1895 SamStag dm 18. Mai. Nr. 59 ülKilk'fil'lälk'l’ k'KCRCr UntrchaltMgMatt?um Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) .ViLiU^' '7- mM Die Tochter des Meeres. Roman von A. Nicola. (Fortsetzung.) „Goto, warum thun Sie mir mit solchen Worten weh?" sagte Faro und versuchte in ihre abgewendeten Augen zu sehen, die sich mit Thränen stillten- „Genügt er Ihnen nicht, daß ich Sie als meinen Pfleglirg . . . mein Mündel, wenn Sie wollen . . . ansehe? Was wollen Sie noch mehr?" „Ich bin Ihnen ja auch dankbar dafür. Nur, bitte, lassen Cie mich in Ruhe und Frieden!" entgegnete sie un- geduldig. „Es ist unrecht, sehr unrecht, ich weiß es wohl," fuhr sie in sanfterem Tone fort, der ihrer Schönheit noch mehr Reiz verlieb, „doch ich bin beklagen swerth eigenflnnig und unlenksam, wenn es mich bisweilen überkommt, welch' seltsames Schicksal in meinem Leben liegt, als namenloser Findling bei fremden Leuten zu sein." „Waren Sie auch so gegen Ruppert?" fragte er leise- Sie wich erzürnt zurück. „Sprechen Sie nicht von ihm, wenn Sie mich nicht rasend machen wollen," sagte sie. „Sie haben es mir versprochen." „Aber ich will ja nur seine Stelle einnehmen. Sie sollen sich unter meiner Obhut so sicher fühlen, wie bei ihm," be- theuerte Lord Faro. Sie schüttelte den Kopf. „Nein! Nein! Das ist unmöglich! Er liebt mich . . . der arme Rupert!" „Und lieben Sie ." Er stockte und sein blasses Gesicht bedeckte sich mit einer dunklen Röthe. Doch rasch faßte er sich wieder und sagte in leisem, schmerzlichem Ton: „Und auch ich liebe Sie, Cora!" Während er diese Worte langsam sprach, beobachtete er ihr Gesicht, um zu sehen, welche Wirkung seine Worte auf sie ausübten. Aber nur Ungeduld und Spott zeigten sich auf ihrem Gesicht, als ob eine Liebe, wie sie sich dieselbe von ihm ihr gegenüber vorstellen konnte, ihr nur eine Qual wäre- „Es ist sehr freundlich von Ihnen, so zu sprechen, aber Ihre Worte werden ja nur von Güte und Mitleid dictirt," sagte sie. „Wenn ich Ihre Tochter wäre, würde es anders sein, aber so . . ." Und sie entzog ihm mit ungestümer Bewegung ihre Hand, die er in die seine genommen hatte. „O, ich sehe," rief er ärgerlich aus, „daß Sie die Liebe verschmähen, die Ihnen durch Thaten bewiesen wurde! Sie lassen sich von der Jugend blenden und bethören. Und Sie werden unter Ihrer eitlen Thorheit leiden," fuhr er mit spöttischem Lachen fort, „und ich vielleicht für die meine." Sie sah mit einer gewissen schmerzlichen Bestürzung auf. In ihren Zügen war aber nichts von Berwirrung oder Reue zu entdecken. „Ich will wieder fortgehen," sagte sie einfach, „wenn Sie Ihre Großmuth bereuen. Ich will Sie von der Last der armen Cora befreien, die, wie es scheint, nur dazu geboren ist, Allen, die sich ihrer annehmen, Schmerz und Roth zu bereiten- " Cora konnte sich den Kampf in Lord Faros feinen Zügen, dar krampfhafte Zusammenpreffen seiner verschlungenen Finger nicht erklären- Sie glaubte nur, er erwäge ihren Vorschlag und schwanke zwischen Pflicht und Neigung- „Es wird wohl das Beste sein!" drängte sie weiter. „Ich sehe, daß Sie in peinlicher Verlegenheit sind. Lassen Sie mich wieder fort, lieber Freund!" Der Ton, in welchem sie die letzten Worte sprach, entfesselte den ganzen Strom seiner Liebe. „Nimmermehr!" rief er erregt. „Nimmermehr! Ich kann mich nicht von Ihnen trennen! Coro, Sie sind dir einzige Freude meines Daseins .... der Sonnenschein meines kalten, traurigen Hauses! Wenn Sie meinen, mir nur die geringste Dankbarkeit schuldig zu sein, so bleiben Sie bei uns! Sie können, Sie dürfen mich nicht verlassen!" fuhr er mit einem Anflug von Heftigkeit fort, der da» Mädchen erschreckte. „Wie Sie wollen," entgegnete sie unterwürfig- „So lange ich Ihnen Gute» damit erweisen kann, habe ich versprochen, Ihren Schutz und Ihre Güte anzunehmen. Ich will mein Wort halten." „Da» ist recht," sprach er. „Ich könnte es mir nicht vergeben, wenn ich eine Pflicht versäumte, die ich einmal übernommen habe. Sie find so lange an mich und ich an Sie gebunden, bi» Sie stch unter einen anderen Schutz stellen 284 nur von hören, daß Sie fort wollten, es erregt und verdrießt mich.' II Absichten zu nichts Er lachte munter. „Hm, ich verstehe Sie! Doch ich werde die erhalten, und Sie sollen es nicht bereuen." Und er glitt rasch durch die Glasthür, die nach der Terrasse führte, bevor Cora Zeit fand, zu antworten, und verschwand zwischen dem dichten Buschwerk. Cora wußte, welche Macht der junge Lord über seine Nichte hatte. Voll Verachtung hatte sie dar Gemisch von Tyrannei und Huldigung beobachtet, mit welcher sie dem reichen Erben begegnete. Sie wunderte sich daher nicht, als die Tante den kurzen kalten Wunsch aussprach, sie möchte an dem ereignißoollen Abend in der Gesellschaft erscheinen. „Da Miß Netta noch jung ist, ist es vielleicht beffer, wenn ein aus dem Schulzimmer ihr vertrautes Element in ihrer Nähe ist," sprach sie. Cora gab ihren Gehorsam, in ihrer gewöhnlichen Weise kund. „Sie können sich in weißen Muffelin kleiden," fuhr die alte Dame in trockenem Tone fort, „und eine Schärpe von Miß Netta dazu tragen. Das genügt schon, denn es wir! Niemand Zeit haben, Sie viel zu beachten. Ich habe über- Haupt nicht gedacht, daß Sie hofften, an dem Balle Theil zu nehmen." Coras Kopf war so abgewendet, daß Lady Emily den spöttischen Zug auf dem jungen Gesicht nicht sehen konnte,- sonst hätte sie vielleicht augenblicklich ihre Eclaubniß und ihr Anerbieten wieder zurückgezogen. Langsam begab Cora sich an dem ereignißoollen Abend in ihr Zimmer, wo das Hausmädchen, die freundliche Martha, mit triumphirendem Lächeln auf sie wartete. „Sehen Sie nur das Kleid, Miß Cora!" rief sie. „Ist das nicht herrlich? Und es paßt Ihnen gewiß." Cora war kaum eines Wortes mächtig, als ihr erstaunter Blick auf das vor ihr liegende Kleid fiel. Er war ein mattgelbes Costüm, wie es blaffe, brünO Damen so gut kleidet, reich mit schwarzen Spitzen garckt . . . ein Costüm, wie es sich eine Gräfin nicht schöner toüw schen konnte. Ein Schmuck kostbarer Perlen für Hals und Arme und ein Pfeil für das dichte, glänzende Haar, das keines anderen Schmuckes bedurfte, vollendete die Toilette, vor welcher die verwirrte Waise athemlos stand. „Martha, was soll das heißen? Hat Lady Emily . .. o, wie gütig!" klang es von ihren Lippen. „Lady Emily? . . . Miß, ich glaube nicht, daß sie etwa« damit zu thun hat," sagte das Mädchen mit einer Entschiedenheit, welche Cora hätte verrathen müssen, daß die Dienerin mehr davon wußte, wenn das schöne Costüm sie nicht so ganz in Anspruch genommen hätte. „Denken Sie doch, Miß Cor« der Anzug kam in einer Kiste von London I Und Lady Ench hat mir ja noch kürzlich strengen Befehl gegeben, ja nicht» von Miß Nettas Sachen, die jene vielleicht doch nicht trüge, für Sie zu nehmen." Cora sann einen Augenblick über das Geheimniß nach, lächelte aber bald selbst über ihre eigene Thorheit. Natürlich war es Lord Faro gewesen, der auf diese unverantwortliche Weise die von der Eifersucht dictirten Befehle seiner Schwester umgangen hatte und ihr ohne Vorwürfe und Einmischung Anderer die beabsichtigte Demüthigung ersparen wollte. „Nicht wahr, Miß, Sie werden es doch tragen?" fragte Martha ängstlich, als Cora noch immer staunend vor dem kostbaren Kleide stand. Es wäre eine -für ein so junges Mädchen unnatürliche Haltung gewesen, hätte Cora die untadelhafte Toilette uu meiner stolzen kleinen Cousine und ihrer Tante machen. Fürchten Sie nicht, Miß Cora, daß ich Ihre Sclavsret noch verdunkeln könnte, anstatt sie durch ein paar Strahlen der Freude und Heiterkeit zu vergolden. Aber versprechen Sie mir, daß Sie mir folgen wollen, wenn Sie einen Wink Und ohne ein weitere» Wort oder auch nur einen Blick wandte er sich zum Gehen und ließ Cora mit dem Gefühl hoffnungslosen Verdachtes und in großer Bestürzung zurück, da sie keine Aufklärung für das seltsame Geheimniß von Lord Faros eigenthümlicher, aber unverkennbarer Aufregung finden konnte. VII. In der Villa Faro» herrschte ein reges Leben und Treiben. Der Geburtstag Nettas stand bevor. Derselbe sollte mit einem glänzenden Ball gefeiert werden, obgleich Netta erst sechzehn Jahre alt wurde, aber Lord Belfort hatte einen von seiner jungen Cousine lebhaft geäußerten Wunsch aufgefaßt und durch allerlei Drohungen und Ueberredungs- künste sowohl Lady Emily al» den Vater der jungen Erbin zu überreden gewußt. Alle waren mit den Vorbereitungen zur Festlichkeit beschäftigt, nur zwei ausgenommen: der Herr des Hauses und Cora. Diese saß entweder allein im Arbeitrzimmer, über ihre Bücher gebeugt, oder am Flügel, dem sie wunderbare Töne zu entlocken gelernt hatte. Was lag ihr daran, daß die Empfangszimmer decorirt wurden oder daß Netta über die Wahl ihrer Toilette mit den Modistinnen verhandelte? Cora hatte keinen Theil daran. Sie konnte ja gar nicht hoffen, auch nur einen Blick auf die glänzende Scene werfen zu können, denn sie würde zu stolz feto, sich in ihrem einfachen Anzug und als Dienende der Heldin des Festes heimlich in den Salons zu zeigen. Doch es war hart. Sie war schöner als Netta und da sie auch älter war als diese, so war es um so bitterer, daß ihr die Theilnahme an dem Feste versagt bleiben sollte. Vielleicht waren es solche Gedanken, welche der Melodie, die Cora leise dem Clavier entlockte, das Traurig-Sinnige verliehen, das mehr den Klagetönen einer Aeolsharfe glich. Sie ähnelte einer Muse, wie sie so über die Tasten gebeugt dasaß ... so meinte wenigstens der heute ihm Hause anwesende Lord Belfort, als er einige Augenblicke vor dem Clavier stehen blieb, um den Tönen zu lauschen. „Sie müssen die Musik wirklich leidenschaftlich lieben, daß Sie sie dem Vergnügen vorziehen, das uns Allen die Köpfe verdreht, Fräulein Cora," sagte er, als die Töne verstummten. „Ja, ich liebe sie sehr. Es gibt wenig, was mir so viel Freude macht," antwortete sie freundlicher als gewöhnlich auf die lebhaften, scherzhaften Compliments und Bemerkungen des jungen Edelmannes. Cora fühlte sich in der That so vereinsamt, daß ihr der Gedanke wohlthat, daß Jemand in dem lebhaften Treiben dieser festlichen Zeit voll Interesse an sie dachte. „So tänzen Sie nicht gern?" fragte er. „Ich weiß er nicht ... ich habe es noch nie versucht," versetzte sie kühl. „Aber Sie werden es bald versuchen," antwortete er. Cora schüttelte den Kopf. „Sie wollen damit doch nicht etwa sagen, daß Sie nicht Theil an dem Balle nähmen!" rief er erstaunt aus. „Allerdings!" versetzte sie ruhig. „Sie werden dabei sein!" sagte er mit Entschiedenheit. „Wenn ich nicht an Sie dabei gedacht hätte, würde ich überhaupt nicht zu dem Feste gedrängt haben. Netta ist für solche Vergnügungen noch viel zu sehr Kind, bei Ihnen aber ist es etwas Anderes. Ich habe mich darnach gesehnt, Sie zwischen dem Adel unserer Gegend in Ihrer seltenen Schönheit glänzen zu sehen, Cora," sagte er, sie halb scherzend beim Vornamen nennend. „Aengstigen Sie mich nicht, Sie werden dabei sein!" Sie lächelte halb spöttisch. „Vielleicht in meinem Alltagskleid als Miß Nettas Jungfer ? Nein, Mylord, es ist sehr freundlich von Ihnen, an eine solche Unmöglichkeit zu denken, aber es kann nicht feto! Bitte, werden. Und nun lassen Sie mich nicht» weiter darüber sprechen Sie nicht weiter davon! Es würde mir ........ ‘ Neuem weh thun." 235 bin bemüht, mich als Gesellschafterin von Miß Faro dankbar für seine Güte zu zeigen- . Die fremde Dame zuckte mit einer unverkennbaren Bewegung der Thetlnahme die Schultern. „Wie ist das möglich! .... Doch lassen Sie es sem! Ich werde dafür sorgen, daß Sie nicht wieder in Ihr Schulzimmer zurückgefchickt werden. Sie müssen mich recht bald auf Schloß Biddulph besuchen." Cora blieb nicht Zeit, hierauf etwas zu erwidern. Dre Musik verstummte und ein Herr kam rasch auf ihre Nachbarm zu- Er redete sie als Lady Marian an und entführte sie zu einem Walzer. Im selben Augenblick näherte sich Lord Belfort Cora mit triumphirendem Lächeln. „Jetzt werden Sie mit mir tanzen. Ich bitte Sie gar nicht darum, denn ich habe mir das Recht dazu erworben," sagte er lachend. „Sie sind mein Schützling, kommen Sie!" Cora konnte es ihm nicht verweigern. Sie wollte auch gar nicht, als die herrliche Musik ihr Ohr traf und das an- steckende Beispiel der tanzenden Paare sie einlud, sich ebenfalls in den Strudel zu stürzen. Und im nächsten Augenblick bewegte sie sich mitten unter den Tanzenden, mit Lord Belforts kräftigem Arm um ihre Taille. Es war ein herrliches Gefühl, dieser aufregende Tanz, inmitten der Musik und des Lichterglanzes, und ihrs elegante Toilette war ihr etwas so Neues, daß es sehr verzeihlich war, wenn sie für den Augenblick die Vergangenheit vergaß — sogar Rupert vergaß — und sich dem Zauber des Augenblicks hingab. __________ (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gme. Roman nach Victorten Dardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger. (Fortsetzung.) Und Lefebvre, seinen Aermel aufschürzend, ließ seiner Verlobten den rechten Arm sehen, auf dem eine prächtige Tätowierung stchtbar war: zwei gekreuzte Säbel, darüber eine flammende Granate und die Inschrift: Tod den Tyrannen! „ , . t „Nicht wahr, das ist patriotisch,!" sagte er stolz, indem er triumphierend den Arm ausstreckte; aber als sie die Hand erhob, um die Zeichnung zu betasten, rief er lebhaft: „Nicht anrühren — es ist noch frisch!" Catherine, das Meisterwerk zu beschädigen fürchtend, zog die Hand zurück. „Hab' keine Angst, es färbt nicht ab — es brennt nur. O, das wird vergehen — aber warte — in ein paar Tagen sollst Du etwas Schöneres haben. Mein Hochzeitsgeschenk," antwortete der Sergeant geheimnißvoll. Er wollte an diesem Tage nichts mehr sagen, und nachdem sie in der Wirthslaube fröhlich auf den Sturz des Tyrannen und ihre baldige Hochzeit, die die Folge fein würde, angestoßen hatten, kehrten Catherine und ihr Geliebter mit der Diligence von Charenton bis zur Rue du Bouloi zurück und gingen dann, bei dem boshaften Geblinzel der Sterne, zu Fuß nach dem Laden in der Rue Royale Saint-Roch, wo die Wäscherin, um rührende ©eenen zu vermeiden, dem Serge- anten plötzlich die Thür vor der Nase zuschlug und ihm zu- rief: „Gute Nacht, Lefebvre. . . hereinkommen wirst Du, wenn Du mein Mann bist!" „ „ Seither eilte Lefebvre, so ost sein Dienst ihm ein wenig Freiheit ließ, in den Laden, um mit seiner Landsmännin ein Viertelstündchen zu plaudern. Beide begannen zu finden, daß der Tyrann sehr lange Zeit zu seinem Sturze brauchte. Man kann stch daher vorstellen, daß Catherine die Dämmerung de« 10. August mit der doppelten Ungeduld einer guten Patriotin und einesffheirathslustigen Mädchens erwartete. „ , Die Sturmglocke, die ihren düsteren Klang in die Nacht hinausWckte, läutete für die Tuilerien das D@ beachtet liegen lassen wollen. Mit dem Gefühl dankbarer Freude fing sie an, Toilette zu machen und das Ballkleid an- zuziehen. Und als sie den schönen Schmuck angelegt hatte und sich in dem hohen Spiegel betrachtete, erhellte ein Lächeln ihre Züge. Sie erkannte kaum das einfache Mädchen von Bremen wieder und Martha erging stch in Ausdrücken höchsten Entzückens, als sie den Erfolg ihrer Bemühungen betrachtete. „Nun, das muß ich sagen, Miß Cora, ich Habs nie eine schönere Dame gesehen!" rief sie und öffnete der jungen Dame die Thür. - „Und Miß Netto kann sie trotz ihres At as- kleides, ihrer Juwelen und ihres Stolzes nicht verdunkeln, dachte sie vergnügt lächelnd, als Cora das Zimmer verließ. „Ich hätte mir doch auch eher dis Zunge abgebissen, ehe ich das Geheimniß verrathen hätte, auch ohne da» Goldstück, das ick dafür bekommen habe." , t ’ Cora begab sich in den Ballsaal, aber bekannt mit den Gängen und Corridore», stahl sie sich durch eine kleine Seiten- s thür hinein. i Ein paar Minuten lang war sie von Allem, was sie > sah, so geblendet, daß sie nur ein wirres Durcheinander von Juwelen und eleganten Kleidern erblickte. Aber allmälig gewöhnte sich ihr Auge an den Glanz und sie konnte die einzelnen Personen unterscheiden. Dort tanzte Netto mit Lord Belfort und die Freude des Triumphes färbte ihre schönen Wangen. Do stand Lord Faro und unterhielt sich mit einem fremden Herrn, aber seine Augen wanderten immer unruhig nach der Thür und ein ängstlicher Ausdruck lag auf feinem feinen Gesicht. Und neben diesen bekannten Gestalten wurde ihre Aufmerksamkeit auf ein schlankes, junges Mädchen gelenkt, neben welches sie stch in ihrer schüchternen Hast gesetzt hatte und deren entschlossene, aber nicht unweibliche Züge und seine, sichere Bewegungen ihr Vertrauen einflößten. Cora irrte nicht, wenn sie sich für den Gegenstand der Neugier seitens dieser Fremden hielt, deren Augen fragend auf sie gerichtet waren und welche schließlich ihre Stellung ganz änderte und in Coras halb abgewandte» Gesicht blickte. VIII. „Es scheint, wir thetlen zufällig oder absichtlich ein gleiches Loos," Hub die Fremde zu Cora mit fester Stimme an. „Ich meine, wir sind wohl die einzigen Damen in Balltoilette, die nicht tanzen." Cora mußte unwillkürlich lächeln, obwohl der sie ewig bedrückende Gedanke ihrer niedrigen Stellung die natürliche Antwort auf diese unerwartete Ansprache unterdrückte. „Ich glaube nicht, daß es au» dem gleichen Grund geschieht," erwiderte sie mit bald schüchternem Stolz. „Ich bin nicht zum Tanze aufgefordert worden. Sie ziehen jedenfalls vor, still zu sitzen." „Sie scheinen sehr bescheiden und aufrichtig zu sein," sprach die Fremde und ließ ihren Blick mit sichtlicher Bewunderung über die Gestalt de» anmuthigen Mädchens gleiten. „Aber für dieses Mal sind Sie mit Ihrer Vermuthung im Jrrthum. Ich tanze sehr gern Rundtänze, nur keine Quadrillen. Geht es Ihnen nicht auch so?" „Es ist heute das erste Mal, daß ich überhaupt tanzen sehe," sagte Cora. „Ich weiß nicht, ob ich es gern mag." „Ah! Ihr erstes Debüt! Wie ich Sie beneide!" fuhr die fremde junge Dame fett. „Da muß Ihnen der Anblick hier doch wie ein Bild aus einem Feenlande vorkommen I" „Ja und eben so schattenhaft," versetzte Cora. „Herrlich! Ich sehe schon, wir werden Freundinnen werden! Wo haben Sie sich die ganze Zeit hindurch versteckt ? Ich glaubte, ich kennte alle Schulzimmer ebenso genau wie die Salons fünfzehn Meilen in der Runde." Einen kurzen Augenblick färbten stch Coras bleiche Wangen mit einem tiefen Roth, als sie antwortete: „Es ist sehr natürlich, daß Sie nichts von mir gehört haben. Ich bin nur eine Abhängige hier in diesem Hause . . . eine Fremde aus Deutschland, deren Lord Faro stch gütig angenommen hat, und ich — 236 profundis und für die WäschtriiWas hochzeitliche Halleluja. Zwei Nachbarn, ebenfalls im Nachtcostüm, batten es Catherine nachgeahw.t und standen in gespannter Erwartung der Nachrichten auf ihren Thürschwellen. „Gibt es etwas Neues, Mamsell Sans-Gene?" fragte der eine über die Straße hinweg. „Ich warte auf etwas, Nachbar — gedulden Sie fich ein wenig, Sie werdend schon erfahren, wenn's etwas gibt." Aus der Rue Saint-Honors stürzte athemlos, denn er war rasch gelaufen, Lefebvre heraus, vollständig equipiert und bewaffnet, stellte fein Gewehr in die Thürecke und zog die Wäscherin mit kräftigem Arm an sich. „Meine gute Catherine, wie froh bin ich, daß ich Dich sehe! Es wird heiß werden — es ist schon heiß — heute gilt'ü! Es lebe die Nation!" Die Nachbarn hatten fich schüchtern genähert und fragten, was vorgehe. „Hört," sprach Lefebvre, sich stramm aufrichtend, als wollte er dem Tambour eine Proclamation vorlesen. „Vor allem vernehmt, daß man den tugendhaften Pötion, den Maire von Paris, im Schlosse ermorden wollte." Ein empörter Lärm erhob sich in der Zuhörerschaft. „Was hatte er denn im Schlosse zu thun?" fragte Catherine. „Teufel, er war als Geisel hingelockt worden! Stellt Euch vor, das Schloß ist eine wahre Festung, die Fenster find mit Balken verrammelt, die Thore verbarrckadirt, die Schweizer bis an die Zähne bewaffnet und die Ritter vom Dolche, diese Verräther, diese Freunde der Fremden, haben geschworen, die Patrioten zu tödten! O, wenn mir heute einer in die Hände fällt, der kann seine Rechnung abschließen!" rief Lefebvre mit fast wilder Energie. „Fahre fort!" sagte Catherine. „Hier gibt es keine Ritter vom Dolche, und es ist zweifelhaft, ob Dir einer in den Weg kommen wird. Und Herr Petion — was ist mit ihm geschehen?" „Er ward in die Nationalversammlung entsandt — dort ist er wenigstes sicher. O, er ist gut davongekommen!" „Hat man sich denn schon geschlagen?" „Nein. . . aber einer ward doch getödtet — Manton, der Commandant der Nationalgarde." „Euer Chef? Von den Schweizern?" „Der! Er war ja auf ihrer Seite — man hat einen von seiner Hand unterzeichneten Befehl gefunden, die Patrioten vom Fauburg von rückwärts zu erschießen, wenn sie bei dem Pont-Neuf angelangt wären, um sich mit den Kameraden von Saint-Marceau und Saint-Victor zu vereinigen — aber der Verrath ward aufgedeckt, der Verräther ins Stadthaus berufen, um sich zu rechtfertigen, von einem aus der Menge abgegeb eiten Pistolenschuß niedergestreckt . . . jetzt kann nichts mehr die Sectionen im Gange aufhalten . . . heute Abend, Catherine, sind wir Sieger, und in 6 Tagen heirathen wir! Da, hier ist schon mein Hochzeitsgeschenk — Du weißt, ich hab' es Dir versprochen." Und in Gegenwart der erstaunten Nachbarn entblößte der Sergeant seinen linken Arm und zeigte eine zweite Tätowierung, die zwei flammende Herzen darstellte. „Du stehst, was hier geschrieben steht," sagte er. „Catherine auf ewig!" Er bog sich zurück, um die Zeichnung besser bewundern zu lassen. „Es ist sehr schön — viel schöner als das andere!" sagte Catherine, roth vor Vergnügen, und fiel dem Serge- amen um den Hals, indem sie zweimal wiederholte: „O, mein Lefebvre, wie nett bist Du, und wie liebe ich Dich!" In diesem Moment zerriß Gewehrfeuer dis nebelige Luft. Die Kanonen antworteten. Die Schwätzer kehrten alle in ihre Häuser zurück. „Auf Wiedersehen, Catherine, ich muß fort, wohin die Pflicht mich ruft! Sei ruhig, wir «erden Negtt bleiben" sprach Lefebvre ftohen Muthes. Und sein Gewehr ergreifend umarmte er sie nochmals und entfernte sich nach der Richtung der Tuilerien. - Die Schweizer hatten auf eine kaum bewaffnete Menge geschossen, die mit ihnen unterhandeln wollte. Das Vestibül der Tuilerien, die drei Höfe und die Reitschule waren mit Leichnamen bedeckt. Aber schon wurde mit Schüssen ge- antwortet. Ludwig XVI. hatte sich in den Schutz der National- Versammlung geflüchtet, die sich um zwei Uhr morgens beim Klang der Sturmglocke versammek hatte, und die Gesetzgeber, unter dem Vorsitz Vergniands, dircutirten, in Erwartung der Ereigntffe, die Abschaffung des Negersklavenhandelr. An diesem Tage wurde die heilige Sache der menschlichen Freiheit aller Orten, ohne Unterschied der Raffe oder Farbe, vertheidigt. In der Loge des Logotachygraphen, des Kammerstenographen, wie man heutzutage sagen würde, der mit der Redaction der erstatteten Berichte betraut war, kauerte der Monarch und aß ruhig einen Pfirsich, taub gegen die De- konationen, die seinen Thron herabsiürzten, unbekannt mit dem Schicksal der Schweizer und der Edlen, die für ihn starben. Es wurde Heller Tag. Die letzte Nacht des Königthuinr war verstrichen, und die Marfeillaiser begannen singend te Sturm gegen die letzte Warte des Feudalismus. (Fortsetzung folgt.) Litevamsch-s Soeben erschien aus dem Verlage von I. g. Schreiber in Eßlingen Bet Stuttgart der XX. Band von Megger, dorferS Humortstische« Blättern und wir constatiren mit Vergnügen, daß dieser Band abermals einen Fortschritt bedeutet. Die einzelnen Nummern sind — ohne Erhöhung des Preises — nun um je zwei Seiten stärker als früher, daher sowohl der gediegene Text, als die künstlerisch vollendeten Jlln strqtionen namhaft vermehrt. Die schönsten Blüthen deutschen Hrmurs kommen hier in Wort und Bild in vorzüglichster Weise zur Verösfeni- lichung. Man kann dieses in seiner Farbenpracht einzig dastehende Blatt nur wärmstens empfehlen; es sollte in keinem Cafö, keinem Restaurant, aber auch in keiner Familie fehlen! — Der Abonnementspreis — in Nummern alle acht Tage oder in Heften alle vierzehn Tage erscheinend — beträgt pro Quartal 3 Mark und nehmen alle Buchhand langen, Zeitungskioske und die Post — unter Nr. 4191 des deutsch« Postzeitungsverzeichnisses — Abonnements entgegen. Probenummem versendet auf Wunsch die Geschäftsstelle: Meggendorfers Humoristische Blätter, München, Corneliusstraße 19. „Universum,* illustrirte Familienzeitschrift (Dresden, Verlag des Universum). Das neueste 16. Heft dieser vorzüglich redigirtcn Zeitschrift enthält u. a.: Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem: „Die weißen Rosen von Ravensberg". Roman. Fortsetzung. — Paul Lindenberg: Friedrichsruher Festtage. Mit Original-Illustrationen vm H. Haase. — I. Trojan: Recept zur Maibowle. — Dr. W. Bergmann: Die Nester unserer Vögel. — Peter Rosegger: Adam das Dirndel, Novelle. — Dr. W. Götze: Die Steh- und Sitzschulbank. — Ludwig Ganghofer: Schloß Hubertus. Roman. . Fortsetzung. — Ludwig Pietsch: Puvis de Chavannes, mit Porträt d.s Künstlers, sowie einen mit Bild geschmückten Beitrag über Slatin Pascha's Flucht aus der K fangenschaft des Mahdi. — Von weiteren Illustrationen nennen im nur die Vollbilder: I. Palmis: Sommerlandschaft und A. Lonza: Kasperletheater. — Der Preis des Heftes beträgt nur 50 Pfg. * * „Der Stet« der Weisen * Inhalt des 10. Heftes: „Con> servirung der Nahrungsmittel"; „Die Exsternsteine im Fürstenthum Lippe" von Regierungsrath Fr. Kraus (6 Abbildungen); „Straucheln auf fremdem Gebiete;" „Graphische Darstellung von Mondlandschaften" st Tafel und 2 Abbildungen); „Erdmagnetische Karten von Frankreich" (4 Kärtchen); „Drahtseilbahnen" (5 Abbildungen); „Brotsurrogate". Ferner in der „Kleinen Mappe" (15 Abbildungen): „Der Photo-Jumelle Carpentier", „Untersuchung des Rohzuckers", „die Sternwarte der neuen Universität in Chicago", „die echte chinesische Tusche"; „Städteplikne aus allen Welttheilen" (Afrika: Kairo, Suez, Port Said, Alexandria, Tunis): Bücherbesprechrmgen und Briefkasten (mit Abbildung). Der „Stein der Weisen" (A. Hartleben's Verlag, Wien) erscheint zweimal im Monate mit je 32 Quartseiten Umfang und 30 bis 40 Abbildungen und kostet das Heft nur 50 Pfg. Sckcctien: «. Scheyds. — Sntit und Bering der «rühl'schen Universität»^-, ch. und Steindruckerei (Pietsch & Scheydg) in Ließen.