Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). smiliskKütter ! _r 4 i z -L Donnerstag den 25. April . : X-X ■ J M ÄG ?EM V.?-.8'.? WLM-W A-OHK-^> mW 's'lssSiil888l- ßWW^'M Fviihling! Verjüngt steht vor uns die Natur, Wohin wir geh'n, auf allen Wegen, An Baum und Strauch, in Wald und Flur, Da lacht der Frühling uns entgegen. Und Vogelsang und Blüthenduft Erfüllen ringsumher die Luft. Es schmückt nach langer Winterszeit Mit Grün sich Felder und die Wiesen; Von Schnee und Eis nun ganz befreit, Die Bächlein alle munter fließen; Das Veilchen, unter'm Laub versteckt, So blüthenreich fein Köpfchen reckt. Gezogen von dem fernen Strand Sind nun die vielen Vöglein wieder, Sie brachten Frühling mit in's Land Und singen fröhlich ihre Lieder; Die Lerche trillert in der Luft, Am Waldesrand der Kukuk ruft. D'rum froh hinaus zum grünen Wald, Da soll das schöne Lied ertönen Im herrlich-schönen Aufenthalt Von Frühlingsbotschaft — Frühlingssehnen. Das Echo schall' in Berg und Thal: Frühling wird'» nun doch einmal! Kehr' bei uns ein, du schöne Zeit, Und bring' uns Frieden, Glück und Liebe; Auf allen Wegen weit und breit, Da laß gedeih'« die zarten Triebe; Den Kranken lind're Schmerz und Pein, Dann wird'» für Alle Frühling sein! Gießen, im April 1895. Louis Roloff. Unebenbürtig. Roman von H. von Ziegler. (Fortsetzung.) Fürstin Melanie überschüttete ihre schöne Verkäuferin mit Dank und Bedauern, versprach, selbst zu fragen, wie es ihr ginge, und endlich befand sich Hohenthal mit Nora draußen auf der Straße im wirbelnden Novemberschnee. „Das thut gut," seufzte das schöne Mädchen, tief auf- athmend, „Onkel, ich hätte es drinnen im Saal nicht länger ausgehalten." „Arme Kleine, Du bist angegriffen! Aber Du we-nst, Nora, das kenne ich ja nicht an meinem heiteren, muthigen Mädchen." „Onkel, ach Onkel, weshalb hast Du mir nicht Alles gesagt," schluchzte sie jetzt völlig faffungslo», „ich hätte ihn gehaßt und gemieden — und nun —" „Du sprichst von Rudolf Wildenstein, Deinem Oheim?" „Er ist es nicht," fuhr sie leidenschaftlich auf, „ich habe e» ihm in's Gesicht gesagt, daß keinerlei Beziehungen zwischen uns bestehen können und — und — daß —" „Daß Du ihn hassest, wie es Dein Vater befahl," vollendete Hohenthal streng; „für ihn mag es wohl schwer sein, zu vergeben und zu vergessen, aber Du, ein Mädchen, solltest doch eher suchen, mit sanfter Hand zu mildern und zu versöhnen. Mein armer Freund Graf Wildenstein thut mir unsäglich leid, wenn ich ihn auch damals eben so sehr ver- urtheilte." Nora schwieg, auch in ihrem Herzen sprach eine Stimme genau so wie der Onkel; sie empfand, daß er recht habe. „Du reisest schon morgen, Onkel?" fragte sie nach einer Pause gepreßt. „Ja, mein Kind, ich muß endlich heim." „So werde ich Dich zur Bahn bringen; ich muß Dich bis zuletzt haben." Innig schauten ihre schönen Augen ihn an; er war für sie mehr noch, als der Vater, wennschon derselbe sie zärtlich liebte; denn Stetten hatte seit Theresens Tode eine Reizbarkeit und Bitterkeit angenommen, die den Verkehr mit ihm häufig erschwerten. 194 ”■ So war denn der Bazar im Porscu'schen Hause mit schrillem Mißklang zu Ende gegangen; einsam saß Nora in ihrem Stübchen, heiß und unaufhaltsam rannen ihre Thränen und immer von neuem flüsterten ihre Lippen den Namen Des« jenigen, den sie heute so schwer gekränkt: „Rudolf, Graf Wildenflein." „Er hat meine Mutter hinausgestoßen und ich will auch nicht» mit ihm zu schaffen haben," murmelte sie, aber es waren nur leere Worte, ihre Seele empfand unsäglichen Schmerz dabei. Heute Abend hatte sie aufzutreten als Julia; sie meinte, all' die süßen Liebesworte vergessen zu haben, meinte, daß nur verzweifelnde Seufzer von ihren Lippen gleiten könnten. Der Vater hatte genau nach Allem gefragt, ob der Gral dagewesen sei, ob sie ihn habe fühlen lassen, daß sie keinen Verkehr mit ihm haben könne, und als sie mit gesenkten Augen die ganze Scene erzählte, da lachte er spöttisch auf: „Recht fo, mein Kind, er wird einsehen, daß auch die Schauspielerin ihren Stolz hat und die hochgeborene Verwandtschaft nicht braucht. Es wird ihm gewiß nie einfallen, sich vor den Menschen Deinen Oheim zu nennen." „Ich habe keinen Oheim, der Graf Wildenstein heißt," hatte sie abermals mit zuckenden Lippen und hochgehobenem Köpfchen gesagt, dann aber war sie hinübergeeilt in ihr Zimmer, um dem Vater die Thränen nicht zu zeigen, welche unaushalt« sam hervorströmten. O, könnte sie doch fliehen vor seinem ernsten, liebevollen Blicke, vor seinem warmen Worte und dem Druck seiner Hand; heute hatte er nicht mehr wie neulich gesagt: „Auf Wiedersehen I" — Am nächsten Tage reiste Baron von Hohenthal ab, Nora stand am Coups, die Augen voll Thränen. „Lebe wohl, Du lieber Onkel, komme bald wieder." „Werweiß, Kind, jedenfalls rechne ich darauf, Dich und Deinen Vater im Frühjahr bei mir zu sehen. Gott sei mit Dir!" Noch ein Grüßen und Winken hüben und drüben, dann pfiff die Locomotive und die Wagen rollten dahin in die schneebedeckte Landschaft hinaus; traurig wandte sich Nora dem Ausgange des Bahnhofes zu, ohne die hohe Gestalt des Grafen Wildenstein zu bemerken, welche ihr in einiger Ent« fernung folgte. Unten am Bahnhof stand ein geschloffenes Coups, Nora kannte den galonirten Diener, der soeben höflich zu ihr trat, ganz gut, es war derjenige der Fürstin Porscu. „Durchlaucht lassen das gnädige Fräulein bitten, im fürstlichen Wagen Platz zu nehmen," meldete der Mann mit freundlichem Grinsen. Das schöne Mädchen überlegte nur einen Moment, dann stieg sie ein und der Wagen ging im Trabe fort; sie hatte heute Abend nicht zu spielen und es war vielleicht ganz gut, wenn sie die Gelegenheit ergriff, sich bei der Fürstin zu entschuldigen. Wildenstein hatte Alles gesehen. Ohne sich zu besinnen, sprang er in eine offene Droschke und befahl, jener Equipage zu folgen; es hatte ihn eine sonderbare Unruhe erfaßt, als ob ein Geheimniß Nora entführte, als könne und müsse er sie behüten in dieser Stunde, da sie so allein und verlassen stand. Weiter und weiter rollten die Wagen und richtig völlig entgegengesetzt der Porscu'schen Villa. Ein eisiger Schauder durchrieselte den starken Mann, er knirschte mit den Zähnen und verfolgte mit gespanntester Aufmerksamkeit den voranfahrenden Wagen. Endlich hielt derselbe vor einem Wein- Restaurant und auch Graf Wildenstein sprang aus seiner Droschke. „Warten Sie hier auf mich!" rief er athemlos dem Kutscher zu, ihm einen Thaler reichend. „Sie erhalten da» Doppelte, wenn Sie mich nicht im Stich lassen." „Ah gewiß, mein Herr!" schmunzelte der Mann und griff an den Hut. „Sie sind sehr gütig!" Aber der Graf hörte es nicht mehr, hastig eilte er dem erleuchteten Eingänge des Restaurants zu, in dem Nora soeben verschwunden war. Als das junge Mädchen ausstieg, trat ihr Prinz Gregor Porscu lächelnd und verlegen eutgegen. „Ah, mein gnädiges Fräulein, freue mich sehr — haha — den Vorzug zu haben." „Ist Ihre Frau Tante hier?" fragte Nora erstaunt, als sie den Wagen fortfahren sah. „Ich bin völlig unbekannt hier in den Räumen. Was soll ich hier?" „O bitte, treten Sie nur ein, meine Gnädigste; Tante wird — hm — gewiß bald nachkommen." Er war sehr verlegen, aber dabei streifte doch ein ziem- lich dreister Blick die schlanke Mädchengestalt und Noras Her; zog sich plötzlich fröstelnd zusammen. Sie traten ein. Ein Kellner öffnete mit widerlichem Lächeln die Thür eines kleinen, hellerleuchteten Ge naches, in dessen Mitte ein für zwei Personen gedeckter Tisch stand. Schweigend trat dar junge Mädchen ein, ihr Begleiter warf den Mantel ab, hing den Hut auf und sagte dann grinsend „So, meine Gnädig ile, nun sind wir behaglich unter unr. Bitte, wollen Sie nicht ablegen?" „Gewiß nicht, mein Prinz; Sie müssen mir erst erklären, was das Alles heißt und weshalb Ihre Frau Tante mich hierher beschied." „Die Tante — ah — die hat damit weiter nichts zu thun," entgegnete Prinz Gregor sehr dreist, „ich dachte nur, es würde Ihnen ganz lieb sein, wenn — wenn wir uns einmal unter vier Augen kennen lernten und — und — da mir Tante Melanie auch zu diesem Rendezvous rieth —" „So haben Sie sich nicht entblödet, mir eine solche Beleidigung anzuthun," stieß Nora zornbebend hervor. „Schäum Sie sich nicht, Prinz Porscu, über diese ehrlose Händler- weise?" „Ehrlos, gnädiges Fräulein? Meinte Tante sagte mir, daß — daß Sie mich liebten und darauf warteten, mich zu heirathen — und — da dachte ich —" „Was Sie dachten, mein Herr, ist mir völlig gleich. Jedenfalls sind Sie mir schuldig, mich sogleich und in aller Form aus dieser schrecklichen Lage zu erlösen." „Aber, mein Fräulein, ich habe ein Souper bestellt für uns Beide —" „Sie haben sich in Ihren Anschauungen über mich K täuscht, Prinz," erklärte Nora mit leuchtenden, zürnenden Blicken. „Ich sehe in Ihrem Benehmen nur eine empörende Beleidigung, für die ich Genugthuung bei der Fürstin nach- suchen werde." „Tante meint," stammelte der kluge Jüngling, „daß dies Souper der beste Zwang sein werde, mir Ihre Hand zu verschaffen. Ach, Fräulein, ich — liebe Sie wirklich so sehr." „Ich muß sehr bitten, Prinz, diese Situation zu enden," unterbrach die junge Schauspielerin ihn streng, „sonst würde ich gezwungen sein, nach Hilfe zu klingeln." „O nein, Fräulein, Sie sind in meiner Gewalt." Entschlossen trat Nora zurück. „Ich befehle Ihnen, zu entfernen, sonst rufe ich nach Hilfe." Da flog die Thür auf, Graf Wildensteln stand in btt* selben und mit einem Schrei der Erlösung stürzte das junge Mädchen zu ihm hin; ein einziger heißer Blick seiner Augen traf sie. Er nahm die kleinen, bebenden Hände zärtlich in seine Rechte und wandte sich dann zu dem wie mit kaltem Wasser begossenen rumänischen Prinzen, seine Stirnader war furchtbar angeschwollen, seine Stimme klang unheimlich und drohend: „Wissen Sie, mein Herr, wer diese Dame ist, die Sie zu beleidigen wagten?" „Ich — ich wollte die Dame nicht beleidigen, zudem ist dies meine Angelegenheit," stotterte Porscu, nicht wissend vor bebender Angst, ob er höflich oder keck sein solle. „Ich W dies Zimmer gemiethet." „Und ich werde Sie aus demselben hinauswerfen, wenn Sie nicht sogleich gehen," donnerte jetzt der Graf mit Stentorstimme, daß der feige Rumäne erbleichte und sich duckte, „diele Dame ist — meine Nichte und steht unter meinem besonderen - 195 Schutze. Sie werden Fräulein zur Steitsn sogleich Abbitte leisten oder morgen früh meinen Secundanten erwarten." „Ihre — Nichte, Graf Wildenstein?" stieß der Prinz fast kläglich hervor. „Aber — meine Tante sagte mir nichts davon; nur, daß das Fräulein mich so gern — heirathen wolle und — und — da dachte ich —" „Sind Sie denn solch' ein Schooßhund der Fürstin, daß Sie nur thun und denken, wozu Sie animirt werden?" „Ein Schooßhund," schrie da Jener wüthend, „das laffe ich mir nicht bieten! Wir müssen uns schlagen, ich werde Ihnen meine Secundanten schicken." „Vielleicht sollte ich mich mit einem Menschen, wie Sie sind, nicht schlagen, aber sei es d'rum! Fort, aus dem Wege, lassen Sie die Dame vorüber." Hochaufgerichtet, aber noch immer bebend, schritt Nora am Arme des ernsten Mannes hinaus, der sie soeben als seine Nichte anerkannt, trotzdem sie ihm betheuert, daß sie ihn Haffen werde, ihm nie mehr begegnen wolle- Und nun schmiegte sie sich so dicht an ihn, als drohe ihr abermals Unheil, daß er das Zittern ihres Körpers fühlte. Verständnißlos, erstaunt sah der seltsame rumänische Prinz ihnen nach; gleich darauf vernahm er das Rollen eines Wagens und athmete nun erleichtert auf. „Ah, er ist fort und sie mit ihm! Welche Angst ich hatte, dieser finstere Mann könne sogleich mit der Pistole aus mich losgehen! So ist's ganz gut, denn natürlich reife ich noch vor dem Duell ab. Tante Melanies Absicht mit der Heirath war ganz schön, aber doch zu schwer ausführbar, denn der Graf ist gleich da mit Drohungen und er wird sie auch aus» führen. Nein, nein, da gibt's anderweitig auch schöne, reiche Mädchen, die nicht so schwer zu erlangen find. Wäre mir dieser Herr — Onkel nicht dazwischen gekommen, hahaha, dann hätte ich das Fräulein sogleich als Braut umarmt und der Tante vorgestellt. Sie war schuld an dem Plane, denn in meinem Kopfe wäre der wohl nicht entsprungen." Noch immer heftig zitternd, lehnte Nora indeß in den Kiffen des Wagens, während Wildenstein neben ihr saß, ohne eine Silbe zu reden, starr hinaus in das Dunkel der Nacht blickend, aus dem schon hier und da einige Laternen der Stadt aufleuchteten. Es war eine seltsame Situation, Seite an Seite mit dem schönen Mädchen, welches er sogar aus höchster Gefahr rettete, und doch im Herzen fern von ihr. Er fühlte sich stolz und glücklich, daß er es gewesen, der sie befreien durfte, er wartete sehnlichst auf ein Wort von ihren Lippen, und endlich kam es I Leise, zitternd, wie ein Hauch schlug ihre Stimme an sein Ohr: „Ich bin Ihnen vielen, vielen Dank schuldig, Herr Graf." Sein Herz bebte vor Entzücken, aber dennoch beherrschte er sich genug, um ruhig zu erwidern: „Durchaus nicht, gnädiges Fräulein, es war Cavalterspflicht, die ich geübt und nur durchaus selbstverständlich." „Aber daß Sie gerade Derjenigen beigestanden haben, die — die Ihnen so wehe gethan —" Ihre Stimme stockte. Wie gern hätte Wildensteiu ihre kleine Hand ergriffen, um sie zu beruhigen, aber er beherrschte sich vollständig. „Ich kann verstehen und vergeben; Sie beurtheilen die Vergangenheit genau so schroff wie Ihr Herr Vater. Laffen wir das Thema fallen- Wir wollen einander völlig fremd fein wie Menschen, die sich zufällig zum ersten Male getroffen haben." „O doch nicht, Graf Wildenstein, ich schätze Sie mehr, als die anderen Herren, denn Sie sagten mir nie iade Com- pltmente und — und mir thut es am meisten leid, daß ich Sie hassen soll." Ein glückseliger Dankesblick des ernsten Mannes flog zum Himmel auf bei den naiven Worten; ein Licht, blendend und wundersam berauschend, märchenhaft, tauchte in weiter Ferne auf. Ob er eines Tages wohl ihm leuchten sollte! „Wenn ich also nicht Ihr Oheim wäre, Fräulein Nora, würden Sie mich ganz gern haben?" frug er dann plötzlich. „Ja gewiß. Ich habe Sie ganz anders beurtheilt, Herr Graf. Nun ich weiß, wie adelsstolz Sie find — fürchte ich mich vor Ihnen." Er mußte lächeln, dann aber antwortete er ernst: „Sie können nicht begreifen, Fräulein Nora, daß ein Character sich erst im Leben entwickelt. Damals, als — meine theure Schwester, Ihre Mutter, Denjenigen fand, den sie liebte, da verstand ich noch nicht, was eben echte Liebe war. Heute denke ich anders — und würde mich selig preisen, wenn ein paar süße, dunkle Augen mich liebevoll anblicken möchten, ohne auch nur an mein gräfliches Wappenschild zu denken." „Die arme Mama hat viel gelitten, als Sie dieselbe verstießen." „Wissen Sie denn aber, Nora, ob ich nicht auch sehr unglücklich darüber war?" suhr er auf.. „In den Wüstenländern Afrikas, in der öden Fremde quälten mich die bittersten Vorwürfe Tag und Nacht; ich kehrte heim mit dem festen Vorsatz, meine Härte und Engherzigkeit zu tilgen, meine Schwester aufzusuchen und sie von neuem in meine Arme zu schließen. Aber ich kam zu spät. Der Grabhügel wölbte sich schon über ihr und eine klare Kinderstimme rief mir entgegen: Ich habe keinen Onkel." Sie schwiegen Beide in übermächtiger Bewegung. Der Wagen rasselte über das Pflaster der Straße, in welcher Stetten wohnte und plötzlich legte sich eine weiche, kleine Hand in die des Grafen. „Laffen Sie mich Ihnen wenigstens danken, Herr Graf," flüsterte Nora, „ich werde Ihnen diese Stunden nie vergeffen. Aber noch eine Bitte, mir schnürt die Angst das Herz zusammen." „Sprechen Sie, Nora, für Sie thue ich, was in meinen Kräften steht." Noras Herz pochte ungestüm bei diesen leidenschaftlich hervorgestoßenen Worten, eine süße, selige Ahnung drängte sich ihr auf, die aber dennoch nichts von dem „Oheim" an ihrer Seite wissen wollte, und verwirrt stieß sie die Bitte heraus: „Schlagen Sie sich nicht mit dem erbärmlichen Prinzen! Er ist es nicht werth, daß Sie um seinetwillen in Lebensgefahr kommen. Er ist in meinen Augen kein Ehrenmann und noch weniger ein Prinz, sondern ein entarteter rumänischer Bojarensohn." Da beugte sich Wildenstein herab zu dem bebenden Mädchen, sein Blick ruhte tief forschend in ihrem Auge. „Würden Sie denn wirklich sich um mich ängstigen, Nora? Würden Sie um meine Rettung beten?" „Ja, o ja," hauchte sie halb schluchzend, und der Wagen hielt; hochauf athmete der Graf und öffnete den Wagenschlag, um hinauszuspringen und dem jungen Mädchen behilflich zu fein. Hastig warf er dem Kutscher den reichlichen Fuhrlohn zu und trat dann hinter Nora in's Haus; feine Lippen preßten sich fest übereinander, feine Stirn war zusammengezogen und der blendende Glücksstrahl im Auge erloschen. „Sie erlauben, mein gnädiges Fräulein, daß ich Sie selbst Ihrem Herrn Vater wieder zuführe und die Situation in einigen Worten erkläre." Auf das Läuten Noras öffnete Stetten selbst, furchtbar aufgeregt, kreidebleich vor Angst; als er sein Kind aber vor sich sah, wohlbehalten und unversehrt, da breitete er glückselig beide Arme aus und rief: „Nora, mein Liebling! Gott sei's gedankt, daß ich Dich wieder habe! Wo bist Du gewesen? Ich verging ja vor Angst!" Erst jetzt fiel sein Blick auf den Grafen Wildenstein, befremdet trat er zurück, ein eistger Ausdruck prägte sich in seinem Gesicht, doch das junge Mädchen kam ihm zuvor. — „Papa," stammelte sie athemlos, „ich war in einer entsetzlichen Gefahr und — und wenn nicht Graf Wildenstein mich gerettet, wer weiß, wie Alles gekommen wäre. Wir müssen ihm herzlich danken." Der ehemalige Sänger öffnete steif die Thür. „Ich hätte nie geglaubt, daß ich selbst dem Herrn Grasen meine Thür aufmachen würde." „Haben Sie keine Angst, Herr zur Stetten, ich werde wohl kaum ein zweites Mal Ihre Schwelle überschreiten," ä 196 - SNigegnete Graf Wildenstein, „nrrr muß : mittheilen, wie es kam, daß ich das gnädige Fräuü hierher gebracht habe.« Nora jedoch schnitt ihm das Wort vom Munde ab, in« dem sie in fliegender Hast und erregten Tönen Alles schilderte, was fie durchlebt. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Die beste Saatzeit für -ie Ebsen liegt zwischen Ende März bis etwa Ende April. Schnellwachsende Erbsensorten (Früherbsen re.) können aber auch dann noch lohnende Ernten bringen, wenn sie Anfangs Mai grsäet werden. Die frühen Saaten bringen die meisten und vollkommensten Körner. Man lasse jsich hierdurch aber nicht verführen, die Erbsen eher zu säen, bis man den Boden wirklich gut bearbeiten kann. An Saaterbsen hat man im Durchschnitt zu nehmen: bei breitwürfiger Saat 250, bei Drill- oder Reihensaat 180 Liter pro Hektar. Bei leichteren und trockenen Böden vertragen die Erbsen zwar eine Bedeckung von 15 Centimeter, aber es ist dennoch nicht rathsam, sie über etwa 8 Centi- meter tief unterzupflügen. Auf feuchtem und schwerem Boden sagt es den Erbsen besser zu, wenn sie gründlich untergeeggt, als wenn sie tiefer untergebracht werden. Bet Drillsaat haben die Reihen 35 bis 40 Centimeter von einander entfernt zu sein. Um das Lagern der Erbsen zu verhüten, säet man etwa Vs de» Gewichts der Erbsensaat an Pferdebohnen mit aus. O Der geistige Arbeiter, der gerade in den Stunden der Nacht, wo die Sicherheit gegen Geräusche und andere Störungen gegeben ist, seine beste Arbeitszeit sieht, wird für seine Erfrischung nicht gern zu alkoholhaltigen Getränken seine Zuflucht nehmen, denen nach der augenblicklichen Anregung die Ermüdung auf dem Fuße folgt. Das beste Erfrischungsmittel ist eine Tasse kräftiger Bouillon, die sich ohne die geringste Mühe aus kochendem Wasser, etwas Salz, einer Messerspitze Liebigs Fleischextract und einem Stückchen Butter Herstellen läßt. Ihre Wirkung ist eine augenblickliche, und der spätere Schlaf wird so sanft und erquickend sein, wie niemals nach geistigen Getränken. ♦ * ♦ Den Hühnern gebe man vor allen Dingen Gelegenheit zu hinreichender Bewegung und Beschäftigung. Wer keinen passenden Raum für Geflügel hat, soll sich mit der Zucht nicht besaflen und wäre er ein noch so großer Liebhaber. ________ Vermischtes. Verständige Worte einer Hausfrau. Unlängst ging durch die Blätter die Notiz, daß eine Dame von einem Dienstmädchen, das sie miethen wollte, zu wissen wünschte, ob das Mädchen auch keine „Verhältnisse" habe, und deshalb die Frage that: „Haben Sie auch keinen Bräutigam?", worauf ihr die drastische Antwort zu Theil wurde, ob die Madame denn ihren Mann im Tischkasten gefunden habe. Unseres Erachtens war hier unzweifelhaft das Wort „Bräutigam" in dem leider in Berlin vielfach üblichen Sinne von ftVerhältniß" gemeint. Die Angelegenheit kann aber auch anders aufgefaßt werden, und dies thut eine Hausfrau in einer Zuschrift, aus der folgendes wiedergegeben fei: „Warum herrscht diese furchtbare Dienstmädchennoth? Und warum kenne ich an meinen Mädchen niemals dergleichen? Ich bin ein Mensch, und lasse die Mädchen Menschen sein. Das ganze Dienstmädchen-Elend liegt an den Hausfrauen selbst. Weiß das Mädchen, es darf einen Bräutigam haben, so arbeitet es mit Freuden, denn nach sechs Tagen darf es hoffen, wentz Stunden so glücklich verbringen zu können, wie es dis Ham, frau fast tagtäglich thut. Ich gehe in meiner Anschauung so weit, daß ich wünsche, jeder Mädchen hat einen rechtlichen, ordentlichen Bräutigam. Das Glücksgefühl macht sich be- merkbar bei der Arbeit des Mädchens und bringt mir Vorthei! keinen Schaden. Ferner ist es Pflicht der Fräu, dafür z, sorgen, daß dem Mädchen paffende Zeit für sich bleibt, in der es einen anständigen Verkehr mit dem Bräutigam pflege« kann. Ich habe außer Sonntags allen Mädchen erlaubt, einmal in der Woche von 6 bis 8 Uhr mit ihrem Bränti- gam auezugehen. Dadurch vermeidet man das späte Herw stehen an den Treppen oder das Fortlaufen ohne Erlaub^ Ich erhübe nicht blos den Bräutigam, sondern ich wüntz daß er kommt und sich bei mir vorstellt. Er muß regele klingeln, kein heimliches Klopfen oder Zischeln an der The ist erlaubt, und dann behandle ich ihn, wie es sich gehör Er geht nicht in die Mädchenkammer, sondern in die hß Küche; ich setze ihm Bier und belegtes Brod vor (Wir ten den „Bräutigam" kennen lernen, der sich dies nicht (• fallen läßt. Red.) und erlaube ihm, wenn er mir dch würdig erscheint, alle Woche einmal in gleicher Weise wick zu kommen. Noch nie fand ich mein Entgegenkommen schlch gelohnt. Ja, die Mädchen hängen alle an mir, und obgleti auch ich manchmal einen Wechsel vorzunehmen habe und dich für sehr dienlich halte — denn nichts schläfert so sehr ein, al Gewohnheitsdusel, — habe ich noch nie ein schlechtes, m ernsten Fehlern behaftetes Mädchen gehabt. Dagegen habe ij sieben Mädchen bei mir verheiräthet, sogar die Hochzeit y feiert und die erste Kindtaufe, bin Pathin von mehreren dich Dienstmädchenkinder. — Wann wird die große Frage to idealen Dienstverhältnisses gelöst fein? — Noch lange < aber jede Frau soll ihr Scherflein dazu beitragen, bcft « allmählich besser wird, daß wir unsere Mädchen besser miM indem wir sie zu uns heranziehen, Heraufziehen, Mensch sä« lassen!" Literarisches »Deutschlands Sieg« 1870/71. Ein Rückblick auf die M Zeit der Aufrichtung des deutschen Kaiserreiches" betitelt sich die« Major a. D. v. d. Lochau herausgegebene Uebersicht über den i® zösischen Krieg. (Verlag von Reinhold Kühn, Berlin, Mk. IS) Reben einer gedrängten Skizze des allgemeinen Verlaufes des Kwp sind in kurzen Worten die sämmtlichen Gefechte, Schlachten und Beleg® ungen mit den Daten aufgeführt, die größeren mit Angabe lit Streitkräfte und Geschütze, nach dem Stande der neuesten Forschung!«. Eine Uebersicht über die Stärken der Armeen in den größeren Phasen i» Krieges, sowie die Planskizzen, die die Bewegungen der verschiedenenAm« indurchsichtigerWeisewiedergeben, vollenden dieSchrift, dienichtpractW gedacht werden kann und daher von allen Seiten freudigst willkom« geheißen wird. Sie füllt eine oft gefühlte Lücke unserer KriegslittenL aus und ist für Fachmänner und Besitzer größerer Werke über den fcä ein bequemer Wegweiser zum Nachschlagen, für Laien ein belehrend« Studium über den Krieg, ein fast unentbehrliches Handbuch für Les« und Schüler aller Lehranstalten. Seine Majestät hat das BiW huldvoll entgegengenommen, und der Generalstab sich lobend über-* selbe ausgesprochen. Die weiteste Verbreitung ist dem Werke umW zu wünschen, als der gesummte Reingewinn für die Invaliden von liM bestimmt ist. * * Das neueste Heft (4) der unter der Redaction von Berta W Suttner im Verlag von E. Pierson in Dresden erscheinens Zeitschrift »Die Waffen nieder!"' hat wiederum einen maM faltigen und reichhaltigen Inhalt. Wir heben aus demselben W stehendes hervor: Ernst Böhme: Krieg und Christenthum. — 3®®! und die Friedensbewegung. — Fredrik Bajer: Reutralisirung. — pold Kätscher: Auch in Rußland regt es sich. — Auch ein Argun» — Moritz Adler: Polemisches. — Mor. Amster: Ostern! — AdaM v. Majersky: Der größere Held. — Zeitschau. — Gegen die Friedensbewegung. — Gegen den Krieg. — Korrespondenz. — Literarisches. 7 Aus den Fachzeitschriften. — Aus der Presse. — Aus den 8^«» vereinen. — Vermischtes. — Mittheilungen in der Nußschale. —-Wj reichische Gesellschaft der Friedensfreunde. — (Liste der Beiträge.) Briefkasten. Bei reichem Inhalt und vorzüglicher Ausstattung toi „Die Waffen nieder!" jährlich nur 6 Mark. SO «dien: N. Schehda. — Druck und Vertag der Brühl'scheu UniverfitatS-N^ch- und Steindruckerei (Pietsch