." e ' .* ♦ Zarte Anspielung. „Sie, Führer, an was soll denn dieser Denkstein gemahnen?" — „Den hab' ich g'setzt, da hat mir amal a Reisender — fünf Mark Trinkgeld 'geben!" ♦ e Kindlich. „Der Student da ist wohl schon recht alt Mama?" - „Weshalb?" — „Weil er so stark geflickt ist." Halt Dich d'ran! Willst Du den echten Vortheil zieh'», Jnsecten tilgen in der That: So ford're echtes „Zacherlin", Und kauf' niemals ein Surrogat. Was sieghaft sich Erfolg verschafft, Wird stets bedroht von Pfuschern sein; Und da ihm fehlt die inn're Kraft, Täuscht man durch hohlen, äußern Schein. Das Etikett, der Flaschen Form Wird echtem Fabrikat entlieh'«, Man imitirt — nach dessen Norm — Laß Dir nicht ein auf „—in" und „—(in". Laß Dir nicht aus der Tasche zieh'« Das Geld, um das es wirklich schad', Und nimm für echtes „Zacherlin" Kein aufgeschwatztes Surrogat. D'rum: Willst der Täuschung Du entflieh'n, Merk' auf 'den Namen „Zacherl" grab, Der steht auf jedem Zacherlin, Doch nie auf einem Surrogat. sstedaction: A. Vcheyda, Kruck und Verlag der Brühl'schm UniverstkätZ-Buch- und Stcindruckerei (Pietsch & Scheydaf in Gießen,