L89S. Nr. N7 ♦ V* V e® V V SMtMMlLttSP ier,ei;er UntrrhaUmigsblatt jum Gießrnrr Adriger (Oeneral-Anpiger). Dora. Novelle von Marie Treuter. (Schluß.) Ein Jahr war vergangen. Da sollte dennoch der Tag kommen, der mich mit seliger Wonne, aber auch mit einer grenzenlosen Bitterkeit erfüllte. Dora warf sich eines Tages an meine Brust und gestand mir unter Thränen, daß sie meinen Bruder liebe und von ihm wiedergeliebt würde. „Und seit wann, Dora," frug ich in angstvoller Erwartung, „seit wann fühltest Du, daß Du Willi liebst?" „Schon damals in Thüringen," schluchzte das erregte Mädchen, „ich wagte nur nicht, es Dir zu gestehen." Also Mangel an Vertrauen und eine fast zu große Schüchternheit von Seiten meiner Kindes hatten mich um düs Glück eines Jahres betrogen! Mehr noch, sie hatten dieses Jahr für mich zur fortfährenden Qual gestaltet. Ich hielt Doras verändertes Wesen, oder ihre fast an Abneigung grenzende Zurückhaltung meinem Bruder gegenüber für ein Zeichen, daß sie eine andere Liebe im Herzen trage, die Liebe zu dem Manne, deffen Bild auch mein Herz erfüllte. Vielleicht — so glaubte ich — ahnte sie, was im Herzm der Mutter vorging, und diese Eckenntniß schloß ihm die Lippen. Eine Frage, die ich bald nach unserer Abreise von dem Badeorte an sie gerichtet hatte, ließ meine Vermuthung damals zur Gewißheit werden. „Dora," hatte ich mein Kind gefragt, „Dora, was würdest Du thun, wenn ein Mann, den Du sehr, sehr lieb hättest, etwa so lieb wie den Onkel Willi, urplötzlich Dein Vater würde?" Dora hatte mich angeblickt, erstaunt, entsetzt, dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und rief in verzweiflungsvollem Tone: „Dann, Mutter, würde ich sterben." Von diesem Tage an betrachtete ich meine Liebe als verloren. Meinen Bruder trieb die scheinbare Abneigung Doras fast zur Verzweiflung. Jetzt warfen Doras Erklärungen ein ganz anderes Licht auf diese Einzelheiten. Auf «meine Frage, warum sie nie von dieser Liebe zu meinem Bruder gesprochen hatte, legte Dora ein Geständniß ab, wie es abenteuerlicher, sinnverwirrender nie von einem Romandichter ersonnen werden könnte. Sie hatte die Unterredung mit mir, die dem ersten Besuche des Predigers im Garten unseres Hauses in L. gefolgt war, theilweise mit angehört. Allerdings hatte sie den Sinn derselben nicht verstehen können, aber dennoch so viel gehört, daß wir ihre Person mit der des Predigers in Verbindung brachten. Sodann hatte sie gesehen, was ihr nie aufgefallen war, daß mich mein Bruder zärtlich umarmt und geküßt hatte. Schon damals habe sie eine fast abgöttische Liebe für ihren jugendlichen Onkel empfunden, und die Zärtlichkeiten, die er mir erwies, hatten in ihrem Herzen eine wilde Leidenschaft entfacht, die sich bald in heftige Eifersucht verwandelte. Nun kam noch hinzu, daß mein Bruder nach dieser Unterredung weniger harmlos und ungezwungen mit Dora verkehrte, jedes Alleinsein mit ihr vermied, überhaupt nur selten und auf kurze Zeit seine Heimath besuchte. Alle diese Umstände und Manches, was ihr, dem Heranwachsenden Mädchen, aus ihrer frühen Jugend dunkel und unklar erschienen, hatten die Veranlaflung gegeben, daß sich in ihrem phantastereichen Köpfchen ein Gedanke bildete, wie er abenteuerlicher wohl noch von keinem Dichter ersonnen wurde. Dora bildete sich ein, mein Bruder liebe mich. Wie so vieles, was man ihr absichtlich verborgen hatte, nahm sie an, hätte man ihr auch verschwiegen, daß mein Bruder und ich nicht leibliche Geschwister seien- Die Frage, die ich bald nach unserer Abreise von L. an sie gerichtet hätte, habe ihre Vermuthung zur Gewißheit werden lassen. Zum Neber» flusse hatte sie während des Wachens vieler Nächte an meinem Krankenbette Manches gelesen, unter Anderem auch das Lustspiel: „Die Geschwister" von Goethe. Der Gedanke, daß sie den geliebten Onkel dereinst vielleicht würde Vater nennen müssen, hatte sie fast wahnsinnig gemacht. „Daß Ihr meinen Namen mit dem des Predigers in Verbindung brachtet, führte mich auf den Gedanken, die erwachsene Tochter wäre Euch ein Htnderniß zu Eurem Glücks," so schloß Dora ihre Beichte, „und Ihr wolltet mich an diesen Mann verheirathen, zumal er, wie ich später bemerkte, auch selbst ein Zusammentreffen mit mir zu suchen schien." Ich hatte keine Worte auf diese Enthüllungen- Eine Bitterkeit hatte mein Herz ergriffen, so tief, so schmerzlich, — 386 und I we •Jh vo wenn ich Dich mit Fr ich ein un Bu Do ihr un Di htl ftd gez vie ®i Ar lei ers Fr sch mu M bet Hai me un na Jl sol ge fof ein du UN ih- ihr TI do än gel im ein zwi rott spr die rod gle Ca sich zw Hoffend und zagend erwarteten Dora und ich den Tag die Stunde, die unser Glück vollkommen machen sollten. Und dieser Tag kam. barungen nach dem Orte ab, an welchem Doras Vater an« geblich wohnte. müßte." Dann hatte er sich entfernt, um den Baron aufzusuchen und ihm zu sagen, daß er die Vorbereitungen zur Hochzeit beschleunigen möge. Als Blanche allein blieb, begann sie nachzudenken. Der Entschluß Lowendaals konnte gegen ihre Energie nicht Stand halten — sie mußte widerstehen und bis an's Ende diesem wie ich sie nicht einmal empfunden hatte, als ich langsam meine Liebe zu Grabe tragen mußte. Dieses Kind, das ich liebte, mehr als mein Leden, für deffen Frieden ich mein Lebensglück zu opfern gedachte, für das ich selbst mein Leben dahingegeben hätte, war ein Jahr lang neben mir einhergegangen mit dem Stachel der Eifer« sucht, des Mißtrauens im Herzen! Einen Triumph aber harte mein Mutterherz, der es aussöhnte mit dem tiefen Schmerze, welchen ihm die Verblendung des Kindes verursacht hatte. Nie, trotz ihrer großen Phantasie, trotz ihrer fabelhaften Combinationsgabe, war Dora der Gedanke gekommen, daß ich nicht ihre leibliche Mutter wäre. Der Gedanke, daß ich jetzt diese Thatsache unumgänglich erkären mußte, ließ mein Herz in tiefem Weh erzittern. Gab ich doch ein Geheimniß preis, das noch vor wenig Jahren zu hüten die Wonne meines Daseins gewesen war. „Und seit wann, Dora," fragte ich mein Kind, das jetzt still weinend den Kopf an meine Schulter barg, „seit wann weißt Du, daß Dich Onkel Willi liebt?" „Heut Morgen, Mammi," berichtete Dora, unter Thränen lächelnd, „saß ich allein in der Laube. Ich glaube, ich weinte, denn ich war so unglücklich, weil ich sah, daß Du immer trauriger und bleicher wurdest. Da trat Onkel plötzlich zu mir. Er fragte nach dem Grund meiner Thränen, ob ich Kummer hätte und — ach Mammi, es klang mir so komisch, daß ich fast lachen mußte, in all meinem Leid, er fragte mich auch, ob ich denn unfern liebenswürdigen Retter, den Prediger niemals vergeffen könnte. Er wäre doch sicher einer so großen Liebe nicht werth, denn er hätte noch kein Lebenzeichen wieder von sich gegeben. Als ich ihm nun erklärte, daß ich den Prediger wohl sehr lieb gehabt hätte, lieber vielleicht, als alle unsere Bekannten, daß ich diesem Manne aber nie ein anderes Gefühl als das der Freundschaft würde entgegenbringen können, da war der Onkel erst ganz närrisch vor Freude, und dann Mammi, o Gott, ich weiß nicht, wie ich es Dir beschreiben soll, dann kam das große Glück, das ich noch nicht kaum begreifen kann. Er gestand mir, daß er mich lieb gehabt hätte, immer, so lange er denken könne, und ich sollte sein Weib werden. Gleich wollte er mit mir zu Dir eilen. Aber mit der großen Schuld auf dem Gewiffen konnte ich nicht vor Dich hintreten. Kannst Du vergeben, Mutter, daß Dein Kind so wenig Vertrauen zu Dir gehabt hat?" Ich küßte meinem Kinde die Thränen von den dunklen Wimpern. Mahnte es mich nicht an meine eigene, große Schuld? Trug ich nicht ein viel größeres Geheimniß in meinem Innern, das ich nicht einmal dem Bruder anvertraut hatte? War es nicht gar ein Verbrechen, daß ich mit der vollen Erkenntniß deffen, was ich that, dem Vater das Kind, dem Kind den Vater jahrelang vorenthalten hatte? Würde er, dem mein Herz jetzt, da ihm die Sonnenstrahlen der Hoffnung zu leuchten begannen, in verdoppelter Gluth entgegenschlug, mir jemals diese Grausamkeit verzeihen? Dachte er überhaupt noch an mich, die ich seine wiederholten schriftlichen Annäherungsversuche nicht mit einer Silbe erwidert hatte? Welch eine Verkettung von Mißverständniffen! Fast hätten Sie das Glück von vier sich innig liebenden Menschen zu Grunde gerichtet. Wie aber sollte ich meinen Lieben das am schonendsten mittheilen, was sie doch so bald als möglich erfahren mußten! Die Gelegenheit kam eher, als ich es erhofft hatte. Mein Bruder drang darauf, daß ich feine Verlobung mit Dora sofort veröffentlichen sollte. „Ich habe nicht das Recht dazu," antwortete ich auf seine Bitte, „Doras Vater allein hat über ihre Hand zu verfügen." Das Erstaunen der Beiden war grenzenlos. Dann theilte ich Ihnen mit, was ein Jahr hindurch mein Gewiffen belastetlund meine Seele'gefoltert hatte. Mein Bruder reiste fast unmittelbar nach meinen Offen* Ein Wagen hielt vor unserem einsamen Hause. Zwei Männer entstiegen ihm, beide mit glückstrahlenden, freudetrunkenen Augen. Regungslos, mein zitterndes, bleiches Kind fest um- fchlungen haltend, erwartete ich mein Glück. Wortlos legte ich dem Vater die längst als tobt betrauerte Tochter in bis ausgebreiteten Arme. Spätir, als wir glücklich vereint in der kleinen trauten Jasminlaube faßen, erzählte ich bie Lebensgeschichte meiner Kinbes. Auf einen Wink von mir entfernte sich bie vor lauter Freude und Ueberraschung fast närrisch geworden gute alte Marianka, verständnißvoll nickend. Bald kehrte sie mit einer kleinen altmodischen Truhe zuruck. Mit zitternden Händen breitete ich den Inhalt derselben vor den erstaunten Blicken meiner Lieben aus. Die Truhe enthielt ein verblaßtes, blaues Kinderkleidchen, und ein Paar gelbe mit Perlen gestickte Safranschuhe. „Die letzte Arbeit Deiner Mutter," sagte Doras Vater mit vor Thränen erstickter Stimme, indem er seinem Kinde einen der kleinen Schuhe reichte. Stürmisch drückte Dora ihre Lippen auf die zierliche Stickerei, dann fiel sie mir schluchzend um den Hals. „Meine theure, einzig geliebte Mutter bist Du," flüsterten die heißen bebenden Lippen. Ich drückte mein Kind fest an mein pochendes Herz, meine Augen aber suchten den verdunkelten Blick seines Vaters. Im Spätherbst hatten wir eine unerwartete Freude. Die Pfarrstelle in unfern Heimathsdorfe wurde frei. Doras Vater bemühte sich aus Liebe zu 'mir, die ich mich von meinem Vaterhause nicht zu trennen vermochte, um diese Stelle. Sie wurde ihm mit Freuden zuertheilt. Wenige Wochen darauf wurde ich sein Weib. Mein Kind blieb noch zwei Jahre im elterlichen Hause. An dem Tage, an welchem unser erster Bube getauft wurde, führte mein Bruder die Braut zum Traualtäre. Jeden Sommer besucht uns nun in Begleitung ihr» Eltern ein kleines Mädchen. Sie nennen es Willi, und ich weiß, daß es die Tochter meines Kindes ist. Aber wenn ich ihm in die großen lichtblauen Augen schaue, dann ist mir, als blicke ich in die Augen meiner kleinen Dora, welche wieder ein Kind geworden.! „Run gut!" rief Herr von Lavaline, von Wuth üben wältigt und diesen Widerstand für Wahnsinn erachtend. „Ji werde Dich ,'zu zwingen wissen, schlechte Tochter! Du wirst heute Nacht getraut werden! Hörst Du, noch heute Nacht und gebundenen Füßen zum Altar schleppen Madame Sans GM. «»man nach Siet orten Sarbou und F. Home*. Deutsch von »del« v«r§«». (Fortsetzung.) Im Herzen des Barons befand sich also eine Hoffnung, die zerstört werden mußte. Aus diesem Grunde mußte sie bet ihrer Weigerung beharren, und ohne dem Vater ihre Motive mitzutheilen, wiederholte Blanche, daß sie nie die Frau de« Barons werden würde. 387 - Bunde, der ihr Grauen einflößte, ihre Einwilligung versagen. Doch zu diesem Kampfe fehlte ihr der sicherste Verbündete: ihr Kind. Warum war er nicht bei ihr? Die Anwesenheit dieses lebenden Zeugen ihrer Liebe für einen Andern würde den Marquis überzeugen und Lowendaal zwingen, auf sein Begehren zu verzichten. Sie fragte sich mit wachsender Unruhe, was Catherine Lefebvre hindere, ihr Versprechen einzuhalten. Die Nacht war gekommen und sie konnte nicht mehr in die Umgebung hinausspähen. Sie verfiel in ein tiefes Sinnen, während fie an die Armeen dachte, die ihre° düsteren Mafien gleich einem Netze um das Schloß zogen. Sie sagte fich, daß Catherine sich gewiß fürchtete, unter all' diesem Kriegsvolke sich auf den Weg zu machen; man hatte sie vielleicht gezwungen, ihre Reise zu verzögern. „Sie wird nicht kommen," dachte fie schmerzlich, „und wer weiß, ob ich mein Kind je wtedersehe?" Entsetzt bei dem Gedanken, zu dieser verhaßten Heirath gezwungen zu werden, verzweifelt, die Ursache des Ruins und vielleicht des Todes ihres Vaters zu sein, verfiel fie auf den Gedanken, zu fliehen. Die Nacht war nahe und die Nachbarschaft der beiden Armeen günstig. Inmitten aller dieser Soldaten konnte sie leicht durchschlüpfen, denn die Straßen waren mit armen, erschreckten Leuten, die vor den Truppen flohen, erfüllt. Eine Frau konnte unbemerkt oder wenigstens unverdächtig hindurchschlüpfen. Sie würde irgend eine Stadt, Brüssel oder Lille, erreichen und von dort sich nach Paris, nach Versailles auf dis Suche nach Catherine und ihren kleinen Henriot begeben. Sie befaß Juwelen und etwas Geld; einmal von diesem verhaßten Schlosse entfernt, würde sie ihrem Vater schreiben und dieser, sobald der erste Moment des Zornes vorüber war, würde ihr gewiß Hilfsmittel zusenden. Nachdem sie diesen Plan gefaßt hatte, begann sie, sich sofort an die Ausführung desselben zu machen. Sie ergriff eine kleine Tasche, in die sie, was sie an Kostbarkeiten besaß, durcheinanderwarf. Dann hüllte sie sich in einen Reisemantel und nahm au» Vorsicht einen zweiten Mantel mit sich, der ihr in den unbequemen Wirthrhäusern, in denen sie unterwegs Zuflucht nehmen mußte, als Decke und Matratze dienen sollte. Nachdem fie dafür Sorge getragen, daß das Licht in ihrem Zimmer deutlich und sichtbar brannte, öffnete sie die Thür vorsichtig, schlich auf den Fußspitzen hinaus, die Corri- dore sondirend, den Athem zurückhaltend und jeden Augenblick ängstlich bedrückt und doch tapfer stehen bleibend. Endlich gelaugte fie zu einer Thüre, die in die Gemüsegärten führte. Geräuschlos schob sie den Riegel zurück und befand sich im Freien. Die Nacht war frisch, schön, nicht allzu dunkel. Sie mußte es beim Durchschreiten des freien Platzes vermeiden, sich von den Schloßleuten sehen zu lassen. Wenn fie einmal den hinter den Mauern des Parkes gelegenen Wald erreicht hatte, war sie gerettet. Selbst wenn man ihre Flucht bemerkte, konnte man ihr in diesem dunklen Dickicht nicht folgen. Während sie vorsichtig um die Gebäude des Schlosses schlich und an einem hell erleuchteten Saale im Erdgeschosse, wo die Dtenstleute ihre Mahlzeit beendeten, vorüberkam, meinte sie, hinter einem Baume verborgen zwei fremde Gestalten zu sehen. r. Sie fuhr zusammen und blieb stehen. Langsam lösten sich die zwei Gestalten ab und kamen auf sie zu. Die Furcht lähmte sie, sie wagte weder zu fliehen, noch vorzutreten, noch zu schreien. Deutlich unterschied sie eine lange und magere Silhouette eines 'Mannes und dann eine Frau, welche einen kurzen Rock und einen kleinen Hut mit aufgebogener Krämpe trug. Zwei Secunden später befanden sich der Mann und die Frau neben ihr. ich »Still! Wir find Freunde," sagte die Frau lebhaft. • .'.Diese Stimme!" murmelte Blanche. „Wer sind Sie, fürchte mich, ich werbe rufen!" „Rufen Sie nicht! Sagen Sie, wo könnten wir Fräulein Blanche von Laväline finden?" „Ich bin e« selbst. Bei Gott, Catherine! Ich erkenne Deine Stimme!" rief Blanche freudig. Ueberrascht und sroh theilte Catherine Blanche rasch mit, daß sie in Gesellschaft La Violettes, den sie vorstellte und der sich sogleich in respectvolle Habt-Achtstellung setzte und militärisch grüßte, komme, um mit ihr von dem Kinde zu sprechen und es ihr zu übergeben, wenn sie es inmitten der Unordnung eines Krieges übernehmen könne. „Wo ist mein kleiner Henriot?" fragte Blanche zitternd, weil sie eine schreckliche Nachricht zu hören fürchtete. Catherine beruhigte fie rasch. „Aber dieses Costüm?" fragte sie, über den Anzug der Marketenderin erstaunt. Catherine erzählte ihr, daß sie im Regiments diene und daß ihr kleiner Henriot inmitten der Voltigeure des 13. Regiments schlafe. Blanche wollte sich sofort in's Lager begebe», doch Catherine rieth ihr, lieber im Schlosse zu bleiben. Am nächsten Morgen, beim Tageslichte, würde man über die Bewegungen der österreichischen Armee im Klaren sein. Vielleicht okkupirten die Franzosen das Schloß, dann war nichts leichter, als ihr das Kind zuzusühren. Sich mitten in der Nacht hinauszuwagen, wo überall Eclaireure streiften, war Wahnsinn. „Das ist gut für mich; eine Marketenderin, die darf zwischen zwei Armeen Herumlaufen," sagte Catherine lustig, und La Violette fügte hinzu: „Mademoiselle, Sie wissen nicht, was das heißt, Angst haben. Ich kenne das. Bleiben Sie hier, so ist es besser. Madame Lefebre, sagen Sie ihr doch, daß es noch Oesterreicher in den Hopfenfeldern geben kann." Catherine bestätigte die Ansicht La Violettes. Blanche sollte die Nacht im Schlosse verbringen. Am nächsten Morgen würde man sie benachrichtigen- Aber Fräulein von Lavaline erklärte Catherine, daß sie aus dem Schlosse fliehen wollte, wo man sie noch in dieser Nacht für immer mit dem Baron Lowendaal verbinden würde. „Was thun?" fragte sich die gute Catherine bestürzt und murmelte vor sich hin: „Was für ein Unglück, daß Lefebvre nicht mit uns ist. Der würde uns einen guten Rath geben. Wenn wenigstens dieser Dummkopf da eine Idee hätte," brummte sie, indem sie La Violette anblickte. „Nun, hast Du eine Idee, Du?" fuhr sie den Kantinengehilfen rauh an. „Wenn Sie wollen, Madame Lefebvre," antwortete er schüchtern, „gehe ich in'» Lager zurück und hole den Kleinen." Catherine zuckte die Achseln. „Dich möchte ich sehen, La Violette, mit einem Kinde auf dem Arme." „Wenn ich mit Euch ginge?" sagte Blanche lebhaft. „Ja, ja, Catherine, erlaube mir, Euch zu begleiten." „Aber die Gefahr, die Kugeln, die Schildwachen!" „Davor fürchte ich mich nicht- Hat denn eine Mutter vor irgend etwas Angst, wenn sie ihr Kind umarmen will?" Catherine wollte Blanche nachgeben, als ein Stimmengeräusch sie zwang, zu verstummen und sich hinter einer Baumgruppe zu verbergen, deren Schatten sie beschützen konnte. Von sackeltragenden Lakaien umgeben, sagte Baron Lowendaal zu einem seiner Bedienten: „Benachrichtigen Sie Fräulein von Lavaline, daß die Zeit vorgeschritten ist und daß ich sie mit dem Marquis, ihrem Vater, in der Kapelle erwarte." Der Baron schritt über den Rasenplatz vor dem Schlosse und begab sich in die Kapelle, einem kleinen Gebäude, das sich rechts inmitten einer Wiese befand. „O Gott, ich bin verloren! Man wird mein Verschwinden bemerken," murmelte Blanche. „Wir müssen Zeit gewinnen, aber wie? O, es gibt ein Mittel, aber es ist recht gefährlich," sagte Catherine. „Was für eines? Sprich, meine gute Catherine. Ich will lieber Allem trotzen, als diesen Mann heirathen. Ich werde nicht in die Kapelle gehen." „Wenn Jemand an Ihrer Stelle hinginge, das würde die Nachforschungen für eine Viertelstunde irreführen." „Eine Viertelstunde, das wäre Rettung," sagte Blanche. „Ich könnte aus dem Parke hinaus und mich auf den Feldern verstecken, wer weiß, vielleicht sogar die französtschen Vorposten erreichen. Ja, die Idee ist ausgezeichnet, aber wer wird es wagen, meine Stelle einzunehmen?" „Ich!" sagte Catherine- „Vorwärts! Es darf keine Secunde verloren werden. Geben Sie mir Ihren Mantel, eilen Sie, aber halt, da kommt Ihr Baron heraus." Lowendaal kehrte, nachdem er untersucht hatte, ob in der Kapelle Alles für die Ceremonie bereit sei, befriedigt zurück, um den Marquis aufzusuchen und im Vorübergehen in den Ställen seine Befehle für die Reise zu geben. Gleich nach vollzogener Trauung wollte er in den Reisewagen steigen und mit seiner jungen Gattin den Weg nach Brüffel etnschlagen- Das Herannahen der österreichischen Armee und die Gefahr der Schlacht hatten ihn bewogen, die für die Ceremonie und für die Reise bestimmte Zeit zu beschleunigen. Rasch hüllte sich Catherine in den Mantel Blanches und diese legte den Mantel an, den sie vorsichtigerweise mitgenommen ; nachdem sie die energische Marketenderin schweigend umarmt hatte, entfernte sie sich, gefolgt von La Violette, ganz stolz über seine Rolle als Ritter eines fahrenden Fräuleins. Catherine sah ihnen ängstlich nach, bis ihre Gestalten in der Nacht verschwanden. Sie hatten nun die Grenze des Parkes erreicht und Blanche war dem Baron Lowendaal entschlüpft- Bald würde sie ihr Kind umarmen. „Armer, kleiner Henriot! Werde ich ihn nur Wiedersehen?" sagte sich Catherine bewegt. „Und mein Lefebvre, was wird der sagen, wenn er mich nicht mehr wiedersieht? Pah, daran will ich jetzt nicht denken, sondern trachten, meine Rolle als Braut so gut wie möglich zu spielen," fügte sie mit ihrer gewöhnlichen guten Laune hinzu. Sie schritt kühn aus den hell erleuchteten Saal im Erdgeschoß zu, wo die Dienerschaft nach beendeter Mahlzeit schwatzte. Sie zeigte sich auf der Schwelle und sagte in kurzem Ton: „Man benachrichtige den Herrn Barqn, daß ich ihn in der Kapelle erwarte." Dann zog sie sich langsam zurück, bemüht, majestätisch einherzuschreiten und sich nicht in den Falten des für ihre Gestalt ein wenig zu langen Mantels zu verwickeln. Als sie in die Kapelle treten wollte, hörte sie neben sich Geräusch und Schritte. Der Baron sprach: „Du hast also das Losungswort, Leonard ?" „Ja, Herr Baron," antwortete der Befragte. „Ich konnte es herauükriegen. Ich hatte eine Estafette hier in die Küche hereingezogen unter dem Vorwand, ihr Auskünfte zu erthetlen, und gab ihr zu trinken, denn sie hatte großen Durst und war wohl sehr schläfrig, denn jetzt schläft sie." „Und die Papiere?" fragte Lowendaal lebhaft. „Ich habe sie gelesen. Nichts Wichtiges, außer dem Losungswort, das ich behalten habe." „Schön, Leonard, jetzt laufe rasch zu den österreichischen Vorposten und benachrichtige den commandirenden Offizier." Und der Baron kehrte in's Schloß zurück. „Was soll das heißen?" fragte sich Catherine. „Was für ein Losungswort haben sie herausbekommen? Am Ende gar das uns'rtge?" Sie war unschlüssig, was sie thun sollte. Mußte sie nicht fliehen, in's französische Lager laufen und Alarm schlagen? Aber sie hatte Blanche, ihrer Wohlthäterin, versprochen, ihre Verfolger zu täuschen und einen Moment ihre Stelle in der Kapelle zu vertreten. Vor Allem mußte sie also ihr Versprechen halten, dann hatte sie noch Zeit, um in's Lager zurückzukehren und Lefebvre von dem Verrathe zu benachrichtigen. Sie trat also entschlossen in die Kapelle ein, sehnlichst wünschend, daß der Baron bald erscheinen möge, damit sie dann entschlüpfen könne, um die Soldaten und ihren Mann zu alarmiren. „Wenn man sie während des Schlafes überraschte!" dachte sie entsetzt. Doch ihre Sorglosigkeit gewann bald die Oberhand. „Pah!" sagte sie sich. „Die Braven vom Dreizehnten schlafen nur mit einem Auge und werden sich die Feinde selbst mit einem gestohlenen Losungsworte nicht in Schußweite kommen lassen, ohne ihnen zu zeigen, daß bei uns gute Wache gehalten wird und daß man sich um Verräther nicht kümmert." Sie ließ sich also etwas beruhigter auf einem der beiden Fauteuils nieder, welche vor dem Altar für das Brautpaar aufgestellt waren. In einer Ecke kniete ein Priester und betete andächtig. Er schien ihr gar keine Aufmerksamkeit zu schenken. Neugierig betrachtete sie die Abbildungen des Kreuzweges, die Verzierungen des Tabernakels, die kleine Astrallampe, in der ein flackernder Docht brannte, und die vier brennenden Kerzen, welche ein düsteres Licht verbreiteten. „Brr! Soll denn hier ein Todtenamt abgehalten werden und nicht eine Hochzeitsmesse?" murmelte Catherine, von dem traurigen Anblick des Gebäudes bedrückt. Das Warten erschien ihr sehr lange. Plötzlich öffnete sich lärmend die Thür der Kapelle. Ein Geräusch von Schritten, vermischt mit einem Klirren von Säbeln, ertönte. Catherine hüllte sich, um ihr Jncognito länger zu bewahren, vollständig in den Mantel Blanches und kniete nieder, indem sie vermied, sich umzuwenden. Der Priester hatte sich nach zwei Verbeugungen langsam erhoben und dem Altar genähert. Er begann nun rasch mit leiser Stimme seine Gebete zu lesen. Mittlerweile trat Baron Lowendaal auf Die zu, welche er für seine Braut hielt, und sprach sie mit dem Hut in der Hand und lächelnden Lippen galant an: „Mademoiselle, hatte gehofft, die Ehre und das große Vergnügen zu haben, Sie selbst hierherzuführen. Aber ich begreife Ihre Schüchternheit und verzeihe sie. Wollen Sie mir gestatten, an Ihrer Seite Platz zu nehmen?" Catherine antwortete nichts und rührte sich nicht. Auch der Marquis trat vor und fagte halblaut: „Dar ist sehr gut, meine Tochter, ich gratulire Dir, daß Du endlich zur Vernunft gekommen bist." Lauter fügte er hinzu: „Aber Blanche, lege doch diesen Reisemantel ab — es ist nicht liebenswürdig, sich so trauen zu lassen, außerdem mußt Du unseren Gästen, Deinen und den Zeugen Deines Bräutigams, den Offizieren des Generals Clerfayt, die Honneurs machen. Zeige ihnen wenigstens Dein Gesicht, lächle ein wenig, das schickt sich an einem solchen Tage." Als Catherine die österr ichischen Offiziere erwähnen hörte, machte sie eine rasche- Bewegung. Ihr Mantel verschob sich und zeigte ihren kurzen Rock mit den trikoloren Stre: i. Lebhaft griff der Marquis nach dem Mantel und zog ihn gänzlich zurück. „Das ist nicht meine Tochter!" rief er bestürzt- „Wer sind Sie?" sagte der Baron, nicht weniger verblüfft- (Fortsetzung folgt.) VernMehtes. Kleines Mißverständniß- Richter (zum angeklagten Mitglied einer Tyroler Sängergesellschaft): „Sie haben also nach der Vorstellung auf der Straße gejodelt — wie?" — Tyroler: „Ja ju ju ju hoi diohi dioh huhuhu dulijöh!“ Aus dem Examen. „Ist die Hundesteuer eine directe oder eine indirecte?" — „Eine indirecte!" — „Weß- halb?" — , Weil dieselbe nicht direct vom Hunde erhoben wird." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch L Schetida) in GietzeN.