äieniteg dm 23. April V* ®® VV tameoldw WMWV MnterhaltungsüLatt zum GießenerAnzeiger (Generul-Anzeiger). ,L M Unebenbürtig. Roman von H. von Ziegler. (Fortsetzung.) Als Vater und Tochter bei Tisch saßen, erzählte letztere mit klopfendem Herzen, daß sie Graf Wtldenstein bet der Fürstin kennen gelernt; der ehemalige Sänger fuhr zurück und wieder blitzte es zornig in seinen Augen auf. „Graf Wildenstein! Und das sagst Du erst jetzt? Dann laffe ich Dich nie mehr zur Fürstin Porscu; dem Manne darf mein Kind nicht begegnen." „Aber, Vater, was hast Du? Du bist mit einem Male bleich geworden I Was that Dir der Graf? Er schien ja nicht einmal meinen Namen zu kennen." „Er schien," lachte zur Stetten höhnisch, „glaube es wohl, daß er sich gut beherrschen kann; und doch wird ihm der Name zur Stetten wohl ebenso wenig fremd sein, wie mir der gräflich Wildenstein'sche." kennst Du den Grafen, Papa? Es scheint, daß Du ihn nicht magst." ., "3ch — Haffe ihn," stieß der erregte Mann hervor und sein Blick funkelte, „er hat meinem armen Weibe das Leben und den Tod verbittert — und nimmermehr darf er mein Kind kennen lernen — der Fleck auf seinem Wappenschilds verdunkelt sich sonst von neuem." .«Mir hat der Graf gut gefallen," erwiderte Nora ruhig, m* u ^^?em»dlich, sieht ungemein schwermüthig aus und r? « «e Hohenthal befreundet. Letzteres spricht sehr ju* ign. „Jawohl, einst kam er auch zu mir, um Frieden zu machen, aber da war ich hart wie er. - Meine arme Therese hatte ihm mehr als einmal die Hand reichen wollen." „Woher kennst Du Graf Wildenstein, Vater?" fraate letzt Nora ernst. „Erkläre mir, wie Alles zusammenhängt, sonst kann ich Deine Erregung nicht begreifen-" ... "®8 ist auch vielleicht besser," grollte zur Stetten, „Du Eßt wissen, um was es sich handelt. Graf Wildenstein ist — der Bruder Deiner Mutter." „Mein Oheim!" „Nein, Nora, er hat an dem Tage, als Deine Mutter mein Weib wurde, ihren Namen im Stammbaum der Wildenstein gestrichen, damit kein Fleck auf das gräfliche Wappenschild durch diese Mißheirath falle!" Das zarte Mädchenantlitz ward glühend roth, die schönen, dunklen Augen flammten und mit bebender Stimme rief Nora: „Jst's möglich, Papa? Das konnte ein Bruder thun! Gut, dann ist natürlich jede Bekanntschaft zwischen ihm und mir gestrichen, ich bin die Tochter des Sängers und er — hat keine Nichte!" „So ist's recht, Kind," sagte zur Stetten finster, „ich wußte es, daß Du nicht anders handeln werdest. Nein, wir wollen ihn nicht kennen, den adelsstolzen Mann mit dem harten Herzen." „Also deshalb sagte er, er habe Mama so sehr geliebt und liebe sie noch." „Ist das eine Liebe, welche mit unbarmherziger Hand alle Bande zerschneidet? Was hat er nun von seinem Starrsinn? Er ist ein einsamer, verbitterter Junggeselle geworden!" „Ich wünsche, ich träfe ihn nie wieder," rief Nora glühend vor Empörung; „ist es möglich, daß man sich so täuschen kann? Ich meinte, er sei ein gemüthvoller Mann." „Das mag er sein, ich nehm's ihm nicht, ich weiß von Deiner Mutter, wie hoch sie ihn hielt; aber hat er einmal die Kluft zwischen uns befestigt, so mag sie bestehen bleiben für immer und alle Zeiten. Auch der Sänger hat seinen Stolz und ergreift nicht die Hand des Grafen, welcher nach Jahren Reue spürt." „Ich kenne ihn nicht mehr, Vater. Aber komm', wozu uns erregen über diese längstvergangenen Sachen. Mein Mütterchen war ja glücklich mit Dir und hat sicherlich nie ihre Grafenkrone zurückersehnt." „Nein. Als ihr Vater starb, versöhnte sie sich mit ihm, und damals warst auch Du mit auf dem Wildenstein." „Ich weiß es nicht mehr. Nur an Mama im Sargs erinnere ich mich. Sie trug ihr Brautkleid und sah so lieblich aus. Onkel Hohenthal stand daneben und eine Thräne nach der anderen rollte aus seinen Augen." „Er hat sie unendlich geliebt und konnte doch sehen, wie glücklich sie mit mir geworden. Nora, das ist ein echter Edelmann und treuer Freund." 190 und kramte in allerlei alten Briefen; auch von Theresenr Hand waren einige darunter, wehmüthig preßte er sie an die Lippen. „Du Engel," flüsterte er seufzend, „wärst Du am Leben, Du ließest mich nicht vergeblich um Versöhnung betteln; o, und Dein Kind ist so hold und lieblich! Fast könnte ich meine Jahre, meine Ansichten und die ganze Welt vergessen in Noras schönen Augen und es wird Zeit, daß ich alternder Mann oar mir selbst fliehe. Wenn sie nun erfährt, wer ich bin, wird sie mich auch Haffen!" Am Abend, als die beiden Herren einige Minuten allein saßen, schaute zur Stetten unruhig auf und sagte zu Hohen- thal: „Ich habe Nora heute Alles gesagt; sie weiß, wer Wildenstein ist und wie sie sich ihm gegenüber verhalten soll." „Friedrich!" rief Hohenthal zürnend au». „So haben Sie den Keim zu neuer Feindseligkeit in dies Kinderherz ge- senkt? Glauben Sie denn, daß die» im Sinne der Tobten ist? Können Sie nicht vergeben und vergessen?" „Nein, ebensowenig wie der Graf." „Rudolf ist ein Anderer geworden," erklärte Hohenthal. „Ich meine, unsere Nora hätte der Friedensengel werden sollen zwischen ihm und Ihnen und nun vernichtet Ihr Groll alle Pläne!" „Besser, sie erfuhr es durch mich, als durch Andere," entgegnete er düster, „sie ist ja nicht allein das Kind de» Sängers, sondern selbst Schauspielerin — ein Mitglied jener Menschenklasse, die für die Aristokraten nicht exlstirt." „Ruhig davon, Stetten," mahnte der Baron mißbilligend. „Sie sollten nicht das „Äug' um Äug'" auf eine neue Generation verpflanzen. „Die Rache ist mein," spricht unser Herrgott." „Das ist ein schweres Wort," sagte der Sänger, „und ich glaube wohl, daß ich es nie zu befolgen lernen werde ; ich habe damals zu viel gelitten, als man mein theures Weib hinausstieß wie eine Verbrecherin." „Therese war nicht so hart," seufzte Hohenthal, „noch auf dem Sterbebette sandte sie Rudolf einen Gruß und den Rest von Härte hätte Noras Liebreiz aus seiner Seele genommen." „ „ ,,, „Ich will es nicht!" sagte Stetten und erhob sich zu seiner vollen Höhe. „Rühren Sie nicht an diesem Punkt, lieber Freund, denn ich bin unerbittlich 1" „Gott helfe, ich kann es nicht," sprach der Baron seier- lich vor sich hin, al» er spät Abends heimkehrte, „und doch ist mir nicht mehr so hoffnungsleer zu Muthe, als früher, vielleicht — kommt Alles noch ganz anders, denn so wie Rudolf das Mädchen angeschaut, habe ich ihn nie zuvor gesehen, es lag eins ganze Welt in dem Blicke!" Er wollte in den nächsten Tagen nach Hohenthal zurück- kehren, denn seine Geschäfte in der Residenz waren beendet, und doch begann ihn ein seltsames Gefühl zurückzuhalten. Er meinte, daß Therese ihm ihr Kind mit an's Herz gelegt; sollte Nora denn wirklich de» Vaters Groll in sich aufnehmen oder war es ihm noch möglich, mildere Gefühle in ihr zu erwecken? , , Währenddem stand die junge Schauspielerin droben am offenen Fenster ihres Schlafzimmers; der rauhe Herbstwind zauste in ihren Haaren, einzelne Regentropfen netzten ihre Stirn, aber sie merkte es nicht, in ihrer Seele stritten und rangen zwei Mächte miteinander, eine gute und eine dunkle. „Er hat mein Mütterchen verstoßen! Er ist ein harter, unbeugsamer Mann und ich will ihn Haffen," flüsterte die letztere und dann wieder erwachte ein milderes Empfinden: „Er sah so traurig und erschüttert aus, als er sagte, wie sehr er Mama geliebt habe. Rudolf heißt er? Welch' ein stolzer, schöner Name! O, wenn er doch nicht meiner Mutter Bruder wäre!" Ohne daß sie es wollte, rann eine blitzende Thräne auf die schlanken Finger, die er heute geküßt. Ach, und sie sollte und wollte ihn ja Haffen! Ja, wenn sie ihn beim Bazar der Fürstin treffen würde, dann wollte sie ihn nicht kennen, ihn so schroff behandeln, wie der Vater es wollte, denn er hatte ja die Mutter beschimpft und beleidigt! Das war vor vielen Jahren; wenn er aber noch heute so dächte, würde er ihr dann wohl die Hand geküßt, ihr so warm und offen für ihr Spiel gedankt haben? „Rudolf," flüsterte fie abermals voll schmerzlicher Verzweiflung, „warum ist er es gerade! Ich dachte schon, da» wäre der einzige Mensch außer Onkel Eduard und Papa, der mir gefallen könnte!" Und der Graf? Gr faß bei der Lampe im Hotelzimmer Der Bazar der Fürstin Porscu fand in ihren schönen Gesellschaftsräumen statt; es waren Tische und Buden mit sehr vielen, sehr kostbaren Sachen ausgestellt und die jüngsten, schönsten Damen der vornehmen Gesellschaft zu Verkäuferinnen ausgewählt. Eine der lieblichsten von allen war Nora zur Stetten in einer eleganten hellblauseidenen Toilette, ein gleiches Band durch die dunkelblonden Flechten geschlungen. Die Fürstin Melanie hatte ihr einen Tisch mit Kunstsachen angewiesen, Gegenstände, die sich schwer verkauften, aber die junge Schauspielerin ging kühn an's Werk und war auch sehr bald von Herren umringt, die sich beeilten, ihr Allerlei abzunehmen. Sie besaß eine frische, heitere Weise, zu plaudern und zu lachen, ebenso fern von Koketterie als blöder Befangenheit; dabei hatte sie eine ganz eigene Art, aufdringliche Schmeichler mit einem erstaunten, vornehmen Blicke abzuhalten, der den Betreffenden fataler berührte, als irgend ein scharfes Wort. Fürstin Melanie, welche eine kostbare schwarze Sammt- robe und sehr schöne Brillanten trug, war ganz selig, dem Graf Wildenstein hatte sich soeben eingefunden und der * liebte" Neffe Gregor war angelangt. Es war ein lang«, uneleganter junger Mann, ganz hübsch, aber verzweifelt geistlos aussehend, überall mit seinen und anderer Leute Gliedmaßen collidirend und dabei lachend; zu reden war ihm etwas mühevoll und angreifend und di« anderen Menschen besorgten es ja schon ganz genügend. „Siehst Du die Dame dort am Tisch, Gregor?" flüsterte die Fürstin ihrem Neffen zu. „Es ist eine sehr reiche, hübsche, liebenswürdige Schauspielerin, der Du Dich nähern sollst. Vielleicht verliebst Du Dich in sie und heirathest sie, wie?' „O ja, ja, warum nicht, hahaha!" lachte der Fürsten« sproß geistreich. „Ich will einmal hingehen und ihr etwas abkaufen." „Was Du ihr dann schenken könntest. Nun sei klug, mein Junge, und versuche Dein Glück." Der „kluge Junge" nickte ganz einverstanden und ging hinüber zu der ihm bezeichneten Bude, um mit der Zukünftigen ein geistreiches Gespräch anzuknüpfen. „Sie verkaufen hier, Fräulein?" begann er. „Jawohl, mein Prinz, und wenn irgend etwas Sie lockt, dann kaufen Sie es. Der erste Eindruck ist der richtige. Ich bin auch ganz solide in den Preisen." „Ist es nicht sehr heiß hier, Fräulein?" begann er. „O nein. — Wie wär's mit diesem Apollokopfe? Om vielleicht dieser Kupferstich? Haben Sie schon den Guido Re» gesehen?" „Nein, wer ist das, Fräulein?" Nora blickte erstaunt den prinzlichen Frager an, der dabei so harmlos lächelte, daß es einen Stein hätte rühren können. „O, heilige Einfalt!" murmelte sie vor sich hin, ward aber im selben Momente dunkelroth, als eine tiefe Männerstimme freundlich fragte: „Haben Sie mir schon Kunstsachen zurückgelegt, gnädiges Fräulein? Sie wiffen, ich merkte hundert Mark dafür vor." . , „ Nora» soeben noch lachende» Gesicht ward starr und kau, sie wandte ihm kaum da» Köpfchen zu. „Noch nicht, Herr Graf, vergeben Sie mir." L „Aber ich bitte, gnädige» Fräulein. So werden Sie mir vielleicht gestatten, Ihre Schätze zu mustern." „Gewiß, e» darf ein Jeder die Sachen ansehen. 191 Der eisige Ton machte Wildenstein stutzig; forschend blickte er in des Mädchens schönes Antlitz, welches mit einem Male sich glühend roth färbte, doch noch ehe er sie anreden konnte, hatte sie sich zu dem Prinzen mit einer gleichgiltigen Bemerkung gewandt. e „ „Wir haben uns lange nicht getroffen, gnädiges Fräu- lein," bemerkte nach einer Pause der Graf, „und ich fürchte fast, Sie zürnen mir über irgend etwas." „Wie wäre das möglich," gab sie schroff zurück, „fremden Menschen könnte ich nie zürnen, weil mir jegliches Jntereffe dabei fehlte." „Fräulein Nora," — er beugte sich bewegt etwas zu ihr und sprach gedämpft, - „ist es denn möglich, daß Sie mir eine solche Haltung zeigen können, nachdem Sie mir neulich aus freien Stücken zum Lebewohl die Hand gereicht?" Jetzt warf sie die Maske ab, denn ihr Character war ein zu offener, um lange mit geschloffenem Visier kämpfen zu können; hochauf richtete sich die schlanke Gestalt, ihr Auge sprühte zornig und mit zitternder Stimme antwortete sie: „Damals kannte ich Sie noch nicht, Graf Wildenstein. Heute aber weiß ich genau, daß die Tochter Friedrich zur Stettens, des Sängers, den hochgeborenen Grafen von Wildenstein mit dem fleckenlosen Wappenschild nicht kennen darf. Und er ist vielleicht beffer so —" Die Stimme versagte der Sprecherin, krampfhaft bebten die kleinen Hände, aber sie wagte nicht aufzusehen, denn Wildensteins Blick hing schmerzlich bewegt an ihrem Antlitz. „Also sind meine Besürchiungen doch wahr geworden, man hat Ihre reine Seele mit Haß und Groll getränkt, Nora, um eine verjährte Schuld von neuem aufleben zu laffen — statt dieselbe in Liebe zu sühnen?" erwiderte der Graf Wilden» stein traurig. Seine Worte erschütterten sie mächtig, aber sie blieb kalt und ablehnend gegen ihn. „Meinen Sie denn, Herr Graf, die bürgerliche Schauspielerin werde sogleich voll stolz triumphirender Freude die Hand ergreifen, welche einst der eigenen Mutter Namen als den einer Tobten im gräflichen Stammbuche durchstrich. Nein, nimmermehr I Unsere Wege gehen auseinander, Graf Wilden« stein, ersparen Sie uns Beiden jeden ferneren Schmerz I" „Schmerz, Fräulein Nora? Empfinden Sie also wirklich Schmerz, mich so feindselig von sich fern halten zu müffen?" Jetzt trafen sich ihre Augen in namenloser Qual, Thränen traten in die des Mädchens, aber sie schüttelte heftig den Kopf. „Wozu noch länger reden? Wir kennen uns nicht mehr, Herr Graf, denn es war nicht recht von Ihnen, unter falscher Flagge zu segeln." „Das that ich nicht, Fräulein Nora, Sie hörten meinen vollen Namen, als man uns bekannt machte." „Aber ich meinte, einen Fremden zu sehen und — und dann —" „War es Ihr alter Oheim," ergänzte er schwermüthig, „nein, Kind, Sie waren mir niemals fremd; auch da nicht, als Sie zuerst auf der Bühne vor mir standen und dann, als ich vernahm, Sie feien meiner Schwester Kind, gehörten Sie sogleich zu mir — und werden es bleiben, ob Sie auch die Scheidewand zwischen uns von Neuem aufrichten, die ich so gern für immer fallen laffen möchte." „Laffen Sie die Tobte ruhen, Herr GrafI Haben Sie einst deren Hand nicht versöhnend ergreifen wollen, so sagt die Tochter heute von selbst: Nimmermehr I" „Nora, Sie sind Theresens, meiner Schwester Kind und ich wiederhole Ihnen, daß ich Sie nicht aufgebe! Weshalb kamen Sie mir altem Manne so zutraulich und herzlich entgegen und nun er Ihnen näher rückt, stoßen Sie ihn haßerfüllt von sich." „Es muß fein. Ich könnte vergessen und vergeben, wenn Sie mich beleidigt hätten, aber was Sie gegen meine Mutter begängen, bleibt drohend zwischen uns stehen." „Wehe Denen, welche Ihnen die Rache einprägten," sagte Wildenstein tief erregt, „Ihnen zürne ich nicht, Kind, ich werde Sie lieb behalten — vielleicht noch mehr nach dieser Stunde. — Gott helfe mir einsamem alten Junggesellen auch fernerhin, durch'« dunkle, lichtlose Leben zu wandern!" Sich tief verbeugend, trat er zurück und ging davon. Einen Moment war's dem jungen Mädchen, als müsse sie emporspringen und ihn zurückholen, ihm sagen, daß er ja gar nicht wahr sei mit dem Hab, daß ihr Herz blute bei dem Gedanken, ihn nie mehr sehen zu sollen, aber sie blieb wie gelähmt auf ihrem Stuhl und blickte scheu, angstvoll in die bunte, lachende Menge, die sich hin und her schob. Vor ihr lagen des Grafen Goldstücke, sie schauderte, als sie dieselben empornahm, um sie in die Kasse zu legen, ihr war's, als höre sie noch einmal seine trauernden Abschiedrworte, wie ein Dolchstich hatten sie ihr Herz getroffen und verwundet- Immer neue Käufer traten zu ihr, sie mußte jetzt lächeln, reden und danken, aber sie kam sich vor wie eine Nachtwandelnde. Drüben sah sie Wildensteins hohe Figur vor der lächelnden Fürstin Melanie stehen; kokett berührte die Fürstin seinen Arm mit dem Fächer und schien ihm etwas in's Ohr zu flüstern. Vor Noras Augen dunkelte es, eine marternde Eifersucht erwachte in ihr; sie hätte mit ihren eigenen Händen die Gastgeberin bei Seite drängen mögen, damit sie den Grafen nicht so anblicke. Aber vielleicht interesstrte er sich für die stattliche Dame, er war ja ihr Jugendfreund, hatte sie längst gekannt, ehe er von Nora gewußt — und, nun sie ihm erklärt, daß sie ihn hasse, würde er vielleicht seine Gunst der Fürstin zuwenden. Das junge Mädchen preßte die Hand auf's Herz, sie hätte laut aufschluchzen mögen und mußte doch da« Lächeln festhalten ; jetzt sah sie Baron Hohenthal kommen und zum Grafen Wildenstein hintreten. Sie schüttelten sich herzlich die Hände. „Nun, Rudolf, schon fertig mit Deinen Einkäufen?" frug Hohenthal. „So," sagte Wildenstein düster, „ich bin fertig mit allem — auch mit der Hoffnung auf eine freundlichere Zukunft." „Was soll da» heißen? Wie siehst Du aus, alter Junge?" „Wie Einer, dem man soeben versichert hat, das Tischtuch sei zerschnitten zwischen ihm — und seinem schönsten Traum." Hohenthal verstand sogleich den Sinn dieser bitteren Worte. „Du hast Nora gesprochen?" „Ja, sie weiß Alles und hat mir Haß und Groll entgegengeschleudert — um der Tobten willen." „Ihr Vater trägt die Schuld," erklärte der Baron erregt, „er hat ihr Alles enthüllt und in den grellsten Farben! Habs Geduld, Rudolf, und gib nicht alle Hoffnung auf." „Ich reife in den nächsten Tagen ab." „Das thust Du nicht, mein Freund. Ich selbst muß schon morgen nach Hause, aber Du bleibst noch hier, versprich es mir!" „Weshalb?" fragte der Graf finster. „Soll ich mich nochmals von einem jungen Mädchen zurückstoßen laffen?" „Rudolf," sagte Hohenthal ernst, ihm die Hand auf die Schultern legend, „ich kenne Dich seit zwanzig Jahren und in dieser Stunde vielleicht beffer, als Du Dich. Ich habe jenen Blick gesehen, mit dem Du neulich von Nora Abschied nahmst. Seitdem erfüllt mich eine freudige Hoffnung, nein, eine unumstößliche Gewißheit; aller Groll und Haß wird vielleicht eines Tages begraben werden — in Liebe, nur das Wappenschild der Wildensteiner wird einen Flecken erhalten." Voll und offen blickte der Graf dem Freund in's Auge. „So träumte ich auch — bis vor einer Stunde, ich alter Thor! Aber der Fleck, von dem Du sprichst, er wäre durch heiße, unendliche Liebe getilgt worden und ich meine, all' die ernsten Ahnenbilder auf dem Wildenstein hätten freundlich genickt, wenn ich ihnen eine liebreizende Frauengestalt zugeführt l)ätte — doch lassen wir das Träumen von unmöglichen Hoffnungen! Es ist vorüber, das Leben hat für mich keine Blüthen mehr!" Er wandte stch dem Ausgang zu und Hohenthal schritt weiter, dem Tischchen zu, an dem Nora bleich und traurig saß. „Durch Kämpf zum Sieg," murmelte er ernst, „sie wer- - 192 — bin sich durchringen; Lheresens Geist schwebt über ihnen — versöhnlicher als die Menschen find." „Onkel Eduard," rief das junge Mädchen, als er zu ihr trat, und ihre Stimme zitterte, „gut, daß Du kommst — Du mußt mich nach Hause bringen." „Schon jetzt, Liebling? Du hast ja noch allerlei Kram hier liegen." „Ich kann nicht länger verkaufen," wiederholte fle flehend, „sag' der Fürstin, ich sei nicht wohl, aber nur bringe mich fort — an die Lust — ich ersticke sonst." (Fortsetzung folgte) Gsin-iniEtziges. Gardinenwäsche. Will man recht lange Nutzen von den Gardinen haben, so müffen sie vor allen Dingen sorgsam in der Wäsche behandelt werden. Nachdem sie abgenommen und tüchtig ausgestäubt sind, müssen sie ganz gleichmäßig zu- sammengelegt werden, d. h. nicht zu dick, damit sie genügend bearbeitet werden können- Denn so wie sie jetzt zusammengelegt sind, müffen sie die ganze Wäsche hindurch bleiben, bis zum Aufhängen. Dann lege man sie in das Waschfaß und weiche sie mit warmem, reichlichem Sodawafler ein. Sehr gut ist es, wenn man die Gardinen eine Nacht im Waffer liegen läßt- In diesem Sodawasser werden sie nun hin und her gespült und dann vorsichtig durch die Wringmaschine gegeben, ohne die Falten auseinander zu nehmen. Ob man sie dann erst wieder in reinem Seifenwasser waschen oder gleich in Seifenwasser kochen will, kommt darauf an, wie schmutzig sie waren. Man kann sie ziemlich lange in gutem Seifenwasser, aus dem sie nachher herausgewaschen werden, langsam kochen lassen. Ehe man sie dann in verdünntes Fleckenwasser gibt, ist es rathsam, sie noch einmal in Seifen- waffer zu waschen. Wenn man sie hernach aus dem Fleckenwasser herausgewrungen hat, ist es angebracht, sie noch einmal durch kochendes, reichliches Waffer zu ziehen, bevor man sie in kaltem spült. Hernach blaue oder gelbe und steife man sie. Zum Gelben wird Crsmestärke und Ocker empfohlen. Von letzterem gebe man dann etwas in ein Stück Zeug und mache einen Gelbextraet davon, um von diesem nach Belieben zu der gekochten Crsmestärke zuzunehmen. Es ist falsch, wenn man meint, die gegelbten Gardinen brauchten vor dem Gelben nicht blendend weiß zu sein. Gerade dadurch, daß die dicken Gewebe ganz weiß und klar sind und nach dem Gelben hellgelb und sauber heraustreten, erhalten die Crsmegardinen ihre Schönheit. Mit Thee zu färben ist unrathsam, er gibt nie eine hübsche reine Farbe. Wenn die Gardinen völlig trocken sind, feuchte man sie mit warmem Wasser dermaßen wieder ein, daß sie völlig naß sind, und kaffe sie so eine Weile liegen. Dann lege man sie gleichmäßig zusammen und mangele sie recht lange, bis sie schön blank und glatt sind, heste sie in Falten an die Gardinenbretter, lege die Bretter wieder auf ihre Haken und lasse die Gardinen ganz gerade vor den Fenstern niederfallen. So müssen sie etwa 3/< Stunden hängen, daß sie im Hängen etwas austrocknen, aber nicht ganz. Dann lege man sie in die gewünschten Biegungen, z. B. in Gardinenhalter, oder oben in Bogen, ganz wie man sie wünscht. Mit der rechten Hand legt man die Falten, mit der linken macht man sie von der Fensterseite her hohl und rundlich. Nun trocknen die Gardinen ganz in der Form an, die man ihnen gegeben hat, und halten sich vorzüglich im Arrangement. Durch dieses Verfahren kann man sich die große Mühe des Plättens sparen und die Gardinen noch einmal so lange haben. • « • Regeln für die Taubenzucht. Warum wohl die Lauben hohe Schläge lieben? fragt sich wohl Mancher. Die Feldtaube und das ist die für den Landwirth empfehlenswertheste, will, ehe sie ausfliegt, Umschau halten, ob kein Stößer oder andere Raubvögel in der Nähe find, und dazu dient die hohe Warte. Sie ist früh am Tage munter und zur Sommerzeit kann man sie schon um 2 Uhr Nachts im Schlage rucksen und rumoren hören; sie liebt darum den sonnigen, gegen Morgen gelegenen Schlag, dagegen verlangt sie zum Brüten Dunkelheit und vertiefte Plätze. Es empfiehlt sich fächerförmige Einteilung der Brutplätze ähnlich eines Registratur- oder Actenschrankes. Die Fächer sollten mindestens 40 Centimeter Länge und Breite und 28 Zentimeter Höhe haben; bei dieser Einrichtung ist dem Eierzerstören vorgebeugt, das nur hauptsächlich dann geschieht, wenn überflüssige Tauber vorhanden. Wenn es immerhin möglich, lasse man Nachts den Schlag offen, sofern derselbe so gewählt, daß keine Miss und Marder Besuche abstatten können. Bei offenen Schlägen siedelt sich äußerst gerne die gelbe große Eule an und hält dieselbe sehr gut Haus mit den Tauben. Solange ich solche Eulen im Schlage hatte, hatten die Tauben Ruhe vor den Ratten; seit mir aus Ungeschicklichkeit das treue Eulenpaär getödtet, habe ich Verlust über Verlust durch nächtliche Rattenbesuche. * * * Für einzelne Papageiarten ist Petersilie Gift und wirkt lähmend, unter Umständen sogar tödtlich. Man hüte sich deshalb, sofern die Thiere an Weichfutter, wie Kartoffel, gekochtes Fleisch zc., gewöhnt sind, diese Speisen zu verabreichen, wenn sie mit einem Zusatz von Petersilie gekocht sind. • * e Gebackene Akazienbiüthen. Die Blüthen der weißblühenden Trauben-Akazien werden sauber abgestäubt, bamil nicht etwa Thierchen daran haften bleiben, dann in eim guten Eierkuchenteig getaucht und in kochendem Fett gebacken, mit Zucker bestreut und heiß angerichtet. Ebenso werden auch junge Weinblätter gebacken. Man gibt dies Gebäck zum Nachtisch oder Kaffee. V-piMeht-s. Sonderbar. „Nun, wie vertragen Sie sich mit Ihrem jetzigen Compagnon?" — „Ach, hören Sie mir auf! Mit dem muß man sich fortwährend Herumstreiten, wenn man mit ihm auskommen will!" ♦ ♦ ♦ Verfehlt er Vereinszweck. „Wie, Herr Schulze, Sie sind aus unferm Sparverein ausgetreten? Ja, warum denn eigentlich?" — „Ja, wissen S', weil ich da am Vereinsabend immer so viel Geld an'bracht hab'." ♦ * ♦ Schon wahr. Leidtragender (zum Leichenbesorger)' „Werden Sie denn auch Alles, was zur Bestattung erforderlich ist, ordentlich besorgen?" — Leichenbesorger: „Haben ©'< keine Furcht, von all' den Leuten, die ich habe begrabe helfen, hat sich auch noch nicht ein einziger beklagt I" ♦ * * Bestohlen. Herr (im Weggehen, zum Hoteldiener): „Ich bin bestohlen worden während meines Aufenthaltes hier." — Diener: „Guter Gott, Herr; verschlossen Sie denn Ihrs Thüre nicht? Haben Sie eine Idee, wer es gethan hat?" — Herr: „Ja, Ihr Herr, hier sehen Sie diese Rechnung! « * Abgeblitzt. Sie: „Aber, Karl, Du sagtest immer, Du wolltest mir die Ehe zum Himmel machen und jetzt weigerst Du Dich, mir das seidene Kleid zu kaufen!" - Er: „Aber, mein Engel, im Himmel kannst Du doch kein seidenes Kleid brauchen!" Mdaetiau: A, Gcheyd a. — ©rat! und Vertag der BrLhl'scheu Universttärs-Buch- und Strindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.