ffl. ÄmMkßlüttsp 1 . UL NM s < ,T-''5 LND^L e4«lt®6^ iWWK s« WW^W M^MW v/7z- < UnterhaUungsblaU z«m Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Die Tochter des Meeres. Roman von A. Nicola. (Fortsetzung.) Es war eine unwiderstehliche Prüfung für ein so junges, verlassenes Geschöpf, zu sehen, wie dieser Mann sein ganzes Lebensglück von ihren Worten abhängig machte- Aber auch jetzt war es nur Mitleid, nicht Liebe, was ihre Seele erregte. „Es kommt zu plötzlich ... ich bin zu jung . . . haben Sie Erbarmen mit mir!" hauchte sie und schlug die Hände vor das Gesicht. „Cora, wollen Sie mir eine Bitte gewähren? ... Sie ist harmlos!" flüsterte Faro und ein Strahl der Freude glitt über sein Gesicht, als er ihre Aufregung sah. „Wenn ich kann! Sprechen Sie rasch!" sagte sie fast un- geduldig in ihrer fieberhaften Erregtheit. „Geben Sie mir das Versprechen, daß Sie in meiner Abwesenheit keinen Andern hetrathen wollen .... daß Sie mich nicht vergessen ... daß Sie sich bemühen wollen, freundlich an einen Schwergeprüften zu denken?" „So gehen Sie auf lange fort?" fragte sie ausweichend. „Vielleicht ja. Jedenfalls werden Sie Nachricht von mir erhalten, so lange diese Hand Kraft hat, meine Gedanken niederzuschreiben," sagte er ernst. „Wenn ich im Schweigen verharre, so seien Sie versichert, daß ich in den Armen des ewigen Schlafes ruhe, aus dem auch Sie, meine geliebte Cora, mich nicht erwecken können." „So will ich es versprechen... ja, es kann nicht un« recht sein," entgegnete sie. „Geben Sie mir ein Pfand, Cora, einen Trost in meiner Prüfungszeit," murmelte er. „Cora, wenn Sie das geringste Mitleid mit mir, die geringste Achtung vor dem Unglücklichsten, den Sie kennen, haben, so lassen Sie mich Ihre Lippen berühren zum Zeichen des Gelübdes . . . lassen Sie sich einen kurzen Augenblick an die Brust drücken .... es wird mir manche düstere, sorgenvolle Stunde vergolden." Ehe sie es ihm verweigern oder gewähren konnte, hatten seine Arme sie fest umschlungen und seine Lippen berührten die ihrigen. Als er ihre zitternde Hand wieder frei ließ, da begegneten Beider Augen einem spöttisch auf sie gerichteten Blick Lord Belfords und eine sarkastische Stimme sagte: „Ich sollte wohl tausendmal um Entschuldigung bitten, daß ich ein so reizendes Stelldichein unterbreche, aber die Zeit drängt, Lord Faro. Jetzt sind wenigstens alle Zweifel aufgeklärt und jetzt kann ich begreifen, was mir bisher unverständlich war. Ich werde dementsprechend handeln." Cora war wie ein Pfeil entflohen, bevor diese Worte zu Ende gesprochen wurden. Aber als sie sich wieder in ihrem eigenen Zimmer befand und über das eben Erlebte ruhiger nachdachte, mußte auch ihre Unerfahrenheit einen Schimmer der schrecklichen Bedeutung der Worte des Lord Belfort wahrnehmen. Und ihrer aufgeregten Phantasie schwebten immer Lord Faros und Lord Belforts Worte und Blicke vor, während die Zeit von ihr unbeachtet verstrich und erst ein wirrer, unheimlicher Ton unter ihren Fenstern — wie das Nahen vieler schwerer Tritte — weckte sie aus ihren Gedanken. X. * Die Schritte kamen näher. Cora trat an's Fenster. Einige Männer trugen eine Art Bahre auf ihren Schultern, auf welcher eine Person, mit einem Tuch bedeckt, lag, so daß Cora die Gesichtszüge nicht sehen konnte, ihr Gefühl sagte ihr aber, daß es einer der beiden Männer war, die sie vor Kurzem verlassen hatte. Welcher von Beiden war er? Der Vater, der Wohl« thäter ihrer eigenen Jugend oder der schöne junge Lord? Und eine noch schrecklichere Frage: Was und wer hatte diese entsetzliche That herbeigeführt? Der traurige Zug entzog sich Coras Blick und bog nach dem andern Flügel des Hauses ei». Sie sank in stummer Verzweiflung und Bangen vor dem nächsten Laut oder Schritt, der dieser entsetzlichen Ungewißheit ein Ende machen sollte. Endlich näherte sich Coras Zimmer ein abgemessener Schritt und in der nächsten Minute trat Lady Emily ein. „Verächtliches Geschöpf!" rief sie mit einer vernichtenden Strenge in Ton und Blick. „Weich' Verderben haben Sie über unser Haus gebracht? . . . Gestehen Sie, bevor e» zu. 242 spät ist, welch' schmachvolles Complot Sie geschmiedet und dadurch diese entsetzliche Katastrophe herbeigefiihrt haben!" Bei diesem Ausbruch von Schmähungen war Cora einen Augenblick wie betäubt, aber ihr Ehrgefühl regte sich bei der Ungerechtigkeit solcher Worte. „Ich verstehe Sie nicht, Madame," sagte sie und richtete sich stolz vor der erregten Lady Emily auf. „In meinem Benehmen bin ich so tadellos wie Sie selbst. Auch weiß ich überhaupt nicht, worauf Sie anspielen." „Freche Abenteurerin, die Sie sind I" rief die erzürnte Lady. „Wagen Sie es, Ihr Verbrechen durch Leugnen noch zu verschlimmer»? Sie könnten zu behaupten sich erdreisten, daß Sie nicht listig genug gewesen seien, Ihre Netze über meinen unglücklichen Bruder zu werfen und seine Schwäche und sein Mitleid so zu benützen, daß er es jetzt wahrscheinlich mit dem Leben büßen muß?" Cora wurde todtenbleich. „Lady Emily ... das ist eine grausame Verleumdung! Ich habe nichts, nichts von alledem gethan, dessen Sie mich beschuldigen, und wenn Lord Faro, mein gütiger Beschützer, Unglück gehabt hat, so weiß der Himmel, daß ich nicht Schuld daran trage!" „Nein, natürlich nicht!" sagte Lady Emily spöttisch. „Natürlich haben Sie nichts gethan, um Beide, meinen Bruder sowohl als Lord Belfort, zu umstricken, bis Ihre Künste endlich entdeckt wurden und zwischen den Zweien, die Sie betrogen haben, einen Streit hsrbeiführten. Und mein armer Bruder liegt im Sterben, von der Hand seines eigenen Neffen, des seinem einzigen Kinde bestimmten Gemahls verwundet! Ver- rätherin, die Sie sind! Das Blut komme über Ihr Haupt! Aber ich will nicht so schwach und mitleidig sein, wie Sie wohl erwarten! Sie werden das Haus sofort verlassen und es nie wieder betreten ... nie wieder! Und wen» Sie vor seinen Thoren Hungers sterben sollten!" Cora beachtete kaum diese heftige Drohung. Die Nachricht überwältigte sie derart, daß die Furcht keine Macht über sie erlangen konnte- „Wie, Lady Emily?" brachte sie mühsam hervor. «Ist es wirklich wahr? Ist Herr Lord Faro in Gefahr?" „Gewiß, elendes Mädchen! Und Sie tragen die Schuld daran! Der erste Fehler war freilich, daß er Sie aus Ihrer Heimath hierherbrachte," sagte die alte Dame heftig. „Sind Sie nun zufrieden? Nieder auf die Kniee! Und bitten Sie um Verzeihung, wenn Sie nicht noch, bevor eine Stunde vergangen ist, aus dem Haufe gewiesen sein wollen!" „Ich brauche keine Verzeihung, denn ich habe nichts Unrechtes gethan," entgegnete Cora stolz „Lady Emily, Sie können Ihre schändlichen Beschuldigungen nicht beweisen- Ich fordere einen Beweis für solche Verleumdung!" „Sie sind in Ihrer Schlechtigkeit verhärtet," sprach Lady Emily, „aber ich will Sie bald zur Vernunft bringen. Antworten Sie! Wer war heute Morgen, als man glaubte, es schliefe noch Alles, in meines Bruders Zimmer? Wagen Sie das zu leugnen? Wagen Sie, mir zu erwidern, daß Sie es nicht waren? Und wagen Sie zu behaupten, daß mein Bruder nicht thörichte Worte der Liebe zu Ihnen sprach?" Cora schwieg. „Und sehen Sie dort nach den Beweisen Ihrer Schmach I" fuhr Lady Emily fort und deutete auf das Ballkleid. „Diese Beweise Ihrer Schlechtigkeit, die ein irregeleiteter junger Mann in einer vorübergehenden Laune Ihnen schickte, Ihre Ehrlosigkeit noch sichtbarer hervortreten zu lassen! Wagen Sie, dieser niederschmetternden Thatsache zu widersprechen?" Coras Wangen färbten sich mit einem tiefen Roth. „Wie? Dieses Kleid ist von Lord Belfort?" stieß sie mühsam hervor. „Lady Emily, so wahr ich vor meinem Schöpfer Gnade zu finden hoffe, so wahr ist es, daß ich keine Ahnung davon hatte, daß er es mir schickte I Lieber würde ich ein Kleid von glühendem Eisen getragen haben, als . . . als das Geschenk eines Fremden." „Wer sollte es Ihnen denn geschickt haben?" fragte Lady Emily spöttisch. Wieder bemerkte Cora, in welchem Netz sie sich gefangen hatte. Wenn sie die Wahrheit sagte, so verurtheilte sie sich selbst und ihren Wohlthäter obendrein. „Ich hatte keinen Grund, danach zu forschen, von wem es kam," erwiderte sie ruhig. „Vielleicht habe ich meine Ver« muthung gehabt . . . aber mehr brauche ich nicht zu sagen," fügte sie mit plötzlicher Heftigkeit hinzu. „Ich wiederhole Ihnen, daß ich völlig unschuldig bin. Und wenn Sie mich dafür büßen lassen wollen, so wird das mir angethane Unrecht auf Sie selbst zmückfallen." Lady Emily wurde dunkelroth. „Sind Sie von Sinnen?" rief sie. „Oder wollen Sie wie eine Diebin aus dem Hause gewiesen werden? Was sicherlich geschehen wird, wenn Sie nicht etwas vernünftiger in Ihrem Reden und Handeln sind." „Nein!" sagte Cora bestimmt. „Nur weil ich meine Sinne zu sehr beisammen habe, kenne ich das Unglück um mich herum nur zu gut und bleibe ich da, wohin ich aus freien Stücken nie gekommen wäre, wo mich nur Gefahr und Kummer bedroht haben, feit ich den Fuß über die Schwelle fetzte. Aber Lord Faro nahm mich von meinem natürlichen Beschützer und ohne dessen Erlaubniß habe ich kein Recht, das Hau» zu verlassen. Und so lange Lord Faros Leben in Gefahr schwebt, kann mich nur Gewalt hier forttreiben. Das aber, glaube ich, wagen Sie um Ihrer selbst willen nicht," setzte fte bedeutungsvoll hinzu. Ihre Gegnerin war ganz bestürzt über diesen unerwaM festen und bestimmten Ton. Sie hatte Thränen, Bitte», Klagen erwartet, aber dieser ruhige Widerstand entriß ihr jede Waffe- „So beabsichtigen Sie, wie mir scheint, in Ihrer Dreistigkeit meinen unglücklichen Bruder mit Ihren schlauen Künsten zu umstricken, wenn er von seinen gefährlichen Wunden geheilt werden sollte?" fragte sie zitternd. Die dunkle Röthe auf dem zarten Gesicht und das Feuer in den Augen gaben eine beredtere Erwiderung, als Worte. . „Mit solcher erbärmlichen Verleumdung erniedrigen Sie sich mehr al» mich, Lady Emily," lautete die leise Antwort. „Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen." Lady Emily verließ das Zimmer mit bett Worten: „Sie werden hier bleiben, bi» ich Ihnen meins Wünsche mitgethM Habs." Sie verschloß dis Thür hinter sich. Hätte sie das krampfhafte Schluchzen und die Thränen sehen können, durch welche Cora ihren zurückgedrängten Empfindungen Luft machte, würde sie ein gewisses Gefühl der Befriedigung empfunden haben. „Er darf nicht sterben!" rief Cora weinend. „Er muß gerettet werden 1 . . . Und dann fliehe ich . . . ja, dann verberge ich mich vor diesem vernichtenden Spott und Vorwurf!" Sie kühlte ihr Gesicht mit frischem Wasser, glättete ihr Haar und warf das verhaßte Ballkleid wie einen abgetragenen Lumpen in die Ecke. Darauf öffnete sie das Fenster, das nicht hoch vom Erdboden war, trat auf da» Fensterbrett und sprang hinunter auf den grünen Rasenplatz. Rasch glitt sie um die Ecke bet Hause», bi» sie das Zimmer erreichte, in welchem sie vor wenigen Stunden Lord Faros verhängnißvollen Worten der Liebe und Verzweiflung gelauscht hatte. XI. Lady Marian erfüllte die Pflichten, die sie übernommen hatte. Sie präsidirte stets am Frühstückstisch ihres Vaters, bereitete ihm seinen Kaffee und erfreute sein Herz mit ihrer frohen Gegenwart, und oftmals verbrachte sie ganze Stunden lang damit, daß sie ihm die Briefe und Zeitungen vorlas, welche der Postbote regelmäßig jeden Morgen nach Biddulph- park brachte. Und obgleich ihre schönen Augen an dem Tage, von dem wir sprechen, zerstreut über die Zeitung hinglitten und ihre 243 Stimme verdächtig monoton klang, merkte Lord Marston nichts von diesem Wechsel. Er sah eine Anzahl Briefe durch. Hal" rief er plötzlich. „Das ist des Herzogs von Dunbar Handschrift! Er ist jedenfalls ärgerlich, daß wir seine« Brief unbeantwortet ließen, in welchem er seine Absicht, uns zu besuchen, mittheilt. Ich kann auch nicht begreifen, Marian, warum Du es so lange verschobst." „Es war doch keine Eile nöthig, Papa, da der Herzog sich selbst anmeldete," erwiderte Lady Marian. „Ich hielt es für unnütz, unsere Pläne seinetwegen zu ändern." Lord Marston war mit dem Durchlesen de» Briefes beschäftigt und auf seinem Gesichte zeigte sich ein sehr wohlgefälliges Lächeln. „Meine liebe Marian, ich gratulire Dir," sagte er und warf sich dabei in die Brust wie ein Pfau. „Ich muß gestehen, ich hätte trotz all' Deiner Ansprüche keine befriedigendere Aussicht auf Deine Zukunft erwarten können." Lady Martan sah verlegen und überrascht auf. Sie war jedenfalls auf diese Mittheilung vorbereitet, wenn sie ihr auch für den Augenblick etwas plötzlich kam. „Du hast vielleicht Recht, Papa ... nur möchte ich wissen, was mich so nahe anzugehen scheint. Darf ich fragen, wo und wie Du meinst, daß ich mein Zelt in dieser trüben Welt aufschlagen soll?" fügte sie ernst hinzu. „Meine Liebe, ich weiß, daß Du ziemlich excentrisch bist," sagte der Lord, „und in Anbetracht Deiner ungewöhnlichen Talente bist Du ja auch dazu berechtigt. Aber hier treibst Du es doch wohl etwas zu weit. Du kannst mich kaum mißverstehen. Der Herzog von Dunbar bietet Dir in diesem Briefe förmlich seine Hand und Krone an und wartet nur auf ein Wort von uns, um herbeizueilen und seine Werbung in Person zu wiederholen." Lady Marian wechselte bei dieser Ankündigung leicht die Farbe, aber ihre Stimme verrieth doch nicht die geringste Erregung, als sie zur Antwort gab: „Du meinst doch wohl damit, daß der Herzog mir die Krone anbietet, um sie dem hinzuzusügen, was ich seiner Voraussetzung nach einst zu erwarten habe? Ich sollte mich von diesem Antrag wohl sehr geschmeichelt fühlen, aber weiter hinaus, fürchte ich, reicht die Dankbarkeit nicht." „Marian, ich muß gestehen, ich bin ganz verwundert, ja entrüstet über Dich, meine Tochter, daß Du Deiner Stellung in einer so wichtigen Angelegenheit so wenig Gerechtigkeit widerfahren läßt." „Gerade das thue ich, Papa! Ich zweifle gar nicht daran, daß der Herzog die Erbin von Marston wirklich für eine sehr paffende Gemahlin für sich hält. Aber angenommen, ich sei wieder Marian Biddulph, die Tochter einer Gentlemans von beschränktem Einkommen und hoher Geburt . . . glaubst Du, er würde die geringste Zuneigung für mich empsinden, auch wenn ich dieselbe in Person und Character wäre? Das ließe sich ja auf die Probe stellen, Papa!" setzte sie bedeutungsvoll hinzu. „Marian, dieser Scherz kommt sehr zu unrechter Zeit," entgegnete der Lord mit finster zusammengezogenen Brauen. „Ich spreche aufrichtig, Papa," versetzte sie. „Noch vor wenigen Jahren war ich in der Stellung, von der ich spreche. Und ich denke manchmal, ob ich vielleicht nicht wieder hinabgeschleudert werde von der schwindelnden Höhe." „Unsinn," entgegnete der Graf ärgerlich. „Wie kannst Du so thöricht sein! Wie in aller Welt solltest Du Deinen jetzigen, Dir gesetzmätzig zukommenden Titel verlieren?" „O, einfach durch das Wiederauftauchen irgend eines verirrten Biddulph älterer Linie, Papa," erwiderte sie leichthin. „Sieh' nicht so böse drein! Ich fürchte nicht ernstlich eine solche Erscheinung, nur kann ich mich nicht ganz damit zufrieden geben, daß der Brüder Geburten, Heirathen und Tod vollständig erwiesen seien. Die alte Frau Aston behauptet, von Philipps Tod habe sie nie genügende Beweise erhalten." (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gtzne. Roman nach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger. (Fortsetzung.) Die Mehrzahl der Schweizer wurde in den Gemächern, in den Gärten niedergemetzelt, bis in die Champs-Elisöes verfolgte man sie. Mehrere dankten ihr Leben der Großmuth der Sieger, die sich bemühten, sie gegen die Volkswuth zu schützen. Der König war ermahnt worden, die Schweizer das Feuer einstellen zu laffen. Er ertheilte Herrn d'Hervilly den Befehl dazu, aber dieser Anführer, der Ritter vom Dolche, behielt sich vor, ihn den Umständen gemäß zu benützen. Er theilte damals den Glauben der Königin, daß die Ver- theidiger des Schlosses die Oberhand behalten und da» Feuer der Schweizer mit dem, was er die Canaille nannte, ferttig werden würde. Als er seinen Jrrthum erkannte, war es zu spät. Das Schloß befand sich in der Gewalt des Volkes, und der König, ein Gefangener im Schoß der Nationalversammlung, sollte bald im Temple internirt sein. Catherine, die sich, nachdem sie in heftiger Erregung dem Beginn de» Kampfes gefolgt war, nicht mehr fürchtete und sich, da sie keine Schüsse mehr hörte, beruhigte, hatte sich bis zum Ca- rouffel hinausgewagt. Sie wollte sehen, ob alles gut ginge und ihre Hochzeit beschleunigt werde, und dann dachte sie auch, daß sie vielleicht unter den Kämpfenden ihren Lefebvre entdecken könne. Der Gedanke, daß sie sehen würde, wie er, von Pulver geschwärzt, in der ersten Reihe, vor der Mündung der Kanonen, sich wie ein Teufel schlug, flößte ihr nicht im ent- serntesten Furcht, sondern eher Muth ein. Sie hätte bei ihm sein mögen, um ihm die Patronen m reichen — noch mehr, um selbst sein Gewehr zu halten, es zu laden, abzufeuern I Alle Gefahren ihres Lefebvre hätte sie theilen mögen und auf den Ruhm, den er erringen würde, war sie zugleich stolz und auch ein wenig eifersüchtig. Nicht ein einziges Mal kam ihr der Gedanke, daß er unter den Kugeln der Schweizer fallen könne. War ihnen nicht prophezeit worden, daß er Armeen befehligen und sie seine Frau werden würde? Nein, keiner von ihnen war bestimmt, an diesem Tage zu fallen. Und der Gefahr trotzend, schritt sie neben den Kanonieren und Marseillern immer weiter vor, Lefebvre suchend und den Tod verachtend. Als jedoch das wüthende Feuer der Schweizer losbrach, entstand eine furchtbare Unordnung, und Catherine wurde von der flüchtenden Menge in die Rue St. Hanois gezogen. Sie kehrte in ihren Laden zurück, denn sie befürchtete, daß die Panik sich bis dahin ausbreiten und man in ihre Wohnung dringen könne. Noch hatte sie nicht alle Hoffnung verloren, aber sie begann zu fürchten, daß ihre Hochzeit hinausgeschoben sei. „Ach, diese Männer — so herzlos zu sein — zurückzuweichen!" murrte sie, indem sie vor Wuth auf die Schwelle ihres Ladens stampfte. „O, wenn ich ein Gewehr gehabt hätte, ich wäre geblieben! Wetten möchte ich, daß Lefebvre nicht davongelaufen ist!" Und fieberhaft, ungeduldig horchte sie weiter — auf den Sieg, den sie noch immer erwartete. Als die Kanonen wieder mit Macht zu donnern begannen, tanzte sie vor Freude nnd rief: „Das sind wir — bravo Kanoniere!" Dann begann sie wieder zu horchen. Die Kanonenschüsse vervielfältigten sich, das Gswehr- feuer wurde fortgesetzt, wirres Geschrei drang zu ihr herüber. Gewiß, die Patrioten drangen vor. Sieg, Sieg! Ach, wie sehnte sie sich, ihren Lefebvre heil und gesund wiederzusehen und den Sieger zu umarmen und zu ihm sagen zu können: „Und jetzt können wir heirathen!" Sie ging in fieberischer Erregung in ihrem Laden, dessen Läden sie der Vorsicht wegen geschlossen gelassen hatte, hin 244 und her. So sehr sie Luft hatte, auf das Schlachtfeld zu» rückzukehren, wagte sie sich nicht zu entfernen, aus Furcht, daß Lefebvre in ihrer Abwesenheit kommen könne. Er würde erschrecken und nicht rotff en, roo er sie suchen solle. Das Beste war, zu warten. Wenn das Schloß genommen war, würde er sicherlich mit seinen Kameraden durch die Rue Royal-Saint-Roche zurückkehren. Die Straße war wieder ruhig und einsam geworden, die Nachbarn hatten sich eingeschloffen. Eben läutete es Mittag. Ganz in der Nähe ertönten einzelne Flinten» schüfse. Durch die halbangelehnte Thür sah sie in der Ferne, nächst der Rue Saint-Hvnoro fliehende Schatten von Bewaffneten verfolgt. Das waren die letzten Vertheidtger des Schlaffes, die man durch die Straßen jagte. Plötzlich, nach zwei ober drei ganz nahen Schüssen, hörte sie in dem Zugang, der zu der Hinterthüre ihres Ladens nach der Rue Samt-Honor« führte, etwas wie das Geräusch eiliger Schritte. Sie fuhr zusammen. „Es ist, als käme Jemand," murmelte sie, „ja, es geht Jemand ... wer kann das sein?" Und tapfer lief sie zur Hinterthüre, entfernte die Quer- stange und öffnete. Ein Mann erschien, bleich, schwach, ganz mit Blut bedeckt, die Hand auf die Brust gepreßt. Er hielt sich mit Mühe auifrecht. Dieser Verwundete trug einen weißen Anzug, mit kurzem Beinkleid und Seidenstrümpfen. Das war kein Patriot; wenn er gekämpft hatte, so war dies sicherlich in den Reihen der Feinde des Volkes geschehen. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?" sprach Catherine mit fester Stimme. „Ein Besieater — ich bin verwundet — ich werde verfolgt . . . nehmen Sie mich auf — retten Sie mich, um Gotteswillen, Madamei Ich bin der Graf von Neipperg — österreichischer Offizier • . ." Er konnte nicht weiter. Ein rother Schaum erschien auf seinen Lippen, eine erschreckende Blässe überzog sein Gesicht. Im nächsten Moment schlug er auf der Schwelle nieder. Als Catherine diesen eleganten jungen Mann, dessen Jabot und Weste von Blut roth waren, zu Boden fallen sah, stieß sie einen Schrei des Mitleids und Erschreckens aus. „Ach, der Arme!" rief sie. „Wie haben Sie ihn zu» gerichtet! Aber es ist ein Aristokrat — hat auf das Volk geschossen — ist nicht einmal ein Franzose — ein Oesterreicher, wie er sagt — aber das ist egal, ein Mensch ist ein Mensch!" L . Und von jenem Instinkt der Güte bewegt, der sich tm Herzen aller, selbst der energischesten Frauen findet — in jeder Marketenderin steckt eine sanfte, barmherzige Schwester — beugte sich Catherine herab, betastete die Brust des Verwundeten, schob sacht die blutgetränkten Kleider. zurück und suchte sich zu vergewissern, ob er tobt sei. „Er athmet noch," sagte sie freudig. „Also noch zu retten!" Eilig lief sie an den Kessel, füllte einen Napf mit frischem Wasser und, nachdem sie die Vorsicht aeübt hatte, die Thür -sorgfältig zu schließen, indem sie die Querstange wieder vor» legte, kehrte sie zu dem Verwundeten zurück. Sie machte einen Verband, indem sie das erste, beste Wäschestück zerriß, das ihr in die Hände fiel, und in ihrer Eile bemerkte sie nicht, daß sie ein Männerhemd in Stücke zerissen hatte. n3la, das habe ich schön gemacht," sagte sie vor sich hm. „Das Hemd eines Kunden!" (Fortsetzung folgt) Literarisches Georg Ebers, dem Meister des historischen Romans, ist das deutsche Lesepublikum von jeher unwandelbar treu geblieben wie keinem andern seiner Lieblingsschriftsteller. Sich mehr als drei Jahrzehnte hindurch die Gunst der deutschen Leserwelt zu erhalten, ist nur wenigen auserwählten Schriftstellern vergönnt. Und wenn wir die unerschöpfliche Frische des Dichters am deutlichsten daran erkennen, daß jedes neue Werk aus seiner Feder von den Freunden deutscher Dichtung als freudiges Ereigniß begrüßt wird, so spricht für den unvergänglichen Reiz und die unvergleichliche Schönheit seiner früheren Schriften der Umstand, daß eine ununterbrochene Nachfrage immer wieder neue Auflagen nöthig macht. Um aber auch den weitesten Kreisen die Werke des allbeliebten Dichters bequem zugänglich zu machen, hat sich die Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart der ebenso dankenswerthen wie ehrenvollen Aufgabe unterzogen, eine wohlfeile Gesammtausgabe der poetische» Schriften von Georg Ebers zu veranstalten. Die uns vorliegenden ersten 50 Lieferungen mthalten vollständig die Romane: „Eine ägyptische Königstochter", „Uarda", „Homo sum“, „Die Frau Bürgermeisterin", „Die Schwestern", „Ein Wort", „Serapis", die auch in 11 eleganten Leinwandbänden ü 3 M. 50 Pfg. bezogen werden können. Gegenwärtig wird eine neue Subscription auf die 105 Lieferungen ä 60 Pfg. umfassende Gesammtausgabe der Ebers'schen Romane eröffnet, um den Bücherfreunden, die nicht gleich fünfzig Lieferungen abnehmen wollen, die Erwerbung der Gesammtwerke des Meisters möglichst zu erleichtern. Wir können unseren Lesern den Beitritt zu dieser Subscription auf's Wärmste empfehlen. * Auf ein lange vernachlässigtes Gebiet, dem sich neuerdings die schöpferische Kraft unserer Künstler wieder zuzuwenden beginnt, lenkt Paul Dobert im jüngsten (17.) Heft der illustrirten Halbmonatsschrift „Vom Mels »um Wett' (Union Deutsche Verlagsgesellschast in Stuttgart. Preis des Heftes 75 Pfennig) unsere Aufmerksamkeit durch einen interessanten Aufsatz, der den Titel „Ex Libris" führt. „Ex Libris" nannten unsere Vorfahren jene Bücherzeichen, die im Mittelalter einst in hoher Blrllhe standen und neben einer für den Rang oder Stand des Besitzers characteristischen Zeichnung vielfach diese Aufschrift tragen. Der hochentwickelte Sammlertrieb unserer Zeit hat diese Kunstrichtung wieder in die Mode gebracht und direct an Albrecht Dürer'sche Vorbilder lehnt sich der Maler Joseph Sattler an, der unter den Neueren als ein bahnbrechendes Talent bezeichnet werden darf. Von dem Reichthum der Motive, der Kraft und Feinheit der Ausführung geben uns die dem Aussatz beigefügten, zum Theil farbigen Bilder überraschende Proben, die für die Reproductionstechnik dieser Zeitschrift wieder das glänzendste Zeugniß ablegen. Letzteres gilt auch für die übrige illustrative Ausstattung des an anregenden und actuellen Artikeln (erwähnt seien „New York" von P. Hann, „TeslaD Licht der Zukunft" von A. v. Fetting, „Staatsbankerotte" von Dr. I. Leuthold) überaus reichen Heftes, und insbesondere für die größeren Kunstblätter: „König ist der Hirtenknabe" von H. Lindenschmit, „Maria begegnet einem Hnten- knaben" von I. Scheurenberg und „Toilette" von G. Simoni. Dch dabei die Bellestristtk nicht zu kurz kommt, beweist der neueste Roman von Marie Bernhard: „Forstmeister Reichardt", der sich als dritter im Bund den bereits früher besprochenen von F. o Zobeltitz und C. Busse zugesellt und die Vorzüge der mit Recht so beliebten Erzählerin zur schönsten Geltung bringt. Bitte der kleinen Thiere an die Kinder. Was bin ich doch ein armer Wicht, So schwach, gering und kleinl Gieb' acht, gieb' acht, zertritt mich nicht, Laß' mich des Daseins freu'n. So herrlich ist der Sonne Pracht, Wie schön sind Feld und Wald! Wohin ich schau, das Leben lacht, Es freut sich Jung und Alt. Auch Du, mein Kind, mögst freuen Dich, Noch lange, lange Zeit, Doch bitte, laß' auch leben mich Und thu' mir nichts zu leid! Der liebe Gott im Himmel gab Das Leben mir wie Dir, Er sendet Strafe dem herab, Der fühllos würgt ein Thier. Doch freundlich neigt er sich dem Kind, Das mild uns Kleinen schont, Die wir so schwach und hilflos sind, Gar reichlich er's ihm lohnt! «rimrtten: «. Echehda. - Druck und «erlag der Brühl'sch« Univechtäts-Buch. und Steindruckerei (Pietsch & Schema) in Sieb«.