TvnmMsß drk28.November Lmilis«Wtsr UnterhaltungsdlaiL zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) L <8 - Btt WK UZA Dichterfrühlmg. Historische Original-Novelle von Carl Lassan. (Fortsetzung.) Wolfgang Goethe hatte sich bei den letzten Worten auf eine Stemkank niedergelassen und schauerte jetzt trotz de« schnurbesetzten Pelzrockes zusammen. Da legte sich eine Hand auf feine Schulter und bet ihm stand — Salzmann. »Sie sind es?" fragte Goethe aufstehend und steckte die Tafel ein. Salzmann nickte. „Ja, Derjenige, den Sie mit dem Namen Ihres Sokrates beehrten, obwohl dieser ihm nicht zu- kommt. — Aber nun sagen Sie mir auch, was Sie so gänz- lich umgewandelt hat!" Goethe erhob sich und sagte: „Sie sollen es wissen; aber nicht hier, wo meine warmen Worte zu Eis gefrieren! Kommen Sie, bester aller Tutel-Secreräre, mit in mein Logis auf dem Fischmarkt, wo wir von meiner Wirthin eine starke Tasse Kaffee bereiten lassen wollen, zu dem wir einen Napfkuchen probtren werden, den mütterliche Besorgniß heute früh mit der Fahrpost au« Frankfurt gesandt! Kommen Sre!" Bald saßen beide Freunde in Goethes, dank väterlicher Freigebigkeit sehr comsorkabler Wohnung am Kamin und Wolfgong berichtete: „Nun will ich Ihnen, mein lieber Sokrates, auch gestehen, was an der Sesenheimer Geschichte, von der Sie durch Weylaod schon etliches erfahren, Gutes ist. Tadeln Sie mich nicht: Ich liebe, wohlgemerkt, ich bin nicht verliebt!" „Ei, ei, mein lieber, kluger Freund!" „Ja, wie es kam, so frage ich mich auch oft, daß mich ihr Wesen schon beim ersten Anblick so mächtig angezogen, daß ich mich himmelhoch erheben möchte! Eoelschön wie ein Meisterwerk Tizians hat dieses Mädchens Himmelszauber meine ganze Seele berückt! Nichts gleicht der Anmuth ihres Ganges, nichts erreicht sie bei jeglicher Verrichtung I Entzückend «st sie, wenn sie in der Flur ihre Eisäffer Volkslieder singt I Acluar- chen, wenn Sie sie gesehen hätten, so würden Sie mir beistimmen I“ Salzmann schüttelte das Haupt und meinte: „Aber so I schnelle Entschlüsse, mein lieber Freund, sind in den seltensten Fällen richtig überlegte! Ich denke verstanden zu haben, daß Sie nur drei Tage dort gewesen sind." „Allerdings; aber als Weyland, der ein verteufelt präciser Academiker ist, abreisen wollte, fühlte ich bereits den Widerhaken in meinem Herzen! Noch ist bei der Ehrbarkeit im Pfarrhause kein Wort von einer Erklärung zwischen uns gefallen, was aber dem Worte nicht erlaubt ist, das deuten oft Blicke und Seufzer; zudem haben wir uns öfter geschrieben!" Wieder sLüttelte Salzmann den Kopf und sagte: „Junger Freund, da ist bei Ihnen einmal wieder das Herz mit dem Kopfe durchgegangen! Aus Ihren Schilderungen entnehme ich, daß Friederike Brion ein gutes, schönes Mädchen sein muß! Wissen Sie aber auch schon, ob sie Ihnen geistig genügen wird? Sie find ein junger Aar, der den Hochflug des Geistes liebt; hüten Sie sich, daß Sie nicht mit einer Kette an diese alltägliche Erde gefesselt werden! Wissen Sie ferner, ob Ihr Vater, der Herr Rakh, in seiner bekannten Strenge jemals seinen väterlichen Segen zu dieser Verbindung geben wird? Mich dünkt, er will mit seinem Einzigen weit höher hinaus! Sie sind noch junger, gährender Wein, der sich klären muß! Emst muß eine Gattin an Ihrer Seite stehen, welche den Dichter in Ihnen verstehen und anregen kann; wird dieses möglich sein? Und ist schließlich das Mädchen aber nicht zu gut dazu, als Feldblümchen am Wege abgepflückt zu werden zum Welken uno Vergehen? Mein Freund, sind Sie nicht sicher, so kehren Sie um, so lange es noch Zeit ist und machen Sie die Mufen zu Ihrem Lieb!" Goethe seufzte. „Ja, mein lieber, weiser Freund, Alles, was Sie da sagen, habe ich mir selbst schon ohne Erfolg wiederholt eingeredet, und dennoch zieht es mich zu diesem Mädchen mit Himmelsgewalt; ich halte es für meine Muse!" Salzmann machte ein sehr ernstes Gesicht, als er nach langem Schweigen entgegnete: „Nun, dann mit Gott! Sei es zu Ihrem Segen! Er stand auf, nahm den Hut und ging; Wolfgang geleitete ihn bis zur Thür und fragte: „Sind Sie mir böse?" Da zog ein sonniges Lächeln über die strengen Züge des Actuars und er gab zurück: „Nein, ich nehme an, daß es höhere Fügung so gewollt! Ich muß auf's Bureau!" 562 Er ging, Goethe aber begab sich an seine Studien. Er mochte eine Stunde gearbeitet haben, als Weyland mit vergnügtem Gesichte eintrat und srug: „Nun, Wolfgang, wie geht'»?" Goethe drehte sich herum. „Hast Du Nachrichten von drüben?" Weyland lachte. „Natürlich und gute! Man gedenkt Deiner allseits mit Vergnügen und lebhafter Freude!" Uttb flß "Sie sendet schüchtern besonders herzliche Grüße!" Wolfgang nahm ei« Blatt und reichte es Weyland. Dieser warf sich in den nächsten Lehnstuhl und las halblaut: „Nach dem Mittag saßen wir Junges Volk im Kühlen; Amor kam und „Stirbt der Fuchs" Wollt er mit uns spielen. Jeder von den Freunden saß Froh bei seinem Herzchen; Amor blies die Fackel aus. Sprach: „Hier ist das Kerzchen!" Und die Fackel, wie sie glomm, Ließ man eilig wandern, Jeder drückte sie geschwind In die Hand des Andern. Und mir reichte Riekchen her Sie mit Spott und Scherze; Kaum berührt mein Finger sie, Hell entflammt die Kerze. Sengt mir Auge und Gesicht, Setzt die Brust in Flammen; Ueber meinem Haupte schlug Fast die Gluth zusammen. Löschen wollt' ich, putschte zu, Doch es brennt beständig; Statt zu sterben, ward der FuchS Recht bei mir lebendig I" Daun rief er au»: „Ha, welch' eine Gabe Du besitzest, das Alles gleich in Verse, nein, in Musik umzusetzen I" Wolfgang wiegte leise den Kopf und meinte: „Da« war s nicht schwer, wenn ich an den schönen Octobernachmittag auf dem Rasen des Pfarrhauses, wo sich der hereingeströmte Be- such zum Pfänderspielen vereinigt hatte, dachte! Ach, die schöne Jasminlaube ist nun entblättert, der Flieder steht kahl da, der Garten liegt voll Schnees!" : „Ohne Zweifel!" lachte Weyland. „Das hindert aber doch einen Retter wie Dich nicht, den Weg nach Sefenheim auch allein zu finden!" Wolfgang sprang erregt aus. „Wie? Du meinst, man l «erde drüben einen nochmaligen Besuch nicht übel deuten?" ! Weylandlachte. „Nebel deuten? CousineSalomea fragt ja geradezu an, wann der artige Herr Goethe einmal wieder das Pfarrhaus durch einen Besuch ehren würde; heißt dar übel deuten?" Wolfgang nahm wieder Platz und versicherte: „Das genügt mir! Ich werde jetzt schreiben, schon um deswillen, weil ich da» Briefchen ihrer Schwester schimpf»' und ehren» halber noch nicht beantwortet habe!" Weyland nickte. „Du Glücklicher! Ich aber muß mich « inzwischen in da» Studium werfen! Gehabe Dich wohl!" Goethe drückte ihm die Hand und fetzte sich dann an den j Schreibtisch, wo er folgenden Brief entwarf: „Meine Rebe Freundin I | So darf ich ja wohl wagen, Sie zu nennen? — Sie r sollen mich aber nicht undankbar schelten, wenn ich es noch f nicht gewagt habe, eine Antwort-Epistel auf Ihr liebes ? Briefchen folgen zu lassen. Ich denke aber, daß der Wohl- anständigkeit nun eine Genüge geschehen und wage es, beim Mangel jeder schnelleren Beförderung mich mit Ihnen durch di« ordinäre Fahrpost in Rapport zu setzen. Mein Herzensfreund, Vetter Weyland, bringt mir soeben Ihre Grüße, dl« ich mtt einer Herzlichkeit erwidern möchte, von welcher «, sich eine annähernde Vorstellung machen können, wenn ich versichere, daß ich die schönen Tage von Sesenheim nicht vergessen werde. r v Dabet erinnere ich mich meine« Versprechens, Ihnen da« von mir erzählte Märchen „Der neue Amadis" aufschreiben zu wollen. Es ist mir nur in poetischer Form gelungen; hier steht es: „Als ich noch ein Knabe war, Sperrte man mich ein; Und so saß ich manches Jahr Mutterseel' allein In der Bücherei. Doch Ihr wurdet meine Welt, Gold'ne Phantasien, Und ich ward ein tapfrer Held Wie der Prinz Pipin Und durchzog das Land! Baute manch' krystall'nes Schloß Und zerstört' es auch, Warf mein blinkendes Geschoß Drachen in den Bauch, Denn ich war ein Mann! Ritterlich durst' ich befrei'» Die Prinzessin Fisch; Obligeaut sie konnte sein, Führte mich zu Tisch, D'rum war ich galant! Ach, ihr Kuß war Götterbrod, Glühend wie der Wein, Fast ich liebte mich zu Tod; Licht und Sonnenschein War das Leben mir! Und doch konnte sie entfiieh'n! Ach, kein Zauberband Hielt zurück sie, fortzuzieh'n In ein fernes Land! Sagt, wo ist der Weg?" Beim Nachlesen überkommt mich eine echte Sehnsucht nach der stillen Jasminlaube, in der außer meinen getreuen Prinzessinnen nur der silberne Mond Zeuge dieser Crzäh- lung war. Der schöne Platz wird vom Schnee bedeckt sein wie der ganze Garten, denn es hat ja greulich geschneit. Ist'« aber draußen auch Winter, drinnen im Herzen ist'» Sommer, gottlob, und auch der Schnee soll mich nicht hindern, unserem Herrn Gott zu Ehren die Reise mit meinem Falben zu wagen, wenn'« dem gestrengen Herrn Papa und der Frau Mutter genehm wäre, zu empfangen Ihren ergebensten Diener Wolfgang Goethe." Al» am andern Morgen Weyland den Herzensfreund zu« Colleg aus dem Bette holte, lag auf dem Schreibtisch derselben folgender Zettel: „Ich komme bald, Ihr gold'nen Kind«, Vergebens sperret uns der Winter In unf’re warme Stube ein! Wir wollen uns zum Feuer setzen Und tausendfältig uns ergötzen, Uns lieben wie die Engeleinl Wir wollen Blumenkränze winden, Wir wollen kleine Sträußchen binden, Wir wollen wie die Kinder sein!" Weyland lachte und meinte: „Das Blatt, Wolfgang, hättest Du den „goldenen Kindern" selbst schicken sollen; e» würde sie das erfreut haben! Doch die Blumen am Schluffe paffen nicht in den Winter hinein!" Goethe gähnte und kleidete sich an. „Närrchen, da» ist ja bildlich gemeint! Kränze und Sträußchen find die Grzäh' hingen, für welche das Pfarrhaus nun einmal schwärmt! Die besten Gedanken kommen auch stet» zu spät! Die Strophen hasteten auf dem Papier, als mein Brief längst fort war; so werde ich sie mit nächstem fortsenden!" Weyland nickte und bat dann, sich zu beeilen, e» sei baldigst Zeit, worauf Wolfgang verdrießlich zurückgab: „Dieser Publikum liest doch auch gar zu früh, Bruderherz; ich bin noch so müde! Hatten gestern Abend nach der Sitzung b» gelehrten Uebungrgesellschaft noch ein leidliche» Convivium- 568 Der Lenz war einmal wieder toll und voll! — Glaubst Du an Ahnungen?" Weyland lachte: „Aufrichtig gesagt, nein!" „Prosamensch! Nun gleichviel! Mir ist es stets so, als müßte mir dieser Lenz einmal ein recht schweres Leid zu» fügen!" Weyland entgegnete: „Einbildung, Bruderherz! Du hast nun einmal diese Antipathie gegen ihn! Doch eile!" „Festina lente, amice! UebrigenS will ich, wenn Ant- wort aus Sesenhetm einläuft und ich nichts Dringendes ver- säume, den Ritt durch den Winter wagen! ' Er kleidete stch völlig an und lud dann den Freund zum Mokka ein. „Wir erhalten freilich," lachte er dabei, „wohl erst den zweiten Aufguß, denn den ersten trinkt meine Wirthin gewiß selbst; doch lange immerhin zu!" Beide Freunde eilten dann in's Colleg. IV. Nachklänge. Tage des Glückes, ihr lebet in der Erinnerung Lichte Und für die fernrste Zeit zehret die Seele von euch. s» war Sonnabend. Dieses Mal erwartete man Goethe vergeblich am Tische in der Krämergaffe. Salzmann blickte unruhig auf den leeren Platz, Alle fragten nach Goethe. Weyland, der ihn in seiner Wohnung nachsuchte, fand ihn trotz des hohen Schnees abgereist und flüsterte: „Liebesgötter sind mit ihm! Möge ihn kein Unfall treffen, das walte Gott!" Inzwischen kürzte sich die Entfernung zwischen Goethe und Sesenhetm merklich. Um sechs Uhr stellte er seinen Falben im bekannten Wirthshause ein und erfuhr vom Wirthe, wie die beiden Mamsellen aus dem Pfarrhause hier bi« vor Kurzem der Ankunft eines Fremden gewartet. Gewiß deutete das auf ihn! Sehnsucht beflügelte seinen Schritt, so daß er die Schwestern dicht vor dem Pfarrhause noch einholte. Da wandte sich Friederike der Schwester zu und flüsterte: „Siehst Du? Meine Ahnung! Dort ist er!" Sie empfing den Freund mit hervorbrechender Herzlichkeit, Salomea aber freute sich de» Glückes der Schwester neidlos. Im Pfarrhaufs gab e» eben keine Egoisten 1 Herr Brion lachte den Gast an und sagte: „Ah, da find ja der künftige Herr Amtmann!" Die Frau Pfarrer hieß Goethe einfach willkommen, aber der lange Blick, mit dem sie dieses W llkommen begleitete, sagte mehr: Er war ein echt schwiegermütterlicher I Obwohl diese Art beider Gatten Goethens feinfühliger Natur eben nicht sympathisch war, wurde doch sein Inneres von alledem so enthusiaSmirt, daß er überströmender wie sonst in'» Pfarrhaus trat. Bald nach seiner Ankunft wird der Thee aufgetragen, wobei Goethe mit Friederiken in'» Kanapee dirigirt ward. Herr Brion sprach zuerst von seiner Adventspredigt und etwa« von einer Hosianna-Stimmung floß ein, al» er nicht ohne bedeutsame Beziehung aus den Gast von dem Glücke sprach, welches auch im Menschenherzen zum Christfest Emzug hatten wolle. (Fortsetzung folgt.) „Via Sunset Route.“ «ine Reise um die Welt. Bon Heinrich Lemcke. (Schluß.) Die nun folgende Tour durch New-Mexieo und Arizona ist von solcher mannigfachen ureigenen Schönheit und solchem feffelnden Reize, wie sie kein anderer Theil der Bereinigten Staaten zu bieten vermag. Die sonderbar geformten Berge, die klare Atmosphäre, die herrlichen Lichteffecte der Sonne zaubern ein Gesammtbild hervor von bestrickendem Glanze- Unser Train vasfirt viele Minenstädte, wie Demming, Benson, r Rillito und andere, allwo Silber, Kupfer und anderer Erz | in großen Quantitäten gewonnen wird. Diese Minenstädte find voll des abenteuerlichsten Gesindels, Desperados und Grisetten schlechtester Sorte. Orgien und Morde spielen hier eine Hauptrolle- — Trinkwaffer ist nur spärlich zu haben und muß meistens durch Ochsen-Gespanne (zwölf Ochsen vor einem Gelpann) bi» fünfzig und mehr Meilen weit herbeitransportirt werden. Weltberühmt ist der Reichthum Arizonas an Kakteen ) verschiedenster Arten und von großer Schönheit. Ich sah i Kakteen von 50 Fuß Höhe. Neun Meilen von Tucson in Arizona liegt San Lavier, die erste Mission der Franziskaner- und Jesutten-Mönche aus dem Zeitalter 1690 bis 1700. In der Nähe von Adonde erblicken wir Gruppen von Indianern. Es sind schöne Gestalten mit üppigem schwarzem Haarwuchs und kupferbraunen, bunt bemalten Gesichtern, Pfeil und Bogen in den Händen. Sie laufen «och in paradiesischem Zustande hier herum; nur baumwollene Lappen ! haben sie um ihre Hüsten gebunden. Große Sandwehen, gleich riesigen Sandwällen erblickt das Auge- Gila City, das nun folgt, liegt in einem Kranze wunderbar geformter Bergzüge- Etliche Stunden darauf erreichen wir Juma am Colorado River. Dieser ist einer der Haupt- j ströme Amerikas. Er entspringt in der Sierra Nevada und - mündet im Golf von Caifornia in Mexiko. Juma ist einer | der interessantesten Plätze in der Union. Die hier lebenden ; Indianer find die schönsten von allen Indianer-Stämmen 1 Amerikas. Sie betreiben Töpferarbeiten und Diamanten- i Suchen. Biele von ihnen betteln auch an den Eisenbahn- s zügen. Auch wir Paffagiere beschenkten die Indianer reichlich, die uns in idiotenhafter Weise dafür dankten. Manche Jndianerweiber verspürten sogar nicht wenig Lust, uns ihrs kleinen Sabie«, , bie sie auf dem Rücken trugen, in Bündeln, i gegen ein Paar Dollars zum Kauf anzubieten. Juma, das gleichzeitig ein Fort mit Militär der Ber- i einigten Staaten-Armee besitzt, ist als der heißeste Platz in der Union bekannt und das Thermometer zeigt hier selten unter 100 Grad Fahrenheit. Die Sage berichtet, daß ein Soldat, der längere Jahre auf Fort Juma war, nach seinem Tode wegen seiner auf Erden begangenen schlechten Thaten ’ nach der Hölle kam und dort den Höllenfürsten um ein blanket (wollene Decke) bat, weil er au» Juma käme und ihn in der Hölle zu sehr fröre. Wir waren herzlich froh, daß nach einem Aufenthalte von nur zehn Minuten unser Zug weiter eilte. — Nun geht ' e« nach CUifornien hinein, hinein in jenes Wunderland, da« - einen ewigen Frühlmg hat. Kein Eis, kein Schnee deckt hier das Land und die Binnengewässer, keine wilden Orkane umtoben seine halbmondförmigen Buchten, die Natur stirbt nicht in seinen ewigen Btumen-Gärten und Rosen-Park«, und 1 stolz wehen im Januar, wie im Juli, die immergrünen i Wipfel klassisch schöner Pinien und die schattigen Kronen i breiter Lebenseichen unweit de« sonnenbeschienenen Strande« i des Stillen Ocean»! An der einen Seite das blauende Meer, $ an der anderen Seite die hohe schneebedeckte Sierra al« - Landesmark gegen den Continent! Bon Juma fällt die Bahn 400 Fuß über der Meeres- | höhe zu 263 Fuß unter der Meererhöhe hinab. Heiße vulkanische Quellen und ein mächtige« Salzwüsten-Gebiet werden passtrt. Dann aber klimmt unser Zug die Sierra Nevada entlang, zu beiden Seiten glitzernde, schneebedeckte Bergesriesen in Hellem Sonnenlichte, während in den Thälern, die wir durchfahren, Rosen und Oleanoer blühen, Orangen-, Lemonen-, Feigen- und Olivenbäume voller Früchte hängen und goldene Weintrauben au» grünem Laub hervorlugen. Die Scenerie wird immer tropischer mit jeder neuen Curve, die unser ,Sunset Limited“ nimmt. Wir passireu Colton, Pomona und die San Gabriel-Mission. Endlich taucht sie auf, die Stadt der Engelskönigin, Los Angeles, das Ziel aller Touristen und aller „einlungiger" Amerikaner, die hier im sonnigen Süden Californiens wieder geneien wollen. Diese Stadt ist da» eclatantest« Beispiel klimatischer Anziehungskraft. LS4 Es ist hier ein eigenartige», wonnige» Klima, eine ewige Sommermilde, mit Gedirgs« und Meeresluft versetzt, die Förderung einer vollen exotischen Vegetation unter fast ununterbrochen heiterem, tiefem süditalftchem Himmel, mit mannigfachsten Perspectiven auf schroffe BergeSbö^en, grüne Hüg llehnen, duftige Meeresiernen, kurz, ein Ganzes, deffen Rcichthum an Farbenlönen und üppigen Gruppirungen zu allen Jahreszeiten dem Pinsel und der Phantasie eines Mar. karts zu neuen Abundantta-Schöpfungen dankbare Motive bieten dürfte. Los Angeles hat über 90,000 Emwohner. Sie ist eine der eigenartigsten schönsten Slä te Amerikas. Reizende Palmen- und Orangenhaiue sowie immerbiü ende Gärten geben ihren sty vollen Villen, Mansions und Palästen einen blendenden Rahmen Das heutige Los Angele» ist eine subtropische Gartenstadt par excellence, während andererseits die reichbelebten GeschästSstraßeo durch mächtige Häusergevierte (Blocks) in Nachahmung New-Ioiks und Chicago», sowie durch elegante Hotels für den fonwährenden riesigen Fremdenverkehr imponiren. Hierzu gesellt sich noch die günstige Lage, so nahe den Gebirgen mit Aufstieggelegenheilen mittelst Zahnradbahn, so nahe dem Meeresstrande und den fashionadlen Seebädern Santa Monica, Del Monte, Redondo Beach, letztere« berühmt wegen seiner ungeheuren Prachthotels auf einer Blumenteraffe über dem Meere. Hier nimmt man die Seebäder da» ganze Jahr hindurch. Die ganze Umgebung von Los Angele» ist einer der einträglichsten Frucht- und Weinbau-Districte Kaliforniens, sowie ein Palmen- und Blumen-Paradies. Ueber 22 Palmenarten zählt man hier und circa 300 Rosenarten, die natür- lich alle im Freien blühen. Diese Rosen gewähren in voller Blüthe einen magischen Anblick; sie gleichen einem neuen Garten der HeSperiden. Zahlreiche Deutsche haben sich in und um Los Angele» angestedelt und eine Stadt Annaheim, nur eine Stunde Eisenbahnfahrt von Los Angele» entfernt, ist das Heim von ausschließlich deutschen Wein« und Fiuchtfarmern, die in behaglichen Verhältnissen h«er leben. Annaheim selbst ist eine reizende subtropische Vrllenstadt. Al» ich bet dem kurzen Aufenthalte in Lor Angele» au» einem dem Eisenbahn-Depot gegenüber befindlichen Grocer- Store einige Präserven kaufen wollte, sagte der Ladeninhaber in biederem Plattdeutsch zu mir: „Se könnt ok Hamburger Aal in Gelee bi mi köpen l" Ja, ja, Hamburger Jungen findet man in der ganzen Welt! Von Lo» Angele» bis nach San Francisco, ca. 17 Stunden Eisenbahnfahrt, kommen wir abgesehen von einer großen Wüste, die wir zu paisiren haben, an zahlreichen Ansiedlungen, Städtchen und Städten vorbei, die sich zur Linken bi» an die Küsten des Siillen Oceans, zur Richten bis an die Sestenthäler der hohen Sierra Nevada erstrecken. Der Bodenreichthum Kalifornien« ist, soweit die Wafferverhält- niffe günstig oder ober Berieselung möglich, überaus großartig. Wein- und alle Fruchtarten der suptropiichen Zone gedeihen hier ganz vorzügltch, ja, unübertrefflich, und auch an edlen Obstarten, als Aepfel, Birnen, Pflaumen, Aprckosen, hat Kalifornien nicht feine« Gleichen. Tausende und Aoer- tausende fleißige und intelligente Deutsche ft .Ben wir hier angestedelt, die auch dem Weizenbau und der Zuckerrüden- Cultur zu großen Erfolgen verhelfen. Es ist in Californien noch Raum für Hunderttausende von Ansiedlern, die, mit etlichen Geldmitteln ausgerüstet, auf 20 dis 40 Acres bewässerten Landes bei mannigfaltigster I Bestellung ihres Bodens in diesem Eden ein glückliches Dasein $ führen können; liegt doch der große Vortheil der Cultur i hier in dem ewigen Frühling, welcher Früchte das ganze | Jahr hindurch wachsen und reifen läßt. Endlich ist unser vorläufiges Reise-Ziel, San Francisco, X erreicht. Unser „Sunset Limited“ Hit uns bis nach Oak- ” land, einer eigentlichen Vorstadt von San Francisco, gr- * bracht, und ein gigantisches Fereryboot bringt un» nun über die Boy nach der M- tropole der Pacific Küste. Wie schon der Name de» Goldlandes Californien einen Nimbus de« Außerordentlichen um Alle« und Jedes webt, fo ist auch feine Metropole „San Francisco' eine Stadt ureigener Art, ureigenen Gepräges. An materiellem Aufschwung auf dem amerikanischen Kontinente nur von Chicago übertroffen, ist sie an Eleganz und großstädtischem Aeußeren anderen amerikanischen Stächen wett überlegen. Vor 40 Jahren noch ein armseliges spanisch-nnx caniscbes Dorf, Jerba Buena genannt, ist es heutzutage ein civ-lisirtes, blühende» Gemein- wefer, eine Großstadt, deren Seelenzahl heute bereits die 400,000 übersteigt. An der Grenze des Occident« liegend, feine goldene Pforte (Golden Gate) den Völkern Ost-Chinas weit öffnend, bildet San Francisco mit feinem Völkergemisch und vor Allem mit feinem Chiriknown einen höchst interessanten Beobachtungrort für den Ethnologen, da hier die uralte stagntrende Cwiltfatton des Reiche« der Mitte mit dem frisch pulsirenden europäisch- amerikanischen Leben in enge Berührung tritt- Hier ist der eirz'ge größere und sichere Hafen in einer Tausende von Merlen langen Küste, auf dem dirrcten Verbindungswege zwischen Ostasien, Australien, Nordamerika und Europa gelegen. Zahlreiche See-Dampfer, welche den Verkehr mit Cbina, Japan, Australien, den Inseln der Südsee, Panama, Mexico, Oregon, Britisch Columbia und Alaska unterhalten .und meistens zu der großen Southern Pacific Company ge- gehören, liegen hier vor Anker. Würden die an die Ufer der San Francis coer Bay sich lehnenden kahlen Gebirgszüge, bi« zu 3900 Fuß steigend, mit grünem Baumwuchs geschmückt sein, so könnte kein Hafen in der Wett den von San Francisco an malerischer Schönheit übertreffen. Aber auch ohne solche Zierde bildet derselbe ein überaus prächtiger Rundgemälde. Man vermißt bei den mit bläulichem Dutte bedeckten, fern gelegenen Höhenzügen die Waldungen nicht, während ein wahrhaft italienischer Himmel da« lebendige Hafen- und Stadt-Panoroma und die weiten Gewässer der Bay überwölbt. Auch wir empfinden die Wahrheit der Dichterworte Theodor Kirchhoffs, welcher Kalifornien besingt: „Warum du mir lieb warst, du Land meiner Wahl? Dich liebt ja der warme Sonnenstrahl, Der aus Aethertiefe, azurrem, Deine Fluren küßt mit goldenem Schein! Dich liebt ja des Südens balsamische Luft, Die im Winter dir schenket den Blüthen^uft, Deine Felder schmückt mit smaragdenem Kleid, Wenn's friert im Osten und stürmt und schneit! Dich liebt ja das Meer, das „Stille" genannt, Das mit Silber umsäumt d,in grünes Gewand, Das dich schützend umarmt mit schwellender Lust, Dich wonniglich preßt an die wogende BrustI — Wie dein Meer, wie der Lüfte Balsamhauch, Wie die Sonne dich liebt, so lieb' ich dich auch!" Hier in San Francisco machte ich einige Tage Rast, um dann nach den Sandwich-Jnseln und Khina und Japan weiter zu reifen. Nur dreizehn Tage von Hamburg nach San Francisco, von den Gestaden der Nordsee bis zum Stillen Ocean, halte es gedauert, und wir waren über den Atlantischen Ocean und durch ein Wunderland nach dem goldenen Port am Stillen Meere geführt. Im Osten fegt der Schnee über die öden Fluren und Kaminfeuer flackern in den Häusern, während hier im sonnigen Kalifornien die Blumen blühen, Gold Orangen an den Säumen hängen und buntfarbig schillernde Kolibri« und Schmetterlinge von Blüthe zu Blüthe fliegen. Em Kontrast, nicht größer denkbar. — — *) *) Von demselben Verfasser erscheint demnächst „Via Sunset Routs", ®tne Reise um die Welt, mit besonderer Berücksichtigung von China und Japan, ein illustrirtes Reisehandbuch von Heinrich Lemcke. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm UniverstMS-Bnch- und Steindruckcrei (Pietsch A Echehdas m Gießen.