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April. Vn> Vr^V ea V V amilieiwlcdteF lesener Unterhaltungsölalt ^iiui Gießener Anzeiger (General Anzeiger). 4-' Unebenbürtig. Roman von H. von Ziegler. (Fortsetzung.) Stettens Auge ward sehr ernst, aber milder, er kämpfte offenbar schwer mit sich, dann aber siegte sein besseres Empfinden und er streckte freimüthig dem Grafen die Rechte hin. „Sie haben meiner Tochter einen großen Dienst geleistet und ich kann es Ihnen nicht vergelten, sondern Ihnen nur allein den warmen Dank des Vaters bieten." Und Wildenstein ergriff die ihm bargebotene Hand mit festem Drucke und sagte: „So haben Sie sich doch überwunden, Stetten, mir die Hand zu reichen. Das ist mein schönster Augenblick inmitten eines öden, freudeleeren Lebenri Leben Sie wchl, auch Sie, mein gnädiges Fräulein, ich werde diese Stunde niemals vergessen!" Und mit einer tiefen Verbeugung gegen Nora ging er, völlig übersehend, daß auch sie ihm die kleine Hand geboten, festen Schrittes hinaus. Nachdenklich schaute Stetten ihm nach, denn dieser Mann, den er so redlich gehaßt, begann ihm zum ersten Male Hochachtung einzuflößen. Nur Noras Gemüth blieb bedrückt. Sie mußte immer wieder daran denken, daß Wildenstein dem elenden Rumänen eine Herausforderung zugeschleudert, sie sah im Geiste die beiden Gegner sich auf dem Kampfplatze mit den Waffen in der Hand gegenüber stehen; weiter mochte sie nicht denken, mit einem qualvollen Stöhnen sank sie in die Kniee und verhüllte ihr Antlitz, während die entfärbten Lippen murmelten: „Rudolf! Nur er nicht! Herr mein Gott, sei barmherzig!" Am folgenden Tage zur üblichen Visitenstunde stand Graf Wildenstein in der Villa Porscu und wollte sich bei der Fürstin melden lassen. „Durchlaucht sind bereits ausgegangen," berichtete der Diener. „So werde ich warten. Wenn Durchlaucht wiederkommen, melden Sie mich sogleich," erklärte Graf Wildenstein. Ruhelos, finster und erregt schritt er nun in dem mit verschwenderischem Luxus ausgestatteten Salon umher, dessen weiche Smyrnateppichs den Klang seiner Schritte ausfingen; es war ihm sehr unangenehm, Melanie nicht anzutreffen, denn er beabsichtigte, ihr über den Neffen eine scharfe Lection zu holten. Der Secundant, den er heute früh zu Prinz Porscu gesandt, war unverrichteter Sache zurückgekehrt, da der Prinz nicht zu Hause, auch die vorige Nacht nicht heimgekehrt war. „Ehrloser Schuft," murmelte der Graf vor sich hin und seine Hand ballte sich zur Faust, „hätte ich Dich vor mir, ich würde Dich züchtigen, wie es einem Buben Deines Gelichters zukäme. Eine Kugel ist für solche noch zu ehrenhast — die Reitpeitsche gehört dazu!" Da wurden plötzlich draußen Stimmen laut, eine Schleppe rauschte über den Corridor, die Thür des Nebenzimmers öffnete sich und die Stimme der Fürstin rief: „Komm' mit herein, Gregor, was soll's heißen, daß Du so ganz plötzlich abzureisen gedenkst?" „Je nun, liebste Tante," näselte der Prinz, „ich — ich habe Unannehmlichkeiten gehabt und deshalb, haha, ist's wohl besser, ich kürze meinen Aufenthalt hier ab." „Unannehmlichkeiten? Mit wem denn?" „Ah, eigentlich eine Bagatelle! Ich führte gestern Abend Ihren Vorschlag mit dieser hübschen kleinen Schauspielerin, Fräulein zur Stetten, aus, ließ sie in unserem Wagen nach den „Drei Fürstenkronen" fahren und bestellte dort ein nettes, kleines Souper mit Champagner, um sodann mit ihr zu dem Alten zu fahren und uns als Brautpaar vorzustellen." „Nun ja, das war ja ganz gut; was weiter, Gregor?" „Ah, der Plan mißlang völlig, denn als ich das über meinen kühnen Plan sehr erregte Fräulein, haha, besänftigen wollte, ging mit einem Male die Thür auf und — Graf Wildenstein stand wie ein Donnergott vor uns. Wie er dahin gelangt, weiß ich nicht; genug, die hübsche Kleine stürzte sich in seine Arme und er erklärte mir ziemlich barsch und unhöflich, seine „Nichte" stände unter seinem Schutze. Seine Nichte! Ich bitte Dich, verehrte Tante, wie kommt der Graf zu solcher Verwandtschaft!" Wildenstein, der durch die herabgelassene Damastportisre Wort für Wort der Unterhaltung mit anhörte, kochte der Zorn in den Adern, aber noch hielt er an sich. «Aber gewiß, bester Gregor, er hat recht, die Schwester des Grafen, ein verzogenes, exaltirtes Mädchen, hatte einen Sänger geheirathet, eben den Vater der kleinen Stetten." - IW - „So! Das wußte ich nicht! Aber es scheint nicht, als rühme sich Wildenstein dieser Leuts, denn noch neulich beim Bazar hat er die hübsche Kleine nur ganz förmlich angeredet." „Du hast Deine Sache nicht gut gemacht, mein Lieber," unterbrach die Fürstin ihren hoffnungsvollen Neffen streng, „es wäre mir sehr lieb gewesen, wenn Du auf eine feinere, geschicktere Art Fräulein Nora dazu bestimmt hättest, Deine Frau zu werden. Sie hat Geld und Du nicht. Zudem würdest Du die ehelichen Fesseln Dir nicht allzuschwer gemacht yuutn« „O nein," lachte der Prinz selbstgefällig, „dazu habe ich mehr als ein gutes Beispiel um mich her. Aber ich habe mit dem Grafen böse Worte gewechselt und — diese fatale Duellsache ist störend. Ich hätte sonst jedenfalls noch versucht, Fräulein Nora umzusttmmen; so aber reise ich mit dem Einuhrzuge ab." „Hm, entschuldige Dich brieflich bei dem Grafen. Das Ganze war ja nur eine Bagatelle, ein Scherz." „Das meine ich auch. Keine andere Schauspielerin würde aus der Sache solch' Aufhebens gemacht haben; sondern es ist übrigens für dieses kleine Fräulein doch eine ganz besondere Ehre, Fürstin Porscu zu werden." „Das fragt sich noch," tönte von der Thüre her eine zornbebende Stimme, und zwischen der halboffenen Pottiöre stand Graf Wildenstein, drohend, bleich wie ein Gespenst. Tante und Neffe fuhren erschrocken zurück. Dann wollte die erstere vermittelnd dazwischen treten, doch Graf Wildenstein beachtete sie gar nicht. „Es fragt sich sehr," fuhr er verächtlich fort, „ob ein anständiges Mädchen gewillt ist, die Gattin eines solchen Rouö, eines ehrlosen Buben zu werden, dem der Ruf eines Weibes nur eine Bagatelle scheint." „Herr Graf, ich ahnte nicht Ihre Anwesenheit," stotterte Gregor blutroth, „es ist nicht ehrenhaft, Menschen zu be- lauschen." „Die von ehrlosen Angelegenheiten sprechen, sollten Sre sagen, mein Bester. Drß ich Sie noch einmal zu sprechen bekomme, ist mir lieb, denn Sie scheinen durchaus nicht gewillt, die Waffen mit mir zu kreuzen." „Ich bin — ein principieller Gegner des Duells." „Weil dasselbe Ihr kostbares Leben gefährdet- Und diesen Menschen, Durchlaucht, wollten Sie für die Tochter Derjenigen haben, welche Sie einstmals Freundin nannten?" „In dem Punkte, lieber Graf, stehe ich völlig auf Ihrer Seite; wer seinen Namen, seine Familie nicht achtet, der existirt für mich nicht!" „Sonderbare Logik! Und dabei wollten Sie den Prinzen Porscu mit einer bürgerlichen Schauspielerin verheirathen! Daß aber jener niedere Plan, Nora zu überrumpeln, von Ihnen ausging, Melanie, hätte ich doch nicht für möglich gehalten." »Ich — ich liebe — diese beiden Kinder und — da ich um Gregors Leidenschaft für Nora wußte erklärte die Fürstin zitternd. „Leidenschaft beglückt niemals, besonders eine so elende, gemeine, wie die Ihres liebenswürdigen Neffen " „Geh' hinaus, Gregor," befahl die Fürstin erregt, „ich habe mit Graf Wildenstein zu reden." „Mit Nichten, Durchlaucht. Wenn der Prinz nicht Fräulein zur Stetten in meiner und ihres Vaters Gegenwart um Verzeihung bittet, so erkläre ich ihn für ehrlos, mag daraus entstehen, was immer will. Solch' einen Bubenstreich verzeiht ein ehrlicher Mann nicht." Der Prinz wollte auffahren, er zitterte wie Espenlaub, aber die Fürstin legte ihre Hand auf seinen Arm und antwortete hastig an seiner Stelle: „Vergeben Sie dem armen Gregor, liebster Graf! Er wird noch heute Ihrem Wunsche nachkommen und sich entschuldigen." „Es soll mich freuen," sagte Wildenstein finster, ,,ich aber, Frau Fürstin, habe zum letzten Male die Schwelle eines Hauses betreten, in dem so niedere Gesinnungen herrschen und ohne Scheu ausgeführt werden." Er ging dröhnenden Schrittes, die Thür fiel hinter ihm zu und die beiden Zurückbleibenden sahen sich erstaunt, verblüfft in's Gesicht. — — Eins Stunde später fuhr die Fürstin Porscu zu Fräulein zur Stetten; als sie einstieg, griff sie boshaft lächelnd noch einmal in die Tasche und murmelte vor sich hin: „Daß ich nur mein kostbares Billet nicht vergesse, es soll den Ausschlag geben, denn seit vorhin ist eine Ahnung in mir aufgestiegen. Dieser wunderliche Graf sprach so eigenthttmlich von der Schauspielerin, seiner „Nichte", hahaha! daß nur eine Erklärung denkbar ist: er hat sich in sie verliebt I Seine Ansichten haben eine völlige Umwälzung seit früher erfahren und vielleicht steht er es wie eine Buße an Theresens Andenken an, wem i er das Mädchen — aber nein, das will ich wohl Hintertreiben! ? Ich gebe die Hoffnung, ihn zu gewinnen, noch nicht auf, wenn ; schon Gregors dummes Benehmen Alles erschwert hat. Alse ■ vorwärts! Mit solchem Schauspielervolk will ich schon fertig I6 werden." Verwundert und beunruhigt hörte Nora den Namen der Besuches und beeilte sich, die im Wohnzimmer harrende Fürstin sogleich aufzusuchen. Zur Stetten, der sich heute gar nicht ; wohl fühlte und über heftige Kopf- und Gliederschmerzen ! klagte, rief ihr von der Chaiselongue, auf welche er sich ge- i streckt, noch nach: „Wenn Du mit der Dame allein nicht i fertig wirst, so rufe mich, Kind; ich komme, um ihr über den * Neffen die Wahrheit zu sagen." „Ach, mein liebes, gutes Fräulein Nora!" Mit diesem l zärtlichen Ausrufe eilte die Fürstin auf das eintretende junge । Mädchen zu, das sich refervirt verneigte. „Ich komme heute sehr, sehr bedrückt zu Ihnen und baue ganz auf Ihr gute« Herzchen, welches einem Tollkühnen vergeben soll." „Ich weiß, wen und was Euer Durchlaucht meirm" antwortete Nora kühl und zurückhaltend, „und denke, es wohl besser, die ganze Sache mit Stillschweigen zu übergehen- Ein Ehrenmann hätte niemals so gehandelt — und mit un> mündigen Knaben bin ich nicht gewohnt, in Berührung zu kommen." Sie warf den Kopf stolz zurück und bot der Fürstin einen Platz auf dem Sopha an, so entging ihr deren feindseliger Blick. „Nun, nun, nicht so schroff und hart, mein Kind," b- gütigte Fürstin Melanie, als sie in die Kiffen gesunken roat, „bedenken Sie nur immer Eines, daß Gregor Sie liebt und für sein Leben gern Sie gewinnen will." „Ich bedaure lebhaft, doch ist es mir völlig unmöglich, diese Gefühle ru erwidern." „Gras Wildenstein ging zu schroff vor. Uebrigens, war hatte er eigentlich in jener Gegend zu suchen? Es war sehr spät und durchaus nicht mehr Zeit zum Spazierengehen. Vielleicht führte ihn irgend ein Stelldichein dorthin." „Der Graf handelte wie ein Mann und Cavalier- Sie geben übrigens zu, Durchlaucht, daß Ihr Neffe sehr tactlor gehandelt hat. Wie konnte es der Prinz wagen, mich heimlich in eine Weinstube fahren zu lassen. Eine solche Beleidigung würde ich kaum dem Manne vergeben, den ich liebte, nie aber einem, der mir völlig gleichgiltig war — nun verachte ich ihn natürlich." „Mein armer Neffe! Er wird untröstlich sein und die Kugel Wildensteins. bei dem noch heute stattfindenden Duelle suchen." Der Versuch des intriguanten Weibes gelang völlig, Nora schnellte geisterbleich von ihrem Stuhl empor, sie bebte am ganzen Körper. „Das Duell; also findet es doch statt! O, ich bin untröstlich ! Durchlaucht, seien Sie barmherzig, suchen Sie es z» verhindern!" Boshaft lächelnd neigte sich die Fürstin vorwärts, ihr stechender Blick suchte den des jungen Mädchens. „Für wen zittern Sie, meine Liebe? Doch nicht für den Grafen? Das wäre vergebliche Mühe; glauben Sie mir, er ■ denkt nicht an Sie, trotz jenes ritterlichen Meisterstücks - 199 denn er liebt mich schon längst, das kann ich Ihnen im Ver- trauen mittheilen." Armes, zückendes Mädchenhrrz! Konntest Du drefen höhnischen Worten denn mehr glauben, als den halblauten, innigen jenes ernsten Mannes, der Dich so treu beschützt? — Nora blickte zu Boden, ihr war's, als risse eine Saite in ihrer Brust, die nie wieder ganz werden könne. „Sie beehren mich mit einem Vertrauen, Durchlaucht, welches ich keineswegs begehre. Die Herren sind mir — beide gleichgiltig, nur der Gedanke regt mich auf, daß um meinetwillen Blut fließen soll." „Es lag ja ganz an Ihnen, es zu verhindern, mein Fräulein," meinte die Fürstin kalt, „hätten Sie, als der Graf eintrat, ihm erklärt, Sie seien des Prinzen Braut „Nimmermehr, gnädige Fürstin, lieber tobt unter der Erde, als Ihres Neffen Gattin!" „Aber ich bitte Sie, meine Beste, Sie bedenken gar nicht, daß wir, indem wir Sie in unseren Familienkreis aufnehmen, alle Vorurtheile, die sich an — Ihren Stand knüpfen, völlig außer Augen laffen; solch' ein adelsstolzer Charaeter, wie Graf Wildenstein, würde gewiß niemals eine Heirath mit — einer Schauspielerin eingehen." „Ich weiß es, Durchlaucht. Das Beispiel mit — seiner eigenen Schwester bestätigt diesen seinen Charaeter." „Ah, Sie wiffen natürlich nm die Sache! Er hat sich aber stets geschämt, als — Ihr Oheim aufzutreten." „Ich würde.den Grafen auch nie als solchen anerkennen," zitterte es von dm bleichen Lippen des Mädchens. Schwarze Schatten sanken nieder vor dem Bilde des stattlichen Mannes, der so treu und edel an ihr gehandelt, die Einflüsterungen der Fürstin drangen tief, vergiftend hinein in des Mädchens weiches Gemüth. Es sollte ja Alles aus sein zwischen ihr und dem Grafen — sie wollte ihn nie, nie wiedersehen! „Und Sie wollen wirklich das Duell nicht verhindern, Fräulein zur Stetten, indem Sie sich für Gregors Braut erklären?"' fragte die Fürstin, sich zögernd erhebend. „Bedenken Sie wohl alle Consequenzen, solche Partie bietet sich Ihnen nicht alle Tage." „Ich weiß es," entgegnete sie bitter, „und dennoch muß ich auf die rumänische Fürstenkrone Prinz Gregors verzichten- Die bürgerliche Schauspielerin hält sich zu gut für solche Ehre und ich wiederhole meine vorigen Worte: Ich verachte einen solchen Mann, auch wenn er ein Prinz ist, denn seine hohe gesellschaftliche Stellung legt ihm erst recht Ritterpflichten gegen die Damen auf." „Nehmen Sie sich in Acht, meine Beste, dieses Urtheil dürste Ihnen theuer zu stehen kommen. Im Uebrigen meinte ich es gut mit Ihnen, wollte Sie protegiren und in die Kreise, in d e Sie gehören könnten, hinaufziehen, aber ich sehe, daß ich mich täuschte. Leben Sie wohl und denken Sie an mich; ich habe Einfluß bei den verschiedensten Personen — und werde nicht ermangeln, denselben nun gegen Sie anzuwenden."! Nora stand unbeweglich. Als die Dame sich der Thür näherte, verneigte sie sich nur steif, ohne zu sehen, daß aus dem Pelzmantel derselben ein Brief zur Erde glitt. Kaum hatte sich die Thür hinter der Fürstin geschloffen, da faltete das schöne Mädchen krampshaft die Hände und blickte zum Himmel auf. „Ich danke Dir, Herr Gott, daß auch das vorüber ist! Er liebt sie und — und — ich war eine Thörin!" Sie brach in krampfhaftes Weinen aus, um sie her schien sich Alles zu verfinstern und ihr ganzer Lebensmuth war wie gebrochen. Die Thür öffnete sich, Stetten trat ein und legte liebevoll den Arm um die schluchzende Tochter. „Mein armes, armes Kind, was hast Du? Was haben sie mit Dir gemacht?" „Ich soll den Prinzen heirathen!" schrie sie leidenschaftlich. „Ihn, der mich beleidigte und wie eine Dirne behandelte ! Es soll eine Ehre für mich sein, daß er mir seine Hand bietet — o, und ich Haffe sie Alle — Alle! Ich war eine Thörin 1" Stetten seufzte schwer, er fühlte sich körperlich so krank 4 und elend, und des geliebten Kindes Schmerz marterte ihn mit tausend Folterqualen. „Sei ruhig, mein Liebling," sagte er erschöpft, „sie sollen Dich nicht beleidigen, noch bin ich da. Was kümmert Dich jene rumänische Fürstin und ihr sauberer Neffe; Niemand fragt in der Residenz viel nach ihnen, während Du Aller Liebling geworden bist. Komm', weine nicht mehr, Du be« trübst Deinen armen kranken Vater." „Bist Du krank, Papa?" fragte das junge Mädchen erschrocken und sofort versiegten ihre Thränen. „O, wie bin ich egoistisch, daß ich nicht an Dich, sondern nur an meinen Aerger gedacht. Mözen die bösen Menschen doch thun und laffen, was sie wollen, ich habe Dich und will sür Dich ganz allein nur leben." Liebevoll geleitete sie den Vater in sein Zimmer und machte es ihm im weichen Lehnstuhl bequem, er fühlte sich immer elender, ein starker Schwindel gesellte sich zu seinen Schmerzen, so daß Nora, ernstlich beunruhigt, zum Arzt sandte, der sein baldiges Kommen versprach. Als das junge Mädchen, um ihre Rolle für den Abend nochmals zu durchlefen, ihr Zimmer betrat, fiel ihr Blick auf das Billet am Boden, welches die Fürstin Melanie dort unbemerkt verloren hatte. Was war das? Wem gehörte dasselbe? Sie nahm es auf, es hatte keine Adresse und halb mechanisch enfaltete sie es. Aber plötzlich vergrößerten sich ihre Augen, ihr Äthern stockte, sie ward todtenbleich bis in dis Lippen. Die wenigen Zeilen, welche das Papier bedeckten, lauteten: „Ich komme heute Abend nach dem Theater zu Dir, obschon mich eigentlich „Macbeth" nicht anspricht. Hoffentlich sind wir allein und können unsere Zukunftspläne besprechen, denn ich will nun nicht mehr länger auf das Glück an Deiner Seite warten, theuerste Melanie. In heißer Liebe Dein Rudolf." „Rudolf," wiederholte Nora halb bewußtlos; wie oft hatten ihre Lippen den Namen gehaucht in die stille Nacht hinein und nun las sie ihn als Unterschrift unter dem Liebesbrief an jene Frau! Wahrscheinlich mochte das Billet der Fürstin entfallen fein, vielleicht, nein, jedenfalls suchte sie es voller Unruhe. Eine unedle Regung erwachte in der Seele des armen Mädchens, sie brach das Billet zusammen und steckte es zu sich; nein, die Empfängerin sollte es nicht mehr sehen, mit ihr hatte sie völlig abgeschlossen, denn die ihr durch Melanie angebotene „Ehre" lockte sie nun einmal ganz und gar nicht. Der Arzt kam, untersuchte den Kranken, befühlte den Puls und machte ein ziemlich ernstes Gesicht; als er, von Nora gefolgt, das Zimmer verlassen, wandte er sich zu dieser. „Sie müssen den Fall ernst nehmen, mein Fräulein," bemerkte er mit theilnchmendem Blick in ihr blasses Gesichtchen, „ich fürchte, daß sich ein gastrisches Fieber vorbereitet und natürlich ist dabei Gefahr nicht ausgeschlossen. Sollte zum Abend Fieber eintreten, so geben Sie dem Patienten von dem hier verordneten Antipyrin ein halbes Pulver; morgen früh bin ich bei Zeiten wieder hier." Nora war in Verzweiflung- Heute Abend sollte sie auftreten, während der Vater krank lag! Wie würde sie die Ruhe und Fassung zum Spielen haben? Die treue, alte Haushälterin war freilich ganz zuverlässig und abfagen durste Nora nicht in so vorgerückter Stunde. Mühsam die Thränen niederkämpfend, ging sie wieder hinein zum Vater und bewog ihn auch bald durch ernste Bitten, sich in's Bett zu legen. „Ich komme gleich nach dem Theater wieder, Papa," sagte sie, sich zur Heiterkeit zwingend, „bleibe nur ruhig liegen und schlafe ein wenig; ich erzähle Dir dann auch Allerlei." „Bleib' nicht zu lange, Nora," erwiderte Stetten matt, „ich — bin heute recht krank." „Es wird schon besser werden, Papa; Katharina fetzt sich in’s Nebenzimmer, gibt Dir Arznei ober Limonade und wenn Du etwas willst, klingelst Du. Um zehn Uhr ist auch das Theater zu Ende und wahrscheinlich muß ich dann lange aufbleiben, um zu studiren." „Täusche mich nicht — Kind; Du — willst — wachen." — 2W „Im Ernst, Papa, ich habe die Rolle des Klärchen im „Egmont" zu lernen und das geht am besten in der Nacht, wenn es recht still ist." „Mein Liebling! Mein geliebtes Kind! Auf Wiedersehen!" (Fortsetzung folgt.) Gsin-innUtziges. Vertilgung der Engerlinge. Man macht an verschiedenen Stellen im Garten Löcher und füllt dieselben mit Stallmist. Das Ungeziefer sammelt sich in denselben, so daß man es leicht vertilgen kann. Im Frühjahre suchen auch die Maikäfer solche auf und legen ihre Eier hinein. Man muß dieselben dann später mit siedenden Wasser brühen oder den Hühnern vorwerfen. ♦ * Gegen Engerlinge auf Erdbeerbeeten wird empfohlen, Salat zwischen die Erdbeeren zu pflanzen; die Engerlinge sollen diesen vorziehen. Sobald eine Salatpflanze anfängt, welk zu werden, was ein Zeichen ist, daß ein Engerling an der Wurzel nagt, ist sie herauszunehmen und der betreffende Engerling zu fangen. ♦ ♦ Um eine besonders gute Gurrenernte zu erzielen, ist es empfehlenswerth — namentlich für einen leichten, sandigen Boden — die Rillen, in die man die Gurkenkerne legen will, recht tief zu ziehen, und sie zur Hälfte mit Com- post zu füllen. Etwa 14 Tage lang lasse man sie mit dieser Füllung ruhig liegen, erst dann stecke man die Gurkenkerne hinein und bedecke dieselben völlig mit Erde. » ♦ Die Mistbeete und Glashäuser sind fleißig zu lüften; die im Keller oder Zimmer untergebrachten harten Pflanzen können ins Freie, die weicheren Pflanzen dagegen müssen an’S Licht gebracht werden. Die verdorrten oder faulen Blätter werden von den Pflanzen entfernt. Bei dieser Gelegenheit nimmt man die alte Erde in den Töpfen bis auf die obere Wurzelschicht hinweg und ersetzt sie durch eine gute nahrhafte Mistbeeterde. Von Fuchsien, Pelargonien, Heliotropen, Zantaneu und anderen krautigen und holzigen Pflanzen werden Stecklinge gemacht; die Begonienknollen werden heraus» genommen, abgeschüttelt und in gute, frische, fette Erde neu eingepflanzt und warm gestellt; desgleichen die seit Herbst aufbewahrten Knollen und Zwiebeln von Gloxinien, Gesnerien, Canna und Lilien. Wer in nicht günstigem Boden schöne Rosen ziehen will, legt am besten einen Composthaufen an, worin milder Lehm, Rasenerbe und Dungstoffe reichlich vertreten sind, so daß die Pflanzenerde nicht erst gemischt zu werden braucht. Im Sommer wird derselbe öfters mit Mtstjauche begossen und mit Superphosphat überstreut. Wird Abtrittsdünger immer stark mit Erde vermischt, so gibt er einen außerordentlich wirksamen Rosendünger. Der Gummibaum wird durch Stecklinge vervielfältigt. Man schneidet Triebe von 4 bis 6 Blättern vom Mutterstock und läßt sie nach Entfernung der untersten zwei Blätter einige Tage trocknen. Darauf steckt man sie in Weinflaschen, die mit Regenwaffer gefüllt sind und zwar so, daß die Schnittfläche 2 bi? 5 Centimeter im Wasser zu stehen kommt. So werden sie an das Fenster gestellt. Rach einigen Wochen sind dem Stengel entlang einige Wurzeln erschienen. Jetzt erst werden sie gepflanzt und ihnen wiederum ein Platz am Fenster angewiesen. * * Gelernten Dompfaffen muß man während und nach der Mauser die erlernte Melodie öfters in der gleichen Tonlage, als wie sie vom Vogel in gleicher Weife vorgetragen wird, vorpfeifen, da er dieselbe leicht vergißt oder wenigstens zu stümpern anfängt. iwd V-rmMcht-s. Mißverstanden. Frau: „Jean, mein Mann fühlt sich heute nicht recht wohl — bringen Sie ihm eine Wärmflasche!" — Jean: „Sofort, Rum oder Cognak?" £ * * Aus der Schule- Lehrer: „Wie hieß der germanische Kriegsgott?" — Schüler: „Donner!" — Lehrer: „Richtig! . . Und sein Weib?" Schüler: „Doria." ♦ * * Zart ausgedrückt. Durchlaucht (bei strömendem Regen): „Run, Herr Bürgermeister, was sagen Sie zu diesem Wetter?" — Bürgermeister „Durchlaucht — ’s ist ’n Borsten, thierwetter." Literarisches Alphonse Daudet schien in seinen letzten Werken, durch geistige . und körperliche Leiden gehemmt, ein Nachlassen seiner künstlerischen Kraft I zu verrathen; in seinem neuesten Roman, „La petite Paroisse“, zeigt i sich dieser feinste und am meisten französische unter allen modernen l franzvschen Erzählern wiederum auf der vollen Höhe seiner Kunst und seines unvergleichlichen Talentes. Unter d-m Titel „Die kleine Kirche" veröffentlicht jetzt die bekannte Halbmonatsschrift fremden (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) eine Uebersetzung dieses ebenso unterhaltenden als künstlerisch vollendeten Romans, die, soweit man nach dem Vorliegenden urtheilen darf, den ganzen pikanten Reiz des Originals meisterhaft wiedergibt. Das überaus farbige, frische und anmuthige Charakterbild aus Japan, „Madame Fchrysanthöme" von Pierre Loti, mit dem die genannte Zeitschrift den laufenden Jahrgang eröffnete, ist inzwischen zuEnde gegangen ; die beiden großen Romane „Wassili Tjorkin" von P. Boborykin und „Teß" von Thomas Hardy entwickeln sich zu breit angelegten, überaus fesselnden Culturgemälden, die sich wirkungsvoll von einander abheben. Die kleinen Erzählungen, von denen jedes Heft bekanntlich eine bringt, zeichnen sich durch OriginalWt und Mannigfaltigkeit aus; den Preis verdienen: „Ein Frühlingstraum', aus dem Neuisländischen, von Gestur PÄsson, die „Stria", aus dem Italienischen von.Antonie Fogazzaro, der „Tscherkeß", aus dem Russischen von Korolenko und „Im Frühling", aus dem Französischen von Guide Maupassant. Die Feuilletonrubrik „Aus Diesem und Jenem" enthält eine Reihe ungewöhnlich geistvoller und origineller Aufsätze erster Autoren wie: „Der Selbstmord aus Liebe" von Lombroso, „Dichtkunst und Dichter in China" von Barthölemy Saint-Hilaire, „Der Journalismus in Japan" von Motoyosi-Saiso, „Das dritte Geschlecht" von Guglielmo Ferrero u. s. w. „Weibliche Anziehungkraft", das prächtige Bild von Hans Dahl, auf dem drei prächtige norwegische Mädchen einen Burschen im Kahn vermittelst eines Seiles an's Ufer zu ziehen suchen, bildet den Hauptschmuck der soeben erschienenen Nummer 16 der „Moder««« Kunst" (Verlag von Rich Bong, Berlin, ä Heft 60 Pfg.). Das Heft ist eine jener Künstlernunrmern, in denen die Eigenart eines Künstlers an einer Reihe seiner Werke gewürdigt wird. Georg Malkowsky benützt die Gelegenheit, an den Werken Hans Dahls zu zeigen, daß es auch nach gesunde, daseinfreudige Künstler gibt, denen das Leben nicht durchaus als ein Jammerthal erscheint. Neber den sonstigen reichen Inhalt der Nummer möchten wir noch besonders die „Augenblicksbilder aus dem Reichstage" von Paul Liman hervorheben. Die bekannten Parlamentarier werden da in zwanglosen Gruppen portraitirt vorgeführt und in kurzen treffenden Worten ohne Rücksicht auf ihre Parteistellung characterisirt. In längerer Ausführung bespricht Georg Buß die Anwendung der Farbe in der Plastik und erläutert unter Hinweis auf ältere und neuere Bildwerke die prunkvolle Verwendung von Metall und Elfenbein in der Sculptur. „Der Dtein der Wei tu“ eröffnet sein diesmaliges (9.) Heft mit einer gediegenen Studie über „Die Formen der Erdoberfläche," an welche sich eine umfassende Abhandlung über „Hypnose und Suggestion" (mit interessanten Abbildungen nach der Natur) «»schließt. Weiter folgt eine anziehende Skizze über „Farbe und Duft der Blumen", sodann eine Biographie des berühmten deutschen Astrophysikers „Prof. Dr. H. C. Vogel" (mit Porträt), schließlich „Die Einrichtung von Brod- fabriken" (mit Abbildungen) und eine sehr instruetive naturwissenschaftliche Plauderei über „Staub". Eine ansehnliche Zahl kleinerer Mittheilungen (illustrirt mit 17 Abbildungen) vervollständigen den reichen Inhalt des vorliegenden Heftes. Wir haben es wohl nicht nöthig, auf die lobens- werthen Leistungen dieser Zeitschrift (3t. Hartlebens Verlag, Wien), welche sich mit Recht großer Beliebtheit erfreut, hinzuweisen. Jedes Heft bringt Neues und Gediegenes und in Bezug aus die Fülle der Abbildungen scheint die Leitung der Revue über unerschöpfliche Vorräthe zu verfügen. Hetadien: A. Echetzda. — Druck und Beriog der Brühl'schen UmurrfitätS-Buch- und Gteindruckerei (Pietsch & Schehda) in Gießen. 6.