ümilisM'ällsr icnencr Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) DittlS ‘bö öen 17. Demnver Nr. 149 1 i re' <9 Im Himmel. Novelle von Konrad Telmann. (Fortsetzung.) Eugen Helmstäbt war immer noch verwirrt und ver- stimmt. „In welchem Lichte stehe ich nun vor Ihnen da? Ah! Ahl Da bin ich ja schön in die Falle gegangen. Und wie Sie mich im Geheimen ausgelacht haben werden!" „Da» hab' ich nun allerdings wirklich gethan, denn es war ja komisch." „Wer konnte denn das aber auch denken! Ich begreife immer noch nicht. Sie haben so viel Chic, Air, — so viel Sicherheit —" „Bin auch ziemlich weit in der Welt herumgekommen. Dazu gelangt man ja al» Gouvernante. Jetzt war ich in England, — komme direct von dort her. Und ich habe mit Lord» und Lady» an derselben Tafel gespeist. Ja, wa» aus einer Landpomeranze nicht Alles werden kann, — selbst wenn sie kein Druwappel ist!" Sie lachte übermüthig. Eugen schwoll das Herz. Wenn er schon vorher in dies entzückende Geschöpf verliebt gewesen war, ihr ausgelaffener Spott jetzt brachte ihn vollends um seinen Verstand. „Sie sind grausam, mein Fräulein," sagte er, die Hände über seiner Brust kreuzend. „Einen, der sich auf Gnade und Ungnade ergibt, lacht man nicht so unmilde aus. Man weiß ja, wie gedemüthigt und elend er stch schon ohnehin fühlt. Seien Sie großmüthig und verzeihen Sie meiner Ahnungslosigkeit." „Wenn ich nur wüßte, wa» ich eigentlich verzeihen soll," erwiderte sie, immer noch mit Hellen Lachgrübchen um die Mundwinkel. „Ich habe mich köstlich amüsirt — viel mehr, al» sie ahnen. Und Sie haben sich mir in gar keinem un- günstigen Lichte gezeigt, sondern al» Einer, der mit seinen Ansichten nicht hinter'm Berge hält und gerade da» gefällt mir, da» liebe ich." Er betrachtete sie immer noch als ein leibhaftiger Wander. Er hatte stch trotz ihrer tröstlichen Erklärung gründlich blamirt, das war sicher, und wenn er stch jetzt gar fein Glück mit seiner unseligen Offenherzigkeit verscherzt hätte — „Wissen Sie, mein Fräulein, daß ich in diesem Augen« blick eigentlich zum ersten Mal in meinem Leben — einen Menschen Haffe — und zwar ein weibliches Wesen?" „DI Sie Haffen mich?" „Sie? Wozu dieser Spott? Rein. Aber die mir zu- gedachte Landpastorentochter hasse ich. Und gründlich, — leidenschaftlich. Wenn die nicht wäre, hätt' ich mich in diese Empörung gegen alle Landpastorentöchter und speciell gegen die, welche Gouvernanten werden, ja nicht hineingeredet und mich vor Ihnen nicht so bloßgestellt. Diese unleidliche Person, die ich förmlich vor mir sehe, in ihrer urgesunden Derbheit und frumben Sittigkeit, mit züchtig gesenkten Augen und einem Strickstrumpf in den großen rothen Händen, das schwarze Wollenkleid bis zum Kinn hinauf geschlossen, — erwürgen möcht' ich sie. Und bei all' ihrer Gottseligkeit hält sie es nicht einmal für unmoralisch, sich dem künftigen reichen Gutsherrn von Storkow behufs Eingehung einer christlichen Ehe so ganz improvtstrt an den Hals zu werfen!" „So!" machte sie ganz interesstrt, während er nach seinem zornigen Ausbruch zuerst einmal Luft schöpfen mußte. „Thut sie dar?" „Zweifeln Sie etwa daran?" „Vielleicht weiß sie von der ganzen Sache ja gar nicht» und kommt ganz ahnungslos an, während nur die beiden Onkel unter einander —" Er lachte höhnisch auf. „Jawohl, warum nicht gar! Das glaube, wer mag! Abgekartete Geschichte ist'», gekapert soll ich werden, ein Golt wohlgefälliges Werk will sie thun, mich verhärteten^Junggesellen, mich lockeres Weltkind will sie aus dem modernen Sündenpfuhl Berlin erlösen und auf der ländlichen Scholle fesseln, allwo wir einen christlichen Ehestand in Zucht und Sitten führen wollen und unsersm Gesinde allzeit mit gutem Beispiel vorangehen — das kennt man I Diese wohlerzogenen höheren Töchter! Die haben'» hinter den Ohren. Die wollen in aller christlichen Demuth vor allen Anderen versorgt sein. Sie nehmen die» Fräulein — ich weiß gar nicht einmal, wie sie heißt — die Nichte unseres alten, braven Pastors Riemer, jetzt doch bloß in Schutz, um mir zu opponiren, meine Gnädige, oder, um es noch ein bischen drastischer zu sagen, um mich zu ärgern, nicht?" 6fl4 völlig gleichgültig bin " dann leise, — „dar Eine, daß ich — ich glaube nämlich, ich 1 bin nun doch verliebt, zum erstenmale in meinem Leben - I und wenn ich also hoffen dürfte - ich sagte Ihnen vorhin, Fräulein, ich würde den Muth haben, auf Storkow und auf i alle mir daraus erwachsenden Vortheile zu verzichten, wenn etwas einträte, — nun und dies etwas - - * kennen mich ja erst sehr kurze Zeit und nicht ernmal von der ° günstigsten Seite, aber trotzdem — das Schicksal hat es so gefügt, daß wir zwei wildfremden Menschen un» nahegetreten sind, näher, als man dies unter gewöhnlichen Verhältniffen in Wochen erreichen könnte, und ich habe — ich bin —" Sie hatte schon ein paar Mal während seiner verwiorten, stotternd vorgebrachten Rede ängstliche Bewegungen gemacht, al» ob sie aufsprtngen und davonlaufen wolle; jetzt aber darr fein heißes Gesicht mit bittendem und verlangendem Aus druck wieder zu ihr aufhob, riß sie plötzlich ihre Uhr heraus und sagte erschreckten Tones: „Herr mein Gott, was ist da»? Da haben wir un» aber gründlich verplaudert I Ich komme ja kaum mehr zur Station, um den Mütagszug zu erreichen. Wir haben nicht eine Minute zu verlieren." Sie wollte aufspringen, aber Eugen griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. „Rein, mein Fräulein, so dürfen Sie nicht fort! Lassen Sie den Zug ohne Sie abgehen, — wa» liegt daran? Hier steht Höyere» auf dem Spiel — ein ganze» Menschenschicksal. Sagen Sie mir wenigstens erst, ob ich hoffen darf, — ob Sie mich — ob Sie den armen Refer en- dar, der niemals Gutsherr von Storkow werden wird, ein klein bischen lieb gewinnen könnten — er — er betet Sie an, er ist bereit, für Sie Alles zu thun, was Sie von ihm fordern werden. Nur versprechen Sie ihm —" „Lassen Sie mich los," unterbrach sie ihn, nicht zornig, aber entschieden, und befreite ihre Hand aus der seinen. „Ich will mit dem Mittagszuge reisen, verstehen Sie? Keine Macht der Welt wird mich zurückhalten, Und wenn Sie wirklich ein Cavalier und ein Ehrenmann sind, der sich die Hilflosigkeit eine» ohne Schutz retsendm Mädchen» nicht zu Nutze machen will, da» ihm bisher blindlings vertraut hat, — so werden Sie mich jetzt unverzüglich sicher bi» zum Wolden« beiger Bahnhos begleiten, Herr Referendar. Sie werden sogar noch mehr thun: Sie werden jetzt unten im Forsthause fragen, ob man mir nicht sofort einen Wagen zur Station stellen kann, denn ich fürchte, zu Fuße erreichen wir den Zug doch nicht mehr. Bitte also —" Eugen war aufgestanden. Er sah sehr blaß au», während die Hellen Schweißtropfen ihm auf der Stirn standen- Seine Lippen bebten. Er warf ihr einen anklagenden Blick zu, verneigte sich gemessen und sagte: „Ich habe Ihnen eben versichert, ich würde Alle» sür Sie thun, wa» Sie von mir fordern, und ich will mich nicht selber Lügen strafen Aber das Eine muß ich Ihnen doch sagen, ehe ich gehe, mein Fräulein: Die» eben war nicht edel von Ihnen gehandelt!' Mit langen, ungleichen Schritten ging er, ohne eine Ant- wort abzuwarten, von dem Buchenplatz zum Forsthause hinab. J Als er nach einigen Minuten zurückkam, machte e» ihm Die Idee | ben ^druck, als ob sie wieder sreundlicher und mit dem „Vor allen Dingen doch au» Eorpsgeist. Sie scheinen da» schon wieder zu vergessen, Herr Referendar!" Ach, was wollen Sie mir da weirmachen, mein Fräulein!* Sie und die Durchschnitts-Landpastorentöchter — Sie und die Durchschnitts-Höheretöchter überhaupt! Da» ist ge- rade so, als wenn die gloire de Vijon-Rose sich au« Corps- geist sür den Spitzwegerich in'» Zeug legen wollte! Blumen sind'» freilich Beide. Rein, nein, Fräulein, damit dürfen Sie mir nicht kommen." Sie hatte sich bei seinem schmeichelhaften Vergleich ironisch verbeugt und erwiderte nun lachend: „Dann also aus Ge- rechtigkeitsliebe, mein Herr. Denn Sie verdammen und vsr- höhnen diese Dame, ohne sie zu kennen; sür einen Juristen doppelt schmählich. Nun möchte ich Ihnen wirklich wünschen, diese verschmähte Landpomeranze entpuppte sich nachträglich al» ein ganz begehrenrwerthe« Geschöpf und, wenn Sre sie dann kennen lernten, entflammten Sie sich für sie und erhielten von ihr einen ganz regelrechten Korb —" , Eugen schüttelte sich söimlich vor Lachen. „, ist famo»! Dafür müßten Sie sich prämiiren lassen, mein j ötten humoristischen Zug um den Mundwinkeln ihm entgegen- Fräulein! Ich und von dieser Person einen Korb, während I c$aite lag überhaupt bei all' ihrem Uebermuth doch sie — Sie haben da» vorher selbst al» sehr wahrscheinlich | |mmet ^was treuherzig Gutmüthige» in ihren Augen, daß hingestellt — alle zehn Finger nach der brillanten Versorgung | man unmöglich böse sein konnte. Seine Haltung mußte aurstreckt und ich vor ihr davonlaufe, so weit meine Füße I Ketzin wohl eine günstige Wirkung auf sie hervorgebracht mich tragen wollen? Ah! Ah! Aber das ist großartig! Das I haben, denn er hörte einen milderen Ton au» ihrer Stimme ist unbezahlbar!" Und er lachte immer toller. | heraus, al» sie fragte: „Nun, können wir fahren?' „ „Ich habe Ihnen vorhin schon gesagt, Herr Reserendar, | „In zwei Minuten wird der Wagen bereit stehen. da» Leben spielt oft wunderbar mit un». Seien Sie also I „Ich danke Ihnen." nicht so ganz sicher! Ich meinestheil» möcht Ihnen diesen I gie roaif „och einen letzten Blick zwischen den Stämmen Korb sogar in vollem Ernst prophezeien!" „ I hindurch in'« Thal hinab, dann sah sie ihn an, der mit ge- „Aber, mein Fräulein, nun hören Si« doch auf, bat er I ’re6ten und gerunzelter Stirn vor ihr stand, ohne und rang nach Athem. „Ich kann za gar nicht mehr. Da» I * - fpre$ett. Bild: Ich vor dieser Landpomeranze um Erhörung bettelnd j y Sie sind mir böse?" — nein, e» ist wirklich klassisch. Und dabei schützt mich hier- | mle horste ich das?" sagte er mit verhaltener Er- vor doch schon Einer, daß ich —" — er sah sie an, al» ob I re " ' haben mir durch Ihr Benehmen ja so un- er sie bitten wollte, ihm doch zu Hilfe zu kommen und seufzte | .^deutia zu verstehen gegeben, mein Fräulein, wa» ich zu 1 hoffen habe, — daß Alle» eitel war, was ich mir einblldete, — Illusion und Anmaßung —" Sie schüttelte den Kopf. „Nicht so," sagte sie mit m verraten wenn i schalkhaft bittendem Ton. „Nicht diesen Weltschmerz hinein' - Äsie, Sie le«en - MUel 34 W « -«»ding- für b-H« Schall», ktt SÄi to Sie nicht -°«-den ,n »n, -ell - mit A-m Waal. - Ihretwillen. Glauben Sie mir! E» ist besser so tut Ich - sehen Sie: Sie wissen ja gar nicht, mit wem Sie er zu thun haben. Sir übereilen sich. Sie fühlen sich jetzt, durch diese Begegnung, durch den schönen Tag, durch den herrlichen Platz, durch die Erlebnisse de» Morgen», durch all' die« Ungewöhnliche und Absonderliche, da» Sie heu e durchmachen, angeregt und da glauben Sie nun, weil w» un» ganz gut zusammen unterhalten haben und weil e» Ihnen leid timt, daß e» schon zu Ende sein soll —" „Aber nein!" unterbrach er sie lebhaft- "Wie Sie reden! Da» ist e» ja gar nicht- Ich fühle ja ganz deutlich, daß ich zum ersten Mal im Leben wirklich liebe. Und wa» brauch ich Sie denn noch näher kennen zu lernen? Ich kenne ja, - ich weiß ja Alle» von Ihnen, wa» ich zu nnssen brauch- weiß, daß Sie da« entzückendste Geschöpf auf Gotte« Erde sind und daß ich ohne Sie nicht mehr —" „Der Wagen ist bereit, Herrschaften," klang e« von unten her mit der Stimme der alten Frau Försterin. „Und zu» Zuge wird'» hohe Zeit." „ Eugen seufzte. „Ich soll heute nicht zu Ende kommen, sagte er mit verzweifeltem Gefichtsausdruck und fetzte sei« Hut auf. „Darf ich Ihnen meinen Arm reAen, me n FW lein?" Er führte sie hinab. „Ich liebe Sie, Merte währenddessen, „ich liebe Sie, - bei Allem, was mir hM ist! Ich werde Ihnen immer wieder und wieder sagen, » ich Sie liebe, — den ganzen Weg hindurch, unaufhörlich u kein andere» Wort als die«: Ich liebe Sie! 34 liebe g — bi« Sie mir endlich sagen werden, daß ich Ihne« ««? 595 Sine leidenschaftlich heiße Wallung bebte in seinen Worten und er preßte ihren Arm fest in den seinigen. „Nein, nein,“ wehrte sie immer wieder ab, „Sie irren sich in mir, — Sie wissen gar nicht, wer ich bin. Es kann wirklich nicht fein —" Dann waren sie unten, wo ein Bauernwägelchen mit zwei von Pferdedecken überspreiteten Strohsäcken an Stelle der Sitze und einem mageren, hochbeinigen Fuchs vorn in der Scheere auf sie vor dem Forsthause wartete. Der flachs- haarige Knecht, der sie fahren sollte, stand mit der Peitsch", neugierig glotzend, daneben. „Die jungen Herrschaften werden sich sputen müssen," mahnte die Försterin, „der Zug wartet nicht. Aber vielleicht ist’« kein Malheur, wenn Sie sich verspäten? Vielleicht gar auf bet Hochzeitsreise, die jungen Herrschaften?" Sie lachte verständnißvoll über's ganze Gesicht. „Nein, o nein," sagte Eugen halb unmuthig, halb verlegen, während er seiner Begleiterin beim Einstetgen half, die ihrerseits sehr roth geworden war, aber sich nur mühsam dar Lachen zu verbeißen schien, „im Gegentheil — ‘ „Na," meinte die Alte gutherzig, „lange sind die jungen Herrschaften aber noch nicht Mann und Frau, das merkt man schon." Und sie winkte freundlich zum Abschied mit der Hand, als der Wagen sich nun unter Peitschenknallen in Bewegung setzte und den Berg hinabrollte. Eugen hatte mit einer lässig-verdrossenen Miene den Hut geschwenkt und er murmelte ein paar keineswegs liebenswürdige Worte zwischen bett Zähnen. Ueberhaupt war er mit btefer Fahrt wenig zufrieden. Er konnte nun kein Wort sprechen, bas der dummdreiste Mensch da vorn nicht gehört haben würde, der seine großen, rothen, abstehenden Ohren schon ohnehin wie ein Hase hin und her bewegte, um zu lauschen. Und wie rasch man zur Bahn, wie überhetzt man in den Zug kommen würde. Das war Alles ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. Und die, die er liebte, saß inzwischen auf dem Strohsack, der zwischen den hölzernen Wagenwänden beim Bergabfahren hin und her geschleudert wurde, dicht neben ihm mit dem lustigsten Gesicht von der Welt und schien sich nachträglich ihr Amüsement über die Abschiedsworte der alten Försterm heimlich von der Seele lachen zu wollen. So oft die Räder an einer holperigen Stelle besonders laut rasselten und ih er Beider Schultern sich fast berührten, flüsterte er ihr, wie er versprochen, mitten au» seiner Verstimmung heraus leidenschaftlich zu: „Ich liebe Sie — ich liebe Siel" Aber sie gab keinerlei Antwort. „Wohin reifen Sie eigentlich?" fragte er im Verfolg eines geheimen Gedankens plötzlich laut. „Nach Horst?" „Wenigstens in dieser Richtung. Und Sie nach Berlin? Da hätten Sie, glaub' ich, schon längst fahren können." „Das weiß ich. Ich bin auch nur um Ihretwillen zurückgeblieben," sagte er trotzig. „Und ich werde jetzt auch überhaupt nicht nach Berlin fahren." „Sondern?" „Ich werde mit Ihnen fahren, gleichviel, wohin I" „Das geht nicht," erklärte sie lachend. Der Gedanke schien sie außerordentlich zu belustigen. „Das geht wahrhaftig nicht.“ „Weil ich dann wieder an Altstädt vorbei muß, meinen Sie? Da wird mich Niemand sehen. Und schließlich wäre selbst da» mir egal. Oder weil Sie in'» Darnencoupee einsteigen wollen? Da» ist ja doch immer überfüllt. Und ich werde Sie auch nicht lassen. Oder ich steige mit Ihnen ein. Ich mache irgend einen Scandal. Ich bin zu allem Aeußersten entschlossen." Sie sah ihn kopfschüttelnd an. „Vorher waren Sie viel netter, wissen Sie das? Ich bin gar nicht mehr mit Ihnen zufrieden. Lassen Sie uns doch wieder in unser altes, harmloses Fahrwasser kommen I Ja?" „Nein," entgegnete er, immer trotziger. „Das geht jetzt nicht mehr. Vorher —" Gr machte eine kleine Pause, bis die Räder wieder einmal ganz besonders laut raffelten, neigte sich daun nahe zu ihr und flüsterte: „Vorher war ich noch nicht so unsinnig verliebt in Sie wie jetzt, obgleich Sie mir ja gleich gefielen, — obgleich mir’» sofort wie ein Stich durch die Brust ging: Die ober keine! Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!" (Schluß folgt.) Aas wahre Hkück. Weihnachts-Erzählung von W. Hogarth. (Fortsetzung.) Seit jenem Abend waten sechs Iahte verfloffen, bet junge Mann hatte bem Onkel nie wieder ein Lebenszeichen ( von sich gegeben, und er blieb fo gut wie verschollen. 93er* s schiedene Male schon bemühte sich der Onkel bei der Behörde, l ihn al» tobt zu erklären, er erlangte bie Erfüllung biefes t Wunsches aber nicht, da aus das Checkbuch, welches der § Neffs hatte, bei großen Bankhäusern zuweilen noch große 1 Summen erhoben wurden und damit bewiesen schien, baß | der Neffe noch irgendwo lebe. Immer stand deßhalb vor l bem Cornmetzlenrath Kconberg wie ein furchtbare» Gespenst, ’ bie Drohung be« Neffen: „Ich halte Abrechnung mit Dir." f Er hörte sie, wenn bie Weihnachtsglocken läuteten, mit glühenden i Farben schienen sie ihm vom Christbaum zu leuchten. — I Ein Ueberflnß von den prächtigsten Weihnachtsgaben l bedeckte die langen Tafeln eines großen Saales in Kronberg» Hause. Doch der rechte herzliche Weihnachtsjubel und die glücksstrahlenden Kinderaugen fehlten. Die beiden Töchter des Commerzienraths, Lieschen und Marka, zehn und neun Jahre alt, musterten bereite mit sehr kritischen Blicken und mit großer Selbstgefälligkeit und Eitelkeit ihre Geschenke und tauschten ihre Ansichten aus ob ihre Korallenketten kostbarer, ihre neuen Wintermäntel moderner, ihre Puppen eleganter gekleidet seien, als die ihrer Bekannten. Weit glücklicher nahm die siebenjährige Tochter des Hausmeister» unten in der kleinen Stube die Puppe an ihr Herz, welche von den vornehmen Kindern längst verächtlich in den Winkel geworfen ward, sie sah in ihr eine glänzende Gabe be» Christkindes, und gelobte, ganz besonder» artig zu sein, um solche Liebe zu verdienen. Unter allen Beschenkten im Hause be» Commerzienraths war jedenfalls Fräulein Werner, die Gouvernannte, am meisten befriedigt. Die funkelnden Goldstücke sollten der guten Mutter die Wirthschafts- sorgen erleichtern helfen, und die Chololade und da» feine Weihnachtsgebäck morgen Abend im heitern Familienkreis i verzehrt werden. Die arme Gouvernannte fühlte sich heute I so beglückt in bem Gedanken an die Freude der Ihrigen, für I sich selbst nur den kleineren Theil beanspruchend. Zum Abendessen stellten sich noch mehrere Gäste ein, j denn bie Frau Commerzienrath liebte e» nicht, bett Abend nur in der Familie zu verleben. Da» festliche Mahl nahte bereits seinem Ende, als im Vorzimmer sich Stimmen vernehmen ließen. Der Diener erschien im Rahmen der Thür, ward aber von einem jungen Mann bei Seite geschoben, welcher mit großer Sicherheit eintrat. Seine Gestalt war schlank, das etwas gebräunte Gesicht von gesunder Frische umgab ein voller Bart, da» volle braune Haar trug er von der Stirn zurückzestrichen. Ein Glück,, daß die Aufmerksamkeit sich auf den Fremden richtete, es blieb so bem Hausherrn Zeit, seinen Schreck zu bemeiftern. Der Commerzienrath Kronberg bot in ber Thai ein Bild vollständiger Fassungslosigkeit. Sein Gesicht war bleich, seine zitternden Hände umklammerten krampfhaft den Tisch. Aber nach wenigen Augenblicken war er wieder Herr feiner selbst; er trat dem Fremden mit ziemlicher Unbefangenheit entgegen, als dieser mit klangvoller Stimme sagte: „Ich denke doch, e» bedarf keiner Anmeldung, wenn ich nach langer Abwesenheit Sehnsucht trage, da» Weihnachtsfest in ber Heimath im Kreise meiner Verwandten zu feiern.“ „Rein, nein! Du bist uns natürlich von Herzen will- . kommen," beeilte sich Kronberg zu versichern. „Mein Reffs, 596 Herr Alfred Kronberg," wendete er sich, den junge« Herr« vorstellend, zu den Anwesenden. „Gestatten Sie, meine Herrschaften," entgegnete, stch verbeugend, der junge Mann, „daß ich, in Folge meiner langen Abwesenheit hier fremd geworden bin, selbst etwas zu meiner Personalbeschreibung hinzufüge. Ich studirte in Wien und Zürich Medictn und habe nach wohlbestandenem Examen mich als Doctor der Heilwiflenschaften vor ungefähr einem halben Jahre in Budapest niedergelassen." „Ah, ich gratulire Dir von Herzen zu diesem schönen Erfolg," rief da erregt der Commerzienrath und schüttelte dem Neffen die Hand. Auch empstng der junge Arzt alsbald von der Dame de» Hauses, sowie von den anwesenden Gästen die besten Glückwünsche. Bald saß der Neffe neben dem Onkel an der festlichen Tafel, aber es war seltsam, da» Erscheinen de« für verschollen gehaltenen Reffen legte stch wie ein Alp auf die Festkimmung und der Hausherr hob viel früher als sonst die Tafel auf. I« leiserem Ton wendete er sich an den Neffen: „Da ich annehme, daß Dich nicht allein da» Fest zu mir führt, bitte ich Dich, mir zu sagen, wenn Du die Geschäfte erledigen möchtestI" „Bitte, Onkel, lassen wir da» heute, ich bin überzeugt, daß Du meine Interessen auf da» beste gewahrt hast," entgegnete der Gefragte mit etwa» spöttischem Lächeln. Doctor Kronberg ging bald darauf nach dem Nebenzimmer, um sich von den Kindern die Geschenke zeigen zu lassen. Er traf dort Fräulein Werner, die Gouvernante. Bald sagte er zu ihr: „Al« ich, ein Fremdling, in den mir fremd gewordenen Kreis eintrat, erfreute es mich, einem bekannten Gesicht zu begegnen. Sie werden stch meiner nicht mehr errinnern, mein Fräulein, was ich sehr natürlich finde. „In der That, ich weiß nicht, wo ich Sie je gesehen haben sollte, Herr Doctor," war die verlegene Antwort der Gouvernante. , „Sechs Jahre ist es her, da kniete ich an meiner Eltern Grabe, um in einer entscheidenden Stunde meines Leben» Trost und Kraft zu suchen. Gerade am Weihnachtsabend war e», wo ich mich damals so einsam und unglücklich fühlte, obwohl ich mir doch keiner Schuld bewußt war. Schon dämmerte es auf dem Friedhöfe, ich glaubte, allein zu sein, und lieb meinen Klagen freien Lauf. Psötzlich legte sich eme Hand auf meine Schulter und eme Stimme frug: „Warum weinen Sie heute, wo alle vergnügt sind? Gehen Sie doch mit nach Haus, bald brennen die Llchter am Christbaun. ' „Für mich brennt kein Christbaum, die Eltern schlummern hier," antwortete ich der Fragertn, einem ungefähr zwölfjährigen Mädchen. „Aber Du bist doch ebenfalls auf dem Friedhöfe. Was thust Du hier? ' frug ich das Mädchen- „Ich brachte den lieben Großeltern Kränze auf da» Grab," entgegnete da» Mädchen. „Nun aber springe ich schnell nach Hau», man wird mich schon erwarten. Gehen Sie mit mir, bei uns ist ein sröhliches Weihnachtsfest, dort werden Sie nicht mehr traurig fein." „Ich sagte, daß ich bereits in einer Stunde abreisen werde, weit hinaus in die Fremde. Das kleine Mädchen sah nun wohl, daß mit mir nichts anzufangen fei und sprang fort. Zu meinem Erstaunen erwartete mich aber die kleine Trösterin, als ich durch die Pforte des Friedhofes trat, fie ergriff meine Hand und begann zögernd: „Vater sagte gekern, es wäre jetzt eine traurige Zeit. Sobald die Menschen ein Unglück beträfe, nehmen sie stch das Leben, daran dachte ich, al« ich ste weinend sah, nicht wahr, da« thun Sie doch nicht. Es wäre ja eine große Sünde." Da erklangen von den Kirch» thürmen die Glocken, und bei ihren Weihnachtsklängen gelobte ich meiner kleinen Freundin, mich vor der großen Sünde zu hüten, und in meinem Herzen gelobte ich mir, für die Erreichung dieses Zieles meine besten Kräfte einzusetzen." „Manchmal trat die Versuchung an mich heran, aber ich kämpfte fie glücklich nieder." „Wer «ar nu« aber da« Mädchen, die damals wie ei« Engel zu mir trat?" sagte jetzt der junge Arzt mit erhobener Stimme. „Sie selbst waren es, mein Fräulein, wenn mich nicht meine Sinne täuschen. Ich erkenne Ste an den Augen und dem ernsten Blicke derselben wieder und sehe Sie noch vor mir stehen wie damals vor sechs Jahren- Voll Bitter- kett im Herzen trat ich vor einer Stunde in die« Haus, ich sah und erkannte Sie im Empfangszimmer und eine milde, versöhnliche Stimmung zog in mein Herz." Fräulein Marie Werner hatte erstaunt der Erzählung de» jungen Manne» zugehört, dann aber senkte ste verlegen den hübschen Kopf und flüsterte leise: „Ich entstnne mich der kleinen Begebenheit, Herr Doctor und erkenne Sie jetzt auch. Ich habe oft Ihrer gedacht und hätte gern wissen mögen, ob fie glücklich geworden wären." — „Fräulein Werner, ich möchte Sie biten, Ihrer Pflichten besser zn gedenken, die Kinder mußten längst zu Ruhe sein," so erscholl die Stimme der Frau Commerzienrath. Von den beiden unbemerkt, hatte fie in der geöffneten Thür gestanden. Die Gouvernante entfernte stch ohne ein Wort der Entgegnung mit den Kindern, vermochte aber nicht zu verhindern, daß Doctor Kronberg ihr vorher zum Abschied die Hand reichte und ihr zuflüsterte: „Auf Wiedersehen! Und bitten Sie auch ferner bei dem Christkinde für mich, daß e» mir einen ganzen Antheil schenkt an dem wahren Glücke, welche» mir noch fehlt!" (Schluß folgt ) Vermischtes. Bequem. Lieutenant: „Soeben komme ich von den Schießübungen, ach, ist da» angreifend I" — Dame: „Ach, das Schießen stelle ich mir leicht vor!" — Lieutenant: „Ja, Sie! Sie fetzen stch ruhig hin und lassen Amor für stch schießen!" * , • Aus der Kaserne. Unterosfizier (zu den soeben eingekleideten Rekruten): „So, Ihr Kerls, jetzt seid Ihr mal die traurige Civükleidung lo». Na — ich gebe Euch jetzt zehn Minuten Pause, damit Ihr Euren Stolz austoben lassen könnt!" * • ♦ Mißverstanden- Richter (welcher in einer Strafsache wegen Körperverletzung soeben einen Zeugen vernommen hat): „Nun, Angeklagter, der Zeuge will von Ihnen geprügelt sein!" - Angeklagter (eifrig): „Jetzt gleich, Herr Richter?" Widerspruch. Radfahrer (der in der Nähe eine« Städtchens stürzt): „Sapperment, hat diese Stadt ein harte» Weichbild!" • e ♦ Auch eine Entschuldigung. „Das wird wir nu« aber doch nachgerade zu toll — gestern Abend sind drei Soldaten bei Ihnen in der Küche gewesen, Anna!" — „Der Husar hatte aber schon wo anders Abendbrod gegessen, Madame !" ♦ * e Guter Rath. Betrunkener (der von Buben gehänselt wird): „Ihr Buben, geht heim, denn wenn Euch Eure Mutter hauen will, seid Ihr nichtsda!" * Sonntagsruhe. „Mann, gib mir etwas Geld, ich brauche es nothwendig!" — „Was? Heute am Sonntag? Weißt Du denn nicht, daß am Sonntag die Börse Immer geschloffen ist?" * , ♦ Auf Wiedersehen. Sonntagsjäger (der einen Hasen gefehlt hat): „Triumphire nicht zu früh, am nächsten Sonntag sehen wir uns wieder!" Rtbaetien: A, Schetzda. - Druck uud Verlag der Brühl'schm Univ«fitStS->Buch- und Eteindruckerei (Pietsch & Scheyda) in ©tegett.