Nr. 150 LonvelsmAdek 19. Decemder 1895 ünrilisMädsr i» ijö tr,]E? Sm &*5»jri ü!»r<3rJ.\! zum Gießener Anzeiger (General Anzeiger) Im Himmel. Novelle von Konrad Telmann. (Schluß.) „Aber seien Sie doch vernünftig," sagte die Dame und wie« auf den Flachrhaarigen vor ihnen, dessen bewegliche Ohren auf und nieder zuckten, weil die letzten Worte schon nicht mehr vom Rädergeraffel betäubt wurden. „So geben Sie mir endlich eine Antwort! Sagen Sie mir, ob ich nicht« zu hoffen habe, — wirklich gar nichts, — Ffet nicht und nie. Aber kommen Sie mir nicht wieder mit Ihrem „Es geht nicht". So mysteriös laß ich mich nicht abspeisen. Warum geht es nicht? Können Sie stch's denn gar nicht denken, daß Sie mich einmal liebgewinnen werden? Oder find Sie anderweitig gebunden? Sagen Sie mir das endlich! Machen Sie mich nicht ganz wahnstnnig. Dieser infame Hochtraber läuft so perfid rasch, daß wir in fünf Minuten am Bahnhof find — es ist zum Verzweifeln." „Wir kämen auch sonst nicht mehr mit," sagte ste, auf d e Uhr blickend, „und im Uebrigen: nein, gebunden bin ich nicht anderweitig, aber Sie werden gleich selber sehen, daß er wirklich „nicht geht", selbst wenn ich meinerseits — wenn Sie mir versprechen, hübsch artig zu sein und nicht mit mir zu fahren, werde ich Ihnen im Augenblick meiner Abfahrt sagen, warum er nicht geht." Darauf wollte er sich aber nicht einlaffen- „Da steckt irgend eine Spitzbüberei dahinter," erklärte er. „Ich kann das nur versprechen unter dem Vorbehalt, daß ich dann selber finden werde, es gehe nicht. Sonst — nein, so laß ich mich nicht fangen. Ohne Ihren Namen, ohne Ihren Aufenthalt zu kennen, soll ich Sie wohl mir vor der Nase davonfahren lassen? Nein, so haben wir nicht gewettet. Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!" „Hühl Hott!" machte der Flachrhaarlge jetzt plötzlich miter Zungenschnalzen und Peitschenknallen. „Ick glöw, dor kümmt de Jsenbohn schon, Herr. Nu aber man tau, Voß!" In der Thal verkündeten schrillende Dampfpfiffe und Sigualgeläut, die über den jetzt in der heißen Mittagssonne brütenden Platz hallten, die Ankunft eines Zuges an der Station, der Fuchs spitzte die Ohren und sauste mit lang ausholenden Schritten dahin, während die beiden Fahrgäste Mühe hatten, in dem holpernden Wage« sich fest zu halten, um nicht hinausgeschleudert zu werden. Wieder die Signal - SlockeiUnd dazu ein verworrenes Geräusch und Getöse, ein Zischen und Knarren, ein Rufen und Lärmen, von allen Seiten hastende Menschen in grauen Staubmänteln und Reisemützen, die heraus und herein drängten und sich rücksichtslos dabei mit ihren Handtaschen und Schirmpacketen stoßen und belästigen. Die fieberhafte Bahnhofs-Unruhe wirkte wie immer ansteckend. Auch die beiden Wagen-Jnfaffen waren nervös geworden. Der Fuchs war kaum vor dem Bahnhofsportal zum Stehen gekommen, als Eugen auch schon mit einem mächtigen Satz über den Wagenrand zu Boden sprang. „Wohin fahren Sie? Ich will mir ein Billet holen!" rief er die junge Dame an, während er hastig dem Flach«, haarigen, der vergnügt grinste, den Fuhrlohn in die breite, braune Faust drückte. „Schnell — schnell!" Er half ihr nicht einmal aussteigen, er war schon mit einem Fuße auf der Treppe. „Nach Altstädt." Sie zeigte ein klein wenig ihre weißen Zähne. Eine Secunde lang stutzte er. Wollte ste ihn näsführen? Aber zum Bestnnen war keine Zeit mehr. Ganz deutlich hallte jetzt das zweite Glockenzeichen mitten durch das wirre Bahnhofsgetöse. Eugen stürzte davon- „Ich werde für alle Fälle ein Billet bis Horst nehmen," dachte er. Dabei fiel ihm fiedend heiß ein, daß er eben dar Mädchen in der unritterlichsten Weise von der Welt im Stiche gelassen hatte, daß fie gar nicht aus dem vermaledeiten Wagen allein würde herunter können! Aber um so besser wenn ste zu spät kam, - e« wäre eigentlich die günstigste Lösung gewesen. Der Billetschalter war bereits geschloffen. Mit einer Verwünschung jagte Eugen dem Perron zu. Er würde also ohne Billet mitfahren, Strafe bezahlen, — was lag daran? Dort drüben stand der Zug. Die Schaffner schlugen gerade die Coupeethüren zu, der Bahnhofsportter stand schon mit dem Klöppel in der Hand neben der Signalglocke, der Zugführer die Pfeife am Munde, neben der Maschine. „Halt! Halt!" Die Beamte« sahen den Herankeuchenden - 688 „Er komm! iretwiutg wieuet f aff al Da steht er ja am offenen Eoupeefenster und winkt mit der Hand - alle Wetter, wie vergnügt er aurfieht! ■ CtfiaUn@r kommt freiwillig wieder zurück, — dieser Tausend« Sie ja, - machen Sie er kurz! Machen Sie er gnädig! Gleich die zweite Station ist Altstädt. Wir haben gar nicht viel Zeit. Und wenn Sie mich wollen als armen Referendar, der Storkow entsagungsvoll einem seiner anderen Vettern überläßt — wir können ja warten, bi» ich einmal Amtsrichter oder Rechtsanwalt bin und bis dahin hilft uns Onkel Elimar schon - Fräulein Sude 1 Ich habe Ihnen schon einmal eine völlig confuse Liebeserklärung gemacht, - wie oft soll ich sie Ihnen denn noch machen? Daß man sich so rasch verlieben könnte und daß die« den ganzen Menschen dann so um und um wenden könnte, hab ich ja nicht geahnt. Aber daß wir Zwei zusammenkommen sollten, das stand doch nun wahrhaftig in den Sternen geschrieben. Und also — nicht wahr? Es Öe$t?ißenn Sie meinen, daß er geht- aber Ein, muß ich erst noch beschwören: Ich habe wirklich nicht gewußt, weshalb mein Onkel mich kommen ließ 1" — „Und ich bin wirklich kein Gänschen vom Lande," er. gänzte er mit glückseligem Lachen, „beschwör das> doch auch, Lucie l Gott im Himmel, wie ich Dich liebe, Mädchen! Und er drückte sie an sich- Weiter und weiter rollte der Zug. — — Auf dem Bahnhof von Altstädt standen, den Zug erwar. tend, zwei alte Herren in leise geführtem trüben Gespräch bei einander, wiegten die Köpfe und murmelten hm und wieder: „Schade, schade!" * „Und sie muß ein auffallend hübsches Mädchen sein, sagte Pastor Riemer. „Wie sie sich nun wohl bei mir lang, weilen wird, lieber Herr Helmstädt!" _ , Der Zug lief ein- Da stieß der Gutsherr von Storkow plötzlich einen Freudenschrei au». „War ist denn, alter Freund? fragte der Pastor Ma? Mt? denn? Wa» soll denn da, heißen? Au«. ^er Onkel,'" es war doch natürlich, daß ich meine Braut von Woldenberg abholen mußte." ZEhu'zch hat' dir Ehre, »eDjrhIemU - 3M« M S«t Wr, - tn »«ne: «a> ,uHeltaH wbetl aUen 5,trtn sich Iprachl», ««. 4a Onkel, Ehen «erden immer nur im Himmel geschlossen Merke Dir'«! Und zur Strafe dafür, daß Du e« vergaßest, mußt Du nun sofort diesem kSnigltchpreubtschen Eifenbahnbeamten hier eine namhafte Summe bezahlen,^ um mich auszulösen. Und dann kannst Du mir gratultren. „Ja — zu meinem Onkel, dem Pastor Riemer dort!" Ein zischender Dampfgesprühe in der Loeomotive, ein knarrende« Rucken der eisernen Räder. ,, , „Nicht öffnen," schreit der Schaffner, der wüthend herbei, läuft. „Was fällt Ihnen denn ein? Sind Sie nicht bei Sinnen? Wir fahren ja schon! Es ist zu spät! Aber Eugen hat die Thür geöffnet, er ist eingestiegen. Wie in halber Ohnmacht fällt er auf den Sitz nieder, d e Thür donnert hinter ihm zu, der Zug schnaubt, rollt, raffelt davon. In der nächsten Secunde zeigt sich das bärtige, wuthverzerrte Gesicht de« Schaffner« im offenen Fester. „Wissen Sie, daß ich jetzt den Zug sofort halten lassen und Sie wieder heraurbesördern kann, Herr? schreit er vom Trittbrett herein. „Wenn wir blo« nicht fowieso fchon Verspätung hätten! Aber Strafe soll Ihnen das kosten, das ver- spreche ich Ihnen, und gehörige Strafe! So was ist ia noch gar nicht dagewefen. So'n Leichtsinn! Auf» Haar wärs Ihnen an'» Leben gegangen." Und er notirte den Vorfall. „Mär' unter Umständen auch noch nicht das Schlimmste, sagte Eugen mit dem ganzen Phlegma des Galgenhumors, das ihn jetzt befallen hatte. m ,, Der Schaffner fah ihn mit einem schrägen Verachtung«, blicke an. „Ihr Btllet!" donnerte er dann. „Hab' ich nicht!" „Auch da« noch! Ra, das kann Ihnen ja nett theuer zu stehen kommen, Herr." Und er notirte «eiter. „Sie fahren - bi« -?" „Altstädt." „ r t _ s. Der bärtige Kopf verfchwand. Eugen sah sich um. Er «ar mit seiner Unbekannten allein tot Coupee. In der nächsten Secunde lag er ihr zu Füßen, «ährend sie sich, ausgelassen lachend, hintenüber warf. „Ich liebe Siel Ich liebe Sie! „Die Landpomeranze? Da« dumme Gänschen mit den derben Lederschuhen und —" , , c,- „Hören Sie auf!" flehte er mit gefaltetenHänden.„Jch liebe Sie! Sie müssen mein werden — oder fagen Sie mir jetzt, warum es nicht geht!" „Aber Sie sind ja vor mir geflüchtet, — Sie «ollen ja um keinen Preis — ich bin's ja, die Ihnen Ihr Onkel im Eomplott mit dem meinigen zugedacht hatte und dte letzt Ich weiß ja — ich weiß Alles. Aber nicht vor Ihnen bin ich geflüchtet, sondern vor einem Zerrbild meiner Pham taste. Und nur aufgezwungen wollt ich Sie nicht, jetzt hab' ich Sie in freier Wahl erkoren. Rur im Himmel sollte meine Ehe geschloffen werden und jetzt wtrd sie tot Himmel geschloffen sein. Fräulein Lueie, — nicht wahr, so heißen nun und winkten ihm unwillig mit der-and. stch zu bellen. Aber wo jetzt Die finden, die er suchte? Seine Augen glitten wie verzweifelt an allen Eoupeefenster« entlang. War sie überhaupt nicht im Zuge? Wollte fie sich vor ihm verstecken? Eine wilde Angst, eine rasende Wuth packten ihn. Sie zetzt uud so sür immer verlieren — unmöglich I Aber jetzt war keine Zeit mehr zum Suchen und Ueberlegen. „Einsteigen! Einsteigen! Machen Sie doch l Wir fahren! schrieen die Schaffner ihn an. Rur noch einer hielt ihm eine Eoupeethür offen. Schon wollte Eugen, da eben letzt das dritte Glockenzeichen gegeben wurde und die Pfeife des Lokomotivführers schrillte, hinaussprtngen, um nur wenigstens mitzukommen, als er plötzlich das Gesicht Derer, die er suchte, ein paar Schritts weiter recht» sich aus einem Eoupeefenster lehnen ^fah. $anlI @ott Dank!" Mit einem Fluch schlug der Schaffner die Eoupeethür zu und Eugen stürzte «eiter. Schon hielt er den Messing, griff der Eoupeethür in der Hand, über der die blonde Um bekannte abwinkend und kopfschüttelnd auf thn niederblickte, schon hob er mit der anderen den Riegel, da rief sie herab. „Aber Sie können ja nicht mit — bleiben Sie doch! Lassen Eie doch! Ich reise nach Storkow!" „Rach Storkow?" Seine Hände regten sich nicht mehr, er sah wie versteinert, wie völlig verständnißlos, wie halb Weihnachts-Erzählung von W. Hogarth. (Schluß.) Die Kinder waren zu Bett gebracht, und Fräulein Werner hörte, daß die Gäste fich verabschiedeten. Sie wollte fich deßhalb nach den Gesellschaftsräumen zurück begeben, um dort noch aufräumen zu helfen. Ehe sie aber wieder in den Salon eintrat, blieb fie einige Augenblicke an einem der hohen Vorsaalfenster stehen. Sie blickte hinauf zum gestirnten Himmel. Wie dieser heute Abend glänzte undtonkeltein wunderbarer Schönheit, viel schöner als die herrlichsten Christ bäume hinieden. Glück sollte sie von Gott für ihn ersten, und bei diesem Gedanken faltete sie die Lände zum Gebet^ Mit einem Wonnegefühle tot Herzen schritt fiedan weiter. Da klang plötzlich ein schrecklicher Ton an ihr Oh und erschrocken blieb fie stehen. Aufs Neue erklang bat Stöhnen und Röcheln wie von einem Menschen, der mit dem - SW - Tode ringt. Sie eilte einig« Schritte vorwärts. Au« bett Zimmern der Herrn Commerzienrath« klang der furchtbare Ton. Sollte sie eintreten? Sie schwankte, allein hier galt kein Zauvern. Einen Augenblick stand fie zögernd, die Hand auf dem Schloß, dann trat fie aber ein. Ein furchtbarer Anblick bot fich ihr. Im Sopha lehnte ohnmächtig der Commerzienrath. Einer Wunde am Arm enströmte da« Blut und ein am Boden liegendes blutige« Mester verrieth, woher die schreckliche Wunde stammte. Möglichst schnell unterband Maria den Arm, stemmte ihn, mit Mühe eine Befestigung suchend, in die Höhe und eilte, um möglichst schnell Helfe zu schaffen. Doctor Kronberg, der al« letzter Gast im Begriff war, fortzugehen, begegnete ihr auf dem Vorsaal. Sie verständigte ihn kurz von dem Vorsall, während er ihr folgte. Bald standen fie vor dem unglückseligen Hausherrn. „äßet hat diesen Nothverband angelegt?" frug der junge Arzt. „Ich selbst, ich verstehe e« nicht bester. In der Angst, da« strömende Blut zu ficken, that ich, was ich konnte." „Sie haben dadurch sein Leben gerettet, er hat sich eine Pulsader durchschnitten. Wollen Sie mir ferner helfen?" „Ja, ich will e« nach meinen Kräften," entgegnete Marie Werner. „Gut, so ist nicht nöthig, das schlimme Erreigniß den Dienstboten preis zu geben. Ich glaube auch nicht, daß meine Tante sich zur Pflegerin eignet." Kurz ertheilte er seine Aufträge, schnell kam sie ihnen nach. Hier war der Neffe nur helfender Arzt, und sein Onkel, der schwer verwundet, den zu retten er alle Kraft und alles Misten aufbot. Der Schritt der Frau Commerzienrath erklang bald darauf im Nebenzimmer. Unbefangen trat sie ein und stieß einen gellenden Schrei aus, al« sie das Unglück sah. Von den mahnenden Worten de« Neffen ließ fie sich aber beruhigen und blieb bei jdem verwundeten Gatten. Marie ging nun selbst nach der nahen Apotheke, nachdem alle Leute im Hause zur Ruhe gegangen, um Arznei zu holen. Dann beseitigte fie die Blutspuren im Zimmer und machte naffe, kühlende Umschläge um die Stirn de« Verwundeten, welche bald im Fieber glühte. Entsetzlich tönten die wirren Reden de» Commerzienrath« in der Stille der Nacht. „Ich bin ein Bettler und Verbrecher, ich habe ihn be# raubt — alle« ist sein — alle«, alle« — er soll wieder fortgehen, weit fort!" Solche und ähnliche Reden erklangen von seinem Munde. Noch keinen Augenblick war er wieder bei klarem Bewußtsein gewesen, auch ahnte er nicht, wer in aufopfernder Menschenliebe dem Tod sein Opfer abzuringen suchte. Mitternacht kam herbei. Die Wethnacht»glocken tönten feierlich durch die Stcke, fie verkündeten allen Menschen die große Freude, die ihnen geworden. Tdränen rangen über Marien« Wangen. „Ruhen Sie ein wenig," flüsterte der Arzt, fie schüttelte aber den Kopf. Alle drei, die Frau Commerzienrath, Doctor Kronberg und Marie Werner setzten ihr Werk fort, bald mußten die Verbände erneuert werden, bald Ei« auf die Stirn gelegt oder beruhigende Tropfen auf de« Verwundeten Lippen gebracht werden. Endlich versank der Verwundete in einen ruhigen Schlummer. Der Frau Commerzienrath, welche «ährend der schrecklichen Scene schließlich in einen Zustand der Ohnmacht ge« funken «ar, flüsterte jetzt der Neffe zu: „Wenn Gott noch «eiter Hilst, so ist der Onkel gerettet!" Weinend schloß die stolze Frau den edlen Neffen und dann die hilfberette Marie in die Arme. Der Hochmuth der Frau Commerzienrath war seit dieser schrecklichen Nacht für immer gebrochen. • Freundlich leuchtete die Sonne am ersten Weihnachtr# feiertag herab auf die schneebedeckte Erde. Rege« Leben herrschte auf bett Straßen. Die Damen freuten sich, bU neuen Festkleider zeigen zu können. Kleine Mädchen trugen stolz ihre Puppen im Arm, den Neid ihrer Freundinnen zu erregen. Aus dem zugefrorenen Fluß tummelte fich eine vergnügte Menge Schlittschuh laufend und Schlitten fahrend. Im Hause de« Commerzienrath« Kronberg herrschte tiefe Ruhe. Man hatte der Dienerschaft mitgetheilt, daß der Hausherr von einem Unwohlsein befallen, das Bett hüten müffe. Die Frau Commerzienrath bemühte fich um ihn, al- getreue Pflegerin, ihrer sonstigen Gewohnheit, Kranken möglichst fern zu bleiben, vollständig entgegen- Nicht Ruhe allein, auch Frieden lag auf dem blaffen, müden Gesicht Kronberg«; eine ernste Aussprache hatte er am Morgen mit seinem Neffen gehabt. E» war eine bittere Demüthigung für den einst so stolzen und harten Mann, al« er Alfred Kronberg da« Geständniß ablegen mußte: „Ich bin ein ungetreuer Hauthalter gewesen. Was Dein Pater vertrauensvoll in meine Hände legte, damit ich es für Dich bewahrte, ich habe es zum großen Theil verloren und vergeudet, ich bin in Deine Hand gegeben." Der Edelmuth des Neffen erleichterte inbeffin die Lage des unglückseligen Bankiers. Gegen das Versprechen, von jetzt ab streng solid und sparsam zu wirthschaften und allen Luxus im Hause sofort zu beseitigen, ließ Doctor Kronberg den größten Theil seine» Kapitals in dem alten renommirten Geschäfte und ließ fich nur zur Sicherung seiner Zukunft eine große Summe auszahlen. Der Commerzienrath Kronberg, bei welchem eine vollständige Sinnesoeränderung sich vollzogen hatte und deffen Herz mit unauslöschlicher Dankbarkeit gegen seinen großmüthigen Neffen erfüllt war, konnte trotz aller Erschütterung nach langen Jahren zum ersten Male wieder ein WeihnachtSfest feiern, frei von innerer Angst und peinigenden Selbstankiagen; er fühlte, daß Frieden im Herzen das beste Festgeschenk sei. Auch seiner Gattin ging ein Licht auf, daß fie ein neue» Leben beginnen müffe, vereint faßten fie gute Vorsätze für die Zukunft und führten sie au» Nur auf dringende» Zureden ihrer Herrin entschloß sich Marie Werner, einige Stunden da» Hau» zu verlassen und bei den Ihrigen Weihnachten zu feiern. Längst hatte der helle Sonnenschein der Dunkelheit Platz gemacht, al» sie sich fröhlichen Herzen» auf den Weg begab- Es lagen schwere Stunden hinter Marien. Zum ersten Mal halte sie an dem Lager eine« Leidenden gestanden, bei welchem e« fich um Leben und Tod handelte, denn ihr war ein Theil der Pflege anvertraut. Füdlte fie sich so beglückt, i daß Kronberg« Rettung gelungen oder dachte sie eine» Andern, welcher fie ebenfalls seine Retterin nannte? Plötzlich vernahm Marie Alfred Kronberg» Stimme an ihrer Sette. „Darf ich ein Stück Wege» mit Ihnen gehen?" ftug er höflltch Da sie nicht« entgegnete, fuhr er fort: „Ich hörte von : Ihrem Ausgang, eine geraume Weile schon gehe ich hier auf und ab, ich sehnte mich danach, mit Ihnen ein Wort zu sprechen. Doch wie ich sehe, bin ich wohl unwillkommen und ich hatte mich doch so sehr darauf gefreut." Eine leise Bewegung ihre« Haupte« genügte ihm, seinen Jrrthum zu erkennen, denn nur jungfräuliche Befangenheit war e» gewesen, die Marie nicht gleich da» rechte Wort finden ließ. „Heimweh, Sehnsucht nach einem deutschen Christbaum zog mich hier her," sagte jetzt Doctor Kronberg. „Hier erst fühlte ich gestern noch klar, daß mir die Heimath nicht« bot. Meine Verwandten vermochten ihr Entsetzen nicht zu be* meistern. Wäre es nicht besser für mich gewesen, im fernen Ungarn zu bleiben, wo schon einige dankbare Seelen, denen ich in Krankheit und Schmerzen beigestanden, mein Fortgehen beklagten? So dachte ich gestern Abend mit einem Herzen voll Bitterkeit. Ich blicke mich um im Hause und an der ' Tafelrunde; unter all' den fremden Gefichtern sah ich das 600 6tae, welche- »ich begleitet, getröstet, gewarnt hatte, wenn ich in Gefahr war, mich selbst zu verlieren. Sofort erkannte ich Sie wieder Da» Schicksal führte uns dann zusammen zu ernster Rettungsarbeit. Manches andere Mädchen an Ihrer Stelle wäre wohl entsetzt zurückgewichen vor dem Anblick de« Blutenden. Sie wurden seine Retterin! Tapfer kämpften Sie mit dem Tod um seine Beute und blieben Siegerin! Ihr starke«, muthige« Herz, Ihr zarter Mitleid erfüllte« mich mit Bewunderung, und," fügte er zagend hin» zu, .mit tiefer, inniger Liebe. Marie, spricht nicht» in Ihrem Herzen für mich? Sie meinen vielleicht, wir wären un« noch zu fremd, aber find wir un« denn nicht nahe getreten in den schweren Stunden?" Da blickte fie auf zu ihm beim Sternenscheine, ihre großen blauen Augen leuchteten und fie sagte herzlich: „Hier meine Hand, Herr Doetor, fie gehört Ihnen, sowie mein Herz Ihnen gehört!" „Marie, meine Geliebte! Ich habe da« Glück gefunden! Darf ich Dich zu Deinen Eltern führen?" rief er jubelnd. „Wir find am Ziel," entgegnete fie. „Hier? An dieser Thür wünschte mir eine freundliche Frau gestern eine recht große Wethnacht«freude; jich glaubte nicht daran, nun ist fie doch so herrlich gekommen!" Sie traten in die gemüthliche Stube ein. Der Bruder Mariens zündete soeben den Ehristbaum an. Voll Erstaunen fanden stch Frau Werner und Kronberg al« Bekannte wieder. „Sie haben mir gestern ein reiche« Glück gewünscht, die Sternschnuppe bestätigte e«, nun komme ich, e« von Ihnen zu erbitten und auch von Ihnen!" rief er in fröhlicher Glück», zuverstcht, fich zu Vater Werner beugend. E» gab gegenseitig viel zu erklären, aber alle erstaunten Fragen lösten fich in schönster Harmonie. Die Mutter hatte den jungen Fremden von der vorzüglichsten Seite kennen ge» lernt, wie sollte fie ihn nicht von ganzem Herzen al« lieben Sohn aufnehmen? Eine« nur trübte die Freude, daß Doctor Kronberg in so großer Entfernung fich sein Heim gegründet hatte. Zwar Marte wäre mit ihm gegangen bi» an'« Ende der Welt, aber die Eltern dachten wehmüthtg an die Trennung von der Tochter. Da blickte der Bräutigam einige Augenblicke stnnend in die lieben, treuherzigen Gestchter ringsum und dann tief er freudig: „Ich wende der Heimath nicht den Rücken, in welcher ich so glücklich geworden bin. Rein, ich bleibe hier. Mit meinem Vermögen erbaue ich eine Krankenanstalt, meine geliebte Frau wird mir treu zur Seite stehen in meinem ernsten Beruf und wird nach de« Tage» Arbeit unser Heim als ein heiterer Sonnenstrahl durchleuchten. Al» die ersten Psteg- linge ziehen die Eltern bei uns ein. Vielleicht hilft Gott, daß ich de» th euren Vaters Leiden heilen oder doch mildern kann. Am Weihnacht-fest soll dann allen meinen Kranken ein Ehristbaum leuchten und soll ihnen eine Erheiterung sein im Leid." I Die Weihnachtsglocken läuteten zum Abendgottesdienst, I die fünf um den Christbaum versammelten Menschen lauschten * still, fie sagten stch: „Auch uns ist das große Gnadengeschenk l zu Theil geworden, auch uns ist der Heiland geboren, wir wollen ihm danken, indem wir unfern Mitmenschen Liebe er# t zeigen, nicht allein zum Weihnachtsfest, sondern durch das ganze Leben." Gemeinnütziges. Für junge Hausfrauen. Alljährlich ziehen Tausende und Abertausende junger, unerfahrener Hausfrauen aus dem elterlichen Haufe hinaus in das eigene, traute Heim und fast eine jede nimmt einen Berather und Führer mit auf den neuen Lebensweg: ein Kochbuch! Da darf es nicht Wunder nehmen, daß die Kochbücher wie die Pilze aus der Erde schießen und daß von Jahr zu Jahr ihre Zahl um ein Bedeutendes wächst. Aber es muß schon etwa« ganz besonders ’ ®ute« und Praktisches sein, um aus der großen Menge hervor- 5 zutreten. Und etwas ganz Besondere« ist die im Berlaje von Friedrich Schirmer, Berlin, Neuenburgerstr. 14 a, in dritter Auflage erschienene „Neueste gute Schnellküche" der Frau v. Sz. Nicht umsonst hat Ihre Majestät Kaiserin Friedrich dem Buche von Anbeginn da« lebhafteste Interesse entgegengebracht. Nicht nur, daß die „Neueste gute Schnell» küche" eine ungeheure Fülle der besten Recepte bringt, e« ist vor allen Dingen da« nach jeder Richtung hin angewandte System de» Sparen» an Material und Zeit in der Küche, die vorzügliche Anleitung und die auf langjähriger, eigener Erfahrung der Verfasserin beruhenden Rathschläge beim Ver# wenden und Verwerthen jede« noch so kleinen Reste«, nm» dem Buche seinen hohen, wirthschaftltchen Werth verleiht. @« ist wirklich ein guter Lehrmeister und treuer Helfer für die junge, lernende Hausfrau und sollte als solcher in keinem Haushalt fehlen. Die „Neueste gute Schnellküche" ist, elegant gebunden, zum Preise von Mk. 5,— durch alle Buchhand» lungen zu beziehen. Literarisches. Weihnachtsspiel«. Bilder aus der deutschen vekchichte zu festlichen Aufführungen für Jung und Alt von vr. Leopold Florian Meißner. Mit.einem Titelbilde von I Benk. — In 12 Heften. — Preis eines jeden einzelnen Heftes resp. Weihnachtsspieles 45 Pfg, des completen Werkes broschirt 4 Mk. 20 Pfg., geb. 5 Mk. Für Mitglieder der Literarischen Gesellschaft 3 Mk. 50 Pfg.. — 1896. Literarische Gesellschaft. Geschäftsleitung M. Breitenstein in Wien, IX/3, Währingerstraße 5. — Mit diesem Werke aus dem Nachlasse des ausgezeichneten Dichters bietet die Literarische Gesellschaft eine ebenso auserlesene wie höchst willkommene Festgabe für Weihnachten und andere Feste dar. Alljährlich, wenn sich die Famllienglieder zu Weihnachten am heimathlichen Herde versammeln, drängt es Jung und Alt, den Gedanken des Festes zum lebendigen Ausdruck zu bringen. Diesem Bestreben verdanken die Weihnachtsspiele ihre Entstehung, welche von jeher und jetzt wieder mit erneuertem Erfolge zur Aufführung kommen. Jedoch bereiteten die bisherigen Weihnachtsspiele mit ihrem exclusiv religiösen Stoffe große Schwierigkeiten. Meißners Weihnachtsspiele überwinden in bewundernswerther Weise diese Schwierigkeit, indem ihr Inhalt weltlich en Stoff mit frommer, idealer Festesstimmung harmonisch vereinigt. Meißners Weihnachtsspiele sind nicht einseitig katholisch oder protestantisch, sondern sind von jenem classischen Humanismus erfüllt, welcher jetzt Gemeingut des gebildeten deutschen Volkes ist. Die Darstellung und Sprache sind dramatisch, von vollendeter poetischer Schönheit, aber dabei von jener köstlichen naiven Einfachheit, welche für jedes Alter paßt. Meißners Weihnachtsspiele eignen sich in ganz besonderem Maße zur Aufführung in Schulen (Gymnasien, Realschulen, Bürgerschulen rc.) und für solche Vereine, welche eine Weihnachts- bescheerung veranstalten. Wie kein anderes Blatt berücksichtigt die neue Monatsschrift: »Wein Han» meine Welt", herausgegeben von Johanna v on Sydow (Verlag von Max Pasch, Berlin SW., Ritterstraße 50) die actuellen Bedürfnisse des Hauses, und angesichts der bevorstehenden Festzeit dürfte das soeben erschienene Decemberheft für jede Hausfrau eine wahre Fundgrube practischer Rathschläge bilden. „Der Einkauf für Küche und Tafel im Dccember", „Winter-Salate" von E. Hannemann, „Allerlei Weihnachtsgebäck" von Marianne Bremer, „Sylvestermahl" von Louise Holle, „Eine feuchtfröhliche Plauderei über den Punsch" behandeln alles Einschlägige in interessanter und practischer Weise und bieten nebenbei eine Fülle von neuen Original-Recepten. Die „Briefe eines Hausfreundes" verbreiten sich über die Art, wie man Kindergeschenke auswählen soll, und „Mädchen-Lectüre" verweist auf die gute alte und neue Literatur, die dem jugendlichen Geschlecht mit größtem Nutzen für dessen moraliiche und geistige Ausbildung in die Hand gegeben werden kann. Eine reizende Plauderei: „Hero und Leander" lehrt die Kunst, das häusliche Glück zu sichern (für Eheleute, junge und alte) und die Fortsetzung der feffelnden Novelle: „Ein Dämon" von Elisabeth Doering sorgt für die Unterhaltung. Nebenbei finden wir noch eine Plauderei über „Händ und Fuß", „Neuheiten für Küche und Haus", „Der Garten im December", Notizblätter für die Hauswirthschaft, Bunte Zeitung. Jeder Hausfrau wird das Heft eine liebe Gabe auf dem Weihnachtstisch sein. Der Preis ist 50 Pfa. oder Mk. 1,50 vierteljährlich. Die Kunst, sich zu kleiden. Die richtige Wienerin besitzt die Gabe, sich elegant und einfach zu kleiden, und der große Erfolg der »Wiener SRofre* beruht darauf, daß sie diese Kunst, sich ohne großen Aufwand practisch und vornehm zu tragen, lehrt und verbreitet. Aber sie lehrt auch die Herstellung des Kleides nach Wiener Art in sehr anschaulichen, mit Zeichnungen versehenen Artikeln und liefert Fachleuten oder Privatpersonen Schnitte nach Maß gratis. Das eben erschienene Heft 6 der „Wiener Mode" überrascht durch einen farbenprächtigen Umschlag, gediegene Winter- und Gesellschafts-Toiletten und enthält künst- lerijch vornehme, dabei sehr einfach auszuführende Handarbeiten. Redaktion: A. Tchetzd». — Druck und ®erlag der Brühl'schen Univerfwtts^Snch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in «ießeir.