Uiilerhaltungsblatt ?«m Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). 1S»5. 'S' -1'v*- V •• v v ammeokikr b Do««erS!agSev24 October .....J -J _z_ WEWAMGMM MZK^WWsrM^TM -^y^vU:vk MWM MWW W MK^K Trug-Glück. Roman von Thekla Hempel. (Fortsetzung.) „Villa Glück." Allein das Glück scheint erloschen, wenn sein Glanz so geschwunden ist, als der der Buchstaben, er ist mir keine gute Vorbedeutung," flüsterte sie leise für sich, indem sie die Aufschrift des Hause» la», öffnete entschloffen die Thür und trat ein, um durch den Garten in die Villa zu gelangen. An dem Eingang derselben stand ein junges Mädchen, anscheinend eine Dienerin, welche sie mit neugierigen Blicken musterte, um dann einige Worte an eine Person in der grün umwachsenen Veranda an der einen Seite de» .Hauses zu richten. Eine auffallend hübsche Dame, vielleicht am Ende der zwanziger Jahre stehend, im eleganten, hellen Sommerkleid von lustigem Stoff, reich mit gelblichen Spitzen besetzt, im goldblonden Haar eine dunkle Rose, trat Elisabeth entgegen. „Sie find Fräulein Kronau?" frug ste und fuhr auf Elisabeths Zustimmung nicht ohne Verlegenheit fort: „Verzeihen Sie, daß ich Sie nicht mit unserem Wagen von der Bahn abholen ließ, mein Mann trug es mir dringend auf, ehe er heute Morgen in die Stadt in sein Geschäft ging; er war gewiß nicht böser Wille, allein eine Einladung — Sie sehen, ich war in Toilettenstudien vertieft, — zerstreute mich." Bei den letzten Worten zeigte sie nach dem Innern der Veranda, wo ein großer Tisch völlig bedeckt war mit Modenzeitungen, Stoffproben, Besatz und Spitzen. „Es thut mir sehr leid, Sie nicht mit dem Wagen abgeholt zu haben, noch dazu bei dem heißen Wetter. Meine Jungfer mag Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Erholen Sie sich dort. Um drei Uhr bitte ich Sie zum Essen herunterzukommen, dann habe ich meine» Gatten Vorwürfe weg." Sie winkte dem Mädchen, beauftragte e», die junge Dame zu begleiten und zog sich nach freundlichem: „Auf Wiedersehen!" zu ihrer wichtigen Angelegenheit zurück. Elisabeth folgte dem Mädchen, ihr schwirrte e» im Kopfe, von Allem, war die redselige Dame ihr gesagt, ohne auch nur mit einem Worte ihre Pflichten, die Leidende, welcher sie Gesellschaft leisten sollte, erwähnt zu haben. Da» Mädchen schien sehr geneigt, eine Unterhaltung anzuknüpfen, fand aber bei der neuen Hausbewohnerin dazu so wenig Bereitwilligkeit, daß sie nur eine Erfrischung servirte und als weitere Dienste abgelehnt wurden, das Zimmer verließ. Das Elisabeth angewiesene Zimmer war ein, wenn auch einfach, so doch sehr behaglich eingerichteter Raum, Alle» sauber und nett, durch die geschloffenen Marquisen klang melodisch da» Rauschen der Bäume, feiner Blumenduft wehte herein. Elisabeth aß einige Bissen, trank einige Schlucke Wein und nahm zu kurzem Ausruhen Platz. Zum zweiten Male in der Fremde unter ganz anderen Verhältnissen, getrennt von allen ihren Lieben, war ste im Begriff, sehr ernste Pflichten zu übernehmen; ob ste ihnen gewachsen war, ob sie nicht mehr versprochen hatte, als ihr möglich war, zu leisten? Was fehlte der Dame? Warum ward sie nicht vor allen Dingen dieser, ihrer wirklichen Gebieterin, vorgestsllt? Die Herrin des Hause» gefiel ihr mit all' ihrer Lebhaftigkeit, fie schien harmlos und voll Herzensgüte und es war leicht, ihr ihre Rückstchtslosig- feit zu verzeihen. Sie hörte Schritte auf dem Vorsaal; berief man ste vielleicht zu der Leidenden oder kam diese selbst, fie zu begrüßen? Richt» von alledem, es ward schnell wieder still. Elisabeth packte ihre Koffer au», machte Toilette und harrte de» Rufe» zum Diner. Punkt drei Uhr bat fie der Diener, nach dem Speisesaal zu kommen. Der Saal lag im Erdgeschoß, auch hier herrschte Gediegenheit in der Ausstattung, wie auf der reich mit S ilber und Porzellan besetzten, mit Blumen geschmückten Tafel. Der Hausherr, ein stattlicher, blühender Mann, begrüßte Elisabeth mit feiner Höflichkeit. Entgegengesetzt von seiner Gemahlin sprach er zuerst von dem, was man von ihr beanspruchte, sobald man Platz genommen. „Unsere Tante, die Schwester meine» verstorbenen Vater», ist viel leidend, seit in der schönsten Jugend ein herbe» Schicksal ste alle» Glücke» beraubte," sagte er. „Gerade jetzt durchlebt sie traurige Erinnerungstage, fie hat sich vollständig zurückgezogen und wünscht Niemand als eine alte, treue Dienerin um sich zu haben; meine Frau bittet Sie daher, ihr 502 Gesellschsst zu leisten, bis unsere arme Tante wieder in zu« gänzlicherer Stimmung einigen Verkehr wünscht." Er mochte wohl den Mienen de» jungen Mädchen ent» nehmen, daß seine Eröffnungen ste mit einiger Sorge erfüllten. Deshalb fügte er hinzu: „Tante ist freundlich und dankbar für jeden geleisteten Dienst, nur lebt sie sehr zurückgezogen, Sie werden mit ihr ein stilles Leben zu führen genöthigt fein." „Von Herzen gern, ich sehne mich nicht nach Vergnügungen," entgegnete Elisabeth lebhaft, „ich will Alles thun, damit der armen Dame meine Nähe nicht störend ist, vielleicht erreiche ich, daß sie mich ein wenig gern hat!" „Aber bedenken Sie wohl, Ste werden oft nur auf sich angewiesen sein," fügte die Frau vom Hause hinzu; ihr mochte solch ein Leben Schrecken einflößen. „Wir leben sehr gesellig, reisen öfter. Die kurzen, trüben Wintertage, die langen Abende werden Ihnen hier in der Einsamkeit oder in Gesellschaft einer sehr ernsten Dame schwer zu ertragen sein, Ste haben in der Großstadt sicher ein ganz anderes angenehmes Leben geführt." „Ich werde mich nicht danach sehnen, ich lernte die Schattenseiten kennen. Ueberdies bin ich darauf angewiesen, mich auf eigene Füße zu stellen, möge ich mir die Zufriedenheit verdienen." Herr Verend warf einen mitleidigen Blick auf das junge Mädchen, so jung, dazu auffallend hübsch, dem Auftreten nach zu urtheilen gewöhnt, sich in den besten Kreisen zu bewegen, und nun auf sich selbst angewiesen. „Haben Sie keine Eltern mehr?" frug seine Frau theil» nehmend. „Das ist ein traurige» Schicksal." „Gott sei Dank, meine Eltern leben beide, aber der Vater ist leidend, ich will ihnen keine Last sein," entgegnete Elisabeth. Die Tafel ward aufgehoben, der Herr fuhr, nachdem der Kaffee eingenommen, nach der Stadt, Elisabeth saß mit Frau Verend im Garten und erwarb sich deren Zufriedenheit durch allerhand Rathschläge über Toiletten-Angelegenheiten. Dann begleitete sie diese durch da» ganze Haus. Da» Erdgeschoß und der erste Stock ward von dem Ehepaar bewohnt und enthielt Gesellschaftsräume; der zweite gehörte der Tante Fräulein Verend. „Die Tante ist die Besitzerin de» Hauses, Alles ist nach ihren Angaben gebaut, trotzdem überläßt sie uns die schönsten Räume, um nicht ganz allein zu wohnen," erzählte die junge Frau. Mehrere Tage vergingen, ohne daß die neue Gesellschafterin ihre Gebieterin kennen lernte. Reffe und Richte statteten dieser täglich einen kurzen Besuch ab, kehrten aber stets mit der Nachricht zurück, Tante sei noch zu leidend, um Elisabeth zu begrüßen. Diese fand ihren Beruf sehr leicht. Sie begleitete die junge Frau auf ihren Fahrten, arbeitete an einer der zahlreichen Stickereien, welche längst der Vollendung harrten und bereitete den Thee, wenn, wie fast täglich geschah, gegen Abend sich Besuch einfand. Frau Verend, stets gleich liebenswürdig, stellte sie ihren Gästen vor, allein der Zusatz „Gesellschafterin" genügte, sie vollständig unbeachtet zu lassen. Stumm saß sie inmitten der lebhaften Unterhaltung, ihr Stolz bäumte sich auf, sie hätte sich gern zurückgezogen, allein ihre Stellung erforderte, daß sie bliebe. Eine» Tages fuhr die Herrschaft au», die Dienerschaft benutzte den freien Nachmittag in ihrem Nutzen; Elisabeth suchte ein verstecktes Plätzchen im Park auf, welches sie längst gelockt; leider vertrieb ste gegen Abend ein Gewitterregen von ihrem grünen Versteck. Jn's Haus zurückgekehrt, benutzte ste die Erlaubniß, den schönen Flügel zu versuchen. Nachdem ste einige große Tonstücke gespielt hatte, verfiel fie auf die Melodie eine» alten Volksliedes. Wenn Herr von Löwen mit ihrem Bruder zum Besuch in ihrem Elternhaus war, begleitete fie gern seine schöne Tenorstimme und diese» Lied gerade sang er oft auf ihre Bitte. S» war eine schöne Zeit gewesen, fie «kannte bitt damals nur nicht in ihrer Slückeszu verficht, fie träumte von einer ganz besondere« märchenhaften Zukunft und e» blieben Schäume! So vertieft in die Vergangenheit, stützte ste den Kopf in die Hände und vermochte nicht, ihren Thränen zu gebieten. Sie bemerkte nicht, daß während ihres Spiels eine ältere Dame leise eingetreten war, eine schlanke Gestalt in einfachem, dunklem Anzug, da» schmale Gesicht zeigte noch Spuren einstiger Schönheit, daneben aber den Ausdruck schweren seelischen und körperlichen Leiden». Erst eine Bewegung der Dame ließ das junge Mädchen erschrocken auffahren. „Ich will Sie nicht stören," sagte die Dame mit milder, etwa» matter Stimme, „Sie sind unsere neue Hausgenossin und wollen mir Gesellschaft leisten. Ich freue mich, daß Sie Clavier spielen, ich höre gern Volkslieder, gerade dieses hat mir alte Erinnerungen geweckt- Aber Sie haben geweint, sehnen Sie sich nach der Heimath?" „Nein, gewiß nicht, ich möchte Ihnen gern nützlich fein, ich bin gern hier." „Nun, so führen Sie mich nach meinem Zimmer, da» Gehen wird mir schwer; und leisten Sie mir beim Thee Gesellschaft." Elisabeth folgte der Aufforderung. Die Dame flößte ihr viel Thetlnahme ein; sie war so tief unglücklich bei allem Reichthurn. Welch' schwere» Leid mochte ihr Lebensglück gestört haben, daß es sich nie wieder vergessen ließ. Seit Jahren schon lebte sie einsam, weltfern- Elisabeth hegte nur den einen Wunsch, ihr etwas sein zu dürfen, in ihrem Schmerz den eigenen Kummer zu überwinden. Mit großer Freude bemerkten ihre Verwandten, daß die Tante sich an Elisabeth schneller gewöhnte, al» fie dachten, und sie lieber um sich hatte, al» je eine ihrer Gesellschafterinnen. Auch das junge Mädchen schien sich wohl zu fühlen in dem Stillleben, es zog sich mehr zurück als man verlangte, besonders jede Geselligkeit möglichst vermeidend. Monate schwanden schnell dahin, der warme Sommer machte dem Herbste Platz. Herr und Frau Verend lebten jetzt mehr denn je gesellig, verreisten auch auf viele Wochen. Elisabeth machte während ihre» einsamen Leben» immer größere Fortschritte in der Gunst des gnädigen Fräuleins; ste war hocherfreut, stet» gute Nachrichten nach Haufe geben zu können, empfing auch von dort die günstigsten Berichte. De» Vater» Befinde« besserte sich, da alle Gemüthsaufreeungen vorüber, feine Ehre in den Augen der Welt hergestellt war. Und die Mutter? Welch' leuchtendes Beispiel gab sie der Tochter al» ein Muster von aufopfernder Pflichttreue, von stiller Fügsamkeit in die so kleinen, bescheidenen Verhältnisse, wie dankbar erkannte jetzt Elisabeth den Segen, zu diesem Mutterherzen flüchten zu können in de» Leben» Leid und Freud. Der Herbst hatte seinen Einzug gehalten mit vielen grauen Regentagen. Der Sturm wehte die Blätter herab von den Bäumen im Park und jagte sie raschelnd durcheinander. Der Gärtner hatte alle Hände voll Arbeit, die kostbaren Pflanzen zu bergen, ehe ein plötzlicher Nachtfrost ihnen Vernichtung drohte. Verbot die Witterung den Aufenthalt im Freien, so herrschte dafür um so fröhlichere» Leben in den weiten, mit eleganter Behaglichkeit ausgestatteten Räumen von Verend« Wohnung. Sie brachten von ihrer Reise eine jüngere Schwester von Frau Berend aus der fernen Heimath mit. Die heitere junge Rheinländerin schaffte Leben in da» Haus. Oft glänzten bis spät in die Nacht die Fenster im hellen Kerzenschimmer, Musik ertönte, die Paare drehten sich im Tanz; ober e» wurden Lustspiele einstndirt, der stet» gefällige Schwager sorgte für Aufrichtung einer Bühne und alles sonst Röthigen, die Mittel gestatteten ja Alle». Oben im zweiten Stock herrschte im Gegensatz zu dem geselligen Treiben unten ein stille» Leben. Oft gebot Fräulein Verend ihre schwankende Gesundheit, ruhig auf einem Sopha 803 liegend, den Tag zu verleben; sie hatte sich schnell an die sorgsame Pflege ihrer jungen Gesellschafterin gewöhnt, diese las ihr vor, sang eines ihrer geliebten Volkslieder; manchmal faßen sie auch des Abends lange bei der Lampe, sie arbeiteten für die Armen und für die Kinder, deren Eltern ihnen kein Christgefchenk zu geben vermochten. Herr Verend beschäftigte in seinen bedeutenden Fabrikanlagen eine große Anzahl von Arbeitern, er war ihnen ein gütiger Herr und sorgte treulich für seine Leute; seine Frau fand trotz der besten Vorsätze wenig Zeit, für die Armen selbst thätig zu sein, so wendete er sich mit seinen Plänen gern an die Tante, sie lieh der Roth stets ein williges Ohr. Trotz Elisabeths entschiedener Weigerung, in dem geselligen Kreise zu erscheinen, ließ Fräulein Lena sich doch die Mühe 1 nicht verdrießen, sie stets von Neuem aufzufordern, sie ver- | stand nicht, daß ein so hübsches, feines junges Mädchen wie | Fräulein Kronau freiwillig als Einsiedlerin leben könne. Eines l Tages ließ sie sich nicht abweisen. „Kommen Sie mir zu Gefallen," bat sie, „mein Schwager gibl eine große Jagd, danach ist bei uns das Diner; die Damen kommen direct zu uns, ich hoffe, die Herren sind nicht allzu ermüdet, um zu tanzen." Auch Fräulein Verend wendete alle Ueberredungsgabe an, bis Elisabeth versprach, zu kommen. Im dunklen, seidenen Kleide, eine zierliche rothe Schleife im braunen Haar, gereichte sie jeder Gesellschaft zur Zierde. Die Blicke der Anwesenden, besonders der Herren, richteten sich bewundernd auf die an- muthige Erscheinung. Kaum hatte sie Frau Verend vorgestellt, so klang eine bekannte Stimme an ihr Ohr: „Gnädiges Fräulein, welche Ueberraschung, Sie hier als Gast!" „Ich bin hier in untergeordneter Stellung, Graf Bretow, als Gesellschafterin!" Verlegen blickte der Herr Graf zu Boden, einen Ausweg suchend, damit Niemand bemerkte, er sei mit der Dame bekannt. Mit wahrer Hast stürzte er sich auf den Nächststehenden, ihn mit dem größten Wortreichthum begrüßend. Elisabeth blickte ihm lächelnd nach, dies war die Freundschaft der Welt. Später am Abend, als er sicher war, unbemerkt zu sein, suchte er seine Unliebenswürdigkeit wieder gut zu mache«; er sprach von allzu großer Ueberraschung und dergleichen, fand aber keinen Anklang. Elisabeth war vollständig geheilt von einem Interesse, welches sie jetzt selbst nicht verstand, aber schmerzlich daran gemahnt, was sie in Leichtsinn und Uebermuth dahin- | gegeben, den Halt, das Glück ihres Lebens! Am Eingang des Parkes war ein großer Teich, im z Sommer häufig zu Kahnfahrten benutzt; man setzte nach der ; kleinen, schattigen Insel inmitten desselben über, um dort die angenehme Kühle zu genießen. Im Winter ward ihm der nörhige Eisvorrath entnommen, der größte Theil aber ward zu Schlittschuhfahrten benutzt. An einem sehr kalten Tage im Januar tummelte sich eine große Gesellschaft von Herren, Damen und Kindern auf der fpiegelglatten Fläche. Heitere Unterhaltung, fröhliches Lachen schlug an Elisabeths Ohr, welche sich soeben zu einem Ausgang rüstete; sie wollte im Auftrag ihrer Herrin, noch ehe es dunkelte, in der Stadt verschiedene Besorgungen ausführen. Sie stand von fern, das fröhliche Treiben betrachtend. Seit ihrer Begegnung mit Bretow lebte sie noch weit zurückgezogener als vorher. »Ich gehöre nicht zu den Sorglosen, welchen das Leben nur Kränze flicht," flüsterte sie leise zu sich selbst, „meine Zeit gehört ernsten Pflichten für Andere, vorüber ist die leichtlebige Jugend. Oft meine ich, ich wäre schon recht alt, und doch kann noch manches Jahr dahingehen, ehe mein Haar ergraut. Ob ich dann wohl einen bescheidenen Platz finden werde, wo ich ausruhen darf von Mühe und Arbeit, ohne Anderen zur Last zu sein? Ich darf nicht klagen, ich habe mir selbst mein Geschick erwählt, ich muß es tragen!" Die Stimmen kamen näher, man folgte der Einladung, sich in den behaglich durchwärmten Räumen der Villa zu neuen Vergnügungen zu stärken. Die Kinder konnten sich noch nicht von dem Eise trennen. Elisabeth eilte, um bald zurückzukehren, denn Fräulein Verend fühlte stch heute nicht wohl, sie litt mehr als sonst an ihrem alten Herzleiden, sie sollte deshalb nicht viel allein sein. Das junge Mädchen kehrte mit einbrechender Dämmerung zurück; noch immer klangen Kinderstimmen vom Eise her. Aber das war nicht Jubel. Nein, ein gellendes Durcheinander, Kreischen, Rufen und lautes Weinen. Man schien int Hause nichts zu hören. Im schnellsten Lauf eilte Elisabeth nach dem Teich; lauter, verzweifelter klangen die Stimmen; die Kinder stürzten ihr jammernd entgegen. Nur mit Mühe entnahm sie ihrem verworrenen Bericht, daß eines von thren Gefährten im Eise eingebrochen sei. Alle bei Seite schieben, den Mantel von sich werfen und schnell wir der Blitz nach der llnglücksstelle eilen, war das Weik eines Augenblicks. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln an der Stelle, welcher man das Eis entnommen und trotz des strengsten Verbotes hatte ein kleines, achtjähriges Mädchen sich dennoch dahin gewagt. Das laute Geschrei verstummte, mehr und mehr verschwand der Körper unter dem Eise, nur die Aermchen streckten sich wie Hilse erflehend empor; krampfhaft faßten die Händchen nach dem Eis, immer auf's Neue brach es; Rettung schien vergebens. Vorsichtig schob sich Elisabeth auf den Knieen vorwärts, unter ihr knackte es, sie mußte ein Stück zurück und doch war ein jeder Augenblick nur zu kostbar. Wieder wagte sie den Versuch, vergebens, das Eis brach, bis unter die Arme reichte das eisigkalte Wasser, sie war nahe dem Ufer, sie fühle Grund unter den Füßen, allein die Glieder erstarrten, die Sinne drohten ihr zu vergehen. Und sie mußte doch vorwärts, mußte das junge Leben retten, schon verschwanden die Aermchen mehr und mehr. „Herr, erbarme Dich," bat sie in Todesangst. Da, wenige Schritte noch, sie erfaßt es und schleudert es weit hin auf festes Eis. Gerettet! Sie hört mit den jammernden Kinderstimmen die von Erwachsenen stch mischen, Schritte hallen auf der Eisfläche. Das Werk ist gethan, noch einmal schlägt sie die Augen auf, über ihr leuchtet dec Abendstern, sie fallen zu, sie sinkt tiefer und tiefer. Mit nassen Armen umfängt sie der Tod. Die Kinderstimmen dringen endlich bis in das Haus, man trennt stch von der Unterhaltung beim Kaffeegenuß. Einer der Herren eilt Allen voran, schon hält e? die Kleine im Arm, er gibt die tröstliche Versicherung, daß sie lebt. „Aber das Fräulein," ruft der Gärtner, er ist soeben von der andern Seite herbeigekommen, „sie ist ohne Bestnnung, ich kann sie nicht allein halten!" Man trägt das Kind in das Haus, Andere unterstützen den braven Mann bei seinen Bemühungen um Elisabeth; ihr Körper ist den kalten Fluthen entrissen, aber starr, leblos liegt sie in den Armen ihrer Retter. Schon beginnen die durchnäßten Kleidungsstücke zu gefrieren, mit dem einbrechenden Abend nimmt die Kälte von Minute zu Minute zu. Elisabeth ruht auf ihrem Lager, in warme Decken gehüllt, Frau und Fräulein Berend nehmen sich liebevoll ihrer an, sie unterstützen den Arzt in seinen Bemühungen um die Verunglückte, allem Anschein nach vergebens. Fest bleiben die Augen geschlossen, die Glieder starr und kalt. Die Lippen sind krampfhaft zufammengepreßt, man versucht, ihr einen erwärmenden Trank einzuflößen. Der Arzt zuckt die Schultern. „Es ist traurig, ich fürchte, Menschenhilfe kommt hier zu fpät, sie wird ihr edles Rettungswerk mit dem Leben bezahlen," flüsterte der Arzt, selbst erschüttert, daß der Tod hier ein Opfer gefordert, so jung und so schön. Ein langes Lebe« hätte man ihr vor wenigen Stunden noch zugesichert nach Menschenberechnung. Sie trügt leider nur zu oft, wenn Gotte- Rath anders gebietet. — (Fortsetzung folgt.) 504 - G-iaeiirnütziges. Die Töpfe der Zimmerpflanze« dürfen nie schmutzig, grün oder schimmelig sein, da dadurch die Verdunstung de« Wasser« gehindert wird und die Pflanzen nicht gedeihen können. • • • Rutz, den wir au« den Küchenschornsteinen sammeln, befördert in kleinen Quantitäten angewandt ganz besonders die Wurzelproduction der Topfpflanzen. ♦ Meerrettig. Die Wurzeln werden gewaschen, abgeschabt, gerieben und mit geriebener Semmel in Fleischbrühe ein wenig kochen lassen- Je weniger er kocht, desto schärfer bleibt er. Man kann auch ein paar Eidotter mit einrühren, wovon er schön gelb wird. Derselbe wird über Schweine- oder Rindfleisch (auch Klöse al« Nebenspeise) angerichtet. • * • Meerrettigsauee. Man setzt einen Theil geriebenen Meerrettig mit Rtndsbrühe zu, läßt ihn eine halbe Stunde kochen, gibt 4 Loth reingewaschene kleine Rostnen, zwei Hände voll geriebene Semmel, eine Messerspitze voll Safran, Mu»- katenblüthe und etwa« Zucker dazu und läßt e« unbedeckt noch eine halbe Stunde kochen. Man gibt diese Sauce zu Rindfleisch und Kalbfleisch, sie ist besser al« die ohne jede Zuthat in Brühe oder Milch gekochte Meerrettigsauee. * ♦ * Junge Hühner und Tauben zu brate«. Ist da« Geflügel mager, so wird e« gespickt, außerdem mit Speckscheiben belegt. Eine Fülle von Butter, geriebener Semmel und Eiern kommt gewöhnlich zu den Tauben. Zu den Hühnern macht man Folgende«: Hühnerherz, Speck und einige Zwiebeln werden gehackt und mit geriebener Semmel, Eiern und Pfeffer vermischt. Auch kann man Speckscheiben hineinlegen, außerdem auch blo« mit gereinigter Peterstlie füllen und unter öfterm Begießen mit steigender Butter schön gelbbraun braten. * * * SemmeMötze. Die Semmeln werden gut in Mllch oder Wasser eingewetcht, dann sofort herausgehoben und gut ausgedrückt. Nachdem die Semmeln dann recht klar gerührt, gibt man da« nöthige Salz und Eier dazu, gut ist auch ein Stückchen Butter, doch nicht immer nüthtg und einige gekochte, geriebene Kartoffeln (drei auf eine Semmel) und zuletzt da» Mehl. Die Masse gut verrührt und in Klöße geformt, wird V« Stunde in Salzwaffer gekocht und beim Anrichten mit heißer Butter geschmelzt. • • • Angebrannte Speisen zu retten. Auch der umsichtigen Köchin kann e« einmal passtren, daß ihr die eine oder andere Speise anbrennt. Ist die» noch nicht zu weit vorgeschritten und die Speise noch nicht ganz verdorben, so stelle man den Topf oder da» Kafferol so schnell wie möglich in ein Gefäß mit kaltem Wasser und ersetze letzteres wieder mit frischem, sobald e« warm geworden ist. Dadurch wird sich die an den Boden de» Gefäße» angelegte Kruste lösen und die Speise selbst den üblen Geruch verlieren. Gelingt letzterer auf diese Weise noch nicht ganz, so feuchte man ein reine« Tuch mit frischem, reinem Wasser an, decke e» über da- Gefäß, streue Salz darauf und lasse e» eine Weile stehen. * • * Reis als Gemüse. Doppelt so viel kaltes Wasser als Reis, etwas frische Butter. Der Reis wird verlesen, in ein Sieb gethan, zuerst mit kaltem, dann mit lauwarmen und zuletzt mit heißem Wasser abgewaschen. In einem gut schließenden Topf wird der Topf mit Wasser und Salz hin- gestellt und rasch aufgekocht. Ist das Wasser eingekocht, stellt man ihn abseits und zerpflückt die frische Butter darauf. In einer Stunde ist er gar und wird mit Parmesankäse serviert. V-vmLsehtes. Hochzeits-Gutscheine. Um die Doubletten bei Hochzeitsgeschenken zu vermeiden, hat man jetzt sog. Hochzeits- Gutscheine etngeführt, welche in einem bestimmten Laden einen Einkauf bis zu einer gewissen Höhe gestatten. Bei einer neulich gefeierten Hochzeit wurden folgende Gutscheine gesammelt: Meiner lieben Schwester Emma geb. Müller habe ich im Zehnpfennigbazar in der Ritterstraße einen Eredit von zehn Pfennigen verschafft. Käthchen. (Nachher krieg' ich die zehn Pfennige doch aber zurück?) Gutschein für meinen Bruder Emil und seine Frau, über Fünfzig Mark. Ich habe das Geld noch nicht beisammen, Ihr bekommt er aber ratenweise an jedem Ersten der nächsten fünfzig Monate. Karl, atud. med. Gutschein über fünfzehn Mark. Dafür dürft Ihr Euch bei Friedländer einen ächten Brillantschmuck (bestehend au« Brosche, Ohrringen und Collier) aussuchen. Onkel Fritz. • * ♦ Mißtrauisch. Componist: „Hier meine Tonschöpfung I" — Mustkoerleger: „Und woher schöpften Sie dieselbe?" ♦ ♦ Er läßt handeln. Herr: Nicht die Hälfte werde ich Ihnen glauben von dem, was Sie da gerade erzählen." — Förster: „Na, sagen wir halt ein Drittel." Kasernenhofblüthe. Unteroffizier: „Kerl«, Ihr seid so stockhageldumm, Ihr wüßtet gar nicht, warum Ihr einen Kopf hättet, wenn nicht da« Loch drin wär', wo Ihr die Knödel hineinfuhrwerkt I" e • ♦ Auch ein Feinschmecker. Gast: „Ich möchte heute etwas ganz Gute» essen, Fritz!" — Kellner (leise): „Wenn Sie noch 'n Viertelstündchen warten, geh' ich mit; ich habe heute Ausgang I" Literarisches «atechiSmn« de« guten Ton« und der feine« Litte von Eufemia v. Adlersfeld, geb. Gräfin Ballestrem. Zweite, verbesserte und vermehrte Auslage. In Original-Leinenband 2 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Gegen Lehrbücher des guten Tons und der feinen Sitte hat man gemeiniglich ein nicht unbegründetes Vorurtheil Die meisten sind Fabrikwaare der niedrigsten Art, die Niemandem nutzen kann; andere sind unbrauchbar, weil sie die gewöhnlichen Verhältnisse zu wenig berücksichtigen; noch andere sind vollkommen werthlos, weil ihre Verfasser oder Verfasserinnen nur einige Aeußerlichkeiten des sog. guten Tons kennen und Mittheilung dieser Aeußerlichkeiten Demjenigen, der wirklich sich bilden will, mehr schadet als nützt. Das vorliegende Buch ist gegen jeden von diesen Vorwürfen gesichert. Es ist fleißig und verständig ausgearbeitet, der überreiche Stoff ist zweckmäßig gewählt, gesichtet und geordnet. Die Verfasserin hat einen geläuterten Geschmack, ein feines, treffendes Urtheil, eine reiche Lebenserfahrung und eine nicht gewöhnliche schriftstellerische Gewandtheit. Als ersten Grundsatz stellt sie an die Spitze ihrer Auseinandersetzungen die Mahnung: „Bleibt natürlich!" Sie warnt vor keinem Fehler mehr, als dem der Geziertheit und des geschnürketten, berechneten Wesens, und beschränkt sich nur auf das, was lehrbar ist. * » Neue Wiener Modelle* Unter diesem Titel veröffentlicht die „SESUnet Mode* ein colorirtes Prachtalbum der Herbstmoden, das jeder Schneiderin, jedem Modesalon, wie auch jeder Dame, die ein außergewöhnlich elegantes Garderobestück anfertigen will, bestens zu empfehlen ist. Die in Aquarellfarben colorirten Tafeln, sowie der farbenprächtige Umschlag bilden eine Zierde für jeden Salontisch und weisen in Bezug auf Mode ebenso wie die 50 anderen Kleidermodelle einen hocheleganten echt wienerischen Geschmack, verbunden mit practischer Einfachheit auf. Den Preis von Mk. 2.50 für das Album müssen wir als sehr mäßig bezeichnen. «edaction: Ä. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Universikätr.Buch. und Steindruckerei lPietfch 8t Gcheyda) in Lietzen. Im und meid längst wik Bett und etnflößen, sie durch durch ihr schleppen fällt. Eil nach de« schlafe, pl regende 6 allgemeine gefunden. r «Sch zubüßen," -Wil „Keil Unglück 0i Re nicht f( erinnert, d einen Augl den Versuc ist ganz al 3n dl Beide. Kleine auf geschlafen, Maril Berend» Cc mit Liebe Ueberzeug» nicht Sch», Aber fix ko 'lewchen, w