fT| Nr. 10». Lomin-iag dm 29. Ang«st. smsiiskßlsilsr k'KCRCr InterhaUungsbtattjnm Gießener Anzeiger (General Anzeiger). W 'S. j k.4 Ihr Vermächtniß. Roman von Maxiniilian Moegelin. —---- (Nachdruck verboten.) Erstes Capitel. Motto: Es ist doch Alles in dieser Welt nur Uebergang. Doch wir muffen durch. Sorgen wir nur dafür, , ■ Daß wir mit jedem Tage reifer und besser werden. Königin Luise. Leichte Schneeflocken fielen hernieder. Es war ein un- freundlicher, naßkalter Februartag, an dem der Baumeister Heyd mit dem Streckenbahnmeister auf dem Bahnsteige einer kleinen Station der Ostbahn auf- und abgingen. Sie sprachen von Neuanlagen auf der Station, von dem Bau einiger Wasserdurchläffe und der projectirten Brücke über den Bach an der Grenze der 9. und 10. Bahnmeisterei, Arbeiten, die in Angriff genommen werden sollten, sobald es erst die Witterung gestattete. Nachdem die Unterredung beendet war, nahm der Bahnmeister einige Zeichnungen in Empfang und befahl sich ehrerbietigst von seinem Vorgesetzten. Heyd, der mit dem letzten Zuge zurück wollte, sah nach der Uhr; sie zeigte drei Minuten nach vier. Das Signal war bereit» auf „freie Einfahrt" gestellt. Ruhig knöpfte er an seinem Handschuh, al» der Zug um die Waldecke bog und bald darauf einfuhr. „Brahnau, eine Minute," riefen die eilfertigen Schaffner. Wenige Reisende stiegen schnell au» und ein. Der Bau« meister öffnete ein Coupee 2. Claffe für Nichtraucher, prüfte flüchtig die Anwesenden und lehnte sich in einen Ecksitz. Er sah hinaus in die weiße Landschaft, die bald vorübertanzte und die in der Ebene, besonders nach der Weichsel zu, stellenweise noch eine leichte Eisdecke überzog. Mechanisch nahm er seinen Baukalender au» der Rocktasche, studtrte ihn einige Zeit, machte flüchtig einige Notizen und steckte ihn wieder ein. Er lehnte sich nun zurück in feinen Sitz und musterte fast gleichgültig die Anwesenden, wobei sein Blick auf eine junge Dame fiel, deren Augen sinnend auf ihm ruhten. Heyd, der sichtlich erschrack, fühlte da» Blut zum Herzen strömen und ein gewaltige» Hämmern pochte in seinen Schläfen; plötzlich zog eine Leichenbläffe über sein Gesicht; er athmete schwer und sein Kops fiel zur Seite. Keuchend eilte da» Dampfroß vorwärts und seine finsteren Wolken, die hastig au» dem Schlote stießen, eilten al» unheimliche Schatten an den Fenstern de» Zuge» vorüber und zeichneten im Fluge tausend finstere Gestalten in der Abenddämmerung. Vor Heyd'» Blicken, der sich ausgestreckt auf grüner Halde wähnte, lag eine farbenprächtige Landschaft von nie geahnten Reizen, und ein wunderbare«, unsagbar wonniges Gefühl paarte sich mit seiner glücklichen Zufriedenheit. Wie der heisere Ruf eines Raubvogels erschien ihm das Bremsen der Räder, die langsam in die nächste Station schleiften und all die lieblichen Bilder verscheuchten dieses willenlosen Seins. Ermattet verließ er den Zug, um sich im Wartesaale am ersten Tische niederzulaffen. Der Wirth brachte schnell da» gewünschte Selterswaffer, schenkte es ein, und da ihm der neue Herr Baumeister krank erschien, benetzte er deffen Stirn mit kaltem Wasser. So verbrachte Heyd wohl eine halbe Stunde. Al» er sich gestärkt fühlte, machte er den Kragen seines Ueberziehers hoch und bewegte sich im Freien bis zur Abfahrt de» nächsten Zuges — eines Güterzuge», der schon bei der Ankunft des vorigen auf entfernteren Ge- leisen rangirte — in dem er auf der Maschine seitlich vom Führerstande Platz nahm. „ „ , Am Ziele angelangt, bestieg der Baumeister sofort den Hotelwagen de» „Deutschen Hauses", in dem er Wohnung genommen. Auf seinem Zimmer angekommen, setzte er sich an den Tisch und den Kopf mit der linken Hand gestützt, war er bald in Gedanken versunken. Weit, weit weg von hier, jenseits des Oceans, sah er sich wieder. Vor seinen Blicken lag eine prächtige Farm, das Wohnhaus war bis zum First mit dichtem Epheu umrankt- Ringsum waren hohe Waldungen mit hohen, mächtigen Bäumen, viel stärker und schöner als in unseren Forsten. Er hörte das Rauschen eines gewaltigen Stromes, sah die Gatter von Sägemühlen an einem reißenden Waldbach auf- und niedergehen. Viele Meilen weit ritt er in finstrer Nacht durch mehr denn hundertjährigen Buchenwald, er sah Menschen, die er liebte und die ihn wieder liebten; endlich sah er auch da» Gesicht der jungen Dame im Eisenbahncoupee. M -• Heyd sprang auf, hielt den Kopf in beide Hände und rief: „D Gott im Himmel, wie ist es nur möglich, wie ist es nur möglich I" ♦ Die Morgensonne sandte ihre goldenen Strahlen in die Giebelfenster des Gasthofes zum „Deutschen Hause." „Nun wird es bald wärmer werden," sagte stch Arthur Heyd, und schob einige Zeichnungen zur Seite, die ihn schon seit zwei Stunden beschäftigten. Auf der hohen Pappel, die an der Einfahrt des Nachbargrundstückes stand, zwitscherten Sperlinge vergnügt ihr Morgenlied. „Sie freuen stch auf den nahenden Frühling, und ste haben Recht," dachte der Baumeister, „wer wollte es nicht mit ihnen thun! Ich werde heute dem Walde meinen ersten Besuch machen. Es muß schön sein draußen im Thal und auf den Höhen." Von der schmalen Holztreppe wurden Schritte hörbar. Der Baumeister horchte: „Sollte Jemand zu mir kommen? Es wird der Postbote sein." Es klopfte an der Thür und zugleich wurde hastig geöffnet. „Guten Morgen Arthur, mein alter, guter Freund." „Grüß Dich Gott, mein lieber Karl," und in den Armen lagen sich zwei Freunde, die sich jahrelang nicht gesehen. „So habe ich Dich denn endlich wieder, mein guter Arthur. Nicht wahr? Du sehntest Dich nach unserer lieben HeimathI Sagte ich Dir doch damals gleich: Bleibe im Lande!" „Wohl hast Du Recht, mein lieber Karl, denn es ist nirgends schöner als in dem Lande, wo man zu Haufe ist, aber ich habe auch dort recht schöne und frohe Stunden verlebt, doch sage mir nur in aller Welt, woher wußtest Du, daß ich hier bin?" „Durch Baurath Wiebe in Danzig erfuhr ich er am letzten Freitage, und ich bin dem Zufall sehr dankbar, der mir die Mittheilung machte!" „Auch ich habe oft, recht oft an Dich gedacht und mich verschiedentlich nach Dir erkundigt, aber wo in aller Welt konnte ich Dich finden? Dein guter Vater ruht nun auch schon fieben Jahre, und Dein einziger Bruder, der Kapitän, ist. überall und nirgends. Aber nun komm, Karl, und laß uns unser Wiedersehen beim Glase Rüdesheimer feiern," und beide gingen hinunter nach dem kleinen Gastzimmer. Hell klangen die Gläser in alter Freundschaft und Liebe. „Wie ich annehme, befindest Du Dich jetzt in Danzig, lieber Karl." „So ist es, Arthur, doch laß Dir erzählen, wie es mir inzwischen ergangen: Als wir damals das Polytechnikum in Zürich verließen, ging ich, wie Du weißt, zum Hohenzollern nach Düffeldorf, wo es mir nicht schwer fiel, anzukommen, da mein Onkel in der Direction saß. Lange hielt ich es dort nicht aus, denn es gefiel mir nicht und — offen gestanden — ich wollte nicht hineingeschoben sein. Ich kam alsbald nach dem Maschinenbau von Wiener-Neustadt, wo ich mich sehr wohl sühlte und auch zwei Jahre war. Inzwischen beschäftigte ich mich viel mit der neueren Schiffstechnik und ging alsdann zum Vulkan nach Stettin; und jetzt, mein lieber Arthur, bin ich bereits ein Jahr wohlbestallter Ingenieur der kaiserlichen Werft in Danzig. — Das ist meine Geschichte. Und Du, mein lieber Arthur, hast gewiß Bahnen gebaut im großen Nordamerika?" „Nichts von alledem," sagte Heyd lächelnd. „Ich war Kaufmann, Buchhalter, Tischler, Zimmermann, Reisender und so weiter, Alles in einer Person und in einem Geschäft, denn der Amerikaner ist gar vielseitig; ich habe dabei tüchtig gelernt, was nicht zu meinem Schaden ist. Nun bin ich seit einem Jahre wieder hier und erhielt die Stelle, für die ich mich schon damals meldete, als wir uns trennten." Nach einem tüchtigen Frühstück gingen die Freunde hinaus in den Wald. „Arthur, denkst Du noch zuweilen an die glücklichen Stunden in unserer Helvetia?" fragte Hellmuth und schob seinen Arm in den seines Freundes. „Ja, Karl, es waren fröhliche, unvergeßliche Stunden, die wir dort verlebten. Ach, die Ausflüge an die schönen Ufer des Zürichsees und in's liebe weite Schweizerland; wer könnte das vergessen?" „Und die vielen Frühschoppen ohne Ende und die Glanzleistungen auf unserer Kneipe und zuletzt der spanische Wein!" ergänzte Hellmuth fröhlich. „Ja, Karl, es ist mir heute noch Manches unklar; nun, der Schutzgeist unserer Verbindung stand Dir wohl treu zur Seite. Freilich, von der Treppe, die zu Deiner Bude führte, die einer Hühnerleiter nicht unähnlich sah, konnte man auch in normaler Verfassung Malheur haben; doch Du kamst immer so glücklich davon und hast doch recht oft die Tour verkehrt gemacht." Hellmuth lachte vergnügt. „Wie schön war auch bte Tour auf den Uetliberg," wiederholte Hellmuth und fing laut an zu lachen. „Da mühen wir uns stundenlang den steilen Berg hinauf und dann macht einer den tollen Vorschlag, dem Wirth seine sämmtlichen Getränke auszutrinken, was natürlich ein dankbares Echo fand." „Was wir dann auch richtig geschafft haben," bemerkte Karl. »Ja» geschafft haben wir es wohl," sagte Arthur, „aber beim letzten Fasse Lagerbier ging es schon bedenklich langsamer, aber auch dieses schwere Stück Arbeit — dieses friedliche Thun — wurde vollendet. An jenem Abend lag gerade ein wunderbares Alpenglühen über den eisigen Bergeshöhen und diese herrliche Naturerscheinung spiegelte sich in der breiten Wasserfläche so wunderbar wieder, wie ich es selten gesehen. Leider hatten nur die Wenigsten einen Genuß davon, denn den meisten war diese ganze Herrlichkeit rin undurchdringlicher Nebel. Natürlich mußten wir wohl oder übel die Nacht oben zubringen, war durchaus nicht gerade angenehm war, aber unser Wahlspruch war nun einmal: Viribus unitis.“ „Merkwürdig," sagte Hellmuth, „Dein Köpfchen blieb immer ziemlich klar und doch hast Du manchen Salamander gerieben und manchen „Cantus ex“ commandirt." Karl Hellmuth war stets einer von den Tollsten, er war nun so erfreut von dem Wiedersehen seines lieben Freunde» und so vergnügt in den Erinnerungen froher Stunden, daß er in dieser heiteren Stimmung die Arme ausbreitete, als wollte er sie alle an sein Herz drücken, seine Commilitonen von damals, und er sang in frohester Laune: „O alte Burschenherrlichkeit, Wohin bist du entschwunden? Nie kehrst du wieder, gold'ne Zeit, So froh, so ungebunden! Vergebens spähe ich umher, Ich finde deine Spur nicht mehr. 0 jerum, jerum, jerum, O quae mutatio reruml (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Göne. Rammt nach Bictorien Sardou und F. Korea«*. Deutsch »o* Adela Berger (Fortsetzung.) Beauharnais muß gänzlich rehabilitirt werden, obwohl sein Kops zugleich mit den Häuptern der Verräther, Verschwörer und Vaterland werräther dahingerollt ist. Er war das Opfer ungerechter Denunciationen; er selbst hat erklärt, daß man der Revolution seinen Tod nicht zum Vorwurf machen dürfe. Ehe er auf das Schaffst schritt, drückte Beauharnai» in einem erhabenen, einem Philosophen des Alterthums würdigen Testaments vor Allem seine Furcht aus, daß die Nachwelt ihn für einen schlechten Bürger halten könne. ,, „Arbeite daran, mein Gedächtniß zu rehabilitiren," schrieb er fi Brie land tes! Verl der schol einei treff emp sie I runi war auf gelb noch Der den war gen Do> Tal lieb! dem übe: dies hin Frc gin, cha! Rei fühl sich und tige ste wer heii den gro ihr- zien eini dies im hat Au ein; mel wö sch! zu Ei Exi hat bes< a-t He; 40? it& und schob liche Stunden, m die schönen eizerland; wer ind die Glanz« mische Wein!" । unklar; nun, wohl treu zur r Bude führte, mte man auch u kamst immer Tour verkehrt >en Uetliberg," !N. n Berg hinauf m Wirth seine rlich ein dank« >en," bemerkte Arthur, „aber edenklich lang« - dieses fried« inb lag gerade i Bergeshöhen in der breiten selten gesehen, ivon, denn den urchdringlicher sie Nacht oben hm war, aber mitis.“ Köpfchen blieb n Salamander ct." ollsten, er war eben Freunder tunben, daß er ete, al» wollte tonen von de> me. Mort«**. letbett, obwohl r, Verschwörer oar das Opfer t, daß man der Hen dürfe. - teauharnais in ums würdigen Nachwelt ihn itiren," schrieb er seiner Frau in diesem letzten, vom Henker unterbrochenen Briefe. „Beweise, daß ein ganzer, dem Dienste des Vater« lande« und dem Triumphe der Freiheit und Gleichheit geweihtes Leben in den Augen des Volkes die verabscheuungswürdigen Verleumder zurückstoßen muß, die hauptsächlich aus der Klaffe der Verdächtigen hervorgingen. Aber diese Arbeit muß verschoben werden, denn in den revolutionären Stürmen muß ein großes Volk, das kämpft, um seine Fesseln zu zerstampfen, sich mit einem gerechten Trotz umgeben und eher fürchten, einen Schuldigen zu vergessen, als einen Unschuldigen zu Der edle Bürger schloß, indem er seiner jungen Frau empfahl, sich mit der Erziehung ihrer Kinder zu trösten, indem sie sie lehrte, daß sie durch ihre Bürgertugenden die Erinnerung an seine Leiden verwischen müßten. Jofesine war unter allen Frauen in der Ehe bevorzugt worden. Beauharnais und Bonaparte I Welche Frau wäre auf diese beiden Gatten nicht stolz gewesen, hätte sie nicht geliebt, angebetet und geachtet I Sie hat weder den Einen, noch den Andern geliebt. Die Revolution machte au» Josefine eine große Dame. Der Name ihres Gatten diente ihr als ein Ehrenprädicat bei den Frauen des alten Hofes, die der Schreckenrzeit entgangen waren. Im Gefängniß Hirte sie sich mit mehreren ehrwürdi« gen Ueberlebenden au» dem Schiffbruch der alten Aristokratie. Dort lernte sie auch die Cabarrus kennen. Bei dieser, welche unter der doppelten Fahne de» Bürgers Tallien, ihres Gatten, und des Directors Barras, ihres Geliebten, thronte und sich zierte, sah sich Josefine eines Tages dem mageren, schweigsamen Sieger vom Vendömiaire gegenüber. Bonaparte war in der Mode. Alles sprach nur von diesem jungen General, der mit einem Satz in den Ruhm bineingesprungen war. Die Salons riffen sich um ihn, die Frauen lächelten ihm zu und suchten ihn anzuziehen. Er ging ernst, gleichgiltig, bereits ein Herrscher, vorbei. Die Wittwe Beauharnais mit ihrer kreolischen Nonchalance, ihren lebhaften Manieren und bereits verblichenen Reizen verführte den kalten jungen Mann beim ersten Blick- In dieser entscheidenden Begegnung bei Madame Tallien fühlte sich Bonaparte angezogen, hingerissen, gefesselt; er sah sich in den duftigen Kreis dieses braunen Jnselkindes gezogen und gab sich mit Wonne dem Schwindel hin. Sie war weit davon entfernt, schön zu fein. Ihr künftiger Schwager Lucien Bonaparte beschreibt den Eindruck, den sie auf ihn machte, mit folgenden Ausdrücken: „Sie besitzt wenig, sehr wenig Geist, nicht» von dem, was man Schönheit nennen könnte; aber gewisse kreolische Erinnerungen in den geschmeidigen Bewegungen ihrer eher kleinen al» mittelgroßen Gestalt, ein Gesicht ohne natürliche Frische, da» freilich ihre Toilettenkünste bei dem Hellen Licht der Kronleuchter ziemlich hoben, kurz, Alles in ihrer Person mangelte nicht an einigen Reizen ihrer ersten Jugend, welche der Maler Gerard, dieser geschickte Wiederhersteller der verblühten Schönheiten im abnehmenden Alter, so angenehm in den Porträts reproducirt hat, welche wir von der Frau des ersten Consuls besitzen. Auf den glänzenden Soirsen de» Directoriums, zu denen mich einzuladen Barras mir die Ehre erwies, erschien sie mir nicht mehr jung und den anderen Schönheiten inferior, welche gewöhnlich den Hof des üppigen Directors bildeten und wo die schöne Tallien die wirkliche Kalypso war." Dieses wenig geschmeichelte Porträt scheint ziemlich genau zu sein. Josefine war damals mehr als zweiunddreißig Jahre alt- Sie war Mutter zweier junger Kinder und ihre bewegte Existenz, ihre Reisen, die Zerrissenheit ihres häuslichen Lebens hatten stcherlich beigetragen, den Schritt der Zeit für sie zu beschleunigen. Trotzdem besiegte sie den Sieger bei ihrem ersten tete- a-tete. Bonaparte verließ das Haus der Tallien mit verstörtem Herzen und glänzenden Augen, in seinem ganzen Wesen von einem Fieber erschüttert, das zum erstenmal nicht da» de« Ruhmes war, von einem Bedürfniß gequält, das nicht mehr der Hunger war, sogar seine Familie und die Eroberung der Welt vergessend, von der er in den einsamen Stunden seiner dürftigen Jugend träumte, um nur mehr an die Deyette zu denken, wie die interessante Kreolin von ihren Vertrauten genannt wurde. XXIII. Madame Bonapärte- Bonaparte, dessen ganze erste Jugend einsam und arbeitsam gewesen, der nur geistige Schwelgereien und die Betäubungen des Intellektes gekannt hatte, verliebte sich wahnsinnig in Es steht fest, daß Josefine diese Liebesleidenschaft nicht verdiente, aber der junge General befand sich in einem psycho- lozifchen Zustande, wo fein Herz sich bei dem ersten Contacte mit einer Frau entzünden mußte, die auch nur beiläufig dem Typus, dem Modelle entsprach, das er in seinen früheren Träumen so lange und so gierig heraufbeschworen hatte. Josefine war nicht eine jener geistvollen Frauen, jener Blaustrümpfe, vor denen er gerechterweise'sein ganzes Leben Grauen empfand; sie legte kein Gewicht darauf, Witze ober malitiöse Epigramme zu lanciren. Sie gefiel dem General anfangs, weil sie sich ungeheuer für seine militärischen Eroberungen zu interesstren schien und von Strategie mit ihm sprach. Außerdem besaß sie in seinen Augen ein unvergleichliches Prestige: Gehörte sie nicht der alten Aristokratie an? Für den kleinen corsischen Edelmann, der in einem kläglichen Haushalte ausgewachsen und nie in die Nähe von wohlgekleideten, den Duft des alten Hofes aushauchenden Frauen gekommen war, perfonifizirte diese Vicomteffe die weibliche, mit der Größe verbundene Schönheit- Das Prestige des Adels erhob sich, nachdem die Schreckenszeit vorüber war, in neuem Glanze: Die Guillotine hatte den erblichenen Flitterstaat des alten Regims verjüngt und unter der Fluth von Blut nahm der Adel wieder Kraft und Farbe an- Das Wort der galanten Wittwe wurde wieder wahr: „Für einen Bürgerlichen ist eine Marquise immer dreißig Jahre alt." Diese Anziehung des Adels, dieses Prestige des Titels, Namens und Ranges setzt sich bis in unsere tiefsten, demoralistrten socialen Schichten fort. Prunkt der Händler nicht mit feiner adeligen Kundschaft, öffnen nicht die Hoteliers die Thüren ihrer Zimmer und oft ihrer Kassen vor den zweifelhaften großen Herren, und die Don Juans im Helm, formuliren sie nicht noch immer bei dem Anblick eines hübschen Mädchens ihre Bewunderung, ihre Wünsche in jenen Ausruf, der noch immer den einstigen Refpect bewahrt: „Ich werde sie umarmen wie eine Königin!" Bonaparte, dessen aufbraufendes Genie nicht eine vollständige Unkenntniß der Sitten und Dinge der Welt ausschloß, konnte keinen Unterschied zwischen einer wahren großen Dame, die er bisher nie gesehen hatte, und dieser Wittwe mit den weichen Bewegungen und den schmachtenden Augen machen, die ihm so einfache, so aufrichtige Lobsprüche über seine militärischen Talente spendete. Bei jeder entstehenden Leidenschaft, mag sie noch so unvernünftig fein ober sich in der Folge noch so logisch, so unvermeidlich erweisen, muß man immer einen Keim, eine erste bewegende Kraft constatiren. Bei dem Einen ist es das Liebes» bedürfniß, ein Anderer erliegt dem Gesetze der Anziehung und der Geselligkeit, weil er die Jsolirung, die Langweile flieht, jenes schlaffe, wie ein Polyp klebrige Ungeheuer, das Einen mit seinen Fühlern umklammert; für einen Andern ist die Liebe wie eine Blume, die auf einem vorbereiteten Boden aus einer Pflanze entsproßt, in die der Saft aufgestiegen ist, und endlich ist die Liebe für gewisse Männer mit intuitivem Geist und objectiven Gedanken, für die großen Phantasten, die Erbauer von Luftschlössern, die Ausrüster von unwahrscheinlichen Schiffen, die zu fabelhaften Ufern segeln sollen, ein verwirklichter Begriff, eine fleischgewordene Idee, ein geistiger Hauch, der sich zu Fleisch und Blut condensirt — für diese Poeten, 40s - ü^wohl sie nie Verse geschrieben haben und zu denen Napoleon gehörte, wird die Frau wie eine bestimmte Erscheinung heraufbeschworen; fie tritt aus dem Unbekannten, so wie die von dem Bildhauer erdachte Statue au» dem unförmigen Lehmblock, beinahe wie die blonde Eva aus der Seite des ersten Geliebten. Die Reife Josefinens wurde für den rauhen Soldaten, den unerbittlichen und eisigen Politiker, der er bereits war, ohne Zweifel ein Reiz mehr. Den Frauen gegenüber besaß Bonaparte nur die Wünsche und die Kühnheit eines Schülers. Er wollte eine Frau, die einen Salon halten konnte und die ihm mit einem gewissen Wohlstand einen Haushalt, eine Einrichtung, Verbindungen und einen bereits feststehenden socialen Klang mitbrachte. Josefine repräsentirte für ihn alle diese Vortheile. Rach der Begegnung bei der Tallien wurde er in das kleine Hotel Rue Chantereine Nummer sechs eingeladen und von dem Luxus geblendet, den er für den einer wirklichen Vicomteffe hielt. Die Wohnung in der Rue Chantereine war bescheiden und kunterbunt möblirt, überall sah man die Zeichen des Mangels. Mit Ganthier, der zugleich Gärtner, Kutscher und Kammerdiener war, und mit Mademoiselle Compoint, der Kammerjungfer, welche die Freundschaft und das Vertrauen Josefinens besaß, fast ebenso elegant gekleidet ging wie fie und als Freundin, als Schwester von ihr behandelt wurde, gelang es Josefine, Bonaparte zu blenden, der von Luxus nichts wußte und einem bei der Frau des Obersten eingeladenen Unteroffizier glich. In dem Hotel Chantereine gab es im Keller keinen Wein, in der Holzkammer kein Holz, aber vor dem Thore prunkte wohl zur Schau eine Karosse mit zwei hektischen Pferden. Josefine, sehr kokett, hielt auf äußerlichen Luxus. Sie hatte sehr viele Kleider, sehr wenig Hemden. Ihre leichten, duftigen Costüme aus Gaze und Mousselin machten bei den Festen sehr viel Effect und kosteten sie sehr wenig. Bonaparte wurde sofort gefesselt und er verließ da» Häuschen verstört, mit brennendem Kopfe und entflammten Sinnen. Er wünschte jetzt Josefine al» Frau, um fie zu besitzen, an sich zu reißen, unter dem Sturme seiner Liebkosungen zu erdrücken. Er hatte jetzt Die gefunden, die er, ohne fie zu kennen, wegen ihrer äußerlichen Eigenschaften, ihrer Stellung in der Welt, ihrer Abkunft, ihrer Verbindungen, ihres Milieus gesucht hat und als Frau befriedigte sie alle feine Wünsche. Er wollte sie also und mußte fie besitzen. Nichts konnte seinen gleich einer Granats aus der Kanone hervorgeschleuderten Willen aushalten. Josefine zögerte anfangs. Obwohl ihre Lage prekär war, fragte sie sich, ob das Glück des Generals Bonaparte dauernd fein würde. Eigentlich war er für sie nur ein, Dank der Freundschaft Barras in die Höhe gekommener Emporkömmling. Ohne die Wahl Barras wären Brune oder Verdiöres, die Carnot vorgeschlagen, mit der Vertheidigung des Convents vom 13. Vend^miaire betraut worden ; würde Barras dem jungen Abenteurer auch fernerhin seinen Schutz angedeihen lassen, würde der allmächtige Director diese Heirath nicht mit scheelem Blick betrachten? Josefine beschloß, den Gewaltigen um Rath zu fragen. Sie ließ daher eines Abend» anspannen und begab sich in'» Louxembourg zu dem Bürger Barra», Mitglied des Direc- torium». XXIV. Bei Barra». Im Louxembourg fand ein Fest statt, als Josefine von Beauharnai» sich melden ließ. Sie hatte sich mit Sorgfalt nach der neuen Mode in eine Toilette L la Flora gekleidet, die duftig, leicht, von fast durchsichtigem Gewebe unter ihrem zarten Retz da» matte Elfenbein der Haut durchschimmern ließ. E» handelte sich nicht nur darum, Barra» zu gefallen, sondern auch alle die Schönheiten zu verdunkeln, welche in Rosa, Weiß, Blau, in griechischer, römischer, Dianen-, Terpfichorentracht die ganze Mythologie de» damaligen Olymps im Salon Barra» zur Schau stellten. Als Josefine Barras benachrichtigen ließ, daß fie ihn sprechen möchte, führte man fie in einen kleinen Salon neben dem Arbeitszimmer des Directors. Sie wartete einige Augenblicke- Die Scheidewand war dünn, ein Geräusch von Stimmen erhob sich in dem Nebenzimmer und sie hörte das Ende einer Discufsion. „Warum mißtraust Du Bonaparte?" sagte Barras, dessen sonores Organ Josefine erkannte. „Das ist ein Mann von reinem Gold, so wie wir ihn brauchen." „Ich halte ihn sür ehrgeizig," antwortete die Person, mit der sich Barra» unterhielt- „Bist Du e» nicht auch, Carnot?" entgegnete der Director. „Sei doch offen, Du bist auf Bonaparte eifersüchtig. Die Pläne, welche er sür die italienische Armee entworfen hat, hast Du vernichtet, ohne sie dem Directorium vorzulegen, weil Du fürchtetest, daß der Triumph unserer Waffen Deinem Ruhme schadet!" „Ich habe diese Pläne nicht gekannt," antwortete Director Carnot. „Ich schwöre, daß dies nicht wahr ist." „Erhebe nicht die Hand," sagte Barras brutal. „Er wird Blut heruntertropfen." „Wie? Du wirfst mir auch vor, daß ich Todesurtheile unterzeichnet habe?" sagte Carnot beißend. „Alle Todesurtheile — ja, Du und Robespierre, Ihr habt alle unterzeichnet." (Schluß folgt.) Uersistuugeil durch Konserve» in Blechbüchsen. Von Dr. Otto Gotthilf. lNachdruck „ertöten). In der jetzigen heißen Jahreszeit rächt sich fast jeder leichtsinnige Fehler in der Diät, jede Ausschweifung im Essen und Trinken durch Magen- und Darmerkrankungen. Aber auch unschuldig werden wir häufig von diesen Leiden heimgesucht, da zur Sommerszeit unsere Nahrungsmittel sehr leicht einer Zersetzung anheimfallen, was namentlich bei den Fleifchwaaren in oft ganz unmerklicher Weise geschieht. Jedem Arzte kommen immer wieder Fälle vor, wo er von Magen, kranken consultiert wird, bei denen sich trotz der eifrigsten Nachforschungen die eigentliche Ursache der Erkrankung durchaus nicht ausfindig machen läßt. Die Patienten vermuthen eben die Schädlichkeiten nur in den «6> sonderlichsten Genußmitteln, während sie die schon häufig ohne Nachtheile genossenen Speisen nun auch stets für ganz unschädlich halten. Dies gilt namentlich von den Blechbüchsen-Konserven, welche häuf; Vergistungserscheinungen Hervorrufen. Wird nämlich das Fleisch in beit-- selben bei der Fabrikation nicht lange genug gekocht, so zersetzt es sich und es entstehen überaus giftige Zersetzungsprodukte, die von den Che- mikern als Ptomaine bezeichnet werden. Dabei werden zugleich Gase entwickelt, welche den Deckel der Büchse etwas nach außen wölben. Somit ergiebt sich sür den vorsichtigen Käufer zunächst die einfache Regel, niemals „aufgeblasene" Büchsen zu kaufen. Die Fabrikanten pflegen nun häufig solche Büchsen noch einmal zu kochen, um, wie sie meinen, den Schaden wieder gut zu machen. Hierzu muß ein zweites Loch in den Deckel oder Boden gebohrt werden, welches dann später wieder verlöthet wird. Da aber die einmal entstandenen giftigen Ptomaine durch das wiederholte nachherige Kochen nicht zerstört werden, so ergiebt sich als zweite Regel, niemals Büchsen mit zwei Löihstellen zu kaufen. Ein gutes Zeichen dagegen ist es, wenn d« Blechdeckel etwas nach innen eingedrückt ist. Denn wenn das Fleisch gleis das erstemal lange genug gekocht wurde, so condensieren sich nach b« Verlöthen die Wasserdämpfe beim Erkalten und ziehen den Deckel ei« wenig nach innen ein. Hat man nun die Büchse geöffnet, so ist bei der Prüfung des In- haltes folgendes zu beachten: 1. Die Innenwand der Büchse muß vollständig rein und blank und gar nicht angegriffen seinp 2. Büchsen mit Zungenfleisch, Corned-Beef u. s. w. sollen mit viel Fett, Sardinenbuchsen hingegen mit reinem Olivenöl bis oben an vollgefüllt sein; 3. Der Büchseninhalt soll, ganz besonders in der heißen Jahreszeit, nach der Oeff- nung sofort verzehrt und das, was übrig bleibt, als ungeeignet zum Genuß vernichtet werden. Nur Derjenige, welcher dies alles beachtet, kann sich frei von der Schuld fühlen, die Gesundheit der ©einigen in leichtsinniger Weise einer großen Gefahr ausgesetzt zu haben. Redaetion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Bruhl'schm UniversttStS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & S(Heyda) in Gießen.