Donnerstag den 18. April V *• V V ÄNmeMMf UnterhaUungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) Unebenbürtig. Roman von H. von Ziegler. (Fortsetzung.) „Faffe Dich, mein armer Wildenstein," sprach der Baron, sich zu dem Freunde ntederbeugend, „Sie ist nun droben im ewigen Frieden, und al» sie heimgtng, geschah'» versöhnt mit Dir!" „Wann starb sie? Weshalb erfuhr ich nichts davon?" fuhr Wtldenstein zornig in die Höhe, „ich wäre zu ihr geeilt weiß es Gott, durch Waffer und Feuer, um — um — sie noch einmal zu sehen!" „Du warst unterwegs, Rudolf, am selben Tage, da ich Deinen Brief aus Marseille erhielt, kam auch das Telegramm aus Mitau, welches mich sogleich hinrief." „Und Du warst bei ihr, Du Vielgetreuer," leidenschaftlich preßte der Graf des Freundes Hand, „wie bist Du reich — gegen mich! Sie hat dich angelächelt — und an mich nicht mehr gedacht!" „O, doch, Rudolf, ich sagte es Dir schon einmal. Als sie zum letzten Male zur Besinnung kam, ehe der Todeskampf eintrat, hielt sie mir die kleine Hand hin und sagte röchelnd: „Grüßen Sie Rudolf und sagen Sie ihm, daß ich ihn noch immer liebe!" „Therese," stöhnte Wildenstein verzweifelnd, „Du Engel! So hast Du an mich gedacht auch in der schwersten Stunde! O, ich Elender — sie ist tobt — und ich komme zu spät!" „Faffe Dich, Rudolf," mahnte Hohenthal mit zuckenden Lippen, „sei ein Mann! Ihr ist wohl nach all dem Leid, durch welches sie im Leben hindurch mußte." „Erzähle mir von ihr," bat der Graf nach einer Weile, al« er seine Faffung zurückgewommen, „Du hast so lange nichts geschrieben und ich — sehnte mich unsäglich nach einer Nachricht!" „Sie lebten in Mitau in Rußland, wo Stetten eine sehr vortreffliche Anstellung hatte, außerordentlich glücklich; Therese schrieb die heitersten Briefe und auch auf ihrem letzten Bilde sah sie blühend schön au»." „Wo ist da» Bild; Eduard, um Gotte« Barmherzigkeit willen, zeige e« mir!" Seufzend nahm Hohenthal eine Photographie aus seinem Portefeuille, reichte es dem Freunde und dieser unterdrückte nur mühsam einen Ausruf unsäglicher Qual. „Therese, mein Liebling! Meine einzige Schwester, warum kam ich zu spät!" „Rudolf," brach hier der Baron voll Bitterkeit los, „weshalb hast Du nicht früher auch nur ein einziges solches Liebeswort für sie gehabt! Wie konntest Du sie von Dir stoßen!" „Du hast recht, Freund," stöhnte Wildenstein. „Mache mir Vorwürfe, ich verdiene sie! O, und ich wollte sühnen — alles, was ich verbrochen, mit heißer Liebe sühnen — und nun schlummert sie schon im Grabe!" „O lieb, so lang Du lieben kannst," sprach Hohenthal feierlich, während sein Auge sich umflorte. „Nein, Rudolf, ich will Dir keine Vorwürfe machen, sie hat ja vergeben — und unser Herrgott wird es auch. Du leidest unsäglich, Du Armer." „Therese," murmelte der Graf, das Bild an seine Lippen preflend, „könnte ich statt Deiner im Grabe liegen! Vielleicht brächte Deine milde Hand mir einen Kranz! Welche Strafe ist doch oft das Leben, tausendmal besser der Tod — aber er kommt nicht!" „Zur Stetten ist vor einer Stunde nach Italien abgereist," sagte Hohenthal ablenkend, „er will ein längere« Gastspiel dort geben und hat mir indeß die Sorge für sein Kind übergeben. Nora soll in eine Pension gebracht werden-" „Hat er — von mir gesprochen?" Der Baron nickte ernst. „Ja, er erzählte, daß Du ihn im Theater aufgesucht und angesprochen habest." „Aber er sagte nicht« von — Theresen« Tode?" „Nein, er wollte Dir nicht dort den furchtbaren Schlag versetzen, Du solltest alle» durch mich erfahren." Wildenstein empfand mit scharfem Weh da» feine Tact- gefühl des Mannes, den er bislang für seinen Feind gehalten, doch er schwieg und Hohenthal fuhr fort: „Aber er nahm mir da« Versprechen ab, gegen Nora, auch wenn sie älter werde, nie zu erwähnen, wer ihre Mutter gewesen oder auch daß Du ihr durch Bande de« Blute» verwandt gewesen." „Eine harte, furchtbare Bedingung! So darf ich auch — 182 an bet Keinen nicht gut machen, was ich an ihrer Mutter gefehlt?" „Nein, sie soll nie erfahren, daß Du ihr Oheim bist, ausgenommen ihr Vater theilte es ihr einst selbst mit." „Und wie lange bleibt er in Italien?" „Vorläufig bis zum Herbst. Wo er stch dann niederläßt, ist unbestimmt; der Aermste ist noch so gebrochen über The- resens Tod, daß wir froh sind, wenn er stch zum Spielen am Abend aus seinem Innern herausreißt. Er hat ste unsäglich geliebt." Wieder wollte sich in Rudolf die alte Eifersucht regen, doch er beherrschte sich und seufzte nur schwer: „Wie war'» auch anders I Gerade damals, als ich sie aus meinem Herzen herausreißen wollte, liebte ich ste mehr denn je; sie war unseres Schlosses Engel und Sonnenschein — nachdem sie fortgegangen, wurde es öde und traurig." „Willst Du ihr Kind sehen, Rudolf?" Wie aus einem schweren Traume fuhr der Graf empor. „Ja, gewiß," rief er hastig, „und wenn es auch nicht wissen soll, wer ich bin, so will ich'» doch in die Arme schließen — und lieb haben." „Hm, Nora ist ein eigenartiges Geschöpfchen, und nicht allzu schmiegsam; mich liebt sie jedoch wie den eigenen Vater- Nora, mein Liebling, komm," rief Hohenthal liebevoll, die Thür zum Nebenzimmer öffnend, und sogleich flog ein kleines, blondes Mädchen herein und zu ihm hin. Es trug ein schwarzes Trauerkleidchen, auch die Haare wurden durch ein dunkles Band zurückgehalten, doch nach Kinderart strahlten die blauen Augen hell und fröhlich, trotzdem sie noch rothge- weint waren vom Abschiede des Vaters her. „Onkel Eduard," rief Nora lustig, „denke nur, ich habe zwanzig Schmetterlinge gezählt, die beim Fenster vorbeiflogen und Frau Anna sagt, wenn ich fünfundzwanzig gesehen habe, bekomme ich etwas geschenkt; ist das wahr, lieber, guter Onkel?" „Wenn es Frau Anna sagt, wird es wohl seine Richtigkeit haben," lächelte Hohenthal gütig. „Was wünscht sich denn meine liebe Kleins?' „Natürlich Chocolade, Onkel," lächelte sie schelmisch, „schöne, süße Pralines», wie mir Papa sie immer mitbringt, wenn er verreist war- Ach, ich esse sie so gerne, und — die arme Mama —" Hier drohte das Kinderstimmchen zu brechen, die blauen Augen füllten sich mit Thränen und der Baron sagte, rasch zu etwas Anderem übergehend: „Nora, wir sind nicht allein. Geh' zu dem Herrn und sage guten Tag." Das Kind rieb sich die Augen und ging dann sogleich gehorsam zu dem Fremden, um denselben zu begrüßen. „Guten Tag," sagte es. knixte und streckte freundlich das Händchen aus, doch plötzlich stockte die Stimme. Nora wandte sich, ehe noch der Graf sie anredete, zu Hohenthal und sagte kurz: „Onkel Eduard, soll ich dem Herrn denn auch die Hand geben ?" „Ja gewiß, Liebling; es ist ein neuer Onkel, der Dich sehr lieb haben wird." „Das glaube ich nicht,", antwortete das kleine Mädchen trotzig, „und ein Onkel tst's auch nicht — ich habe außer Dir gar keinen." Wie ein Blitz durchschoß den Grafen ein schneidendes Wehgefühl; einst hatte er der Schwester, die ihm flehend die Hand hingestreckt, hart und lieblos gesagt: „Ich habe keine Schwester." Und nun stand deren Töchterchen, ein Kind noch, vor ihm und erklärte mit genau derselben Schroffheit und echt Wildenstein'schen Kopfwendung: „Ich habe keinen Onkel." O wunderliche Nemesis! Sie schlug ihren Stachel tief in des gramvollen, einsamen Manne» Brust und zwar durch zarte Kinderlippen, die nicht einmal wußten, war sie sagten. „Aber Du kennst den Herrn doch gar nicht, Nora," gebot der Baron streng, „gib ihm die Hand, sage ich." „Er war schon damals so böse, al« ich mit der Mama bei Dir war, Onkel Eduard," entgegnete da» Kind mit blitzenden Augen, „ich erinnere mich noch ganz genau und — «erde ihm auch ganz gewiß keine Hand geben." „Laß sie, Hohenthal," sagte Wildenstein ernst, „sie hat unseren Character und der läßt sich nicht brechen. Vielleicht — kreuzt Theresen» Kind einst wieder meinen Lebenspfad; vielleicht führt Gott noch Alles gut hinaus. — Ich bin der einsame Einsiedler daheim, wie in der Wüste. Lebe wohl, ich fahre noch heute nach Hause." Als die Thür sich hinter dem Grafen geschlossen, warf sich die kleine Nora weinend in des guten Onkels Arme. „Onkel Eduard, bist Du mir böse, daß ich den fremden Herrn nicht leiden kann? Ach, sei mir doch wieder gut, bitte, bitte! Ich will'» nie mehr thun." „Es war sehr unrecht von Dir, Nora," antwortete Hohenthal traurig, „steh', der fremde Herr hat Deine Mama sehr lieb gehabt und war so erschrocken, als er hörte — sie sei gestorben. Und es hätte ihm Freude bereitet, wenn Du freundlich zu ihm gewesen wärst!" Am Abend desselben Tages kam von Graf Rudolf eine große Chocoladendüte.für Nora und ein Billet an Hohenthal adressirt, welches lautete: „Ich fahre nach dem Wildenstein. Wenn Du zurück bist, komm', bitte, gleich zu mir, damit wir zusammen plaudern können. Das Löwenfell, welches ich Dir mitbrachte, harrt noch Deiner Besitzübernahme. Lebe wohl auf Wiedersehen. Rudolf." Schon am folgenden Tage brachte Baron Hohenthal sein Pflegetöchterchen, wie er Nora nannte, in eine» der ersten Pensionats der Residenz, wo sie bis zu ihrer Einsegnung bleiben sollte. Das schon jetzt sich bei Nora kundgebende Talent zur Schauspielerin bekümmerte den Baron eigentlich sehr, doch sah er ein, daß es nicht in seiner Macht stand, hier einzugreifen. Der Kleinen ward der Abschied von dem geliebten Onkel bitterschwer. Als der Vater vor einigen Tagen fortreiste, blieb ihr noch immer Frau Ann», ihre Wärterin, und der Onkel Hohenthal, nun aber sollte sie ganz allein unter all' den fremden Menschen bleiben! Zahllose Kinderaugen starrten sie in dem Pensionats neugierig an, sie hörte leise» Flüstern, Kichern und Tuscheln, und mit einem Male brach die ungestüme Natur bet ihr durch. Sie lief, so rasch sie konnte, in da« Zimmer der Vorsteherin, einer gütigen alten Dame. „Ich will fort von hier," stieß sie weinend hervor, „denn sie sind mir Alle fremd und werden mich gewiß gar nicht lieb haben. Ach und — ohne den Onkel kann ich ganz gewiß nicht leben!" Die Dame sah verwundert da« schluchzende Kind an, dann aber legte sie tröstend den Arm um die kleine Gestalt und sagte mild und gütig: „Meine liebe Nora! Es ist zum ersten Mal im Leben, daß Du zu etwas gezwungen bist, was Du nicht magst; aber steh', wir müssen das Alle, denn der liebe Gott hat es so bestimmt. Er nahm Dein Mütterchen zu stch in den Himmel, ließ den Papa weit fortreisen, damit Du nun unter Fremden ein recht braves, kleines Mädchen werden möchtest. Und zu Weihnachten fährst Du zum Onkel Hohenthal, der Dich in klingendem Schlitten von der Bahn holen wird." „Aber bis dahin dauert es noch so lange!" „O nein; ein Tag vergeht so schnell wie der andere und es wird Winter sein, ehe wir es ahnen. Am Sonntag darfst Du zu mir kommen, Herzchen, und an den Onkel schreiben, willst Du? Er denkt gewiß viel, viel hierher und würde sehr traurig sein, wenn er wüßte, daß sein Liebling so außer sich ist." Die Kleine wurde ganz still, endlich nach einer Pause hob sie die thränenfeuchten Augen zu der liebevollen Sprecherin auf und fragte naiv: „Ich bin wohl gar nicht artig, liebe Tante? Onkel Eduard würde dann wieder so traurig aussehen wie gestern, als ich dem fremden Herrn nicht die Hand geben wollte. Aber nein, ich werde schon vernünftig sein und nicht fortlaufen." Und dabet rollten unwillkürlich die dicken Thränen wieder über die blaffen Wangen des kleinen Mädchen», aber energisch - 183 wischte sie dieselben ab und ging hinüber zu ihren neuen Genossinnen, denn sie wollte gut und artig fein, weil Onkel Eduard es wünschte. Zwölf Jahre sind vergangen und wieder jagte der Herbstwind über die Stoppeln. Graf Rudolf von Wildenstein, ein ernster, ruhiger Mann, anfangs der Vierziger, war zum Schwurgericht, in Vertretung eines erkrankten Geschworenen, in die Residenz gekommen, die er sonst nur selten besucht. Die Zeit ging fast ohne Abwechselung an ihm vorüber, nur sein dunkles Haar durchzog sich mit Silberfäden und das Lächeln verlernte er beinahe gänzlich; an eine Heirath dachte er nicht, all' sein Sinnen und Trachten lag in vergangenen Tagen und Theresens Bild blieb allein auf feinem Schreibtisch. Der Wildenstein ward ganz vortrefflich bewirthschaftet und seine Reinerträge mehrten sich von Jahr zu Jahr. Das war des einsamen Grafen höchste Genugthuung und dennoch fragte er sich oft mit bitterem Lächeln: Für wen schaffst und arbeitest Du? Für Fremde oder lachende Erben! Es war heute im Schauspielhause sehr voll, man gab die „Jungfrau von Orleans" und Wildenstein wollte sie gleichfalls ansehen; er hatte einen Brief seines Freundes Hohen- thal bekommen, worin derselbe gebeten, für die Aufführung des Stückes ihm ein Billet zu besorgen, er werde es bei dem Portier des Hotels abholen. Natürlich nahm Graf Rudolf zwei Plätze und ließ das Billet des Freundes zurück, wenn es derselbe abholen würde. Drüben in der Prosceniumsloge saß eine stattliche, elegante Dame, deren kostbarer Fächer in ununterbrochener Bewegung blieb; in dem gepuderten, hochfrisirten Haar funkelten Brillanten, am Gürtel des lilafarbenen Atlaskleides steckte eine halberblühte Theerofe. Wildenstein hob mehrere Male prüfend das Glas, endlich kräuselte ein spöttisches Lächeln seine Lippen; j», er erkannte sie wieder, die schöne Fürstin Melanie Porscu, doch wie unbarmherzig waren die Jahre mit ihr umgegangen! Dies breite, verfchminkte Antlitz, diese dicke Figur verriethen nichts mehr von ihrer einstigen Schönheit und das eigenartig schöne Haar versteckte sich unter häßlichem Puder. Die Fürstin war seit Jahren Wittwe und, da ihr Gemahl ohne Testament gestorben, auch Erbin seines ganzen großen Vermögens; sie machte ein großes Haus in der Residenz und hatte auch Wildenstein, ihren ehemaligen Anbeter, so dringend aufgefordert, sie zu besuchen, daß derselbe nicht umhin konnte, eine Karte bei ihr abzugeben. Heute Abend jedoch, als er sie im vollen Staate sah, hätte er sie beinah nicht wiedererkannt. Der Vorhang ging auf, das Stück begann und bald hatte den Grafen die zarte, jungfräuliche Erscheinung Johanna d Arcs völlig hingerissen^ das liebliche und doch ernste Gesichtchen mit den großen, dunklen Augen, die dunkelblonden, frei herabwallenden Locken und die durch da« kleidsame Bauern- costüm noch vortheilhafter gehobene schlanke Figur zogen den ernsten Mann auf unerklärliche Weise an. Dazu die weiche, sympathische Stimme, die natürliche Grazie in jeder Bewegung: unwillkürlich seufzte er tief auf, eine sonderbare Schwermuth erfaßte ihn und starr blickte sein Auge auf die Bühne. Wer war diese Johanna dÄrc, an wen erinnerte sie ihn? Ec blickte unruhig auf den Zettel, der Name der Darstellerin fehlte, nur einige Sternchen standen statt dessen da. , Act war vorüber,^ eine eigenthümliche Unruhe bemächtigte sich des Grafen und er erhob sich, um in's Foyer zu gehen; draußen war es schon sehr lebhaft, er vernahm allerlei Bruchstücke von Gesprächen, die alle von der schönen Schauspielerin handelten. - „Ich sah sie neulich als Ophelia, sie ist wunderschön." - „Und spielt trotz ihrer Jugend bereits ?or;üglich. — „Ja und dabei soll sie völlig zurückgezogen kben, der sie wie ein Argus bewacht." — fie u>ohl?" - »Ich weiß es nicht, der Vater fang früher unter anderem Namen." Ueber den Parquetbodsn des Foyers rauschte eine Schleppe, ein Lachen klang an Wildensteins Ohr, ein Fächer berührte seine Schulter. „Endlich finde ich Sie, bester Graf, wie gefällt Ihnen da« Stück? Geben Sie mir Ihren Arm, e« ist so voll hier draußen." „So oft ich die „Jungfrau von Orleans" sehe, ergreift mich die tiefpoetische Sprache darin auf'« Wärmste." „Ach, ich rede nicht davon, sondern von der Darstellerin der Johanna; ist sie nicht allerliebst?" „Gewiß, Durchlaucht,. eine ideale Mädchennatur, deren Schwärmerei für die Befreiung ihre« Vaterlandes man begreift." „Ich muß ergründen, wer sie ist. Sie muß bei mir verkehren, denn sie wird meins Salons durch ihre Erscheinung beleben." „Sie sind nicht ablehnend gegen solche Personen, Fürstin?" „Ich bitte Sie, lieber Graf, wer ist da« heute noch? Man muß in der Gegenwart auf Unterhaltung sinnen, der Zweck heiligt die Mittel." Mit tiefer Verneigung verabschiedete sich Wildenstein von Melanie, die ihm einen schmachtenden Blick zuwarf und in ihrer Loge verschwand; gleich darauf ging der Vorhang in die Höhe und das Stück nahm seinen Fortgang. Starr und unverwandt blickte Graf Rudolf auf die Jungfrau, wie au« weiter, weiter Ferne stieg in seinem Innern ein Bild auf; Zug um Zug verglich er es Mitwisser schlanken, lieblichen Erscheinung, sein Athem stockte, seine Hände sanken herab und die Zähne gruben sich tief in die Lippen. Da sank der Vorhang, er bemerkte Jemand neben sich, eine Hand legte sich auf seinen Arm und al« er emporsah, begegnete er Hohenthals ernst forschendem Blick — er wußte alles! „Ist sie es?" fragte er heißer vor Erregung, „Eduard, weshalb hast Du mir nicht alles gesagt?" „Weil ihr Vater es nicht will; er ist völlig unversöhnlich und zu stolz auf das Talent der Tochter, um demselben durch die Verwandten ihrer Mutter ein gesellschaftliches Relief zu geben." „Er singt nicht mehr?" „Nein, er verlor vor fünf Jahren seine Stimme völlig und lebt seitdem nur für Nora." * „Sie sieht ihrer Mutter nicht ähnlich und doch — jede Bewegung, jede« Lächeln erinnert an Therese." „Gott behüte das liebe Kind!" sagte Hohenthal bewegt, „ich liebe sie wie mein eigenes." „Darf ich sie auch außerhalb der Bühne sehen?" Fast angstvoll klang die Frage des Grafen, aber der Baron entgegnete kopfschüttelnd: „Ich glaube nicht, es sei denn bei der Fürstin Porscu, zu der sie morgen früh sich begeben wird; die Dame sandte Nora ein herrliches Bouquet und sie sagte mir, sie wolle ihr dafür danken." „Nora," murmelte der Baron, als der Vorhang sich wieder hob und das Drama sich immer weiter abspielte, er war wie im Traum, keine Miene des süßen Gesichtes entging ihm, urft ihn her versank die ganze Welt. Und endlich hatte die Jungfrau, auf ihrer Fahne liegend, den edlen Geist ausgehaucht, das Stück war zu Ende und alles strömte den Ausgängen zu. „Ich hole Nora ab, weil ihr Vater erkältet ist, lebe für heut wohl, Rudolf," sagte rasch Hohenthal. „Ich muß sie sehen," gab dieser hastig zurück, „doch ohne daß auch sie ahnt, wer ich bin. Ein Theil de« alten Grolles wird wohl auch in ihr leben; weißt Du, wie sie mir als Kind einst die Hand verweigerte?" „Jetzt ahnt sie nichts von dem Namen Wildenstein, kann ich Dir versichern; doch komm, hier stehen die Wagen und der Ausgang aus den Garderoben ist ebenfalls ganz in der Nähe." Stumm, tiefbewegt und durch eine Säule völlig den Blicken der Vorübergehenden verborgen, stand der Graf und wartete; ihm war's, als solle ein neuer Stern für sein einsame« Leben aufgehen, al« concentrire sich der Begriff von — 114 - Glück für ihn in der schlanken Mädchengestalt, die soeben tief verhüllt in'» Freie trat. „Onkel Eduard?" fragte die weiche, süße Stimme, zu Hohenthal gewandt, „ich habe Dich doch nicht warten lassen? Bist Du zufrieden gewesen?" „Ja, mein theure» Kind, sehr zufrieden und stolz, Du warst eine Johanna, wie Schiller sie geträumt." Silberhell klang Nora» Lachen an das Ohr des einsamen Lauschers. „Aber Onkel, Du machst mich ja ganz eitel mit solchen ComplimentenI Und doch freut'» mich von Dir am allermeisten, weil Du die Wahrheit redest!" (Fortsetzung folgt.) GeineinnNtziges. Um -en Lampendochten eine Erhöhung der Aufsange'FLHigkett zu geben, erhält nach dem Patente von Fr. Stübgen & Co. in Erfurt die Dochthülse nicht die Form eines glatten Rohres wie sonst üblich, wo also der Docht sich den Wandungen desselben völlig anschmiegt und die Aufsaugungs-Fähigkeit beeinträchtigt wird, sondern da» Rohr ist im Querschnitt wellenförmig oder gerippt, so daß der Docht nur in einzelnen Punkten dem Umfange anliegt, so daß das Oel durch die zwischen Wand und Docht verbleibenden Canäle zum Docht Zutritt hat. Umgekehrt wollen die Erfinder auch denselben Zweck dadurch erreichen, daß die Dochte keine glatte, sondern eine canellirte Oberfläche erhalten, so daß die Brennerhülse glatt sein kann. (Mitge- theilt vom Internationalen Patent-Bureau von Carl Fr. Rsichelt, Berlin, N.W.)* ♦ Mittel gegen Motten im Pelzwerk. Um Pelzwerk Jahre lang ausbewahren zu können, ohne daß sich Motten darin einfinden, dient nach einer Mittheilung des Intern. Patentbureaus von Heimann u. Co. in Oppeln folgendes Mittel: Man bringt in Spiritus etwas Kampfer sowie gepulverte Schale vom spanischen Pfeffer und läßt das Ganze einige Tage in der Ofen- oder Sonnenwärme stehen, bis eine vollständige Auflösung erfolgt ist. Diese so erhaltene Flüssigkeit wird nun durchgeseiht und das Pelzwerk gleich- mäßig damit bespritzt, worauf man letzteres zusammenwickelt und in feste Leinwand einschlägt. In Rußland, wo dieses Mittel als ein Geheimniß der Pelzhändler angesehen wird, ist es unter dem Namen chinesische Mottentinktur bekannt. Et« gutes Putzpulver für Silberzeug. Man mischt Kochsalz, Weinsteinrahm und Alaun, jedes zu gleichen Theilen, gut durcheinander. Wenn man von diesem Pulver etwas dem Wasser zusetzt, das Silberzeug darin auskocht und gut abtrocknet, so wird es nach dem „Wahrheitsfreund" wie neu. ♦ * ♦ Mit dem Hut tu der Hand kommt man gut durchs ganze Land, aber blankgewtchste Stiefel machen auch einen guten, empfehlenden Eindruck. Bei der Sliefelwichserei heißt es vor Allem: Allzuviel ist ungesund — wohlgemerkt allzuviel in Bezug auf das Aufträgen des Wichsstoffes. Es verstopft derselbe leicht die Poren des Leders und benimmt dadurch demselben die Fähigkeit, blank zu werden. Auch nicht alle Tage darf die Wichse auf das Schuhwelk aufgetragen werden, weil auch hierdurch der Fettgehalt in derselben leicht verderbend wirken würde- Alle sechs bis acht Wochen ist das Schuhwerk mittels lauwarmem Wassers gut zu reinigen und nach dem Trocknen frisch mit Wichse einzureiben. Wada» Handhaben der Bürste anbelangt, so kann ein kräftiges und anhaltendes Vorgehen nichts schaden. „Kurz und scharf" fei aber für den dabei anzuwendenden Takt das Losungswort. Der Wichse wird zeitweise etwas Kaffee oder Essig hinzugefügt. VeriMchtes. WaS falle« wie mit u«sere« Töchter« thu«? Gebt ihnen eine ordentliche Schulbildung. Lehrt sie ein nahrhaftes Essen kochen. Lehrt sie waschen, bügeln, Strümpfe stopfen, ihre eigenen Kleider machen und ein ordentliches Hemd. Lehrt sie Brod backen und daß eine gute Küche viel an der Apotheke spart- Lehrt sie, daß eine Mark 100 Pfennig werth ist, und daß nur Derjenige spart, der ^weniger ausgibt, als er sinnimmt, und daß Alle, welche mehr ausgeben, verarmen müssen. Lehrt sie, daß ein bezahltes Kattunkleid besser kleidet, als ein seidenes, wenn man Schulden hat. Lehrt sie, daß ein rundes, volles Gesicht mehr werth ist, al» fünfzig schwindsüchtige Schönheiten. Lehrt sie, gute, starke Schuhe tragen. Lehrt sie, Einkäufe machen und nachrechnen, ob die Rechnung auch stimmt. Lehrt sie, daß sie Gottes Ebenbild mit starkem Schnüren nur verderben können. Lehrt sie Selbstvertrauen, Selbsthilfe und Arbeitsamkeit. Lehrt sie, daß ein rechtschaffener Handwerker in Hemdärmeln und mit der Schürze, auch ohne einen Pfennig Vermögen mehr werth ist, als ein Dutzend reichgekleideter und vornehmer Tagediebe. Lehrt sie Gartenarbeit und die Freuden der freien Natur. Lehrt sie, wenn Ihr Geld dazu habt, auch Musik, Malerei und Künste, bedenkt aber immer, daß es Nebensachen sind. Lehrt sie, daß Spaziergänge besser sind als Spazierfahrten, und daß die wilden Blumen !gar schön sind für Diejenigen, dis sie betrachten. Lehrt sie bloßen Schein verachten und daß, wenn man ja oder nein sagt, es auch wirklich so meinen soll. Lehrt sie, daß das Glück in der Ehe weder von dem äußern Aufwande noch von dem Gelds des Mannes abhängt, sondern allein von seinem Charakter. Habt Ihr ihnen das Alles beigebracht und sie haben es verstanden, dann laßt sie, wenn die Zeit gekommen ist, getrost heirathen, sie werben ihren Weg schon dabei finden. F e i n e N a s e. Rath (vom Bureau nach Hause kommend) : „Ich rieche es, ich rieche es — heute gibt» Gänsebraten!" — Dienstmädchen: „Ach nee, Herr Rath, ich habe mir nur vorhin in der Küche die Stirnlocken gebrannt!" * Noch schlimmer. Pfarrer: „. . . Fräulein, haben Sie sich den Schritt auch wohl überlegt? Sie wissen, da« Heirathen ist eine ernste Sache!" — Junge Dame (resolut): „Jawohl, Herr Pfarrer — aber da» Sitzenbleiben ist noch viel ernster!" • Vor der Parade, zu welcher die höchsten Herrschaften erwartet werden, instruirt der Unteroffizier seine Mannschaften über die vorschriftsmäßigen Ehrenbezeugungen. „Was thust Du, wenn Majestät vorbeireitet?" fragt er einen Rekruten. — „Dann mach' ich Front und stehe stramm." — „Richtig. Und wenn eine Prinzessin vorbeifährt?" — „Dann mach ich Honneur." — Da klopft der Unteroffizier den Untergebenen auf die Schulter: „Thu' das man, mein Söhneken," sagt er, „aber pass' auf: aus'm Wagen springen, Dir ein paar in dieFresse hau'nund heididavon fahr'» — das ist das Werk eine» Momangs!" ♦ * Auf Umwegen. Gast: „Sie sind wohl schon lange Besitzer dieses Restaurants?" — Wirth: „Schon mehrere Jahre, und vorher hat mein Vater es geführt." — Gast: „Haben Sie dieses Huhn auch von ihm geerbt?" ♦ ♦ ♦ Bei einer Gemäldeausstellung. Galleriebesucher: „Weshalb müssen denn die Besucher hier ihre Stöcke und Schirme abgeben?" — Portier: „Wissen'», sonst könnt'« vorkommen, daß bei gewissen Bildern da» Publikum nach dem Maler fragt und ihn dann durchhaue« thät!" Sctectton: 1. Scheyda. — Druck unk »erleg der Brühl'scheu UniversitätS-Buch- und Steindruckerei «Pietsch * Scheyda) in Sitßa»-