MterhaUungsbtatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). 1895. ♦ V♦ V •• vv ! ZM-L! i ,/T "g ", ''S „ n -r ^EE? SamStag de« 22. Juni MKMS Die Tochter des Meeres. Semen »en Ä. Steele. (gertfefc**«.) »Mir scheint, Sie halten uns Männer für entsetzlich thörlcht, Lady Marian," antwortete der Herzog. »Würden Sie sich in Ihrer Wahl von solchen Beweggründen leiten lassen?" „Das weiß ich nicht," sagte sie bitter. „Ich bin in meinen theuersten Wünschen und Neigungen getäuscht worden. Warum sollte ich jetzt nicht etwas Sicherem trauen?" „Und war dieses unglückliche Mädchen die Ursache Ihrer Enttäuschungen, welcher Art dieselben auch gewesen sein mögen ?" fragte er mit einem Blick wirklicher Theilnahme- „Sie hat Vielen Kummer verursacht . . . Anderen noch viel mehr als mir . . . und das Unglück läßt sich nicht wieder gut machen," war die leise, traurige Antwort. „Aber bitte, dringen Sie nicht weiter in mich. Wenn sie verrathen würde, würden auch Andere in entsetzliche Gefahr kommen." „Und doch kann sie Hunger leiden ... kann zu Grunde gehen," sprach er. „Ueberlaffen Sie das mir! Ich werde sehen, ob sich etwas thun läßt, ohne Andere in's Verderben zu stürzen," sagte Lady Marian. „Nicht wahr, ich richte eine solche Bitte doch nicht vergebens an Sie?" «Nein, nein! Es sei, wie Sie wünschen!" erwiderte der Herzog nach kurzem Besinnen. „Sie können gegen eine arme Aurgestoßene nicht grausam sein. Und doch," fuhr er zögernd ftrt, „würde ich es als ein große« Vertrauen ansehen, Lady Marian, wenn Sie meinep Beistand annehmen wollten " „Vielleicht thäte ich es, aber ich kann nicht nach eigenem Belieben entscheiden, wo es sich um die Sicherheit Anderer handelt," entgegnete sie mit bezauberndem Lächeln. „Doch ich « k«'c daß. Papa sehnsüchtig nach dem Thee ausschaut ... wir dürfen ihn nicht länger auf dar duftende Getränk warten lassen. . Aii.t diesen Worten eilte sie in das Nebenzimmer, ohne sine Antwort abzuwrrten. Herzog folgte ihr langsam und kam gerade zurecht, um zu sehen, wie Marian ihren weißen Arm um ihrer Vater- Hals schlang, während sie ihm mit der andern Hand eine Tasse Thee reichte. Sie sah reizend aus, wie sie so dastand, und der junge Herzog mußte sich gestehen, daß ein entschiedener Reiz darin lag, in diesem kleine» Kreis den Abend zu verbringen. Und doch weilten des Herzogs Gedanken mehr bei Coras ernstem, ausdrucksvollem Gesicht, als bei der eleganten und reichen Erbin von Biddulph, um welche zu werben er gekommen war. XXX. Lady Marian hatte seit ihrer Anwesenheit auf Schloß Biddulph oft wunderliche Einfälle und die Dienerschaft wagte nicht, sich ihren oft eigenthümlichen Befehlen offen zu widersetzen. Als sie daher Auftrag gab, am nächsten Morgen «ach des Herzog» Ankunft früh um sieben Uhr ihr Lieblingspferd Muha- med zu satteln und selbst an die Stallthür kam, um da aufzusteigen, wagte Niemand, auch nur durch einen Blick seine Verwunderung zu verrathen.^ „Soll Friedrich Sie begleiten, Milady? Ich habe sein Pferd bereit," fragte der Stallbursche, der den schönen Braunen festhielt. „Nein, ich wünsche allein zu reiten," erwiderte ste entschieden. „Ich werde in ungefähr einer Stunde wieder zurück sein und will nicht, daß weiter darüber geredet wird, Jennigr." Der Bursche verneigte sich stumm. So ritt Marian unbelästigt und gemächlich davon; sobald sie aber außer Sicht war, gab sie Muhamed einen leichten Schlag, der den Schritt zu einem Galopp beschleunigte und sie mit einer Schnelligkeit über den ziemlich holprigen Weg trug, vor dem Viele angstvoll zurückgeschreckt wären. Aber Lady Marian fühlte, daß die Zeit kostbar war. Ihre Augen waren erwartungsvoll auf die Straße vor sich gerichtet, als hoffe sie bei jeder Wendung des Weges irgDd etwas Besonderes zu entdecken. w Endlich aber war die Straße zu Ende und Lady Marian sah dieselben zwei Wege vor sich, an welchen Rupert Falkner vor Kurzem unentschlossen gestanden hatte, während in der Ferne eine leichte Rauchwolke aus dem Häuschen aufstieg, in welchem Cora Hilfe gesucht hatte. Marian überlegte einen Augenblick und war dänn eben — 290 im Begriff, sich dem Hause zuzuwenden, als nahende Schritte sie zurückhielten. Sie verbarg sich hinter einer Baumgruppe, bis sie den Herankommenden genauer sehen konnte. Er kam so langsam und nachdenklich daher geschritten, daß sie ihn mit Muße betrachten konnte, und Marian mußte sich gestehen, daß ein eigenthümlicher Reiz in der ganzen Erscheinung des jungen Mannes lag. Und in der That zeichnete sich Rupert Falkner — denn es war kein anderer als er — durch auffallend edle Züge und eine imponirende Gestalt aus und Lady Marian Biddulph meinte, sogar in Hofkreisen nie das Gepräge so vollständig angeborener Aristokratie bemerkt zu haben, wie es diesen einfach gekleideten Wanderer auszeichnete. Muhamed schien aber anderer Meinung zu sein oder er wollte sich den ihm durch dar feste Gebiß auferlegten Zwang nicht gefallen lassen, denn plötzlich that er einen Satz und bäumte sich, daß er seine schöne Reiterin fast abgeworfen hätte und bevor sie wieder recht zu sich kommen konnte, that er wie in einem heftigen Wuthanfall einen weiten Sprung nach der gegenüberliegenden Anhöhe. Lady Marian schrie nicht, aber sie stieß einen leisen Ruf aus, der ihre Angst vielleicht noch mehr verrteth. Sie glaubte den sicheren Tod vor sich zu sehen; Muhamed war so wüthend und die gegenüberliegende Anhöhe so steil und gefährlich. -Aber wie sie so unfreiwillig vorwärts schoß, war es ihr, wie wenn Jemand hinzuspränge, obgleich es ihr wie ein Schleier vor den Augen lag. Sie fühlte einen Ruck, es legte sich eine Hand fest um ihre Taille, und dann verlor Marian für kurze Zeit die Besinnung. Als sie wieder zu sich kam, lag sie halb auf dem Rasen, der den Hügelabhang deckte und halb ward sie von dem Arme dessen gestützt, der die unfreiwillige Ursache des Unfalles gewesen war. „Fühlen Sie sich wohler, Lady Marian?" fragte er, während er den Arm unter ihrer Taille wegzog. „Ja, ich danke ... es ist mir ja nichts geschehen," erwiderte sie, sich aufrichtend. „Wo ist Muhamed? Was hat ihn nur so unruhig machen können?" setzte ste hinzu, während sie unwillkürlich wieder zurücksank. „Ruhen Sie eine Weile," versetzte er. „Sie sind zu sehr erschrocken und verloren dadurch die Kraft. Ihr Pferd ist ruhig und unbeschädigt. Doch fürchten Sie sich wohl, es wieder zu besteigen?" „O nein, durchaus nicht," entgegnete sie rasch. „Aber woher wissen Sie meinen Namen?" sagte sie, sich plötzlich daran erinnernd, daß er ste erkannt hatte, während er ihr völlig fremd war. „O, ich hübe sowohl von Ihnen gehört als gesehen, Lady Marian, obwohl ich hier fremd bin," entgegnete er. „Doch was wollen Sie nun thun? Sie fühlen sich gewiß unwohl und Ihr Diener ist vermuthlich nicht in der Nähe, daß ich ihn rufen könnte." „Nein, neinl" unterbrach sie ihn hastig. „Ich bin ganz wohl. Bitte, helfen Sie mir beim Aufsteigen und sagen Sie mir, welche Zeit es ist, denn ich fürchte, es ist schon spät." „Sie fürchten es?" entgegnete Rupert sanft. „Lady Marian ist doch gewiß ihre eigene Herrin." „So weit es die gewöhnlichen Formen des Lebens anbelangt, allerdings," sprach sie kalt. „Aber ich kam in einer Absicht hierher, die ich infolge dieser Laune Muhameds werde unausgeführt lassen müssen." „Was meine Schuld war, fürchte ich," erwiderte er. „Ich erschreckte da» Thier .... doch hatte ich allerdings keine Ahnung davon, daß zu dieser Stunde eine Dame hier sein könM." ^Vermuthlich kamen auch Sie in einer bestimmten Absicht hierher?" fragte das Mädchen. „Sie vermuthen sehr richtig," entgegnete der junge Mann. „Leider blieb auch meine Absicht unerreicht wie die Ihre, wenn sie sich auch schwerlich demselben Gegenstände zuwandte." Die junge Dame trat stolz einen Schritt zurück. „Sie können doch kaum einer der Beamten sein, die aus- gesandt sind, um hier nachzuforschen," sagte sie mit scheuem Blick, der schlecht mit ihrer bisherigen Freundlichkeit übereinstimmte. „Allerdings nicht, wenn Sie Lord Faros Mord meinen," antwortete er ebenso stolz. „Mord!" wiederholte sie. „So halten Sie es für ein Verbrechen?" „Ja und die dabet Betheiligten halte ich für strafbar," versetzte er heftig. „Lady Marian, ich will offen gegen Sie sein. Der Zweck meiner Wanderung war, ein junges Mäd- chen aufzufinden, das ich zur Erkenntniß ihrer Schuld bringen möchte, obgleich ich sie um der Vergangenheit willen nicht be« strafen würde, wie sie es wohl verdient." „Sprechen Sie von Cora vom Meere?" rief Lady Marian. „Was wissen Sie von ihr?" „Ach, zu viel, und gleichzeitig zu wenig!" antwortete er. „Sie war mir einst so theuer, da ich ste gerettet und in ihrer Kindheit überwacht hatte. Aber ich hatte mich in ihr getäuscht. Ich glaubte sie genau zu kennen und nach Gebühr zu schätzen Sie hat sich falsch und leichtfertig erwiesen und doch kann ich sie nicht ihrem Schicksal überlassen." „Dann ist es also wahr .... sie ist hier?" erwiderte Lady Marian erregt. „Ich habe sie in den letzten vierundzwanzig Stunden ge- sehen," sprach Rupert, „doch ist sie seitdem spurlos verschwunden. Seit Tagesanbruch suche ich fie." „Würde es Sie wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich zu demselben Zwecke hier bin?" sprach sie ruhig. „Ich wollt« sie, wenn möglich, von ihrer eigenen Thorheit und vor dem Verderben retten, das ihrer harrt, obwohl ste mich tief "gekränkt und verletzt hat." „Sie Edle!" erwiderte Rupert feurig. „Jetzt weiß ich, welch' wahre Großmuth im edlen Blute wohnt, Lady Marian, wenn Sie für eine undankbare Fremde so viel wagen! Aber Sie sollen nicht länger darunter leiden!" fuhr er ernst N „Ueberlassen Sie das Suchen mir, Lady Marian. - .btt heißt, wenn Sie mir vertrauen wollen, was Sie über sie erfahren haben. Ich habe nichts zu verlieren. Cora hat meinen Frieden zerstört ... mir das Leben zu einer Last gemacht. Sie find reich, begabt, glücklich. Ein einziger Makel aus Ihrem stolzen Namen kann Ihnen theuer zu stehen kommen." Ueber das Gesicht der jungen Dame ergoß sich eine tiefe Röthe. „Ich danke Ihnen," entgegnete sie, „aber ich fürchte nicht für mich. Doch könnte es Jemand verrathen, der mir einst so theuer war, wie Ihnen das Mädchen, und ihn in Gefahr zu wissen, würde mich tief bekümmern." „Ich verstehe," sagte der junge Mann, „ich bin längs genug hier, um Manches zu kennen. Dieselben bestätigen nur meine Vermuthungen. Lady Marian, Sie sind großmüthigsr als ich, lieber unterstützen Sie eine Nebenbuhlerin in ihrem Glücke, als baß Sie den, den Sie lieben, zu Grunde richten." „Ich liebe nicht mehr," antwortete ste stolz. „Meim Liebe ist dahin, nun eine so unwürdige Nebenbuhlerin mtlm Stelle eingenommen hat; aber wie Sie sagen, es geschieht'» der Erinnerung an die Vergangenheit." „Sehr wahr," sagte er, „und hierin besteht eine Sy«' pathie zwischen uns, die uns gegenseitig Vertrauen einflSßs« sollte, Lady Marian; vertrauen Sie mir und sagen Sie mit, was Sie wünschen. Ich will, wenn möglich, die Schuldigen von einander trennen und den unglücklichen Flüchtling, den Sie vermuthlich meinen, retten." „Das wollen Sie?" rief sie. „So hören Sie und neh« men Sie dieses Geld!" fuhr sie, ihm ihre Börse hinhaltend, fort. „Er ist für ihn, bis er in Sicherheit ist . - . auch sie soll einen Zufluchtsort haben ... das Haus, das ich ihr an- bot, schlug ste au». Mir ist, als könnte ich Ihnen völlig vertrauen," sprach sie zögernd weiter. „Ihre Augen verrathen, daß Sie aufrichtig sind." . Bei diesen Worten reichte Lady Marian ihm die W -* 291 mit offenem, ernstem Ausdruck in den Augen und einem trüben Lächeln um den Mund. „Und haben Sie keine weiteren Befehle, keine andere Weisung für mich?" fragte er. „Nur daß ich glaube, Cora muß in dieser Gegend hier sein, da sie in kürzester Zeit zweimal hier gesehen worden ist," bemerkte sie, „und vermuthlich durch irgend einen Zufall verhindert ist, ihre Flucht fortzusetzen. Ich wage nicht, in der Angelegenheit thätig zu erscheinen, doch stehe ich Ihnen mit Allem, was ich zur Flucht thun oder geben kann, gern bei — wenn Sie nur einen Weg ausfindig machen können, sich mit mir in Verbindung zu setzen." „Vielleicht können Sie diese Straße in den nächsten Tagen wieder einmal bei Ihrem Spazierritt benützen," entgegnete er. „Ich ... ich werde jedenfalls wieder hier sein, falls ich Ihnen etwas mitzutheilen habe. Dann aber muß ich diesen Ort und dieses Land verlassen und auf Reisen das hier Erlebte zu vergessen suchen." Er reichte ihr die Hand, um ihr beim Aufsteigen behilflich zu sein und im nächsten Augenblick saß ihre schlanke Gestalt sicher im Sattel. „Wem habe ich zu danken?" fragte sie. „Rupert Falkner heiße ich," antwortete er. «Leben Sie wohl, Lady Marian ... Sie sollen Ihr Vertrauen nicht zu bereuen haben." Schnell ritt sie von dannen; in der Aufregung und Hast dieser Unterredung hatte sie ihr Unwohlsein vergessen. Rupert schaute ihr nach, bis sie seinen Blicken entschwunden war, dann kehrte er langsam in das Häuschen zurück, in dem er Wohnung und einen Verbündeten gefunden hatte. XXXI. „Es ist keine Hoffnung, Cora. So lange ich an diesem Orts bleibe, wird es bei all' Ihrer Sorgfalt nicht besser," sagte Lord Belfort traurig. «Schade, daß ich nicht den Hals brach und Sie von Ihrer großherzigen Aufopferung befreite." „Sprechen Sie nicht fo l Auch dann wäre ich sehr tröst- los gewesen," entgegnete Cora. „Es ist doch Etwas, das Bewußtsein zu haben, für Jemand sorgen und ihm von Nutzen '«n ru können und zu glauben, daß ich Ihnen geholfen habe. Aber ich glaube, ich habe einen Ausweg aus dieser Höhle ae- funden," setzte sie dann heiter hinzu. Er blickte sie ungläubig an. „Sagen Sie mir erst mehr," sprach er matt lächelnd, „ehe ich auf etwas so Unwahrscheinliches zu hoffen wage." „Sehen Sie!" antwortete sie triumphirend. „Ich glaube, d" Himmel hat dies nur zu Ihrer Hilfe geschickt. Ich fand es heute Morgen, als ich in dem Steinbruch nach einem bequemen Ausweg für Sie suchte. Ein Steinbrecher, der hier gearbeitet hat, wird es liegen gelassen haben." »ei diesen Worten zog sie einen langen, dicken Strick tftoÄ ^»?bdenfalls auch noch eine schwerere Last als Lord Belfort hätte tragen können. ,, «,/Zun hören Sie mich an," sprach sie weiter. „Wenn ich diesen Strick an einen jener Bäume befestige, werden Sie sich, nun die Schmerzen etwas nachgelassen haben, daran emporziehen können. Was meinen Sie dazu? Wollen Sie es denn wagen? r .'.'36/' sagte er, „für uns Beide ist jedes Andere besser, als dieser langsame Tod. Aber bevor wir diesen gefahrvollen h?ren Sie mich an, geliebtes Mädchen. Ich Ihnen mehr, als Worte auszudrücken vermögen, nicht 2- s^ Mes das, was Sie um meiner Rettung willen ge- sondern auch für den Beweis, was ein Mädchen sei» M^nd «ie der Mann sein sollte, um ihrer werth zu erinnern, Cora, wenn ich sterbe? WollenSe an die treue Liebe glauben, die ich für Sie hege, eine Andere so geliebt habe, noch lieben kann? ^mGedächtniß behalten und vergessen, wieviel ich Ihnen kostete, theure Cora?" n- j"'. ^er Sie sollen, Sie dürfen nicht sterben!" rief sie erregt aus. „Es bedarf nur einiger Vorsicht! Um meinetwillen werden Sie nicht ermatten. Ich könnte es mir nie vergeben, wenn ich schuld an Ihrem Tode wäre." „Nicht doch! Es wäre meine eigene Schuld!" entgegnete er ruhig. „Cora, nehmen Sie diesen Ring und bewahren Sie ihn zum Andenken an mich, wenn ich sterben sollte, und versprechen Sie mir, daß Sie sich, so lange Sie leben, nie von demselben trennen wollen." „Ich verspreche es," sprach sie und verbarg den Ring in ihrem Kleide. „Ob Sie leben oder sterben, Lord Belfort, er soll mich nicht verlassen. Ich glaube und vertraue Ihnen jetzt und werde stets an Sie als einen treuen werthen Freund denken, was auch zwischen uns treten möge." „So besiegle ein einziger Kuß dieses Gelübde, Theuerste!" sagte er. „Es ist nur eine Zärtlichkeit, wie man sie einem Sterbenden wohl gewähren darf." Er zog sie sanft an sich und drückte mit einer Ehrerbietung, wie er sie einer Fürstin gegenüber gezeigt haben würde, einen Kuß auf ihre Lippen. Eine Liebkosung in solcher Weise und zu solcher Stunde konnte Cora nicht bereuen. Es war mehr der Kuß eines Bruders oder eines scheidenden Freundes, als der einer Ge- liebten. Jetzt war auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Doch bevor sie sich von der Stelle gerührt hatten, gab es einen Krach von herabfallenden Steinen, hastige Schritte schreckten sie aus ihrer Ruhe auf und die strengen, barschen Worte drangen an ihr Ohr: „Schurke! Mörder! Wüstling! Habe ich Dich endlich gefunden?" Rupert Falkner stand vor ihnen und sein Gesicht kämpfte buchstäblich mit der düsteren, drohenden Leidenschaft, die jeder seiner Züge ausdrückte. (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gdne. Roman nach Victorie» Sardou und F. Morr«»«. Deutsch von Adel« Berger. (Fortsetzung.) Mit Hilfe seines Oheims, des Pfarrers, ward es Marcel möglich, bei einem alten Arzte, einem Freund des Priester«, einige Anatomiestunden zu nehmen, und mit eifrigen Studien und Geduld hatte er sich zu den ersten Prüfungen vorbereitet, die er in Rennes ablegte. Er wollte also Arzt werden und in den Zukunftsplänen, die er am Rande des geschwätzigen Baches mit Rense entwarf, die seinetwegen die Jagd entschieden vernachlässtgte und die Flinte nur mehr als Entschuldigung ihres langen Ausbleibens mitnahm, sah er sich zuerst in Rennes, dann aber in Paris, dem einzigen Orte, wo die Wissenschaft und zugleich Berühmtheit und Vermögen zu erwerben war, jene schöne Kunst des Heilens ausübend, die die Alten zu einem göttlichen Attribut machten. Marcel, friedlich und sentimental angelegt, besaß die Seele eines Philosophen und hatte die Schriften Rousseau« mit Leidenschaft gelesen. Er betete die Natur an und sein Glaubensbekenntniß war das des favoyardischen Vikars. Seine Gedanken, den beschränkten Kreis der Dinge und Wesen, die ihn umgaben, erweiternd, umfaßten die gesammte Menschheit. Er träumte sich als Bürger der Welt und ver- kündete, daß die Erdkugel das Vaterland aller menschlichen Wesen sei. Es waren ihm mehrere Schriften von Anacharsi« Clootz, bekannt unter dem Namen des Philosophen Anax- agoras, in die Hände gefallen, und er hatte sich seine Lehre von der Unioersalrepublik zu Eigen gemacht. In diesen Zukunftsträumen ging der junge kosmopolitische Arzt nicht allein nach Paris und dem Ruhm entgegen — Rense begleitete ihn, Reuse, seine Frau. Denn die jungen Leute liebten sich, ohne es einander je klar gesagt zu haben, und hatten sich im Herzen geschworen, einander nie zu verlassen. Ihr Alter paßte, sie gefielen einander und da ihre Vermögensverhältnifle so ziemlich die gleichen waren, schien 2S2 - ftch nichts ihrem Glücke in den Weg zu stellen. Marcel, der Sohn der Müllers, dessen Herr der Graf von Surgsre« «ar, erniedrigte sich nicht, indem er die heirathete, die er für die Tochter der gräflichen Forstwartr, de» Vaters Brisse, hielt. Die gute Mutter Toinon, die Frau des Wächters, überraschte sie eines Tages, als sie am Ufer des Baches Gras für ihre Kaninchen holen wollte. Sie schalt nicht besonders, aber Marcel wunderte es, daß Mutter Toinon in ihren Ausflüchten und ihren Scheltworten anzudeuten schien, daß auf Seiten Renee ein Hinderniß vorliege. Der Sohn des Müllerr, dessen Wohlhabenheit einen Widerstand gegen die Heirath mit der Tochter eines einfachen Forstwarts gerechtfertigt hätte, begriff nicht, was Frau Brisse damit sagen wollte. Als jedoch der Graf von Surgsres das Land plötzlich verließ, um sich, wie bald bekannt wurde, den Prinzen im Exil anzuschlteßen, sah Mutter Toinon die beiden Liebenden mit schlauen Blicken an und sagte: „Jetzt, Kinder, braucht Ihr, wenn Ihr Euch durchaus helrathen wollt, nur noch den Müller zu fragen." Ohne zu begreifen, warum fortan bloß die Einwilligung seines Vaters genügen sollte, suchte Marcel diesen auf und theilte seinen Wunsch, Rense zu heirathen, mit. Der Müller versuchte seinen Sohn davon abzubringen, obwohl er erklärte, daß er gegen das junge Mädchen nichts einzuwenden habe. Er stellte ihm vor, daß er sehr jung sei, daß er arbeiten, sich eine Stellung gründen müsse, kurz, war Väter in einem solchen Falle sagen, wenn es sich um eine Heirath handelt, die ihnen nicht paßt, ohne daß sie Gründe zu einer offenen Weigerung anzugeben vermögen. Von diesem Widerstand, den er nicht erwartet hatte, überrascht — denn der junge Mann hatte gedacht, daß der Vater nur die relativ geringere Stellung der Tochter eine» Forstwarts betonen würde — beschloß Marcel, den Motiven der väterlichen Weigerung auf den Grund zu gehen. Seine Mutter — die Mütter find immer geschwätzig, wenn es sich um das Glück ihrer Söhne handelt — theilte ihm mit, daß Mattre Bertrand Ls Gosz, der Notax und Verwalter des Grafen von Surgsres, in dessen Abwesenheit auch sein Vertreter, dem er eine Generalvollmacht gegeben, sehr zärtliche Blicke auf die Garderie werfe. Die hübsche Reuse hatte ihm gefallen, und er habe bereit« um sie angehalten oder er werde es demnächst thun. Bei dieser Mittheilung seiner Mutter empfand Marcel einen wirklichen Schmerz, in den der Zorn seine Flammen mischte. Sein Rivale war also Mattre Betrand I Ein häßlicher, alter, unangenehmer Mann, über den tausend böse Gerüchte umliefen! Aber Rense liebte den Notar nicht, sie wollte nichts von ihm wissen und würde seinen Bewerbungen widerstehen. Ihrer war er sicher, von dieser Seite brauchte er also nicht» zu fürchten. Wa» Brisse betraf, so begriff er dessen Zögern, da er von Le Gosz abhängig war und e» diesem, der von dem Grafen mit der Verwaltung aller seiner Güter beauftragt war, gänzlich freistand, die Forstwärter zu entlassen. t Darin lag die Gefahr! Trotzdem würde Le Gosz e» nicht wagen, aus diesem Grunde einen alten und treuen Diener wie Brisse, der Stolz und da» Muster aller Förster der Umgegend, fortzuschicken. Aus diesem Grunde hatte der schlaue Notar die Vorsorge getroffen, sich der Unterstützung de» Müllers zu vergewissern. E» hing von ihm ab , den Pacht mehrerer dem Grafen von Surgöres gehöriger Grundstücke zu erneuern, die dem Müller zur Führung seiner Mühle unent» behrlich waren- . f „ , Le Gosz hatte den richtigen Weg eingeschlagen: Marcel mußte jeden Verkehr mit Renöe aufgeben, sonst würde der Pacht nicht erneuert, und der Müller mußte, ruinirt, seine Mühle aufgeben, dar Land verlassen. Als der junge Mann diese Pläne und Berechnungen des Notars vernahm, gedachte er nichts Geringeres zu thun, als ihn in seinem Bureau, inmitten seiner Papiere aufzu- suchen und ihm die Rippen zu zerschlagen. Die Mutter redete ihm davon ab. Le Gosz «ar ebenso mächtig wie rachsüchtig. Obwohl mit der Macht eines Adeligen befugt, vielleicht gerade aus diesem Grunde, affekttrte er die heftigste» revolutionären Prinzipien. Er sprach nur vom Köpfend« schneiden und hatte die Einsetzung eine« Gerichtes für die Gegenrevolutionäre in jeder Gemeinde gefordert. Er war Munizipalbeamter und correspondirte mit den einflußreichen Agitatoren der Pariser Sectionen, dem Huissier Maillard, dem Marquis de St. Huange, dem Amerikaner Fournier und anderen. Mit einem solchen Bürger war nicht zu spaßen, und herausfordern durfte man ihn auch nicht. „Was also thun?" hatte der junge Mann gefragt. „Abreisen," antwortete die Matter, „nicht mehr an Rense denken, nach Rennes gehen, wo Du Deine Studien beenden, wo Du ein großer Arzt werden, wo Du Vergessenheit Ruhe, vielleicht das Glück finden würdest." (Forts, folgt.) Literarisches. illustrirte Familienzeitschrist (Verlag des Universum, Dresden). Das 19. Heft dieser beliebien und vornehmen Zeitschrift enthält neben den Fortsetzungen der beiden spannenden Romane von Ganghofer und Gräfin Adlersfeld-Ballestrem zwei in sich abgeschlossene Novellen: B. Groller: „Vorsicht!^ und E. Lenbach: „Die Einsiedler"; ferner einen mit zahlreichen Illustrationen von A. Richter geschmückten Beitrag: „Komische Thiere" aus der Feder von Dr. L. Staby, welcher uns das wunderliche Gebühren der Rohrdommel und des Riesm- fischer in humoristischer Weise vor Augen führt. Ein Artikel: „Fallenstellende Künstler" gibt uns Einblick in die verborgenen Tiefen des Spinnendaseins, — ein weiterer, sehr zeitgemäßer Aufsatz über die Insel Formosa wird gewiß für Viele von Interesse sein. Die Rundschau des vorliegenden Heftes enthält u. A. Porträts und Biographien von Tereza d'Albert-Carrena und Fr. v. Supp-', ferner einen Beitrag mit Abbnoung über Bad Oeynhausen, einen Artikel: „Gasautomaten" u. f. w. « den Kunstbeilagen und Vollbildern nennen wir: C. Schweninger „Ar erste Kuß" und F. Guillery: „Ein Kostverächter". Trotz des uberr^tn . Inhalts betrügt der Preis pro Heft nur 50 Pfg. (Durch zede Behandlung zu beziehen.) " * „Homburg", einer Perle unter den deutschen Bädern, lisfertdie soeben erschienene Nr. 19 der ,Mod