Nr. 114 1895 smMMWer ■' - ■ '■■'■ Ä- NrWIM WWWtz MMW v'.-V. MW MM 7 ,/y m ✓ 7 • -S V°, *- -xÄH.UÄ ,U»terhaltungsbIatl jum Gicßenrr Ameigcr (General Anzeiger). Ihr Vermächtniß. «omon von Maximilian Moegeli» (Fortsetzung.) Als die Frau Müller dann so eiligst angestürzt kam, als stehe das Haus in Flammen, sagte er: „Frau Müller, Sie müssen ganz schnell einmal zum Hutmacher, meinen neuen Cylinder aufbügeln lassen." Die Frau, die noch ganz außer Athem war, fragte überrascht und verwundert: „Den neuen Hut, Herr Ingenieur?" »Ja, ja, Frau Müller, den neuen." „Aber den haben Sie doch erst einmal höchstens eine Stunde lang aufgehabt!" »Ist ganz egal, ganz egal, lassen Sie ihn nur recht fein machen und warten Sie auch gleich darauf. Hier — fahren Sie Pferdebahn, aber recht schnell." Und die Frau schloß die Spindthür und eilte von dannen. „Frau Müller, Frau Müller," rief er ihr nach, als sie bereits die Treppe herunter war, „Frau Müller, ich verreise morgen mit dem ersten Zuge. Legen Sie, bitte, meinen Frackanzug und — und was drum und dranbaumelt heraus, aber Alles recht sauber, recht sauber, hören Sie wohl!" Dann eilte er in das Zimmer zurück. Er breitete seine Arme aus, pfiff den Lagunenwalzer und tanzte regelrecht durch die Stube. „Donnerwetter," sagte er sich, dar Haar streichend und vor dem Spiegel stehen bleibend, „wenn diese Stimmung so weiter geht — na, ich danke schön!" — An der nächsten Straßenecke stand Frau Müller und öffnete jetzt erst ihre Hand. „Zwanzig Mark!" rief sie ganz überrascht, so daß sich ein Vorübergehender umsah. „Zwanzig Mark! Wie ist e» blos möglich! Und mein Herr! Was ist denn mit dem nur los? Hat der schon wieder geerbt; er ist doch ohnehin schon reich genug! Aber zwanzig Mark — von der Seite habe ich ihn denn doch noch nicht kennen gelernt." Der Ingenieur ging zu Tisch und fuhr dann mit dem Dampfer nach der Westerplatte, wo heute die Musik vom 1. Leib-Husaren'Regiment spielte. Viel lieber wäre er freilich heute zu Hause geblieben, aber er hatte es dem Doctor «enzmann und einigen befreundeten Ingenieuren, die mit ihren Familien dort waren, versprochen. Hellmuth hielt sich jedoch nicht lange dort auf. Er fuhr zur Stadt zurück und ließ in einem Blumenladen einen Strauß nach seiner Angabe binden, dann ging er vorsichtig mit den Blumen nach Hause. „So, meine liebe Gertrud, das wäre für Dich," sagte der Ingenieur lachend und stellte den Strauß in ein Glas Wasser. „Aber was wird nun blos der alte Herr sagen, der schneidige Herr Rittmeister; in dieser Situation kann ich ihn mir bei Gott nicht vorstellen! Werde kleine Attaque machen, dann Gurre commandiren und schließlich Halt blasen — wird dem Alten imponiren." Am anderen Morgen fuhr der Ingenieur wohlgemuth zu seiner Braut. Auf der kleinen Station, auf der er ausstieg, blickte er vorsichtig nach allen Seiten, denn er mochte seinem lieben Baumeister heute nicht in die Arme laufen. Hellmuth nahm einen Wagen und fuhr nach Wildenau. Als der Ausstchtsthurm, der an der Nordseite de» Herrenhauses angebaut war, über den hohen Platanen sichtbar wurde, ließ Hellmuth halten, gab dem Kutscher ein Extra-Trinkgeld und sandte ihn zurück. Ungesehen kam der Ingenieur an die lange Mauer. Vorsichtig ging er entlang und am äußersten Ende derselben erblickte er seine Gertrud unter dem buschigen Fliederstrauch. „Guten Morgen, meine Herzenstrude." Und er eilte in ihre Arme. „Ach, wie gut, daß Du da bist, mein guter, guter Karl." „Aber was wird nur der Papa sagen, meine Herzenstrude?" „O, Schatz, von dem kannst Du heute verlangen, was Du willst, denn denke Dir nur, heute in aller Herrgottsfrühe hatte der Papa dicht an des Oberförsters Wald einen sehr starken Rehbock geschossen, weißt Du, der Papa ist darüber so vergnügt — er hat sogar gesungen!" „Ach, das ist ja schön, Trude," rief Hellmuth lachend, „da hat uns ja ein goldener Stern gestrahlt. Und weiß e« auch schon die Mama?" „Ja, ja, mein lieber Schatz. Gestern Nachmittag saß ich in der Tempellaube und stickte, da kam sie zu mir und sprach so lieb von Dir." „Von mir?" sagte Hellmuth überrascht. 454 Dann reichten sie den Kindern, die Hände und Gernud weinte Freudenthränen an der Brust ihrer Mutter. „Nun sagen Sie mir doch, lieber Hellmuth, um Alles in der Welt, wie sind Sie denn heute nur hierher gekommen? Ich stand doch lange Zeit am Fenster und sah weder Sie noch einen Wagen?" sagte von Wildenau nach einer Weile. „Nun, ich kam an der Mauer entlang durch die Pforte, wo der Fliederstrauch steht!" „Ach so," erwiderte von Wildenau etwas gedehnt, „und an dem Fliederstrauch stand dann auch wohl die Trude?" „Ja, Papachen, so war es," fiel Gertrud ein. „Na, siehst Du, Mütterchen," sagte von Wildenau zu seiner Frau und streichelte ihr die Backen, „na, siehst Du — genau so, wie die Alten sungen." „Und da erfuhren Sie natürlich auch vom Rehbock, der Ihnen als Vorposten diente," sagte Herr von Wildenau zu Hellmuth gewandt. „Taktik war nicht schlecht — war ja ordentliche Ueberrumpelung. — Jetzt aber, Trude, eile zur Küche und blase Alarm, aber recht schnell und ein gutes Frühstück, und aus dem Keller von dem Gelbgestegelten — ganz rechts an der Wand." Alsbald servirte der Diener dar Frühstück und Gertrud brachte den gewünschten Wein, und die alte Fröhlichkeit war nun erst recht zu Hause- „Das ist ja heute ein besonderer Tag, der unsere lieben Freunde und Nachbarn recht überraschen wird," sagte der Hausherr und hielt das volle Glas gegen das Licht. „Marcobrunner zweiundsechziger Auslese, ein guter Tropfen zur guten Stunde, mein lieber Sohn." Hell klangen die Gläser, die auf das Wohlergehen und die Gesundheit des glücklichen Paares geleert wurden. Die alten Bäume im großen Park bewegten ihre Häupter und in den Laubkronen war ein Gemurmel, als erzählten stch die Blätter die Neuigkeit, die sie soeben vernommen. — In der Mittwochsgesellschaft hatte die Verlobungsanzeige freudig überrascht. Man war überall erfreut über diese Verbindung und wünschte Eltern und Kindern Glück und Segen aus aufrichtigem Herzen. Hertha wollte sogleich zu ihrer Freundin eilen, aber diese kam ihr schon zuvor. Freudig eilten sich Beide in die Arme und es war eine rührende Scene, diese Umarmung zu sehen. Sie gingen am Bach entlang und sprachen lange und sie durften sich auch ihre Herzen ausfchütten, denn die murmelnden Wellen nahmen innig Antheil an diesem Liebesglück und plätscherten ihren Beifall. „Weißt Du, Hertha, trotz Deiner aufrichtigen Freude finde ich Dich heute recht ernst, auch kommst Du mir so ab> gespannt vor, als wärest Du Tag und Nacht auf der Eisenbahn gefahren. Deine Augen sehen trübe aus, Deine Wangen find bleich, was hat es nur zu bedeuten?" fragte Gertrud besorgt. „Nichts, meine Liebe," erwiderte sie gleichmüthig, ,,e« wird vorübergehen — sei unbesorgt." — Der Baumeister empfing die Anzeige in Dirschau. Ein Lächeln umspielte sein ernstes Gesicht- „Natürlich Hellmuth, wie er leibt und lebt," sagte er, „veni, vidi, vici.“ Am folgenden Sonntage wurde die Verlobung gefeiert. Von Nah und Fern kamen die Verwandten, aber auch die getreuen Nachbarn und desgleichen fanden sich ein. Curt von Walten depeschirte seine Glückwünsche — an der Feier theil- zunehmen war er dienstlich verhindert. Aber auch Heyd konnte zu seinem größten Bedauern nicht erscheinen, denn der Baurath Wiebe hatte ihn zu diesem Tage mit einer Einladung nach Danzig beehrt, die er auch beim besten Willen nicht abschlagen konnte. Auf Wildenau aber ging es lustig her. Die Herrschaften hatten es dort an nichts fehlen taffen, denn sie wollten Verlobung ihre» einzigen Kindes auch entfpre hend feiern- Der rothe Salon war zu einem Tanzsaale umgewandelt und sM und munter drehten sich die Paare im Kreise. Zu Ehren der Tages tanzte sogar der Oberförster mit der glücklichen Bram — ein Ereigniß, das noch keiner von den Anwesenden 86 „Ha, Schatz, von Dir, und da hab' ich ihr das Geheim- niß meines Herzens anvertraut." „Na — und was sagte sie?" „Mama hat sich sehr gefreut und meinte, Du seist ein guter Mensch und ein rechter Mann, ja — und sie hat Dich sehr, sehr gern." t , „Trude — das hat sie gesagt I" rief er erfreut und in den Armen lagen sich zwei glückliche Menschen unter dem buschigen Fliederstrauch. „Nun aber zum Papa, Trude, und halte Dich auch in der Nähe auf. Schnell noch einen Kuß, — so —" und von dannen eilten sie, Karl von vorn, Gertrud von hinten in das Haus. Der Diener brachte bald darauf feinem Herrn eine Karte. „Nanu," sagte dieser, „wer mag denn das nur sein!" Er la» und eilte dem Ingenieur entgegen. „Ach, schönen guten Morgen und herzlich willkommen, Herr Hellmuth; aber was verschafft mir nur zu dieser so ungewöhnlichen Zeit die Ehre?" fragte von Wildenau überrascht. „Bin nur gekommen, Herr Rittmeister, um Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche zu dem starken Rehbock zu bringen!" erwiderte Hellmuth vergnügt. „Donnerwetter! Woher wiffen Sie er denn schon, mein lieber Ingenieur?" rief von Wildenau erstaunt. „Sage ich nicht, Herr Rittmeister, wenigstens vorläufig nicht! Aber es führt mich heute eine fehr ernste Sache zu Ihnen, Herr von Wildenau." „Junger Kamerad! Sie und eine ernste Sache?" fragte er und fing laut an zu lachen. „Lachen Sie nicht, Herr von Wildenau, es ist wirklich eine ernste Sache und wenn Sie mich angehört haben werden — dann werden Sie gewiß nicht lachen." „Nun, dann wollen wir ernst fein und sagen Sie nur in Gottes Namen, womit ich Ihnen helfen oder rathen kann, so viel in meinen Kräften steht — das soll gewiß geschehen, darauf verlaffen Sie sich." Und er reichte Hellmuth die Hand. „Herr von Wildenau, ich bin gekommen, Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten," sagte Hellmuth feierlich. Wie versteinert stand von Wildenau einen Augenblick, dann sagte er: „Ja, davon weiß ich ja auch noch gar nichts, davon habe ich auch gar keine Ahnung." Dann rief er: „Trude, Trude," so laut, daß es durch'« Zimmer schallte, aber Trude war schon da. „Ach nein, Du eigentlich nicht, geh' und ruf' mal schnell die Mama." Und die Mama kam lächelnd und Trude gleich hinterher. „Denke Dir nur, Mütterchen, der Herr Ingenieur Hellmuth hält soeben um die Hand unserer Tochter an. Hast Du — ach nein, Du hast wohl auch nichts dagegen — nicht wahr?" „Nein, nein, mein Herzelchen, ich habe den Herrn Ingenieur sehr gern und ich denke, er wird unser Kind glücklich machen." „Ja, aber wußtest Du es denn schon?" fragte er seine Gattin. „Ja, Herzelchen, gestern Nachmittag hat es mir die Trude anvertraut." „Hm, — aber Du hast doch den Herrn Hellmuth gar nicht lieb, Trude!" sagte er zu seiner Tochter. „Ach, mein liebes Papachen, so von ganzem Herzen." Und sie fiel ihm um den Hal«. „Nun, Kinder, dann habe ich auch nicht« dagegen." Und segnend legten die Eltern ihre Hände auf sie. Mit ernster Stimme sprach Herr von Wildenau: „Der Himmel nehme Euch in seinen Schutz jetzt und immerdar. Nicht immer wird Euch die Sonne so freundlich lachen wie in dieser Stunde, es werden auch ernste Tage kommen und in solchen Zeiten möget Ihr in Liebe und Treue fest zu einander stehen." „Und des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser," sagte Frau von Wildenau. sehen. Herr von Wildenau wogte mit Frau Ribold nach den Klängen des Fledermauswalzer« durch den Saal und Hellmuth folgte mit Hertha Steuer. Aber auch der alte Amtsvorsteher schwenkte mit Frau von Wildenau noch so graciör über's Parket wie der jüngste Fuchs und Niemand sah ihm heute seine 68 Jahre an. Ja, das war eine freudige und glückliche Verlobung; hier sprachen die Herzen mit in Frohsinn, in Liebe und Treue; wie ganz anders war es damals auf Lindenheim I Dreizehntes Capitel. Seit vierzehn Tagen wurde schon fleißig an Herthas Aussteuer gearbeitet, denn der 20. September, ihr Geburtstag, sollte auch zugleich ihr Hochzeitstag sein. Aber an all' diesen Arbeiten zeigte Hertha auch nicht das geringste Interesse, umsomehr aber Tante Doctor. Wer die alte Dame herum- wirthschaften sah, wie sie hinten und vorn und überall sich an diesen Arbeiten betheiligte, der mußte den Eindruck gewinnen, als handelte es sich um ihre eigene Aussteuer, al« wollte sie selbst noch einmal das Eheglück versuchen und Hertha ginge die ganze Sache nichts an. Aber auch ihrem Vater war diese Theilnahmslosigkeit nicht entgangen. Von seinen Büchern sah er wieder hinüber zu den Wipfeln der alten Bäume, seinen Vertrauten; er hielt seinen Kopf in die linke Hand gestützt und sah lange Zeit sinnend hinaus. „Und wie da« Mädchen nur aussieht seit einigen Tagen, als steckte eine schwere Krankheit in ihr. Auch ihr Wesen hat sich ganz verändert. Mitten auf dem Weiher schwimmt herrenlos ihr -Boot; das eine Ruder liegt im Schilf, da« andere am Ufer; das kann nicht so weiter gehen," sagte er halblaut. Er ging hinunter und fragte seine Cousine nach Hertha. „Sie ging unlängst in den Wald," erwiderte diese, ohne sich stören zu lassen. Wieder ging der Oberförster auf sein Bureau, doch die Arbeit wollte ihm heute gar nicht von der Hand gehen. Oed und leer sah es in Herthas Jnnerm aus. Seit jener Unterrredung mit dem Baumeister war ihre Ruhe dahin und doch hatte sie eher das Gegentheil erwartet. „Welch' ein edler Mann, welch' ein edles Herz!" klang es unaufhörlich in ihrem Innern. Tag und Nacht mußte sie daran denken, und wenn sie erschreckt im Schlafe erwachte, so sah sie einen Wagen im Sturme durch die finstere Nacht jagen, sie hörte ihn krachend an einen Baum fahren, sie sah ihn umstürzen, sie schrie — sie wollte helfen und konnte nicht. Oft hatte sie noch kein Auge geschloffen, wenn in ihre Fenster die Morgensonne die hellen Strahlen schickte. Eine Müdigkeit lag auf ihrem Körper, eine Traurigkeit auf ihrer Seele. Und dennoch sagte sie sich: „Es muß sein, Du hast einmal Dein Wort gegeben, Du mußt es nun auch halten, ob e« auch gleich Dein Unglück ist." Und ein solche« stand ihr klar vor Augen. Mit solchen Gedanken ging sie heute, langsam dahinschreitend, in den Wald. Planlos irrte sie eine Weile umher. Plötzlich stiegen andere Gedanken in ihr auf; sie legte ihre Hände ineinander und blickte unverwandt durch das dichte Laub zum blauen Himmelszelt. Hertha gedachte dann der Worte des greisen Pfarrers, die er am letzten Sonntage am Schluffe der Predigt seiner Gemeinde so eindringlich an'S Herz gelegt: „Und wenn Dein Herz schwer ist, wenn Sorgen, Kummer und Herzeleid Dich trüben, wenn Du keine Seele findest, die tröstend Dir Dein Herz erleichtert, dann, mein lieber Bruder, meine liebe Schwester, dann: Befiehl Du Deine Wege Und was Dein Herze kränkt, Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da Dein Fuß gehen kann!" 455 „Er wird auch Wege finden," sagte sie erleichtert, dantt • eilte sie, so schnell es ging, quer durch den Wald, sie eilte vorwärts und immer vorwärts, als jagte sie nach einem bestimmten Ziel. Wohl zwei Stunden lief sie so dahin, dann kam sie an eine Lichtung und der Wald hatte hier ein Ende. Auf einem schmalen Fußwege schritt sie zwischen Wiesen und Feldern dahin und nach zehn Minuten hatte sie ihr Ziel erreicht. Ein stiller Ort lag vor ihr, umgeben von einer halbverfallenen Mauer. An dem Eingang, über welchem die Worte standen: „Hier findet die Seele die Heimath, die Ruh'," blieb sie stehen. Dann öffnete sie langsam die kleine Pforte und schritt nach der ihr wohlbekannten Stelle. Hertha blickte unt sich. Ueberall Ruhe und Friede in der Natur wie auf dem Friedhöfe selbst; nur vom Walde herüber ließ der Kuckuck seinen Ruf ertönen. Auf ihre Kniee ließ sich Hertha am Grabe ihrer Mutter nieder und betete lange und inbrünstig. Dann stand sie auf und heiße Thränen fielen auf den epheuumrankten Hügel. „O, meine theure Mutter," sagte sie mit trauernder Stimme; „ach, wenn Du doch noch lebtest, wie könntest Du mein schweres Herz erleichtern, wie könnte ich es Dir ausschütten. Du würdest meinen Schmerz verstehen und Dein armes Kind in mütterlichen Schutz nehmen. Aber ruh' in Frieden, Du theure Entschlafene — dem Auge fern, dem Herzen ewig nah. Schnell wird die Zeit dahingehen und vielleicht — vielleicht werde ich bald bei Dir sein, bei Dir in einer befleren Welt- Nimm mich in Deinen Schutz, Du zu früh Dahingeschiedene; Du in dem Herrn Entschlafene, begleite mich auf allen meinen Wegen jetzt und immerdar." Leise, ganz leise bewegten sich die Blätter der dichten Traueresche, als wollten sie ihr tröstend sagen: Weine nicht, traure nicht, denn unsere kurze Zeit ist sür die Ewigkeit! Ruhiger blickte Hertha empor und so leise wie der Windhauch den Baum bewegte, sprach sie: „Wollt Ihr mir Trost und Frieden sprechen, Ihr zarten Blätter, Du stiller Stamm, der Du schon so viele Jahre wie schützend Deine Zweige trägst? Willst Du mir Grüße bringen aus tiefer Gruft, da Deine Wurzeln ihren Sarg umklammern? — O, schütze immer dieses theure Grab, bis Alles geht, woher es einstmals kam!" Lange ruhte Herthas Auge wie traumverloren auf dem Marmorkreuz, dann umfaßte sie es und küßte den goldenen Namen ihrer Mutter. — Wieder rief vom Walde herüber der Kuckuck. Hertha pflückte zwei Epheublätter und nahm Abschied von dieser Stätte. Noch einmal blickte sie zurück. „Die Liebe hört nimmer auf," flüsterte sie, dann verließ sie den Ort, wo die Seele die Heimath, die ewige Ruhe findet, den Ort, wo so viele Thränen fließen und — der uns Allen bleibt. Hertha legte die Pforte, die nur in einer Angel hing, wieder in's Schloß und so schnell als sie gekommen, eilte sie von dannen. Als ihre Blicke wieder durch das dichte Laub den blauen Himmel sahen, da war ihr leicht um's Herz, so leicht, als wären stille Ruhe und innige Zufriedenheit dort eingezogen. Sie hatte sich mit ihrem Schickial ausgesöhnt und wollte nun getrost ertragen, was ihr die Zukunft bringen würde. Als Hertha vom Walde aus in den Tannengang trat, kam ihr besorgt ihr Vater entgegen. Er sah sein Kind lächeln, sah sein freundliche» Gesicht und eine Centnerlast fiel von seinem Herzen. „Ich suchte Dich schon seit zwei Stunden, mein Kind, wo warst Du denn nur so lange?" „Aber weshalb suchtest Du mich, mein lieber Vater?" entgegnete Hertha ruhig. „Mir war so bange um Dich, mein Kind, Du siehst leidend aus und fühlst Dich auch wohl krank?" sagte ihr Vater forschend. „Ach, mein guter Vater, mir ist schon wieder ganz wohl, gräme Dich nicht meinetwegen." Und sie fiel ihm um den Hals. 528 i- V-rmriichtes der Ihnen in den und Redaction: A. Scheyda. — Druck Und Verlag der Brühl'schen UniverfiMs-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch & Schehda) in Eießen. fben der Barbier beim „Sie sollten Ihre Firmen« daraufschreiben: Schnitt« Vater« und au thun kö Mann erblickte zu ver Jahre bestrebt, zu emp ten die Erkran bei." Passender Titel. Kunde Rasiren mehrmals geschnitten hat): täfel ändern lassen, statt Barbier waarengeschäft." k 11 n g e 11 derAthmungsorgane her- (Schluß folgt.) ganz s II' och m gehen, Jndiscrete Frage. Oberförster: „Dem Herrn Grafen habe ich heute einmal tüchtig die Wahrheit gesagt!" — Verwalter : „Wie haben Sie denn da« gemacht, Herr Oberförster?" Hygienische Frühherbst-Betrschtnng. Von Dr. Otto Gotthilf. (Nachdruck verboten.) September, der Monat des Frühherbstes, ist gekommen. Wohl bringt er noch schöne, herrliche Tage, sogar oft die klarsten des ganzen Jahres, wo man von der Berge weitschauenden Gipfeln das erhebende Naturschauspiel der ausgehenden und untergehenden Sonne in seiner ganzen berückenden Schönheit am besten genießen kann. Aber er bringt auch naßkalte Morgennebel, welche so leicht durch die Poren der Kleidung bis auf die empfindliche Haut bringen; und die oft sehr kühlen Abende nach sonnenwarmen Tagen rufen bei noch sommerlich gekleideten Leuten meist Schnupfen, Husten und andere Erkältungskrankheiten hervor. Zwar zwickt und zwackt es noch nicht die privilegirten Rheumatiker in den Gliedern, zwar zeigen sich fast nod), nirgends Lungenentzündung oder Diphtherüis, — jene winterlichen Saisonkrankheiten, — doch hört man schon hier und da etwas munkeln von Jnfluenzaanfällen. Wenn man daher sich nicht schon sieht in Stubengefaiigenschaft begeben und sehr bald winterlich - stubensiech werden will, so muß man bei Zeiten sich wappnen und wehren gegen die herbstlichen Witterungsumschläge durch Befolgen des hygienischen Grundsatzes: abhärten, warm anziehen, aber stets frische Luft ein- athmen! Dies ist auch die einzige Vorbengungsmaßregel gegen die Influenza, welche jeden Herbst, sobald das „Erkältuugs- wetter" anfängt, mit unangenehmer Regelmäßigkeit ihren Einzug bei uns hält. Bei ihrem ersten Auftreten, im Herbst 1889, wurde diese „neue Krankheit" mehr mit Spott, als mit Furcht empfangen und mit den mannigfachsten ironischen Namen belegt. Es bot eben die eigentliche Influenza nicht das Bild einer schweren und gefährlichen Krankheit dar, sondern die davon Ergriffenen schienen nur übermäßig verschnupft und erkältet. Erst als langanhaltende Nachkrankheiten und das Emporschnellen der Sterbeziffer allerorten eine erste Sprache zu reden begannen, da verdrängte die Besorgniß jene ansängliche Mißachtung, und jetzt führt man allgemein die Entstehung vieler körperlichen Leiden auf die Influenza als eigentliche Ursache zurück. Als im Jahre 1890/91 die Epidemie ungefähr die Hälfte der ganzen deutschen Bevölkerung befallen hatte, und in Preußen allein Dreißigtausend daran gestorben waren, hoffte man, daß nun, wie bei früheren Epidemien berichtet wurde, die Genesenen und Verschonten für Jahrzehnte eine gewisse Immunität, eine Unempfänglichkeit für die Seuche erlangt haben würden. Diese Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen. Jeden Herbst hat sich seitdem der unerwünschte Gast wieder eingestellt. Mit allem Eifer hat nun die medieinische Wissenschaft darnach gestrebt, ein Heilmittel oder gar Vorbeugungsmittel ausfindig zu machen, aber bisher sind ihre Bemühungen noch von gar keinem Erfolg gekrönt worden. Dies findet seine Erklärung hauptsächlich darin, daß die Influenza an und für sich eigentlich nur das Wesen einer gesteigerten Erkältung hat und erst in ihren Nachwehen einen je nach der individuellen Disposition verschiedenen Verlauf nimmt. Wer von vornherein lungenlahm und schwachbrüstig war oder zu Lungenentzündungen neigte, bekommt als Nachkrankheit fast stets Bronchialeatarrh oder Lungenentzündung und fällt bann derselben sehr oft zum Opfer. Bei den häufig au Verdauungsstörungen Leidenden stellen sich schwere Magenkrankheiten ein, und bei den zur Schwindsucht Beanlagten kommt diese zum jähen Ausbruch. In den Erhebungen, welche das Reichsgesundheitsamt über die Epidemie von 1889 angestellt hat, heißt es hierüber: „Nur ausnahmsweise, hauptsächlich bei geschwächten Personen, ist der Jnfluenzaanfall als solcher zur Todesursache geworden; mittelbar aber, mit Hilfe von Mit- und Nachkrankheiten, ferner durch Verschlimmerung bereits bestehender Krankheitszustände, wurde sie häufiger zur Todesursache. Eine besonders erhebliche Sterblichkeitszunahme währe nd der Epidemiezeit führ- zu sen! Traute Erinnerung. Ein Landstreicher machte vor der Thüre eine« Bauernhause« Rast und wurde unfreiwilliger Zeuge eine« ehelichen Streite«, in dessen Verlaufe die Bäuerin von einem Besen ausgiebige Anwendung machte. Der Vagabund trat in das Zimmer und sprach: „Bäuerin, zieht mir auch etliche mit dem Besenstiel über, da« würde mich lebhast in frühere Zeiten zurückversetzen I" ♦ * ♦ Da« Einzige! Marktfrau (die durchgeseffeneu Beinkleider ihre« Mannes betrachtend): „Schämst Du Dich nicht, Deine Sachen so zu ruiniren?" — Mann: „Du lieber Gott, da« ist ja noch da« Einzige, war ich durchsetzen kann!" j,Äber sage nur, Kind, wo warst Du denn eigentlich?" „D, ich war weit weg, aber rathe nur einmal, Vater." „Su warst gewiß nach Wildenau hinüber?" „Rein, noch viel weiter." „Noch viel weiter! — Nun, dann warst Du wohl in Heidefließ, aber dann hättest Du doch den Wagen nehmen können, mein Kind." „Auch dort war ich nicht, mein guter Vater, aber steh' her! Ich bringe Dir diesen stillen Gruß vom Grabe der lieben Mutter," sagte Hertha und reichte ihm die Epheu- blätter. Kein Wort kam über die Lippen dieses Mannes, dem die Wunde in seinem Herzen wieder aufgegangen, die nie verheilt war und über der nur eine Narbe lag wie ein lichter Schleier. Nimmer gibt fich dieses Herz ganz zufrieden; es wühlt und arbeitet, so lange es lebt. Wohl kehren frohe Stunden wieder, in denen es scheint, als wäre alles Herzeleid vergessen, aber es bedarf oft auch nur eines keifen Anstoßes an die Saiten eines solchen Herzen» und lange schwingen diese hin und her und bitterer Schmerz tönt dann wieder. (Fortsetzung folgt.) Literarisches Letzte Moden, lieber die Herbstmoden 1895 haben sich bie maßgebenoen Fachkreise in folgender Weise geeinigt: Für die Straße englisches Genre, etwas geputzt, für Gesellschaftstoiletten abfallende Achseln, Genre Alt-Wien, bei Concert- und Theatertaillen sowohl anliegende Fatous, eventuell mit Directoire-Revers, als auch Blonsen- formen. Die Blousen werden durch kleidsame Gürtelschößchen variirt. Alle diese neuen Faxons finden wir in Heft 1 der „Wiener Mode", das mit der Gratisbeilage „Wiener Kinder-Mode" über 130 hübsche, practische Modebilder enthält. 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