rq Nr. 1X0 1895. *Vee V V affiimmner KWWWW AenStag öen 17. September. . a«w»w -H——I .u o - - II in: — HMchaMngsblatt MM Oirßrner Anzeiger (General Anzeiger). Ihr Vermächtniß. Sternern von Maximilian Mo,gelt». LFortsrhung.) Heyd verneigte sich leicht und stellte so ruhig seine Büchse hin, als könnte er fich bei solcher Leistung überhauptlnichts denken. „Herr Baumeister," sagte der Oberförster und reichte ihm freundlich die Hand, „noch nie hat Lindenheim einen solchen Schützen in seiner Halle gesehen. Vor vierzehn oder fünfzehn Jahren brachte es einmal mein Förster Rudow fertig, freilich nur aufgelegt, und das ist denn doch noch ein großer Unterschied." Alle waren überrascht und hoben, auf Heyd trinkend, ihre Gläser. Die drei Artillerie-Offiziere brachten ihm aber Eins aus besonderer Hochachtung. „Mit Erlaubniß, Herr Baumeister," sagte von Walten und nahm Heyds Büchse, die er nicht genug bewundern konnte. „Ganz eigenartige Construction da» und dieses wundervolle Demascenerrohr. Wo kauften Sie das Dings, Herr Baumeister?" „In San Franzisko, Herr Baron." „San Franzisko I" wiederholte von Walten überrascht. „Gestatten Sie mir Probeschub, Herr Baumeister?" „Gern, sehr gern, Herr Baron, und wenn es Ihnen beliebt, stelle ich das Ding» heute mit Vergnügen zu Ihrer Verlang." „Nehme gern an, Herr Baumeister, a^er mit Bedingung, daß Sie au» meiner Büchse schießen," worauf Heyd auch einging. Der Baron nahm die Martinibüchse und zeigte fie seinen Kameraden. „Ist au» San FranziskoI Wenn Franziskaner und Consorten drüben alle so schießen," sagte er halblaut und nur für einige Ohren bestimmt, „so kann man stch von manchen Abenteuern im schönen Westen einen Begriff machen — na, ich danke schön!" „Um Gotteswillen, Walten, nicht so laut," sagte von Hildborn mit warnender Stimme. Der Baron, der ein Durchschnittsschütze war, konnte aber auch mit der „Franziskanerbüchse" keine besseren Resultate erzielen, während Heyd nach wie vor gut schoß; und wenn er auch nicht immer Centrum traf, so kam er aus dem Spiegel doch nie heraus. Drei Rennen machte von Walten noch mit, dann war ihm die Sache über. Er entschuldigte sich, um in fünf Minuten wieder durch zehn Thüren zu gehen- Dann suchte er die Damen auf, die am Bach spazierten, und bot Hertha seinen Arm. „Run, bester Baron, kleine Pause? Aber sagen Sie doch, wie schießt sich's heute?" fragte der Ingenieur. „Run, so lila, lieber Hellmuth, schoß freilich zweimal Centrum, aber zieht nicht — ist ein Wildschütz darunter!" „So — wer ist e» denn?" fragte der Ingenieur überrascht und Alle lauschten gespannt. „Ihr Freund, der Baumeister," erwiderte der Baron nicht ohne Ironie; „schießt ja da» Blaue vom Himmel, ist schon zweite Scheibe unten, Spiegel von erster ist nur noch Fragment eines solchen!" „Also der Herr Baumeister!" sagte Frau Thielemann erfreut. „Run, das ist mir lieb zu hören. Wir haben ihn Alle sehr gern und freuen uns stets auf den Mittwoch, an dem wir so fröhlich beisammen find." „Schießt wohl überall den Vogel ab, dieser Herr Baumeister," erwiderte von Walten. Aller Blicke richteten sich auf den Baron, der seinen Haß gegen Heyd zu verbergen suchte- Hertha zog ihren Arm au» dem ihres Verlobten und schritt zu Gertrud, aber auf dem eben noch frischen Gesicht der Rose von Lmdenheim lag ein Schatten. Hellmuth, der hier keine Scene wollte und ihm an jeder anderen Stelle gern für seinen Freund den Handschuh hingeworfen hätte, maß den Baron mit Blicken, die dieser wohl verstand. Walten entfernte sich alsbald, einen Marsch pfeifend, was ihm diesmal nur schlecht gelang. Inzwischen nahte sich die Gesellschaft dem Schießstande, doch ging sie wieder nach dem Wasser zurück, denn Frau Ribold konnte da« Schießen in der Nähe nicht vertragen. Aber die fröhliche Stimmung von vordem war dahin und der Ingenieur mußte Alles aufbieten, um einigermaßen wieder Leben hineinzubringen. Von 438 ja eigentlich das Resultat nicht fremd sein, aber was uni dennoch überraschen muß, ist der gar zu große Abstand zwischen dem ersten und zweiten Schützen, wie Sie stch, meine werthen Anwesenden, hiernach überzeugen können. So hat denn die Königswürde unter uns der Herr Baumeister Heyd erschaffen und zwar mit einer Ringzahl, einer Ruhe und Sicherheit, die uns wohl Alle in Erstaune« gesetzt hat und wie ich sie noch niemals Gelegenheit hatte zu beobachten. Mir kam es fast so vor, als richte stch das Ziel nach dem Schufle, zust wie bei dem Freischützen, deffen Kugeln nie fehlen und zur mitternächtlichen Stunde in dunkler Felsenhöhle oder am bestimmten Kreuzwege gegoffen sind. Ja, meine Werthen, so unheimlich schien mir diese Ruhe und Sicherheit. Den ersten Ritter begrüßen wir in dem Herrn Lieutenant von Zinnow und den zweiten in Herrn von Wildenau mit zwei Ringen weniger. Auf dem Rehbock war zwar der letzte Herr dem ersteren bedeutend über," sagte der Oberförster freundlich lächelnd, „aber wir müffen nun schon das Gesammtergebniß nehmen." Dem Herkommen gemäß erhielt nun der König den Eicherkranz, den ihm Hertha ernst und schweigend überreichte; dann brachte der alte Amtsvorsteher das Hoch auf den Baumeister aus- t t _ Jetzt nahm Heyd zur Entgegnung bas Wort. Er gedachte der Damen in freundlichen Worten und dankte ihnen für die liebe Spende, den Kranz; er gedachte in herzlicher Weife aller Schützen, die ja in erster Linie dazu ^getragen, daß dieses Vergnügen gleich einem frohen Feste in heiterster Stimmung verlaufen, und zum Schluffe gedachte er de» Wirthes Wundermild, bei dem sie hier zu Gaste- „Meine Herren," sagte der Baumeister, „wir Alle wohl ohne Ausnahme danken dem Herrn Obersörster für die frohen Stunden, für d!eses echte deutsche Vergnügen, das wir in dieser Hille inmitten des herrlichen Waldes von Lindenheim verlebten- In liebevollster Weise war für Alles gesorgt, wie es nur irgend möglich war. Wir Alle danken Ihnen, Herr Oberförster, mit frohem Herzen und wie unsere Büchsen hinausschallten und des Waldes Echo miteinstimmt, so wollen wir unsere Gläser erheben und freudig einstimmen in den Ruf: Der Herr Obersörster, unser liebevoller, freundlicher Wirth, und die Damen seines gastlichen Hauses, sie leben Und begeistert schallte es hinaus, weit hinaus in die Abenddämmerung, in den stillen Buchenwald und der Kugel- ! fang gab das Echo wieder, und von der Waldeshöhe klang es abermals: Hoch — hoch — hochl Neuntes Capitel. Ein Monat ist seit diesem Tage vergangen. Die Sonnen, wärme flimmerte über dem kleinen See. Junge Wildenten spielten zwischen dem Schilf, den Wafferrosen und den breiten Blättern, die flach auf dem Waffer lagen. Munter taucht das schwarze Wasserhuhn mit dem röchlich-gelben Schnabck im Kreise seiner Jungen, als wollte es sagen: Macht es auch I so! Und die Rohrdommel ließ ihren monotonen Ruf ertönen- Hertha hatte wieder ihr Boot bis über die Hälfte in da» I Schilf gefahren und betrachtete dieses Naturspiel eine» heißen | Sommertages. In ihrem Schooßr lag ein Buch: Bulwer I Lyttons „Die letzten Tage Pompejis". Sie hatte einige I Male zu lesen begonnen, doch legte sie das Werk bA wieder I hin, denn es fehlte ihr heute die rechte Andacht. Mit gefal I teten Händen sah sie unverwandt in'» Leere, als träumte |te I mit offenen Augen. Aus dem verschütteten Pompeji und I Herculanum sah sie die auferstandenen Städte als Zeugen des I klassischen Alterthums. Sie sah den unheilbringenden, ewig I brodelnden Vesuv, umgeben von Asche und seinen Lavafeldern, wie er heute ist. Rebenhügel ziehen sich den Berg ^hinaus I und ranken auch an vereinzelt stehenden Häuschen mit ihren I flachen Dächern Lacrimae Christi, dieser feurige Wei , I der gleich dem Temperament der Bewohner Mer gottge,eg I neten Fluren ist, wächst dort. Vom Berge herab sah sie I Portizi zu ihren Füßen, am Golf entlang das nie genug ’ besungene Neapel und die herrliche blaue Fluth, so wer den nächsten Eichen pflückten sie dann Blätter, um dem Brauche ! gemäß den Eichenkranz für den besten Schützen zu winden. Jeder meinte nun, der Baron sei zur Herrengesellschaft nach der Halle zurückgekehrt, aber dieser ging über den Hof und kam unwillkürlich wieder zum Pferdestall. Doch Minka schien ihm heute nicht der v'.elbegehrte Renner und die anderen Pferde nahmen von seinem „Na Lotte, na Liese gar keine Notiz: selbst Diana, der braune Hühnerhund, rannte wie wild an ihm vorüber und sonst sprang er an ihm hinauf vor Freude heulend und schwanzwedelnd. „Aller scheint heute gegen mich zu sein, selbst die dummen Threre," dachte Walten, pfiff wieder einen Marsch und ging nach dem Wohnhause In der großen Stube traf er Tante Doclor, die eifrig Vorbereitungen zum Abendessen traf. Aßt sich doch eine Seele sehen, die sich um mich kümmert," sagte Frau Doctor, als sie den Bnon erblickte. „Ist meine Pflicht, gnädigstes Tantchen, zu sehen, was Sie treiben. Hoffentlich geht es Ihnen gut!" „Danke Ihnen, Herr von Walten. Das Leben auf Lindenheim bleibt stch ja immer das gleiche. Mittwochs frei- lich sieht es etwas anders aus, seitdem sich die beiden Herren so plötzlich eingefunden —. die recht seßhaft sind." „Und fester sitzen wie die Kletten, fiel ihr Curt ins „Viel fester, und wenn sie wirklich einmal verhindert sind | m kommen, dann ist er ein Bedauern, als ob sich ohne sie I die Welt nicht dreht, die vorher auch bestanden hat. Doch I darin sind sich alle gleich und der alte Amtsvorsteher obenan; I aber auch der Onkel fcheint wie vernarrt und besonders in den Baumeister. Was dieser Mensch aber auch sür eine Ec- I fahrung hat, was er Alles weiß und versteht, davon haben I Sie keine Ahnung — mir ist es unklar, wo er'» nur her hat, I und wie er es erzählt! Er spricht nicht gar so oft, doch wenn I er etwas sagt, dann sind Alle ganz Ohr und lauschen seinen I Worten, daß man eine Stecknadel könnte fallen hören. Und I wenn er Clavier spielt oder singt, dann ist es noch weit toller und Alle sind ganz begeistert; aber das muß ich agen, feine Vorträge sind etwas Besonderes, denn selbst auf dem Con- I servatorium habe ich nichts Derartiges gehört. Aber ich mag ihn doch nicht leiden; denn Hinz und Kunz und wer weiß wen noch hält er für Seinesgleichen; ich glaube, Sto.z oder Unterschied in der Menschheit sind Dinge, die ihm fremd sind und deshalb eben sympathistrt auch so der Onkel mit ihm, denn Sie kennen ja seine liberalen Anschauungen. Ich sage Ihnen, die gehen so freundlich mit den Leuten um, daß sich diefe wiederum alle Hacken ablaufen, wenn sie nm hre Ergebenheit zeigen können; und mich, die ich das Gesinde den Unterschied fühlen laffe, respectiren sie gar nicht- Aber, Herr von Walten, das wollte ich Ihnen schon neulich sagen: Nehmen Sie sich vor dem Baumeister in Acht, denn dieser Mensch hebt Sie mit Leichtigkeit aus dem Sattel!" „ „Nun — das soll nun und nimmermehr geschehen, brauste der Baron auf, und er hielt auch nicht mit seinem Haß zurück. „Das wird nun und nimmermehr geschehen — oder es nimmt kein gutes Ende!" Beruhigen Sie stch nur," sagte Frau Doctor beschwichtigend, die eine solche Wirkung doch nicht erwartet hatte, ,und gehen Sie nur jetzt wieder zur Gesellschaft, man wird Sie ohnehin schon längst vermiffen." Als die Sonne den Wipfeln der alten. Buchen und Eichen schon längst Adieu gesagt, fiel erst der letzte Schuß- Zwar wurde die Scheibe schon eine Stunde srüher nach der Halle gebracht, aber man schoß nun bei Dämmerlicht auf den Rehbock nach der Zugscheibe. Nun standen die Herren alle beisammen, Walten lebhaft plaudernd mit seinen Kameraden. Auch die Damen nebst Tante Doctor hatten stch eingefunden und Alle harrten der Dinge, die nun kommen sollten. Der Secretär war mit dem Zusammenstellen der Schießresultate fertig und überreichte die Liste dem Obersörster, und lautlose Stille trat nun ein. „Meine hochverehrten Anwesenden," begann der Ober- sörster- „Uns, die wir am Schießen betheiligt waren, kann -- 439 in bie rugel« ng e» wohl rohen dieser ver- ile es Herr üchfen »ollen i den ilicher leben uni tzen hen die tfen die noch fast wie Iter« nten nlich : be« den iger. l be- aber : ge- ihnen stcher »gen, erster de» den chte; San- onnen» Renten »reiten tauchte chnabel S auch rtönen- In daheißen gulwer einige wieder ; gefal- mte sie ji und ,en de» , ewig selber», hinauf t ihren Wein, ttgeseg- sie die genug »eit da» Äuge reicht Wie wunderbar muß dieser Anblick sein, der uns in Wort und Bild so schön gegeben. Ich kann das „Sehen und Sterben" wohl begreifen, obwohl meine Augen nie die Herrlichkeit gesehen. Aber war ist aus der Menschheit geworden seit jenen unheilvollen Tagen? Ist sie doch nur noch ein Schatten ander Zeit der Blüthe Griechenlands und Roms. Aber haben wir nicht auch heute noch Männer, die an Kraft und Muth so erhaben dastehen, wie die Jünglinge jener denkwürdigen Zeit? - Ist er nicht ebenso ein Mann an Kraft und Muth? Und so ganz anders als sie Alle, die da waren! Diese majestätische Ruhe in seinem edlen Wesen, dieses Jmponirende in seiner Erscheinung! Nie im Leben ist wohl etwas Böse» über die Lippen dieses Mannes gekommen, der Gutes thut u..b nie müde wird. Edel ist sein Streben, edel sein Sinnen und sein Denken. Die ganze Welt möchte er glücklich machen und zufrieden sehen, und er selbst ist die personifizirte Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit- Sie Alle überstrahlt er mit seinem Wiffen und seinem Können. Wie erhaben erscheint mir dieser Mann, an den ich auch nicht im Entferntesten hinaufreiche. Glücklich fühle ich mich, wenn ich ihn sehe, wenn ich ihn spreche» höre. — O, Hertha, was ist in Deinem Innern vorgegangen! Au» einer geschloffenen Knospe, die noch unlängst in ihrem Herzen schlummerte, ist eine herrliche Blüthe erwacht, die ihr ein nie geahntes Empfinden gab und ihr die Welt in so wundervollen Farben zeigte, die sie nie zuvor gekannt. Aber wie unglücklich fühlte sie fich jetzt, gedachte sie des Manne», dem sie in ihrer Unwiffenheit ihr Jawort zu einem Bunde für’8 ganze Leben gab, der nie und nimmer gut werden konnte, denn die Kluft zwischen beiden Eharacteren war doch zu groß, al» daß jemals eine Annäherung stattfinden konnte, die eine Harmonie der Seelen brächte. — Kleins weiße Wolken ziehen hoch am Himmel — langsam gehen sie dahin — sie kehren nie wieder, lieber dem stillen Wasserspiegel flogen Libellen. Summend schwirrten sie eine Weile auf demselben Punkte und ihre leichtbeschwingten, durchsichtigen Flügel glänzten in des Himmels Bläue oder in Regenbogenfarben im Sonnenglanz. O, diese glücklichen Kinder der Natur, dachte Hertha; heute noch freuen sie sich ihres Daseins und wie schnell ist es dahin! — Aber wenn ich nur wüßte, warum der Baumeister so erbleichte, als ich von Tante Walten kam! Tag und Nacht denke ich nun darüber nach und finde keinen Ausweg. — Ach, wenn ich ihn doch finden möchte. Und auch in Danzig auf dem Balle sah ich sein frisches Gesicht weiß werden wie eben gefallener Schnee, als ich vor ihm meine Maske entfernte. — Er durchstreift so oft den Wald, aber noch nie bin ich ihm begegnet- Wenn es der Zufall will, daß ich ihn einmal allein träfe, ob ich es wage, danach zu fragen? Aber was wird er nur denken und was wird er sagen? — Auf seiner Kanzlei saß der Oberförster vor seinen Holzrestantenlisten; aber auch ihm wollte die Arbeit heute nicht recht von Statten gehen. Sinnend sah er über seine Bücher hinweg hinüber zu den Kronen der alten Buchen und Eichen- Er hatte seinen Kopf in die linke Hand gestützt und nickte sinnend hinüber, als wollte er ihnen sagen: Ihr, die Ihr ein langes Leben habt, die Ihr jahrein jahraus hinausschaut von der Höhe in's tiefe Thal und weit hinaus in's Land, Ihr werdet bie Zukunft sehen, wenn ich längst nicht mehr sein werbe. — Vor seinen Augen zog bie Zeit vorüber, in bet er hier so unendlich glücklich gewesen; eine kurze Zeit für dieses Glück. — Und was wird nach mir kommen und wie wird er Dir ergehen, meine Tochter, Du Erbtheil glücklicher und trauriger, trauriger Stunden? All' unser Wessen, unser Können und Wollen ist Stückwerk, fügen wir uns allezeit, wie e» der Himmel beschlossen — was Dir beschieden ist, dem entgehst Du nimmer. — Er seufzte tief und blickte wieder auf feine Bücher. Reisig erster und zweiter Klaffe ist schon abgefahren, das bleibt fich ja fast immer gleich. Aus dem Verkauf des vorigen Jahres stehen aber noch in verschiedenen Jagen einzelne Meter Kloben, man muß sie nach den Wegen rücken laffen. In den Jagen zehn, elf und zwölf hat auch noch Ribold eine Menge Bauhölzer liegen. Ich muß es ihm sagen, daß er sie endlich abfahren läßt, denn ich bin froh, wenn mit dem alten Holz tabula rasa gemacht wird. Freilich, in den Schneidemühlen von Heidefließ liegen noch viele Stämme trotz des großen Raumes, selbst der Teich und da» Vließ sind damit angefüllt. Es klopfte an der Thür und herein trat der Lehrer aus dem Dorfe. „Ah, guten Tag, Herr Lehrer, was führt Sie denn Schönes nach Lindenheim? Ihr Deputatholz haben Sie doch längst weg." „Und leider auch bald verbrannt," ergänzte der Lehrer Hoffmann; „aber heute führt mich eine Bitte zu Ihnen, Herr Oberförster, die ich ja alle Jahre und noch recht oft wiederholen möchte- Wir möchten nämlich am Sonntage, also morgen über acht Tage, wieder bas Walbfest in Ihrem Belauf feiern i unb wenn der Herr Oberförster nichts dagegen haben, möchte I ich um Ihre gütige Erlaubntß bitten." „Nun, ich habe nichts dagegen, aber sorgen Sie auch für gutes Wetter, damit es nicht wieder ein Wasserfest wird, wir im vergangenen Jahre," sagte der Oberförster lächelnd. — „Möchten Sie es wieder auf der alten Stelle feiern, Herr Lehrer, ober haben Sie ein noch besseres Plätzchen gefunden?" „Nein, auf ber alten Stelle, Herr Oberförster, wieber im f Thalkessel bei Birkheim Er liegt unmittelbar an der Hauptstraße und dann ist es auch für das Fuhrwerk besser, denn die ganze Umgegend wird wohl auf den Beinen fein!" „Ja, ja, Herr Lehrer, da haben Sie auch ganz rechts die Stelle ist auch wie dazu geschaffen, dach bitte, erlauben Sie mir nun einmal Ihre Liste, ich möchte doch gern sehen, wie es mit der Beiheiligung aussteht." „Wir haben schon so viel Geld zusammen, baß es an nicht» fehlen wird." „Ja, bester Herr Lehrer, das sagen Sie mir doch jedes Jahr," erwiderte ber Oberförster freunblich unb nahm bie hin gereichte Liste, in bie er schrieb: „Ungenannt 20 Mark." Dann gab er Beibes dem Lehrer, ber sich vielmals bedankte. „Nun, mein Lieber, möchte ich Sie noch bitten, bafür Sorge zu tragen, baß es ber lieben Jugend an nichts fehle. Es muß ein echtes Kinderfest und ein rechtes Volksfest werde». Die Kinder sollen froh und lustig springen unb sich bes Lebens freuen, denn die ernsten Seiten des Daseins kommen ihnen noch früh genug. Aber Sie werben auch im Dorfe bekannt machen, baß man auf Cigarren und Pfeifen Obacht gibt, benn bei biefer heißen Jahreszeit kann man nicht vorsichtig genug sein- Ich werde ja dann einige meiner Beamten senden und der Gendarm, ber Schwiegersohn vom Förster Rudow, wird ja wohl auch nicht fehlen-" Der Lehrer versprach Alle» nach besten Kräften zu thun und empfahl sich bestens vom Oberförster. Am nächsten Mittwoch erfuhren die Freunde von dem beabsichtigten Walbfest bei Birkheim unb als ber Oberförster fragte, ob sie ben Jubel mit ansehen möchten, sagten sie sogleich zu. Der Ingenieur hoffte im Stillen, auch Fräulein von Wilbenau bort zu sehen unb wenn bies Fest auch zehn Meilen weiter gewesen wäre, so hätte er sich bie Gelegenheit nicht entgehen lassen, wenn er die wilde Trude dort vermuthete. Der Baumeister unterhielt sich lange mit Fräulein Steuer, die er um Information wegen des Waldfestes gebeten. — Der Thalkeffel von Birkheim war ein freier Platz mit mäßiger Senkung, ber ungefähr 50 Meter von ber Landstraße entfernt war. Rings um biefen Kessel zog sich hoher Tannen- walb bie Höhe hinauf, ber nach Birkheim zu immer bichter würbe. Auf den Wipfeln dieser alten, finsteren Bäume horstete der große Bussard und anderes Raubgesindel, das von hier aus unbeobachtet weit hinanssah über Laub- und Nadelwald, über Wiesen und Felder und sich seine Bente sicherte. Al» der alte Förster von dem Feste hörte, ließ er sogleich das Gras mähen, denn dieser Thalkeffel gehörte zu seiner Dienst- wiese- (Fortsetzung folgt.) 440 Nrdactton: A. Schetzda. — Druck und Verlag der Brühl'schm UniversitStA^vuch- und Cteindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Ließen. fiiato dks KkirchtilS auf die stdtusdmr. l wi^wir^sogleich^sehen^verden, wo anders. Ja, das^Heirathen «on Dr. H. Grumbach. | kann sogar schädlich wirken, wenn es zu früh stattfindet, oder (Nachdruck verboten.) | wemir namentlich in Arbeiterfamilien, die vermehrte Sorge Die Dauer unseres Lebens wird im Allgemeinen durch I für die Erhaltung der Familie eine stete Ueberanstrengung und uns selbst verkürzt oder verlängert, je nachdem wir durch ge- I Überarbeitung der Eltern zur Folge hat- Nach .einer Zu- sundheitsgemäße Lebensweise zu seiner Erhaltung beitragen. | sammenstellung von Farr sterben in Frankreich von verheiratheten Aber es aiebt auch unabhängig davon verschiedene innere und I Männern im Alter unter zwanzig Jahren viermal, von äußere Einflüffe, welche von großer Bedeutung für die Lebens- | Frauen zweimal mehr als von unverheiratheten gleichen dauer find, wieHeirathen, Erblichkeit, Beschäftigung, Religion, I Alters. Raffe und Klima. Bei manchen Einflüffen wird das Jedem I Wenn nun aber die oben angeführten statistischen Er- sofort einleuchten, z- B- bei dem Klima, nicht aber so z. B. I Mittelungen einen so großen Vortheil in Bezug aus die beim Heirathen. Und doch wirkt die Heirath oder Ehe auf I Langlebigkeit der Verheiratheten Herausstellen, so liegt eben die Erhaltung und Fortdauer des Lebens höchst günstig ein. I der Hauptgrund für diese Erscheinung darin, daß die Leben Darwin sagt in seiner „Abstammung der Menschen": I der Verheiratheten gewissermassen „ausgesuchte" Leben find, „Nach einer enormen Menge statistischer Angaben, welche im I indem im Allgemeinen nur solche Personen zu heirathen Verlauf des Jahres 1883 ausgenommen wurden, ist ermittelt I pflegen, welche sich einerseits einer gewissen Gesundheit und worden, daß in Frankreich die unverheiratheten Männer I anderseits eines für ihre Verhältnisse genügenden Einkommens zwischen einem Alter von zwanzig und achtzig Jahren in I zu erfreuen haben, während dagegen das große Heer der viel größerem Verhältniß starben, als die verheiratheten. I Unverheiratheten alle solche Personen in sich schließt, welche To starben »cif je tausend unverheiratheter Männer zwischen I aus Kränklichkeit, körperlicher oder geistiger Schwäche, Armuth, zwanzig und dreißig Jahren jährlich 11,3, aber von den I Unvermögen u. s- w. außer Stande sind, eine Familie zu verheiratheten nur 6,5. In Schottland wurde dasselbe schon j gründen. Daß aber unter solchen Personen der Tod eine 1803 nachgewiesen. Es starben z. B. von je tausend un- j reichere Ernte halten muß, namentlich in den Lebensjahren verheiratheten Männern zwischen zwanzig und dreißig Jahre« I von zwanzig bis vierzig, wo ja auch das Mißverhältnis am 14,9 jährlich, dagegen von den verheiratheten nur 7,2, also I stärksten hervortritt, ist einleuchtend. Auch kommt bei den weniger als die Hälfte". I Verheiratheten ohne Zweifel der wichtige Einfluß der Ein gleiches oder ähnliches Verhältniß ist auch in den I durch Darwin in das rechte Licht gestellten „Zuchtwahl meiste« übrigen Ländern beobachtet worden. Nach Hufeland I in Betracht, welche bewirkt, daß — im allgemeinsten (in seiner „Makrobiotik") erreichen von je hundert Personen I Sinne und abgesehen von reinen Geldheirathen, — hauptnur 11 Junggesellen, aber 27 verheirathete Männer, nur 23 I sächlich die körperlich oder geistig Bevorzugten der beider- unverheirathete, aber 28 verheirathete Frauen das siebzigste I festigen Geschlechter sich verheirathen und damit von vorn- Lebensjahr. I herein eine größere Lebenserwartung mitbringen, während Nach Dr. I. L. Casper erreichen in Amsterdam von I die Häßlichen, Krüppelhaften, Kranken, Liederlichen, Faulen, einhundert Personen das siebzigste bis hundertste Lebensjahr I Charakterlosen, an Körper und Geist Vernachlässigten oder unaesäbr 4 unverheirathete Männer und 15 unverheirathete I mit irgend einem Gebrechen oder Fehler Behafteten meist Frauen, dagegen 26 verheirathete Männer und 32 verheirathete I unverheirathet bleiben und auch selten ein so hohes Alter erbauen' reichen werden, wie die körperlich und geistig Gesunden- Eben- Der französische Statistiker Deparcievx, welcher aus den I f0 möge die durchschnittlich geringere Wohlhabenheit, die Sterbeltsten der Pfarrei St. Sulpiee nicht weniger als 48540 I untergeordnetere Lebensweise, die zahlreicheren Anlässe zu Todesfälle registrirt hat, giebt als Resultat seiner Unter- I Verführung und Ausschweifungen aller Art der Unverheirathete« fuchungen an: „Es scheint, daß man in der Ehe länger lebt, I zum Theil ihre größere Sterblichkeit bedingen. Allerdings als im Eölibat. Die Zahl der nach Erreichung eines Alters I führt auch dis Ehe als solche allerlei Gefahren für Leben von zwanzig Jahren gestorbenen Junggesellen ist beinahe I und Gesundheit mit sich, namentlich für die Frauen; aber doppelt so groß wie diejenige der in demselben Alter ge> I die hauptsächlich in einer regelmäßigen Lebenshaltung gestorbenen verheiratheten Männer und Wittwer; auch findet I legeren Vortheile derselben überwiegen schließlich so sehr du man kaum sechs Junggesellen auf 43 verheirathete Männer | Nachtheile, daß man Hufeland recht geben darf, wenn er gluck- oder Wittwer, welche älter als neunzig Jahre geworden I liche Ehen zu den Mitteln der Lebensverlängerung zählt. Ins- sind. Dis Zahl der nach dem zwanzigsten Jahre gestorbenen I besondere gilt dies für die mittleren Lebensjahre von zwanzig Mädchen ist ungefähr viermal so groß, als diejenige der zur I bis fünfzig oder sechzig, während allerdings darüber hinaus selben Zeit verstorbenen verheiratheten Frauen und Wirtwen, I ledige Personen in guten Verhältnissen eine ebenso große so daß nur 14 Jungfrauen, aber 112 verheirathete Frauen I Lebenserwartung haben, wie Verheirathete. das neunzigste Lebensjahr erreichen". Es dürfte daher der bekannte Ausspruch des Apostel» Noirot fand, daß in Dijon verheirathete Männer durch- I P^lus, daß Heirathen gut, Ledigbleiben aber besser sei, in schnittlich sieben Jahre länger, verheirathete Frauen durch- I makrobiotischer Beziehung umzukehren und Denjenigen, welche schnittlich sünf Jahre länger leben, als Junggesellen und I att werden wollen, das Heirathen anzuempfehlen sein. Nur Jungfrauen. Nach demselben Autor macht sich der nachtheuige I b6tc dies weder in zu späten Lebensjahren geschehen, noch in Einfluß des Eölibats oder der Ehelosigkeit am stärksten geltend I .u frühen, da zu jugendliche Ehen eine so ungünstige oder zwischen dem 25. und 35. Lebensjahre. Von da an vermindert I no$ we^ ungünstigere Lebenserwartung zur Folge haben, wie sich dieser Einfluß bis zu 55 Jahren und verschwindet darnach I bQ8 göllbQt> fast ganz. I Nach dem französischen Statistiker Devay gewinnt ein I „„ , . Mann, der mit dreißig Jahren heirathet, dadurch an seinem I VevMMyt-S* Leben elf Jahre. Wer mit fünfunddreißig Jahren heirathet, I ( b gewinnt acht, und wer mit vierzig Jahren heirathet, sechs * Kindermund. E.ne deutsche Familie ist nach Evg °n Jahre. Nach dem fünfzigsten Lebensjahr hört dieser Gewinn auf. I ubergesiedelt. Das kleine Töchterchen ist trostlos, we, 9 Uebriaens ist der Ausdruck „Gewinn" insofern unrichtig, I Niemand versteht und von Niemand verstanden wird. Eines als er die falsche Vorstellung erweckt, als ob stets jede Heirath | Tages geht die Familie über Land und man vernimmt da diesen Lebensgewinn herbeisühre. Wenn dies auch bis zu I Krähen eines Hahnes. Da bricht die Kleine rn den Freuden einem gewissen Grade der Fall ist, so liegt doch die Haupt- । ruf aus: „Mama, der Hahn kann deutsch!