Nr. HS SamSlag den 28, September» 1885. smiliökßlüttsk leneKer HnterhaMngMatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). -WA Ihr Vermächtniß. Äemon »en Marimilian Stoegtlia. (Fortfetmig.) Heyd wurde von dem Baurath Wiebe in Dirschau sehr freundlich empfangen. Er gab ihm seine volle Zufriedenheit zu verstehen betreffs der Arbeiten, dis er seit einem halben Jahre geleitet und der von ihm eingesandten Plänen zu Bauten, die noch in Aussicht standen. Lange conferirten sie über wichtige technische Fragen im Tiefbau, besprachen insonderheit den nahezu vollendeten Bau der Dirschauer Brücke und das Projekt der noch größeren Weichselbrücke bei Fordon- „Wir hatten erst beschlossen, Sie nach Memel-Insterburg zu senden, Herr Baumeister, doch ist hierin eine Aenderung eingetreten und Sie dürften bald zur internen Bauverwaltung beordert werden. Ihr neuestes Werk, Herr Heyd, zu dem ich Ihnen noch meine volle Anerkennung ausdrücke und viel Glück wünsche, hat Sensation gemacht und wird es sicherlich auch in den weitesten Kreisen thun. Wie gesagt, wir waren völlig überrascht und es dürfte für Sie noch etwas nachfolgen." Und der Baurath lächelte so vielsagend, als wüßte er ganz genau, was Heyd bevorstand. „In vierzehn Tagen werde ich Ihre Bauten abnehmen; doch nun kommen Sie, Herr Baumeister, wir wollen hinüber gehen, der Zug von oben ist schon durch." Nun schritten sie nach der anderen Seite der Bahnhalle und fuhren nach Danzig. Der joviale Baurath behandelte Heyd mit so großer Herzlichkeit, wie er es gegen einen Sohn nicht hätte anders thun können und wer weiß, ob er in diesem talentvollen Mann nicht eine paffende Partie für eine seiner Töchter erblickte. Auch Lydia und Elsa, die Töchter des Baurathes, waren bestrebt, ihren gern gesehenen Gast so gut wie irgend möglich zu empfangen und zu bewtrthen. Elsa, die jüngere Tochter, die ganz dem Wesen ihres Vater» glich, liebte lustige Gesellschaft und war stets heiter und guter Dinge. Lydia dagegen glich mehr ihrer seligen Mutter. Aus dem schönen Gesicht dieser Tochter, das von einer Fülle dunklen Haares umrahmt war, strahlte edle An» muth. Schon frühzeitig war sie wirthfchaftlich erzogen und wiewohl sie den ganzen Hausstand leitete, schwärmte sie doch besonders für Kunst und Literatur. Ihre Aquarellen — sie malte mit Vorliebe Landschaften — zeigten viel Talent und ganz begeistert war sie, wenn sie aus Hamlet vorlas und träu» mend blickten ihre Rehaugen in die Leere, wenn sie sich in Faust vertiefte. Heute hatte sich Lydia mit großer Sorgfalt gekleidet, denn sie hatte für den Baumeister, der heute da» dritte Mal ihr Gast war, ein ganz besonderes Interesse, aber auch mit keiner Wimper hätte sie dies verrathen. Im Sommer waren „Bauraths", wie sie ihre vielen Bekannten unter sich zu nennen pflegten, ständige Gäste in Zoppot, wo es ihnen an Unterhaltung und Zerstreuung ebenso« wenig fehlte, wie zur Winterszeit im Winter»Club, in dem der Herr Rath langjähriges Mitglied war. Bälle und Gesellschaften begannen um die Weihnachtszeit und frohe und ver« gnügte Stunden brachten sie mit sich, denn hier sagte man sich: Jeder thue seine Pflicht und gehe froh durch's Leben. Bon all' den Männern aber, die Lydia dort im Laufe der Zeit kennen gelernt hatte, erschien ihr doch keiner so aufrichtig, wie gerade Heyd. Wie liebliche Musik klangen seine Worte ihr in den Ohren und sein Erzählen, bar aller Effecthascherei, so einfach, natürlich und wahr, fiel auf ihre Seele wie Mairegen auf duftige Flur. „Herr Baumeister, Sie werden nicht errathen, von wem wir Ihnen einen Gruß zu übermitteln haben," sagte Else, al» sie bei Tische saßen, freudig auf Heyd blickend. „Einen Gruß an mich! Fräulein Wiebe — das kann ich wirklich nicht errathen, wer könnte es auch fein!" „Ein alter Freund von Ihnen, Herr Baumeister, und wenn auch die Zahl Ihrer Freunde nicht allzu groß fein mag, so werden Sie doch mit den Wenigen gern in fröhlichster Gesellschaft verkehren," erwiderte Else. „Nein, gnädiges Fräulein, ich weiß in der That nicht, wer es sein könnte, so weit ich mich auch erinnere." „Nun, so will ich es Ihnen leichter machen, Herr Baumeister," bemerkte Else und sah mit heiterer Miene von dem 458 Einen zum Anderen. „Jetzt paffen Sie einmal auf, dann i „Der Verlobte von Fräulein Hertha!" sagte Lydia ruhig, dürften Sie bald darauf kommen: Papa und seine Töchter i „Also dar ist der Auserwählte der Rose von Linden- machten vor etwa vier Wochen die Bekanntschaft eines Herrn, I heim!" ergänzte Else, genau hinübersehend. — der sich sehr bald als ein heiterer und lebenslustiger Mann j „Natürlich unwiderstehlich, bester von Walten — oder entpuppte. Papa und dieser Herr wurden sehr bald befreundet I Jemand in den Weg gekommen, der Feld streitig macht?" und lange haben wir unseren guten Papa nicht so vergnügt j sagte von Hartung, der neben ihm saß. gesehen, wie an jenem Abend. Bald darauf kamen wir wieder I „Noch nicht — kann aber noch kommen!" erwiderte von zusammen und unser Jntereffe erwachte erst recht, als er I Walten und sein Gesicht verfinsterte sich. „Machte da neulich plötzlich von Ihnen sprach; aber wie hat dieser Mann von I nähere Bekanntschaft mit verflucht hübschem Kerl, scheint mich Ihnen gesprochen," sagte Else und blickte aus ihre Schwester, I aus dem Sattel heben zu wollen und noch dazu bei meiner die erröthend zur Erde niedersah, „er hat Sie ja förmlich in I Braut," sagte von Walten empört. den Himmel gehoben, Herr Baumeister!" j „Donnerwetter, was sagst Du, Baron? Aber erzählen, „O, o," sagte Heyd belustigt, „das scheint ja eine komische I erzählen!" riefen verschiedene Stimmen und Alle sahen über- Verwechselung zu sein, denn von dem Wesen eines solchen 1 rascht auf Walten. Menschen habe ich in mir noch nichts entdeckt. Jndeffen, ich | Der Baurath, dem kein Wort entgangen, sah verwundert bin auf den Schluß gespannt." | auf Heyd; auch Eise, die ganz Ohr gewesen, that dasselbe, „Ach, Papachen, bitte, erzähle nur weiter," sagte Elsa | nur Lydia schien nichts gehört zu haben, aber ein tiefer und streichelte dem neben ihr sitzenden Baurath die Wangen. | Schatten flog über ihr ernstes Gesicht. „Na, Mädchen, das Andere hättest Du nun auch noch | „Nun, nun, mir kam es nur so vor, aber aus dem sagen können," entgegnete ihr Vater und sah freundlich auf j Sattel Heden, das geschieht nun und nimmermehr oder — es seinen Gast. I gibt ein Unglück!" entgegnete von Walten und schlug mit der „Nun, ich will es Ihnen sagen, Herr Baumeister; unser 8 Faust auf den Tisch. lieber Bekannter ist ein Doctor beider Rechte, sein Name ist I „Aber wer ist denn dieser sonderbare Heilige und der Lenzmann." I noch größere Don Juan?" fragten verschiedene Stimmen. „Haha," sagte Heyd vergnügt, „das ist ja mein ewig I „Kinder, so ein simpler Baumensch — Heyd ist sein Name heiterer Jugendfreund, der mir so nahe ist und ich suchte und ! — den Du übrigens auch kennen mußt, Hartung- Lernte suchte in weiter Ferne. Nun, tausend Dank für seinen Gruß, j diesen Helden kürzlich beim Scheibenschießen erst würdigen; leider hatte ich nur erst dreimal das Vergnügen, ihn nach j kam aus Californien oder sonst woher. Leute, dieser Kerl Jahren zu sehen." I schoß — war pyramidal — unheimlich — fabelhaft — aus „Nun, wir hoffen ihn heute in Jeschkenthal zu finden, er I Taille, einfach zackig — mußte wohl drübev. Tag und Nacht versprach es, dorthin zu kommen, wenn es ihm irgend möglich j mit Schießwaffen umgehen. Werde noch nicht klug aus diesem ist," sagte der Baurath. „Wir sind sehr oft mit ihm zu- I Menschen und seinem eigenthümlichen Wesen; wird aber gut jammen, Herr Heyd. Gestern waren wir auf der Reunion | aufgepaßt — und wenn ich das Geringste höre oder sehe — in Zoppot, nachdem er am Vormittage — um Elses Hand j dann wehe Dir, Du kalifornischer verkappter Abenteurer!" angehalten." I Heyd sprang auf. „Ah — das nenne ich eine freudige Ueberraschung und I „Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Herr Rath, da gratulire ich Ihnen, Herr Rath, und nehmen auch Sie, I sagte er und trat an jenen Tisch. gnädiges Fräulein, meinen herzlichen Glückwunsch. An der I „Mein Name ist Heyd," sagte der Baumeister, und wie Seite dieses lieben, braven Mannes wird Ihnen wohl der I auf Commando sprangen Alle in die Höhe. Himmel immer voller Geigen hängen." I Unwillkürlich taumelte der Baron zurück beim Anblick „Ich danke Ihnen, Herr Baumeister," sagte Else, erfreut I dieses Mannes, den er am allerwenigsten heute hier ver- ihm die Hand reichend. — I muthete, der so plötzlich und wie aus der Erde gestampft et« Nach beendetem Mittagsmahls fuhren sie nach dem freund- I schien gleich einem Blitz aus heiterem Himmel. , lichen Jeschkenthal. Auf der Fahrt unterhielt sich Heyd sehr I „Morgen früh wird mein Secundant bei Ihnen Jem, viel mit der stillen Lydia, war dem Baurath und seiner ver» I Herr Baron von Walten, doch stelle ich es Ihnen anheim, lobten Tochter sehr angenehm zu jein jchien. I eine Waffe zu wählen, mit der Sie sich besonders sicher Als sie am Forsthause ankamen, hörten sie schon von I fühlen," sagte der Baumeister mit eisiger Ruhe und durch- Weitem eine lustige Gesellschaft, die sie alsbald um einen j bohrendem Blick. Dann grüßte er kalt und ging, runden Tisch erblickten. Diese Herren, die offenbar dem un- I Am runden Tisch standen noch Alle unter dem Eindruck sterblichen Bachus schon besondere Ehre erwiesen hatten, nahmen I des soeben Gehörten und ihnen war zu Muthe wie einem auf die Anwesenheit anderer Gäste so wenig Rücksicht, als I Taubenschwarm, der den Thurmfalken über sich erblickt. — hätte der Herrgott seine Erde nur eigens ihretwegen erschaffen. | Am andern Morgen empfing der Baumeister den In- Der Baurath wählte einen Platz, der ungefähr zehn I genieur auf dem Bahnhofe. Schritte von jenem runden Tische entfernt war. I „Nimm persönlich noch meine Glückwünsche, mein guter Hohles, blafirtes Lachen klang jetzt herüber, wohl der | Karl; ich wäre jo gern gestern bei Euch gewesen, doch thetlte Beifall für einen „geistreichen Witz" oder ein Liebesabenteuer, I ich Dir schon meine Gründe mit." das soeben ein junger Mann beendet, deffen dünne Schnurr- I „Tausend Dank, mein Bester, es war ein lustiger und bart-Enden so in die Höhe gedreht standen wie die Zähne eines I vergnügter Tag, aber Du, Arthur, Du fehltest uns an allen Ebers. | Ecken und Enden, und alle unsere lieben Bekannten haben „Nun, was sagst Du dazu? Löwe des Tages mit ver- I Dich schmerzlich vermißt. Ich dachte mir's wohl, daß Du dämmt schöner Visage, unwiderstehlicher Liebling bei Weibern," | mich erwarten würdest, doch suchte ich Dich auf dem Bahnfragte einer mit gelblich-grauem Anzuge. I Hofe in Dirschau und bin eigentlich überrascht, Dich hier zu „Ha — ha — ha! Unwiderstehlicher Liebling bei Wei- I sehen." bern! Ha, ha, ha!" antwortete der Gefragte. j „Nun, ea hat auch seinen guten Grund," sagte Heyd mit Heyd sah sich um, denn diese Stimme kannte er nur zu I Nachdruck, „doch jetzt komm' nur, Karl." Und Beide fuhren genau- 1 nach des Ingenieurs Wohnung. „Wenn mich nicht Alles täuscht, ist jener Herr, der soeben | Durch die Morgenstille ertönte aus der Ferne Musik- sprach und uns den Rücken kehrt, der Baron von Walten," I „Ha — mein Regiment rückt zur Hebung aus!" rief jagte er zum Baurath gewandt. I Hellmuth begeistert. „Kutscher, fahren Sie zu und halten Sie „Der Neffe des Oberförsters Steuer?" fragte der Bau- I an der Langgaffe." . rath überrascht. I Mit klingendem Spiel zog nun das Militär vorüber in „So ist es, Herr Rath," bestätigte Heyd. * dem bekannten festen gleichmäßigen Tritt. 459 - Hellmuth wurde vielfach erkannt und Grüße flogen hinüber und herüber. „Ach, wenn ich doch mitziehen könnte! — Welch' lustiges, fröhliches Leben!" sagte er und seine Brust hob sich. Allmälig verhallte die Musik in der Ferne; vom Marien« thurm schlug er fünf. „Vorüber — vorbei," bemerkte Hellmuth und sah dem letzten Zuge nach, während sie langsam weiter fuhren. „Vorüber, vorbei," wiederholte Heyd, „es war der Hohen« friedberger, der mir heute wie Grabgesang ertönte." Ueberrascht blickte Hellmuth auf seinen Freund. „War willst Du damit sagen, Arthur?" „Nur — daß es vielleicht die letzte Musik war, die zu meinen Ohren drang." „Ja, Arthur, sterben können wir Alle; heute roth, morgen tobt. Aber wie kommst Du nur jetzt auf diesen unsinnigen Gedanken? Sprich nicht so in Räthseln; sage, was hast Du denn eigentlich, solche Melancholie ist mir ja vollständig fremd an Dir." „Oben, Karl, oben werde ich Dir Alles sagen." Und schweigend stiegen sie die Treppe hinauf. Hellmuth warf seinen Ueberzieher in die Ecke und zog seinen Freund auf das Sopha. „So, Arthur, nun schieße los," sagte er und klopfte ihm auf das Knie. „Nur ein Duell ist es — sonst weiter nichts," entgegnete Arthur, und seine Ruhe, die ihn einen Augenblick zu verlassen schien, war wieder die alte- „Um neun Uhr wirst Du bei dem Baron von Walten sein, um mit dessen Secundanten zu verhandeln. Es liegt mir viel daran, daß diese Sache bald erledigt ist; also möglichst schnell." Und nun erzählte er seinem Freunde den ganzen Vorgang. Als Heyd zu Ende war, stand Hellmuth auf. „Nun gut, das wird besorgt!" sagte er und mit festen Schritten durchmaß er nachdenkend das Zimmer. Dann nahm er wie in Gedanken seinen Degen, der am Bibliotheksschrank stand, und ging abermals auf und ab. „Arthur — gib mir Deine Hand," sagte er nach einer Weile und seine Augen sprachen Zorn- „Arthur, Du weißt, daß ich nie im Leben so glücklich war wie zu dieser Zeit, aber solltest Du fallen, so wird Dich diese Hand rächen, so wahr ein Gott im Himmel lebt, denn es ist nicht das erstemal, daß er Dich beleidigt-". Und Hellmuth riß seinen Degen aus der Scheide. „Arthur, so führte ich meine Klinge," sagte er und legte aus. „Wie Falstaff, Karl?" fragte Arthur lächelnd. „Genau wie er, Arthur, aber dann — dann kam e» anders," erwiderte er ernst. „O, ich weiß, ich weiß, mein Bester; warst Du doch immer eine Autorität auf unserem Fechtboden und die halbe Verbindung nahm die Spuren Deines Rapiers mit zur bleibenden Erinnerung an unsere Helvetia. Aber ich bitte Dich, laß diese Rachegedanken fallen, wenn ich auch bleiben sollte, Karl, — ich bitte Dich darum, denn steh', was ist verloren an einem nichtigen Dinge im großen Weltgetriebe, an so einem Nichts, das gar nichts zählt und nicht vermißt wird; und eine unscheinbare Lücke ist ausgefüllt, ehe mich der Rasen deckt." „O, Arthur, Arthur, sprich nicht so, denn mir ist ohnehin ss ernst zu Muthe, als hörte ich Geisterstimmen aus tiefer Gruft." Zur bestimmten Stunde ging Hellmuth zum Baron von Walten und gegen 10 Uhr kehrte er zurück. Schon auf der Treppe zu seiner Wohnung hörte er Clavierspiel. Bald stand er an der Thür und lauschte demselben Spiel, das er schon einmal gehört an jenem Abend, als er das erste Mal auf Lindenheim war. „Wieder diese eigenartigen Weisen, die er so meisterhaft den Jndianerstämmen oder jenem Volke abgelauscht hat, das im südlichsten Nordamerika lebt," sagte sich Hellmuth. Bald klang es wie der rollende Donner, dann klangen wieder friedliche Melodien so einschmeichelnd, daß Hellmuth wie gebannt lauschte. Wie damals, so machte auch heute den Schluß jenes mexikanische Volkslied, da« er ohne Begleitung und so ruhig spielte, als schien er ganz in sich vergessen. Dann wurde es still. Hellmuth wollte nun öffnen, aber unwillkürlich trat er zurück. Den Kops an das Flurfenster gelegt, sah er sinnend hinab auf die stille Straße. „Aber warum spielt er heute gerade diese Melodien, die ich doch in der ganzen Zeit nicht mehr von ihm gehört? — Warum spielt er gerade heute jene Lieder, die das Lieben und Leiden eines ganzen Volkes auszusprechen scheinen?" So fragte sich Hellmuth und tausend Gedanken stiegen in ihm auf. „Ist es vielleicht die Ahnung eines nahen Todes oder sind es wehmüthige Erinnerungen an die Jahre, die er drüben verbracht und von denen er auf Befragen nur wenig und von selber gar nicht spricht? — Schon in den frühesten Jahren war er viel ernster als wir Alle, und selbst in der ungebundenen Zeit unseres Studiums auf der Hochschule war es nicht viel besser, aber die Jahre drüben scheinen ihn noch ernster gemacht zu haben- Freilich, seine Verhältnisse — sie haben seinen Character geboren und wahrlich nicht zu seinem Nach» theile; aber dennoch möchte ich wohl wissen, ob nicht ein Schatten auf seiner Seele liegt, deren Tiefe ich nie ergründen konnte." Aus diesen Gedanken fuhr er plötzlich erschrocken auf, als der Zufall einen schwarzbehangenen Leichenwagen vorüberführte, der langsam die Straße hinabfuhr nach dem Frauen« thore zu- Mit klopfendem Herzen öffnete nun Hellmuth und fand seinen Freund in die Zeitung vertieft. „Nun, Karl, morgen früh, nicht wahr?" „Ja, Arthur, morgen früh vier Uhr im Walde jenseits Oliva bei der Strauchmühle," erwiderte Hellmuth und ließ sich auf einen Sessel neben ihm nieder. „Pistolen auf zwanzig Schritte," bemerkte Hellmuth nach einer Pause und blickte mit Wehmuth auf feinen Freund; aber dieser sah und hörte so vergnügt zu, als handelte es sich um alles Andere eher, als um ein Duell mit möglicherweise tödtlichem Ausgange. „Hartung ist auf dem Wege nach Zoppot, um den Doctor Lenzmann zu bitten, der auch gleichzeitig feine Pistolen mitbringen soll. Mit Walten habe ich nur wenige Worte gewechselt, aber er war schrecklich aufgeregt und nicht weniger der Dirschauer Goldstein, der gerade das Zimmer verließ, al« ich eintrat." — Ein leichter Nebel lag auf Wiesen und Feldern, al« im Morgengrauen ein Wagen langsam den Sandweg bei Oliva hinauffuhr. In dumpfen Schlägen verkündete die Thurmuhr die Zeit. „Wir komme» noch viel zu früh," sagte Hellmuth, al« sie das Dorf hinter sich hatten und auf den Weg kamen, der an dem Waldessaum entlang führte. Schweigend saßen die Freunde nebeneinander, denn jeder hing seinen Gedanken nach. Nach einer Viertelstunde ließ er den Wagen holten. „Wir sind am Ziel," sagte er im Flüsterton zu Heyd; und Beide stiegen aus. „Dort, wo der nächste Grenzstein liegt, biegen Sie links ab und halten nach ungefähr fünfzig Schritten auf dem schmalen Wege, der von dort zum Forsthause führt. In einer Stunde sind wir spätestens wieder da," bedeutete Hellmuth den Kutscher. Festen Schrittes gingen sie dann in den Wald und erreichten nach etwa zehn Minuten einen freien Platz im hohen Holz. „Hier ist es, Arthur, und hier müssen wir sie erwarten." „Hoffentlich lassen sie nicht lange auf sich warten," bemerkte Heyd und setzte sich in das thaufeuchte Moos, sich an eine Kiefer lehnend. Hellmuth that dasselbe und schweigend saßen sie noch einige Zeit. Schon zum dritten Male hatte der Ingenieur seine Cigarre angesteckt, aber immer und immer wieder ging sie ans — er vergaß das Rauchen. (Fortsetzung folgt.') 460 Hygienische FrühherbK-Dttrschtung. Von Dr. Otto Gotthilf. (Schluß.) Dies ist auch der Kern- und Ausgangspunkt für alle Vorbeugungsmaßregeln gegen die Influenza. Den Anfall der Krankheit selbst mag man wohl beeinflussen können durch Schonung, Ruhe, Schwitzen und bergt., wie eben jeden starken Catarrh- aber gegen die schlimmen Folgen muß man bei Zeiten Vorbeugungsmaßregeln treffen, indem man stets, auch in gesunden Tagen, auf die Kräftigung der empfindlichsten Organe seines Körpers, namentlich der Lunge, bedacht ist. Auch auf die Dauer und den Grad der Influenza selbst hat eine kräftige Lungenventilation und energische Blut- zireulation überaus großen Einfluß. In der Sammelforsch- ung, welche in Deutschland gemäß einem Erlasse des Reichskanzlers vom 10. Januar 1890 angestellt wurde, heben die Berichterstatter immer wieder hervor: „Auffallend schnell und leicht verlief die Erkrankung bei Schulkindern." Natürlich! Diese turnen und spielen, tummeln und springen draußen in der frischen Luft bei Wind und Wetter umher, so daß die kräftig arbeitende Lunge und das schnell pulsirrende Blut alle etwa eingedrungenen Krankheitserreger alsbald wieder aushaucht und wegspült. „Manche Beobachter", äußert sich das Reichsgesundheitsamt, „redeten geradezu von einer durch den Aufenthalt im Freien gegebenen Immunität" (Gefeitsein gegen die Krankheit). Einige Beispiele mögen dies beweisen. In der Landesirrenanstallt des Herzogtums Anhalt bleiben alle im Freien Arbeitenden verschont. Von den Insassen des städtischen Arbeitshauses in Halle, deren Mehrzahl sich beim Straßenreinigen den ganzen Tag über im Freien befand, erkrankte nicht einer. Und diese straßenreinigenden Arbeitshäusler werden doch wahrlich nicht durch gutes Leben, kräftigende Weine oder schonendes Jnachtnehmen vor den Unbilden der Witterung gegen die Influenza bewahrt gbliebeN sein, sondern dies wurde bewirkt trotz der geringen körperlichen Pflege, welcher dieser Stand sich angedeihen lassen kann, durch die regelmäßige, tagtägliche Bewegung in frischer, tretet Lust! Im Landesarbeitshause zu Psalzburg (Lothringen) erkrankten 10 Procent der Außen arbeitet, 31 Procent der Inn en arbeitet. Diese Beispiele könnten aus dem unanfechtbaren Material des Reichsgesundheitsamtes noch bedeutend vermehrt werden, aber die angeführten werden wohl genügen, um zu zeigen, daß das Beste und wohl einzige Vorbeugungsmittel gegen die Influenza und ihre so gefährlichen Nachwehen in einer Kräftigung und Abhärtung der Athmangswege besteht, deren Erkrankung ja gerade so viel Opfer fordert. Welche Heilmittel sind nun aber anzuwenden, wenn man von der Influenza befallen ist? Das Kreisgesundheitsamt äußert sich hierüber folgendermaßen: „So zahlreich auch die Anpreisungen charlatanischer Reclame waren, welche die Machtmittel zur Bekämpfung der Krankheit verbürgen wollten, über die symptomatische Beeinflussung dec wechselnden Krankheitszustände sind die wiffenschafilichen Versuche trotz aller ■ aufgewandten Mühe nicht hinausgekommen". Und der Erlaß des Großherzoglich badischen Ministeriums vom 18. Decem- ber 1889 sagt: „Weil die Influenza in den allermeisten Fällen eine leichte, gefahrlose Erkrankung darstellt, darf die Behandlung derselben meistens eine sehr einfache sein. Es genügt in der Regel, das Bett zu hüten, knappe Diät zu beobachten und Schweiß befördernden Thee zu nehmen." Diese Aeußerungen sind insofern höchst bedeutungsvoll, als sie nicht für die übermäßige Anwendung von Chinin, An- tipyrin, Calomel, Tannin, Salol, Terpentin und ähnliche „Radicalmittel" eintreten. Wohl kann z. B. das Antipyrin, vom Arzte in bestimmten Dosen verschrieben, bei hohem Fieber gute Dienste leisten, aber im Publikum ist damit ein wahrhaft heilloser Unfug getrieben worden. „Nicht selten : sind seine Vortheile durch kritiklosen Gebraitch wieder aufgehobelt worden, da es bei nicht vorhandener Temperaturerhöhung geradezu als Herzgift wirkt. Die Berichte betonen wiederholt, daß als Folgen davon vollständiger Verfall der Körperkräfte und hochgradige Herzschwäche eingetreten sind". (Reichsgesundheitsamt.) Die beste Wirkung haben bei Aus- bruch der Influenza stets schweißtreibende Mittel geleistet. Der Patient legt sich in's Bett, wird mit recht warmen Decken und Kissen bedeckt und genießt reichlich Thee, vermischt mit reinen alkoholischen Getränken. Letztere sind, heiß genommen, auf die Schweißbildung von sehr günstigem Einfluß, heben auch bedeutend die Schwächezustände, regen die Herzthätigkeit an und verschaffen einen Erholung spendenden Schlaf. Stets aber ist durch Oeffnen der Fenster für frische, I kühle Luft zu sorgen, und zwar um io mehr, je höher das Fieber steigt. Diese Behandlung allein hat ein Anrecht auf den Namen „Radikalcur", da sie den Heilverlauf beschleunigt, die Beschwerden mindert und den gefürchteten Nachwehen am besten vorbeugt. Dies über die Influenza Gesagte gilt auch von allen andern Erkältungskrankheiten dieser Jahreszeit. Wir wissen nicht, ob uns nicht ein sehr rauher und kalter Winter bevor- steht, welcher wochenlang alle schwächlichen und kränkiichcn Personen zwingt, die Stube zu hüten und ihr Lebenselement, die frische Lust, zu entbehren. Die jetzt kommenden, hoffentlich noch recht zahlreichen Herbsttage bieten uns nun gleichsam eine letzte Gnadenfrist dar, welche wir in Gottes freier Natur voll und ganz ausnützen müssen, um das pabulum vitae, die Lebenslust, in unser edelstes Organ, die Lunge, recht oft in vollen, tiefen Zügen einzuathmen. Dabei soll man keineswegs in sportsmäßigem Leichtsinn mit dünner Sommerkleidung seine Haut den schädlichen Witterungsumschlägen preisgeben, sondern man möge sich warm anziehen, und möge nur bei milder Witterung und in warmer Stube durch kalte Abreibungen seinen Körper stählen und kräftigen. Daun kann man sorglos auch dem rauhesten Winter entgegensetzen und wird sich und den Seinen viel Kummer und Mühe ersparen! Gemeinnütziges. Wie prüft man rohe Kartoffeln auf ihre Güte? Um sich zu überzeugen, ob Kartoffeln, die man kaufen will, sich gut und mehlig kochen, beobachtet man in England häufig folgendes Verfahren: Man zerschneidet eine Knolle und reibt beide Stücke aufeinander; wenn dieselbe gut und mehlig ist, so kleben die beiden Stücke zusammen, und es zeigt sich an den Rändern und an der Oberfläche ein leichter Schaum. Wasser darf selbst beim Druck kein Tropfen ausfließen. Wo dies der Fall ist, kochen sie sich wässerig und sind von schlechtem Geschmack. In der Farbe soll das Fleisch weiß sein oder etwas ins Gelbliche spielend. Von ganz gelbem Fleisch behauplet man, daß sich die Knolle» nicht gut kochen; dies ist indeß nicht immer begründet; denn es gibt Sorten mit gelbem Fleisch, die in Bezug auf ihre Güte nichts zu wünschen übrig lassen. Hagebuttenmus. Man reibt die frisch gepflückten Hagebutten mit einem Tuche ab, befreit sie von ihren Stacheln, schneidet die Krone ab und nimmt die inneren Körnchen mit einem Theelöffelstiel heraus. Dann läßt man sie in Wasser einmal aufkochen. Auf V2 Kilo Frucht nimmt man 375 Gramm Zucker, läutert diesen mit Hagebuttenwasser, gibt den Saft einer Citrone, sowie die Schale davon uud eine halbe Taffe guten Weinessig dazu und läßt die Hagebutten so lange darin kochen oder langsam ziehen, bis sie anfangen, einzuschrumpfen. Nun nimmt man sie heraus, läßt den Zucker, bis er in breiten Tropfen vom Löffel fließt, kochen und gießt ihn über die Früchte, die man noch einen Tag in einem sauberen Ge< fäß stehen läßt, damit sie recht gleichmäßig durchziehen, ehe man sie in die Einmachegläser füllt. Verdünnt sich der Saft, so muß er wiederholt aufgekocht werden. Redaction: A. Scheyd«. — Druck und Verlag der Brühl'schm UmrerMts-Buch- und Steindrucke«! (Pietsch & Scheyda) in Gießen.