H Nr. 1«. „ LsmeMsZ in 17. LktoS«. r. x 1MML rq Unterhaltungsblatt pnn Gießener Anzeiger (General -Anzeiger). EL bS»^ r--/sZW8 BflEH !'• ti.■♦---*? ~.‘ MtvMLW SEMMEL WWW^W Trug-Glück. Roman von Thekla Hempel. (Fortsetzung.) Elisabeth hatte am heutigen Abend nur zu sehr errathen, wie sehr sie diesen bevorzuge und wußte, daß Löwens Stolz dies ihr nie verzeihen werde. Wie einen körperlichen Schmerz empfand sie den trüben Blick von Löwens Augen, fein stolzes Abwenden, als er sah, wie sie anders gewählt hatte. Ob sie noch;, bereuen würde, daß sie seinen Antrag verschmäht? Ob das berauschende Leben in der großen Welt ihr dereinst schal und nüchtern erschien, ob sie dann sehnend die Arme aus» streckte nach jenem stillen, friedlichen Glück, welches er ihr verheißen? Er hielt, was er versprach, sein edler Sinn verschmähte die geringste Unwahrheit, allein für sie war er verloren, es gab kein Zurück an ihm, was auch die Zukunft ihr bot. Elisabeth war ihrer Glückes oder ihres Unglückes Schmied. Ein Brief lag auf ihrem Tische- Er war in ihrer Abwesenheit gekommen. Sie bemerkte ihn jetzt erst. Ah, von Gretchen von Laßwitz, der Tochter Wes Gutsherrn in der Nähe ihrer früheren Heimat. Sie öffnete und las: „Liebe Elisabeth! Warum bist Du so weit fort, geliebte Freundin, daß ich Dir nicht mündlich sagen kann, daß ich eine glückliche Braut bin! Nicht wahr, Du bist sehr überrascht? War ich es doch selbst, als er mich frug: „Willst Du mein sein?" Erst erschrack ich beinahe, aber bald fühlte ich es klar, daß wir zusammen gehören. Vertrauensvoll legte ich meine Hand in die feinige, ich weiß, er wird mir ein treuer Führer und Halt sein in Glück und Unglück. Gott segne unfern Bund! Willst Du auch wissen, wer der Mann eigentlich ist, der mir das Herz geraubt? Du wirst Dich erinnern, daß wir auf unseren Spaziergängen oft eine schöne Besitzung bewunderten; sie lag auf der Bergeshöhe. Das alterthümltche Schloß mit Thürmen und Erkern, mit den unzähligen Fenstern stand in stolzer Einsamkeit auf dem «erge und das Dorf lag unten im Thals. Wir schwärmten oft darüber, wie herrlich es drinnen im Schlosse sein müsse, fanden aber leider keinen Weg, der dahin führte. Still und verlassen lag es da; nur ein alter Hausmeister hielt LWache im kleinen Nebengebäude. Der Besitzer des Schlosses und feine Gemahlin waren jung gestorben, der einzige Sohn —kehrte kürzlich erst von langjährigen Reifen heim, sein Erbe zu übernehmen. Er suchte uns auf, bat, öfter kommen zu dürfen, besonder» am Weihnachtsabend, ihm wäre so einsam in den großen, weiten Räumen zu Haus. Du weißt, ich bin an dem herrlichen Christfest stets wie ein Kind; bewundernd stand ich bei dem hellglänzenden Baum, da trat er an meine Seite, er sprach von seinem einsamen Leben, trotzdem habe er Heimweh gehabt in der Fremde, oft habe er meiner gedacht. - Aber ich kann es nicht in Worten sagen, noch manche Woche verstrich in Hangen und Bangen, nun ist es klar und hell in uns, Albrecht von Hochberg ist mein Verlobter. Elisabeth, Du mußt unser lieber Hoch» zeitsgast sein, mir den Myrthenkranz binden und recht bald mir als Braut nachfolgen. Hier in unserem stillen Leben habe ich doch auch ein Vöglein fingen hören, von meinem glühenden Verehrer meiner Elisabeth. Rittmeister von Löwen ist Albrechts Freund und steht mit ihm in regem Briefverkehr. Löwen soll ein vorzüglicher Mann sein. — „Wohl dem Mädchen, die Löwens treues Herz ihr eigen nennen darf," sagte mein Bräutigam." Dieser Brief von der Freundin machte mit seinem in- tereffanten Inhalt eine Zeit lang einen tiefen Eindruck auf Elisabeth, doch ihr eitle» Herz hing jetzt an anderen goldenen Träumen und bald legte sie den Brief weg, dabei flüsternd: „Da hat da» gute Gretchen ihr Ziel kaum erreicht, so meint sie mir rathen zu müssen." Dann fuhr sie laut fort: „Nein, mich gelüstet nicht nach dem stillen Leben, hinaus zieht es mich in die große, weite Welt, den Flug will ich wagen hinauf zur goldenen Sonne, ich bedarf des Glanzes und —" Klirrend fiel ein Schmuck- stück, womit sie, ohne es zu wissen, gespielt, auf den Fußboden, sie erschrack und bemerkte nun erst fröstelnd, daß der Morgen bereits graute. Erst nach langem Wachen fand Elisabeth den Schlummer, allein es war kein erquickender Schlaf, böse Träume quälten sie. Sie sah sich erst verehrt und dann plötzlich verfolgt von Graf Bretow, und bei der Verfolgung hatte er sich in einen 490 Eiger verwandelt. In der Ferne stand Löwen, fie wollte ihm winken und seine Hilfe in Anspruch nehmen, vermochte aber kein Glied zu rühren. Sie strengte sich mit aller Kraft an, Löwen zu Hilfe zu rufen, allein die Stimme versagte ihr. Nur ein verächtlicher Blick traf sie, er verschwand. Endlich schlug Elisabeth die Augen auf. Das Stuben« Mädchen stand vor ihr und sagte: „Die Frau General läßt das gnädige Fräulein bitten, zu ihr zu kommen, es geht ihr heute weniger gut. Es scheint in dem alten Leiden eine Verschlimmerung eingetreten zu sein/ Schnell erhob sich Elisabeth, es war schon sehr spät am Morgen, fie kühlte ihr heißes Gesicht, machte Toilette und begab sich zu ihrer Mutter. In warme Decken gehüllt, lehnte Frau von Kronau im Sopha; ihr feines, bleiches Gesicht trug die Spuren eines langwierigen tiefen Leidens, ihre müde Stimme verrieth die körperliche Schwäche, während die feinen Hände wie in heftiger Erregung leise zitterten- „Guten Morgen, liebe Mutter I Mit großem Bedauern erfahre ich, daß es Dir weniger gut geht, hoffentlich hat unsere späte Heimkehr Dich nicht zu sehr gestört." Mit diesen Worten beugte die Tochter sich herab zur Mutter. „Nein, mein Kind, Ihr habt mich nicht gestört," entgegnete die Kranke. „Etwas ganz anderes hat mich aber furchtbar erregt," fuhr sie fort, nachdem die Zofe stch auf einen Wink entfernt hatte. „Wie mir der Vater soeben mitthetlte, hast Du die Aufforderung angenommen, Prinzessin Lora auf der Reise als Hofdame zu begleiten, später diese Stellung auch fest anzunehmen, wenn e» Ihre Durchlaucht die Prinzessin wünscht. Wie konntest Du so rasch auf diesen Vorschlag eingehen, Elisabeth?" „Der Landesherr selbst veranlaßte mich dazu, diese Stellung anzunehmen, als er mich durch eine Unterhaltung auszeichnete. Die Prinzeß Lora sprach mir dann ihre Freude über meine Annahme aus, mir blieb da keine Wahl." „Du konntest Dir aber doch Bedenkzeit ausbitten, auch den Vater sofort fragen. Dies Recht blieb Dir, statt dessen theiltest Du ihm nur die Thatsache mit." „Es war längst de» Vater« Wunsch, daß ich Hofdame wü de. Es ist dies doch eine hohe Auszeichnung und hätte gar nicht abgeschlagen werden können. Oder wollt Ihr mich unglücklich und lächerlich machen, indem Ihr Eure Erlaubniß versagt?" „Nun ist er zu spät," sagte Frau von Kronau seufzend. „Ich werde meine Freundin, Baronin von Feldern, dringend bitten, Dich in ihre besondere Obhut zu nehmen." „Huh, diese Baronin, sie gilt als der böse Schatten in der Hofhaltung der Prinzeß I" „Kein verletzendes Wort gegen diese verehrte Frau," fiel die Mutter in strengem Ton jetzt der Tochter in'» Wort. „Wie schwer ihre Stellung ist, davon hast Du keinen Begriff. Nur die mütterliche Liebe für den Gemahl der Prinzeß Lora fesselt sie an den Posten, dessen Schwierigkeiten die Wenigsten ahnen. Ebenso ist es mit dem Galten der Baronin, dem Hofmarschall der Prinzeß." „Sie sind die Berichterstatter des Fürsten, die harmlosesten Vorgänge tragen sie zu seinen Ohren." „Elisabeth, ich warne Dich noch einmal, hüte Deine Zunge. Leider kann ich sonst nichts mehr thun, um Dich vor manchen Gefahren zu warnen," entgegnete Frau von Kronau. Sie sank ermüdet zurück und gab ihrer Tochter einen Wink, sie allein zu lassen. ♦ * » Eine trübe Stimmung herrschte in des Generals Hause. Dieser selbst hätte seiner Tochter wohl eine Stellung am Hofe gewünscht, nicht aber gerade die von ihr höchst selbstständig gewählte. Er allein wäre im Stande gewesen, die Sache rückgängig zu machen, indem er ein offene« Wort mit dem Landesherrn sprach. Der General stand dem Landesherrn als Jugendfreund nahe. Allein zu schwach, der verwöhnten Tochter einen Wunsch zu versagen, überhörte der General von Kronau die Bitten seiner Gattin. Zwischen Mutter und Tochter hatte sich deshalb bald eine Scheidewand ausgerichtet, welche nur höher erstand, als Rittmeister von Löwen schrieb, daß die entschiedene Ablehnung, welche er von Elisabeth erhalten, ihn leider der Freude beraube, ferner in der von ihm so hochverehrten Familie zu verkehren. Auch ein Abschiedsbrief Löwens erfolgte direct an Elisabeth von Kronau, doch sie hielt es nicht der Mühe werth, den Eltern davon Mittheilung zu machen. „Gott möge Elisabeth ein treuer Führer sein, sie behüten, wenn Gefahren, jetzt ungeahnt, ihr nahe treten! Vielleicht erwacht in ihr die Sehnsucht nach der Eltern Rath und Schutz, wenn die Fremde ihren Reiz verliert, wenn der Ernst des Lebens ihr nahe tritt." So sagte damals die treue Mutter, Thränen im Auge. ♦ * * Allerhand Gerüchte durchschwirrten wenige Tage nach jenem Hoffest die Stadt. Aus den hohen Kreisen entstehend, verbreiteten sie sich auch unter Fernstehenden, wurden bei geselligem Zusammensein sowie in den Familien durchgesprochen. Dabei wurde Wahre« und Falsches durcheinander geschüttet und endlich über andere Neuigkeiten vergeffen. Zuerst erzählte man sich, daß einer der beliebtesten Herren in der Hofgesellschaft, Graf Bretow, auf einem Ritt verunglückt sei, den Arm gebrochen habe und an da« Zimmer gefesselt sei. Herr von Löwen habe ganz überraschend einen mehrmonatlichen Urlaub angetreten. Gut Unterrichtete behaupteten dem gegenüber, der Graf sei im Duell verwundet worden, sein Gegner, Rittmeister von Löwen, sei dagegen zur Strafe als Gefangener auf einer Festung. Da« Gerücht, daß Fräulein von Kronau zur Hofdame der Prinzessin Lora ernannt sei, bestätigte sich augenscheinlich. Täglich sah man Elisabeth von Kronau, den Ausdruck höchster Befriedigung in dem hübschen Gesicht, nachlässig in einer Hofequipage lehnend, nach dem Palais ihrer Gebieterin fahren, beneidet von mancher der jungen Damen aus den Adelskreisen. In einigen Wochen, Mitte März, wollte die Prinzessin nach dem Süden reisen, um für mehrere Monate ihre Besitzung in Italien zu bewohnen. Frau von Kronau erlaubte ihre Gesundheit noch nicht, auszugehen; Elisabeth wählte daher selbstständig in dem ersten Consectionsgeschäft ihre Reise-Ausstattung allein, wie groß war ihre Empörung, al« der Herr, welcher sie bediente, den Prinzipal herbeirief und dieser ihr nicht ohne Verlegenheit mit zögernden Worten die Bitte vortrug, erst die feit längerer Zeit sehr hoch aufgelaufene Rechnung zu berichtigen. Dabei war Elisabeth ein anderer Umstand sehr peinlich. Sie erinnerte sich nämlich sehr wohl, daß damals bei den letzten großen Einkäufen sogar ihr Papa seine gute Stimmung etwas verlor, als er die Riesensumme erfuhr, welche durch die Anschaffung verschiedener Toiletten aufgelaufen war. Die Mutter hatte anfangs nach des General« Ansicht Alles zu einfach gewählt. Deshalb hatte er selbst mit Elisabeth noch vieles Schöne dazu gekauft, ohne nach dem Preise zu fragen, nur befohlen, ihm sofort mit den Sachen die Rechnung zu schicken. Es geschah, aber Elisabeth dachte mit Schrecken des bösen Auftritts von damals, al« die Eltern die Höhe der Rechnung erfuhren. Die Mutter beschuldigte ihre Tochter des Leichtsinns, der Verschwendung. Der Vater nannte die Geschäftsleute Wucherer, behauptete, daß sein Rang zu so unverschämt hohen Forderungen Veranlassung gebe. Hierauf hatte er stch nach seinem Zimmer begeben, um sofort den Diener mit der Bezahlung zu beauftragen. Nun sollte dies aber nicht geschehen sein? War es Nachlässtgkeit de« Geschäftsinhaber«, Unehrlichkeit des langjährigen, stets al« treu erkannten Dieners, daß die Rechnung nicht bezahlt war. Stolz, erhobenen Hauptes und ohne ein Wort zu sagen, verließ Fräulein von Kronau dar Geschäft. Sie bemerkte dabet weder das höhnische Lächeln des Geschäftsinhabers, noch hörte sie seine Bemerkungen über thörichten Hochmuth. Zunächst suchte fie ein anderes Geschäft auf, hier be- Elisabeths schönster Traum erfüllte sich also. Eine Reise r* £ Bequemlichkeiten, wie sie solche noch nie gekannt, zeigte üch dabei noch ganz besonders angenehm. Vorwärts ging es «u Fluge und überall traf man ein „Tischlein deck' Dich". Dienerschaft, jedes Winkes gewärtig, war immer da. Wat man ermüdet, so fand man ein behagliches Ruheplätzchen in em großen Salonwagen, wo sich prächtig schlummern ließ, «alte man aber genug der Einsamkeit, so fand man sich in m salonarttgen Raume in bester Geselschast wieder zusammen. 491 ! Man vergaß dabei beinahe, daß man mit dem Dampfroß immer weiter und weiter eilte, dem sonnigen Süden zu. : m Zur späten Abendstunde am ersten Reisetage neigte sich Sr i6 ™ rrn-6LiU Elisabeth und flüsterte ihr geheimniß- 00xJtt' sollen Sie einen Blick durch das Fenster werfen, gnädiges Fräulein! Sehen Sie dort die dunkeln Umrisse der Vielleicht schenken Sie bie" Zuteresse, wenn Sie erfahren, daß dort der Rittmeister Herr Löwen m stiller Beschaulichkeit darüber nachdenken kann, daß man mcht ungestraft sich einer Dame als Ritter auf- vrangl. 1 h. Aumm blickte Elisabeth hinauf zu der Festung. Aber die Mitthellung, daß Löwen hinter jenen matt erhellten Fenstern um ihretwillen saß, gab ihr doch einen heftigen Stich das sonst so leichtsinnige, eitle Herz. Sie kannte nur zu die Ursache des Duells zwischen Herrn von Löwen und Graf Bretow. Wenn sie ihr Versprechen am Hofball gehalten und an Löwens Seite ihren Platz bei der Tafel eingenommen hätte, so wäre es sicher nicht zu dem Duell ge- kommen. Rur eines ablehnenden Wortes zum Grafen Bretow 9beterft und sie wäre jetzt Löwens Braut. Ob eine glückliche? Rur kein Grübeln, es war ja anders entschieden. Mit leichtem Scherzwort antwortete sie jetzt dem Grafen, daß sich Herr von Löwen wohl noch trösten werde. Eine Biegung des Schienenweges kam und verschwunden waren die hoch- aufragenden Thürme und die matt erleuchteten Fenster der Festung. Herr von Löwen blickte "durch die Scheiben hinaus in die dunkle Nacht und er hörte dai Rollen des Eisenbahnzuqes. Als der Zug schnell entschwand, überließ Löwen sich wieder seinen düsteren Gedanken. f ,-Ei, Herr Kamerad, in so trüber Stimmung? Run, viel- lM kann ich sie bannen!" Mit diesen Worten klopfte ihm plötzlich der Festungscom Mandant, ein älterer Herr in der Kleidung eine» höheren Offiziers, freundlich auf die Schulter. „Soeben kam ein Telegramm, Sie sind von dem gnädigen Landesherrn begnadigt. Richt wahr, so ist es recht? Sie nahmen die Angelegenheit allzu schwer. Das geht nicht an die Ehre, so em wenig Ausruhen unter meiner Aufsicht: ich denke, ich führe kein so strenges Regiment über meine Herren Pflegesöhne. „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre theil- nehmenden Worte, Herr Oberst, und besonders für alle Güte daß Sie mir noch heute Abend meine Begnadigung mitthetlen. Die Haft bedrückt mich nicht, das Duell war nach Imeinen Begriffen von Ehre unvermeidlich." „Jetzt aber lassen Sie uns die neue Freiheit durch einen Trunk feiern, Ihre Herren Gefährten werden noch einige Stunden mit Ihnen verleben wollen, ehe Sie scheiden. Es sehnt sich allerdings Mancher von ihnen nicht allzu sehr nach der goldenen Freiheit, denn hier ist man sicher vor den herz- losen Gläubigern. Uebrigen» noch eine Neuigkeit. Soeben fuhren Prirzessin Lora und Gefolge mit dem Eilzug vorüber nach dem Süden. Na, glückliche Reise!" Löwen entgegnete nichts, seine Aufmerksamkeit richtete sich einzig darauf, seine Briefschaften zu ordnen, dann folgte er dem alten, liebenswürdigen Herrn, so wenig Neigung er auch in dem Augenblicke für heiteres Beisammensein mit den Kameraden hegte. Löwens Ursache, ernst zu sein, war eine sehr tiefe. Er hatte ein Begräbniß gehalten ohne Krepp und Palmen, ungesehen von Anderen, aber mit bitterem Kummer im Herzen um so bitterer, weil Niemand ahnen durfte, wa« er einaesarat' Er hatte seine heiße, edle Jugendliebe begraben, das Glück seine« Leben«, Alls«, was er von der Zukunft gehofft, schien ihm letzt verloren oder doch Alles öde und traurig. Löwen gehörte nicht zu Denen, welche von einer Blums zur andern flattern. Sein Trost sollte hinfort eine strenge Thätigkeit sem, er war entschlossen, den Abschied vom Militär zu erbitten und sich der Bewirthschaftung seiner großen Güter zu widmen. (Fortsetzung folgt.) °uf das Höflichste, legte ihr eine Menge Stoffe Auswahl vor, schien aber bei der Generalstochter, bei der ÄVTuÄ”' .Zu Haus angekommen, schilderte Elisabeth dem Vater ärgerlch ihren Verdruß, wollte sofort den Diener zu Rede setzen, bekam aber dazu nicht die Erlaubniß. Der General murmelte abgerissene Worte von Versehen, Vergeßlichkeit, un- verschämten Erpressungen und dergleichen ähnlichen Dingen, und erklärte dann plötzlich der empörten Tochter, daß er die Sache schon in Ordnung bringen werde. ™ luugsam sür Elisabeths Ungeduld verstrichen bi- Wochen bis zur Abreise. Schneiderin und Jungfer quälte sie mit ungereimten Anforderungen, nichts erschien ihr modern u"° ekgant genug. Ohne nur zu fragen, machte sie noch eine Menge Einkäufe von nutzlosen Gegenständen, die indeß von hohem Preise waren. Zum Unglück fanden sich noch ^wwer gefällige Geschäftsleute, denen der Stand und Name Elisabeth von Kronau sichere Bürgschaft für Bezahlung zu - fnb?S flanben ble Koffer gepackt, der Tag der Abreise war festgesetzt. — ” Rauher Wind fegte durch die Straßen, große Regen- tropfen strömten au« den dunklen, tiefhängenden Wolken herab und schlugen mit lautem Schall an die Scheiben. Einzelne Schneeflocken wirbelten in lustigem Tanz in der »uft, weit mehr an den vergangenen Winter, al« an den nahenden Frühling erinnernd, welchem die frierende Mensch, beit sehnsuchtsvoll entgegensah. Vor der Hand blieb aber den Menschen nichts übrig, als die Flammen im Ofen zu schüren und sich dem alten Freund in möglichster Nähe ein behagliches Plätzchen zu wählen, denn der erhoffte Frühling blieb aus. Auf den Straßen der Hauptstadt herrschte im Vergleich tu , sonstigen Lärm große Stille. Nur als bei dem trüben Simmel zeitig die Dämmerung hereinbrach, sah man im flackernden Lichte der Gaslaternen mehrere Hofwagen schnell ihrem Ziel, dem Bahnhofe, zurollen. Ein fürstlicher Salon- wagen ward dem Eilzug hinzugesügt, ein Coupöe für die Dienerschaft reservirt- Kurz vor Abgang des Zuges fanden flch Damen und Herren aus den ersten Kreisen der Gesell- schäft ein, die Damen mit prächtigen Frühlingsblumen für die Prinzessin als einen letzten Gruß auf die Reise. Nun erschien Prinzessin Lora am Arme ihres Gemahls, ihr folgten die Damen und Herren des Gefolges- Elisabeth von Kronau war auch dabei. Stolz erhobenen Hauptes schritt sie einher: vergessen hatte sie, wie weh sie ihrer Mutter durch den Entschluß, der Prinzessin in's Ausland zu folgen, gethan, daß sogar der Mutter körperliches Befinden auf's Neue darunter litt. Elisabeth fühlte nur den Triumph, geführt von Graf Bretow, dessen Schönheit durch die Blässe seines Gesichts, wahrscheinlich eine Folge seines geheimnißvollen Duells, noch erhöht erschien vor den Augen der vornehmen Damenwelt, zum Wagen zu gehen. Wie ganz anders war es gewesen, als sie im vorigen Jahre mit der Mutter einen kleinen billigen Badeort aufsuchen mußte; sie dachte mit Schrecken der Abreise m einem Wagen zweiter Klaffe, während mehrere bekannte Damen selbstverständlich fanden, daß man zusammen erster Klasse reise- O, sie wußte recht gut, daß man genug spöttelte Wer ihren Geiz oder ihre Armuth. Ueberhaupt, das ewige Sparen, die fortwährende Versicherung der Mutter, daß Alles zu theuer fei, waren Elisabeth schon seit Monaten lästig und W fürchtete sich deshalb vor dem nächsten Ausflug in Gesell- Waft der Mutter. Und nun befand sie sich im Gefolge einer Prinzessin. Der fehlende Zeuge. Aus dem Englischen von Karl Scheithauer. Ich fuhr mit dem Nacht-Schnellzug von London nach Liverpool, wo ich einen Dampfer besteigen wollte, der am andern Morgen nach Valparaise in Südamerika abgehen sollte. In dem Wagenabtheil befand sich kein weiterer Reisender und ich war froh, daß ich allein war. Unstät und unruhig rückte ich von einem Platze zum andern und jeden Augenblick starrte ich durch die Scheiben des Wagens in die finstere Nacht hinaus. Der Zug mochte etwa eine Stunde unterwegs sein, und fuhr gerade an einer kleinen Station vorüber, da krachte es plötzlich an dem Fenster meines Wagens, das Glas zerschellte in Atome und ein Gegenstand fiel schwer auf den Boden des Wagens nieder. Im ersten Augenblicke hatte ich geglaubt, daß ein Schuß auf den Zug abgefeuert wäre und hatte starr zurückgelehnt dagefeffen, um nicht durch eine Bewegung in die Bahn des Geschosses zu kommen. Jetzt sah ich auf den Boden, dort lag ein Stein, an welchem ein Brief befestigt zu sein schien. Ich nahm den Gegerstand auf, der Brief trug keine Abreffe, war aber nicht geschloffen. Ich öffnete den Brief und las: „Im Gefängniß von Malton liegt ein zum Tode Verurtheilter, der morgen früh hingerichtet werden foll. Er betheuert seine Unschuld und sagt, daß es einen Mann gibt, der fie beweisen könne. Dieser Mann bin ich, der Schreiber dieses Briefes. Ich habe eben jetzt erst von dem furchtbaren Schicksale des Verurtheilten gehört — es ist zu spät zu telegraphiren, weil die Aemter alle geschloffen sind. Ich weiß keinen andern Weg, mich mit den Behörden in Malton ins Einvernehmen zu setzen, als diesen. Ich kann auf das Schlagendste nachweisen, daß der Verurtheilte zur Zeit der Mordes, deflen er angeklagt ist, sich viele Meilen weit vom Ort der That fern befand. Der Leser dieser Zeilen wird um Gottes Willen gebeten, den Zug in Malton zu verlassen, zu dem Gefängniß-Verwalter zu gehen und ihm diesen Brief zu zeigen. Ich komme selbst morgen mit dem ersten Zuge nach Malton, um Zeugniß abzulegen. Walter Sones." Ich legte den Brief auf die Wegenbank und griff nach der Abend-Zeitung. Ich hatte in den Zeitungen schon vorher gelesen, was über die Verurtheilung gesagt war, ich las den Artikel jetzt wieder mit ungeheurem Interesse: „Man wird sich erinnern, daß der Angeklagte immer von neuem seine Unschuld belheuerte. Zur Zeit, da der Mord geschah, will sich der Beschuldigte als Zuschauer bei einem Fußballspiel in Blayden befunden haben, wo er mit einem gleichfalls dem Spiele Zusehenden sich in ein Gespräch ein* liefe, das zu einem heftigen Streite führte. Der Anwalt des Gefangenen hat alles Mögliche aufgeboten, diesen Zeugen zu entdecken, aber alle Anstrengungen waren vergeblich. Der Mörder bleibt jedoch nach wie vor bei seiner Behauptung, und gibt seiner festen Ueberzeugung Ausdruck, daß der gesuchte Zeuge sich melden werde, um ihn vor dem Henkertode zu bewahren." Das Schicksal hatte es gefügt, daß das Leben des Verurtheilten in meiner Hand lag. Ich warf die Zeitung in eine Ecke de« Wagens und — lachte, ein wildes, unheimliches Lachen. Vielleicht war der Druck auf meine Nerven zu stark, vielleicht — doch wozu derMorte — ich lachte. Dann begann ich nachzudenken. Ich wurde in dem Briefe ersucht, den Zug in Malton zu verlassen, den Ge* fängnißdirector aus dem Bette zu holen und ihm eine abenteuerliche Geschichte zu erzählen. Dadurch müßte ich die Abfahrt des Dampfer» in Liverpool versäumen — dies war mehr, als man mir zumuthen konnte. Plötzlich hielt der Zug — Malton! Mit einer heftigen, unwillkürlichen Bewegung öffnete ich den Wagen und rief einen Beamten herbei. ! „Hier int Gefängniß ist ein Mann, der morgen hinge- 5 richtet werden soll? Er soll einen Mord begangen Haben?" Im Gesichte des Beamten malte sich große Ueberraschung; daß ein Reisender mitten in der Nacht einen Beamten rufe, um sich mit ihm über die Local-Chronik des Ortes zu unterhalten, konnte er allerdings nicht erwarten. „Jawohl, es ist richtig, der Verurtheilte tödteteIeinen Mann in Tarby." „So heißt es allgemein. Wissen Sie aber, daß er es nicht war, der den Mord beging? Wenn Sie mir den Stationsvorsteher herbeischaffen, bevor der Zug abfährt, so werden Sie das Leben des Verurtheilten retten." Der Beamte schaute mich mit einem Blicke an, den ich damals nicht verstand — ich glaube jetzt, er hielt mich für verrückt — dann stürzte er von mir fort. Einen Augenblick später kam er zurück in Begleitung eines Manner, der sich das Aussehen einer gewichtigen Persönlichkeit gab. „Sind Sie der Stationsvorsteher?" fragte ich. „Der Stationsvorsteher ist im Bett; ich bin der Expeditionsdirector." „Jedenfalls also eine Persönlichkeit, die für ihre Handlungen volle Verantwortung zu übernehmen gewohnt ist?" Der Mann verneigte sich steif. „Wenn Sie diesen Brief gelesen haben, wird eine Ver- antwortnng auf Ihnen lasten, wie Sie größer noch nie gehabt haben. Dieser Brief wurde mir in den Wagen geworfen, als der Zug etwa eine Stunde von London entfernt war." Der Beamte las den Brief beim Lichte eines unstät fleckernden Lämpchens. „Wie foll man erkennen, daß der Brief aufrichtig gemeint ist?" fragte er bann. „Soweit ich dabei in Betracht komme, haben Sie genügend Beweise, daß ich in gutem Glauben handele. Das zerbrochene Fenster —" „Aber der Schreiber des Briefes? Vielleicht ist es ein Dummer-Jungen-Streich?" „Ich weiß gerade so viel wie Sie. Persönlich muß ich allerdings sagen, ich glaube, der Zeuge wird kommen, um zu Gunsten de« Angeschuldigten auszusagen." „Sie müßten selbst zum Gefängnißdirector gehen!" „Das ist mir unmöglich; ich habe einen Platz auf einem Dampfer belegt, der morgen früh von Liverpool abgeht. Ich kann und darf das Schiff nicht versäumen." „Aber einer solchen Angelegenheit wegen —" „Ich kann nicht. Jetzt haben Sie die Verantwortung." Er drehte den Brief in der Hand herum und schwieg. Endlich sagte er unwillig: „Ich werde den Brief dem Gefängnißdirector übergeben." Die Dampfpfeife ertönte, ich lehnte mich in den Wagen zurück, der Zug war abgefahren. Noch bevor wir am andern Morgen von Liverpool au» in See stachen, war ein Telegramm eingetroffen, welches das Erscheinen eines neuen Zeugen in Sachen der in Malton Verurtheilten ankündigte, in Folge dessen die sofortige Freilassung des Letzteren angeordnet wurde. So hatte ich das Leben einer meiner Mitmenschen gerettet und ich stieß beim Lesen der Nachricht einen Seufzer der Erleichterung aus, wie wenn eine furchtbare Gefahr van mir abgewendet wäre. —---------- Aber was wird aus mir werden ? ob ich meinen Zufluchtsort erreichen werde? was wird aus mir, dem wirklichen Mörder, denn ich allein bin der Urheber jener Mordthat, um derentwillen ein Menschenleben vom Henker vernichtet werden sollte!— Fischer lasen diese Zeilen beim flackernden Herdfeuer Das Bekenntniß des Mörders, mit Bleistift auf kleinen Papierstückchen geschrieben, die aus einem Notizbuch herausgerissen waren, war in einer versiegelten Flasche enthalten, wie sie Schiffbrüchige als letztes Lebenszeichen in die See werfen. Die Woge» hatten die Flasche an die Küste von Wallis ausgespült. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Berlag der Brühl'schm UniverfftSts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Meßen. Weit köstlicher S reicher Ke stunde Pri ankam. 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