üirdliei; 6 Killer ®Me£Sk* I .... jL -V "•' g vfess^ , pV; — '■• -t?;: ; ■ ;ä« '**y;^* WMLMW M?2LM1MLL ^-2^. %. ?^<“v&£i KW W-MÄLMWU HWLMM MMßM Untrrhaltimgsbtelt pim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Die Tochter des Meeres. Sternen Mn Ä. Stieel«. (Sortsetznng.) XXXIII. Graf Treville blieb seinem Worte treu. Alles, was er angeordnet, wurde so genau beobachtet wie in einem Kloster. Doch war eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Alle seine Diener sahen cs und einige der älteren und bevorzugteren sprachen untereinander davon oder zeigten es durch Zeichen, Worte und Blicke, die vielleicht eine doppelte Bedeutung hatten. Und unter diesen war der kühnste und doch auch der vorsichtigste der alte Diener des Grafen, der ihn in früheren Jahren auf seinen Reisen begleitet hatte. Dieser Diener Namens Ponsford war wohl einer der wenigen seiner Klasse, dis sich so lange und ununterbrochen de« Grafen Gunst erfreuten. Er war schweigsam, zurückhaltend und, wie die Erfahrung lehrte, seinem Herrn in allen Lagen treu und ergeben. Einige Wochen nach der Ankunft der beiden Damen war er eben dabei, die Toilette seines Herrn für das Mittagessen zurechtzulegen, als der Graf so plötzlich und doch so geräusch- los eintrat, daß der Diener heftig erschrack- ,U11 «dVas ist Ihnen, Ponsford? Man sollte meinen, Sie hätten ein Geheimniß zu verbergen," bemerkte Graf Treville «nli*? Kacheln, das man nur selten auf seinem strengen Gesichte sah. „Vielleicht ist es auch wirklich so, Mylord, und ich werde es so lange als möglich verbergen," lautete die bedeutungs. bannte^ntwort' welche die Heiterkeit von des Grafen Antlitz . »24 kenne Ihre Treue recht gut, Ponsford," erwiderte der Graf, indem er sich auf seinen gewöhnlichen Platz setzte, ebensogut, daß ich sie zu schätzen weiß, denn Sie sind da» einzige menschliche Wesen, das mein Vertrauen hat und das ohne eigennützige Gründe Interesse an mir nimmt." h-ben recht, gnädiger Herr," erwiderte der alte ^treuherzig „doch wenn Miß Retta Sie liebgewönne, Ihnen ein ^ost, könnte sie wie eine Tochter zu „Nie! Ich glaube, wenn sie vernünftiger erzogen worden wäre, hätte sie vielleicht ihr eigenes Interesse besser wahrgenommen. Doch so ist sie hart wie ein Kieselstein und flatterhaft wie eine Feder. Sie kann mir stets nur ein Aerger- niß sein, bis irgend ein unglücklicher Thor, von ihrer Schönheit und ihrem Reichthum geblendet, sie heirathet. Doch, Ponsford," fuhr er fort, „ich würde die Hälfte meines Ver» mögens für ein Kind hingeben, wenn ich ein solches besitzen könnte. Durch Nettas Hiersein hat sich das ruhelose Sehnen vergrößert, daß es mich noch tausendmal mehr nach Liebe und Gesellschaft verlangt." „Es ist schade, jammerschade!" sagte der Diener nachdenklich. „Was ist schade, Ponsford?" „Daß der gnädige Herr keinen Sohn hat," lautete die Antwort. „Einen Sohn! Ich würde mit viel weniger zufrieden sein: Ich würde mit größter Liebe an einer Tochter hängen, wenn mir dieses Glück zu Theil geworden wäre- Ponsford, während ich Anderen kalt, hart und gefühllos erscheine, quält sich mein Herz mit der Erinnerung an die Vergangenheit." „Das ist nutzlos, Mylord. Genießen Sie lieber die Gegenwart nach besten Kräften," lautete die Antwort. „Es ist unmöglich, die Vergangenheit zurückzurufen, und auch wenn dies möglich wäre, würden Sie es vielleicht bereuen-" „Ponsford, es ist nicht unmöglich! Warum sollte ich nicht die Verbannte wiederfinden und meinen Fehler wieder gut machen können?" Ponsford sah seinen Herrn an, al» fürchte er, derselbe habe den Verstand verloren, und sagte dann leise: „Der gnädige Herr vergißt gewiß, daß sie ... ich meine ... Sie wissen, daß Ihnen nicht nur ihr Tod angezeigt wurde, sondern Sie sind auch im Besitze ihres Todtenscheins. Sie können doch nicht an der Echtheit dieses Documentes zweifeln?" „Nein, nein," versetzte der Graf. „Doch es war ein Kind vorhanden ... das können Sie doch nicht bezweifeln, Ponsford . . . obwohl ich nichts Näheres weiß. Ich weiß gar nicht, ob es ein Knabe oder Mädchen war und was später aus ihm wurde . . . Ponsford," fuhr er in leisem, erregtem Tone fort, „ich habe ein nicht zu unterdrückende« Verlangen, mehr darüber zu erfahren. Können und wollen Sie e« über- nehmen, darnach zu forschen? Es würde nur Ihre treuen Dienste vervollständigen." Der Diener blickte ihn bestürzt an. „Sie sprechen doch nicht im Ernste, Mylord?" sagte er ungläubig. „Das wäre doch entschieden ein wahnsinniger Versuch!" „Und warum?" fragte der Graf mehr im Tone eines Bittenden, als eines Befehlenden. „Aus den verschiedensten Gründen, Mylord. Bedenken Sie erstens den Scandal, den es verursachen müßte, wenn es bekannt würde, was doch unvermeidlich wäre. Und dann würde es Ihnen auch wenig Trost gewähren, wenn Sie des Kindes Legitimität nicht beweisen können. Mylord," fuhr er mit fester Stimme fort, „lassen Sie sich rathen. Um der Kindes selbst willen möchte ich Sie bitten, eine solche Idee aufzugeben. Sie würden nur Kummer verursachen, wo jetzt vielleicht Glück und Zufriedenheit herrscht." Der Graf überlegte einige Augenblicke. „Rein, Ponsford, nein!" sagte er dann. „Sie irren! Wenn das arme Kind lebt, kann ich das Unrecht, das ich ihm zugefügt habe, wieder einigermaßen gut machen. Ich habe keine Ruhe, bis ich es wenigstens versucht habe. Und wenn Sie den Auftrag nicht übernehmen wollen, so werde ich selbst gehen. Ich werde krank, wenn ich noch länger diese ruhelosen Nächte und diese Tage voll bangen Sehnens durchwachen soll. Wollen Sie mir die letzte Bitte abschlagen, die ich vielleicht an Sie richte? Ja, die Bitte," fuhr er fort, „denn wenn wir auch Herr und Diener sind, so gibt es doch Dienste, die sich durch kein Geld erkaufen lassen- Treue und Pflicht lassen sich nicht bezahlen." „Es ist gegen meine Ansicht, Mylord, aber wenn Sie dazu entschlossen find, habe ich nichts weiter zu sagen. Selbst gehen sollen Sie nicht, so lange James Ponsford die Kraft hat, dem Auftrag zu folgen. Aber erst sagen Sie mir, was ich thun soll, um zum Ziele zu kommen." „Ich werde Ihnen vertrauen, wie Sie es verdienen," versetzte der Graf. „Sie wissen, daß die unglückliche Bianca einer Frau Namens Falkner anvertraut wurde, die damals im südlichen Frankreich lebte, sich aber später auf meinen Wunsch in Deutschland niederließ. Ich glaube, daß Bianca starb, bevor Frau Falkner dort ankam, daß aber das Kind lebend geboren wurde ... so viel wurde mir wenigstens mit» getheilt, um, wie ich glaube, sich der Summe zu versichern, die ich für die Erziehung des Kindes versprochen hatte." „Und der Herr Graf haben sich nicht versichert, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war?" „Nein! Ich wollte es gar nicht wissen, weil ich damals vor Schmerz und Unglück halb wahnsinnig war, denn mein strenger Vater hatte mir erklärt, daß er meine unebenbürtige Ehe, die ich heimlich in Frankreich mit Bianca geschlossen, nie anerkennen und mich enterben und seinem zweiten Sohne die Grafschaft zufallen würde, wenn ich die Ehe mit Bianca nicht lösen würde." „Ja, es war ein entsetzliches Unglück," bemerkte leise der alte Diener und wischte sich eine Thräne aus den Augen, „denn das Herz der armen Bianca brach, als sie von des seligen Grafen Fluch und Enterbung des erstgeborenen Sohnes hörte, wenn dieser seine Ehe mit ihr nicht löse." „Und ich Unglückseliger, ich hatte nicht den Muth, auf Reichthum und hohen Titel zu verzichten, und verließ Bianca, die doch meine Frau war." „Es war ein schreckliches Verhängniß, an welchem Sie, gnädiger Herr, wohl nicht Schuld waren," entgegnete der Diener, „denn Gott weiß es, wie schwer es Ihnen wurde, fich von der armen Bianca zu trennen." „Aber mein Kind, mein Kind will ich wieder haben," schrie der Graf fast überlaut vor Schmerz, „denn an diesem habe ich ein großes Unrecht gut zu machen." „Was in meiner Macht steht, das soll geschehen, um das Kind ausfindig zu machen," sagte der Diener, „aber ich werde sehr vorsichtig zu Werke gehen, denn diese Frau Falkner könnte ja damals - es sind wohl fast zwanzig Jahre her — । ein anderes Kind angenommen haben, um hie große Er- ziehungssumme zu erhalten, und das wirkliche Kind des gnädigen Herrn ist vielleicht schon mit der armen Bianca gestorben." XXXIV. »Miß Cora, Sie sind wohl so gut und unternehmen mit den jungen Mädchen einen Spaziergang im Park," sagte M Minchin eines Tages zu Cora. Die Dame hatte bald erkannt, von welchem Nutzen bi; Dienste der neuen Lehrerin ihr waren. Es war ein groß« Vortheil für sie, daß sie den Eltern ihrer Zöglinge sag« konnte, sie habe eine junge Deutsche für Sprachen und Muß! engagirt. „Ich thue es ungern," erwiderte Cora fest. „Kann Miß Evans heute nicht mit ihnen gehen?" „Wie kommen Sie auf eine solche Idee?" versetzte bi> Schulvorsteherin heftig. „Glauben Sie, ich hätte Sie oh«, Empfehlungen und unter für Sie so günstigen Bedingung« engagirt, damit Sie mir jetzt in dieser Weise entgegentreter sollen? Miß Evans Aeußeres ist durchaus nicht dazu an> gethan, meiner Schule Ehre zu machen und ich wünsche, daß Sie sich sofort bereit halten und mit den jungen Damen aiw gehen, bis die Erholungsstunde vorüber ist. Sie versteh« mich? . . . Und noch mehr! ... Ich wünsche, daß Sie dazu Toilette nach besten Kräften machen, wenngleich ich gestch/, muß, daß Sie wenig paffende Kleider besitzen, trotzdem/-' Ihnen Ihren ersten Vierteljahrsgehalt vorausbezahlte." Miß Minchin schwieg und Cora neigte mit ihrer gen* lichen stolzen Anmuth den Kopf und verließ das Zimmer. Die Schulvorsteherin fühlte fich ihrer neuen, jungen Lehrerin gegenüber entschieden nicht sicher. Das Mädchen hatte trotz ihrer abhängigen Stellung etwas so Stolzes unb Vornehmes in ihrem Wesen, daß Miß Minchin sich vergebe,» bemühte, den unfreiwilligen Zauber, der Cora umgab, ju brechen. Cora ging in ihr bescheidenes Stübchen, das taw fo groß war wie ihre Garderobe in Villa Faro, und begann ihrs einfache Toilette- Der kleine Zug der von Cora geführten Schülerinnen setzte sich in Bewegung und kam bald in die Gärten von Regents Park- Hier herrschte ein munteres Treiben. Eine große, eit' bedeckte Fläche zog die Aufmerksamkeit Aller auf sich. Herr« und Knaben, Damen und junge Mädchen flogen auf ihre« Schlittschuhen schnell an den bunten Gruppen der Zuschauer vorüber und am reizendsten nahmen sich die hübschen junger Damen aus, die sich in phantastischen Figuren auf dem Eiß umherdrehten, hin und wieder einen leisen, koketten Schreckens ruf ausstießen ober auch der Hilfe bedurften, um nicht mij der glatten Eisfläche zu fallen. Dieses ganze Schauspiel wir Cora völlig neu und für den Moment war sie von dem A blick wie geblendet. „O, sehen Sie, Miß," machte eine ihrer Schüler!« sie aufmerksam, „sehen Sie dort die junge Dame mit b» schönen Hut und dem Sammetcostüm .... läuft sie B wundervoll? Und der junge Herr neben ihr . . . wie W er ist I Ich bin überzeugt, daß es sehr vornehme Leute "> Glauben Sie nicht auch?" Cora nickte stumm mit dem Kopfe und bedeutete bat junge schwatzhafte Dämchen durch eine Bewegung, daß sie m dem Ausplaudern ihrer Ansichten etwas zurückhaltender fein sollte. Trotzdem hatte die kleine Schwätzerin wohl recht, denn das betreffenbe Paar sah sehr elegant, sehr vornehm aus uno Cora beobachtete es mit nicht geringem Jntereffe. Nach einer kurzen Weile jedoch trennte sich das Paar. Der junge Mann schien in der Menge einen Bekannten zu entdecken und nachdem er feiner schönen Begleiterin einige Worts zugeflüstert, lief er davon, während sie sich auf bem Platze, wo sie sich befand, künstliche Bogen und Figuren an»' führend, allein amüsirte. , Dann wurde sie, wie es Cora vorkam, ungeduldig - M bte längere Abwesenheit des jungen Mannes und begab sich nach einer abgelegeneren und weniger belebten Stelle des Eises. Cora hätte unmöglich sagen können, was sie trieb, sich ebenfalls der Seite zu nähern, der sich die junge Dame zu- gewendet hatte . . . entweder war es das außergewöhnliche Interesse, das sie an der guten Schlittschuhläuferin nahm, öder sie war der Menschenmenge müde. Die schöne junge Dame lief entweder aus Aerger oder Uebermuth dem grau aussehenden dünnen Eise zu, ohne der drohenden Gefahr zu achten- Und in demselben Augenblicke, als Cora sich mit ihren Zöglingen der Stelle näherte, wo die junge Dame endlich in ihrem Lause zum einem Stillstand kam, stolperte dieselbe und fiel . - . dann folgte ein Krach, ein Schrei... und ehe die entfernten Schlittschuhläufer auch nur die Gefahr erkannten, war die junge Dame mit ihren schweren Kleidern unter dem Eise verschwunden. Coras erschreckte Begleiterinnen schrieen laut auf, aber Cora selbst raffte sich nach dem ersten lähmenden Schrecken zu rascher Thättgkeit auf. Sie warf Muff und Schirm auf die Erde und flog mehr als sie lief der Stelle zu, an welcher die junge Dame verschwunden war. Da bemerkte sie, daß sich ein dunkler Gegenstand wieder der Oberfläche näherte und rasch griff sie darnach. Ihre Füße verloren den Halt, ihre Hände erstarrten in dem eiskalten Wasser, aber doch wollte sie die Untergesunkene noch nicht loslassen. Sie fühlte, wie sie selbst sank und dennoch hielt sie die Dame fest ... mit der einen Hand, während sie mit der andern einen schwachen Versuch machte, in dem durch das Lorbrechen des Eises immer größer werdenden Raume zu schwimmen- In krampfhafter Verzweiflung umklammerte sie die Last, die sie hielt- Im nächsten Moment hatte sie ein schwaches Gefühl von einem festen Griff, aber Alles war dunkel und verschleiert- Sie wußte nicht, was weiter geschah, bis laute Fremdenrufe sie aus ihrer Betäubung weckten. sie gerettet . • . lebt sie?" hauchte sie. „Ja, ja ... sie wird sich bald erholt haben," entgegnete ein derber Fischer. „Sie sind ja eine wahre Heldin," fuhr er fort. „Sie sind zur Frau eine« Admirals wie geschaffen, junge Dame. Meinen Sie nicht?" wandte er sich an einen Herrn, der neben ihm stand. „In Bezug auf das Alter nicht gerade, mein braver Bursche," läutete die Antwort. „Man müßte denn jetzt schneller avanciren, als in meinen jungen Jahren. Aber komm', Granville. Was wollen wir jetzt zunächst thun? Soll ich gehen und es Deiner Mutter sagen?" fuhr er zu dem jungen Mann gewendet fort, dessen Unhöflichkeit die ursprüngliche Ursache des ganzen Unglücks gewesen war. „Das wäre mir allerdings lieb, Onkel Fulke," versetzte der junge Mann mit verlegener Miene. „Meine Mutter wird halb von Sinnen sein, wird nicht an Trissas Rettung glauben, bevor sie dieselbe vor stch erblickt." „Ich will mein Möglichstes thun und inzwischen thätest Du gut, Dich um diese junge Heldin zu kümmern und sie zu veranlassen, Deine Schwester nach Hause zu begleiten." „Aber sie kann ja nicht," schluchzte eine der Schülerinnen. „Sie muß mit uns zu Miß Minchin zurückkehren. Ohne sie finden wir den Weg nicht." „Wer ist Miß Minchin und wer ist diese junge Dame?" fragte Sir Fulke, während Granville Digby mit schlecht verhehltem Interesse auf die Antwort wartete. ,Miß Minchin ist unsere Schulvorsteherin und hier ist Mrß Cora vom Meere, unsere deutsche Lehrerin," entgegnete die Gefragte- ärgerlich. „3$ werde Ihnen Jemand zur Begleitung mitgeben und Miß Cora wird Ihnen folgen, sobald ste sich erholt haben wird, erwiderte Sir Fulke ruhig. „Ich werde morgen Ihrer Vorsteherin einen Besuch machen und ihr Alles erzählen. Geben sre ihr diese Karte und ste wird beruhigt sein." Mit diesen Worten reichte er der Schülerin seine iarte, besprach sich mit dem Fischer, der um Cora« willen so viel Eifer zeigte und bewog ihn, die jungen Dämchen nach Hause zu begleiten, sprang dann in seinen Wagen und fuhr so schnell als möglich Fräulein Digbys Wohnort zu. Inzwischen war Cora rasch wieder zu sich gekommen. Sie war kein so zartes, gebrechliches Geschöpf, da« unter den Folgen eines unfreiwilligen Bades oder auch nur des Schrecken« zusammenbrechen konnte. Und lange bevor Trifla Digby ihre schmachtenden Augen geöffnet und hin und wieder tiefe, schmerzvolle Athemzüge gethan hatte, stand ihre Retterin besorgt neben ihr, beobachtete, wie ste wieder zu stch kam und beruhigte sie durch den warmen Druck ihrer Hände und den ermuthigenden freundlichen Ton ihrer Stimme. Abgesehen von dem nassen Kleide und dem verwirrten Haar hätte man nicht ahnen können, daß die junge Trösterin in fast ebenso großer Gefahr geschwebt hatte, wie die Kranke. Und al« Granville Digby sie endlich sehen konnte, zog die Fremde ihn vielleicht mehr an, al« seine eigene Schwester. „Triffa, kannst Du mir verzeihen, daß ich Dich verließ?" sagte der junge Mann, indem er sich dem Stuhle näherte, in welchem die Angeredete zurückgelehnt lag, stch zu ihr niederbog und sie auf die weiche Wange küßte. „Ja," erwiderte sie ziemlich kühl, „wenn Mama Dir verzeihen kann, will auch ich Dir vergeben. Aber, bitte, laß uns jetzt nach Hause gehen. Ich muß ruhen . . . muß mich zu Bette legen." „Und diese junge Dame wird uns begleiten?" sprach Granville mit einem schüchternen Blick auf Cora. „Hast Du ihr gedankt, wie ste es verdient, Trifla?" „Ich kann Sie nicht begleiten," erwiderte Cora rasch. „Ich muß jetzt nach Hause gehen, sonst habe ich Unannehmlichkeiten." „Rein! Das werden Sie nichtI" antwortete Granville entschieden. „Mein Onkel hat schon Alle« für Sie besorgt. Die Kinder sind nach Hause geschickt worden und der Bote wird schon dafür Sorge tragen, daß Sie kein Tadel trifft. Liebe Triffa, fühlst Du Dich wohl genug, um jetzt nach Hause zu kommen?" wandte er sich zu seiner Schwester, die eben versuchte, sich von dem Stuhle zu erheben. „Ja, ja . . . bringe mich gleich nach Hause," lautete die klägliche Antwort. Und langsam, von ihrem Bruder und einigen Fischern unterstützt, ging Triffa Digby auf den Wagen zu, der auf sie wartete. Cora folgte ihr und nach kurzem Aufenthalt fuhren ste nach Park Crercent, der Wohnung von Frau Digby, der ver- wittweten Mutter der Beiden, die auf so seltsame Weise mit Cora bekannt wurden. (Fortsetzung folgt.) Madame Sans GAe. Roman «ach Bictorten Sardou und F. Morr«««. Deutsch von Ldel« Verger. (Fortsetzung-) „Du hast Dich also anwerben lassen, Junge?" sagte der Wächter. „Sehr gut, sehr gut, Du machst es also wie die Andern. Brav! Ich hoffe, Du wirst ein paar von diesen Feinden tödten, nur schade, daß Du nie einen Schuß abgeben konntest! Du bist nicht wie Renöe, die gäbe einen famosen Soldaten ab. Aber es wird schon kommen, Du wirst e« schon lernen. Muth Marcel!" Rense war schwankend, mit plötzlich erblaßtem Gesicht aufgestanden. „Ich verlasse das Land, weil ich nicht mehr unter den Drohungen der Einen und den Beleidigungen der Anderen leben will," fuhr Marcel in wachsender Bewegung fort. - Vater Brisee, ich gehe mit meinen Eltern, die ebenfalls verjagt wurden, nach Amerika." „Wie!" rief Brisse erstaunt, indem er seine Flinte faßen ließ, „Du gehst nicht zur Armee? Guter Gott, was willst Du denn in Amerika thun?" „Ich will, daß Ihr mir gestattet, Renöe, Eure Tochter, als meine Gattin mitzunehmen," sagte der junge Mann mit Energie. „Dort drüben werden wir eine Familie gründen, dort drüben werden wir unter den großen Bäumen in der Einsamkeit glücklich werden." Renöe war auf Brisöe zugeeilt und rief: „Ja, Vater, komm' mit uns nach diesem Amerika, das ich nicht kenne, das aber sehr schön sein muß und das ich schon liebe, weil Marcel sagt, daß es sich dort so gut leben lasse I" Der Forstwart war erregt aufgesprungen und apostro» phirte seine Frau, die unbeweglich, als hätte sie nichts gehört, fortfuhr, ihre Nadel mechanisch durch den Stoff zu ziehen. „Das sind schöne Sachen I Renöe nach Amerika führen! Heiräthen! Nun, was sagst Du dazu, Alte?" „Ich sage, daß das Dummheiten sind," antwortete sie mit scharfer Stimme. „Es ist Zeit, daß das ein Ende nimmt. Brtsöe, Du mußt den beiden Turteltauben erklären, wie die Sache steht. Sie wissen nicht, daß sie nicht zusammen» paffen. An Dir ist's, sie aufzuklären." Brisöe enthüllte nun Renöe, daß sie die Tochter des Grafen von Surgöres sei und . nicht die Frau eines Müllersohnes werden könne. Ueberrascht und bestürzt verwünschte Renöe diese adelige Abstammung, die ihrem Glücke ein Hinderntß wurde, aber sie sagte sich auch, daß ihr Vater, der sie der Sorge fremder Leute anvertraut hatte, weder über sie verfügen, noch sie hindern könne, sich dem Manne, den sie liebe, hinzugeben. Durch ihre unregelmäßige Geburt stand sie außerhalb der Gesellschaft — warum sollte sie die Grenze nicht endgiltig überschreiten? Damals wehte der Athem der Revolution überall und legte die Keime von Freiheit und Unabhängigkeit in die ruhigsten Geister, selbst in die Seele eines so jungen Mädchens wie Renöe. Marcel jedoch überlegte. Die neue Lage Renörs warf alle seine Pläne über den Haufen und brachte ihn außer Fassung. Der Adel, dem Rerwe angehörte, erschien ihm zwar ebenfalls als kein ernstes Hinderniß, denn die Revolution hatte alle Privilegien abgeschafft und alle Menschen für gleich erklärt. Aber Renöe war reich, sie durfte nicht, wie sie e» wollte, dem Sohne eines ruinirten Müllers folgen: was in ihren Augen nur Liebe und Jugendfeuer war, mußte für schlaue Berechnung von seiner Seite gelten. Rein, er durfte das Opfer Renöes nicht annehmen, er mußte allein nach Amerika. Sein Entschluß war rasch gefaßt und er wollte seine Absicht, aurzuwandern, erklären, al« an die Thür geklopft ward. Mutter Brisse ging öffnen. Bertrand Le Goöz erschien. Er war mit der Schärpe umgürtet und von zwei Com- miflären begleitet, die Hüte mit trikoloren Federn und die Abzeichen von Municipaldelegirten trugen. Als Brisse sein Erstaunen über den Anblick der drei Personen ausdrückte, wandte sich Le Goöz zu einem der Commiffäre und sagte, indem er auf den jungen Mann deutete: „Bürger, das ist Marcel! Thut Eure Pflicht!" „Ihr wollt mich verhaften?" sagte Marcel erstaunt. „Was habe ich gethan?" „Wir wollen Dich einfach fragen, Bürger, ob es wahr ist, daß Du im Begriffe bist, auszuwandern, Dein Vaterland und Deine Fahne zu verlaffen, so wie Dein Vater erklärte?" „In der That, ich hatte diese Absicht." „Ihr hört es!" sagte Le Goöz triumphirend und die Commiffäre zu Zeugen nehmend. „Du willst also auswandern? Die Waffen gegen Dein Vaterland ergreifen? Weißt Du nicht, daß das Gesetz äöö - alle bestraft, die in einem solchen Augenblicke desertiren? Antworte!" ' ixx desertire nicht, ich emigriere nicht, ich kann blei nicht länger hier leben. Die Armuth verjagt mich und di Meinigen. Ich will unter einer anderen Sonne Arbeit und Freiheit suchen!" ’ „Die Freiheit ist unter der Fahne der Nation zu finden- fuhr der erste Commiffär fort. „Was Arbeit anbelangt, i, wird die Nation Dir welche geben. Du bist Arzt,ß hat v uns gesagt?" „Ich werde es bald sein, nur ein Diplom fehlt * noch . . . »Du wirst es erhalten — im Regiment." „Im Regiment? Was wollt Ihr damit sagen?" „Wir haben eine Requisitionsordre für Dich," fprai oer zweite Commiffär. „Unseren Armeen mangelt es Aerzten, und ich und mein College sind beauftragt, solch herbeizuschaffen." w Er reichte dem überraschten Marcel ein Papier. „Unterschreibe, und in vierundzwanzig Stunden hast in Anger» zu sein. Im Depot wird man Dir sagen, welchen! Corps Du zugetheilt bist." ! „Und wenn ich nicht unterschreibe?" „Verhaften wir Dich sofort als Widersetzlichen, ch Auswanderungsagenten, und schicken Dich nach Anger«, M ins Gefängniß. Vorwärts, unterschreibe." Marcel zögerte. Goöz wandte sich blinzelnd m ta Commiffäre» und sagte halblaut: „Ihr hättet mir N« folgen und ihn gleich verhaften sollen. Er wird nicht *• schreiben, das ist ein Aristokrat, ein Feind des Volkes!" Renöe trat mittlerweile auf Marcel zu, ergriff die geb«, A