HntechaltungsblM pim Gießener Aryeiger (Genernl-An^elger). is9ä. 16' V «• V V Samstag ien 27. J«kt. W KWW? MM Die Tochter des Meeres. ’Xhm m K. #>«•!«. . lx . Als Marian Biddulph langsam von dem Besuch bei Netta, den der Graf von Treville so dringend gewünscht, hatte, heimkehrte, da näherte sich ihr plötzlich ein Diener mit so zaghafter, verwirrter Miene, daß seine Herrin schon dadurch beunruhigt wurde. 'J ,. j »Bitte, Mylady, beeilen Sie sich, denn mein Herr ist ... gar nicht -recht wohl/ sagte er mit zitternder Stimme. Lady Marian schien bei diesen Worten das Herz still zu stehen. Sie hatte eine furchtbare, Ahuung von einem bevor« stehenden Unglück, hie des Dieners ängstliches Gesicht nur zu sehr bestätigte. . ♦ ♦ ♦ mein Vater.. . . tobt?" fragte sie mit ver« . zweifelter Rühe. ' r * I $ "ein, Mylady . . . das verhüte der Himmel!" lautete die Antwort.' „Aber doch sehr krank, und wir haben nach dem Arzt geschickt." Marian bedeutete ihn durch eine Handbewegung, zu schweigen, und eilte in das Haus. ar t ist sehr schwach," sagte der soeben angekommene Arzt zu Marian, als diese weinend am Krankenbette ihres Vaters stand. Der Lag und die Nacht vergingen und den folgenden Morgen brachten die Pflegenden in stummer Hoffnungslosigkeit am Krankenlager zu. Am zweiten Tage schien sich der a» «7 el? rooi3 äU erholen und liebevoll bog Lady Marian sich über das Lager, als die Lippen ihres Vaters sich beweg« ten, feine Augen sich öffneten und er seine Tochter, den Gegenstand seiner Liebe und Fürsorge, zu erkennen schien. geliebter Papa, es geht Dir bester und nicht wahr, Du wirst für Deine arme Marian leben?" hauchte sie Ein schwaches, trauriges Lächeln glitt über seine Züge, mein 'Ä • * ‘ ' - - ru spät . - . vergib . . . vLgib, mein Kind . . . mein arme», geliebtes Kind !" langsam und leise diese Worte auch gesprochen wurden, so war ihr doch ein jede» genau verständlich, aber die Bedeutung derselben war ihr dunkel. Bevor die Sonne wieder untergegangen war, zählte der in diesem Lande fremde Graf unter die Tobten. Nun war die junge, schöne Lady Marian Biddulph, Gräfin von Maflon, elternlos und vereinsamt. ' * ♦ „Meins liebe junge Lady, trösten Sie sich. Es hätte ja doch nicht mehr länge währen können," sagte die würdige Haushälterin, die sofort herbeigeeilt war. „Es konnte ja Niemandem verborgen bleiben, daß unser armer, lieber Herr bei dem unglücklichen Sturz seinen Todesstoß bekommen hatte. Ich danke nur meinem Gott, daß Sie bei ihm waren, als er starb.". Aber diese Worte schienen der jungen Gräfin Kummer nur zu verschlimmern, denn sie fragte weinend: „Frau Aston, Ihnen kann ich vertrauen. Sagen Sie mir, was konnte mein Vater mit seinen letzten Worten, mit denen er mich um 93er« gebüng bat, gemeint haben? Was könnte ich ihm, meinem nachsichtigen, gütigen Vater zu verzeihen haben?" Frau Aston bemühte sich, einen verlegenen Ausdruck, der auf ihr Gesicht trat, zu verbergen. „Wer kann das wiffen, Mylady? Vielleicht meinte er, er hätte besser für Sie sorgen können. Er kann auch in der Fieberhitze gesprochen haben." Marian gab keine Antwort, aber die Erinnerung an die letzten Worte des sterbenden Vaters war ihr zu gegenwärtig, als daß sie sich mit solchen Trostworten beruhigt hätte. LXI. Lord Ernst Belford war frei, sofern es menschlichen Zwang betraf .... frei in dem romantischen Häuschen bei Bremen, wo das Mädchen, das er liebte, und dem er so viel verdankte, die Jahre der Kindheit verlebt hatte. „Warum soll ich hier bleiben?" fragte er sich. „Niemand - kann mein Sehnen und meinen Kummer begreifen und es wäre nur Feigheit, wie eine Ratte in ihrem Loche zu bleiben, während das edle Mädchen, das mich gerettet hat, all' den Mühseligkeiten, welche diese Welt den Freundlosen auferlegt, ausgesetzt ist! Ja, ich will gehen, ich will sie suchen, das edle, großherzige Mädchen und sie bitten, meine Retchthümer mit 350 nung nach der junge Mann am meisten zu beklagen ist, aber er hat das Schicksal selbst herausgefordert und muß nun die Folgen tragen." „Darf ich fragen, für wen Du ihn hältst?" fragte die Lady kalt. „Wir dürfen in ihm nur den Mann, den Netta erwählt, sehen und für den sie ihren guten Ruf auf's Spiel setzt," ent» gegnete Lord Treville. „Und wenn Du klug bist, Emily, wirst Du heute bei der Trauung zugegen sein. Martan wird der Trauer wegen nicht kommen und Miß Cora wird schwer« lich der Aufgabe gewachsen sein, ihre Nebenbuhlerin zum Altar zu geleiten." „Ich verstehe Dich nicht, Bruder," bemerkte Lady Emily stolz. „Das ist möglich ... doch thätest Du gut, mir zu vertrauen und Dich meinen Wünschen zu fügen," antwortete der Graf. „Willst Du in die Kapelle kommen oder nicht?" „Um unseres armen Bruders und seiner Tochter willen, die er mir anvertraute, sollte ich wohl kommen," lautete die Antwort, „doch Eines muß sicherlich geschehen, Bruder . -. das Schreiben, das der Vater unserer armen Netta hinterließ und das bei ihrer Verheirathung oder wenn sie siebzehn Jahre alt ist, geöffnet werden soll, muß vorerst gelesen werden- Nur unter dieser Bedingung kann ich mich mit dem Opfer einverstanden erklären." „Gut! Das kann nachher geschehen. Das Testament gibt mir unbeschränkte Vollmacht, ihr zum Gemahl zu wählen, wen ich als passend für sie halte," versetzte der Graf. „Hier half kein Bitten, das wußte Lady Emily. Es blieb ihr nichts Anderes übrig, als durch ihre Toilette ihren stolzen Unwillen über eine solche Verbindung zu zeigen. Demgemäß kleidete sie sich in dunkelvioletten Sammet, dem ein schwarzer Spitzenshawl den gewünschten Ernst verlieh, und gemeßenen Schrittes begab sie sich in das Zimmer, das sich neben der kleinen zu dem Hause gehörigen Kapelle befand. Hier war schon eine kleine Gesellschaft versammelt. Der Graf, Frau Falkner, Adele saßen auf den Bänken der Kapelle, während Rupert in stolzem und düsterem Schweigen nahe am Altäre stand, wo der Priester fchon wartete. Da öffnete sich die Thür und Retta trat ein, gefolgt von Cora. „Was soll das? Wie können Sie ohne meine Erlaubniß hier erscheinen?" fragte der Graf in kaltem Ton, obwohl fest bewundernder Blick seine Worte Lügen strafte. „Ich sehnte mich darnach, zugegen zu sein und dem Brautpaar meine besten Wünsche und meine Verzeihung aus- zusprechen," antwortete Cora ruhig. „Ich habe wohl ein gewisses Anrecht darauf, Mylord, bet einer solchen Gelegenheit Lord Faros hinterlassene Tochter und meinen früheren Beschützer und Freund zum Altäre zu begleiten." Es war wirklich ein schönes Paar, wie sie da neben einander standen, diese junge Braut in dem einfachen weißen Kleide, das bester für ihre mädchenhafte Gestalt paßte, al« die eleganteste Toilette, und Cora in dem schweren weißen Seidenkleid, das eine weniger vollendet schöne Gestalt eher verunzier! haben würde, ihr aber nur ein noch malerischeres Aussehe verlieh. Nettas anmuthige Gestalt war graziös in de« weite Schleier gehüllt, der in ihrem Haar durch den Pfeil befestigt war, welchen Rupert ihr gegeben hatte. Aber in seiner Aufregung achtete Graf Treville nicht aus solche Dinge. Sein Hauptwunsch schien zu fein, die Trauung seiner eigensinnigen Nichte mit dem Mann ihrer Wahl so schnell al« möglich vollzogen zu sehen. Die Ceremonie begann und mit einer gewiffen Bitterkeit lauschte Lord Treville den bindenden Worten und blickte dabet auf Adeles mürrische Züge. , Endlich war es vorbei. Die Gelübde waren gesprochen und Netta war die Gemahlin des einfachen Bremer Seemanns- Der eigensinnige Wunsch des wunderlichen Einsiedler« wa erfüllt. Der Nichte war in ihrem launischen Gebahren Ein halt gethan und alle Pläne Frau Falkners vernichtet- „Netta, ich wünsche Dir Glück und Muth und Ausdauer, mir zu theilen, wenn nur die geringste Hoffnung für mich ist, daß ich sie beglücken kann, wie sie es verdient!" Und Ernst machte sich daran, seinen Entschluß so rasch auszusühren, wie er ihn gefaßt hatte. Doch hegte er noch den geheimen Wunsch, irgend ein Andenken an die einstige Bewohnerin dieses einfachen Häuschens mit sich zu nehmen ... ein Wunsch, den er gegenüber der leidenschaftlichen, eifersüchtigen Adele und deren Beschützerin nicht zu äußern gewagt hatte. „Jeanette, misten Sie, welches Zimmer Fräulein Cora bewohnte?" fragte er die junge, einfältige Bäuerin, die man zu seiner Bedienung zurückgelassen hatte. „O gewiß .... ich liebte Fräulein Cora so sehr und das arme Ding ging so rasch davon, daß sie gar nicht Adieu sagen, noch irgend etwas mit sich nehmen konnte," entgegnete sie. Und sie führte ihn in die kleine, saubere Kammer, welche Cora als Schlafstube gedient hatte. Ernst sah sich neugierig darin um. Vielleicht erinnerte ihn die Kammer an das Zimmer auf Schloß Biddulph, das ihm als Versteck gedient hatte. Konnte es denn nicht möglich sein, daß sich irgend ein geheimes Versteck darin befand? Es war vielleicht eine wunderliche Idee und doch erfaßte sie der junge Mann voll Eifer und vorsichtig glitt feine Hand über jeden Spalt in der Mauer, um sich zu vergewissern, ob nicht irgend eine Unebenheit, irgend eine Oeffnung eine geheime Feder verrieth . . . aber, wie es anfangs schien, vergebens. Schon war Ernst im Begriff, sein Suchen voll Verzweiflung mit einem spöttischen Lächeln über seine eigene Thorheit auf« zugeben, als seine Finger einen Gegenständ berührten, der sich bei näherer Betrachtung als eine kleine Feder erwies, die er sofort zu drücken versuchte. Sie war verrostet und es dauerte eine Weile, ehe sie seinem Drucke nachgab und eine Art schmalen Schrank im Getäfel zeigte, der ein Regal hatte, auf dem ein kleines Bünde! Wäsche lag. Er zog das Bündel hervor und ohne über das, was er that, weiter nachzudenken, öffnete er es und untersuchte seinen Inhalt. Er errieth sofort, welcher Art die hier so sorgfältig verwahrten Effecten waren- Er hatte Cora so oft von den einzigen Beweisen ihrer Abstammung sprechen gehört, daß er jetzt nicht zweifelte, daß er Kleider und Erinnerungen aus ihrer Ktnderzeit vor sich hatte. „Aber von welchem Nutzen können sie sein?" murmelte er. „Als ob all' diese Spitzen und Linnen, in welche so kleine Kinder gehüllt werden, nicht alle gleich aussähen! Cora hat nicht viel zu erwarten, wenn diese Sachen das Einzige sind, was Aufschluß über ihren Namen und ihre Geburt geben faml u Dabei ließ er das kleine, farblose Kleidchen, das ohne Zweifel ein Stolz irgend einer Mutter oder Wärterin gewesen war, zur Erde fallen. Das Kleid berührte im Falle seinen Fuß und er glaubte einen eigenthümlichen Ton vernommen zu haben, der kaum von dem weichen Stoff herrühren konnte. Er hob es wieder auf und untersuchte es genauer und entdeckte schließlich, daß irgend ein Gegenstand sorgfältig in den breiten Saum des Röckchen eingenäht war. Lord Belforts erster Gedanke war, den Saum aufzureißen. Da besann er sich aber, daß man vielleicht an der Wahrheit seiner Aussagen zweifeln würde, wenn er ohne Zeugen das Geheimniß entdeckte und er hielt inne. Lord Belfort faßte dann einen kühnen Plan. Er beschloß, sich in seiner Sache an den Bruder des verstorbenen Lord Faro, an den in Frankreich lebenden Grafen Treville zu wenden, um diesem Aufklärung zu geben und mit dessen Hilfe vielleicht Begnadigung in England zu erlangen. LXIL „Du willst wirklich unsere Netta zu einer Heirath mit diesem unbekannten Abenteurer zwingen?" fragte Lady Emily entrüstet. „Bruder, wie kannst Du da« vor Deinem Gewissen verantworten?" „In dieser Beziehung bin ich sehr ruhig. Laß Dir agen, Emily," erwiderte der Graf ernst, „daß meiner Mei« 351 Dein Gelübde zu erfüllen und dem Gatten Deiner Wahl eine gute brave Frau zu fein," sprach der Graf, indem er den Brautschleier lüftete, um seinem Mündel den Vaterkuß zu geben. Aber in demselben Augenblicke, wo seine Finger das zarte Gewebe berührten, bemerkt« er den eigentümlichen Schmuck, der dasselbe zusammenhielt und er schrack plötzlich zurück, noch bevor seine Lippen ihre Stirn berührt hatten. „Was ist das? Woher hast Du das?" stieß er hastig hervor. „Rupert gab es mir. Es diente als Zeichen zwischen uns," entgegnete die Braut, während sie ängstlich zur Seite ihres Bräutigams trat. „Siel Und wo fanden Sie den Pfeil? Wie konnten Sie wagen, ihn zu behalten?" wandte er sich erregt an den jungen Mann- «Ich besitze ihn feit meiner frühesten Kindheit. Meine Mutter gab ihn mir zum Andenken an meinen Vater," er« widerte Rupert etwas verwundert. „Sie sagte, es müffe mir ein Andenken sein, von dem ich mich nur trennen dürfte, um es meiner Frau zu geben." Der Graf wandte sich mit strenger Miene jetzt an die Frau Falkner, die während der ganzen Scene mit spöttischem Gesichtsausdruck dagestanden. „Ist das wahr? Oder haben Sie eine Lüge, eine schändliche Lüge ausgesprochen, als Sie vorgaben, dieses Mädchen, vor dem jede Fiber in mir zurückweicht, sei meine Tochter? Hören Sie mich an, bevor Sie antworten," fuhr er in festem Ton fort. „Ich bewillige Ihnen hundert Pfund jährlich für dieses junge Mädchen und werde ihr als Heirathsgut zweitausend Pfund bewilligen, wenn sie jene ist, für die sie von Ihnen erklärt wird . . . aber wenn sie nicht mein Kind ist, wenn Sie mir beweisen können, daß dieser junge Mann der Sohn meiner Bianca ist — wofür mein Gefühl spricht — dann will ich Ihnen freigebigster Weise meine Freude über ein solches Geständniß zeigen. Nennen Sie selbst Ihre Bedingungen und Sie werden kaum auf Widerstand bei mir stoßen, wenn Sie mir genügende Beweise der Wahrheit geben können." Frau Falkner war unschlüssig; ihr Blick war zu Boden gesenkt und offenbar erwog sie reiflich, was sie thun sollte, bevor sie antwortete. „Ich möchte wohl wissen, welchen Werth Sie auf einen Erben legen würden, Mylord," antwortete sie kühl, „und wäre es nur, um zu wissen, wie sehr ich Sie durch meine Antwort strafen oder erfreuen könnte. Ich beeinflusse Sie auch mit keinem Worte bei Ihrer Entscheidung, ob Adele oder Rupert in Wahrheit das Kind Ihrer vernachlässigten Bianca ist." „Eigentlich ist ein solches Glück kaum mit Geld zu bezahlen," sagte Graf Treville lebhaft, „aber wenn Sie sich mit einer Belohnung von zehntausend Pfund befriedigen lassen, so sollen Sie dieselben behalten, wenn Sie genügende Beweise Ihrer Versicherungen geben können und Ihren Betrug, daß dieses Mädchen meine Tochter sei, eingestehen." »Was meinst Du, Adele," wandte dis Frau sich zu derselben, „sollen wir den stolzen Grafen in seinen Phantasien unterstützen und ihm einen Sohn geben?" „Mir ist er sowohl wie seine Phantasie gleichgiltig," erwiderte die Angeredete mürrisch. „Ich weiß nur so viel, daß ich unabhängig sein möchte und daß ich nicht als ehrlos an- gesehen werden will, denn das könnte ich nicht ertragen. Am liebsten, Tante, liefe ich davon und ließe nie wieder etwas von mir hören." Und des Mädchens heftiges Schluchzen bestätigte ihre «Wenn Sie diesem jungen Mädchen die genännte Summe geben und mir das Einkommen bewilligen wollen, das Sie rrn " wenn Adele sich als Ihre Tochter ausweisen sollte, will ich Sie über die Wahrheit zufrieden stellen," sagte Frau Falkner nach einer kleinen Weile. .»Und mit Beweisen? Mit Beweisen? Nicht nur mit mündlichen Versicherungen?" fragte der Graf erregt. Frau Falkner neigte bejahend den Kopf. „Sonst nützt es wenig," entgegnete sie falt „Ich Habs dis Ungewißheit und die Undankbarkeit Derer satt, für dis ich gearbeitet, gelitten und gewartet habe. Wenn Sie mir also als Ehrenmann Ihr heiliges Wort darauf geben, daß Sie meinen Bedingungen in vollem Maße nachkommen wollen, soll die Sachs ein für alle Mal zum Abschluß kommen." „Ja, ja, ich verspreche es," erwiderte der Graf leidenschaftlich, während sein bleiches Gesicht glühte und seine Lippen vor Erregung zitterten. „So will ich Ihnen eine sehr kurze und einfache Geschichte erzählen," fuhr die Frau ruhig fort. „Als Sie die schöne Spanierin, die Sie erst heimlich geheiratet und bann verstoßen hatten, meiner Obhut anvertrauten, nahm sie mir das Versprechen ab, daß das Kind, dem sie bald das Leben zu geben hoffte, weder Ihnen überlassen, noch Ihnen das Geschlecht des Kindes verrathen werden sollte, bis ich volle, feierliche Beweise Ihrer Reue und die feste Ueberzsugung erlangt hätte, baß Sie für das unglückliche Kind in väterlicher Weise sorgen würden. Damals hatte ich selbst noch kein Kind, aber drei Jahre später wurde mir eine Tochter geboren, und um dieselbe Zeit verlor ich den Vater dieses Kindes. Da waren meine Pläne gefaßt, als Adele noch in der Wiege lag. Ich beschloß, sie als das Kind einer verstorbenen Schwester auszugeben, während Rupert für meinen Sohn gelten sollte und daß die Heirath zwischen ihnen ermöglicht werden sollte, bevor ich das Geheimniß von Ruperts Geburt offenbarte. Das mir leicht zu bewerkstelligen, da ich in Bremen, wo ich später meinen Wohnort aufschlug, nur Wenigen, sehr Wenigen bekannt war, und mehrere Jahre lang hatte ich nicht die geringste Besorgniß, daß mein Plan fehlschlagen könnte- Aber die unerwartete Ankunft dieses Eindringlings dort," fuhr sie mit einem feindlichen Blick auf Cora fort, „zerstörte Aller und erst nach langer Zeit, nachdem ich nichts unversucht gelassen hatte, Rupert zur Vernunft zu bringen, beschloß ich, ihn mit dem Verlust seines Geburtsrechtes zu strafen. Wie die Dinge jetzt stehen, hat sich ja Alles geändert." (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gsne. Roman «ach Bictorion Sardou und F. Morrea«. Deutsch von Adel» Borger. (Fortsetzung.) „Von Freuden zwischen uns kann keine Rede fein! Sie weigern sich also?" „Nein. — Ich bitte Sie, mir eine Frist zu bewilligen. Warten Sie ab, bis der Friede geschlossen ist. Das wird nicht lange dauern." „Meinen Sie? Sie hoffen also, daß die Feiglinge und Verräther den Sieg davontragen werden, und daß Verdun sich nicht vertheidigen wird?" „Ich halte eine Verteidigung für unmöglich. Diese Handwerker, diese kleinen Bürger, die Schmiede und Schuhflicker sind nicht int Stande, den Armeen des Kaisers und des Königs zu widerstehen." „Beleidigen Sie nicht brave Leute, die sich wie Helden schlagen werden, nachdem sie es verstanden, sich der Verräther und unfähigen Vorgesetzten zu entledigen," sagte Her- minie mit Energie. „Ich beleidige Niemanden," sprach der Baron mit seiner immer süßen Stimme- „Ich bitte Sie nur, zu bedenken, daß diese Stadt keine Garnison hat." „Sie wird bald eine haben," murmelte Herminie. „Was wollen Sie damit sagen?" rief der Baron verblüfft. „Ich will damit sagen--Aber hören Sie!" Und Herminie machte dem Baron ein Zeichen, aufzuhorchen. Ein wirres Geräusch, Geschrei und Vivatrufe stiegen 852 m zu der hochgelegenen Stabt herauf. Die freudigen Schläge der Trommeln mischten sich mit dem Lärm des aufgeregtm Volkes. Der Baron erblaßte. „Was bedeutet dieser Lärm," sagte er. „Ohne Zweifel irgend eine Emeute. — Die Einwohner verlangen gewiß das Oeffnen der Thore und wollen von einer Belagerung nichts hören." „Nein, dieser Lärm bedeutet etwas ganz Anderes, Herr Baron. Nochmals, wollen Sie Ihr Versprechen halten und unserem Kinde, unserer Tochter Alice, den Namen, den Rang und da» Vermögen geben, die ihr gehören?" „Madame, ich habe Ihnen gesagt, daß ich im Momente keinen andern Entschluß fassen will, fasien kann- Warten wir. Ich habe zuerst viel ernstere Angelegenheiten zu erledigen. Nur ein wenig Geduld. Ich sage Ihnen ja, nach dem Frieden — wenn die Empörer bestraft sein werden und seine Ma» jestät ruhig zurückkehren kann — zwar nicht in die Tuilerien, da die Revolution dort zu leicht eindringen kann, sondern nach Versailles — dann werde ich sehen, werde mich entschließen ..." „Geben Sie Acht, Herr Baron, ich bin eine Frau, die sich für falsche Schwüre rächen kann." „Ah, Drohungen, das ist mir lieber I" rief der Baron spöttisch lächelnd. „Das ist weniger gefährlich als Ihre Thränen." ,, „Nochmals, nehmen Sie sich in Acht! Sie halten mich für schwach, waffenlos und vertheidigungslo». Sie könnten sich täuschen." „Ich wiederhole Ihnen, Madame, daß es Ihnen nicht gelingen wird, mich einzuschüchtern." „Sie hören also nicht diesen Lärm, diesen Tumult? Das sind die Tamboure, die herankommen." „In der That, das ist sonderbar. Sollten dis Preußen bereits in der Stadt sein?" murmelte der Baron. Ünd mit sichtlicher Befriedigung fügte- er hinzu: „Unsere guten Freunde, die Feinde, kommen gerade recht, um dieser dummen Geschichte ein Ende zu machen und mir einen anständigen Vorwand zu geben, mich von diesem langweiligen Mädchen zu verabschieden." „ , , t , „Es sind nicht die Preußen," sagte Herminie triumphierend. „Es sind die Patrioten, die Verdun befreien kommen." mL ... „Die erwarteten Verstärkungen! Nein, das ist nicht möglich. Lafayette ist in der Macht der Oesterreicher, Du- mouriez ist im Lager von Maulde okkupirt, Dillön von den Alliirten gekauft, es gibt also keine Verstärkungen. Von wo eigentlich?" „Sie sollen es erfahren!" „ , , Und die Thür des Oratoriums öffnend, sagte Herminie zu einer Frau, die sich mit zwei kleinen Kindern im Neben- zimmer befand: „Treten Sie ein, Madame, und theilen Sie dem Herrn von Lowendaal mit, was dieser Trommellärm bedeutet, der die Stadt erweckt." VIII. Die Ankunft der Freiwilligen. Eine junge Frau von gewinnendem offenen Aussehen erschien. Sie grüßte militärisch und sagte, indem sie den Baron mit Aplomb anblickte: „Zu Befehl, Catherine Lefebvre, Marketenderin vom 13. Regiment- Sie wünschen zu wiffen, was es gibt? Nun, das ist das Bataillon, von Mayenne- et-Loire, das soeben in Verdun einzieht, mit einer Compagnie vom 13., die mein Mann, Franyois Lefebvre commandirt. Nicht wahr, Fräulein, das ist für alle Welt eine Ueber- rafchung." „Das Bataillon von Maysnne-et-Loire," murmelte der Baron enttäuscht. „Was will es hier machen?" „Was wir machen wollen?" sagte Catherine. „PotzSRebacHott: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (P'etsch & Scheyda) m Gntzen. . tausend, den Preußen Eins aufhauen, die Patrioten beruhigest und die Aristokraten durchklopfen, wenn sie nur Miene mache«, sich zu rühren." „Gut gesprochen, Madame," sagte Herminie, „fügen Sie nun den Namen des Commandanten der Freiwilligen von Maysnne-et-Loire hinzu. Das wird dem Herrn Baron Vergnügen machen." „Unser Commandant heißt Beaurepaire." „Beaurepaire," wiederholte der Baron erschreckt. 1 , „Ja, mein Bruder, der eine Stunde vor seinem Ein« zuge in die Stadt diese tapfere Frau zu mir schickte, um mich zu benachrichtigen und zu beruhigen," sagte Herminie, deren blaffes Gesicht vor Freuds purpurroth geworden war. „Man könnte meinen, daß Sie das ein bißchen ärgert, Väterchen," rief Catherine Lefebvre, indem sie dem bestürzten Baron vertraulich auf die Schulter klopfte. „Sie sind also kein Patriot? Na, dann geben Sie Acht, denn die Aristokraten, die von Kaputilation reden, haben von uns nichts Angenehmes zu erwarten." „Auf wie hoch beläuft sich die Anzahl der Freiwilligen?" fragte der Baron ängstlich. „Vierhundert, außerdem die Compagnie Lefebvre, meiner Mannes, das macht im Ganzen fünfhundert Hofen, die die Stadt in Aufruhr bringen werden.. Paffen Sie nur auf!" Die Physiognomie des Barons war wieder ruhig geworden. 1 „Fünfhundert Mann, das Unglück, ist nicht so groß als ich fürchtete. Diese fünfhundert Wahnsinnigen werden die Stadt nicht halten, können, besonders wenn die Bevölkerung, gut bearbeitet, mit aller Gewalt die Kapitulation fordert... Das schlimmste ist die Anwesenheit -dieses Beaurepaire. Wie kann ich mich seiner entledigen?" Mittlerweile hatte Herminie eines der beiden Kinder herbeigeholt, die sich im Nebenzimmer befanden. Sie führte eine kleine blaffe und furchtsame Blondine herbei und sagte zum Baron: „Das ist Ahrs Tochter. — Wollen Sie sie umarmen?" n Eine Grimasse verbergend, beugte sich Lowendaal zu dem Kinde herab, und drückte einen raschen Kuß auf dessen Stirn. ■ , Das Kind ängstigte sich und begann zu weinen. De stürzte aus dem Nebenzimmer ein kleiner mit einer Freiheits- mütze und der Nationalkokarde bekleiteter Knabe herauf, U auf das kleine Mädchen zu und suchte sie zu-beruhigen, •» dem er zu ihr sagte: „Weine nicht, Alice, ■ wir werden um bald gut unterhalten. Gleich werden die Kanonen zu fchieM ansangen: Bum! Bum! Da» hört sich lustig an.". (Fortsetzung folgt.) Literarisches „Der «lein der Weisend Inhalt des zuletzt ausgegebenen 15. Heftes: „Von der Sprache"; „Eine Mustersternwarte (mit Ml Abbildungen); „Ueberzüge auf Metalle, Glas und Porzellan ; „■£>< erste Schmalspurbahn in Rußland" (mit vier Abbildungen);. „Schwamm im Walde" (mit zwei Abbildungen); „Landwirthschastliche Mittheilungen/ Ferner die kürzeren Referate (mit zusammen neun Abbildungen): Reiten auf der Rennbahn", „Verschiedene Fahrräder", „Compah-Sonmn uhr", „Ueber geschnittene Steine und Münzen", „Städtepläne aus all« Welttheilen" (Bordeaux, London, Manchester, Birmingham), „Vom Lese tisch", „Astronomischer Kalender" und „Briefkasten". Der reiche: uni vielartige Inhalt der vortrefflichen populär-wissenschaftlichen W (A. Hartlebens Verlag, Wien) ist so allgemein anerkannt, daß hierm > keine weiteren Worte zu verlieren sind. * , * Nichts sortwerfen! Das reich illustrirte und in den RomaB wie feuilletonistischeu Beiträgen gleich fesselnde neue (24.) Heft der tf liebten Familienzeitschrift ,Z«r Guten Shtafce* (Berlin - Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Preis des Vierzehntagshesil 40 Pfg.) enthält einen Artikel, der ganz besondere Beachtung verd» „Nichts fortwerfen!" lautet die Mahnung und der Verfasser füf)» einer großen Reihe von Beispielen aus, daß auch die sogenannten , fälle noch einen erheblichen, oft ungeahnten Werth besitzen UM vm J nach langen Jahren der Nichtbeachtung zu einer Quelle des ReichtP geworden sind.