ISKSKSP UnterhaUungsblaU pim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Nr. 47» ■ Samstag den SH. April. 1895. Unebenbürtig. Roman von H. von Ziegler. (Fortsetzung.) Im flackernden Laternenlicht tauchte des Mädchens schönes, lächelndes Antlitz auf, umhüllt von weißen Schleierwolken; der Baron öffnete den Schlag de; harrenden Wagens und half ihr einsteigen, dann zogen die Pferde an, der Kutscher knallte mit der Peitsche und dahin ging's im Trabe. Sinnend blickte Wildenstein hinterdrein, dann seufzte er tief auf und wandte sich dem Hotel zu. Er war ja allein, ganz allein, Niemand erwartete ihn, Niemand fragte, wo er bleibe. Wie gut hatte es dagegen Hohenthal! Als er auf seinem Zimmer saß und zu Abend aß, tauchte wieder und wieder das liebreizende Gesichtchen Nora zur Stettens vor ihm auf, er sah ihr Lächeln, hörte ihr silbernes Stimmchen und eine heiße Eifersucht gegen den Freund erwachte in ihm. Hätte er nicht an besten Stelle sein dürfen, der Oheim des «schönen Mädchens, der einzige Bruder ihrer Mutter, doch laut ausstöhnend schlug er sich mit der Faust vor die Stirn — war er's nicht selbst gewesen, der dieses Band zcrriffen, der mehr wie einmal erklärt hatte: „Ich habe keine Schwester." — „Ich Thor und Elender," murmelte er vor sich hin, „es ist zu spät — zu spät I Wenn ich heute vor sie hinträte und flehte: Vergib und vergiß um der Tobten willen, so würde ich wie vor Jahren von Kindeslippen auch heute wieder hören: Ich habe keinen Onkel I O, und ich könnte e» nicht ertragen, von Nora gehaßt und verachtet zu werden I" Sonderbar, daß er immer wieder auf sie zurückkam. Seit er einst um Melanie gefreit, war's ihm nicht mehr so heiß zum HerM geströmt, hatte er nie wieder an ein Paar wunderschöner Frauenaugen gedacht, deren lange, seidenen Wimpern sich hoben und senkten. Die Zett verrann, die Cigarre war längst verloschen und kreischend schlug die Uhr Mitternacht, als er endlich tiefseufzend das Haupt emporrichtete. „Der Fleck auf dem Wappenschild wird immer dunkler," sagte er dumpf vor sich hin, „und ich kann ihn nicht löschen, wenn ich auch wollte; aber er kommt nicht durch Theresens Mißheirath, sondern durch meinen Starrsinn — ich habe mit ihrem Namen auch mein Lebensglück durchstrichen und bin nun ein einsamer, alternder Mannl" Sein Blick fiel in den gegenüberliegenden Spiegel, derselbe strafte feine letzten Worte Lügen, denn er warf noch ein männlich schönes Bild zurück. „Morgen mache ich der Fürstin Porscu meine Aufwartung," dachte Wildenstein, al» er sich zur Ruhe begab, „sie erweist mir viele Liebenswürdigkeiten und ich kann nicht geradezu unhöflich sein." Daß es doch eigentlich einen anderen Grund mit dem Besuche habe, wollte der Graf sich nicht eingestehen und doch lächelten ihn Noras dunkle Augen die ganze Nacht hindurch an, tndeß ihre rothen Lippen sprachen: „Ein Fleck, ein Fleck auf dem Wappenschild!" O ♦ ♦ Am folgenden Tage lehnte die schöne Fürstin Porrcu in ihrer Causeuse; der französische Roman, in dem sie gelesen, lag an der Erde, sie gab ihren Gedanken Audienz und zwar beschäftigten sich dieselben hauptsächlich mit Graf Wilvenstein- „Er ist noch immer ein stattl cher Mann," philosophirte sie, „so in meinen Jahren und sein Reichthum soll sprichwörtlich sein. Was mein Vermögen anbelangt, hm, so ist es nicht mehr dasselbe wie früher! Das Reisen kostet auch Geld und ich kann bei meinen Ausgaben nicht rechnen, Summa summarum, wenn ich den interessanten Grafen gewönne, so wär'» gar nicht Übel! Damals, al» er wie toll und blind mir den Hof machte, wollte ich nicht, der rumänische Fürstentitel blendete mich leider! Aber vielleicht ist der Fehler wieder gut zu machen. Der Graf ist einsam, ich auch; ich werde sehen, war sich thun läßt. Er ist noch eine glänzende Partie," Der Diener trat ein und meldete Fräulein zur Stetten. „Ah, sehr angenehm," sagte die Fürstin und wurde sehr heiter, „führen Sie sie herein." Frisch und anmuthig trat Nora ein und begrüßte die Dane, die ihr herzlich die Hand hinstreckte. „Ich komme nur, um zu danken, Durchlaucht, sür Ihre große Güte, die Blumen waren ganz wundervoll und beschämten mich fast." „Nicht doch, mein liebe» Fräulein, sie sollten nur ein - 186 schwacher Dank für Ihre Leistung als Ophelia sein. Wirklich wundervoll, ich war ganz begeistert davon." „Durchlaucht sind zu gütig." „Aber nun setzen Sie sich, Kind, und erzählen Sie mir etwas Neues. Sie sind heute Abend wieder beschäftigt?" „Nein, heute nicht," lächelte da» junge Mädchen heiter, „es ist ganz schön, einmal wieder auszuruhen, denn die vielen Proben ermüden doch recht sehr." „Wisien Sie was, Fräulein zur Stetten, Sie müssen dann heute bei mir den Thee trinken und etwas musiciren. Nicht wahr, Sie schlagen mir die Bitte nicht ab?" „Leider muß ich er doch, gnädigste Fürstin, ich bleibe gern bei Papa, damit er nicht ganz allein ist, zudem kommt Onkel Hohenthal zu uns und da kann ich nicht anders, als dankend ablehnen." „Böses Kindl Aber ein andermal fange ich Sie doch! Ich habe an jedem Mittwoch Abend Gäste und Sie dürfen unter denselben auch nicht fehlen. Ah, und beinahe hätte ich vergessen — eine grandiose Idee, liebes Fräulein, bei der ich auch mit auf Ihre Hilfe rechne." «Durchlaucht sind sehr gnädig. War in meinen schwachen Kräften steht, soll gern geschehen." „Wir wollen zum Besten von Armenbescheerungen zum Weihnachtsfest im November einen Bazar veranstalten, bei dem Damen verkaufen müssen, um den Reiz zu erhöhen. Natürlich sollen Sie einen sehr guten Tisch erhalten, wenn Sie einwilligen, sich an der Sache zu betheiligen." „O, sehr gern," rief Nora kindlich fröhlich, „ich habe mir schon längst gewünscht, bei einem Bazar verkaufen zu dürfen." Der Kammerdiener trat abermals ein und überreichte seiner Herrin auf einer silbernen Platte eine Visitenkarte. Melanie erröthete vor Vergnügen, al» sie den Namen las. „Ich lasse sehr bitten. Aber nein, Herzchen, Sie müssen noch bleiben," wehrte sie liebenswürdig, al» Nora sich erhob. „Graf Wildenstein ist ein langjähriger, guter Bekannter, ein Jugendfreund von mir und wird sich gewiß auch freuen, Sie persönlich kennen zu lernen. Er war gestern auch im Theater." Die Thür flog auf und Graf Rudolf trat, sich tief ver« neigend, über die Schwelle. Niemand hätte wohl an seine Kriegslist geglaubt, daß er um die Porrcu'sche Villa so und so oftmals gewandert war, bis er Nora hineinschlüpfen sah, dann erst folgte er ihr, um sich gleichfalls melden zu lassen. „Sie kommen mir doppelt erwünscht, lieber Graf," rief die Fürstin mit schmachtendem Blick, „so kann ich Sie gleich unserer lieblichen Jeanna d'Arc, alias Fräulein zur Stetten, vorstellen." Äug' in Auge standen sich diese beiden Menschen gegenüber, zwischen denen ein so großer Abgrund gähnte, und die sich doch hätten so innig aneinanderschließen sollen. „Ich erinnere mich, Herr Graf, Sie gestern im Theater gesehen zu haben," begann Nora nach der ersten Befangenheit ruhig die Unterhaltung, „Sie saßen neben Onkel Hohenthal." „Gewiß, mein Fräulein, er ist mein treuester und bester Freund." „Ja, ein wahres Goldgemüth," pflichtete Nora bei und ihr Auge glänzte hell auf; „mit welcher Liebe und Treue hängt er an mir und Papa; was er uns an den Augen absehen kann, thut er, auch zu meinem ersten Gastspiel ist er sogleich gekommen." „Je nun, liebes Kind, das finde ich begreiflich. Onkel find doch mitunter auch galant gegen ihre Nichten." „O, nach Galanterie frage ich nicht," entgegnete das junge Mädchen, „übrigens paßt der Begriff auch nicht auf den Onkel; er ist für mich wie ein zweiter Vater." „Nun, da nehmen Sie aber Ihr Herzchen in Acht, Fräulein zur Stetten," lachte Melanie, „solche alte Onkels bekommen doch noch mitunter Sehnsucht nach einem eigenen Herd und besonders Baron Hohenthal ist ein großer Gemüths- mensch —" „er holte mich gestern nach dem Theater ab," bemerkte Nora, welcher des Grafen sonderbar wehmüthiger, auf ihr ruhender Blick unbehaglich wurde; „Papa mag e« nicht, wenn ich allein näch Hause komme und da er erkältet ist, versprach der gute Onkel es zu thun." ,. "Sie find noch nicht lange bei der Bühne, mein Fräu- lein? fragte Wildenstem verbindlich, indem er dar Gespräch wechselte. „Nein, auch habe ich noch nicht die unumstößliche Gewiß. h«t, hier engagirt zu werden —" Ann doch nur eine Frage der Zeit sein." fiel die Fürstin verbindlich ein, „wer so wie Sie spielt, dem müssen alle Herzen, auch die härtesten der Directoren, zufliegen. Sie leben ganz allein mit Ihrem Herrn Vater?" „Gewiß, Durchlaucht, Mama starb vor vierzehn Jahren, als wir noch in Mitau lebten." „Und wissen Sie gar nichts mehr von ihr?" fragte Melanie lauernd, mit einem Seitenblick auf Wildensteins bleich gewordenes Antlitz. ''S r0($' Papa und Onkel Hohenthal erzählen viel von ihr; ich selbst habe natürlich nur eine schwache Erinnerung von einer sanften, schönen Frau, die mich -n ihre Arme nahm und beten lehrte." Der Graf mußte all' seine männliche Fassung aufbieten, um reglos zu bleiben, ein qualvoller Seufzer drängte sich auf seine Lippen, doch die Fürstin fragte tactlos, neugierig weiter: „Wie hieß Ihre Frau Mama mit ihrem Mädchennamen?" „Ich weiß es nicht, Durchlaucht, Papa hört nicht gern von so etwas reden und schärfte mir nur stets ein, daß ich keine Verwandten von Mamas Seite habe." Melanie schielte seitwärts zu Wildenstein, er sah völlig verändert aus; seine Lippen preßten sich fest aufeinander, den Blick hielt er finster auf den Teppich gerichtet. „Sonderbar," fuhr sie scheinbar erstaunt fort, „es ist wie ein Geheimniß, welches Ihre Eltern umgibt und ich gestehe, daß ich von Ihnen, mein Kind, gern etwas erfahren hätte." Nora erhob sich zögernd, ihr war, sie wußte nicht recht, weshalb, unbehaglich zu Muthe geworden. „Ich muß mich nun empfehlen, Durchlaucht —" „Wie schade, daß Sie uns schon verlassen, mein liebes Kind! Haben Sie tausend Dank für Ihren Besuch und — ich werde Sie beim Wort halten wegen des Bazars, hören Sie? Sie müssen mir verkaufen helfen, damit ich recht, recht viel einnehme." Nora lachte melodisch auf, dasselbe Lachen, welches Rudolf gestern im Abenddunkel von ihren Lippen vernommen, und erwiderte kindlich heiter: „Wenn ich nur dazu nicht zu un- geschickt bin, gnädige Fürstin. Ich fürchte, daß ich gar nicht« los werde." „Wenn Sie mir erlauben wollen, gnädiges Fräulein," bemerkte Wildenstein freundlich, sich zum Sprechen zwingend, „Ihnen abzukaufen, so bitte ich, für mich hundert Mark zu notiren." „Ah, sehen Sie, Kleine, bei den Herren werden Sie Ihr Glück schon machen," lachte die Fürstin mit einem fatalen Gesichtsausdruck, aber Nora blickte herzlich dankend in das ernste gebräunte Männerantlitz auf, das sich zu ihr gewandt. „Ich danke Ihnen, Herr Graf, und halte Sie beim Wort; unter all den Fremden habe ich denn doch schon wenigstens einen Bekannten." „O, der Graf ist ein großer Bewunderer Ihres Talentes," bemerkte die Fürstin etwas boshaft, „ich sah, wie er gestern kein Auge von der schönen „Jungfrau" verwandte." „Ich fürchte, Durchlaucht," sagte jetzt Wildenstein und erhob sich unmuthig, „auch meine Zeit ist abgelaufen, und ich muß mich gleichfalls empfehlen." „Ah, der galante Cavalier," neckte sie, ihre Gereiztheit ziemlich schlecht verbergend, „Sie wollen da» Fräulein Heimbegleiten?" „Leider kann ich mir nicht die Ehre nehmen," erwiderte Wildenstein förmlich, „denn ich habe noch Geschäfte vor; im Uebrigen könnte sich wohl jede junge Dame in den Schutz eine» solchen alten Mannes, wie ich, begeben." Al» die Thür des Salon» sich hinter beiden geschloffen 187 hatte, ballte Fürstin Melanie zornig die Faust. „Er will sich doch wohl den Stetten» wieder nähern, sich versöhnen, um dann sein Geld der Kleinen zu hinterlassen- Aber da muß ich dagegen intriguiren mit allen Mitteln. Halt, ich lasse den Vetter Gregor Porscu kommen, der kann die schöne Nora heirathen, denn ihr Vater ist ja auch reich und Neffe Gregor braucht viel Geld. Ja, ja, der Gedanke ist gut; ich will ihm schreiben und zugleich 500 Mark Reisegeld senden, damit er ohne Verzug hierher kommt. Ich weiß doch ganz genau, daß Therese von Wildenstein damals den schönen Sänger heirathete, trotzdem Niemand je ein Wort davon erwähnte. Warten Sie mir, Graf Rudolf, ich spiele von nun an ein doppeltes Spiel!" Schweigend schritten inzwischen Wildenstein und das junge Mädchen die breiten teppichbrlegten Treppen hinab, unten an der Hausthür blieb er stehen und sagte bewegt: „Gnädiges Fräulein, Sie werden es einem älteren Manne nicht übel nehmen, wenn er Ihnen schlicht und ehrlich die Hand zum Danke reicht für den wundervollen Genuß, den Sie ihm gestern Abend bereitet. Diese poetische Jungfrau wird mir nie aus dem Gedächtniß schwinden." Sie wurde glühend roth und legte befangen die kleine Hand in die seine, ihr entgegengestreckte. „Herr Graf, Sie machen mich sehr glücklich durch Ihre Worte, denn e» ist des Künstlers größte Gsnugthuung und sein edelster Stolz, verstanden zu werden." Eine Weile hielt er traumverloren die schlanken Finger und blickte in die schönen, dunklen Augen, die sie zu ihm aufschlug. „Sie haben Ihres Vaters Augen geerbt," sagte er dann gepreßt, „Ihre Mutter hatte dunkelblaue Sterne." „So haben Sie Mama gekannt, Graf Wildenstein?" rief Nora überrascht. „Weshalb sagten Sie das nicht eher? Nun sind Sie mir erst doppelt lieb und bekannt als ein alter Freund der lieben Tobten." „Ich kannte sie sehr gut - und ich liebte sie immer — bis auf den heutigen Tag," stöhnte Rudolf, die Hand vor die Augen legend, „aber still davon, Fräulein Norv. Wenn wir uns wiedersehen, sollen Sie mir von ihr erzäRen. Für heute - leben Sie wohl und - und bleiben Sie mir freundlich gesinnt." Ehe sie es ahnen oder hindern konnte, hatte er ihre Hand geküßt, dann öffnete er hastig die Thür und ließ das erschrockene Mädchen an sich vorüber schlüpfen. Ein Herr stand wartend am Wege und als er sich umwandte, rief Nora, sichtbar erleichtert und erfreut: „Onkel Hohenthal! Wie schön und lieb von Dir, daß Du mich abholst." „Ich wußte, daß Du bet Deiner rumänischen Verehrerin seist und erwartete Dich hier," lächelte der Baron, dann aber wandte er sich zu Wildenstein: „Rudolf, bist Du es denn wirtlich t „Gewiß, Hohenthal," entgegnete dieser hastig, „ich - ich traf — das Fräulein oben bei der Fürstin —" Es klang fast wie eine Entschuldigung, und Nora, welche nun wieder alle Unbefangenheit zurückerlangt, lachte heiter: „Nun habe ich Deinen Freund, Graf Wildenstein, auch kennen “Ä S 4"V* * ”°" $lr "«« - °b-- . "Nun aber komm' nach Hause, Kind," mahnte der Baron, %nA ULrhrlu'?4er^a-eirtiU9^ett' und bot ihr den Arm, „Mpa wird mit dem Esten warten." „Auf Wiedersehen, Eduard," sagte Wildenstein des Freundes Absicht verstehend, „ich empfehle mich, mein gnädiges Fräulein, und hoffe, Sie beim Bazar der Fürstin "wieder- „Leben Sie wohl, Herr Graf," antwortete Nora und eiaeu?» e.r,ttfie8 Antlitz sah, welche« mit einem so Nurdruck ihr zugewandt war, da streckte sie ihm in sehe^Herr^ Grast""" f(eitte 6attb "Auf Wieder- n. des erstaunten Blickes des Barons küßte Wilden- sich tief und ^gingE" 8fPpeM ^orae Ha"d, dann verneigte er Hohenthal hatte gestutzt, sein Herz schlug höher. War war das? Dieser Handkuß konnte doch nicht der Nichte gelten, dazu war er zu ehrerbietig und — feurig gewesen und der Blick, welcher auf Nora geruht, erschien ihm ebenso räthsel- haft. Sollte die Nemesis für Rudolf beginnen, indem sie sein Herz erweckte? Sollte auch er mit dem Fleck auf dem Wappenschilds kämpfen müffen; aber nein, es war ja unmöglich, wie kam ihm der tolle Gedanke. „Onkel," begann Nora, als sie eine Weile nachdenklich neben ihm hergegangen, „wußtest Du, daß Graf Wildenstein Mama kannte?" „Ja," entgegnete er gepreßt, „ich erinnere mich wohl. Aber — es ist lange her und Wildenstein ein adelsstolzer Character." „Er sieht so schwermüthig aus." „Die Einsamkeit lastet auf ihm, Kind; es ist gar nicht leicht, ein alter Junggeselle zu werden, ich habe es gelernt, er nicht." „Aber er ist doch nicht alt? Er hat nur wenig graue Haare." „Ich bin freilich zehn Jahre älter, doch im Herzen vielleicht jünger, als Rudolf Wtldenstein." „Onkel Eduard, ich habe schon oft darüber nachgedacht, weshalb Du nicht heirathetest." „Weil sie, die ich geliebt — einen Anderen wählte und ich doch ihr Bild nicht au« meiner Seele bannen konnte. — Sieh', Kind, wenn die rechte Liebe in das Menschenherz einzieht, dann hat es Gott gesegnet, daß er nur dies eine Mal so empfinden, so schluchzen und klagen kann. Und — geht dann auch wirklich die Sonne unter, so wird das Herz nie wieder ganz einsam und ganz öde, denn es hat wenigsten» einen Strahl des Höchsten, Köstlichen genossen, was es im Himmel und auf Erden gibt. Und ich — gehöre zu jenen Glücklichen, die von Herzen geliebt haben." „Armer Onkel! Aber ist er denn möglich, daß eine Frau Dich um eines Anderen willen verschmähen konnte? O, ich möchte ihr zürnen, Dein treues Herz verschmäht zu haben!" „Still, Nora, rühre nicht an alten Wunden — es war Deine Mutter, die ich so unsäglich liebte." Ein Laut der Ueberraschung, de« Mitleides entrang sich den Lippen des Mädchens, dann aber schmiegte sie sich noch zärtlicher an den starken Mann an und flüsterte: „Mein armer Onkel! Und doch bist Du ein so treuer Freund für beide Eltern geblieben?" „Ja, meine Nora! Ich liebte sie eben mehr als mein eigen Glück — deshalb gab ich sie frei. Doch wozu diese Geschichten! Ich meine nur, wenn Rudolf Wildenstein solche Erinnerung wie ich im Herzen trüge, dann könnte er nicht unglücklich und einsam sein. Aber hier bist Du ja zu Hause, Kind, grüße den Papa und auf Wiedersehen heute Abend." Schr nachdenklich und bewegt stieg da« schöne Mädchen die Treppe hinan; sie hatte einen tiefen Blick in ein edle« Männerherz gethan und dar nicht allein — auch der ernste, schwermüthige Graf, sein Handkuß und seine warmen Worte gaben ihr zu überlegen. „Rudolf heißt er," murmelte sie vor sich hin, „ein schöner, feudaler Name, stolz wie Derjenige, welcher ihn trägt." „Nun, mein Liebling, Du kommst spät," lächelte zur Stetten, al« seine Tochter eintrat und ihm zärtlich die Stirn zum Kusse bot, „wo warst Du wohl heute Vormittag?" „Bei der Fürstin Porscu, Papa," berichtete Nora, da« kleine Sammetmützchen von den blonden Flechten nehmend, „und dann traf ich Onkel Hohenthal, der mich bi« hierher brachte." „Der gute Baron! Er ist rührend für Dich besorgt, fast als sei er Dein zweiter Vater; mitunter könnte ich beinahe eifersüchtig sein." „Die Fürstin hat mich zur Mitwirkung bei einem Bazar aufgefordert," erzählte das junge Mädchen weiter, „ich soll irgend etwas verkaufen und sehr viel Geld einnehmen. Aber weißt Du, Papa, daß mir diese rumänische Durchlaucht eigentlich gar nicht gefällt?" - 188 VermEehtes Genreinnütziger „Haha, mir hat ste nie gefallen. Ich lernte ste einst I auf einen Eimer kalte» Wasser, läßt da» vollkommen sauber kennen — doch btt» gehört nicht hierher; genug, ste hat sehr I gewaschene und gut gespülte Zeug darin stehen und spült es unglücklich mit ihrem Manne gelebt und genießt nun nach I dann in klarem Wasser nochmal» nach. Die Wäsche bleibt seinem Tode auf eine Weise da» Leben, daß ste wohl noch t oder wird bei diesem Verfahren auch ohne Luftbleiche oder vor ihrem Ableben mit den geerbten Reichthümern fertig sein I Lufttrocknung blendend weiß. wird." I * * * „Sie fragte mich unendlich au» über Dich, unser Leben, I Beim Waschen von Waschkleidern mit steisem über Mama und deren Mädchennamen —" | Stehkragen begegnet man stet» der Unannehmlichkeit, daß „Und was sagtest Du auf diese Fragen?" forschte zur i die eingelegte Steifleinwand oder Gaze weich wird und zu- Stetten, welchem die Stirnaber bebenklich schwoll. I sammenschrumpft, so daß man genöthigt ist, den Stehkragen „Ich wußte den Namen nicht, Papa," gab ste erstaunt I zu erneuern. Diesem Uebelstande beugt man dadurch am zurück, „Du hast ihn mir nie gesagt." I Besten vor, daß man den Kragen mit großen Heftstichen „Es ist gut, Nora," brach er ab, „lege Deine Sachen j mehrere Male durchnäht, so daß sich die Einlage nicht ver- ab und komm' zum Essen. Der Theaterbote hat auch einen I schieben kann. Der Kragen bleibt dann glatt und die Heft- Brief für Dich gebracht." (Fortsetzung folgt.) I fäden werden nach dem Plätten herausgezogen. «ebectien: X. Ech-yba. — Druck utib «erlag der Brühl'schm UaiverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in 0i4«. Neber die Behandlung der Wäsche. Die Rei- Woher stammt das Wort Blouse Diese nigung des Weißzeugs erfordert Sorgfalt und macht viel i unsere Damenwelt interessirende Frage wird von Etymologen Mühe; ob ste mit oder ohne Anwendung von Maschinen vor dahin beantwortet: Die Umgegend der Stadt Pelusium in stch geht, ob die Sachen ein- oder zweimal gekocht werden I Unteregypten gehörte zu denjenigen Landstrichen, in welchen oder nicht, stet» muß die Wäsche gerieben werden, sonst wird der Anbau von Indigo und die Herstellung der damit blau- ste nicht recht sauber. Das bestätigen die meisten Haus- I gefärbten Gewänder einen Hauptgegenstand der Industrie flauen. Die ganze Wäsche aus dem Haus zu geben, dazu ! bildete. Als im Mittelalter die Kreuzfahrer die egyptlfche kann sich nicht jede verstehen, nicht allein des Kostenpunktes Küste berührten, erstanden sie bet ihrer Landung im Hafen halber, denn der Unterschied mag wohl so groß nicht sein, I von Pelusium, in der Nähe des heutigen Port Said, jene wohl aber weil man die Anwendung , scharfer Mittel von I blauen Gewänder, welche ste über ihre Rüstung warfen. Seiten der Wäscherinnen fürchtet. Chlor ist dasjenige, wo- Man nannte ste „Pelusia", nach dem Namen des Or es, mit heutzutage die Weißzeuge verdorben werden. Will man I und der hat stch bis auf oie heutigen Tage in dem wohlbe« es durchaus gebrauchen, so kaufe man es filtrirl in den I kannten französischen Worte „blouse“ fortgepflanzt. Drogenhandlungen oder stelle es selbst auf die folgende Art I ,, „ . £ , her. Man löst für 10 Pfg. Chlorkalk in einem Liter heißen I Echt sächsisch. Dienstmädchen: „Ist kem Brief da Wassers gut auf, so, daß stch, wenn die Flüsstgkeit länger I für Herrn Wedemann?^- Postbeamter (Sachse): „Erlauben gestanden hat, kein Bodensatz mehr bildet. Dann filtrirt man Se 'mal, mein kuteste» Thierchen, sind Sie Herr Wedemann? die Flüsstgkeit oder seiht sie durch ein lochfreies Läppchen, - Dienstmädchen: „Ach nee I" - Postbeamter: „Nu, üben, füllt sie in eine Flasche, die man, gut verkorkt, an einem I da missen Se eene Audorisation von Herrn Wedemann bringen ganz dunklen Orte ausbewahrt. Ist die Wäsche soweit fertig, - eija!« - (Eine halbe Stunde später) - Dienstmädchen: daß es nur des Abspülens bedarf, so gibt man 2 Eßlöffel I „Hier ist die Ordre von Herrn Wedemann!' — Postbeamter voll Chlorwasser in ein mit Wasser gefülltes mittelgroßes (dasSchriftstück übersehend): „Sähn Se, Schätzchen, nu sind Kübel oder Faß, bringt die Wäsche hinein und läßt sie mehrere wir in Ordnung.« - Dienstmädchen: „Darf ich nun um Stunden stehen. Auch für das Kochen der Wäsche können I den Brief bitten?« - Postbeamter: „Eija - gewiß, gewiß wir un» nicht begeistern, denn es will uns nicht einleuchten, liebes Kind, mit Vergniechen, aber es dhut mir leid, es ,st daß den Leinen- wie auch den Baumwollfäden das Kochen I Sie augenblicklich keener da - nu äben!" zuträglich sein könnte. Wir wollen aber nicht bestreiten, daß * • * darüber die Ansichten getheilt sind. Nach unfern Erfahrungen I Große» Glück. „Ich hatte heute großes Glück. — ist folgende Art zu waschen sehr empfehlenswerth: Die zu „In wiefern denn?" — „Ich ging zum Wettrennen und reinigenden Sachen werden möglichst glatt gefaltet und dicht hatte all' mein Geld zu Hause in meinen anderen Bein- zusammen in das Waschfaß gelegt. Die seinen Zeuge kommen ! kleid er n!" natürlich nach oben hin zu liegen. Nun quirlt man auf I * , einen ziemlich großen Eimer Wasser ll2 Pfund Schmierseife, Darum. Herr: „Na, Fritzchen, bei Euch ist \a heute gibt 2 Eßlöffel Salmiakgeist und 1 Eßlöffel Terpentinöl hinein Kindtaufe und Du machst gar kein vergnügtes Gesicht.« - und schüttet das Ganze möglichst warm mit einem kleinern | Fritzchen: „Ach was, das kommt bei un» öfter« Gefäß über da» Weißzeug, so daß die» von allen Seiten «vor!« recht durchnäßt wird. Auf gleiche Weise verfahre man mit | • einem zweiten und dritten Eimer Wasser, je nach Bedarf, I Zuvorkommend. Durchgebranntrr Kasstrer (durch und spare dabei weder an Seife, noch an anderen Zuthaten. I Postkarte an seine Braut): „Theure Josephine, sei gefaßt, In dieser Lauge nun läßt man die Wäsche bis zum andern I ich bin es bereits seit heute Vormittag 10V2 Uhr. Dem Tage stehen; man kann sie alsdann kalt waschen oder etwas I Franz.« heißes Wasser hinzugießen. Man wird finden, daß der Schmutz I * * * , , sich jetzt leicht von den Sachen beseitigen läßt. Zur zweiten I Verkannte Versenkung. Bäuerin (als ein Schau« Lauge bedarf es nur wenig Seife. D. H. I fpieler in der Versenkung verschwindet): „Da, wo is der • e • I hin?" — Bauer: „Dumme Frag'! Der hat Durst 'kriegt! Ein ganz vorzügliches Bkeichwafser, welches die I In den Keller 'nunter!" Wäsche durchaus nicht angreift, ist folgendes: Für 20 Pfg. I * • * < Chlor und für 20 Pfg. Glaubersalz, dazu sechs Liter kochen» I An den Niagara-Fällen. Fremder: „Es ist doch des Regenwaffer. Man lasse die Mischung einige Tage stehen-I eigentlich jammerschade, daß das Wasser hier so zwecklos Hierauf wird das nunmehr fertige Bletchwaffer in Flaschen i verrinnt!" — Hotelier: „Sie sind wohl Electriker? — gefüllt. Beim Gebrauch rechnet man eine große Taffe davon 1 Fremder: „Nee — Milchmann !"