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Am Tage zuvor hatte es heftig geregnet, die Wege waren schlecht und die Buchten höher al« gewöhnlich. Fanny sah es nicht gern, daß ich nach der Stadt ging, da es jedoch verschiedene nothwendige Dinge für da« Kind zu besorgen gab und ich mich auf den Ritt freute, hatte sie nichts weiter einzuwenden. „Sei aber vor Dunkelwerden zu Hause," sagte sie, als sie mich zum Abschied küßte. „Ich würde mich sonst schrecklich um Dich ängstigen." Ich versprach, so bald al« möglich zurück zu sein und sah mich nach Gertraud um; sie ließ sich jedoch nicht sehen. „Ich glaube, sie ist in ihrem Zimmer und schreibt," meinte Fanny. „Laß sie. Sie bat mich, Dir zu sagen, Du sollst ihr fünf Aard hellgrünes Band mitbringen, weiter brauchte sie heute nichts." Damit ging ich. Ich ritt damals einen Fuchs, genannt Lelta, den ich sehr lieb hatte. Der Ritt nach der Stadt war ganz reizend, trotz des schlechten Weges, und nachdem ich meine Einkäufe alle gemacht hatte, aß ich bei Mrs. Fortescue Roastbeef und Apfelpudding und wartete dann auf Oscar. Er hatte indessen sehr viel zu thun, die Zeit verstrich und er kam nicht. Ich dachte an mein Fanny gegebene» Versprechen und fing an, unruhig zu werden- Wir hatten zehn englische Meilen vor uns und waren der schlechten Landstraße wegen stellenweise gezwungen, langsamer zu reiten. Ich saß an einem Fenster, von dem aus man die Straße übersehen konnte, und spähte eifrig nach Oscar aus. Mrs. Fortescue hatte den Thee ferviren lassen und ich längst eine Tafle davon getrunken und ein Paar Bissen dazu gegessen, aber von Oscar war noch immer keine Spur zu sehen- 2ri Endlich kam er eilig auf das Haus zugeschritten. Ich eilte ihm bis zur Veranda entgegen und erinnerte ihn daran, wie spät wir nach Hause kommen würden. «3$ weiß es," entgegnete er und nach einem hastigen Abschied von unserer Wirthin gingen wir schnell nach dem Stall, wo wir unsere Pferde zurückgelaffen hatten. „Ich habe meine Geschäfte noch nicht alle erledigt und noch ein paar Stunden zu thun," sagte Oscar unterwegs, „und da Fanny sich ängstigen würde, wenn Du vor Dunkelwerden nicht zu Hause wärest, hat sich Herr Ausbach, dem ich vorhin begegnete, erboten, Dich zu begleiten." Als wir um die Ecke bogen, sahen wir ihn, sein Pferd am Zügel haltend, bereits unserer wartend. Kommende Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Mir war, als ich ihn erblickte, als träfe mich ein solcher Schatten und ich zitterte. Er übernahm meine Begleitung sichtlich mit Vergnügen, denn seine Augen lachten mich freundlich an- Oscar half mir zu Pferde und nach so kurzem Aufenthalt wie möglich ritten wir davon. Wir sprachen wenig, bi« wir die Stadt im Rücken hatten, dann aber, als die Landstraße stiller wurde, fingen wir an zu plaudern und ließen unsere Pferde langsamer gehen. Magdalenens Name wurde nicht ein einziges Mal zwischen uns erwähnt. Sie und Alles, was sie betraf, schien einem stummen Uebereinkommen nach au» einer jeden unserer Unterhaltungen verbannt zu sein. Vor uns lagen die Berge, hinter denen schwere Wolken langsam heraufstiegen; da» Riesenmädchen lag in düsterer Majestät im Zwielicht da. Der Wind hatte sich plötzlich gedreht, und anstatt wie bisher unsere Stirn warm zu fächeln, blie« er un» jetzt mit rauhen Stößen unfreundlich in'» Gesicht. „Wir thäten besser, wenn wir hier Galopp ritten," sagte ich zu Arthur gewendet. „Weiterhin ist der Weg noch viel schlechter und meine Schwägerin wird sicher glauben, es sei mir etwas zugestoben, wenn ich nicht bald nach Hause komme." „Reiten Sie vorsichtig," entgegnete er, während er sein Pferd antrieb, um mit meiner Lelia Schritt zu halten. „Ich wünschte, wir wären früher aufgebrochen." Die Worte waren noch nicht ausgesprochen, al» Lelia strauchelte oder mit dem Fuß in ein Loch gerieth, — ich weiß selbst nicht recht, wie e» zuging — jedenfalls lag sie im nächsten Moment am Boden. Bevor ich recht wußte, was geschehen war, hatte sie sich mit einem so heftigen Ruck wieder auf die Füße gestellt, daß ich aus dem Sattel geschleudert wurde und nur mein Reitkleid, welches an dem Sattelknopf hängen blieb, hinderte mich - 90 - am Fall und hielt mich in einer völlig hilflosen Sitution. Im Augenblick war Arthur vom Pferde gesprungen, stand :an meiner Seite und machte mich frei. Das Alles geschah so plötzlich und mein Schreck war so hestig, daß ich wankte und todtcnbleich wurde, und als ich wieder zu mir kam, fand ich mich in Arthurs Armen und von seinen Lippen mit leidenschaftlichen Küssen überschüttet, während er im Tone größter Angst mir zurief: „Christa, mein geliebtes Mädchen, es ist Dir doch nichts geschehen?" Ich stieß ihn zurück und erhob mich mühsam. Ich zitterte heftig; theils noch von dem Schreck, welchen mir der Fall verursacht hatte, theils von der Aufregung, in die mich sein Benehmen versetzte. Einen Augenblick standen wir uns in peinlichem Schweigen gegenüber, dann nahm Arthur mit dem verzweifelten Bemühen, das Beben seiner Stimme zu bemeistern, das Wort: „Habe ich unrecht gehandelt? Christa, sind Sie verletzt? Können Sie aufrecht stehen?" „Es ist mir nicht das Geringste geschehen," antwortete ich, „nur erschrocken bin ich, auch kann ich ganz gut stehen; aber ich möchte mich dennoch ein paar Minuten niebersetzen, bevor ich wieder aufsteige." Unsere Pferde grasten ruhig an der Seite der Landstraße. Arthur hatte seinen Mantel am Sattel befestigt, holte ihn schnell herbei, bereitete ihn auf einer kleinen Erhöhung am Wege aus und ließ mich darauf niedersttzen, worauf er selbst an meiner Seite Platz nahm. , Sonne war längst untergegangen und die Nacht brach schnell herein. Auf der Landstraße war es ganz still, die einzigen lebenden Wesen, welchL-.ringsum zu sehen, waren ein paar Schafe in einem Grasgarten uns gegenüber, die sich an das Gitter drängten und uns neugierig anschauten. „Christa," hob Arthur wieder an, indem er versuchte, mir in die Augen zu blicken, „Sie wußten, daß ich Sie liebe." Ich erwiderte nichts und nachdem er eine Minute lang vergeblich auf eine Antwort gewartet, fügte er hinzu: „Und Sre wußten auch, daß ich Sie bitten würde, die Meine zu werden, — Sie müssen es gewußt haben." Ich schüttelte den Kopf. „Aber e; ist so," fuhr er mit Nachdruck fort. „Es war dies meine Absicht fast von der ersten Stunde an, als ich Sie kennen lernte. Glauben Sie mir nicht, Christa?" Ich glaubte ihm. In meinem innersten Herzen wußte ich, daß er die Wahrheit sprach. Er hatte meine Hand erfaßt und ich zog dieselbe nicht zurück. „Aber —" Er zögerte einen Moment, dann erst fuhr er fort: „Es ist etwas, — ich kann mich j tzt nicht offen aussprechen, — ich muß Sie bitten, mir zu vertrauen. Christa, es besteht in unserer Familie ein trauriges Geheimniß und rch lebe hier unter falschem Namen." Es überlief mich ein kalter Schauer, als mir bei seinen Worten einfiel, was Fanny gesagt hatte. «L°rr Ausbach," sprach ich, „Eins muß ich Sie fragen: Ist Magdalene Ihre Schwester oder ist sie es nicht?" Er antwortete nicht sogleich und als ich ausblickte, sah ich, daß er sehr bleich geworden war und auf seinen Lippen „ schwebte. Rasch entzog ich ihm meine Hand und ruckte ein Stück von ihm fort. Es war mir in dem Augenblick, als müßte mir das Herz still stehen und als würde mir plötzlich der Boden unter den Füßen fortgezogen. „Ich kann Ihnen jetzt keine Erklärung dafür geben," sagte er, „ich kann Sie nur bitten, mir zu vertrauen. In wenigen Monaten bin ich im Stande, Ihnen Alles zu sagen Ich gab einst einer mir theuren Person ein heiliges Versprechen und das bindet mich noch. Doch in wenigen Monaten darf ich offen reden. Ach, Christa, nur warten Sie und versuchen Sie, ob Sie mich nicht trotz alledem ein wenig lieben können!" Seine Stimme klang fast flehend; ich meine sie jetzt noch «^binen Träumen mitunter so zu hören. Es war keine alltägliche Liebesscene, und in der Qual, die ich erduldete, während der Mann meiner Liebe wie um fein Leben flehend cor mir stand, fühlte ich, daß jede mädchenhafte Scheu von mir wich und mich völlig ruhig und gefaßt ließ. I ff »Sie wissen," sagte ich, „daß es nicht so weiter gehen kann, wie bisher." „Das weiß ich," antwortete er, „und hatte auch die Absicht, zu warten, bis ich offen und ehrlich würde vortreten und Ihre Hand erbitten können, ohne daß ein Geheimniß zwischen uns stand. Aber ich war in diesem Augenblick meiner selbst nicht mehr mächtig. O, Christa," - und erschrocken sah er mich bei dem plötzlichen Gedanken an, — „Sie wollen mich doch nicht fortschicken und mir verbieten, Sie wiederzusehen?" _ 3°' das war es, was ich verlangte und Arthur las den Entschluß in meinen Augen. „Sie vertreiben mich aus dem Paradies, Christa," fuhr er fort; „und die Welt draußen ist so öde." „Doch es läßt sich nicht ändern," sprach ich entschieden; ich wollte in meinem Vorsatz durchaus nicht wankend werden. „Sie Hilfen unser Haus nicht mehr betreten und mich bei meinen Spazierritten nicht mehr zu treffen suchen." Er hatte das bis dahin mit besonderer Vorliebe aethan- „Bis wann?" fragte er. „Das kann ich nicht sagen," antwortete ich, dem Weinen nahe und gleichzeitig fürchtend, er könnte es bemerken und sich dadurch zurückhalten lassen, nach meinem Wunsche m handeln. Und wiederum wußte ich, daß ich ihn schrecklich vermissen und vielleicht niemals wiedersehen würde. „ , »Ich verstehe," fuhr er fort, „bis mein Name wieder fleckenlos dasteht. Seien Sie unbesorgt, Christia, die fielt wird bald kommen." War es sehr schwach von mir, daß ich ihm glaubte? Ich that es trotz Allem, was ich gehört hatte, trotz Allem, was so augenscheinlich gegen ihn zeugte. Seine Augen, seine Stimme waren so ehrlich und ich fühlte, er mußte die Wahr» heit reden. „Helfen Sie mir nun wieder in den Sattel," sagte ich, „ich muß eilen, um so schnell wie möglich nach Hanse zu kommen. Es ist fast dunkel, wie werden sich die Meinigen um mich ängstigen!" i . Wir trieben unsere Pferde zur größten Eile an, welche der schlechte Weg und die immer tiefer werdende Dunkelheit gestattete. Als wir an unserem Hause angelangt waren, verabschiedete ich mich von Arthur, doch er unterbrach mich mit der Frage: „Darf ich nicht mitkommen?" „Nein," antwortete ich unerbittlich. „Aber die Hand werden Sie mir zum Abschied doch reichen?" Ich that es mit dem Gefühl, daß es vielleicht zum letzten Mal geschah. Er drückte einen innigen Kuß auf meinen Reithandschuh und als ich mich später in meinem Zimmer allein sah, nahm ich den Handschuh und legte ihn zu einer Rose, die er mir einmal geschenkt und die ich sorgfältig bewahrt hatte. In der folgenden Nacht benetzte ich mein Lager mit heißen Thränen. Wer konnte wissen, wie Alles enden würde. 7. Capitel. Aus Arthurs Tagebuch. Ich habe sie in meinen Armen gehalten I Was auch geschehen mag, die Erinnerung an jenen seligen Moment kann mir nichts rauben I Als mich ihr kleiner Mund so fest und entschlossen ver» bannte, verzagte ich nicht. Auch jetzt liegt mir Verzweiflung fern, weiß ich doch, daß sie mich liebt und sie eines Tages die Meine sein wird. Augenblicklich beschäftigt mich die Frage, was ich mit Magdalene anfangen soll. Ich selbst kann nach dem Vor- gefallenen nicht hier bleiben und eine Zeit lang fortgehen und sie zurücklassen, — das wage ich nicht. Nachdem ich entdeckt hatte, wie sehr sie die ihr gestattete Freiheit mißbrauchte, war ich natürlich gezwungen, ibr jeden mündlichen wie schriftlichen Verkehr mit der Leonhärd'schen zu untersagen. Doch ich darf ihr nicht trauen. Während sie scheinbar fügsam ist und mir gehorcht, sinnt sie in ihrem Herzen vielleicht den schändlichsten Verrath. nach Auc eine solch anderen ' kann unn es doch r des Rad Schritten Ich dächte m gefallen, lebendig l Wir woll Dampfbo Wer schauen u Geständni selbst um geben hab Tag, roel sein! So! — lebe t vor Dich 1 Wirst D Wenn ich Das verließen. Zwei vom Pfer der Hansi vor sich st reichte. S feste Han! Der theilte mi zu reifen, dem Stur ihm aufge mir einige die für i Schlüsse t irgend we sorgen kü Ausbach». So i mals mied und gebad Herz war Das wir Beide Ich i Nähkorb f dem Band Kästchen n der aus Medaillon den Buchst „Wel „Woher h „Wo! Hu o Ber „So wirklich fe Sie 1 sicht und „Sei, nicht. Ab ihn wlrklb eiter gehen uch die Ab» rtreten und riß zwischen neiner selbst cken sah er «vollen mich -rzusehen?" >ur las den rista," fuhr entschieden; nd werden. ) mich bei u ebe gethan. em Weinen en und sich tu handeln, missen und me wieder , die Zeit mbte? Ich lllem, war igen, seine die Wahr- ' sagte ich, 1 Hause zu Meinigen an, welche Dunkelheit rabschiedete der Frage: schied doch zum letzten einen Reit- wer allein c Rose, die rhrt hatte, mit heißen irde. i auch ge« nent kann offen ver- rzweiflung Tages die lS ich mit dem Vor» gehen und t gestattete ihr jeden chärd'fchen >t trauen. , sinnt sie Ach glaube, ee ist das Beste, wenn ich für einige Zeit nach Auckland gehe und sie mitnehme. So unangenehm auch eine solche Reisegesellschaft ist, so scheint er mir doch keinen anderen Ausweg zu geben, für mich sowohl als für sie. Ich kann unmöglich hier bleiben r- meinem Lieb so nahe — und es doch nicht sehen! Das geht über meine Kräfte. Ich würde des Nachts ihr Haus umschleichen und des Tages ihren Schritten folgen und mich auf tausend Weisen elend machen. Ich habe Magdalenen gesagt, daß ich zu verreisen gedächte und sie mich begleiten soll. Der Plan schien ihr zu gefallen, denn sie meinte, sie habe es lange satt, hier wie lebendig begraben zu sein und sie sehne sich nach Abwechselung. Wir wollen nun unsere Sachen packen und mit dem nächsten Dampfboot abfahren. Wenn ich vor ein paar Jahren in die Zukunft hätte schauen und all' das Leid sehen können, welches mein rasches Geständniß mir bringen sollte» dann, glaube ich, würde ich selbst um Eleonorens willen ein solches Versprechen nicht gegeben haben. Meine Aufgabe war eine undankbare und der Tag, welcher ihr ein Ende macht, wird mir ein freudiger fein! So lebe denn wohl, Christa — mein herziges Mädchen — lebe wohl, bis ich wiederkomme und als mein wahres Ich vor Dich hintreten ^ann. Wirst Du zuweilen meiner gedenken? Wirst Du mich nur halb so sehr vermiffen, wie ich Dich? Wenn ich da» wüßte, dann würde ich fast zufrieden sein. 8. Capitel. Christas Erzählung. Das nächste Ereigniß war, daß Ausbachs Fernyhurst verließen. Zwei Tage nach dem denkwürdigen Abend, an dem ich vom Pferde fiel, war ich in der Küche beschäftigt, als es an der Haurthür läutete. Marie öffnete und sah einen Mann vor sich stehen, der ihr zwei Packete und einen Brief überreichte. Alles war an mich adressirt und ich kannte die schöne, feste Handschrift. Der Brief enthielt nur wenige Worte. Herr Ansbach theilte mir darin mit, daß er im Begriff sei, nach Auckland zu reifen, — daß er mir ein kleines Packet sende, welches bei dem Sturz meines Pferdes vom Sattel heruntergefallen, von ihm auf genommen und verzeffen worden fei. Auch schicke er mir einige Bücher, die er mit der letzten Post erhalten und die für mich vielleicht von Jntereffe sein würden. Zum Schluffe bat er mich noch, es ihn wiffeu zu laffen, wenn wir irgend welchen Auftrag hätten, bett er auf seiner Reise be« sorgen könnte und verblieb „mein ganz ergebenster Arthur Ausbach". So war er also fort - und vielleicht sollte ich ihn niemals Wiedersehen; vielleicht hatte er seine Worte bereits bereut und gedachte sie in der Gesellschaft Anderer zu vergessen. Das Herz war mir unsagbar schwer. Das kleine Packet enthielt Gertrauds grüne» Band, das wir Beide schon für verloren betrachtet hatten. 68 Hr in das Wohnzimmer, wo sie vor ihrem Nähkorb saß. Sie war sehr erfreut, schnitt ein Stück von bem J8anbe ab, hing ein Medaillon, welches sie ans einem Kästchen nahm, daran, band es um den Hals und fah reizen- der aus denn je. Die Farbe kleidete sie vorzüglich. Das Medaillon war von glattem Gold und mit Perlen besetzt, die den Buchstaben G bildeten. „Welch' ein reizendes Medaillon!" rief ich überrascht. „Woher hast Du das?" „Woher ich das habe?" wiederholte sie gleichgiltig. „Von Hu o Bergen natürlich." “ 9 * , »So seid Ihr also schon einig, Gertraud? Und Du wirst wirklich feine Frau?" Sie wendete bett Kopf ein wenig, sah mir in bas Ge- hott und schien wie mit einem plötzlichen Ruck zu erwachen. "S°ine Frau?" sagte sie. „Nein, wenigstens jetzt noch , Aber er ist ein sehr brauchbarer Mensch und ich habe ihn wirkltch recht gern." 91 — Ich war einen Moment lang empört bei dem Gedanken, daß Gertraud derartige Geschenke annahm von einem Manne, mit dem sie nicht wirklich verlobt war; doch ich schwieg, da ich bereits wußte, daß sie dieMnge nicht immer in demselben Lichte wie ich betrachtete. Und nun komme ich zu einem so unendlich traurigen, trostlosen Theil meiner Erzählung, daß mir das Herz blutet, da ich es niederschreibe. Es war, als ob mit Arthur alles Licht und alle Freudigkeit aus meinem Leben geschwunden wäre; und die Schatten wurden mit jedem Tage dichter. Eine Woche ungefähr nach Ausbachs Abreise kam ein mir ewig unvergeßlicher Tag, ist doch der kleinste Umstand desselben wie mit einem Meisel in mein Gedächtniß eingegraben. Es war herrliches Wetter, — hell, klar und sonnig. Die Berge lagen im weichsten Lichte da, ihre Häupter deckte noch kein Schnee. Fanny sang, während sie ihr Söhnchen ankleidete und mit ihm spielte. Der kleine Fritz wurde täglich dicker und blühender und war der Liebling des ganzen Hauses. Gertraud, die an ihrem weißen Mullkleid nähte, stimmte in Fannys Gesang mit ein. Am Morgen ereignete sich nichts weiter, als daß, während ich in der Küche Pasteten backke, ein Mann an die Thür kam unb um einen Trunk Wasser bat. Marie reichte ihm benfelben in einer zinnernen Schale. Wie bie meisten Küchen ber Colonieen konnte sich auch die unsere einer großen Anzahl dieser nützlichen Gegenstände rühmen. Während der Mann das Waffer trank — unb er brauchte dazu sehr viel Zeit — bemerkte ich, baß er seine Blicke ringsum gleiten ließ, unb als er Marie bie Schale zurückgab, bat er sie, ihm den Weg nach Herrn Ausbachs Wohnung zu sagen, er werbe einige Zeit dort arbeiten. Marie beschrieb ihm den Weg, so gut sie konnte, unb gleich barauf entfernte er sich. Es war mir nicht entgangen, baß er ein auffallend hübscher Mann war, blond und etwas mädchenhaft, unb baß er keinerlei Handwerkszeug trug, wie doch sonst jeder Handwerker, ber auf Arbeit geht. Um ein Uhr setzten mir uns zu Tisch. Gertrauds Wangen glühten; ihre Augen strahlten. Sie trug ein schwarz unb weißes Kleib, bas ihr vorzüglich stand, unb um ben Hals das grüne Band mit dem goldenen Medaillon. Bei Tisch erwähnte Fanny, baß sie am Abenb Herrn Bergen erwartete, worauf Gertraud, ben Kopf ein wenig zurück- werfenb, sagte: „Die arme Motte; mag sie sich ihre Flügel verbrennen!" Fanny schüttelte vorwurfsvoll ben Kopf, entgegnete aber nichts, bä sie wußte, wie nutzlos es fein würde, unb wie ich auch glaubte, baß Hugo Bergens Sache burchaus keine verlorene fei. Nach Tische blieb ich mit ©ertraub allein. Wie oft habe ich mir feitbem wieder unb immer wieder jeden Blick, jedes Wort dieses unseres letzten Beisammenseins in das Gedächtniß zurückgerufen. Wir sprachen von unseren Freunden in ber Heimath, von dem Schauplatz unserer Kinbheit. Nichts konnte »wischen uns treten, wenn wir ber Vergangenheit gebuchten, beim damals waren mir uns gegenseitig Alles gewesen. Nach einer Weile erhob sich Gertraud unb trat auf bie Veranba hinaus. Auch ich staub auf, um meinen Hut zu holen, ba ich über die Bucht hinüber gehen unb Butter laufen wollte. Es war bas ein Weg, ben ich besonders liebte. Als ich roieber ans meinem Zimmer kam, fanb ich Gertraud noch auf der Veranda. «Lebe wohl, Christa," sagte sie. Ich trat zu ihr und sie schlang ihre Arme um meinen Hals und küßte mich. „Komm' mit mir, Gertraud," bat ich. Sie aber schüttelte den Kopf und antwortete: „Heute nicht." „Nun, bann Adieu, bis heute Abend." Damit ging ich. Sie antwortete mir nicht und wendete den Kopf zur Seile. (Fortsetzung folgt.) 92 G-inernnÄtziges. Hebet den Werth des Hühner- und Tauben- düngers. Derselbe ist, wie der „Pract- Wegw." schreibt, fast gleich de j des Guano, nur darf man den werthvollsten Bestandtheil, den Stickstoff, nicht an der Luft verdunsten lassen, sondern muß ihn durch Einstreuen von Gypsmehl, trockner Erde, Torfmull binden. Der Dung von 20 Hühnern reicht hin, einem großen Garten eine volle Düngung zu geben. Wie der Hühnermist aber jetzt von den meisten Landwirthen behandelt wird, hat er nur einen geringen Werth. Es ist also im Jnterefle der Landwirthschast dringend zu wünschen, daß die Kraft (Stickstoff) int Hühner« und Taubendünger durch regelmäßiges Einstreuen von Gypsmehl oder trockener Erde conservirt und somit ein kleines Kapital an Düngerkcaft gespart wird. ♦ Eine «sue ArtLamperreylinder. Lampencylinder von Messtng, mit 3 Glimm ersüllungen rund um die Flamme versehen, werden zur Zeit als Neuheit von englischen Lampenfabriken hergestellt. Die Glimmerfüllungen laffen da» Licht durch. Auch sonst ist die ganze Lampe etwas verändert. Bei Hängelampen kann nämlich der Bchälter mit aufgesetztem Brenner von unten heruntergezogen werden, um entweder Oel nachzusüllen, oder die Dochte zu putzen; während der Zeit bleiben der Messingcylinder, Glocke u. s. w. oben hängen. Es gehen nämlich von dem Cylinder Arme aus, die dis Glocken mit Reifen u- s. w., kurz den oberen Theil der Lamps tragen. ♦ Wasierdichtrrrachen von Leder. Nach dem französischen Techniker Prideaux kann Leder vorzüglich wafferdicht gemacht werden, wenn man es mit einer Lösung aus 3 Theilen Kautschuk in 50 Theilen Terpentinöl bestreicht. Diese Lösung wird acht Tage hindurch täglich auf das Leder aufgetragen, bis dieses vollständig gesättigt ist und nichts mehr von der Lösung einsaugt Die Herstellung einer Kautschuklösung ist nun allerdings nicht so leicht, denn sie erfordert eine starke Erwärmung des Terpentinöls, wobei zu berück- sichtigen ist, daß die Dämpfe dieses Oeles, wenn man mit einer Flamme in Berührung kommt, leicht Feuer fangen. Außerdem muß der Kautschuk in sehr feine Streifchen geschnitten werden. Dies geschieht am besten mittels eines scharfen MefferS, das man nach jedem Schnitt in kaltes Wasser taucht. Kautschuk muß außerdem so trocken als möglich sein, d. h. er darf keine wäfferige Feuchtigkeit enthalten. Man legt die Schnitte daher ausgebreitet an einen mäßig warmen Oct und läßt sie daselbst unter öfterm Umwenden liegen. Mit einer derartigen gut zuberetteten Kautschuklösung in Terpentinöl laffen sich übrigens auch anders Stoffe imprägniren und wafferdicht machen. Anstatt de« Terpentinöls kann auch das leichte Kampheröl als vorzügliches Lösungsmittel empfohlen werden. ♦ * ♦ Haltbare Kitte für verschiedene Gegenstände. Da man fast immer die Erfahrung macht, daß Kitte, welche für gewisse Gegenstände sehr gut anwendbar sind, für andere Materalien gar nicht gebraucht werden können, so sei erwähnt, daß zum Kitten poltrter Knochengegenstände, Elfenbein, Fischbein, Perlmutter u. s. w. sich nachstehender Leimkitt ganz besonders wegen seines Glanzes eignet, den er dem Gegenstände verleiht. Man quellt gewöhnlichen Tischlerleim in heißem Waffer auf, erwärmt diese Gallerte, setzt derselben so viel Pulver gelöschten Kalk zu, als nothwendig ist, um die erforderliche Consistenz zu erhalten. Man erwärmt den zu kittenden Gegenstand, reinigt die Bruchflächen recht sorgfältig, streicht nun den Kitt zwischen die Fugen und legt um den Gegenstand herum recht fest ein starkes Band. Nach Verlaus einiger Tage muß ' Redaction: A. Schcyda. — Druck und Verlag der B alles völlig erhärtet sei«. Gewöhnlicher Tischlerleim, «wärmt und mit fein pulveristrter Kreide angerührt, erweist sich al» ein ganz vorzüglicher Kitt für Metall, auf Holz. Zur Befestigung von Leder auf Metall wird das Metall mit einer beißen Leimauflösung bestrichen und da» Leder mit einem h-ißen Auszuge von Galläpfeln bestrichen. Beides läßt man ruhig trocknen. Die Haltbarkeit ist ausgezeichnet. • ♦ • Hecht mit Eiersauce. -Den in Salzwaffer mit den üblichen Gewürzen abgekochten Hecht stellt man warm und richtet ihn mit folgender Sauce an. In 70 Gramm Butter schwitzt man 30 Gramm Mehl hellgelb, fügt Vr Liter kräftige Auflösung von Liebigs Fleischextract bet und läßt Alles aufkochen, worauf man etwas Citronenfaft, einige gedünstete Champignons sowie etwas Krebsbutter beifügt und die Sauce mit ü Eigelb abzteht. Literarisches Die Kritik, Wochenschau des öffentlichen Lebens. Herausgegeben von Karl Schoeidt. Verlag von Hugo Storni, Berlin -W. Gle> ditschstraße 35. Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 5 M. Einzelne Hefte 50 Pfg. Das vorliegende Heft 19 vom 9. Februar hat wieder einen außerordentlich vielseitigen und hochactuellen Inhalt auf« zuweisen, wie denn überhaupt das Unternehmen aus dem gährenden Drange der Zeit herausgeboren zu sein scheint. Wichtige Berufsfragen,. sowie Fragen von höchstem politischen und patriotischen Interesse werden von verschiedenen Gesichtspunkten aus in anregender Weise beleuchtet. Das Heft enthält folgende Beiträge: Luginsland. — Fritz Friedman auf dem Pegasus. — Guido Löwy im Netz. Das lasterhafte Berlin. — Tugendhafte Damen. — Der Synodalen Schmerzensschrei. — Die Kasernirung der Prostitution. — Das Geschenk des Kaisers. — Begnadigungen. — Keine Amnestie? — Von Karl Schneidt. Unfallstationen, Merzte und Anderes. Pon Dr. M. Maschke. — Zur Reform bei Jrrenwesens. — Schwindelpleiten. Von Mercurius. — Moderne Ketzer- riecherei. Von Karl Neumann. — Lehrer oder Erzieher? Von Max Wundkle. — Musik-Ketzereien. Von Hans von Basedow. — Die deutsche Ostgrenze. — Der Weg zum Glück. Von A. Herse. — Eine Mahnung an die Berufsgenossenschaften. Vom Büchertisch u. s. w. * * * Scheckiges Mädchen. Es hat schon zahlreiche, körperlich sehr sonderbar gebildete Menschen gegeben, Frauen mit langen Bärten, Männer und Frauen, deren Körper durchwegs stark behaart sind, Menschen mit affenartig gebildeten Gliedmaßen oder mit eigenthümlicher Hau!« färbung u. s. w. Das scheckige Mädchen aber, welches wir im neuesten (16.) Hefte der beliebten Familienzeitschrift »Für Ave (Berlin W., Deutsches Verlagshaus Bong & Co, Preis bei Vierzehntagheftei 40 Pf.) abgebildet und beschrieben finden, vereinigt nicht allein alle die Sonderbarkeiten, die man an jenen Naturphänomenen beobachtet hat, sondern es besitzt auch eine große Reihe anderer Eigenschaften, die ihm als Naturphänomen eine Ausnahmestellung geben und es dem Anthropologen und Mediciner äußerst intereffant machen. Das scheckige Mädchen erregt zunächst das Interesse in hervorragendem Maße durch den Umstand, daß es nicht von einem wilden Naturvolke und auch nicht von einer farbigen Rasse abstammt — wie die meisten menschlichen Naturcuriosa —, sondern von europäischer Herkunft ist. Marietta Schöbl ist das Kind normaler deutsch-österreichischer Eltern, die in einer kleinen Ortschaft in Böhmen ihren Wohnsitz haben. Sie hatte noch neun Geschwister, von denen vier gestorben sind. Alle Kinder, mit einziger Ausnahme Mariettas, erfreuten sich eines ganz normalen Aussehens und hatten körperlich nicht die geringsten Merkmale. Nur Marietta kam schon mit Merkmalen auf die Welt, die darauf schließen ließen, daß die äußere, körperliche Entwickelung und das Aussehen der Haut ganz ander! sein werde, als bei allen andern Menschen. Geboren am I. Februar 1891, ist sie gegenwärtig vier Jahre alt. Ihr Körper ist im Allgemeinen proportionirt, ihre geistigen Fähigkeiten sind ganz dem Alter entsprechend sehr gnt entwickelt. Die Farbe der Haut aber ist zum Theil weiß und rosig, zum Theil schwarz, braun, hellbraun und ins Graue spielend. Das Gesicht scheint eine Theilung zu bilden, in der die eine weiß.rosige Hälfte vollkommen den europäischen, die andere den schwarzen Typus darstellt. — Die nach einer photographischen Aufnahme wiedergegebene Abbildung zeigt deutlich, welches Spiel sich hier die Natur mit dem Mädchen erlaubt hat. Natürlich ist der Beitrag nur einer von denen, die das Interesse des Lesers fesseln. Die weiteren Artikel des Heftes, die großen, vorzüglichen Romane „Das Jungfernstift" von W. Berger, „Eine Todsünde" von H. Conway re., die prachtvollen farbigen und schwarzen Kunstblätter — Alles ist dazu angethan, die Zeitschrift zu schmücken und den Leser derselben unwiderstehlich anzuziehen. ühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) i»