Dienstag den 21. Mai 1893. V'*' V e® V V üirdheriblüHer leßener HnterhaltungsbLaU zum Gießener Anzeiger (General Anzeiger). M. rgi Die Tochter des Meeres. Roman von A. Nicola. (Fortsetzung.) Er entstand ein leises Geflüster von Bewunderung und Fragen, als die reizende Fremde sich mit dem reichsten und angesehensten jungen Mann der ganzen Gesestschast im Saale herumdrehte, und in dem Herzen mancher jungen Dame, die eine jede ihrer Bewegungen beobachtete, stieg' ein Gefühl des Neides und der Bitterkeit auf. Cora wußte, daß sich in Lady Emily eine ganze Lawine des Zornes ansammeln würde. Sie war auf Nettas Spötteleien und Beleidigungen vorbereitet. Aber sie wußte nicht, daß an dem offenen Fenster, da» unverhüllt geblieben war, um die kühle Sommerluft eindringen zu lassen, ein Mann mit düster zusammengezogener Stirn und vorgebeugtem Kopfe stand und sie scharf beobachtete. Auf seinen finsteren Zügen lag Verzweiflung ausgeprägt und in dem Blicke seiner ausdrucksvollen Augen verrieth sich ein innerer, bitterer Kampf, als er auf die glänzende Gestalt des geliebten Mädchens fiel. Rupert Falkner war es und er sah Coras Taille von dem Arm des schönen jungen Mannes umschlungen, er sah ihre Hand in der seinen, er bemerkte das in die Höhe gerich- tete Gesicht, das auf eine Bemerkung des Tänzers mit einem halb schüchternen Lächeln antwortete. Nie war ihre Schönheit so aufgefallen als jetzt, wo sie mit allen Künsten der Toilette ausgestattet war, aber Rupert hätte e» auch nie für möglich gehalten, daß Cora, fein Findel« kind, feine Geliebte, einen so tiefen Schmerz — und ach! — eine solche Verachtung in seiner Brust erwecken könnte- ' . „Undankbare!" murmelte er. „Undankbare! Das sollen mir Jene verantworten, die sie verführten, wenn ich ihr ihre Untreue um ihrer Jugend und Unerfahrenheit willen verzeihe I Aber Rnpert Falkner wird diese befleckte Hand nicht wieder drücken, auch jenes Mädchen in seinem Herzen treu bewahren — und er wird nicht ruhen, bi» er gerächt ist und sie ge« demüthigt ihm zu Füßen liegt! Ich schwöre es bei der Liebe, die ich einst für sie hegte!" Er verweilte noch, als wolle er den bitteren Kelch der Enttäuschungen bis auf die Neige leeren, obgleich jeder Augenblick die Gefahr der Entdeckung erhöhte. Aber endlich ver« stummte die Musik und die Paare promenirten im Saale auf und ab. Cora und ihr Begleiter näherten sich dem offenen Fenster, an welchem der Lauscher stand. „Amüstren Sie sich, liebe Cora?" flüsterte Lord Belfort mit sanfter Stimme, indem er sich zu dem schönen Mädchen an seiner Seite niederbeugte. „O, herrlich, herrlich!" erwiderte sie. „Soll man dies unschuldige Vergnügen nicht genießen, so lange es sich Einem bietet?" „Für Sie ist es erst der Anfang," erwiderte der junge Edelmann. „Sie haben ein glänzendes, glückliches Leben vor sich, liebe Cora, wenn ich Einfluß auf Ihr Schicksal haben darf. Und Netta soll nicht meinen, daß sie Jemand quälen darf, den ich beschützen will." Rupert konnte die letzten Worte nicht hören, denn ein Geräusch in seiner Nähe zwang ihn, sich zurückzuziehen, und als er sich wieder heranwagte, waren die Beiden vom Fenster weggetreten. Ruperts Augen suchten forschend in dem Zimmer umher, aber weder Cora noch ihr Begleiter waren zu sehen. Seine erhitzte Phantasie malte sich die möglichen Ursachen ihres Verschwindens aus. Vielleicht flüsterte ihr1 der Verhaßte im Schatten des Gartenzimmers, hinter schweren Gardinen, von üppigen Blumen umgeben, zärtliche Worte in'» Ohr? Der Gedanke machte Rupert fast wahnsinnig und der junge Mann knirschte mit den Zähnen und floh dann den Ort, al» ob ein Feind ihn verfolge . - > weit, weit fort von ihr, deren treues Herz den Glanz, der sie umgab, und die Schmeicheleien, die ihr in's Ohr geflüstert wurden, hingegeben hätte für einen Blick, ein Wort von Dem, den sie mit so wahrer und ernster Liebe liebte, wie sie eines jeden Mädchens Herz nur einmal empfindet- „Wo ist Cora?" fragte Lord Faro, als der Walzer zu Ende war und seine Tochter einen Augenblick in der Nähe stand. „Ich weiß e» wirklich nicht, Papa," sagte Nelta in sehr ärgerlichem Ton, der ihren Worten widersprach. „Sie tanzte, glaube ich, mit Lord Belfort. Ich finde es wirklich sehr gut von ihm, daß er so herablassend ist." - 2S& Ihr Vater erwiderte nichts und wenn Netta den plötzlichen Ausdruck des Aergers gesehen hätte, würde sie geglaubt haben, es sei nur seine Mißbilligung einer so überflüssigen Aufmerksamkeit gegen die unbedeutende Fremde. Aber Lord Faro wartete nur, bis die Gäste wieder zu tanzen anfingen, um sich halb unbemerkt aus dem Salon zu entfernen und einige Zimmer zu durchschreiten, bis er ein kleines Zimmer erreichte, das wenig benutzt, eigentlich nur zu großen Gesellschaften wie diese geöffnet wurde. Sein Schritt wurde rascher und seine Augen lebhafter, je weiter er sein erfolgloses Suchen fortsetzte. Und als er endlich die halboffene Thür des Zimmers erreicht hatte und die von ihm Gesuchten darin entdeckte, blieb er einen Moment stehen, um seine Ruhe wieder zu gewinnen und den Ausbruch de« Zorns zu unterdrücken. Ja, da waren sie, Cora und Lord Belfort, und des letzteren Stimme erklang in dem Augenblick im Tone ernsten Jntereffes. „Es ist unmöglich," waren die ersten Worte, die Lord Faros Ohr vernehmen konnte. „Alles an Ihnen widerspricht einer solchen Idee. Sie sind kein Mädchen aus dem Volke, Cora, auch wenn Sie im Meere gefunden und von Leuten aus dem Volke erzogen wurden. In jeder Linie Ihres Gesichts und Ihren Formen, in jedem Wort, in jedem Ton liegt feine Bildung und eine edle Herkunft. Nein, es ist zwecklos, das als Vorwand zu benutzen. Sie sind eine vom Himmel begnadete Dame und stehen als solche hoch über uns einfachen Sterblichen," fuhr er lächelnd fort, als sie mit vorwurfsvollem Ernst den Kopf schüttelte. „Für Sie, Mylord, mag ja meine dunkle Herkunft keinen Unterschied bedeuten," entgegnete sie mit stolzer Miene, die ihr jeder Zeit zu Gebote stand. „Miß Nettas Ansichten würden aber in der Beziehung sehr abweichend von den Ihren sein, und als die mir Ueberlegene, als meine Herrin, muß ich mich natürlich nach ihren Wünschen richten." „Ihnen überlegen? Worin?" Hub der junge Lord heftig an, als Lord Faro plötzlich vor ihm stand. „Entschuldigen Sie, Lord Belfort, aber es würde sich nicht mit meiner Ehre vertragen, wollte ich auf so schmeichelhafte Urtheile über meine Tochter hören, so leichtfertig Sie auch über Dergleichen denken mögen," sagte er mit strengem, finsterem Blick, der Cora bis in's Tiefinnerste erschreckte. „Soll ich das als eine Beleidigung ansehen?" versetzte der junge Edelmann hitzig. „Dann, Lord Faro, können mich selbst unsere verwandtschaftlichen Beziehungen zu einander nicht daran hindern, es wie ein Ehrenmann aufzunehmen." „Und ich dagegen habe nicht Lust, meine Tochter und Erbin von dem ihr bestimmten Gemahl verachtet und vernachlässigt zu sehen," entgegnete Lord Faro ernst. „Cora, ver- laffen Sie uns," fuhr er, zu dem jungen Mädchen gewendet, fort, das bei dem so plötzlich entstandenen Streit bleich daneben stand. „Das ist kein paffendes Thema für Ihre Ohren. Gehen Sie, ich werde Ihnen gleich folgen und Ihnen meine Wünsche mittheilen." Das Mädchen schlich sich davon, ängstlich und eingeschüchtert von der ungewohnten Strenge ihres Beschützers; und die beiden Herren waren allein. „Jetzt, Vetter Ernst," Hub Lord Faro wieder an, „lasten Sie uns einander verstehen. Was soll dieses Benehmen bedeuten? Ist es nur eine herzlose Spielerei mit einem littet# sahrenen, hilflosen Mädchen, oder ist es ein freiwilliger Bruch Ihrer Verpflichtung meiner Tochter, meinem einzigen schönen Kinde, gegenüber?" Lord Belfort wich trotz seiner kühlen Selbstbeherrschung ein wenig vor dem kalten, bitteren Ton in des alten Herrn Stimme zurück, aber rasch schüttelte er die momentane Verlegenheit wieder ab und sagte ruhig: „Ich wüßte nicht, daß irgend schon ein festes Band zwischen mir und Miß Netta bestand, außer dem ausdrücklichen Wunsch meines Vaters, daß ich sie zu meiner zukünftigen Gemahlin wählen möge, sobald sie das paffende Alter erreicht hat," versetzte er. „Und so viel kann ich Ihnen sagen, Vetter, daß, wenn ich gewußt hätte, daß man eine so unbestimmte Idee als ein Verlöbniß betrachtet, ich Ihr Haus nie mehr betreten hätte. Netta ist schön und reich, aber ich laffe mich weder mit einer goldenen Kette noch mit einer seidenen Schnur in die Ehe ziehen." „Vielleicht ziehen Sie eine freiere und weniger ehrenvolle Verbindung vor, Lord Belfort," sagte Lord Faro bitter. „Mein unglücklicher Schützling hat vielleicht Ihre Leidenschaft auf sich gezogen und ich werde wissen, eine solche Gefahr ab- zuwenden." Lord Belfort warf einen scharfen Blick auf das erhitzte Gesicht, in die wilde Leidenschaft des Mannes, den er in feinem jugendlichen Ungestüm stets für einen alten Mann gehalten hatte, und ein spöttisches Lachen drang von seinen Lippen. „Das ist zu spaßhaft," sagte er, „ich könnte wirklich glauben, mein ehrwürdiger Onkel sei mein Nebenbuhler, nur ist es ein zu furchtbarer Gedanke, den ich nicht so rasch zu fassen vermag." Die Worte waren kaum von seinen Lippen, als Lord Faro die Hand erhob und seinem Vetter einen schweren Schlag in’« Gesicht gab. Lord Belfort wurde leichenblaß, und vor Wuth zitternd, verließ er sofort Lord Faro« Haus. Noch an diesem Abend wurde aber Lord Faro von Lord Belfort zum Duell gefordert. IX. Coras elegantes Ballkleid lag vernachlässigt auf einem Stuhl in ihrem Schlafzimmer. Ihr schmerzender Kopf ruhd in ihren fieberheiße» Händen, denn sie hatte die Nacht fast schlaflos verbracht und ihre Stirn brannte von den beängstigenden Träumen, die sie während ihres kurzen, unruhigen Schlafes gehabt hatte. Armes Mädchen! Ihr war, als ruhe ein Fluch auf ihr, als brächte ihre Gegenwart überall nur Kummer und Uneinigkeit mit sich. Auch jetzt wußte sie, daß ein Sturm am Horizonte drohte. Auf wessen Haupt würde das Gewitter sich entladen? Für wen fürchtete Cora am meisten? Das waren Fragen, die sogar des Mädchen« eigener Herz kaum noch beantworten konnte. „Es ist nur eitel Gespött!" dachte sie. „Sie lieben nicht wirklich, sie haben nur eine vorübergehende Neigung für dar schutzlose Findelkind. Aber er, ja, er muß einige« Interesse für mich haben. . . . Warum sollte er sonst so gütig gege» mich sein?" Und mit halb bedauerndem Blick schaute sie aus dar Kleid und die Perlen, die am vorhergehenden Abend im Ballsaal so bewundert worden waren. „Und wenn es nichts weiter wäre," dachte sie, „wenn er mich nur gewissermaßen als Tochter ansähe, so wäre ich Da wurden ihre Gedanken plötzlich unterbrochen. Dar Mädchen wurde durch ein plötzliches Schwirren dicht an ihrem Kopfe erschreckt und etwas fiel neben ihr zu Boden. Hastig sah sie um sich. Es war ein kleiner Kieselstein, der durch das offene Fenster geworfen worden war und an welchem ein Streife» Papier hing. Derselbe trug die wenigen Worte in wohlbekannter Hand schrift: „Kommen Sie sofort in mein Arbeitszimmer, ich muh Sie sprechen. Lord Faro." Cora zitterte an allen Gliedern, obwohl sie sich selbst kaum erklären konnte, warum. Es war noch so früh, daß von der Dienerschaft noch Niemand wach war. Cora wußte wohl, wie sie Lady Emilys Zorn auf sich lud, wenn diese von einer so geheimen Unterredung erfuhr, aber sie mußte dem Rufe Folge leisten. Hastig vollendete sie ihre Toilette und stieg dann langsam und geräuschlos die Treppe hinunter, die Hand auf ihr bang klopfende» Herz gelegt, dasselbe zu beruhigen und sich zu stärken für die Prüfung, die, wie sie instinktmäßig fühlte, Und als sie ihre Hand auf den Thürgriff legte, zitterte 289 daß das Thürschloß davon raffelte und sie sie dem erwartungsvollen Auge drinnen dieselbe so heftig, anmeldete, bevor sichtbar wurde- . t , Lord Faro war kaum weniger erregt, als das junge Mädchen, obwohl sich die Aufregung in seinen ernsten, strengen oggen weniger verrieth, als in dem ängstlichen Ausdruck des Gesichte», das seinem Blick begegnete. Sie haben recht gethan, zu kommen, Cora, sagte er mit gedämpfter Stimme. „Ich wagte es kaum zu hoffen, doch hätte ich Ihren Muth besser kennen sollen. „Ich schulde Ihnen Gehorsam," versetzte sie ruhig, „doch setze ich mich grausamem Gespött aus, wenn man mich jetzt hier . . - bei Ihnen findet. Darum, bitte, halten Sie mich nicht lange zurück." „ ...... Cora konnte sich kaum erklären, warum ihr Beschützer bei ihren Worten die Stirn so düster zusammenzog und es in seinen Augen so zornig aufleuchtete. „Selbst bei mir!" wiederholte er. „Nun, ich brauche mich darüber wohl nicht zu wundern. Aber Sie haben ja Recht. Eile ist nothwendiger, als Sie begreifen können. Ohne genügenden Grund hätte ich Sie auch zu solcher Stunde nicht hierher beschieden. Aber ich konnte Sie sehen und hören und wußte, daß das übrige Haus schlief. Cora . - . ich gehe, um ... das heißt, ich ... ich gehe fort . . . vielleicht nur auf kurze Zeit ... und ich möchte Sie weder freundlos verlassen, noch riskiren, daß Sie während meiner Abwesenheit mich vergessen." Er sprach mit sichtlicher Anstrengung und Cora erbleichte, sie wußte selbst nicht, warum. „Gehen Sie wieder nach Deutschland?" fragte sie. „Ach, wenn ich doch mitreisen, wenn ich doch etwas von meinen Freunden in Bremen hören könnte!" „Möchten Sie mit mir gehen, Cora?" fragte er hastig. „Aber nein, nein... das ist keine Reise für Sie! .... Doch wenn ich Sie einst Wiedersehen sollte, «könnte ich ... . ja, könnte ich schicken ... Ich muß es Ihnen sagem" rief er plötzlich mit rascher Bewegung aus. „Cora, Sie sagten einst, ich wäre wie ein Vater zu Ihnen. Entweder Sie konnten oder Sie wollten nicht verstehen, wie fieberhaft meine Pulse klopften, seit ich Sie zum ersten Male sah. So sehr Sie auch noch Kind waren, wußte ich doch, daß ich nie eine Andere finden würde, die Ihr Bild aus meinem Herzen verdrängen konnte ... das war vor vielen Monaten. Seitdem habe ich mit mir gekämpft, mich selbst verlacht, mir Ihre Abneigung und meine Wuth vorgestellt, wenn ein anderer, ein jüngerer Mann Ihnen besser gefallen sollte. Aber jetzt muß es heraus. Ich muß jetzt Sie und mein Haus verlassen ... vielleicht für immer," fuhr er fort, „wenigstens für einige Zeit, während welcher es mich rasend machen würde, wenn ich Sie mir einsam und unbeschützt vorstellen müßte. . . . Cora, mein Engel!" kam es mit einem Ungestüm von seinen Lippen, welches das zitternde Mädchen erschreckte. „Ich liebe Sie... wie ich nie zuvor geliebt habe! Auch Jene nicht, die zuerst mein jugendliches Herz gewann! Ich bin viel älter als Sie, Cora — ich weiß es wohl — aber ich kann Ihnen Reichthum und eine vornehme Stellung geben. Eine Grafenkrone wird eines Tages mein fein und Sie, meine liebe Braut, sollen die Krone auf diese stolze Stirn gesetzt bekommen, um Ihre edle Schönheit noch zu erhöhen. Mein ganzes Leben soll Ihrem Glück gewidmet sein. O, Cora, seien Sie barmherzig und sagen Sie, daß Sie alles Andere vergessen und mein sein wollen!" Cora war auf einen Stuhl gesunken. Das "unerwartete Bekenntniß verwirrte ihre Sinne. Was konnte sie antworten? Ihre Liebe gehörte Rupert; ihre Phantasie hatte vielleicht der schöne Lord Belfort für sich gewonnen. Und doch übte Lord Faros Liebe, fein tiefer Schmerz und seine Groß- muth jetzt einen seltsamen Zauber auf Cora» romantische Natur au». „Nein, nein! Sie können nicht im Ernste so sprechen Es kann nicht sein!" murmelte sie erregt. „Ihr eigene» Kind ist fast so alt wie ich. Ich würde Ihren hohen Rana nur entehren, nur Spott auf Ihr Haupt bringen. Nein, ich will Sie lieben und Ihnen dienen wie Ihr Kind, aber ich kann Sie nicht heirathen, o nein, e» ist unmöglich . . . sprechen Sie nicht mehr davon!" Lord Faro» ganze» Aussehen veränderte sich bei ihren Worten. , „ „Und Sie find sich dessen bewußt, was Sie sagen? Sie verstehen Alles?" frug er düster. „Sie wissen, was es heißt: so zu lieben, und doch können Sie eine solche Liebe mit einem Wort zertreten, Cora? Sie sind rasch und handeln nicht gut! Sie werden es vielleicht später bereuen." „Nein! Nein!" rief sie au» und sank ihm zu Füßen. „Mißverstehen Sie mich nicht! Ich bin Ihnen dankbar, un- endlich dankbar! Ich weiß, ich fühle, daß Sie edler gegen mich sind, als ich erwarten kann. Es schmerzt mich tief, Ihnen Kummer bereiten zu müssen, aber ... ich kann nicht ... es wäre elende, erbärmliche Lüge, wenn ich mich mit Ihnen verheirathen würde." _ „ , , L Er sah mit Zärtlichkeit auf die knieende Gestalt nieder. „Cora, wenn Sie nur Alles wüßten! Wenn Sie ahnen könnten, was mich erwartet! Sie würden mir diesen kurzen Augenblick des Glückes, meinen Kummer zu stillen, nicht versagen," sprach er sorgenvoll. „Wir sehen uns vielleicht nie wieder, meins Stunden in dieser Welt sind vielleicht gezählt. Ich bin in Ihrer Hand . . . wollen Sie solch einen Bittenden in dem Stolz Ihrer jungen Schönheit von sich weisen? Der Himmel vergebe Ihnen diese Grausamkeit, Cora," fuhr er im Tone vorwurfsvollen Kummers fort. (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gtzne. Roman nach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger. (Fortsetzung.) IV. Ein Ritter vom Dolch. Es war Mittäg, als die Kanonen auf Seite |bet Tuilerien zu donnern aufhörten. Ein wirrer Lärm erhob sich, in dem man undeutlich den Schrei „Sieg! Sieg!" vernahm, große Wolken stiegen über die Häuser empor, und Funken, Stücke verbrannten Papiers und Flocken versenkter Wolle wirbelten und fegten durch die Straßen. Die Peripetien dieses ewig denkwürdigen Tages waren verschieden gewesen. Jede der Seetionen hatte drei Commiffäre ernannt, die die Commune von Paris bilden sollten. Der Maire Pötion, ins Stadthaus berufen, wurde consignirt, damit der Aufruhr in voller Unabhängigkeit vor stch gehen könnte. Nachdem Manton de» Verrathe» überführt und getödtet worden war, wurde Santerre an seiner Stelle zum Commandanten der Nationalgarde ernannt. Das Arsenal wurde gestürmt, und die ausgetheilten Wagen gestatteten der ersten Colonne aus dem Faubourg Saint-Antonie stch auf den Weg zu machen. Der König kehrte, nachdem er die für die Vertheidigung des Schlosses beorderten Bataillone der Nationalgarde Revue passieren hatte lassen, entmuthigt in seine Gemächer zurück. Bloß die Bataillone von Petits-Pöres, der Buttes-des- Moulins hatten ihn acclamiert. Die anderen schrieen: „Es ' lebe die Nation I Nieder mit dem Veto!" und die Kanoniere hatten ihre Stücke umgedreht und sie auf das Schloß gerichtet. Da fühlte sich Ludwig XVI. verloren und sah seine Macht und seine Prestige ohnmächtig werden. Er begab stch schutzsuchend in die Nationalversammlung, deren Sitzungssaal in der Manöge damals sich in der Nähe der Tuilerien befand, an der Stelle, wo sich jetzt in der Rue de Rivoli da» - 240 — Hotel Continental erhebt. Dreihundert Schweizer und dreihundert Nationalgardisten escortirten ihn. Die Schweizer halten eine Stärke von nmnhundertfünfzig Mann und waren gut bewaffnet und disciplinirt. Die meisten sprachen bloß deutsch. Diese Haustruppe, der Person des Königs ergeben, vor allem ihrer Soldatenpflicht treu, war entschlossen, sich für den Herrn zu opfern, der sie beworben und besoldet hatte. Außerdem glaubte die Schweizer-Garde, die Situation verkennend, von ihren Anführern getäuscht und von den Rittern vom Dolche aufgehetzt, noch in der Dämmerung des 10. August, daß es sich um die Verthsidigung der Person des Königs gegen Briganten handle. Viele, so wie später einer ihrer Obersten, Herr Pfyffer, bezeugte, waren erstaunt und bestürzt, als sie außer dem gegen das Schloß andringenden Volkshaufen auch Nationalgardisten vorrücken sahen. Die Uniform brachte sie in Verwirrung. Sie glaubten es nur mit der Hefe des Volkes, mit Wahnsinnigen zu thun zu haben, gegen welche die ehrlichen Bürger protestierten, und fahen nun die bewaffnete und organistrte Nation auf sich loskommen. Man kann wohl annehmen, daß an diesem Tage, dessen Resultate durch den Rückzug Ludwigs XVI. bereits erzielt waren, Blutvergießen vermieden worden wäre, wenn nicht einer jener surchtbaren Zufälle, wie sie sich in solchen wirren Momenten zu ereignen pflegen, das Signal zu einem erbarmungslosen Gemetzel gegeben hätte. Die Marseillaiser und Bretagner, deren Commandant ein Freund Dantons, ein ehemaligrr Unteroffizier Namens Westermann, ein Elsässer und sehr energischer Soldat war, drangen in die Schloßhöfe ein. Es gab zu jener Zeit deren drei, und das Carouflel, bedeutend beschränkter als heute, war mit Häusern bedeckt. Westermann hatte seine Truppe in Schlachtordnung aufgestellt. Die Schweizer waren an den Fenstern de» Schlosses postiert und in Feuerbereitschaft. Man beobachtete einander. Westermann sprach auf Deutsch einige Worte zu den Schweizern, um sie davon abzubringen, auf das Volk zu schießen und um sie zum Fraternistren zu ermuthigen. In der That warfen bereits einige dieser Unglücklichen zum Zeichen der Entwaffnung Patronen zum Fenster hinaus, und die Patrioten, von diesen friedlichen Demonstrationen ermuthigt und beruhigt, sammelten sich im Vestibül des Schlosses. Am Fuße der großen, zur Capelle führenden Treppe war eine Barriöre errichtet. Auf jeder Stufe hielten zwei Schweizer, der eine gegen die Mauer, der andere gegen die Menge gelehnt, unbeweglich, stumm und streng, das Gewehr an der Wange, bereit zu feuern. Mit ihren hohen Gestalten, den bebuschten Mützen und rothen Röcken sahen diese Gebirgssöhne imposant aus und mußten Furcht einflößen. Allein es gab in dieser Menge nicht bloß bretagnische oder Marseiller Verbündete, auch die Spaßmacher au» den Vorstädten hatten sich eingeschlichen. Gavroche gehört allen Zeiten und allen Festen an: man ist sicher, ihn am Tage der Schlacht, am Morgen von Hinrichtungen und bei nächtlichem Feuerwerk zu treffen. Einigen dieser Pariser unerschrockenen Possenreißern fiel es ein, mittels Haken und Piken zwei oder drei der zunächst stehenden Schweizer heranzuziehen. Die derart Harpunirten ließen sich ziemlich leicht herausziehen, vielleicht zufrieden, so einem möglichen Getümmel zu entgehen. Dieses Fangen der Schweizer nahm unter dem lauten Gelächter dec Theilnehmer seinen Fortgang, als plötzlich, ohne daß man in der Hitze des Kampfes je den Urheber des ersten Schusses und den für das Signal zum Gemetzel Verantwortlichen herausfinden konnte, eine Trombe von Kugeln in die bisher inoffensive, eher foppende, als drohende Menge fegte. Man hat Recht anzunehmen, daß die auf dem obersten Treppenabsatz postierten Edelleute, als sie sahen, wie die an- gehakten Schweizer sich ohne Wiederstand sortziehen ließen, und zum Fraternistren bereit waren, plötzlich feuerten, um den Abfall aufzuhalten und einen blutigen Graben zwischen dem Volk und der Garde zu zieh'«. Die beiden bereits unter dem Volk befindlichen Schweizer fielen als erste, und das von den Vertheidigern von oben herab eröffnete und kaltblütig geleitete Feuer übte eine furchtbare Wirkung. Im Nu war das Vestibül mit Leichnamen angefüllt. Das Blut floß in Bächen über die Fliesen, eine dichte Rauchwolke erfüllte die Halle. Auf das Signal der Schüsse im Innern wurde dar Feuer überall ausgenommen. Die Schweizer und die Edelleute, von denen viele die Uniform der Garde angelegt hatten, schossen unter dem Schutze der verbarrikadierten Fenster. Alle ihre Schüsse trafen. Die Höfe hatten stch geleert, das Caroussel war reinge- fegt. Nun machten die Schweizer einen energischen Ausfall in die Rue Saint-Honorö. Aber die Marseillaiser, die Bretagner, die Nationalgardisten kamen verstärkt mit Kanonen zurück. Die Schweizer wurden überrumpelt, das Schloß erstürmt. Nichts widerstand der triumphierenden Menge. (Fortsetzung folgt). Literarisches. Die Jahreszeiten auf dem Mars behandelt ein instructiver, sehr anziehend geschriebener Artikel der beliebten Familienzeitschrist Guten Stunde* (Berlin W., Deutsches Verlagshaus Bong u. Co., Preis des Vierzehntagheftes 40 Pfg.). Die Verbesserung der astronomischen Instrumente gestattet heule eine Genauigkeit der Beobachtung, die noch vor einem Jahrzehnt unmöglich erschienen wäre. Unsere Nachbarn im Weltall, deren Entfernung immerhin Millionen von Meilen beträgt, sind uns dadurch so nahe gerückt, daß der wissenschaftliche Traum, uns mit ihnen durch Signale in Verbindung zu setzen, sür , phantasievolle Menschen nicht mehr zu den Utopien gehört. Das große , Fernrohr des Sick-Observatorium auf Mount Hamilton in Kalifornien s ist derart construirt, daß der Beobachter, ohne von seinem Stuhl auf- | zustehen, eine Reise durch das Weltall antritt, deren Stationen er durch einen bloßen Hebeldruck auf eine der vielen Kurbeln des Apparates mit absoluter Leichtigkeit und Sicherheit bestimmt. Besonders dem Mars schenken die Astronomen ihre Aufmerksamkeit, und nach dem veränderten Bilde, das die Oberstäche des Planeten zu den verschied« Zeiten bietet, haben die Forscher ihm Jahreszeiten beigelesi, die dem der Erde ähnlich, nur bedeutend länger sind, denn das Marsjahr be trägt 687 Tage. „Zur Guten Stunde" erläutert verschiedene meti- würdige Erscheinungen auf der Marsoberfläche auch durch Bilder, und gestaltet dadurch den hochwillkommenen Artikel, der sür Jedermann interessant und verständlich ist, noch anschaulicher. Die illustnrte Pracht-Ausgabe, in der die deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart den beliebtesten unter den zahlreichen Romanen des älteren Dumas, »Di« drei MuSkrtierr", erscheinen läßt, nähert sich ihrem Abschluß. Soeben sind uns Lieferung 11 bis 18 des Werkes zugegangen, die das würdig begonnene Unternehmen glänzend weiterführen. Wir können unsere Leser nur wiederholt aus diese klassische Ausgabe einer klassischen Dichtung Hinweisen, die in keiner Bibliothek eines echten Literaturfreundes fehlen sollte. Immer von Neuem entzückt uns der Geist und die Grazie in den Zeichnungen Maurice Leloirs, die M. Huyot in wahrhaft congenialer Weise wieder- gegeben hat. Es ist geradezu erstaunlich, daß ein künstlerisch und technisch so reich und so vollendet ausgestattetes Werk für den fabelhaft billigen Preis von 50 Pfg. für die 3 bis 4 Bogen starke Lieferung in den Buchhandel gebracht werden konnte. Wir sind überzeugt, daß sich das Prachtwerk die Welt der Bücherfreunde im Sturme erobern wird. Modebericht. Der vorgeschrittenen Jahreszeit entsprechend sorgen die Fachkreise dafür, daß die voluminösen Röcke und Aermel durch das Gewicht des Stoffes nicht lästig fallen. Da nun gute Seide recht kostspielig und geringere unpractisch ist, werden neuartige, waschbare Gewebe empfohlen, die bei aller Leichtigkeit steif genug sind, um die breiten Formen der Roben zu bewahren. Am praktischsten erscheinen uns Pique royal, Serbia-Batiste, Waschmohair und Cashemir-Batiste, die in originellen Mustern hergestellt werden. Zu diesen Waschstoffen passende reizende Kleider- und Blousenmodelle veröffentlicht die »Wiener Mode* in ihrem soeben erschienenen Heft Nr. 16. Dieses Heft zeichnet sich besonders durch vornehme Illustrationen und eine farbige Modebeilage aus. Saectiea: X. Schryda. — Bert rmdMertag ^»rLhs'fch« ä&Brtp und SÄindrrterei (Ptelsch * Sch«,da) iu •Ufa«-