MW U ie^ekek'^WsnriliskbKilei' MMerhaltungsblalt pim Gießener Anieiger (General -Anzeiger). ------ ' - l 'Aj-LUi i|ilUiJhLi-i_ili.....—ljiii. L1.IOM (L ......"" Sturmfluth. Roman von Em. Heinrichs. (Fortsetzung.) Elisabeth Ghrhard und Tante Dorothea hatten unter» dessen da» Krankenhaus erreicht und sahen beim Eintreten den dirtgirenden Arzt die breite Treppe herabkommen. „Fräulein Ehrhard senior und junior!" rief er über» rascht. „Was verschafft mir denn hier die Ehre Ihres Be» suche»? Unser Herr Hauptmann ist doch nicht etwa krank?" „Nein, Gott sei Dank, er ist ganz wohl, uns führt ein anderer Grund zu Ihnen, Herr Sanitätsrath!" versetzte Tante Dorothea. „Haben Sie einige Minuten für uns übrig?" „Gewiß, ich bitte Sie, mir in mein Zimmer zu folgen, meine Damen!" Der alte Herr stieg bei diesen Worten die Treppe wieder hinauf und öffnete eine Thür, um die beiden Damen eintreten und auf dem Sopha Platz nehmen zu kaffen, während er sich ihnen gegenüber setzte. Tante Dorothea wußte augenblicklich nicht, wie sie be» ginnen sollte, ohne den kranken Neffen möglicherweise zu denun» eiren. Sie richtete einen hilflosen Blick auf Elisabeth, welche sofort das Wort ergriff. „Wir sind gekommen, um uns nach dem Befinden des Fremden, der gestern Abend die Rettungsarbeiten geleitet hat, zu erkundigen und Sie zu bitten —" „Jnterefsiren Sie sich so sehr für diesen braven jungen Mann, Fräulein Elisabeth?" unterbrach sie der Sanitätsrath, sie forschend anbltckend. . »Ich glaube hierin keine Ausnahme zu bilden," versetzte Elisabeth ruhig; „selbst mein Papa ist ganz begeistert von ihm, weshalb unser Interesse Ihnen natürlich erscheinen muß." „Gewiß, gewiß, mein gnädiges Fräulein — ich bin überzeugt, daß die ganze Bevölkerung dieses Interesse theilen E", wäre aber doch nicht sehr erbaut davon, wenn ich meine sehr beschränkte Zeit damit unnöthigerweise in Anspruch neh« men sollte und werde mich deshalb wohl zur Veröffentlichung sines täglich«, Bulletins bequemen müssen. Selbst die Herzens» kühle Melchior hielt ängstlich Nachfrage und schien durch meine Erklärung, daß meine Hoffnung, ihn durchzubringen, nur eine sehr geringe sei, ganz niedergeschlagen und betrübt zu werden." „Er hat sie ja gerettet," bemerkte Tante Dorothea. „Ich habe davon gehört, Fräulein Melchior schien ihm ihren Dank aussprechen zu wollen, da sie ihn durchaus zu sehen verlangte und mich schließlich sogar darum anflehte. Es that mir aufrichtig leid, es ihr rundweg abschlagen zu müssen." „Sie lassen also Niemandem zu ihm, Herr Sanität»« rath?" fragte Elisabeth erschreckt. „Nein, mein Fräulein," versetzte er ernst, „weil jede aufregende Störung ihm tödtlich werden könnte. Außerdem fiebert er bereit» stark, und wenn ich auch nicht voraussetze, daß die müßige Neugierde Sie hergeführt hat, meine Damen, daß vielmehr nur ein zwingender Grund Sie dazu veranlassen konnte, so darf ich selbst in diesem Falle keine Ausnahme gestatten, da der Kranke sozusagen eine öffentliche Persönlichkeit geworden ist." „Sie kennen oder ahnen den zwingenden Grund, der une hergeführt hat?" fragte die Tante, den alten Arzt bekümmert anblickend. Dieser nickte. „Die Polizei hat seine Persönlichkeit bereits festgsstellt." „So eilig hat das Gesetz es selbst mit einem Sterbenden?" fragte Elisabeth tapfer, ihre Thränen zurückhaltend. „Es scheut sich nicht, auch hier die grausame Hand auszustrecken, wo man lohnen, anstatt strafen sollte?" „So lange er unter meiner Obhut bleibt, ist er sicher," sagte der Sanitätsrath, „bis die Krisis ihr letztes Wort gesprochen hat, ist kein Grund zu einer derartigen Befürchtung vorhanden. Und dann — wird der Herrgott schon genügend weiter sorgen, meine Damen!" „War sein amerikanischer Freund schon hier?" fragte die Tante. „Mit dem Professor Carlsen, jawohl, ich konnte mit Beiden nur wenige Minuten sprechen und auch ihnen nur eine abschlägige Antwort geben." „Lieber Himmel," seufzte Tante Dorothea, „und meine Nicht« hofft« sogar, ihn bei mir daheim pflegen zu können." 14 „Und ihn zu teilen, jawohl, Herr Sanitätsrath I" setzte Elisabeth mit einer Art verzweiflungsvollem Trotz hinzu. „Allerdings vermag aufopfernde Liebe oft Wunder zu wirken," sagte der alte Arzt, „und ich wäre auch durchaus nicht abgeneigt, ein solches Wunder an meinem Kranken zu erproben, wenn sein Transport möglich wäre. Urbrigens," setzte er mit einem teilnehmenden Blick auf Elisabeth hinzu, „will ich Ihnen dar Versprechen geben, daß Sie ihn sehen sollen, sobald er selbst den Wunsch darnach äußert oder im Stande ist, ohne Gefährdung seines Zustandes Besuch empfangen zu können- Auch sollen Sie täglich Nachrichten über ihn erhalten." Unter innigen Danke-worten verließen die Damen das Krankenhaus. Da» Wasser war schon bedeutend gefallen, Elisabeth hatte nur eine kurze Strecke im Boot zu benutzen, um an da» Ziel befördert zu werden. Im Wohnzimmer des Rechnungsrath» bot stch ihr ein unerwarteter Anblick dar. Der Hauptmann faß mit feinen Feinden, der schrecklichen Clavierspielerin und dem bösen Geiger au» dem E-ker, im Verein mit dem Rath ganz gemüthlich bei einer Whtstpartie. Ein flüchtige» Lächeln huschte über ihr ernste» Gesicht. Wenn solche Wunder geschahen, dann durste auch sie die Hoffnung festhalten, daß der Geliebte durch ärztliche Kunst und durch ihr Gebet ihr erhalten bleiben und der Allgütige ihn, der sein Leben für Andere gewagt, vom Tode erretten werde. Der Hauptmann hatte ihr Eintreten gar nicht bemerkt, sie hörte nur, wie er freudestrahlend seiner Partnerin Fräulein Wedemeier zurief: „Sie sind ja eine ganz famose Whist- fplelertn, liebe» Kindl" Ter alte Herr befand stch augenscheinlich in der allerbesten Laune. Elisabeth zog stch geräuschlos zurück, um mit dem Haurwirth und seiner alten Magd eine Jnspicirung der eigenen Wohnräume, wo stch da» Wasser bereit» ziemlich verlaufen hatte, zu unternehmen. X. Vierzehn Tage waren seitdem verflossen und da» Getriebe de» täglichen Leben» wieder in sein volle« Recht eingetreten, wenn auch die Sputen jener schrecklichen Nacht noch weithin sichtbar, die Folgen erst jetzt recht leidvoll zu Tage getreten waren. Was die Behörden an Unterstützung nicht beschaffen konnten, da» besorgte die öffentliche Wohlthätigkeit und Menschenliebe, welche an dem opferfreudigen fremden Retter ein leuchtende» Beispiel bet Nacheiferung zu erblicken schien. Der alte Sanitätsrath hatte sich in der Toat dazu verstehen müssen, einige Male in der Woche ein Bulletin über den Kranken in der Zeitung zu veröffentlichen, weil der Andrang des Publckum» aller Klaffen vor dem Krankenhause immer gröber geworden war. Nut Tante Dorothea erhielt tägliche Nachricht und durch fie Elisabeth, während weder der Professor noch Hamson die ärztliche Erlaubniß erhalten konnten, zu dem Kranken gelassen zu werden. „Er wäre unnütz," sagte der Sanitätsrath achselzuckend, „da da» Fieber nicht weichen w.ll und seine Kräfte in rasender Elle verzehrt." „So soll ich ihn nicht einmal mehr lebendig sehen," rief Hamson mit zuckenden Lippen, „er ist mein liebster Freund, ja mehr noch, mein Bruder, der mir einst da» Leben gerettet hat!" „Er liegt entweder bewußtlos oder ergeht sich in wilden Phantasien," versetzte der Arzt, „er würde Sie also gar nicht erkennen." „Aber ich muß — muß ihn sehen, Herr Doclor, ihn pflegen Tag und Nacht. Lassen Sie mich bei ihm bleiben, ich liebe ihn —" „Run wohl," unterbrach der Sanitätrrath den erretten jungen Mann, „Sie sollen Ihren Freund sehen. Seine Pflege aber ßderlaffen Sie den erprobten Händen unserer Wärter. Ja, könnte ich ihn einer anderen Liebe anvertrauen, banst wäre ein Wunder vielleicht möglich. Sie haben doch von sympathetischen Kuren schon gehört?" Hamson blickte ihn verdutzt an. „Nun ja — aber glauben Sie an den Schwindel, Herr Doctor?" „Unbedingt nicht, doch habe ich in meiner langjährigen Praxis einige an'» Wunderbare streifende Fälle dieser Art wirklich zu verzeichnen. Das Geheimniß jener wohl nie von Sterblichen zu ergründenden Kräfte, welche im Menschen selber wie im ganzen Weltall walten, läßt uns oft vor einem Räthsel Halt machen, dessen Lösung die Wissenschaft nicht zu ergründen vermag." „Zum Exempel die Hypnose," warf Hamson ein. „Ja, ja, auch sie ist noch ein wissenschaftliches Räthsel, welche» in Laienhänden nur Unheil anrichtet oder dem Schwindel dient. Doch kehren wir zur Sympathie zurück, unter welcher ich in unserm Falle die Liebe zwischen Mann und Weib verstehe. Nun wohl, eine derartige sympathetische Kur könnte wohl ein günstiges Resultat erzielen." „Ach, jetzt begreife ich, Sie denken an Elisabeth Ehrhard, Herr Doctor!" Dieser nickte. „Können Sie mir vielleicht sagen, ob zwischen dieser jungen Dame und unserm Kranken eine Herzensverbindung besteht? Die Sache kommt mir unglaublich vor, weil Ihr Freund erst wenige Wochen hier anwesend ist und Fräulein Ehrhard ihn kaum gesehen oder gesprochen haben kann, zumal er, wie Sie mir mitgetheilt, an jenem Unglückstage erst angekommen war. Die Geschichte beschäftigt mich unaufhörlich, da diese junge Dame mich verschiedentlich schon gebeten hat, ihn pflegen, bei ihm wachen zu dürfen. Können Sie mir dieses Räthsel lösen, Herr Hamson?" „Hm, die Lösung ist ganz einfach, Herr Doctor! Mein Freund und Fräulein Elisabeth Ehrhard — aber — ich weiß wirklich nicht, ob ich damit nicht einen Vertrauensbruch oder gar einen Verrath begehe —" „Es handelt sich hier um ein ungefährliches Experiment," nahm der Sanitätsrach, al» Hamson schwieg, rasch da« Wort, „von welchem vielleicht seine Rettung abhängt. Im Uebrigen können Sie ruhig sein, da ich und auch die Behörde genau wissen, wer er ist." „Ich konnte es mir denken, weil man mich so ohne Weitere» und obendrein mit einer Entschuldigung au» der Hast entließ. Unter diesen Umständen aber wäre der Tod am Ende eine Wohlthat für meinen armen Freund, da man ihn unzweifelhaft dem Militärgericht überliefern wird." „Ohne Strafe wird er im Genesungsfalle freilich nicht abkommen, dazu war sein Vergehen zu schwer. Indessen müssen wir jetzt vor allen Dingen und ohne jegliches Bedenken in erster Linie ihn am Leben zu erhalten suchen und da wäre es am Ende Ihre Pflicht, ein wenig hierzu beizutragen, wenn auch nur ein Schimmer von Hoffnung darin läge." „Sie haben recht, Herr Doctor! — Al« mein Freund vor zehn Jahren Heimath und Vaterland verlassen mußte, nahm er al» einzigen Trost da» Phoiogramm eine» Kinde«, da« damals etwa neun bis zehn Jahre zählen mochte, mit. Dieses Bild seines Schwesterchen», wie er sie nannte, welche» ihm durchaus seinen Sparpfennig hatte aufzwingen wollen, bewahrte er treulichst und malte sich mit echt deutscher Schwärmerei von Jahr zu Jahr da» Wachsen und Blühen dieser Mädchenblume bis zur Jungfrau aus, welche er natürlich mit allem Liebreiz de» Körpers und der Seele ausstattete. So unglaublich dies nun auch klingen mag, ist es doch eine positive Wahrheit, daß ihm diesem Phantasie-Gebilde gegenüber jede andere weibliche Schönheit ungefährlich blieb und kein realistisches Netz, wenn'» auch goldig verlockend schimmern mochte, ihn einfing. Da« Bild jener Elisabeth hat ihn mit unwiderstehlicher Macht über'S Weltmeer zurückgezogen und ich glaube verbürgen zu können, daß er gefunden, was seine Phantasie sich von ihr geträumt hat." „Der langen Rede kurzer Sinn ist als» gegenseitige Liebe," rief der Sanitätsrath ironisch lächelnd. „Sie scheinen auch schon von der deutschen Luft angekränkelt zu sein, mein werther Herr Hamson!" „Ich fürchte es selber," seufzte dieser mit einer so komisch zerknirschten Miene, daß der alte Arzt laut auflachte. „Doch was wollen Sie, Herr Doctor, wer sich in die Gefahr begibt, kommt darin um, wir haben das Beispiel mit meinem armen Freunde vor Augen. Wir wollen also ein magnetisches Experiment mit ihm versuchen, vielleicht mit Fräulein Ehrhard ?" „Ja, wir müssen'« wenigstens einmal versuchen. Doch wer kommt denn dort so eilig auf uns zu?" unterbrach er sich. „Irre ich nicht, so ist er unsere Elisabeth." „Ja, sie ist es, und zwar, wie mich dünkt, in sehr großer Aufregung!" rief Hamson. Ihre Unterhaltung hatte auf der Straße stattgefunden, sie schritten der jungen Dame jetzt rasch entgegen. „Was gibt es, liebes Fräulein?" „Ich wollte zu Ihnen, Herr Sanitätsrath I Gott sei Dank, daß ich Sie hier treffe, der Papa ist erkrankt!" Elisabeth begrüßte den Amerikaner mit einem flüchtigen Händedruck und zog sodann den Arzt mit sich fort. „Es ist doch nicht gefährlich, Fräulein?" fragte Hamson, an ihrer Seite weiterschreitend. „Leider fürchte ich es; er hat erfahren, wer der Retter i» jener Sturmvacht gewesen ist und zwar durch Niemand anders, als durch die unselige Bernhardine Melchior." „Alle Wetter!" rief der Sanitätsrath erschreckt- „Plagte die Dame denn der leibhaftige Böse und hatte sie's darauf angelegt, ihn zu tödten? — Warum verhinderten Sie dos Nicht, Fräulein Elisabeth?" „Ich war gar nicht daheim, wer konnte denn auch einen solchen Besuch voraussetzen? — Daß sie es aus böser Absicht gethan haben sollte, darf ich nach bester Ueberzeugung verneinen, da fich nach der Sturmfluth eine seltsame Umwandlung bei ihr vollzogen zu haben scheint. Ich erkläre mir ihren Besuch vielmehr als eine Art Gewissenszwang. In erster Linie wollte sie einen Gruß von ihrem Bruder, der sich noch in der Reconvalescenz befindet, mit der Bitte an Papa und mich ausrichten, ihn zu einer Partie Whist zu besuchen, was den armen Papa natürlich ebenso sehr wie ihr Besuch alterirte. Wäre ich doch nur daheim gewesen, um das nun Folgende zu verhindern. Aber mit ihrer gewohnten Rückfichtslostgkeit, dem ihr eigenen Mangel an Toct- und Zartgefühl, enthüllte sie ihm alsdann, wer der gepriesene Held der Sturmfluth eigentlich sei und sah nun zu spät ein, was sie angerichtet hatte." „Wir haben'» doch nicht mit einem Schlagfluß zu thun?" unterbrach der Sanitärsrath sie unruhig. „Das fürchte ich ja eben, — wir haben ihn auf sein Bett gelegt und alle möglichen Wiederbelebungsversuche an- gest^llt. Als die Unglückielige es ihm mitgetheilt, hat er sie nur starr angesehen und ist dann bewußtlos zurückgesunken." „Wer ist bei ihm?" „Fräulein Melchior und der Rechnungsrath aus dem ersten Stock. Ich bin dann gleich fortgeeilt, um Sie aufzusuchen, Herr Sanitätsrath. — Unser Wirth hat auch zu seinem Arzt gesandt, vielleicht ist dieser jetzt schon bei Papa." „Aengstigen Sie sich nicht zu sehr, Fräulein Ehrhard," suchte sie der Doctor theilnehmend zu beruhigen. „Ein Schlagfluß ist allerdings eine gefährliche Sache, doch nicht immer tödtlich. — Vielleicht ist's auch nur eine tiefe Ohnmacht. Also die Melchior ist bei ihm geblieben?" „Ja, ich gab ihr ziemlich unverblümt zu verstehen, daß ihrs Gegenwart überflüssig sei, was sie gar nicht weiter beachtete oder nicht zu hören schien. Ihr Gesicht hatte dabei einen so zerknirschten Ausdruck, daß sie mir leid that und ich ihr nicht einmal zürnen konnte." „Ja, sie hat sich sonderbar verändert, diese Sturmfluth scheint in der That einschneidende Wilkungen hervorgebracht zu haben. Gott weiß, was wir noch weiter erleben." Als sie des Hauptmanns Wohnung erreicht hatten, bat Hamson, mit eintreten zu dürfen, um das Resultat der ärztlichen Untersuchung zu erfahren. „Vielleicht wäre es Ihnen erwünscht," setzte er hinzu, „der Tante durch mich eine Mittheilung zukommen zu lassen." Elisabeth nickte zustimmend, worauf der Amerikaner ihr in's Haus folgte. Der Arzt, nach welchem hingeschickt worden, war bereit- anwesend und um den Bewußtlosen beschäftigt. „Run, Herr College," fragte der Sanitätsrath, den Kranken aufmerksam anblickend, „doch nicht Apoplexie?" „Scheint so — aber —" „Wir wollen die Damen hinausschicken, um ihn besser untersuchen zu können." Der Sanitätsrath richtete die Bitte direct an Elisabeth, worauf sie mit Bernhardine Melchior, die im stummen Hin- brüten auf den bewußtlosen Hauptmann starrte und jetzt erschreckt zusammenfuhr, das Zimmer verliess. Die beiden Aerzte entkleideten den Bewußtlosen und con- statirten einen leichten Schlaganfall. Ihren vereinten Bemühungen gelang es auch bald, ihn in'» Leben zurückzurufen. „Ra, Herr Hauptmann," sagte der Sanitätsrath, „Sie waren immer so mobil und wollen sich plötzlich dienstuntauglich melden? Rur ganz ruhig, alter Herr, wir haben eine kleine Schlappe erlitten — ist aber Gott sei Dank nicht gefährlich geworden- Die rechte Hand will nicht pariren? — Unbesorgt, sie soll bald wieder gehorsam werden. — Wie steht'» denn mit der Sprache?" Der Hauptmann ließ die sonst so scharfen Augen mit wirrem Ausdruck umherschweifen und fragte endlich leise: „Was ist denn nur los? Wo ist Lisbeth?" „Ihre Tochter wird sogleich kommen, Herr Hauptmann," sagte der Sanitätsrath, „nur bitte ich Sie, sich ganz ruhig zu verhalten; Sie haben einen kleinen Ohnmachtsanfall gehabt, der bei guter Pflege keine weiteren Folgen haben wird. Sie erlernen mich doch?" Der Hauptmann neigte den Kopf. „Ich bin also krank, zum Henker, mein rechter Arm ist wie gelähmt, — wie ist das nur so schnell gekommen?" „Grübeln Sie nicht weiter darüber nach," mahnte der Arzt. „Ruhe ist die b>ste Medicin- — Morgen spreche ich wieder vor, bis dahin Adieu, lieber Hauptmann!" Er drückte ihm die linke Hand und meinte dann, daß eine Diaconissin vielleicht am Platze fei. „Wenn'» schlimm steht, schicken Sie einen Wärter," gebot der Kranke mit einer leichten Anstrengung. „Ein Frauenzimmer will ich hier nicht sehen, nur meine Lisbeth." „Gut, ich schicke einen Wärter, obwohl gar keine Gefahr vorhanden ist, es ist nut wegen Ihrer Tochter, sie sieht mit recht bedenklich aus und muß uothwendtg geschont werden." „Sie darf nicht krank werden," stöhnte der Hauptmann, „ich will sie sehen — e» wirbelt mit im Kopfe umher wie ein Bienenschwarm, kann die Gedanken nicht festhalten." „Sie sollen ja gar nicht denken!" Der Sanitätsrath schritt zur Thür, öffnete sie und rief Elisabeth herein, der er einige leise Verordnungen gab. Dann verließ er mit seinem Collegen das Krankenzimmer. „Es ist ein leichter Schlaganfall, der hoffentlich nicht wiederkehrt," sagte er beruhigend zu Hamson. Als Elisabeth das Krankenzimmer betrat, verlangte der Hauptmann zu trinken. Sie mischte ein von dem Sanitätsrath ihr gegebenes Schlafpulver in das Wasser und bald verfiel er in einen tiefen Schlaf. Damit der Kranke nicht gestört werde, schloß fle die Thütglocke ab und setzte sich dann an das Krankenlager. Rach kurzer Zeit unterbrach ein leises Klopfen an der Thür die Stille. Elrsabeth öffnete und Tante Dorothea erschien mit betrübtem Gesicht auf der Schwelle. „Ein Unglück kommt selten allein," sagte sie leise. „Hrm- son war bei mir, um mir das neue Schicksal mitzutheilen." Elisabeth führte sie in’» Nebenzimmer und bat fie, recht .leise zu sprechen. (Fortsetzung folgt.) 3s Gemeinnütziges. Literarisches Et« sehr einfaches Milte», um sich vor Winter- rslte zu schützen, besteht nach den neuesten Erfahrungen darin, tief zu athmen. Dr. Sangree, ein englicher Arzt von Bedeutung, spricht dafür, nachdem derselbe den Versuch an sich selbst zu verschiedentlichen Malen und stets mit dem gleichen guten und raschem Erfolge durchgemacht hat. Selbst bei strengster Wtnterkälte, als sein Körper halb erstarrt war, bewährte sich das Athmen aus voller Brust vollständig; schon nach wenigen Zügen bemächtigte sich seiner ei« angenehmes Gefühl der Wärme in allen Gliedern und nach längerer Fortsetzung dieses Versahrens hatte jener Arzt die Empfindung, vor einem gut brennenden Kaminfeuer zu fitzen, anstatt sim eisigen Sturme auf der Landstraße zu wandeln. Jeder pro» Lire es daher zu seinem Nutzen. ♦ * Zur Ueberwinterung der Fuchste. Die Fuchsie ist ein holzartiges Gewächs und kommt am besten durch den Winter, wenn sie diesen im Ruhestände verbringen kann. In warmen Räumen wird dieser Zustand nicht erreicht, sie treibt hier unaufhörlich weiter, doch nur schwächliche Triebe und Blätter und kann so fürs nächste Jahr unmöglich einen schönen Blüthenflor bringen. Damit sie im Winter nicht weiter treibe, sind trockene und kühle, doch frostsichere Räume nöthig; für ältere, verholzte Pflanzen ist ein trockener Keller ganz gut geeignet, für jüngere, noch krautartige ist ein un- geheiztes Zimmer wiederum besser. Zur strengen Winterszeit, wo ein Eindringen des Frostes in das Zimmer zu gewärtigen ist, sind sie auf einige Zeit im Keller oder einem sonstigen geschütztem Raume unterzubringen. Ein anderer wichtiger Factor, die Fuchste am vorzeitigen Austreiben zu behindern, besteht noch in dem Trockenhalten der Erde. Man kann diese bis zu einem hohen Grade trocken werden lassen und braucht nur btjber äußersten Roth zu gießen. Apfelsinen- und Citronenschale läßt sich Monate lang aufbewahren, wenn man sie dünn abgeschält, in eine Flasche mit Weingeist thut, die man wohl verschließt. Man kann die Schalen auch fein hacken, mit Zucker vermischen und zugekorkt verwahren. Ganze Cttronen kauft man am besten im April, wo sie am billigsten sind, in größerer Menge. Man legt sie zwischen reinen, trockenen Gand oder reine Sägespäne. * * Um gelb geworde«es*Rohrgeflecht wieder blendend weiß zu bringen, wasche man dasselbe vorerst tüchtig mit Seifenwaffer, dem man etwas Spiritus zusetzt, ab, bestreut «s alsdann, so lange es noch feucht ist, mit Schwefelpuloer, welches man auf dem Geflecht so lange läßt, bis es trocken geworden ist. Dann bürstet man den Schwefel mit einer starken Bürste völlig ab. Rostflecke auf polierte« Stahlwaaren zu e«t- feruen. Um dies zu erreichen, werden die rostigen Stellen einige Tage mit Baumöl erweicht, dann mit Schmirgel oder Tripel, unter Zuziehung von Del, mittelst eines harten Holzes abgerieben; dann das Del und alle Unreinlichkeiten abgewischt, die Flecken noch einmal mit Schmirgel und Weinessig gerieben, zuletzt mit feinem Blutstein und einem Leder überpoltert. Paprika-Schnitzel. In 40 Gramm heißem Fett röstet man eine kleine geschnittene Zwiebel und brät darin di« Schnitzel auf beiden Seiten 6 bis 8 Minuten. Dann seiht man das Fett ab, fügt je drei Eßlöffel Rahm und Wasser, eine Messerspitze Paprika sowie 5 Gramm Liebigs Fleischertract bei und läßt das Ganze auskochen. Beim Anrichten gießt man die Sauce über die Schnitzel. — Der Ausdruck „Schwein haben" für vom Glück begünstigt fein, erklärt die kürzlich erschienene Neujahrsnummer der »Modarütt» ÄmtH" (Verlag von Rich. Bong, Berlin, ä Heft 60 P,g.) in Wort und Bild. Im Mittelaller bezeichnete man die vier AS des Kaiten- sptels alS ebenso» tele Säue, und wenn nun in dem kürzlich erschienenen Heft A. Schwarz die „Moderne Glücksgöttin" als ein schönes Weib darstellt, das eine Anzahl munterer Schweinchen am Leitfeil fühlt, so knüpft er damit an eine alte in ihrem Ursprünge nicht mehr verstandene Redensart an. Die vortragSoolle Neujahrsstimmung findet auch sonst in dec uns vorliegenden Nummer eigenartigen Ausdruck- Hans Bohrdt schildert auf Grund eigener Erfahrungen in Wort und Bild die Begehung der Jahreswende in unserer Marine, und General von Dincklage unter seinem Schriftstellernamen Hans Nagel von Brawe das Neujahrsdiner der Generale bei Dressel in Berlin. — Unsere deutschen Familienblätter überbieten sich gegenseitig an Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit. So tritt z. B. das Daheim, welches mit der am 1. Jan. erschienenen Nr. 14 ein neues Quartal beginnt, außer mit seinem Hauptblatt mit nicht weniger als fünf Beiblättern vor seine Leser: „Aus der Zeit — für die Zeit", „Frauendaheim", „Hausgarten", „Hausmusik" und „Kinderdaheim". Eine Neuerung sind die Preisausschreiben in einzelnen dieser, wesentlich den practischen Bebmsnissen des Hauses gewidmeten Beilagen. Zu dem reichen bildlichen Schmuck der Nummer steuerten Meister wie Defregger, Kröner, Simm und Maison bei; allgemein interessiren dürfte die Photographie des jüngsten erfolgreichen Durchquerers Afrikas, des Grafen Götzen, welche den Reisenden auf einem im Herzen des schwarzen Erdtheils erlegten Rhinoceros darstellt. ________________ — Hauptmann Rochus Schmidt, der langjährige Freund und Mitkämpfer Major v. Wißmanns, wird, wie wir vernehmen, demnächst im Verlage des Vereins der Bücherfreunde zu Berlin ein zwei Bände umfassendes Werk erscheinen lassen, das die Gestaltung, Entwickelung und Ausnutzung von Deutschlands Colonien behandelt. Der erste B»nd, welcher Amang nächsten Jahres erscheint, soll die deutschen Besitzungen in Ostafrika umfassen, der zweite, zu Ostern 1895 erscheinende Band die westafrikanischen Colonien und Besitzungen in der Südsee. Beide Bände werden reich illustrirt; der erste Band enthält ca. 150 Originalphotographien nebst Zeichnungen von Hellgrewe. Für die Darstellung der ostasrikanischen Verhältnisse stehen dem Verfasser bekanntlich reiche eigene Erfahrungen zur Seite; im Uebrigen stützen sich seine Ausführungen auf die sorgfältigste Benutzung der vorhandenen Literatur. Er hat dabei in erster Linie den Zweck im Auge, in populärer Form eine erschöpfende Aufklärung über Deutschlands Colonien zu geben. Seine „Geschichte des ostafrikanischen Aufstandes", die seiner Zeit mit vielem Beifall ausgenommen wurde, bietet die Gewähr dafür, daß er etwas Vorzügliches liefern wird. — Amerikanische Schneepflüge. In Amerika geht Alle» ins Groß-. Auw der Artikel, Den Oie vortreffliche Familienzeitschrift »Für Alle Wett"' (Berlin W., Deutsches Verlagshaus BongLCo., P.ets des Bierzetzntagshefkes 40 Pf.) über amerikanische Schneepflüge bringt, ist ein Beweis dafür. Bei unS ist ein Schneefall von solcher Massenhaftigkeit wie in Amerika unbekannt; aber dem Unwetter selbst entsprechen auch die Vorkehrungen, die zur Fernhaltung etwaiger Verkehrsstörungen getroffen werden, und besonders ist es die von Leslie in Canada construirte mächtige Schneeschaufelmaschine, welche unser Staunen erregt. An der Spitze dieses von Dampf getriebenen Fahrzeugs sind scharfe Messer angebracht, die den Schnee schneiden, ein Schaufelrad faßt die losgelösten Massen und wirft sie in weiten Bogen 30 bis 100 Meter seitwärts fort. Außerdem ist bei der Maschine dicht über den Schienen ein Eisbrecher angebracht, der den Bahnkörper von den untersten, etwa sestgefrorenen Massen freilegt. Eine solche Schneeschausel-Maschine, die, um ihr mehr Wucht zu verleihen, von hinten noch durch Locomotiven getrieben wird, vermag im steinharten Schnee von 1,5 Meter Höhe in der Stunde etwa 1 Kilometer vorwärts zu kommen, während sie bei gewöhnlichem weichem Schnee von 3 bis 3,5 Meter Höhe in der Stunde ein Bahngeleise auf der Strecke von 3 bis 5 Kilometer frei machen kann. Der Leslie'sche Schneeschaufler ist zweifelsohne der vollendeste Schneeflug, den wir bis jetzt kennen. Das Bild in „Für Alle Welt" zeigt den Koloß in voller Thätigkeit. Furchtbar find die Schneewehen, die sich in dem Engpaß angehäuft haben, und drei Locomotiven trieben den Schaufler vorwärts. Da keucht es dröhnend in der finsteren Gebirgsschlucht, hoch fliegen die Schneegarben empor, und wie gewaltig^ruch die Naturereignisse sein wögen, der feste menschliche Wille weicht nicht, siegreich bricht er fich freie Bahn- Das Heft mit dem Schneepflugs ist das neueste (13.) der Zeitschrift. Romane, Artikel, Farben- und Schwarzbilder — man weiß nicht, was mehr Anerkennung verdient. Wir können nur immer wieder empfehlend auf diese Zeitschrift Hinweisen. Nedaction: A. Tcheyda. — Druck und Beklag d»r Brühl'schm Druckern (Fr. Lht. Pietsch) in Gießen.