Nr. IS8 DimMkß her? 29 October k'ßeiicr Lmilislcht'äßsi- UntrrhattnngsdLatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). 6^ Trug-Glück. Rsman von Thekla Hempel. (Fortsetzung.) Eine ganze Reihe von Monaten sind dahingeschwunden, dem einen brachten sie Freude, dem andern Leid; mancher ging auch wohl im gewohnten Gleichmaß seine Straße im festen Vertrauen, daß ihm Sorge und Kummer fern bleiben müffe, al» vermöge er sich seinen Weg nach eigenem Gutdünken zu bahnen. Durch da» ganze deutsche Vaterland brauste ein gewaltiger Sturm; da» Jahr 1870 brachte große Triumphe, aber daneben viel Trennungsleid, Kummer und Thränen; Trauernde, wo bisher nur die Freude den Herrscherstab geschwungen. Mühsam brachte man die Ernte herein, die Arbeiter erkämpften im fernen Frankreich Sieg um Sieg, oder sie lagen an ihren Wunden schwer darnieder; viele auch deckte der grüne Rasen, sie ruhten für immer au» von irdischen Schmerzen. . H Still lag Villa Glück im Schein der Herbstsonne. Die Blumen blühten in bunter Farbenpracht, allein die fröhlichen Gäste fehlten. Die Hausfrau saß eifrig arbeitend zwischen einer ganzen Menge von Stoffen, man erkannte kaum die eleganten Räume wieder, da lagen aufgeschichtet alte» und neue» Leinen, fertige Wäsche, Decken, Binden, alle für La- zarethe nöthigen Sachen. Ganz andere Gäste finden sich jetzt hier ein. Frauen und Kinder von eingezogenen Landwehr- männern erhalten Arbeit gegen guten Lohn, Effenßnoch außerdem für sich und ihre Kinder; auch Nachrichten von ihren Angehörigen auf de« Kriegsschauplätze, so viel Herr Berend nur ermitteln konnte. ■ "M Dieser selbst war in seinem Geschäft angestrengt thätig, da auch sein Thetlhaber dem Ruf zu den Fahnen hatte folgen müssen. Man flüsterte sich zu, daß er, falls er glücklich heim- kehre, seinem Freunde Berend noch näher zu treten hoffe als Gatte des heiteren Fräulein Lena, welche ihm längere Zeit schon Antheil geschenkt- Elisabeth hat sich nicht entschließen können, ihre Hand ohne ihr Herz zu verschenken. Und ihr Herz? Ja, darin lebte ein Bild, da» ließ sich nicht verbannen. Sie wußte recht wohl, er werde ihr nie wieder nahe kommen, nie wieder ihren Weg kreuzen; er war ihr verloren. Aber sollte ihr Weg auch einsam sein, besser al» an der Hand de» stet» Fremden. Al» zu Anfang der Kriegsruf ertönte, kehrte Elisabeth auf kurze Zeit heim; am liebsten hätte sie sich für immer verabschiedet, um Krankenpflege zu lernen und in ein Krieg«- lazareth einzutreten; allein Fräulein Berend« Befinden hatte stch seit einiger Zeit erheblich verschlechtert. Bei ihr auszuharren, wie sie es wünschte, war jetzt ihre erste Pflicht. Elisabeth hatte in der letzten Zeit gar sehr viel lernen müssen, um zu begreifen, daß Pflichttreue bas Wichtigste ist, will man sein Brod unter Fremden verdienen; wie schwer sie es oftmals empfand, ahnte Niemand, wie oft ihr Hochmuth stch aufbäumte und ihr in'» Ohr raunte: „Du von hohem Adel, de» Generals Tochter, sollst Dich beugen unter Die von bürgerlichem Stande, weil sie Dich erkaufen mit ihrem Gelbe! Das Schicksal ist ungerecht gegen Dich! Wehre Dich, lehne Dich auf!" Allein die Vernunft entgegnete: „Du hast Dich überhoben, nun mußt Du Dich beugen; nur wahre Demuth bringt Dich an das Ziel; gib Dich in Gottes Vaterhand und Du bist geborgen. Büße, was Du verschuldet, um Deiner Eltern willen." Es war ein wehmüthiges Wiedersehen mit den Ihren. Muthig bekämpfte wohl Paul» junge Gattin den Schmerz der Trennung, aber unendlich tief empfand sie, was es sagen wollte, den geliebten Mann hinausziehen zu sehen in Gefahren, vielleicht in den Tod! Der General Kronau selbst, obgleich nicht mehr im Stande, mit hinauszuziehen in Kampf und Streit, wollte doch dem Vaterlande noch nützen, er stellte sich zur Verfügung für die Landwehr, welche daheim blieb, al» Commandeur- „Willkommen, mein lieber Gefährte au» froher Jugendzeit," begrüßte der Fürst ihn voll Huld, „eine feste Hand, ein frischer Muth finoet stet» einen Platz." Wenige Tage innigen Beisammenseins blieben der Familie, dann hieß es stch trennen. Auch Elisabeth kehrte wieder zurück zu dem Kreis ihrer Pflichten. „Geh mit Gott, mein Kind," sagte die Mutter, al» sie zum letzten Mal die Arme um sie schlang, „ich freue mich, daß Du Dir Deinen Platz errungen, daß man Dich gern wiederkehren ficht. Daß Du die Frei- 510 heit bewahrtest, als ein braver Mann Dich zur Gattin erwählen wollte, daran thatest Du recht, auch um seinetwillen, da» wahre Glück wäre Euch doch fer-n geblieben." Nun fuhr fie wieder hinaus in die Ferne, aber nicht in die Fremde, sie wußte, daß man sie freundlich erwartete. Eine ungelöste Frage nahm sie mit sich und wagte sie doch nicht auszusprechen, ob Löwen wieder den Landwirth mit dem Soldaten vertauscht und in sein Regiment eingetreten war. Mehrere Stunden schon war sie gefahren, allenthalben die Spuren des Krieges bemerkend. Abschiednehmen ein« berufener Soldaten, lange Militärzüge, welche für andere einen unangenehmen Aufenthalt mit sich brachten. Kampfbegeistert fangen junge Vertheidtger des Vaterlandes Kriegslteder; älteren Leuten lag noch der Abschied von Weib und Kind auf dem Herzen; schweigend drückten sie sich in die Ecken. Auf einer Station gab es sehr lange zu warten für Elisabeth. Bedauernd versicherte der Bahnbeamte immer aus's Neue, der Zug müsse sofort eintreffen. Eine junge Dame theilte ihr Schicksal, den Schleier vor dem Gesicht, saß sie in einer Ecke des Wartesaals; bei jedem Geräusch fuhr sie auf, warf einen Blick durch das Fenster und lehnte sich wieder stumm in ihren Sessel, ihre Geduld schien beinahe erschöpft. Als abermals ein Beamter etntrat, frug fie erregt: „Ist noch keine Aussicht?" Bei ihren Worten sah Elisabeth auf. Die Stimme klang ihr so bekannt. Sie täuschte sich nicht. „Gretchen, Du!" rief sie. „Ist er möglich? Wir fitzen Beide da, voll Ungeduld und Langeweile, anstatt die Zeit zu genießen." Sie lagen fich in den Armen und hatte« so viel zu besprechen, daß ihnen zu schnell eine Viertelstunde nach der andern entschwand. Auf Elisabeths Bedauern, daß Gretchen blaß und schmal aussehe, meinte diese unter Lachen und Weinen: „Er ist kein Wunder, mein Mann weilte in Geschäften in der Hauptstadt, da traf die Marschordre ein; er konnte nicht wieder nach Haus kommen, aber ohne Abschied konnte ich ihn nicht htnausziehen lassen in den Krieg. Er wollte erst schelten, denn —" Voll Glück erröthend fuhr sie fort: „Seit vier Wochen ruht ein lieber, kleiner Junge daheim in der Wiege, ich müßte mich noch vor Anstrengung und Aufregung hüten. Er sah schließlich doch ein, daß ich Abschied nehmen mußte, man weiß ja nicht, ob es hier unten ein Wiedersehen gibt." Weinend barg sie ihr Gesicht an der Schulter der Freundin. Sie hatten sich viel zu erzählen von Glück und Leid, nur zu schnell brausten die Züge heran und entführten die Eine nach rechts, die Andere nach links. Die Zeit verstrich für Elisabeth meist im Krankenzimmer bei ihrer alten, lieben Gebieterin und Freundin, diese fühlte sich leidender als sonst. Furchtbare Athemnoth raubte ihr des Nachts die Ruhe. Dann war ihre junge Pflegerin ängstlich bemüht, ihr Leiden zu mildern oder wenigstens stets bei ihren Wünschen zur Hand zu fein. Oft stand sie am Fenster, blickte hinaus in die nächtliche Stille, hinauf zu dem Himmel mit feinem Sternengefunkel, mit dem klaren Licht des Mondes. Hier herrschte Friedensruhe; allein dieselben Himmelslichter blickten dort in der Ferne herab auf Gräuel und Verwüstung, auf Jammer und Blut. Täglich berichteten die Zeitungen von den großen Waffenthaten, von Heldenmuth und Siegen, aber viel Blut floß, viele Wunden wurden geschlagen, die nie wieder vernarbten. Voll Angst überflog sie oft die kleinen, unscheinbaren Blätter, die Verlustlisten. Da stand es so kurz und einfach, ob fie, denen jeder Schlag des bang klopfenden Herzen» gilt, noch unter den Lebenden weilen, dankbaren Herzens konnte fie bisher stets sagen: „Ich finde fie hier nicht, für die ich zittere." Aber hier, la» sie richtig? War kein Jrrthum möglich? Nein, da stand e» schwarz auf weiß! „Rittmeister von Löwen schwer verwundet, Lazareth unbekannt." Sie schauderte, vielleicht schon tobt oder schlimmer al» da», in Feinde» Gewalt, wehrlos den Mißhandlungen der Hyänen de» Schlachtfeldes ausgesetzt, ohne Hilfe! „Sie find so vertieft, Fräulein Kronau, thsllen Die mir auch etwas mit von den politischen Neuigkeiten!" rief Fräulein Berend. Mechanisch griff Elisabeth nach der Zeitung, fie la«, al« habe sie eine schwere Aufgabe herzusagen, die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen, sie wußte nicht, was fie las und athmete erleichtert auf, al« das alte Fräulein in sanften Schlaf versank. Aber immer sah sie vor ihren Augen die furchtbaren Worte: „Schwer verwundet, Lazareth unbekannt." Zu ungewohnter Stunde kehrte Herr Berend eine« Tage« aus dem Geschäft heim; seinMesicht leuchtete, jubelnd berich« tete er von den Heldenthaten der Deutschen bei Sedan, von der Gefangennahme Napoleon«. Bi» hinauf zur Tante trug er selbst die Freudenbotschaft. „Wenn e« Deine Gesundheit erlaubt, Herzenstante, so möchte ich einmal wieder nach ernster Zeit frohe Gesichter um mich sehen, durch ein heitere» Fest die Waffenthaten der Unsrigen feiern." Die Tante nickte ihm freundlich zu. „Wenn ich von hier au« der Feier zusehen darf und meine liebe Elisabeth mir verspricht, mit den Fröhlichen froh zu fein, steht Euch nichts int Wege." Herr Berend warf einen fragenden Blick auf die junge Dame. „Sie sehen bleich aus, haben Sie trübe Nachrichten bekommen?" „Nein, o nein," entgegnete sie schnell, „soeben erfuhr ich, daß mein Bruder das Eiserne Kreuz erhalten hat und was die Hauptsache ist, fich wohl befindet, auch unsere sonstigen Verwandten waren vom Glück begünstigt, Gott helfe weiter." „Nur dann guten Muth, fröhlich zum Feste, so gehört e» für die Jugend!" Mit diesen Worten eilte er fort, die nöthigen Anordnungen zu treffen. Hell leuchteten bunte Laternen bengalische Flammen loderten auf. Feuerwerk flog in die Lüste beim Klang der Mufik. Von fern hallte Kanonendonner den großen Ereignissen bei Sedan zu Ehren. Und in die Klänge hinein hallten Menschenstimmen, begeistert fangen sie Vaterlandslieder bei einbrechenden Abend in Villa Glück. Nicht nur Freunde und Bekannte waren geladen, auch die zum Geschäft Gehörigen, ebenso Herren als Arbeiter, der gutherzige Herr Behrend wollte gern alle vergnügt sehen, alle von seinem Reichthum mit genießen lassen. Elisabeth mußte sich fügen, beim Fest zu erscheinen im einfachen, weißen Kleid, von Frau Berend mit dunkeln Rosen verziert, ging sie einsam in den Gängen des Parke» auf und nieder, ihren trüben Gedanken nachhängend. Mehr noch zog sie sich in das Dunkel zurück, wenn sie Schritte hörte. Ihr Herz klopfte zu bang und schwer, sie konnte nicht mit frohen Menschen zusammen sein. Sie vermochte zuletzt nicht mehr zu entfliehen, fie hörte ihren Namen rufen, man suchte nach ihr: „Fräulein Kronau," rief ängstlich Fräulein Berend« alte Dienerin, „wollen Sie zu dem Fräulein kommen, ich fürchte, e» geht ihr sehr schlecht." „Suchen Sie den Arzt auf, er befindet fich unter den Gästen, benachrichtigen Sie ihn aber vorläufig allein," befahl ihr Elisabeth und eilte die Treppen hinauf. Sie erschrak beim Anblick der Leidenden, trug dar bleiche Gesicht de« Monde« die Schuld oder sah sie in Wirklichkeit so furchtbar verändert aus? Keuchend ging der Athem au« und ein, die schmalen Hände zuckten, die Augen blickten angstvoll um sich oder schlossen sich krampfhaft. Der Arzt prüfte den Zustand genau, ehe er feststellte, daß e« eben ihr alter Leiden, jedoch in verstärktem Grade fei; er ordnete verschiedene Mittel an. Vor seinem Fortgehen bat ihn Elisabeth, die Verwandten nicht zu beunruhigen und nahm ihren gewohnten Platz am Lager der Leidenden ein, diese schlief jetzt sanft. Von unten klang heitere Mustkj, eine große Anzahl von Stimmen, welche die Wacht am Rhein sangen, in da« stille Krankenzimmer. „Da« ist keine Grabermusik," flüsterte die Kranke, „aber es klingt hübsch, e« ruht sich gut dabei. Da« Sterben ist nicht traurig, e« ist nur ein Hetmgehen, ein ewiger Frieden im Batsrhau«, dort lösen fich alle Räthsel de» Leben»!" - 511 „Sie im Brautkleid?" fuhr sie nach einer Pause fort. «Ja, Sie werden noch viel Glück haben auf Erden, Sie haben es verdient um die arme Vereinsamte, reiches Glück I" Wieder schlummerte sie, Elisabeth stand am Fenster. Glück? War ihr da» in Wahrheit bestimmt? Stunde um Stunde verrann, die Kranke schlummerte meist. Wenn sie erwachte, bat ste nur, daß man die Fröhlichen nicht störe, lauschte der Musik, reichte Elisabeth freundlich die Hand und dankte wiederholt für ihre treue Pflege. Wie im Prophetenton tönten die Worte an Elisabeths Ohr vom Bett der Kranken, welche mit geschloffenen Augen dalag: „Ungeahnt kommt das Glück, wenn wir nichts mehr hoffen, es findet den Weg zu uns ungesucht " Sie blickte empor, eine Sternschnuppe, da noch eine kreuzten sich; sie blieb unbeweglich, bis ein leiser Seufzer sie zu Fräulein Betend rief- Im stillen Frieden ruhte das Gesicht, ihm war da« reinste Glück ausgeprägt, sie erfaßte die Hand, sie erkaltete- Die Mitternachtstunde ward feierlich von der Thurmuhr verkündet, unter ihren Klängen kehrte die reine Seele zur Hei- math zurück, an ihrem Lager kniete die junge Freundin im stillen Gebet. Einst entfloh sie zu Lust und Vergnügen, sie verließ die kranke Mutter, anstatt ihr alle Kraft zu widmen, dafür ward sie nun an das Krankenbett der Fremden geführt, Aller gleicht sich aus. Tief erschüttert vernahmen die Verwandten, was geschehen. Schmerzlich bewegt standen ste nach einigen Tagen an der Familiengruft ihrer lieben Tante zur letzten Begleitung. Nun stand Elisabeth hier am Ende ihrer Laufbahn; es galt, den Fuß nach anderen fremden Zielen zu setzen. E» ward ihr schwer, von hier zu scheiden, wo sie bet dem ersten Versuch viel Güte erfahren; sie nahm gern den Vorschlag an» erst noch Frau Berend für Weihnachten zu unterstützen, um dann zu den Ihrigen zu reisen. Eines Tages oder vielmehr des Nacht» in der zweiten Hälfte des October, da stellte sich das rauhe Herbstwetter plötzlich ein. Ein arger Sturm fegte daher, Regengüsse, wie man sie wohl nur in Gebirgsgegenden findet, strömten herab; schwere, tief bi» auf die Spitzen der Berge herunterhängende Wolken deuteten an, daß Aenderung kaum in nächster Zeit zu erwarten stehe. Rüttelte der Sturm an den Häusern in gar unheimlicher Weise, daß Fenster und Thür en aus und zu schlugen, wenn man sie nicht sorgsam verwahrte, die Ziegel von den Dächern fielen, ja, ganze Kamine mit Einsturz drohten, so hielt dies doch keinen Vergleich aus mit der Art, wie er in den umliegenden Wäldern hauste. Starke Bäume lagen umgekntckl wie schwache Halme; prächtige Stämme, der Reichthum der Besitzer. Die kleinen, sonst leise plätschernden Bäche waren zu reißenden Strömen angeschwollen. Alles mit sich fortschwemmend, stürzten ste hernieder, da» Thal überfluthend. Schlimm auch stand e» um die mit so vieler Mühe endlich erbaute Bahn; bi« an die nächste Station der Gebirg»stadt unten im Thal war sie gut im Stande, höher hinauf in'« Gebirge gab e« nur zu viel Zerstörungen. Immer auf'» Neue kamen Hiobsposten. Wuchtige Stämme lagen darauf. Schienen und Bretter hatte das Wasser hinweggespült, hatte die hohen Dämme unterwühlt, daß sie keine Sicherheit mehr boten. Verschiedene Bahnzüge harrten der Beförderung, allein geraume Zeit schien es zu dauern, ehe sie hergestellt wären. Am traurigsten betraf diese Aussicht jedenfalls die Insassen sde« letzten der wartenden Züge. Verwundete, deren Zustand erlaubte, sie au» einem Krteqslazareth nach einem solchen im Vaterlands zu überführen. Diese sollten nach einer höher im Gebirge gelegenen Stadt gebracht werden. Die Reise war von langer Dauer gewesen, bald brachten über- süllte Bahnen, bald da» allzu elende Befinden der Verwundeten längeren Aufenthalt. Nun beinah am Ziel, dem sie mit ihren brennenden Wunden heiß entgegenseufzten, und abermal» lange« Warten. Die Gutherzigkeit der Stadtbewohner, ihr Wunsch, den tapferen Bertheidigern de» Vaterlande» ein Opfer zu bringen, fand gar bald da« Richtige heraus. Wem es die Verhältnisse gestatteten, der nahm einen oder einige der Verwundeten auf bis auf Weiteres, unter Aufsicht und Obhut der sie begleitenden Aerzte, Pfleger und Pflegerinnen. In Villa Glück herrschte reges Leben, das ganze Erdgeschoß wandelte man zur Pflegestation um. Frau Behrends practische Talente traten jetzt erst ans Licht, ebenso die Bereitwilligkeit der Dienerschaft gegen ihre freundliche Herrin. In fabelhafter Geschwindigkeit entnahm man Schätze an schönen, weißen Leinen, Betten und Decken den großen Vor- rathrschränken. Jahrelang hatte es dort unbenutzt gelegen. Elisabeth war die eifrigste Gehülst a ihrer Herrin; so gelangte denn zur Erfüllung, was sie längst gewünscht; sie nahm sich fest vor alle ihre Kräfte anzustrengen. Vielleicht fand er, dessen sie voll Sehnsucht gedachte, draußen in unerreichbarer Ferne auch eine sorgende Hand, welche seine heißen Wunden kühlte, seine Schmerzen linderte. Wenn — ja wenn er noch der menschlichen Hülfe bedurfte. — Sie hielten ihren Emzug in der Villa Glück, die braven Vertheidiger des Vaterlandes, in dem Hause, welches so vielverschiedenen Zwecken gedient. Uebermüthigen Lebensgenuß wahrem Glück und behaglichem Fam lienleben. Nun lagen sie weich gebettet, dankbar, daß die schmerzenden Glieder, die brennenden Wunden Ruhe fanden nach langer schwerer Reise; hier fühlten sie wieder Genesungshoffnung. „Ntchtwahr, mein liebes Fräulein Kronau, Sie werden die Pflegerin unterstützen, bat Frau Berend in ihrer lebhaften Weife, ich bin ein Weltkind, fürchte mich davor, Noth und Schmerzen zu sehen, gewiß werde ich Ihnen gern beistehen. Sie wünschten sich ja erst Thätigkeit in einem Lazareth. Gern versprach Elisabeth, was längst ihres Herzens Wunsch gewesen, nach Kräften nützlich zu fein. Sie schloß sich schnell an die Pflegerin Schwester Martha an, das nicht mehr junge Mädchen mit den klugen Augen und der milden, wohlthuenden Stimme flößte ihr Vertrauen ein. Sie fand sich leicht in dem neuen ihr so fremden Beruf, sorgte treulich Tag und Nacht, die Schmerzen der Aermsten zu lindern. Ein junger Freiwilliger, ihrer Pflege anvertraut, schwärmte ihr fröhlich von seiner Heimkehr, und von dem Wiedersehen mit dem fernen Mütterlein, welche« sich so sehr nach ihm sehne. Wenige Stunden später lag et in heftigem Fieber. Tag und Nacht saß sie an seinem Schmerzenslager, mit Eis die glühende Hitze zu kühlen, Wochen verstrichen, ehe er wieder klar zu denken vermochte. Zwei Zimmer nach dem Garten gelegen, waren von zwei Offizieren bewohnt; der Diener de« einen, in Krankenpflege erfahren, sorgte für Beide zu Elisabeths Beruhigung; sie war so bekannt in diesen Kreisen und fürchtete, Erscheinungen aus anderer Zeit den Weg zu kreuzen. Sie erfuhr nur von Schwester Martha, daß der eine stet« von seiner Braut schwärme, der andere den Tod sehne, ein Schuß in den Kopf habe die Sehkraft geraubt, ob er je wieder sehen lerne, sei nicht zu entscheiden, bi« die Wunde der Heilung entgegengehe.tz Er scheine Niemand zu haben, der ihm nahe stehe und weise jede« jlheil- nehmende Wort entschieden ab. Einförmig ging die Zeit dahin im treuen Dienst der Nächstenliebe. Schon hatten die rauhen Stürme de« Herbste« dem Winter Platz gemacht. Der Zustand der Pfleglinge besserte sich, man konnte Bestimmungen über ihre Zukunft treffen; entweder bi« zur vollständigen Heilung nach der Hei- math entlassen, anderen Pflege-Anstalten überwiesen oder zur Rückkehr zu ihrem Regiment bestimmt. In wenigen Wochen, wenn da« alte, liebe Weihnachtsfest seinen Einzug hielt, dann lag Villa Glück jedenfalls still und einsam. Die Herrschaft wollte die Festtage bei ihren Verwandten verleben. Elisabeth« Pflichtenkreis hatte ihren Abschluß gefunden, sie fühlte, daß sie hier nicht mehr nöthig war, trotz aller Freundlichkeit, die ihr zu Thetl ward; vor der Hand beschloß sie zu den Eltern zu reisen, deren dringender Wunsch e» war, die Tochter einige Zeit bei sich zu haben, dann aber auf» Neue unter Fremden ihren Erwerb suchen. (Schluß folgt.) Einkauf von Winterkartoffetn. Da« Nahen de» Winter» hat sich in den letzten Tagen Jedermann deutlich bemerkbar gemacht. Es wird daher Zeit, den Haushalt mit den unentbehrlichen Wintervorräthen zu versorgen und mancher Hausfrau wird der Einkauf der Winterkartoffeln bange Sorge gemacht haben. Gilt es doch eine für unsere Tafelfreuden unersetzbare Gabe der Natur in größeren Mengen aus Monate hin aufzuspeichern und dabei nicht nur ein beträchtliche« Geldopfer zu bringen, sondern vielmehr noch über da» Wohl und Wehe eines Haushaltes zu entscheiden; denn schlechte Kartoffeln erweisen sich schließlich trotz billigen Einkaufs als sehr kostspielig, sind unter Um» ständen der Gesundheit nachtheilig und laflen vor Allem beim Genießen keine echte Freude an den Mahlzeiten auf- kommen. Dadurch prüfet, Ihr Hausfrauen, vor dem Einkauf die angepriesenen Winterkartoffeln! Eine derartige gründliche Untersuchung ist nicht gerade leicht. Zunächst lenke man den Blick auf das Aeußere der Knollen. Sie dürfen keine Au«» wüchse haben. Oft ist der älteste Theil der Knolle durch nachträgliches Wachsen in einer oder mehreren Richtungen verlängert; oft sitzen aber geradezu kleinere Kartöffelchen an einer größeren. In beiden Fällen sind er Bildungen, die in« folge von Wttterungreinflüffen nachträglich gewachsen sind; sie pflegen auch ihre Jugendlichkeit durch zartere Schale zu verrathen, werden daher bei längerer Aufbewahrung gegen Frost und Fäulniß weniger widerstandsfähig sein, ganz abgesehen davon, daß sie mit Rücksicht auf ihre Entstehung an Nahrungswerth minderwerthig sind und beim Gebrauch in der Küche zu viele unbrauchbare Abfälle liefern. Weiter achte man darauf, daß Spetsekartoffeln, im Gegensatz zu Saatkartoffeln, möglichst wenig Augen haben, weil sie sich sonst im rohen Zustande schwieriger schälen lassen, abgeschält dann ein unschönere» Aeußere zeigen, mehr Abfälle geben und sowohl leichter als auch üppiger das lästige und schädliche Keimen nach dem Frühjahr zeigen. Ferner zeichnen sich gute, haltbare Winterkartoffeln durch eine rauhe, etwa» dicke Schale aus. Kartoffeln mit dünner und glatter Schale sind durch ihren geringeren Stärkegehalt minderwerthig und werden durch den größeren Wassergehalt beim Kochen glasig und seifig. Wohl zu beachten ist, daß das Sichrauh- anfühlen der Knollen nicht von grindigen Stellen her» rührt, die eine krankhafte, meist durch Pilze hervorgerufene Erscheinung find. Solche Kartoffeln gehen zu bald in Fäulniß über. Aus gleichem Grunde sind von der Wahl alle Kartoffeln auszuschließen, die beim Ausgraben a n g e h a ck t wurden oder schon faule Stellen haben. Wenig Anhalt bei der Auswahl von Winterkartoffeln bietet die Farbe, die je nach der Art verschieden ist; nur solche mit grünen Stellen müssen zurückgewiesen werden, weil sie vor der Reife dem Sonnenlicht ausgesetzt waren, da« einen Theil ihres Stärkemehl» in bitter schmeckendes Chlorophyll, Blattgrün überführte. Endlich sehe man darauf, daß den Knollen keine Erde anhafte. Kartoffeln, die tu sandigem Boden gewachsen, find immer die besten; fie werden frei von der Erde fein, falls fie nicht im Regen eingeerntet werden, was ebenfalls nicht vortheilhaft ist. Alle diese äußeren Merkmale jedoch können stch schließlich als trügerisch erweisen; man lenke auch den prüfenden Blick stets ins Innere hinein. Hier zeigen stch nicht selten schwärzliche Stellen oder andersfarbige Flecken oder netzartiges Geäder. Solche Kartoffeln find selbst für das Vieh nicht zuträglich. Der Schnitt brauch barer Winterkartoffeln muß gleich farbig fein und beim Reiben einen trübweisen Saft geben. Je weißer der Saft, desto höher der Gehalt an Nährwerth. Trotz der vielfachen aufgezählten Merkmale wird doch immer eme Kochprobe, wo sie ermöglicht werden kann, das letzte entscheidende Mittel sein, die Güte der Winterkartoffeln zu prüfen. Man versäume nicht, sie in den ver- l schiedensten Zubereitungen probeweise zu versuchen! (Kl. Pr.) - Gemeinnütziges. Zur Cultur der Geranien. Das reichliche Blühen der Geranien beginnt erst, wenn die Pflanze den Topf durchwurzelt hat. Daher soll man Geranien keine großen Töpfe geben, umsomehr, al« kleinere Pflanzen auch schöner sind. Eine Hauptsache bei der Geraniencultur ist die Erde- Al- besonder« geeignet hat stch die Hornspahnerde gezeigt. Dieselbe bereitet man au« drei Theilen Mistbeeterde, einem Theil groben Flußsand und einem Theil Hornspähne. Die Horn- spähne bilden eine nicht unbedeutende Rolle in den Pflanzen- culture nund sind in Horndrechslereien u. s. w billig zu haben. Diese Erde muß schon im Sommer zuvor hergerichtet werden. Den Haufen sticht man während des Sommers und Herbste« öfters um und begießt ihn bei trockenem Wetter, denn er soll stets feucht fein. Bis der Winter herankommt, find die Hornspähne ganz zersetzt und das Gemenge bildet eine lockere, sehr nahrhafte Erde, die sich ganz vorzüglich für Pelargonien eignet. Namentlich erreichen Geranien mit buntem Blatt eine Ueppigkeit und eine so intensive Färbung, wie man fie nur selten trifft. Dieser Wink dürste sowohl für den Gärtner wie für den Liebhaber besondere Beachtung verdienen. • * • Kraftsauce. 1 Theelöffel Zucker wird mit 75 Gramm Schmalz hellbraun geröstet, dann gibt man 2 Eßlöffel Mehl dazu und bräunt es noch etwas. Unterdessen schneidet man Sellerie, Poren, Rüben, Peterstlienwurzeln und 2 Zwiebeln recht fein, gibt ungefähr ‘/e Liter gute Fleischsuppe, etwa» Citronenschale, ein Lorbeerblatt, einige Gewürzkörner dazu und läßt e» fest zugedeckt eine Stunde gelinde kochen. Nun seiht man die Sauce durch, fügt */< Liter Rothwein, etwas Fleischextract und Citronensast dazu nebst dem nöthigen Salz und läßt die Sauce nochmal« durchkochen. VermEchtes. Bescheidener Wunsch. Junger Arzt (zu seinem Diener): „Johann, geh' und ziehe einige Male an der Glocke, ich möchte sie einmal läuten hören!" ♦ • ♦ Einladend. Fremder: „Die Eier sind doch frisch, die Sie in den Kuchen schlagen?' — Wirthin: „Kommen Sie 'mal in die Küche, da können Sie die Hennen über den Herd spaziren gehen sehen!" e * e Unfaßbar- Studiosus Pumper: „Hier liebe Frau Müller, bezahle ich Ihnen meine Schuld!" — Wirthin: „Jeffas, Sie wollen sich doch nicht am Ende was anthun?" ♦ • Tröstliche Auskunft. Arzt: „Gerade mit dieser Krankhettserscheinung bin ich ganz vertraut, denn ich behandle einen Patienten, der genau dasselbe Leiden hat, schon seit zwanzig Jahren!" * ♦ ♦ Falsche Meinung. Der Wurzenbauer fährt mit seiner Frau in einer offenen Droschke in der Residenz herum. Alle« blickt nach dem bäuerlich angezogenen Paare. „Du," meint er zu seiner Frau, „dö schau'n un« alle so an, dö müssen do' wissen, daß i' der reichste Bauer in mein' Dorfe bin." s ♦ Nützliche Methode. „Ach, Herr Professor, diese reizende Sammlung von au-gestopften Vögeln, die Sie sich da angelegt haben! Wo haben Sie denn die her?" — „Ach, ganz einfach! die nehme ich von den abgelegten Hüten meiner sieben Töchter!" Redaktion: A. «chiyh». — Druck uxb »erlag »er Brühl'schm UmverMtS-Buch- unb Steindruckerei (Pietsch A Scheyda) in Siegt«.