Donnerstag dm 16. Mai. * V^V® • VV affiilKRblaikr UntrrhaUungsblatt ?«m Gießener Anzeiger (Orneral-AnMer). UL' Die Tochter des Meeres. Roman von A. Nicola. (Fortsetzung.) „Es kommt mir nicht zu, Dich zu tadeln, Rupert," sagte Adele indesien zögernd, „und mein Herz ist Dir zu aufrichtig zugethan, um nicht jeden Schmerz, den Du leidest, mit Dir zu empfinden. Doch vergib der armen Adele, wenn sie wagt, Dich daran zu erinnen, daß Cora von keinen wirklichen Ban- den an ihre momentane Heimath gefeffelt wurde. Es darf Dich nicht zu sehr wundern, daß sie Reichthum und Luxus der verhältnißmäßigen Armuth dieses lieben Hauses vorzieht, das für mich so viele Reize hat. Ach, Rupert, wenn Du nur wüßtest, wenn Deine Augen nicht so blind wären!" fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort. „Aber die Zeit wird er Dir zeigen, und ich, Deine Cousine, muß den Schmerz und die Demüthigung ertragen, Dich, meinen edlen Rupert, so getäuscht zu sehen." In ihren Augen glänzten Thränen und durch die kristallenen Tropfen strahlte so unverkennbare Liebe und Zärtlichkeit für den bekümmerten Rupert, daß derselbe kein Mann hätte sein müssen, wenn er ihrem Einfluß hätte widerstehen können. „Rein, nein, sprich nicht so, Adele!" sagte er und ergriff ihre Hand. „Du bist ungerecht gegen mich wie gegen Dich selbst. Ich habe Dir stets als meiner lieben Cousine ver» traut und eine Freundin, eine Schwester in Dir gesehen- Aber Cora — das muß ich gestehen — ist die Seele meines Herzens gewesen, der Stern, den meine Phantasie in die glänzendsten Farben der Schönheit und Liebe kleidete. E» ist jetzt vorüber, sie ist fort und ich — ich will den Verlust nicht ruhig ertragen, ohne mich zu rächen." Jetzt schluchzte Adele. Ihre Wuth und Enttäuschung machten sich in einem Thränenstrom Luft, der Rupert bis in's Innerste rührte. „Beruhige Dich, geliebte Adele," sagte er tröstend. „Er ist thöricht von mir, Dich so aufzuregen. Komm', laß uns den Kummer verschmerzen," fuhr er fort und ergriff ihre Hand mit mattem Lächeln. „Wir wollen nicht mehr von dieser Undankbaren sprechen. Wenigstens bist Du meiner Mutter — und mir geblieben." Und halb unbewußt legte sich sein Arm um ihre Taille und sein Kopf ruhte wie der einer ermüdeten Kinder auf ihrer Schulter. Das sah sie als ein gutes Zeichen für die Zukunft an. Rupert suchte bei ihr Trost und Stütze in seinem Kummer. Von hier führte nur noch ein Schritt zur Liebe- Cora würde das Herz verlieren, das sie so hoch hielt und Adele es statt ihrer erhalten- So glaubte Frau Falkners Nichte, als sie sich schüchtern aus der unfreiwilligen Umarmung befreite- V. In dem Schulzimmer in der Villa Lord Faros faß Cora in die tiefe Fensternische zurückgelehnt, ihren schönen Kopf auf die Hand gestützt, die Augen auf die Landschaft draußen gerichtet. Sie war eine Andere geworden in den wenigen Monaten, die sie in ihrer neuen Heimath zugebracht hatte, aber nur insofern, als ihre Reize sich vervollkommnet hatten. Die natürliche Eleganz ihrer.Gestalt und Bewegung war mehr durch das Gefühl der Zufriedenheit, als durch den Einfluß Anderer ausgebildet worden. Das Kleid, das sie trug, war einfach und zeigte nichts von Reichthum und Luxus, und doch war es ihrer schlanken, jugendlichen Gestalt angepaßt. Auch die schönen Augen und das liebliche Gesicht waren zu einem regeren Gedankenausdruck gereift und der Scharfblick, das rasche Auffaffen waren unter der Erziehung, dir man der Fremden angedeihen ließ, gleich einer tropischen Pflanze in plötzliches Wachrthum gerathen- Ihre Gedanken weilten jetzt nicht bei dem seltsamen Wechsel ihres Lebens oder der wunderlichen Laune Lord Faro»; weder bei Lady Emilys kaltem Stolz, noch bei Rettas Muth« willen. Nein, ihre Gedanken flogen zu dem einzigen Magnet, der sie anzog, zu dem einzigen Beweggrund ihrer Handlung», weise: zu Rupert Falkner, dem Beschützer ihrer Kindheit, dem treuen Freunde ihrer Jugend, der geheimen Liebe ihres noch kindlichen Herzens. „Rupert, um Deinetwillen, nur um Deinetwillen geschah es und vielleicht hassest und verachtest Du die arme Cora wegen der scheinbaren Undankbarkeit, die sie Dir gezeigt hat! 230 Aber was thut da», wenn er glücklich ist? Ich will sein Verderben nicht sein, wie Adele sagte." Ein bitteres Lächeln glitt über ihre Züge, als ste an Adele dachte und die zunehmende Dämmerung verbarg kaum die Thränen, welche ihr dunkles Auge blendeten bet dem leidenschaftlichen Sturm der Erregung, den die vertrauten Namen heraufbeschworen. War es ein Traum? . . - Da ließ sich ein leiser Tritt hinter ihr hören, halb schüchtern legte sich eine Hand auf ihre leicht gebeugte Gestalt und eine Stimme drang an ihr Ohr, die ihren ganzen Körper erbeben machte ... ein Erbeben der Freuds und des unendlichen Glücks. Doch es war nur der Vorbote neuer Gefahren und Kümmerniffe für die einsame namenlose Wanderin. „Ach, meine schöne Cousinei" waren die Worte, die ihr entzücktes Ohr trafen. „Sehe ich Dich endlich wieder!" Das klang so ganz wie Rupert Falkners Gruß, wenn er von den langen Reisen heimkehrte, während welcher sie dem kalten Mitleid Adeles und ihrer Tante preisgegeben war, so daß sie für den Augenblick die Unmöglichkeit, daß er es sein könnte, vergaß. In ihrer namenlosen Freude wurde sie sich kaum darüber klar, wo sie sich befand. Sie hatte nur den einen Gedanken an ihn, an den Abgott ihres jungen Herzens, und sah mit einem Blick voll so strahlenden Glückes um sich, der ihre Schönheit noch erhöhte. Aus ihren lebhaften Augen sprach eine ganze Fluth von Zärtlichkeit und ihre Lippen trennte ein Lächeln, so voll unendlicher Liebe, daß es dem Eintretenden, auf den dieser Blick gerichtet und der ganz davon hingerissen war, einen Ausruf der Ueberraschung entlockte, der sich mit ihrem eigenen Schrei der Enttäuschung und des Schreckens vermischte. „Ich ... ich glaubte," stammelte sie in ihrem neuerlernten Englisch, welches mit dem schwachen fremden Accent noch bezaubernder klang, „ich glaubte, daß . . ." „Und ich glaubte, ich hätte meine Cousine Netta vor mir, sonst würde ich mich nicht in solcher Weise eingeführt haben," sagte der Fremde mit artiger Verbeugung und einem Lächeln, das einen seltenen Reiz hatte. Aber da der Fehler einmal begangen ist, muß ich mein Möglichstes thun, ihn wieder gut zu machen. Erlauben Sie, mein Fräulein, daß ich um Verzeihung bitte wegen der unfreiwilligen Unhöflichkeit, die sich Ernst Belfort, sonst Lord Belfort genannt, und mütterlicherseits Vetter von Miß Retta, hat zu Schulden kommen lassen." Cora neigte erröthend den Kopf, was sie nur noch schöner erscheinen ließ und wollte ohne Weiteres das Zimmer verlassen. „Rein!" sagte der junge Fremde in liebenswürdigem Tone, der so gut zu seinem ganzen Aeußern paßte. „Ich kann nicht an ihre Verzeihung glauben, wenn Sie mich so verlassen, während unsere Vorstellung erst halb beendet ist. Wollen Sie mich nicht mit dem Namen der Dame beehren, die als Freundin meiner Cousine, wie ich hoffe, auch bald die meine werden wird?" Während er sprach, stellte er sich so, daß Cora ihren Platz nicht verlassen konnte, ohne daß er bei Seite trat. „Mein Name ist rasch gesagt," versetzte sie stolz. „Ich heiße Cora vom Meere und bin nur einfache Thetlnehmerin an Miß Nettas Studien. Wollen Sie jetzt die Güte haben, mich vorbei zu lassen, Mylord?" Er blieb einen Augenblick wie unschlüssig stehen. Er war jung und für äußere Eindrücke empfänglich, aber durch seine Bildung und Stellung mit dem Lauf der Welt vertrauter als Mancher, der zehn Jahre älter ist. Hübsch, von vornehmer Abstammung und der Sohn einer verwittweten und in ihn geradezu vernarrten Mutter, war er rasch aus der Knabenzeit zu den Gefühlen und Erfahrungen früher Männlichkeit übergegangen. „Einen Augenblick, Miß Cora!" sagte er mit größerer Ehrerbietung, als er bisher gezeigt hatte, in leisem, bescheidenem Ton, der den Verdacht und das Mißtrauen entwaffnete. „Ich kann Sie nicht mit dem kalten, stolzen Blick vorwurfsvoller Entrüstung über meine unfreiwillige Unehrerbietung gehen lassen. Ich bin nämlich soeben von einer längeren Reise zurückgekehrt und eilte herbei, um den Verwandten, die ich nächst meiner Mutter am meisten schätze, meine Aufwartung zu wachen. Und Netta und ich sind in früheren Zeiten außerordentlich gute Freunde gewesen, so daß ich nach alter Weise den bekannten Weg nach diesem Zimmer nahm, und in der Meinung, meine kleine Cousine sei während meiner Abwesenheit so gewachsen, in der Dunkelheit thöricht genug war, Sie sür meine Cousine zu halten... ein Fehler, den ich aller- dings noch nicht bereuen kann. Wollen Sie mich nun mit einer etwas freundlicheren Verzeihung verlassen, als Jene war, die Sie mir soeben gewährten?" „Ja! Ja! Es ist ja nichts zu verzeihen!" antwortete sie hastig. „Nur bitte, lassen Sie mich gehen!" „Nicht bis Sie mir die Hand zum Zeichen der Freundschaft gegeben haben," sagte er. „Nun, es ist weder Nichtachtung, noch eitle Thorheit," fuhr er fort, als sie zurückwich. „Ich möchte mir nur den Vorwurf ersparen, daß Sie mir nicht zumuthen, ich könnte eine Dams — besonders eine Dame wie Sie — beleidigen." Cora wich noch immer von der dargebotsnen Hand zurück, aber seine Stimme, wie seine ganze Art und Weise waren so tadellos respectabel und sie sehnte sich so angstoll schüchtern darnach, aus dem Zimmer zu kommen, daß sie hastig ihre kleine Hand in die seine legte. Er hielt sie einen kurzen Augenblick in seinen beiden. Dann, wie von einem unwiderstehlichen Impuls, getrieben, führte er sie an seine Lippen. Die Berührung war leicht, kaum merklich. Aber in demselben Augenblick, in dem Cora ihre Hand ihm entzog, wurde die Thür plötzlich und fast geräuschlos geöffnet, und Netta, wie es schien vor Zorn und Verwunderung starr, betrachtete mit blitzenden Augen die vor ihr Stehenden. „Ernst, bist Du wieder da? . . . Warum verbirgst Du Dich?" kam es fast ungestüm von ihren Lippen. VI. Einige Augenblicke lang herrschte tiefe», peinliches Schweigen. Cora hatte sich stolz aufgerichtet, den Kopf herausfordernd vorgebeugt. Lord Belfort fand nach dem ersten plötzlichen Schrecke» rasch seine gewöhnliche Ruhe wieder. „Ich mich verbergen," rief er lachend. „Geliebte Nette, das ist eine böse Beschuldigung! Der frühe Morgen zog mich an diesen Ort, wo ich Dich zu finden hoffte. Ich fand hier aber nur eine schöne Stellvertreterin. Und nun möchte ich wissen, wer die Flüchtige ist I" setzte er heiter hinzu mit einem raschen Blick auf die davoneilende Cora. Der halb spöttische, halb schmollende Ausdruck um Nettar Lippen verlor fich nicht, als sie antwortete: „Eine Stellvertreterin, die wunderbar dazu zu passen scheint! Ich bedauere, das interessante Zusammensein unterbrochen zu haben," fügte sie spöttisch hinzu. Ernst lachte dagegen und bemerkte: „Meine liebe kleine Cousine! Wie sonderbar von Dir, eine solche Bagatelle st ernst zu nehmen! Es war ein bloßer Zeitvertreib, bis Du kommen würdest. Was liegt daran, wenn es sich nur um eine Untergebene handelt! Netta, Du bist viel zu liebenswürdig und klug, um Dich einer unwürdigen Eifersucht schuldig zu machen." Der Ausdruck ihres Gesichtes wurde etwas weicher, obwohl sie mit abgewandtem Kopf und bitterem Ton erwiderte: „Dann sollte es auch unter Deiner Würde sein, Dich zu einer Täuschung herabzulaffen, Ernst," sagte sie kalt. „Aber Du scheinst mich für ein Kind zu halten, mit dem man fich nach Belieben amüsiren kann." „Im Gegenthell, ich halte Dich für eine sehr anspruchsvolle junge Dame," erwiderte er ruhig. „Ich bin Dir sehr verbunden," versetzte sie mit spöttischer Verbeugung. „Jedenfalls bin ich kein Kind," fuhr sie ärgerlich fort, „und weiß sehr gut, daß Du einem fremden, 231 untergeordneten Mädchen wie dieses nicht den Hof machen verlegen inne. Vielleicht hinderten sie auch die heraufsteigenden Thränen am Sprechen. Lord Belfort lachte munter. „Meine liebe, verzogene, eigensinnige kleine Cousine, Du bist wirklich zu amüsant," sagte er und versuchte, ihre Hand m ergreifen. „Ich glaube, Du willst memer schlechten Aus. sassungsgabe nachhelfen und mir begreiflich machen, es fei ein Beweis, daß ich nicht in die schöne Netta verliebt fei, wenn ich mich während einiger Minuten mit ihrer Gesellschafterin amüstre. Glaubst Du nicht, daß mir daran liegt, Deine ganze Umgebung für mich zu gewinnen, bis ich auf die Erfüllung meiner höheren Wünsche hoffen kann?' Mir ist gleichgiltig, was dieses anmaßende Mädchen denkt. Es würde mich höchstens zu der entgegengesetzten Mei- nung bestimmen," entgegnete sie schnippisch. „Du weißt Übri. gens gar nicht, wer sie wirklich ist, sonst würdest Du nicht so thöricht reden." , „Thöricht reden ist zuweilen viel amüsanter, als klug sprechen. Vielleicht bist Du auch so gut, mich über sie auf. zuklären?" sagte er mit einer Verwegenheit, die nur von einem hübschen Menschen mit zehntausend Pfund jährlichem Einkommen entschuldigt werden konnte. „Eigentlich verdienst Du es nicht, doch ist es des Geheim- thuns gar nicht werth," erwiderte sie leichthin. „Cora ist ein Kind, dessen mein Papa sich annahm, weil sie gut deutsch spricht. Ich glaube nicht, daß sie jemals Vater und Mutter gekannt hat," setzte sie bitter hinzu. „Wie alle dergleichen Geschöpfe glaubt sie direct vom Himmel gekommen zu sein." „Das nennt man himmlisch geboren," sagte er ernst. „Du bist unerträglich!" entgegnete Netta ärgerlich und wandte sich zum Gehen. „Ich werde Tante Emily sagen, daß Du hier bist . . . vielleicht kannst Du von ihr erfahren, was Du über dieses Geschöpf, das Du so reizend findest, zu Madame Sans G«ne. Roman nach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger. „Unglücklich und verlassen, Cora?" sagte Lord Faro, der unbemerkt näher getreten war. „Sie haben doch gewiß nicht Ursache, sich zu beklagen, daß man Sie nicht ... ich meine, es wird Ihnen doch Zuneigung und Interesse genug gezeigt, wenigstens von mir?" „Ich ... ich beklage mich ja auch nicht!" sagte sie hastig. „Außer wenn man mich beobachtet und belauscht." „Ich sah Ihr Kleid zwischen den Gebüschen und ich bin so selten mit Ihnen allein, daß ich einmal frei und ungezwungen mit Ihnen zu reden wünschte," erwiderte er, indem er neben ihr Platz nahm- „Aber wo ist Netta?" „Sie war soeben mit Lord Belfort ... so heißt er ja wohl? ... im Schulzimmer," sagte sie kalt, obwohl sie ihre Undankbarkeit gegen ihren Wohlthäter bereute. „Dort werden Sie ihn wohl noch finden." „Im Schulzimmer?" wiederholte er. „So sahen Sie ihn schon, Cora?" „Ja ... doch ich wußte nicht, daß er kommen würde, sonst hätte ich das Zimmer vorher verlassen," entgegnete sie. „Er suchte Miß Netta." „Fanden Sie ihn hübsch?" fragte er mit erzwungenem Lächeln. „Ich weiß es nicht. Was liegt mir auch daran?" entgegnete sie stolz. „Ist dem wirklich so? Dann sind Sie anders als andere junge Mädchen!" sagte er. „Junge Mädchen haben gewöhn« lich großes Interesse für dergleichen Vorzüge unseres Geschlechts." „Ja, ich bin anders, ganz anders!" antwortete sie bitter. „Und gerade das macht mir Kummer." (Forts, folgt.) wissen wünschest." „Wie Du mir schmeichelst! Du bist wirklich bezaubernder, als ich erwartet hatte!" sagte der junge Edelmann und hielt sie zurück. „Ich hatte kaum gehofft, daß Du Dich in so liebenswürdiger Weise meiner Launen annehmen und sie in so pikanter Weise unterstützen würdest. Aber genug des Unsinns!" fuhr er ernster fort. „Du solltest Deinen eigenen Werth besser kennen, Netta, als daß Du auch nur einen Gedanken an eine solche Nichtigkeit verschwendest. Lord Faros Tochter braucht keine Nebenbuhlerin zu fürchten, am allerwenigsten ihre eigene —" „Jungfer . . . denn sie ist kaum etwas Besseres!" unterbrach ihn Netta, wieder heiter werdend bei der schmeichelhaften Anspielung. „Aber Lord Belfort sollte auch Besseres zu thun wissen, als sie eitel und anmaßend zu machen," fuhr sie fort. „Und nun, denke ich, schließen wir Frieden und sind wieder gute Freunde. Ernst ... das heißt: Wenn Du es nicht wieder thun willst ... wie wir sonst zu sagen pflegten!" Lord Belfort Ivar dieses Mal kühner, als bei der anderen Versöhnung vor wenigen Minuten, denn er berührte die Lippen statt der Hand seiner jungen Verwandten und erhielt zum Lohn dafür einen leichten Schlag von ihren zarten Fingern. e ♦ Inzwischen verließ Cora, die unschuldige Ursache de» kleinen Streites, das Haus und schritt rasch den schattigen Wegen zu, wo sie ungestört sein konnte. „Es ist empörend! Ich ertrage es auch nicht länger!" Mit diesen Worten machte sie ihrem schweren Herzen Luft. „Mich von einem Fremden beleidigen lassen zu müssen, weil ich einsam und unbekannt bin! .... O Himmel, was wird noch aus mir werden!" fuhr sie fort, faltete krampfhaft die Hände und sank in dem Gartenhaus, das außer ihr selten Jemand betrat, aus eine Bank nieder. „Warum bin ich nicht mit Denen ertrunken, die mich liebten? Jetzt bin ich unglücklich und verlassen!" (Fortsetzung.) „Wirklich, dieser Magier besitzt nicht viel Phantasie!" sagte Fouchö. Er prophezeit Euch allen die höchsten Loose... nur mir nichts . . . Werde ich also niemals eine Persönlichkeit werden?" „Sie find ja schon Pfarrer gewesen," sprach Catherine, „was wollen Sie da noch werden?" „Meine Liebe, ich war einfach Oratoriker . . . gegenwärtig bin ich Patriot, Feind der Tyrannen . - - Was ich sein möchte? O, ganz einfach: Polizeiminister!" „Vielleicht werden Sie es fein . . . Sie sind ja so boshaft, wissen alles, was vorgeht, alles, was gesprochen wird, Bürger Fouchs!" antwortete Catherine. „Ja, ich werde Polizeiminister sein, wenn Sie Herzogin sein werden!" sagte er mit einem seltsamen Lächeln, das einen Augenblick seine traurigen Züge erhellte und sein Faunprofil milderte. Der Ball war zu Ende. Die vier jungen Leute erhoben sich lachend und entfernten sich unter spöttischen Bemerkungen über den Zauberer und seiner Zauberei. Catherine nahm den Arm Lefebvres, der die Erlaubniß erhalten hatte, sie bis an die Thür ihres Ladens zu begleiten. Vor ihnen schritten ihre drei Tischnachbarn, Napoleon Bonaparte, etwas abseits von seinen zwei Freunden Junot und Marmont, ging steif und ernst einher; von Zeit zu Zeit er» hob er die Augen zu der blauen Himmelsdecke, als verfolge er den Stern, von dem er gesprochen hatte, und der ihm allein sichtbar war. III. Die letzte Nacht des Königthums. Der 10. August war ein Freitag. Die Nacht vom 9. auf den 10. war stille, sternenhell und ruhig. Bis Mitternacht breitete der Mond sein erfrischendes Licht über die scheinbar ruhige, friedlich schlafende Stadt aus. Dennoch schlief Paris seit mehr als vierzehn Tagen 982 - nur mehr mit einem Äuge, die Hand auf die Waffen z gelegt, bereit, sich beim ersten Appell zu erheben. Seit dem Abend, an dem Lefebvre im Vaux-Hall die Bekanntschaft der Wäscherin Catherine gemacht hatte, war die Stadt ein Hochofen geworden. In diesem Riesenkeffel kochte die Revolution. Die Marseillaisen waren angekommen und erfüllten die Stadt und Clubs mit ihrem Feuer, ihrem sonnenglutherhitzten Patriotismus und ihrer kriegerischen Begeisterung. Sie weckten das Echo mit der unsterblichen Hymne der Rheinarmee, die dem plötzlich inspirirten Genie und dem zuckenden Herzen Rouget de Lisles entsprungen war. Sie lehrten sie den Parisern, die, statt den ewigen Nationalgesang die Fran- caise zu nennen, ihm großartig den Namen „Marseillaise" gaben. Der Hof und das Volk bereiteten sich zum offenen Kampfe vor. Der Hof verbarrikadirte die Tuillerien, ließ die von Courbevoi und Rueil geschickten Schweizer darin garnisoniren und berief die adeligen Fanatiker, die man seit dem Oktober - bankett, wo sie die Nationalcocarde mit Füßen getreten hatten, die Ritter vom Dolch nannte. Diesen großen Tag, der Steg der Revolution und der Rupublik war — denn der 22. September proklamirte und legalistrte bloß die große Thatsache des 10. August — organistrt, angeordnet, decretirt zu haben, kann sich Niemand rühmen. Danton schlief bei Camille Desmoulins, als man ihn in die Commune holen kam. Marat vergrub sich in feinen Keller. Robespierre stand abseits, er wurde erst am 11. zum Mitglied der Commune ernannt. Barbaroux hatte die Ehre abgelehnt, die Marseillaiser anzuführen, und Santerre, der große Agitator vom Faubourg Saint-Antoine, figurirte erst unter Tags im Kampfe. Der 10. August, diese anonyme Jnsurrection, diese Schlacht ohne Obercommandanten, hatte zum General die Menge. Die Bewegung begann erst nach der zwölften Stunde dieser strahlenden Nacht des 9. August. Die Emissäre der siebenundvierzig Sectionen, welche die Absetzung des Königthums verlangt hatten — eine, die Section Manconfeil, hatte sie votirt — kreisten still durch die Straßen und gaben von Thür zu Thür das Losungswort aus: „Zu den Waffen, wenn ihr die Sturmglocken läuten und den Rappel schlagen hört." Gegen ein Uhr läutete die Sturmglocke in mehreren Kirchen. Die Glocke von Saint-Germain d'Auxerois, die das Blutbad der Bartholomäusnacht eingeläutet hatte, zog jetzt das Zügenglöcklein der Monarchie. Bei diesem düsteren Lärm, den bald das ferne Rollen der zum Rappel gerührten Trommeln begleitete, erhob sich Paris und griff, sich die Augen reibend, zu den Gewehren. Der Mond war untergegangen, Schatten lagerten sich über die Stadt. Aber in allen Fenstern entzündete sich ein Licht näch dem anderen. Diese plötzliche, wie sür ein Fest bestimmte Illumination machte einen düsteren Eindruck. Es war die künstliche Dämmerung eines Tages, an dem der Dampf der Geschütze, der Rauch der Feuersbrünste und der Blutdunst die Sonne verdunkeln sollten. Nach und nach öffneten sich in den erwachenden Straßen die Thore. Bewaffnete Männer erschienen auf der Schwelle. Sie befragten den Horizont, spitzten das Ohr, auf das Vorüberkommen der Sectionen wartend, um in Reih und Glied zu treten, und fahen den Tag über die Dächer aufsteigen. Flintenkolben wiedsrhallten auf dem Pflaster. In den Straßen und Höfen hörte man das Krachen der Batterien, die man spielen ließ, das metallische Geräusch der Gewehre, deren Hahn versucht ward, und das Klirren der Säbel und Piken. In den in der Nachbarschaft der Tuillerien gelegenen Häusern hatten sich alle Läden aufgethan, und mehrere derselben standen bereits offen. Mademoiselle Sans-GLne war nicht die letzte, die ihr Näschen hinaussteckte. Mit einem kurzen Rock bekleidet, in einem koketten Nachthäubchen und die volle Brust von einem leichten Jäckchen bedeckt, hatte sie, nachdem sie vom Fenster au« den nächtlichen Lärm gehört, die Trommler ge. sehen und die Sturmglocke erkannt hatte, fich beeilt, in ihren Laden zu gehen, Licht zu machen und vorsichtig die Thür zu öffnen. Die Rue Royale Saint-Roch, wo sich ihr Wäscherinnenladen befand, war noch einsam. Catherine wartete, schaute und horchte . . . Es war nicht die Neugierde allein, die sie so aus das Kommen der bewaffneten Sectionen harren ließ. Sie war eine gute Patriotin, die Sans-Gsne, aber noch ein anderes Gefühl als Tyrannenhaß bewegte ihr Herz. Seit der in der Vaux-Hall getanzten Fricaffäe hatte sie ihren Landsmann, den Sergeanten Lefebvre, öfter wiederge- sehen — die Bekanntschaft hatte sich gefestigt, und bei einem kleinen, netten Ausflug in die Rapse, wohin sie sich ohne Schwierigkeiten zu machen, hatte führen lassen, waren Schwüre ausgetauscht und mancher Plan entworfen worden. Der französische Exgardist hatte sich sehr unternehmend gezeigt, aber Catherine hatte ihm in so energischem Tone geantwortet, daß sie nur ihrem Gatten angehören würde, daß der über die Ohren verliebte Sergeant zuletzt von Heirath zu sprechen begann. Und Catherine nahm den Antrag an „Wir bringen nicht viel in die Ehe mit," sagte fit fröhlich, „ich, eine Wäscherin — wo es an schlechten Kunden nicht fehlt . . ." „Und ich, meine Tressen und die Gage ist oft im Rückstand ..." „Das thut nichts, wir sind jung, lieben uns und haben die Zukunft vor unsl Hat mir nicht der Zauberer neulich prophezeit, daß ich Herzogin werden werde!" „Und mir, daß ich General fein werde!" „Vor allem hat er gesagt, daß Du die heirathen wirst, die Du liebst." „Nun. also, machen wir die Prophezeiung durch den Anfang wahr!" „Aber in dieser Zeit kann man nicht heirathen — ma» wird sich schlagen!" „Setzen wir einen Tag fest, Catherine." „Nach dem Sturz des Tyrannen — ist es Dir recht?" „Ja, das paßt mir, ich verabscheue die Tyrannen. Steh' mal her, Catherine!" (Fortsetzung folgt.) Literarisches. Allgemeiner dentscher Mnfter-Briefstelle« und Uni- versal-Haus-S e cretär für alle in den verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen, sowie im Geschäfts-, Gewerbs- und Privatleben vor- kommenden Fälle. Unentbehrliches Handbuch für Jedermann von Georg von Gaal. Zwölfte, gänzlich umgearbeitete und den Zeitverhältnissen vollkommen angepaßte Auflage. In 13 Lieferungen zu 4 Bogen. Preis jeder Lieferung 40 Pfg. Ausgabe in zehntägigen Zwischenräumen. Auch complett geh. 5 Mk. oder geb. 6 Mk. (A. Hartleben's Verlag, Wien.) „Der Mensch ist sein Stil", sagt einer der größten Denker seiner Zeit, und in der That ist man gewohnt, aus dem Stile eines Briefes oder einer Eingabe einen berechtigten Schluß auf den Bildungsgrad seines Absenders zu ziehen. Begreiflicherweise will Niemand über seinen Bildungsgrad ein ungünstiges Urtheil ergehen lassen, und doch sind heute, bei der intensiven Steigerung des Schulwesens, die in dieser Beziehung zu stellenden Anforderungen viel größer, als sie noch vor etwa zwanzig Jahren gewesen. Ueberdies gibt es aber bei der Abfassung von Briefen und besonders von amtlichen Eingaben eine Menge formeller Nebenbedingungen, welche selbst den Gebildetsten nicht bekannt sind. Auch die Gesetzgebung schreitet fort und verlangt auf diese Weise die Kenntniß stets neuer Gesichtspunkte. Es ist daher für Jedermann von großer Wichtigkeit, für alle derartigen Fälle einen verläßlichen Rathgeber zu besitzen, und ein solcher ist der soeben in zwölfter vermehrter und verbesserter Auflage erscheinende „Allgemeine deutscher Muster-Briefsteller" von Georg von Gaal. Auch auf diese neue Auflage wurde dieselbe Sorgfalt verwendet, welche den früheren Auflagen gewidmet wurde. Alle Theile in dem ganzen Buche sind mit steter Berücksichtigung der neuesten Zeitverhältnisse verändert und zum größten Theile unrgearbeitet worden. RitaKttai: A. Gcheyda. — »rml d«r«rüchl'schrn und Suinimtdtrei (Pietsch * Schehda) in Gichm.