1895 •»- V-»- V e e V V iMK ^KsM- rrrrl- .UntechÄtungsblaU ?um Gießener Anzeiger (General Anzeiger). Die Tochter des Meeres. Roman een «. Sieele. *(8ortfe|**e-) Aber noch immer kehrte die Frau nicht zurück und Cora beschloß, das Haus ohne Abschied zu verlaffen. Sie ging nach der Thür, dieselbe war verschlossen. Cora lief zu der anderen Thür und klopfte heftig in der Hoffnung, dadurch Jemand aus dem Innern zu ihrer Befreiung herbeizurufen. Jetzt hörte sie deutlich mehrere Stimmen und sie wiederholte deshalb das Klopfen heftiger und wollte eben auch noch rufen, als sich die Thür aufthat und Rupert Falkner vor ihr stand I Beide fchracken, als sie einander erblickten, heftig zurück, Rupert aber war offenbar weniger überrascht, als Cora, da ihre Gegenwart ihm vielleicht nicht so ganz unerwartet war. „Ich wundere mich nicht, daß Sie sich schämen, mich zu sehen, Cora, sagte er bitter. „Gewiß bin ich dazu berechtigt, Ihre Handlungsweise zu beobachten und ich darf wohl sagen, zu tadeln." ö ' Bei apderer Behandlung würde Cora sich wahrscheinlich nachgiebig gezeigt haben. Aber sie war entrüstet über die Art und Weise, mit welcher ihr einstiger Beschützer ihr jetzt begegnete. „Ich weise ein solches Recht zurück," versetzte sie kalt. „Meines Wissens haben Sie mich nicht als Ihre Sclavin gekauft." , »Sie haben sich meinem Schutz entzogen, ihn von sich abgefchuttelt ... ist das nicht Grund genug, Sie zu tadeln und Sie für undankbar zu halten?" Cora lächelte verächtlich. „Ich verschmähe es, mich zu rechtfertigen," versetzte fle stolz, „und überlasse es Ihrer Mutter und Adele, es Ihnen zu erklären, wenn sie wollen. Mir genügt, daß ich frei von Verpflichtung bin. Ich verlange nichts von Ihnen, Herr Falkner." „Herr Falkneri heiße ich bei Ihnen jetzt?" rief er. m sind wir einander wirklich fremd geworden, Cora? Bon Ihrer frühesten Jugend an haben Sie mich nicht bei °'esem Namen genannt. Sie haben sich wirklich sehr ver- ändert!" „Nicht ich," versetzte sie mit NaMruE „Der Freund meiner Jugend ist noch immer Rupert!" „Allerdings kann ich mich nicht mit einem reichen, alten Wüstling vergleichen, der um Ihretwillen sein eigenes Kind vergaß, noch mit dem jungen Edelmann, der so thöricht war, sein Leben wegen Ihnen auf's Spiel zu setzen." „Schweigen Sie!" rief Cora entrüstet aus. „Ich will meine Freunde nicht verleumden lassen. Wenn Sie nichts Anderes zu sagen haben, sage ich Ihnen Lebewohl!" Und hastig wandte sie sich der Ausgangsthür zu. Aber er vertrat ihr rasch den Weg. „Nein, Cora, nicht so! So sollen Sie nicht von mir gehen," sagte er. „Ich kann Sie kaum für so schlecht halten, als Sie scheinen. Haben Sie wirklich allen natürlichen Schutz von sich gewiesen, um den verderblichen Weg zu verfolgen, den Sie eingeschlagen haben?" „Fragen Sie Ihre Mutter," antwortete Cora. „Fragen Sie Ihre Cousine Adele. Sie war es, die zuerst jedes Band zwischen uns zerschnitt. Sie besprach Alles mit Lord Faro, dem armen, unglücklichen Herrn, daß er in Zukunft für mich sorgen und mein Thun und Treiben überwachen solle. Er ist todt ... und ich bin daher frei." „Frei, um seinem Mörder auf der Flucht beizustehen und ihn zu schützen!" sagte er heftig. „Wahrlich, eine edle Freiheit!" „Das ist Ihre Ansicht, nicht die meine," entgegneteZsie stolz. „Ich kann es nicht gestehen, doch auch wenn es wahr wäre, würde mich kein Tadel treffen. Ich kann thun, was ich will und Sie Ihrerseits können mich von sich weisen und wenn es sich mit Ihren Wünschen und Ansichten verträgt, Miß Faro beistehen und beschützen." Er sah sie mit forschenden Blicken an und frug leise: „Haben Sie gelauscht, Cora?" „Auf diese Frage bin ich Ihnen keine Antwort schuldig," versetzte sie stolz. „Ich habe Ihnen gesagt, Herr Falkner, daß Ihr Pfad und der meine von nun an weit auseinandergehen." „Sie fühlen sich mir also nicht verpflichtet für alle die Fürsorge, womit ich über Ihr Glück und Wohlergehen wachte, als kein Anderer Interesse für Sie hatte? Cora, können Sie wirklich so hartherzig, so undankbar sein?" 282 ^.Es lag in dem Tone, womit er sprach, eine klagende Trauer, die Cora zu Herzen ging; bei alledem empfand sie aber auch eine gewisse Verachtung bei dem Gedanken an solche Ansprüche, die ihm seiner Meinung nach die gewünschte Macht über sie verliehen. „Vielleicht wäre es viel barmherziger gewesen, mich bei dem Schiffbruch oder bei den Wilden sterben zu lassen," sagte sie traurig. „Entweder sterben oder mich kein anderes Wünschen und Streben kennen lernen zu lassen, als die unwissenden Wilden, meine ersten Beschützer, empfanden. Aber wenn ich Ihnen Dank schulde, will ich Ihnen meine Schuld für die Vergangenheit in vollem Maße abtragen, wenn sich die Gelegenheit jemals dazu bietet; dann will ich Ihnen zeigen, daß ich nicht undankbar bin. Jetzt muß ich aber gehen ... gehört dieses Haus Ihnen?" fragte sie rasch. „Nein ... wie kommen Sie auf diese Idee?" „Wollen Sie alsdann die Eigenthümerin rufen und sie fragen, ob ich die gewünschten Erfrischungen erhalten kann? Dann will ich sofort gehen. Wenn es mir abgeschlagen wird, muß ich anderswo mein Glück versuchen." „Ist es für Sie selbst?" fragte er neugierig. „Gewiß I" antwortete sie. „So bleiben Sie und genießen Sie hier etwas," sagte er- „Dazu habe ich nicht Lust," entgegnete sie kurz. „So haben Sie einen Grund für Ihre Weigerung, der nicht schwer zu errathen ist," entgegnete er verächtlich. „Und ebenso leicht ist es, den Flüchtling durch ihre Spur zu entdecken. Fürchten Sie nicht, mir zu trotzen, Cora?" „Ich trotze Ihnen nicht," antwortete sie ruhig, „aber ich vertraue mir selbst ... und auch Ihnen, Rupert," fuhr sie in plötzlich verändertem Tone fort. „Wenn Sie nicht ein ganz Anderer geworden sind, wenn nicht alles Gefühl für Ehre, Güte und Mitleid in Ihnen erstorben ist, drängen Sie nicht weiter in mich und lassen mich ungestört und unbelästigt meines Weges gehen," bat sie angstvoll. „Gestehen Sie, daß Sie für diesen Verbrecher, für diesen Mörder bei Fremden betteln?" fragte Rupert ernst. „Ich gestehe nichts und Sie müssen wissen, daß ich Recht habe," antwortete das Mädchen bestimmt. „So groß mein Wagniß auch fein mag, will ich doch keinen Anderen in Gefahr bringen; was Sie nicht wissen, dafür kann man Sie nicht tadeln." „Würde es Sie schmerzen, wenn ich irgendwie beschuldigt würde, Cora?" fragte er in wärmerem Tone. „Das wissen Sie!" erwiderte sie und ein unwillkürlicher Austausch von Blicken aus den Augen Beider hätte die verborgenen Geheimnisse ihrer Herzen offenbaren müssen, wenn sich nicht der Schleier des Vorurtheils und der Eifersucht zwischen ihre Ueberzeugung und ihr Urtheil gesenkt hätte. „Dafür muß ich Ihnen wenigstens danken," erwiderte Rupert kalt. „Glauben Sie, daß ich ebenso wenig vor einer Gefahr, die Ihnen drohen könnte, zurückschrecke? Lassen Sie sich bereden, dieses übereilte Unternehmen aufzugeben. Sie können, Sie dürfen Ihr Leben nicht einem herzlosen, blutbefleckten Fremden opfern." „Es ist ja bei mir etwas ganz Anderes," versetzte sie. „Ich bin Niemanden unentbehrlich, bin Niemanden theuer. Sie haben Ihre Mutter, haben .... Adele und noch viele Andere, die Antheil an Ihrem Schicksal nehmen und haben keinen Grund für eine solche übereilte Handlung." „Cora, so haben Sie einen Grund für Ihre Handlungs- weife! Sie lieben diesen Mann!" rief Rupert heftig aus. „Welch' thörichte Idee," entgegnete sie kalt. „Doch was liegt Ihnen daran? Rupert, das Einzige, warum ich Sie bitte, ist, mir meine Freiheit zu lassen. Ich brauche keine Hilfe von Ihnen, nur hindern Sie Andere nicht, mir die kleine Hilfe zukommen zu lassen, die mich vor tiefer Drangsal schützt." „Wollen Sie mir versprechen, dieses unbedachte Unternehmen aufzugeben, so will ich meinerseits Ihrem Wunsche willfahren," sagte er. „Rupert, Sie sind herzlos und grausam! Ich kann Sie mit keinem Worte befriedigen," entgegnete sie leidenschaftlicher. „Lassen Sie mich gehen, wenn Sie mir die Hilfe, um die zu bitten ich hierher kam, abschlagen." „So sind wir von nun an Fremde, Cora?" sagte er. „Sie sind so schön wie immer," fuhr er bitter fort, „aber wie verschieden in Herz und Character von der Cora, die ich einst für mein eigen hielt!" „Und doch wollen Sie um dieser Erinnerung willen meine Bitte nicht erfüllen?" sagte sie weich. „Vor keinem anderen menschlichen Wesen würde ich mich so demüthigen. Rupert, lieber würde ich sterben!" Er vermochte ihrer Bitte kaum zu widerstehen, denn er wußte recht gut, daß solche Worte bei so stolzem Gemüth in Wahrheit die zarteste Schmeichelei waren, die man ihm hätte sagen können. „Sie geben mir aber nichts dagegen," sagte er nachgebend. „Sie wollen sogar nicht sagen, daß Sie nicht lieben und daß Sie den Verbrecher nicht heirathen wollen." Cora machte eine verächtliche Bewegung. „Ich ihn lieben!" sprach sie. „Wie käme ich zu einem solchen Gefühle? Und nun gar einem Mann gegenüber, der so hoch über mir steht." Er lachte spöttisch und sagte: „Sie wollen doch damit nicht sagen, daß Sie nicht dazu bereit wären, wenn es möglich wäre. Doch Sie haben vielleicht Recht. Ein Edelmann wie dieser Mörder würde wohl kaum an eine aufrichtige Liebe denken. Ich aber fürchte ganz Anderes, wenn Sie in seim Gesellschaft bleiben." „Das kann ich Ihnen nie . . . nie vergeben," sagte sie und Zorn erstickte ihre Stimme. „Lassen Sie mich gehen!" fuhr sie gebieterisch fort. „Ich bin keine Gefangene! Ich mag eine solche Beleidigung nicht ertragen!" „Nein, nein . . . vergeben Sie mir, Cora!" bat er bereuend. „Es war nur mein Mißtrauen gegen ihn . - . und Sie sind zu unschuldig, Sie kennen nicht die Gefahr, der Sie sich aussetzen .... ich zweifle ja nicht an Ihrer Reinheit, Ihrer Unschuld . . . nein, ich schwöre e», wenn Sie wolle«!" Aber sie wollte ihn nicht hören, denn sie war zu M verletzt. Wie ein scheues Reh sprang sie nach der Thür, drehte den Schlüssel im Schloß und hatte das Haus verlassen, ehe Rupert daran dachte, ihr zu folgen. Vergebens strengte er alle Kräfte an, -sie einzuholen. Mit jedem Augenblick wurde die Entfernung zwischen ihnen größer und bei einer scharfen Biegung des Weges verschwand des Mädchens Gestalt vollständig und Rupert stand rathlos, als er zu der Stelle kam, wo der Weg sich theilte und er nirgends mehr eine Spur von Cora entdecken konnte. Cora war verschwunden; weiteres Suchen war nutzlos; höchstens konnte er sich noch zwischen den Bergen verirren. Und halb erzürnt, halb reuevoll kehrte er nach dem Hause zurück. Coras Herz schlug heftig, als sie nach dieser eiligen Flucht stehen blieb und Athem schöpfte. Sie sah nur Hunger und Tod für den unglücklich« flüchtigen Kranken und sich selbst vor sich. Das Alles m die Folge von Rupert Falkners Grausamkeit und mehr die!« Gedanke, als der Kummer über ihre momentane Lage füllt« ihr Auge mit Thränen. Ihr Ideal fiel von der Höhe, au! der es bis jetzt gestanden hatte. Ruperts Wankelmuth, seine plötzliche Neigung zu Nstta Faro, sein Mißtrauen und seine Hartherz gleit gegen den Flüchtling verminderten sehr ihre blinde Verehrung gegen den Wohlthäter ihrer Kindheit. Und jetzt erfüllte eine doppelte Sorge ihre Brust .. • • der Gedanke an ihre Jugendliebe und an den unter ihrer Obhut stehenden hilflosen Unglücklichen ... und in dem tiefen Schmerze des Augenblickes ließen ihre Kräfte rasch nach, sie sank in das Gras nieder und weinte. Sie vermochte nicht ohne die versprochene Erfrischung zu Lord Belfort zurückzukehren und doch litt er vielleicht mehr 283 durch ihre lange Abwesenheit, als unter der Enttäuschung, die er bei ihrer Rückkehr empfinden würde. Jedenfalls mußte ihr Anblick ihn beruhigen. Rasch trocknete ste ihre Thränen und eilte vorwärts. Da vernahm sie plötzlich eine Stimme, die ihr zurief: „Junge Dame! Können Sie mir den Weg zeigen? Ich habe mich in der Einsamkeit hier verirrt." Cora blieb stehen und es näherte sich ihr ein junger Mann in einem Touristenanzug. Er mochte ungefähr dreißig Jahre alt sein, und ohne hübsch zu sein, lag doch eine gewiffe Eleganz in seinem ganzen Wesen. „Ich habe den Weg verloren," sagte er. „Allerdings ist es meine eigene Schuld .... ich setzte mir in den Kopf, diese romantische Gegend allein zu durchwandern und schickte meinen Diener mit der Post voraus. Können Sie mir den nächsten Weg nach Schloß Biddulph angeben?" Rur mit Mühe unterdrückte Cora einen leisen Schrei. E» war ein gefährliche» Zusammentreffen mit einem Manne, der mit diesem Hause bekannt war, der wahrscheinlich, am Ziele angelangt, die Begegnung erwähnen würde und einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie nicht schleunigst flüchten solle. Der Herr bemerkte jedenfalls eine Veränderung auf ihrem Gesicht, denn in etwas gezwungenem Tone fuhr er fort: „Ich fürchte, daß ich Sie durch mein plötzliches Erscheinen erschreckt habe. . ." »Ich bin nur sehr erschöpft," erwiderte sie mit gezwungenem Lächeln. Da wandte sie sich der Richtung zu, die er einschlagen mußte und begann, ihm seinen Weg zu erklären, aber er unterbrach sie, indem er eine Flasche und ein Brödchen aus der Tasche zog und ihr Beides mit einer Verbeugung reichte. „Bitte, erfrischen Sie sich hiermit," sagte er, „bevor Sie sich weiter meinetwegen bemühen." Cora sah sehnsüchtig auf die ihr dargebotene Erfrischung, ohne ste zu nehmen. „Wenn ich es thun könnte," sagte sie leise. „Wenn Sie es thun könnten?" fragte der Fremde und schaute sie mit schlechtverhehlter Bewunderung an. „Zögern Sie nicht, fuhr er fort- „Ich wäre nur froh, irgend etwas dafür thun zu können, daß ich Sie bitte, mir den Weg zu zeigen. Bitte, reden Sie . . . es würde mir nur Freude gewähren, wenn ich Ihnen irgendwie gefällig fein könnte." „Aber es wird Ihnen so seltsam, so verdächtig vorkommen • • -min, H kann es nicht erklären!" sagte sie und die Röthe, maVSÄ; Gesicht ergoß, gab ihren schönen Zügen einen noch lebhafteren Ausdruck. „Wie dankbar, wie froh wäre ich, wenn Sie..." sie «ach der Flasche, während die Worte nicht über ihre Lippen wollten. rn e,e Ihnen so schwer würde, eine ^k^ine Gefälligkeit anzunehmen?" bemerkte er lächelnd. 2?E«S E diese Flasche und diese Schachtel mit den Bröd- chen? Darf ich bitten, sie von mir anzunehmen?" sm armen Cora Wangen färbten sich mit einem tieferen denken?^ mu^te der Fremde von ihrem seltsamen Betragen nein!" stammelte sie. „Ich kann mich Ihnen nicht *; ' da« heißt . . . ich meine, wenn Sie Sachen anvertrauen und mir sagen wollten, wo ich 8 § fienWäre ^nen dankbarer, als Lachend reichte 'der Herr ihr Beides. rtf. 2'Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, die Sachen a^.^rinnerung an dieses seltsame Zusammentreffen zu be« Wen, nicht so rasch aus Ihrem Gedächtniß zu verschwinden, als es wohl sonst der Fall «,.„^a .zögerte noch immer, aber der Gedanke an Lord hebend Se betl Utlb Geschr genügte, um ihre Bedenken zu Darauf gab sie ihm nach wenigen eiligen Dankesworten eine genaue Beschreibung seines Weges und wollte gehen. Der Fremde reichte ihr mit freundlichem Lächeln die Hand und sagte: „So lassen Sie uns wenigstens, bevor wir scheiden, Glück für unser nächster Zusammentreffen wünschen." Cora konnte die so gebotene Hand nicht zurückweisen. Der Fremde hielt sie einen Augenblick, als ob er mehr sagen wollte; da entzog sie ihm dieselbe hastig und lief davon. Er blieb einige Minuten stehen und blickte ihr nach; dann murmelte er: „Ich bin begierig, zu erfahren, ob Lady Marian nur. halb so hübsch ist," und schlug den ihm bezeichn neten Weg ein. (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gtzne. Roman nach. Victorten Sardou und F. Morrean- Deutsch von Adele Berger. (Fortsetzung.) IX. Der Schwur unter den Pappeln. Der Graf von Surgöres, dessen in der Nähe von Laval gelegenes Schloß feine geborstenen Thürme im Main badete, hatte sich beim ersten Grollen der Revolution beeilt, das gastliche Ufer des Rheins zu gewinnen. Er hatte sich zuerst in Trier, dann in Coblenz nieder- gelassen, entschlossen, den Umsturz als ruhiger Zuschauer zu beobachten; nominell wohl in der Armee der Fürsten Dienste nehmend, aber obwohl kaum über die Fünfzig, sein Alter und seine vorzeitige Gebrechlichkeit vorschützend, dachte er vor Allem daran, gut zu leben und in Ruhe unter dem Schutze der kaiserlichen und königlichen Armeen in den stillen, kleinen Städten am Rhein die Ereignisse abzuwarten. Die Eile, in der er seine Güter verlassen hatte, rührte nicht bloß von der Angst vor den Sansculotten ober der Liebe zu seinem Fürsten her. Rach wenigen Jahren kinderloser Ehe Wittwer geworden, hatte der Graf schon seit ziemlich langer Zett eine geheime Liaison mit der Frau eines benachbarten Edelmannes, eine» feurigen Royalisten, der feit der Nacht vom 4. August nur davon sprach, zu den Waffen zu greifen, die Sturmglocke zu läuten und seine Bauern zur Vertheidigung der Religion und der Lilien aufzurufen. Infolge der Intimität mit dem Nachbar hätte Graf Surgore» nicht umhin können, sich demselben anzuschlteßen. Aber er besaß nur sehr friedliche, ritterliche Gelüste, und sich auf die den Damen gebührenden Huldigungen beschränkend, überließ er die Ehre de» Kampfes den Liebhabern brutalerer Heldenthaten. Außerdem begann ihm seine Liebessclaverei furchtbar lästig zu werden. Die Dame seiner Gedanken war nicht nur von den Jahren begnadet geworden; sie, die einst so zart, so elegant, so duftig, so poetisch-sylphidenhaft gewesen, war jetzt eine ttbuste und massive Vierzigerin, von mächtigem Umfang. Der Graf aber war ein Mann von Geist und noch immer ein Freund des Vergnügens, der Vorwürfe, Thränen, Eifer- sucht und Drohungen haßte. Sein unabhängiger, etwas philosophischer Character — er hatte in seiner Jugend' in Paris mit den Encyklopädisten verkehrt — fügte sich schlecht unter em Joch. Die Kette eine» sündigen Verhältnisse» dünkte ihm am allerunerträglichsten. Wenn er die ermüdende Stellung eines erklärten An- reters der Marquise von Lonvigns so lange geduldig er- tragen und behalten hatte, so geschah dies, weil er zu wenig Geld besaß, um bei Hofe leben zu können, und weil die Marquise in den Schlössern der Umgebung die einzige Dame war, der man den Hof machen konnte. Um ihr eine Rivalin zu geben, hätte er seinen Aufenthalt verändern, n irgend einem fernen Schlosse eine liebenswürdige Chate- laine suchen oder sich zum Bürgerthum der Stadt herab- 284 taffen müssen. Als weiser Mann hatte sich Graf Sur- gSres mit dem Glück begnügt, das sich im Bereiche seiner Hand fand. Aber da die Ereigniffe günstig einhalfen und einerseits der Marquis ihn absolut in die Wälder schleppen und zur Teilnahme am Guerillakriege preffen wollte, anderseits die Marquise Lust hatte, in dieser Fronde, die schrecklich werden konnte, die Herzogin von Longueville zu spielen und mit einer weißen Cocarde am Hut und Pistolen im Gürtel über die Landstraßen zu galoppieren, hatte sich der Graf vollständig entschloffen, den Weg der Emigration einzuschlagen. Dieser Entschluß hatte den doppelten Vortheil, an seinen Gefühlen der Treue gegen seinen König keinen Zweifel zu kaffen und ihn gleichzeitig von der lästigen Amazone und dem allzu kriegerischen Edelmann zu befreien. Er stand allein und war verhältnißmäßig frei. So kündigte er eines schönen Tages seine Abreise an und beschleunigte sie, indem er vorgab, eine dringende Botschaft der Grafen Provence erhalten zu haben, der ihn einlade, sich ihm so rasch als möglich im Auslande anzuschließen. Aus Furcht, daß der Marquis auf seinen Bauernkrieg und vor allem die Marquise auf ihre Ritte durch die Ebenen der Pfalz verzichten könnten, fügte der Graf boshaft hinzu, daß der Graf von Provence seinem treuen Longvigno für dessen Eifer, die westlichen Provinzen der Krone zu bewahren, seinen Dank ausdrücken lasse. Bon diesem Zeichen königlichen Vertrauens entzückt, ließ der Marquis den Freund abreisen. Die Marquise weinte ein wenig, aber ganz getröstet durch den Gedanken, Krieg spielen, einen Hut mit einer Cocarde aufsetzen und einen Karabiner an den S itel des mächtigen Pferdes, das sie tragen wü-de, hängen zu können, lächelte sie unter Thränen, als der Graf von SurgSres, in Gegenwart ihres Gatten von ihr Abschied nehmend, um die Erlaubniß bat, sie umarmen zu dürfen. Während er, durch die hohen Stickereien, dis ihre Brust bedeckten, etwas genirt, die Lippen zu ihr neigte, hatte er Zeit, ihr zuzuWstern: „Wachen Sie Über Reuse. Ich werde sie vor der Abreife aufsuchen." Die Marquise nickte bejahend mit dem Kopfe^,. zum Zeichen, daß sie verstanden habe und seines Wunsches gedenken werde. Leichtherzig, froh und sorglos winkte der Graf mit dem Knopf der Reitpeitsche seinem Freunds, dem Marquis, bet berM Mr an die Hohlwegs dachte, wo er sich mit seinen Pächtern hostiren und den einzeln oder in kleinen Trupps marschirenden Solvaten der Republik auflauern würde, einen Abschiedsgruß zu, da?n begab er sich in der Richtung von Fougöres zu einem reinlichen, weißen Hause, das allgemein die Garderie genannt wurde. Hier war einst das Jagd- rendezvous der Edellsute vom Main gewesen. Der Graf hielt sein Pferd vor dem den Hof einschließenden Staket an, in dessen Mitte sich das Häuschen befand. Sein Kommen erschreckte die im Grase pickenden Hühner und die inmitten einer halb von grünem Schlamm bedeckten Pfütze schnatternden Enten. Ein Hund begann zu bellen. „Still, still, Ramonneau!" rief eine laute Stimme. „Erkennst Du nicht unfern guten Herrn?" „Ja, ich bin's. Vater Brisse. Was gibt'S Neues in der Ggrderie? „Nichts Neues, Monseigneur!" antwortete der alte Forst- wart, der in seinem Sammtrock, gestiefelt, den Hirschfänger an der Seite, auf der Schwelle seines Hauses stand, bereit, die Hunde von der Hetzjagd abzukoppeln oder zum Anstand bei Sonnenuntergang die Flints loszuhaken. „Will Monseigneur mir die Ehre erweisen, einen Augenblick einzutreien und einen Becher Cider einzunehmen?" (Fortsetzung folgt.) Nor kaan Tomer in's Quaddier. Es wohnt seit Joahrn e Mann euch hier, Der nimmt kaan Tonner in's Quaddier, Wie aach sei Dochder bei ihm flennt. Sein dicke Kopp ka Mitleid kennt. „Aan Tonner doch uff alle Fäll, Lieb Vadderche, den nimmsde, gell? Aan, Vadderche, gell? ganz gewiß, Und wann's aach nur en klaaner iS." „Noch nedd en Halme, sag' ich Dir, Ich nemm kaan Tonner in's Quaddier, Ich braach zom Tonnfest kaan Besuch, Ich maan, es kost schund so genug." Der Mann is goar nedd so gestellt. Daß er nedd kennt, der Mann hoadd Geld, Bewohnt e Haus for sich ellai, Platz wär for fufzig Tonner brat. Doch is ’r hungrig wie e Mott Unn schennt, als wär'r halb bankrott. Er dreht euch jede Mark herum, Als brächt'n zwanzig Pfennig ttm.. Der Wohnings-Ausschuß, der do kimmt, Unn froagt, ob he kaan Tonner nimmt, Dem saht 'r: „Mir douds lad genug, Doch kann ich nedd, ich krieh Besuch." Unn d'r Verwanschaft in d'r Fern, Der schreibt'r: „Ach, von Herze gern Ledt ich Euch ei zom Tonnerfest, Doch geht's nedd, ich krieh Ehrengäst. Acht Tonner nemm ich in's Quaddier, Do bleibt jo kaum e Plätzche mir; Gell, leiwer Bruder, wie fatal, No, drest Dich uff e annerntal." Er denkt dernoach: „Mit Ruh unn Fridd Mach ich des -Tonnerfest jetzt mit. Dann Gäst, die koste immer Geld, Wann ntersche noch so drocke hält. Ach haw ich so mai Ehr geredd, Des Coinidee verdenkt mersch nedd, Unn mai Verwanschaft sieht doch kloar, Daß ich sehr badriottisch woar." E poar Doag druff, es woar noch hell, Do rabbelds pletzlich an d'r Schell; Der Mann, der guckt Euch uff die Gaß Unn wird vor Schrecke doreblaß. Denn drunne vor d'r Dier am Haus, Do stehn d'r sechs, 's is en Graus, Unn mache uff die Dier in Eil Unn kreische laub errei: „Gut Heil!" „Ach, Unkel," ruft der Eine bann, „Du bist ’n echte deutsche Mann, Dei Brief hoat uns so sehr gefreud, Drum komme mer bereits schund heut. Acht Tonner nimmsde in Quaddier, Guck, Upkel, so gefällst De mir, Mer sein jo Tonner, wie De siehst, Un lauter Landsleid, die De kriehst. Mer kumme extra schtmd so frie, Damit bassirt kaan Errdum hie. Mer fragde deshalb an der Baa Gleich bei dem Wohnings-Ausschuß na. Unn hawe dem Dein Brief gezeigt, Die Herrn gebitt, es ging vielleicht, Daß mer zufamme ai Quaddier Bekäme 6*; meim Unkel hier. Die Herrn rooarn voller Lebensart Unn schriwe uns sofort die Kart. No, Unkelche, so drest Dich doch, Die Zwaa, die fehle, komme noch." Urterttw; «. Bch-tzd a. — »rw6 O**^»4B**. mrt Gteuidruckern (Pietsch * Gcheybch