SamsLsg den 20. Juli. 1895. Nr. 85 üiKilk'Rl'i Killer MM Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). kJLW jOWM Die Tochter des Meeres. Äewm w# Ä. Xitel«. „Ungefähr fünf Minuten können wir warten, wenn Sie Miß Cora in unserem Beisein mittheilen wollen, was Sie ihr zu sagen haben," erklärte Ponrford. »In. Ihrem Beisein?" sagte der junge Mann erstaunt. „Sind Sie von Sinnen? Miß Cora, geben Sie mir wenig« stens Erlaubniß, diese Männer zum Schweigen zu bringen und ich will Sie bald von ihrer Gegenwart befreien." „Rein, nein!" erwiderte sie traurig. „Ich kann nicht, ich darf nicht I Vielleicht ist es auch besser, wenn ich gar nicht die Wahrheit über meine Geburt zu hören bekomme . . . . auch wenn Sie sie mir mittheilen könnten." Herr Beauclerc sah sie betroffen an. Der verzweifelte Ton entsprach so wenig ihrem gewöhnlichen Muth, daß er eine leise Ahnung von der seltsamen geheimen Ursache dieser Veränderung bekam. „Ich denke, Sie können mir kaum verweigern, einige Augenblicke mit dieser jungen Dame allein zu reden, wenn ich wirklich erst Ihre Einwilligung dazu einholen muß," sagte er dann zu Ponsford gewendet. „Ich möchte über eine wichtige Angelegenheit mit der Dame sprechen." „Hm!" sagte Ponsford nachdenklich. „Ich bin noch nicht so sicher, ob es recht ist, Hoffnungen zu erwecken, die doch zu nicht« führen kann. Doch," fuhr er ehrerbietig gegen den jungen Mann gewendet fort, „ich will es Ihnen unter einer Bedingung gestatten: wenn Sie Miß Cora in meinem Beisein mitthellen wollen, was Sie ihr zu sagen haben. Mein Gefährte wird uns verlassen. Wenn ich Ihnen sage, daß ich seit zwanzig Jahren der vertraute Diener des Grafen von ^-reville bin, halten Sie mich vielleicht dieses Vertrauens würdig." Herr Beauclerc schaute sehr ungläubig drein und sagte: »Dü^ist Alles recht schön, mein lieber Mann, aber wenn ich auch Ihre Treue gegen Ihren Herrn keineswegs bezweifle, kann ich doch nicht einsehen, was das mit Miß Cora und deren Geheimnissen zu thun hat. Ich will jedoch ihr überlassen, dies zu entscheiden. Soll ich in seinem Beisein reden, Miß?" „Herr Beauclerc, bitte, sagen Sie mir, w Sie mir sagen wollen, ohne Zögern," erklärte Cora- „Es sind leider nur sehr spärliche Mittheilungen," Hub der Angeredete an. „Alles, was ich in Erfahrung bringen konnte, ist, daß ein Schiff, die „Seemöve" genannt, zu der Zeit und an der Küste, die Sie mir nannten, scheiterte und gänzlich zu Grunde ging und daß eine alte Schiffs-Zeitung, die ich mit großer Mühe erlangte, als die auf dem Schiff befindlichen Passagiere ein Ehepaar mit einem kleinen Kinde, einen einzelnen Mann, bet. auf der Heimkehr in seine Heimath begriffen war und zwei Diener aufgezählt. Es sind keine Namen genannt, doch wird wegen näherer Einzelheiten auf eine spätere Nummer hingewkesen, die ich noch nicht erlange» konnte." Coras Augen leuchteten. „O, wie gut sind Siel" sagte sie. „Denken Sie nur, wenn ich meinen wahren Namen . . . eine Familie . . . überhaupt etwas fände, was ich lieben könnte I Ich kam mir da« Glück gar nicht vorstellen," fuhr sie fort und faltete vor Aufregung die Hände. Sogar Ponsfords Augen leuchteten und er wünschte fast, daß dieses schöne, unglückliche namenlose Mädchen wirklich als die Tochter de» Grafen legitimirt werden möchte. „Herr Beauclerc, ich sage Ihnen tausend Dank für Ihre Bemühungen," fuhr Cora dann wehmüthig fort. „Sagen Sie Sir Fülle, wie sehr ich seine Güte zu schätzen wußte und daß ich derselben nicht unwerth war, so sehr auch der Schein gegen mich spricht- Leben Sie wohl! Mag der Himmel Ihnen die Freundlichkeit lohnen, die Sie einer armen Waise entgegengebracht I" Sie reichte ihm die Hand, die der junge Mann leidenschaftlich in die seine schloß. Dann wandte sie sich mit ruhiger Würde zu Ponsford. „Lassen Sie uns gehen!" sprach sie befehlend. „Frau Digby kann jeden Augenblick zurückkommen und ich könnte es nicht ertragen, ihr oder Trifla zu begegnen." Im nächsten Augenblicke war sie mit Ponsford und dem Beamten verschwunden. Und in nachdenklicher, sehr unzufriedener Stimmung verließ Beauclerc da« Haus. V, LII. btirf ™ ?i l ch so dringend gebeten, jeden Augen. !i„ ;pjrer bedürfe, Sie rufen zu lassen, machen Sie ein so mürrischer, vorwurfsvolles Gesicht wie mein Onkel" bft8 ’u”öe Mädchen schmollend. „Ich habe große Ä wollen.""" flW W äU fw roas ich Ihnen hätte bin S« Em recht gut, daß ich jeden Augenblick bereit 3hnen zu dienen, wenn Sie mich wirklich brauchen, aber enn Sie mich nur aus kindlichem Muthwillen herbeiaerufen haben, so setzen Sie uns Beide nur einer großen Gefahr aus." „Nun, jedenfalls hätten Sie mit Ihrem Urtbeil warten kennen, bis Sie gehört, was ich Ihnen zu sagen habe," lautete ihre muthwillige Antwort. „Wissen Sie, was Onkel Treville 2 Er will Miß Cora, das räthselhafte Fräulein lassen, weil sie meinem seligen Papa twas gestohlen hat und Lord Belfort bei seiner Flucht behilflich gewesen ist . . . er hat sich auch bemüht, Alles über sie ^^..^sah^n, wie sie noch Kind war, bevor Papa sie im Lause e allen Frau gefunden hat; und wenn sie erst Hier ifl ÄM, S d°«°E machen w« MS M Ä * gfVV »«, unb I» bin di-,-« Strange«, 2 SSt rS'k WJKunb die flammende Röthe auf ihrem Gesicht ließ das Geständntß ahnen, das sie abzulegen 1 338 - »Ich will fort von hier . . . wenn Sie mir hob«: i behilflich fein wollen, wenn Sie mich wirklich lieben, RuperU« re, " x °' ®Je scherzen! rief der junge Mann erschreckt „Es wäre geradezu Wahnsinn, wenn ich . , ? norU'Ä Ä i($ meine es völlig im Ernst " Elihl. „Sie sagten mir schon vor langer Beit dak lieben . . . . wenigstens würden Sie sich sonst mir I Warten?" gezeigt haben. Und was nützt auch dar Netto, es wäre Wahnsinn!" beschwor sie Ruvert e Sie auch jetzt darüber denken mögen, später würden Sie bittere Reue empsinden, wenn Sie die »krau etnp» nrnt»« unbekannten Menschen wären, anstatt die Ihnen rechtmäßig waae"ick"ni»?^ung in der Welt einzunehmen. Nein, das L'Z-Arenh« zn ,V"°' °°" * **■ - trtÄSÄÄSJ* b" - SSLftte u."d.mit .w-is-inb-. Lord Ernst Belforts Loos stand in traurigem WidersvruL mit seiner ruhelosen Natur. Geduld und Entbehrunaen mar?n die harten Prüfsteine, di- ihm während vieler Monäte"na» ftinem unglückseligen Duell mit SZÄ ^enthalte auf Schloß Biddulph war die Z"' fangenschaft in der einsamen Schlucht gefolgt und nun fmtt# ---in- ‘Witte MuWtoe in DmWIand T ,S ßiUen, einfachen Hanfe gefunden. Es war sehr ärgerlich für einen langen, ihäligen Mann, der an ein inxnriöfes Leben ae. »«‘"t »«. i« einer Stte «ingefperrl in “ein, ble tin?m Ä”. ««f-n wäre. Und geworden^ AuL^g/ s^ "^b "g, wäre Ernst melancholisch geworoen. Auch,etzt saß er, wie gewöhnlich, wenn er allein ®a,r' ben Kopf in der aufgestützten Hand ruhend, die Auaen °uf das Meer gerichtet, das ihn von feine? NkünLanbr lrermle, (n dgM Reichthum, Ehre und große Be« wie“btt“znrüRe^n bfomi“te.““b ”* “ * ** „Cora, meine arme Cora l" murmelte er leise ohl schuldig, besonders, nachdem Sie mich aus I fest auf ihm und fein Blick war so nachdenklich und fnritficnh übeMM&em"U eH ®arm§er3ia£eit eines Fremden auf ih^erichtet, daß Rupett unter dieser strengen Prüfung « xt »Das thatest Du aus freien Stücken," entgegnete Frau I ° ^Doch^Mtzlich raffte Graf Treville sich mit offenbarer wurdest nicht Anstreng?n/a^ drücken bettebst sondern Eitelkesi und' I "Netzen Sie sich, junger Mann," sagte er in ruhigem, - - 7 »sw ck. Und diese Bedinaunaen sind?" sraate ßnr et |U Stau galtet geLS.fott „sle'lSen & Satt mÄ”“1 "5’b“' “'6 b" rammaudanl B-amepalt- ch Seu £,,P?t"e Ä'Smu ff™,?“; 10 ”1 S. Dl?Llügh-lt gebot, dl- Umgegenb de« Orte, «ft ,u gebracht." S W in bie Angelegenheit erforschen. Die Preußen waren nicht weit und nach den „Ich versiebe Sie Nicht" „ I letzten Erkundigungen konnte man fürchten, in einen Sinter- ist doch nichts Geheimnißvolles dabei "wenn*ich r~"f5 I SjU Auf einem Hügel inmitten des Dickichts, ge« Ml getumtt Mef« ÄXÄUM' * Ä^.,7' ®“M U”W”' '*« d>- M™ atm« frag WÄ”4 *“ ”« *“ Ä 'pr-ch-n," 1 * ' «SÄ STÄ*ATSS S d-i et “ M V, 840 Beaurepaire wollte den Hirten schon wegschicken, als er sich besann und ihn fragte: „Und den Namen des kleinen Dorfes zwischen den Hügeln, das die Wälder so vollständig verdecken, kennst Du den?" «Ja, Herr, das ist Jouy-sn-Argomie." Beaurepaire fuhr zusammen, faßte sich aber sofort. Er ergriff sein Fernrohr und von der Höhe des Hügels aus betrachtete er aufmerksam, gierig, mit traurigem Blick das bescheidene Dorf. Er konnte die Augen gar nicht davon abwenden. Man hätte meinen können, daß er dort etwas entdecken wolle, was ihn im höchsten Grade interessierte. Trotzdem war nirgends eine Spur eines Feldlagers, nirgends ein Bivouacfeuer; nichts von dem, was die Anwesenheit von Soldaten verräth, zeigte sich in der waldigen Schlucht. Nachdenklich kehrte Beaurepaire zu den Freiwilligen zurück, die sich, nachdem die Gewehre zusammengestellt waren, bereits mit der Zubereitung der Suppe beschäftigten. Während die Einen Holz schneiden gingen und die Andern aus einer Quelle, die vom Hügel herabkam, Waffer schöpften, putzten die Kochgehilfen das unterwegs von den Feldern entlehnte Gemüse und begleiteten ihre Beschäftigung mit dem Singen der Gamelle. Wenige Schritte von den offenen Küchen stand ein Karren. Ein guter alter Schimmel knusperte an dem Grase und riß an dem Strick, um zu der Rinde der jungen Bäume, dem Gegenstände seines Gelüstes, zu gelangen. 13. Infanterie-Regiment. Mde. Catherine Lefebvre, Marketenderin. Wenige Schritte von dem Karren spielte ein Kind um die Gewehrpyramiden herum; wie um Schutz suchend näherte es sich von Zeit zu Zeit der Marketenderin, die ihm beruhigend die Wange klopfte, ohne sich zu unterbrechen, denn die Soldaten forderten stürmisch die Eröffnung der Cantine. Bon einem Soldaten unterstützt, legte sie ein großes Brett auf zwei Schrägen. Bald standen Krüge, Kannen, ein kleines Faß, Gläser und Teller auf diesem improvisierten Tisch. Die Cantine war eröffnet, und die Kunden drängten sich herein. Der Weg und die Lieder hatten die gutgelaunte Truppe durstig gemacht. Bald füllten sich die Gläser und man stieß auf den Erfolg des Bataillons von Mayenne-et- Loire, auf die Befreiung Verduns an.' Richt alle befaßen Geld, aber die Marketenderin hatte ein gutes Herz und kreditierte den Bedürftigen — nach dem Siege bekam sie ihr Geld. Beaurepaire betrachtete lächelnd dieses belebte Bild und während seine Augen zu dem Dorfe Jouy-en-Argonne zurückgingen, murmelte er für sich: „Unmöglich, mich zu entfernen. — Wen könnte ich hinfchicken? Ich brauchte jemand Vertrauenswürdigen — am besten eine Frau — aber wo eine solche Botin finden?" Und er fuhr fort, die um den Karren Catherine Lefebvres gruppierten Männer zu beobachten. In einiger Entfernung und anscheinend gleichgiltig gegen die Freude der ruhenden Truppen unterhielten sich ein Sergeant und ein junger Mann, der die Achselschnüre des Sanitätscorps trug, sehr lebhaft miteinander, indem sie die Stimme senkten, wenn sie sich beobachtet glaubten. Es war Marcel, der nun Renee, den hübschen Sergeanten wiedergesunden hatte. So wie das junge Mädchen es gehofft hatte, war es ihm durch die Protektion des jüngeren Robespierre und auf die Empfehlung Bonapartes gelungen, vom 4. Artillerie-Regiment versetzt zu werden. Nachdem er der Batterie zugetheilt worden war, die zu dem kleinen, unter dem Commando Beaurepaires befindlichen Corps gehörte, hatte er sich in St. Menhould dem Bataillon angeschlossen. Die Erfordernisse des Dienstes, die Unterschiede des Ranges und der Platz des Assistenzarztes am Ende der Co- lonne hatte bis jungen Leuts verhindert, miteinander zu sprechen und ihre Freude über das Wiedersehen auszutauschen. Die unerwartete Etappe, welche der Commandant vor dem Dorfe Jouy-en-Arbonne befahl, bot ihnen endlich die so lange erwartete Gelegenheit und sie machten sie jfich zu nutze. Beaurepaire wollte sich, etwas überrascht über die schein, bare Vertraulichkeit zwischen dem Sergeanten und dem Assistenz.', arzte, entfernen, indem er sich vorbehtelt, sich über die Ursache dieser Intimität zu informieren, als der zufällig vorübergehende Lefebvre Marcel anfprach. „Sie kommen vom vierten Artillerie-Regiment?" fragte er, das t&e-ä-tete der beiden Liebenden unterbrechend. «Ja, Lieutenant, ganz direct." «War der Kapitän Bonaparte, dem fein Rang zurück- gegeben ward, beim Regiment, als Sie es verließen?" „Kapitän Bonaparte war in Corsica — er bekam die Erlaubniß dazu — aber er schrieb einigen Freunden in Valencia und daher wußten wir im Regiment, wie es ihn ging. Es wurde von dem Kapitän Bonaparte sehr viel ge» gesprochen." Beaurepaire, der zugehört hatte, trat heran und sagte lebhaft: „Ah, und wie geht es Bonaparte? Ich hoffe, daß ihm nicht wieder etwas zugestoßen ist. Können Sie mir nicht Auskunft geben? Ich gehöre ebenfalls zu feinen Freunden." „Herr Commandant," sagte Marcel, „der Kapitän Bonaparte ist heute bereits in Sicherheit in Marseille mit seiner ganzen Familie, aber er hat sich in großer Gefahr befunden." „Teufel, erzählen Sie, was ist ihm denn geschehen?" „Pardon, Herr Commandant," sagte Lefebvre, „glauben Sie nicht, daß wir die Erzählung des Doctors besser bei einer Erftischung anhören könnten? Meine Frau wird uns bedienen." t „Gerne," sagte der Commandant, indem er sich niederließ. „Auf das Wohl der Bürgerin Lefebvre, der schönen Marketenderin vom 13.1" Alle Drei stießen mit den Gläsern an, während Lefebvre zu seiner Frau sagte: „Höre, war der Doctor erzählen wird — Neuigkeiten von Corsica. Es handelt sich um Deinen Freund, den Kapitän Bonaparte." „Am Ende bist Du noch jetzt auf diesen armen Bonaparten eifersüchtig," sagte Catherine achselzuckend. „Ist ihm denn etwas zugestoßen, Herr Assistenzarzt?" „Er ist nur durch ein Wunder dem Tode entronnen." „Jst's möglich? O, erzählen Sie uns geschwind, um was es sich handelt — mit der Erlaubniß des Herrn Com- Mandanten," sagte Catherine, indem sie sich rittlings aus einen Baumstamm setzte, mit offenem Munde und gespitzten Ohren, voll Ungeduld, Nachrichten von ihrem alten Kunden zu erhalten. (Fortsetzung folgt.) f Entsagung. Immerfort preisen die Dichter in feurigen Liedern die Liebe, Weil sie der Tugenden erste, stärkste und edelste sei. Doch viel höher im Werth, dünkt mir, steht stille Entsagung Auf dieses himmlische Glück; ihr gebühret der Preis! Liebe ist kein Verdienst, sie folgt natürlicher Ordnung Und ein jedes Geschöpf beuget sie unter ihr Joch. Wer es aber verstand, stark dann Entsagung zu üben, Wenn ihm das wonnige Gift mächtig die Adern dnrchströmt Und ein liebendes Herz sich warm an den Busen ihm schmieget — Der hat die Liebe besiegt, folgt er der Stimme der Pflicht. Das ist wahres Verdienst: der Adel solcher Gesinnung, Die der gewöhnliche Mensch nicht zu erfassen vermag. -g- WebacHon: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.