V* v^- V GS V V ■ 1 MW HnterhaUungMaLt pun Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Wl L.JII1I J.J1 Unebenbürtig. Roman von H. von Ziegler. (Fortsetzung.) Im Theater saß Gras Wildenstein, ernst und düster, und verwandte kein Auge von der lieblichen schottischen Lady Macbeth, deren mädchenhaftes Aeußere so gar nicht mit ihrem blutdürstigen Character zu harmoniren schien. Als der Vorhang aufging, war Noras Blick zuerst nach jenem Platze geflogen, den er inne zu haben pflegte, und als sie ihn sah, da erbleichte sie, da bebte ihre Stimme secundenlang. Das war der Mann, welcher das Briefchen an eine Frau wie die Fürstin Porscu geschrieben! Sie athmete tiefer, dann hob sie stolz den Kopf, ein jähes Roth flammte über die noch eben so blaffen Züge — und von dem Moment an spielte sie vorzüglicher denn je. „Nora," murmelte der Graf bewegt, „mein geliebtes Kind! Sie will mich Haffen und kann es doch nicht. Soll denn wirklich das alte Leid von Neuem emporsprießen, gibt es denn kein Vergehen und Vergeffen? Wie ich sie liebe! Wie ich an mich halten mußte, um sie nicht an mich zu ziehen und nie mehr von meinem Herzen, aus meinen Armen zu lassen!" • * • Wtldensteins Secundant hatte mehrere Male vergeblich bei dem Prinzen vorgesprochen; er war nicht da und als er den Hausherr nach dem Rumänier fragte, entgegnete dieser verwundert: „Seine Durchlaucht sind schon am Vormittag abgererst, v elleicht nur auf einige Tage, denn cher Koffer ist dageblieben." " ,r ^Ete der Secundant ärgerlich, „und wohin der edle Prinz sich gewandt, wissen Sie nicht. Passen Sie nur auf, daß er Sie auch bezahlt." „O, keine Angst, die Frau Fürstin sind ja immer noch da; bei deren Vermögen bin ich stets gedeckt." Graf Wildenstein hatte den Verlauf der Duell-Affaire kaum anders erwartet; schweigend zuckte er die Achseln, was ging ihn der Feigling an! Stetten war sehr bedenklich krank. Tag um Tag saß Nora, angstvoll und doch ergeben, an seinem Lager und lauschte den wirren Fieberreden des Patienten, flößte ihm Arznei ein oder legte ihm eine neue Eisblase auf die glühende Stirn. Heiße Gebete stiegen zum Himmel auf, kein Schlaf kam in ihre Augen und dennoch konnte sie, wenn die Reihe an sie kam, im Theater auftretsn und alle Zuschauer durch ihr Spiel begeistern; eine feste, ernste Willenskraft wohnte in dem schönen Mädchen, und wenn sie zusammenbrechen wollte, flüsterte sie sich immer zu: „Was der Mensch will, das kann er auch!" Von Graf Wildenstein hörte sie nichts, aber sie sah ihn regelmäßig jedesmal, wenn sie auftrat, im Theater. Er faß stets allein und sie konnte sehen, wie er nur sie beobachtete. Nach der Loge der Fürstin Porscu warf er keinen Blick. Aber Noras Gemüth war verbittert nach wie vor; sie mußte ja dem glauben, was sie mit eigenen Augen gelesen, er liebte die Fürstin seit vielen, vielen Jahren und sie hatte in unseliger Verblendung glauben können, daß sie selbst ihm nicht gleichgiltig sei. „Ein Fleck auf dem Wappenschild," flüsterte sie grollend vor sich hin, „nein, er wird, wie schon einmal, mit fester Hand die Fäden zerreißen, welche sich um sein Herz spinnen wollten, oder vielleicht war's nur meine Einbildung — vielleicht hat er niemals an mich gedacht!" * ♦ ♦ Weihnachten rückte näher; langsam schritt Stettens Besserung vorwärts und noch war nicht an seine Genesung zu denken. Zwei Tage vor dem Feste bat der Kranke mit matter Stimme: „Hole mir einen Tannenbaum, Nora, damit wir doch wenigstens Weihnachten zusammen feiern können. Du mußt ihn putzen und an mein Bett stellen. Willst Du, Liebling?" „Gewiß, Papa," nickte das junge Mädchen, denn es war seit Wochen der erste Wunsch, den ihr Vater aussprach, „ich werde heute ausgehen, wenn der Doctor da war, und einen wunderschönen Baum mitbringen. Den putze ich dann mit Schneeflocken und Krystallflimmer, daß er aussieht, als habe ihn das Christkind eigens vom Himmel heruntergeholt, um Dir eine Freude zu machen." Der Kranke lächelte müde und schlief wieder ein, und fand dieses Mal den erquickenden Schlaf neuerstarkender Körperkraft und Genesung. Es dunkelte bereits, als Nora das Haus verließ und den Weg zum Christmarkt einschlug. Seit Wochen war es das erste Mal, daß sie einen anderen Gang als den zum Theater machte, und es that Uhr wirklich gut. Ihre Augen leuchteten Heller, ihr Athem hob sich und sie blickte heiterer als seit lange um sich. Da plötzlich beim Umbiegen um eine Straßenecke prallte sie fast entsetzt zurück; vor ihr stand er, an den sie immer wieder von Neuem denken mußte, den sie nie vergessen konnte, Graf Wildenstein! Auch er schien überrascht, erfreut, sein erster Impuls war, ihr die Hand zu reichen, dann ermannte er sich und machte eine tiefe Verbeugung. „Also endlich einmal wieder darf ich Ihnen begegnen, gnädiges Fräulein," begann er hocherfreut und schritt ruhig, als sei dies selbstverständlich, neben ihr weiter, „ich habe Sie seit Wochen nur im Theater gesehen." „Papa war furchtbar krank," antwortete sie leise und mußte sehr an sich halten, um auch ihre Freude nicht merken zu lassen; „ich mußte beinahe fürchten, ihn nie mehr gesund zu sehen. Der Arzt hatte die Hoffnung fast aufgegeben." „Gott im Himmel, Nora! Das haben Sie durchgemacht und gelitten, ohne daß ich es ahnte! Armes, armes Kino! Und dabei besaßen Sie so viel Kraft, im Theater aufzutrelen, trotz allem Herzeleid. Was müssen Sie getragen haben!" Innig sah er in das blasse Gesichtchen an seiner Seite und wieder kam die alte Sehnsucht über ihn, ihre Hand zu ergreifen und mit leidenschaftlichen Küssen zu bedecken; aber er bezwang sich, die Zeit war noch nicht da, der alte Groll noch nicht besiegt! „Der liebe Gott hat mir geholfen," entgegnete sie sanft, doch eine heiße Thräne rann über ihre Wange, „ich will nicht mehr klagen, denn nun geht es Papa wieder besser." „Ich habe viel, viel an Sie gedacht, Nora. Besonders damals, als der traurige Prinz Porscu davonlief." „So ist es nicht zum Duell gekommen," rief das schöne Mädchen, erregt stehen bleibend und aus ihren Augen leuchtete innige Freude, „o, wie habe ich darum gebetet — wie mich abgeängstet, aber ich erfuhr ja nichts Genaueres darüber." Sie verschwieg Wildenstein, daß ihr eine Centnerlast vom Herzen gefallen war, als sie ihn das nächste Mal unversehrt im Theater gesehen, doch er hatte wohl das Ausflammen ihrer schönen, dunklen Augen gesehen — und von Stund an wieder zu hoffen gewagt! „In der That, gnädiges Fräulein, Sie haben sich geängstigt?" fragte er halblaut, tief erregt sich über sie neigend. „Hat Ihnen denn die Fürstin Porscu nicht mitgetheilt, daß ihr fürstlicher Neffe dem Zweikampfe aus dem Wege ging? Mit anderen Worten, er zeigte sich als Feigling!" „Die Fürstin?" fragte Nora bitter. „O nein, ich sprach sie zuletzt, als sie bei mir war und mir die große „Ehre" erweisen wollte, mich zur Gemahlin des Prinzen auszuwählen." „Das hat sie gewagt? ' rief Wildenstein zornig auffahrend. „Das ist empörend! Und ich ahnte nichts von Allem, um Sie zu beschützen!" „Gegen die Fürstin? Ich habe ihr selbst und mit klaren Worten meine Meinung ausgesprochen, daß — ich jene Ehre nicht zu würdigen wisse. Im Uebrigen, Herr Graf, weiß ich, daß Sie jene Dame sehr hochhalten und bitte, sich durchaus nicht in Ihrem Urtheile nach mir zu richten." „Was meinen Sie, Nora?" fragte er erstaunt. „Sie sprechen in Räthseln und ich verlange ernstlich Aufklärung darüber. Wissen Sie nicht, daß ich Ihr Oheim bin, der Aufklärung fordern darf?" Sie stöhnte qualvoll auf, aber sie schwieg und immer heftiger fuhr er fort: „Ich habe jene Frau auch nicht mehr gesehen seit jenem Tage nach dem Schurkenstreich, der Ihnen gespielt wurde, denn ich theilte ihr mit, daß ich nichts mehr mit den Porscus zu thun haben wolle." Erstaunt, ungläubig blickte Nora auf und in Wildensteins offenes, ernstes Auge. „Herr Graf," fuhr sie dann ernst fort, „ich habe Ihnen zu beichten —" Und was, mein Kind, sprechen Sie, reißen Sie die furchtbare Scheidewand ein, die uns trennt." „Nein," gab sie unruhig zurück, „es ist etwas ganz Anderes, das mich quält. Ich — habe — etwas zurück- behalten, — was Ihnen gehört —" „Wie?" frug er erstaunt. „Und was kann das sein? Sprechen Sie, Nora, was quält Sie?" Hastig, schwer athmend zog das junge Mädchen das Billet hervor, welches damals der Fürstin entfallen war. „Es gehört — Ihnen," murmelte sie tief beschämt, „und ich bin so schlecht gewesen, es Derjenigen, an die es gerichtet war, nicht zurückzugeben. Die Fürstin hatte es wahrscheinlich, als sie bei mir war, verloren." „Ein Billet von mir an die Fürstin?" fragte Rudolf ganz erstaunt. „Mein Kind, das ist ein Jrrthum, ich weif nichts davon." „Lesen Sie," drängte Nora erregt und zog das Billet aus der Tasche, „hier an dem erleuchteten Schaufenster können Sie Alles überfliegen — es ist Ihr Name und der Inhalt paßt auf Sie." Graf Rudolfs Blicke wurden immer düsterer, unheilverkündender, er überblickte den Inhalt des Briefchens und zerdrückte es sodann in der geballten Faust. „Abscheuliche Lüge und Jntrigue," knirschte er dann, „ich habe, so wahr ein Gott im Himmel lebt, niemals ein solches Billet an die Fürstin geschrieben und würde es auch nicht, denn sie ist eine Jntriguantin — und noch mehr als das —" „Sie haben jene Zeilen nicht geschrieben, Graf Rudolf?" fragte Nora athemlos, aber ein unsäglicher Jubel klang au« der süßen Stimme. „Sie — lieben die Fürstin nicht?" „Ich liebe sie nicht," gab er erschüttert zurück, „und wenn sie mir unsympathisch und unangenehm war, so veraP ich sie von Stund' an so tief, daß ich umkehren würde, roem sie mir begegnet. Nora, arme, kleine Nora, und Sie konnten wirklich von mir denken, daß ich jene Frau liebe?" „Nein," sagte diese sanft und ruhig, „o nein. Ich — habe es auch nie gekonnt und oft kam Mama im Traume zu mir und sagte: Vergib, wie ich es that — grüße ihn von mir viel tausendmal." „Nora," fuhr er fort und blieb stehen zwischen einigen mächtigen Bäumen, „wird auch Ihr Vater vergeben?" „Ich weiß es nicht," stammelte sie traurig, „aber st fürchte, er wird es nicht." „Auch dann nicht, wenn er hört, daß Derjenige, den er so bitter haßt, sein Kind liebt — und zum Weibe begehrt?" Ein Wonneschauer durchrieselte das Mädchen. Da war der Weihnachtsstern ja aufgegangen zwischen all' den Christ- bäumen und strahlte hell hinein in ihr noch ebenso trostloses Herz. „Graf Wildenstein!" rief sie mit wogender Brust. „Warum nennen Sie mich so, Nora? Sie wissen, wie ich sonst noch heiße — und ich weiß, daß Sie mir auch ein klein wenig gut sind. Oder täusche ich mich?" „Nein," sagte sie, zu ihm aufschauend und alle Zweifel, alle Sorgen wichen vor diesem strahlenden Liebesblicke. „Sis täuschen sich nicht — Rudolf." „Dank, mein Liebling, sür dies eine Wort! Es ist mein Festgeschenk zum heiligen Weihnachtsfest und nun wollen wir eilen, einen Christbaum zu wählen, komm'! Darf ich Deinen Vater aufsuchen?" „Nein, o nein, Rudolf," bat sie angstvoll, „Sie kennen Papa nicht; er wird so rasch nicht umzustimmen sein und Onkel Eduard soll uns dabet helfen!" „Hohenthal, ja, das soll er! Noch heute schreibe ich ihm ausführlich." * * s Am heiligen Abend zündete Nora mit hoher Freude und doch auch mit Wehmuth selbst den geschmückten Weihnachts- bäum an. „Fräulein Nora," rief eins Stimme und die alte Haushälterin Katharine öffnete die Thür und trat ein, einen ver- hüllten Gegenstand in den Händen tragend, „hier ist etwas für Sie abgegeben worden aus dem . . . schen Hotel; der Bote soll fragen, ob eine Antwort nöthig ist." Das Herz des schönen Mädchens pochte heftig. „Zeige her," gebot ste und schlug die Hüllen des Packeis aus Seiden» papier zurück. Ein doppelter Ausruf der Bewunderung von beiden Frauen erscholl, denn das duftigste Kunstwerk des Gärtners lag vor ihren Blicken. Ein Schrägbouquet aus Maiglöckchen, Rofenknofpen und Orangeblüthen schien südlichen Frühling hinein zu zaubern in den nordischen Winter und dazwischen schaute ein wappen- geschmücktes Billet hervor, welches das junge Mädchen hoch» erröthend an sich nahm. „Laß den Boten warten, Katharine," gebot Nora, der ein plötzlicher Gedanke kam, „und gib ihm dies Markstück als Trinkgeld. Ich — will nur dem Papa die Blumen zeigen." Nora trat hsrzklopfend in des Vaters Zimmer, das Tannenbäumchen strahlte ihr in blendendem Glanze entgegen und auch Stettens Gesicht sah heiterer aus wie seit lange. „Nun, Kleine, wo bleibst Du? Sieh' unser schönes Bäumchen an, wie es glänzt und flimmert. Aber was hast Du da in den Händen? Welche wundervollen Blumen! Von wem kommen sie? Doch von keinem Herrn, sonst hättest Du sie nicht angenommen." „Doch, Papa," gab das junge Mädchen beklommen zur Antwort, „sie sind von — Jemand, der — mir — sehr lieb ist Erschrocken blickte Stetten seine Tochter an. „Nora," sagte er erregt, „was soll das heißen? Das sagst Du mir erst jetzt? Wer ist denn jener Mann, von dem Du redest? Du hast Dich doch nicht hinter meinem Rücken verlobt?" Zitterns vor angstvoller Erwartung kniete sie am Bette nieder, helle Röthe überflammte ihre Wangen und sie stieß hastig hervor: „Papa, o lieber Papa, zürne mir nicht; ich habe mein Herz erst spät erkannt — und nun wird's nie mehr von Jenem lasien 1 Nur Du magst ihn nicht; Dir ist er unsympathisch — ja, Du hassest ihn sogar I" Der kranke Mann erbleichte, seine Hand ballte sich auf der Decke und ein Sturm schien in seiner Brust zu toben. „Halte ein, Nora, ich — hasse nur Einen auf der ganzen Welt — Rudolf Wildenstein/' „Und ich liebe ihn," antwortete sie feierlich, die Hände I über der Brust faltend, „er ist der erste und der einzige Mann, dem allein mein Herz gehören wird im Leben wie im Tode." „Schick' die Blumen sofort zurück, Nora," rief der Kranke erregt. „Gib Papier und Feder," gebot er dann kurz und finster, und das unglückliche Mädchen gehorchte geisterbleich. „Schreib'," befahl Stetten sodann und Noras bebende Finger setzten die Feder an: „Mein Herr Graf! Soeben brachte mir Nora mit Ihren Blumen die überraschende Neuigkeit, daß Sie gewillt sind, um ihre Hand zu werben. Ich halte dieses für ein bloßes Mißverständniß I und verweise Sie auf Ihr Wappenschild, welches abermals I in Gefahr schwebt, einen Flecken zu erhalten. Daß ich Sie hasse, um meines tobten Weibes willen, wissen Sie — Nora mag wählen zwischen Ihnen und mir! Friedrich zur Stetten." Das arme Mädchen meinte zu vergehen vor Jammer, aber sie preßte die Lippen fest aufeinander und schrieb, angesichts des schimmernden Weihnachtsbaumes, das Todesurtheil ihrer schönsten Hoffnungen- * e Auch Graf Rudolf hatte ein trostloses Christfest gefeiert, denn der Brief Stettens hatte seine schönste Hoffnung nahezu vernichtet. Auch er wartete unruhig auf Hohenthal, welcher noch immer weder geschrieben, noch seine Ankunft mitgetheilt hatte. 203 - : Es war am Sylvester, nur wenige T rge vor dem großen Fest beim L.'schen Gesandten, zu dem auch der Graf geladen war. Rastlos wanderte er im Zimmer auf und nieder, während die Gedanken kamen und gingen, ohne zu trösten, zu lindern oder einen Ausweg zu zeigen. Da klangen Schritte über den Corridor, die Thür ward geöffnet und ernst und schweigend stand Baron Hohenthal vor dem Freunde, der ihn zuerst anstarrte wie ein Phantom. „Eduard," rief er dann, auspringend, „bist Du es denn wirklich? Du kommst zur rechten Zeit — wo warst Du?" „Bei Theresens Grabe," antwortete der ernste Mann ! einfach, „wie ich alljährlich an Weihnachten zu thun pflege. Ich fand Noras jubelnden und doch auch muthlosen Brief beim Heimkommen vor und bin nun hierher geeilt, um zu sehen, was und wie ich Euch Beiden helfen kann-" „Du weißt, daß ich Nora liebe? ' „Ja," entgegnete Hohenthal bewegt, „sie schrieb es mir, aber — ich wußte es vielleicht länger, als Du und sie." „Ich gehe jetzt zu ihr, Rudolf. Hast Du eine Botschaft, die ich bestellen kann? Vielleicht nimmt mir Stetten das Wort ab, nicht zwischen Euch zu vermitteln und dann muß ich mein Wort halten." 1 „Grüße sie viel tausendmal," seufzte der Graf, „und sage ihr, daß ich ihr treu bleibe in allen Lebenslagen." Hohenthals Ankunft wurde ein Lichtstrahl für Nora, deren Muth völlig gesunken war; lachend und weinend warf sie sich in seine Arme und lehnte das schmerzende Köpfchen an seine breiten Schultern. „Gott sei Dank, daß Du da bist! Nun wird Alles wieder gut; nun geht die Sonne nicht ganz unter!" „Wie geht es dem Papa?" fragte der Baron, die Stirn seines schönen Pathenkindes küssend. ,,Er ist nun doch wieder wohl?" „Seit einigen Tagen steht er wieder auf. O, Onkel Eduard, welche Tage der Angst habe ich durchgemacht! Und nun noch schweres Leid dazu! Weshalb antwortetest Du nicht auf meinen Brief? ' „Ich war in Mitau, Nora, an Deiner Mama Grabe, um es zu Weihnachten zu schmücken! Aber nun komm' hinein zum Papa, Kind, und — sei tapfer! Es wird vielleicht noch Alles gut werden." Er drückte väterlich treu die kleine, bebende Hand Noras und begab sich zu dem Reconvalescenten, der ihm von seinem Fauteuil aus beide Hände entgegenstreckte. „Grüß Gott, Baron Hohenthal! Sie kommen als ein lieber Gast, auf den ich mich schon seit vielen Tagen freute." „Was muß ich von Ihnen hören, Stetten! Sie waren ernstlich krank, Sie, den ich bisher nur als ein Bild der Gesundheit kannte?" „Ja," nickte der Gefragte trübe, „und es wird mir noch immer schwer, mich zu erholen! Ich will übermorgen zum ersten Male das große Gesandtenfest besuchen, bei dem Nora im lebenden Bilde steht- Doch nun setzen Sie sich und erzählen Sie uns vor allen Dingen, wie es Ihnen geht und was Sie in der letzten Zeit gemacht haben." Nora ging hinaus, um Erfrischungen zu holen und kaum hatte sich hinter ihr die Thür geschlossen, so legte Stetten seine magere Hand auf Hohenthals Arm und fragte bitter: „Sie wissen doch gewiß nun Alles, was sich hier ereignete — und verdammen mich wie die Anderen ob meiner Härte und Unbeugsamkeit?" „Allerdings, Stetten, das thue ich," gab der Baron sehr ernst zur Antwort. „Können Sie den alten Groll denn gar nicht überwinden? Meinen Sie, daß dieser erbarmungslose Eigensinn in Theresens Willen liegen würde?" Stetten unterbrach ihn nicht mit einer Silbe, er athmete schwer, doch seine gefürchtete Stirn glättete sich nicht und er schüttelte stets von Neuem den Kopf. „Ich bleibe bei meinem Nein," sagte er endlich düster. „Welch' ein Egoist Sie sind, Stetten," seufzte Hohenthal traurig. „Ihr eigenes Glück mußten Sie einst in Sturm 204 - und Drang erkämpfen und nun bereiten Sie dem armen Mädchen ein gleiches Geschick!" „Sie wird ihn vergessen und wird später einen Anderen finden, der fie glücklich machen kann. Nora ist auch zum Heirathen noch zu jung." Baron Hohenthal antwortete auf diese Worte Stettens nicht mehr, sondern lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema und schied eine halbe Stunde später mit traurigem Kopfschütteln von Stetten. (Schluß folgt.) VermMehtes. Rauchende Damen. Das Rauchen coram publico, auf der Promenade, in öffentlichen Localen, am Fenster selbst, ist bei anständigen Damen des gemäßigten Mitteleuropa noch immer verpönt. Aber andere Länder, andere Sitten. In Spanien und namentlich im spanischen Amerika, rauchen Damen der besten Gesellschaft auf dem Korso, ja selbst beim Tanze. Eine gluthäugige Sennorita mit dem sorgfältig gewickelten „Papelito" im Walzer dahinwirbeln zu sehen, ist nichts Ungewöhnliches. Damit die zarten Finger nicht beschmutzt werden, wird die Cigarette mit einem goldenen Züngelchen gefaßt. Nicht weniger verbreitet ist das Rauchen unter den türkischen Damen, die sich gerne eines Tschibuks oder des Nargileh (Wässerpfeife) bedienen. Der Türke, wie der Orientale überhaupt, schluckt den Rauch hinunter, er „trinkt Tabak" (tütün itschmeek). Noch heute gibt es Rauchhasser. Die Pariser Strafkammer beschäftigte sich vor Jahresfrist etwa mit einem merkwürdigen Falle von Kleptomanie. Die Angeklagte, eine Frau Bide, machte die Pfeifengeschäfte unsicher. Sie war eine leidenschaftliche Raucherin. Als sie auf frischem Pfeifenraube ertappt wurde, ergab die Haussuchung, daß sie 2600 Pfeifen zusammengestohlen hatte. Schön angeraucht hatte sie von diesem Vorrathe nur 39 Stück. Das Gericht verurtheilte sie zu acht Monaten Gefängniß. In vernünftigen Grenzen gehalten, kann aber das Rauchen den Damen nicht nachtheilig sein- Kaiserin Eugenie war eine „starke" Raucherin und befand sich sehr wohl dabei. Die englischen Aristokratinnen huldigen dem Tabak mit Begeisterung. Lady Campbell ist voll des Lobes über das Rauchen der Damen; sie sagt: „Eine elegante Europäerin, die das Unglück hat, während der letzten Jahre des 19. Jahrhunderts zu leben, ist gewöhnlich etwas nervös; das Tabakrauchen ist das beste Mittel, Nerven zu beruhigen. Kaum steigen die ersten Tabakwölkchen in die Höhe, so stellt sich auch ein allgemeines Wohlgefühl ein, die an den Haarwurzeln angesammelte Electricität vertheilt sich, die Oberhaut wird weniger empfindlich, und in dem Maße, als die künstlichen Wolken sich verdichten, tritt auch eine philosophische Ruhe des Gemüthes ein und der Humor tritt in seine Rechte." Aus den Fliegenden Blättern. Angenehme Aussicht. „ . . > So, Karl,'nun laß uns einmal an Deine Schuldenzusammenstellung gehen!" — „Da will ich doch vorher, lieber Onkel, frische Tinte auffüllenI" — Sie auch! Verkäufer: . Und wohin darf ich Ihnen den Stoff schicken, gnädiges Fräulein?" — Backfisch (stolz): „Königstraße 112, an Fräulein Generalmajor von Pifikyj" — Variante. Dame (im Balletsaale): „Ooh . . .Sie haben mich auf den Fuß getreten!" — Herr: „Bedauere, Gnädige — aber in so einem Gedränge muß man schon ein Hühnerauge zudrücken!" — Unerwartete Wirkung. Gast (nachdem er die Hotelrechnung geprüft, zum Kellner): „Das sind aber doch erstaunlich hohe Preise! Lassen Sie die Rechnung nochmals durchsehen!" Kurz daraus erhält der Gast die Rechnung zurück mit der schriftlichen Bemerkung: „Alles richtig. Für Revision der Rechnung 3 Mark." — Besonderer Fall. Fritz: „Vater, der Lehrer hat gesagt, ■ man dürfe nicht lügen!" - Vater (Förster): „Na, weißt Du, das brauchst Du nicht so wörtlich zu nehmen — Du wirst ja doch auch 'mal Förster!" * ♦ ♦ Der Grund. Fremder: „SagenSie mal, Dtenstmann, wozu sind denn auf dem Rathhausthurme da oben drei Uhren neben einander?" — Dienstmann: „Damit Keiner auf den Andern zu warten braucht, wenn Mehrere nachsehen." ♦ ♦ Was in der Pulverkammer ist? Feldwebel: „Was ist eine Pulverkammer?" — Soldat schweigt verlegen. — Feldwebel: „Was ist in einer Pulverkammer?" — Soldat schweigt wieder. — Feldwebel: „So ein Dummkopf! ... Was ist denn in Deiner Mutter ihrer Milchkammer?" - Soldat (erleichtert): „Millich." — Feldwebel: „Na also, was ist nun in der Pulverkammer?" — Soldat (triumphirend): „Millich!" • • • Naturkunde der höher en Töchter. Onkel (an dem Lande): „Diese Kuh ist 2 Jahre alt." — Nichte (aus der Großstadt): „Woran siehst Du das denn, Onkel?' - Onkel: „An ihren Hörnern." — Nichte: „Richtig, sie hat nut zwei." Literarisches Dr. Ottos Universal'Haus Lexikon (Verlag von SD. Hemsler, Berlin C. 22) ist jetzt bis zum 8. Hefte zur Ausgabe gelangt, te dem überaus reichen Inhalt dieses Werkes, welches in keinem Haushill fehlen sollte, nennen wir folgende Artikel: Regeln bei Annahme tw Dienstboten, Diphtheritis, Diplomatenpudding, Disziplinarv ersah», Dominiksleisch, Dominospiel, Dompfaff, Doppelkümmel, Dorsch, Ä- wersches Pulver, Drachenwurz, Drahtseile, Drehkrankheit, Dreifuß, Dchl, Drucksachen, Duell, Düngung, Dunstfrüchte, Durchfall, DurchnP Kleidung, Durstlöschende Getränke, Dyskrasie, Eau de Ja veile, Eau te Lys de Lohse, Edelsteine, Edeltannen, Ehe, Ehehindernisse, Ehescheidung, Ehrenerklärung, Eiche, Eid, Eidesstattliche Versicherung, Eier, Eierpflanze, Eifersucht, Eigennutz, Eigenthumsklagen, Eilbestellung, Einjahrig-Freiwillige, Einkommensteuer, Einladung, Einlaufen von Stossen, Eimnachen der Früchte, Einpackungen, Einsalzen, Einschreibsendungen, Einsegnung, Einstweilige Verfügungen, Eis, Eisbein, Eisen kalt zu löthen, Ekeikm, Elderwein, Eleganz, Elfenbein, Empfehlungsbrief, Endiviengemift Engliche Krankheit, Englisches Pflaster, Englisches Riechsalz, Enten, fe lastungsmittel, Entmündigung, Entwöhnung, Entzündung, Epheu, P lepsie, Erbe, Erbrechen, Erbse, Erdbeere, Erfrierung, Erlaubniß Gewerbebetriebe, Erpressung, Ersatzleistung, Erstickung, Ertrinken, B ziehung, Essen, Essig, Etablierung, Exmission, Fälschung, Fahren, Fai! stoss, Farbenblindheit, Fasan, Federn, Fedcrviehzucht, Fehlgeburt, Feig» bäum, Fenchel, Fenster, Feriensachen, Fettleibigkeit, Feuer, Fieber, ginnt, Firnis, Fische, Fistel, Flechten, Fleck, Flecken rc. rc. Das Heft tofltl 20 Pfg.; zu beziehen durch alle Buchhandlungen. * * * Die Nordlandsahrten des deutschen Kaisers haben dgS allgemeine Interesse für die pittoresken Schönheiten der einen Hälft dos skandinavischen Reiches, Norwegen, so sehr wachgerufen, daß n« die andere Hälfte beinahe darüber vergißt. Aber auch Schweden P seine Reize. Kklrl A. Tavaststjerna hat dieselben in der so schnell belicht gewordenen Zeitschrift „sfür Alle SBtlt* (Berlin W., Deutsches Ba lagshaus Bong & Co., Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) in eil gehendster und fesselndster Weise geschildert, und sich nicht nur dar« beschränkt, uns die landschaftlichen Schönheiten vorzuführen. $ der ihm eigenen scharfen und kritischen Beobachtungsgabe und mit? nauer Kenntniß seines Vaterlandes erzählt er uns von den Sitten mi Gebräuchen, von den Einrichtungen und der Lebensweise seiner Lands leute, zwingt uns, mit ihm die historischen Stätten des schönen Könij1 reiches zu durchstreifen und erzählt uns so manche poetische Sage a« grauer Vorzeit, die mit jenen Stätten verknüpft ist. Die dazu geboten« reichhaltigen, buntfarbigen Illustrationen geben dem Artikel „Eine Reh durch Schweden" ein lebendiges Kolorit und zeugen wiederum von de« Kunstverständniß, mit welchem der Bong'sche Verlag geleitet wird. * , * d Universum, Jllustrirte Familienzeitschrift (Verlag des Universum- Dresden). Das soeben erschienene 15. Heft des XI. Jahrgangs enthält u. A. prächtige Kunstbeilagen und Vollbilder. Wir erwähnen nur in farbiger Lithographie vorzüglich ausgeführte Blatt: „Aufforderung zum Tanz", nach einem Originale von Prof. I. Wehle; ferner verdient das stimmungsvolle Osterbild nach dem Gemälde von K. Marr: „Fah" zur Communion" besondere Erwähnung. — Der Preis des Heftes beträgt nur 50 Pfg. Utfcectien: A. Echehda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfiläbS-Bnch- und Stcindruckerei (Pietsch Scheyda) in Ließen.