DWRtzKW WWWÄW SltoM^isSSS MMWK MMZUM S^MMWLKM ?---J - V-S^-7. kj§eRer"Äaffiilkfißlätkr 1895. Nr. 7 4 Dienstag den IS. Januar. Untechaltungsblatt?«m Gießener Aiyeiger (Geneml-AWiger). 1J »LI, WWMBWWWBMWIlUU^lJU^ Sturmfluth. NvMim von Sm. Heinrich«. (Fortsetzung.) Der alte pensionirte Rechnungsrath, welcher diese Hälfte der ersten Stockes nur mit feiner Frau und dem einzigen Sohne bewohnte, konnte ein humoristisches Lächeln nicht unterdrücken, al» er bemerkte, wie des Hauptmanns Blicke ängstlich im Zimmer umherschweisten, als suchten fie irgend einen verdächtigen Gegenstand. Er kannte nur zu gut die Mustkfurcht des alten Herrn und hätte ihn gern beruhigt, wenn ihn nicht Rückstcht und eine geheime Angst, irgendwie den Zorn seines Gaste» zu erregen, zum Schweigen bewogen hätten. „Wir haben dar Wasser so hoch noch nie hier gehabt," knurrte der Hauptmann endlich, „thut mir leid, daß ich Sie belästigen muß, Herr —" Ec sah ihn fragend an. „Mein Name ist Brandt, Herr Hauptmann I" „Weiß, Herr Nachbar, — waren früher Staatsbeamter, penstonirt wie ich, — nun, habe Ihnen keinen Besuch gemacht, kann nicht gut Treppen steigen. Bin nun doch gekommen, die Elemente wissen sich Gehorsam zu verschaffen." Er lachte kurz auf, um seine Verlegenheit zu verbergen. „Wer hätte auch solches von einem invaliden Offizier, der für uns sein Blut geopfert, verlangen können, Herr Hauptmann!" erwiderte der frühere Rechnungsrath ehrerbietig. „Das gnädige Fräulein hat Sie längst dafür entschuldigt." Hm, der Nachbar wußte, was er ihm schuldig war, ein recht netter Nachbar, in der That! So dachte unser Hauptmann mit einem wohlwollenden Lächeln, wobei ein angenehm behagliches Gefühl, hier so sicher und warm zu sitzen, ihn erfüllte. Sie unterhielten sich jetzt eine Weile über die stetig steigende Fluth und die Gefahr, worin die tteferliegenden Straßen und besonders die Häuser an der Benke sich befanden. „Da« Wasser geht dort bis zum zweiten Stock, wie mein Sohn, der noch vorhin draußen gewesen ist, mir sagt," bemerkte der Rath. „Dabei soll der Strom schon so viele «roße Gegmstände mit stch fortgeriffen haben, daß kein Boot zur Rettung sich hinunterwagen kann, ohne Gefahr zu laufen, zerschellt zu werden." „Das wäre ja aber unverantwortlich," rief der Hauptmann, ganz außer sich vor Schrecken und Entsetzen. „Sie werden die Unglücklichen doch nicht hilflos umkommen lassen? Wofür haben wir hier denn Militär und Feuerwehr? Herrgott, mein Freund Melchior wohnt dort auch mit seiner armen gelähmten Schwester!" „Sie meinen doch den Herrn Eandidaten —" „Denselben, hoffentlich werden sie oben sicher sein, obgleich — das Haus hat nur Erdgeschoß und einen Stock, dazu ein abgeplattetes Dach —" „Dann sind sie in Gefahr und mit ihnen so viele Andere, Herr Hauptmann! Lieber Himmel, wäre es heller Tag, ja, dann ginge e« wohl — aber bei dieser schauerlichen Finsterniß —" „Ein Versuch müßte doch wenigstens gemacht werden," beharrte Ehrhard, mit seinem Stocke aufstampfend, „wäre ich nur mobil, dann würde ich Himmel und Erde in Bewegung setzen, um das Lied vom braven Manne lebendig zu machen." „Reden Sie mir nichts dagegen, Herr Nachbar!" setzte der Hauptmann, hitziger werdend, hinzu. „Ich bin ein alter Soldat, der im Kugelregen gestanden und dem Tode unzählige Male in'» Auge geschaut hat, ich sage Ihnen, wenn es galt, in stockfinsterer Nacht ein gefährliches Unternehmen gegen den Feind auszuführen und es hieß: Freiwillige vor! — dann drängten sich unsere braven Jungen dazu. Kein Einziger von ihnen dachte an sich selber, und so soll es nicht blo» im Kriege gegen den Feind, sondern auch im Kampf mit den Elementen iein, wenn es gilt, Menschenleben gegen ihre Gewalt zu schützen und zu retten. Den Mann, der heute diesen Kamps nicht scheut, den will ich ebenfalls als Helden preisen und ihm den Lorbeer zuerkennen." „Das ist sehr edel gedacht und gesprochen, Herr Hauptmann!" bemerkte der Rath. „Aber —" „Kein aber — mein lieber Herr!" unterbrach ihn der Hauptmann, der einmal im Zuge war. „Auch hier könnte ein muthiger, tapferer Mann durch sein Beispiel, fein: Freiwillige vor! Wunder wirken. Sie ahnen er gar nicht, wie ein solches Beispiel der Gefahr gegenüber zu zünden vermag und ich bezweifle nicht, daß sich ein solcher Tapferer, zumal 26 das Militär dabei thätig sein wird, auch hier in dieser Noth gefunden hat. Sie sollen sehen, daß ich Recht habe, Herr Nachbar!* In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet, der Sohn des Rechnungsrathes, welcher Buchhalter in einem großen Geschäft war, schleppte einen Seffel herein. „Bitte um Entschuldigung, Herr Hauptmann," sagte er lächelnd, „der Raum ist durch die vielen Gegenstände so be- schränkt geworden, daß wir auch dieses Zimmer mit in Anspruch nehmen müssen." „Ei, zum Henker, das ist ja mein eigenes Möbel, lieber Herr!" rief Ehrhard verdutzt. „Hier ist die Entschuldigung und zwar meinerseits an eine andere Adresse zu richten. Und da kommt, so wahr ich lebe, noch mehr von meinem Eigen- thum hereinspaziert. R-in, Herr Rechnungsrath, dagegen muß ich protesttren, das heißt die Gastfreundschaft brandschatzen und Ihnen jede Behaglichkeit rauben- Rufen Sie, bitte, meine Tochter doch gleich mal hierher." Er erhob flch erregt. „Aber, Herr Hauptmann," sprach der alte Beamte sehr ernst, „wofür halten Sie uns denn eigentlich? Wir sind doch Ihre nächsten Nachbarn und wobnen zusammen unter einem Dachei Liegt nicht in diesem Umstande schon die einfache Pflicht, sich einander beizustehen in Noch und Gefahr?" „Ja, ja, Sie haben ganz recht, Herr Nachbar I" erwiderte der Hauptmann, sich beschämt wieder niederlaffend. „Ich danke Ihnen und werde fortan besser denken von meinen Nachbarn, die, wie ich annehmen muß, allesammt bei der Bergung meiner Sachen mtthelfen." „Na, darin wird wohl Keiner zurückstehen wollen, ich wette, daß der zwölfjährige Bruder des Geigers sich dabei am meisten auszeichnet, da der Bursche Sie, Herr Hauptmann, verehrt und bewundert, auch durchaus Artillerist werden und es bis zum Osfizier bringen will." „Sieh', steh', das ist mir ja erfreulich, zu hören," sagte Ehrhard lächelnd, „wenn sein Bruder nur die verflixte Violine in Ruhe ließe, wie in aller Welt kann ein Mensch daran Vergnügen finden?" „Mein Himmel, Herr Hauptmann, der arme Geiger ernährt ja seine Mutter, den Bruder und eine blinde Schwester damit. Er ist am Orchester angestellt und gibt außerdem noch viele Stunden. Der reine Sclave, sag' ich Ihnen." Der alte Ehrhard zupfte an seinem grauen Schnurrbart und nickte nachdenklich vor sich hin. „Hm, dann freilich," brummte er, „indessen mir ist die Geigerei ein Greuel, er müßte sich ein Häuschen miethen." „Wie gern thäte er's, aber so etwas findet stch nicht, da er nicht viel Mtethe zahlen kann. Man muß Nachsicht üben, Herr Hauptmann, und solche Dinge zum Exempel nur als Geräusch, ein bischen Geplänkel und dergleichen aufnehmen." „Gut, ich will'» versuchen, Herr Nachbar. Aber was sagen Sie zu dem Claviergetrommel: Wird damit auch eine Familie ernährt, he? ' Der Rechnungsrath lachte. „Nein, F-. äuletn Wedemeier hat das gottlob nicht nöthig. Aber ihre Eltern und ihr Verlobter halten sie für eine große Künstlerin. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, erzeigt die Dame uns durch ihre Grattsvocträge einen Extragenuß." „Den Teufel auch!" rief der Hauptmann mit komischem Entsetzen. „Das fehlte noch, sie verlangt wohl gar Anerkennung für ihre Folterei.. Können Sie das aushalten?" „Na, sie spielt ja nicht immer Wagner. Im Uebrigen ist die junge Dame sehr harmlos, verheirathet sich schon zu Weihnacht und nimmt ihr Instrument mit-" „Gott sei Dank," seufzte Ehrhard aus tiefster Brust, „dann kann man mal wieder aufathmen, obwohl die ewigen Tonleitern einen normalen Menschen auch nach und nach um den Verstand bringen können." Er schwieg eine Weile und meinte dann, daß es an diesem Abend doch im Grunde frivol sei, über solche Dinge zu klagen, während draußen in dunkler Nacht arme Menschen, j worunter er selber liebe Freunde habe, stch in Todesnoch befänden. „Ich bitte um Entschuldigung, Herr Nachbar, ich meine es nicht so," fügte er reumüthig hinzu, „aber wo in aller Welt sollen wir für diese Nacht bleiben? Vielleicht überlassen Sie mir den behaglichen Platz hier am Ofen." „Seien Sie deshalb ganz unbesorgt, Herr Hauptmann," beruhigte ihn der Rath, „wir sind ja noch drei Parteien hier oben, die wohl für zwei kleine Familien auf eine kurze Zeit Platz schaffen können. Diese Sorge wollen wir getrost den Frauen überlaffen. — Ah, da haben wir unfern künftigen Artilleristen," setzte er hinzu, als die Thür geöffnet und ein schlanker Knabe sichtbar wurde. „Komm', Arnold, ich will Dich dem Herrn Hauptmann vorstellen." Der etwa zwölfjährige Knabe kam mit hoch aufgekrempelten Beinkleidern, durchnäßten Stiefeln und erhitztem Gesicht zögernd näher- Man sah's ihm an, daß er wacker geholfen hatte- „Ich bin so naß, Herr RathI" entschuldigte er sich. „Das gnädige Fräulein läßt anfragen, wie es dem Herrn Hauptmann ginge." „Nun, mir geht'S ganz vortrefflich," rief Ehrhard, ihm freundlich zunickend, „melde nur, daß ich mir einen sehr behaglichen Plotz in Feindesland erobert und bereit» ein Blind« niß geschlossen hätte. Alle Wetter, mein Bursche, Deine Stiefel machen ja wahre Wasserbäche, Tu bist jedenfalls für meine Umquartierung thätig gewesen und wirst Dir eine tüchtige Erkältung zugezogen haben. Komm', gib mir die Hand und laß Dir danken, habe es gar nicht gewußt, daß Du ein so tapferer kleiner Kerl bist- Dein Bruder, der Geiger, sitzt wohl oben bei Mutter, wie?" „O nein, Herr Hauptmann, er hat mitgeholfen, aber seine Hände haben Blutschwielen bekommen. O, Sie hätten Fräulein Wedemeier sehen sollen, Herr Hauptmann, wie sie mit aufgeschürzten Kleidern und langen Männerüiefeln dem gnädigen Fräulein geholfen hat. E» war zu possirlich, aber nun ünd wir fertig." Er lachte lustig auf und verließ dann auf de» Rath- Geheiß rasch das Zimmer. „Der Bursche setzte uns am Ende auch noch unter Wasser," meinte er, „und es geht doch nichts Über die.Behag- lichkeit." Er holte selber ein Scheuertuch, um die Wasserpfuhle aufzuwischen, wobei er hier und da einen humoristischen Seitenblick auf den Hauptmann warf, der nachdenklich und unbeweglich vor sich hinstarrte. Die aufgeschürzten Kleider und hohen Männerstiesel der verhaßten Clavier-Trommlerin schienen ihn nicht loslaffen zu wollen, so etwas an Aufopferung erleben zu müssen, das schien ihn um alle Fassung zu bringen. „Golt sei Dank," murmelte er, „daßßste Weihnachten heirathet und den Musikkasten mitnimmt." „Na, damit wären wir glücklich fertig," tief in diesem Augenblicke der Professor, die Schwelle betretend. „Das wat eine Arbeit, lieber Hauptmann, an welcher Männlein und Weiblein sich glücklicher Weise tapfer betheiligt haben." „Treten Sie doch näher, Herr Professor!" bat der Rechnungsrath. „Nein, ich muß jetzt eilen, nach Hause zu kommen, ei« Freund Ihres Herrn Sohnes hält mit einem Boot vor der Thür. Ich preise diesen Zufall, da mir sonst die Heimkehr unmöglich gewesen wäre und meine Familie sich halb tobt geängstigt hätte- Gute Nacht, meine Herren!" „Tausend Dank, alter Freund, für Ihre Aufopferung, die ich Ihnen leider nicht vergelten kann," sagte Ehrhard, sich erhebend und zu ihm hinstolpernd, um ihm gerührt die Hand zu drücken. „Wer weiß, Hauptmann," erwiderte der Professor mit einem verschmitzten Lächeln, „vielleicht fordere ich über kurz ober lang auch mein Dankopfer von Ihnen, da» Sie mir dann hoffentlich ebenso bereitwillig bringen werden." „Mein Wort darauf," sprach Ehrhard feierlich, „es würde 27 - ja nur die Bezahlung einer Ehrenschuld bedeuten. — Gute Nacht, Herr Professor!" „Gute Nacht! — Noch eins zu Ihrer Beruhigung, Hauptmann!" rief er, die Thür wieder öffnend. „Es haben sich muthige Männer vom Militär und der Feuerwehr gefun» den, welche den Kampf mit dem Element ausgenommen und schon viele der Bewohner aus der Niederung und vor den Thoren gerettet haben sollen. Die Melchiors werden jedenfalls darunter fein." Er schloß die Thüre und eilte hinaus. Der Hauptmann faltete unwillkürlich feine Hände. „Gott sei dafür gepriesen, er stehe ihnen bei, diesen Braven! Habe ich's nicht gesagt, Herr Nachbar, daß man die Unglücklichen retten werde trotz dunkler Nacht und Gefahr?" VIII. Am nächsten Morgen begann das Wasser, welches während der Nacht eine noch nie erlebte Höhe erreicht hatte, wieder zu sinken. Der Sturm hatte sich gelegt und gegen Mittag schien sich der Himmel ein wenig aufzuheitern. Das „Tageblatt", dessen Herstellungsräume von der Fluth nicht erreicht werden konnten, erschien heute etwas später als gewöhnlich, weil es nicht früher ein volles Bild der schrecklichen Katastrophe hatte geben können. Nachdem der Bericht dieselbe in ihrer furchtbaren ZerstörungSwuth sehr anschaulich geschildert, pries er in schwungvollen Worten die heldenhafte That eines Fremden, der durch sein plötzliches Erscheinen, seine zündende Rede und vor allen Dingen durch sein opferfreudiges Vorgehen und seine sachgemäßen Rathschläge sowohl Militär wie Feuerwehr zur Nacheiferung hingerissen und im Verein mit diesen wackeren, todesmuthigen Männern die Rettung aller bedrohten Menschenleben vollbracht habe. „Leider," so fuhr der Bericht fort, „wurde der Helden- müthige Fremde, dessen Namen wir bis zur Stunde nicht haben erfahren können, noch schließlich bei der Rettung der alten Gärtnersleute, welche er mit höchster Lebensgefahr in's Werk setzte, von einem niederstürzenden Theil eines Daches getroffen und nur mit großer Mühe, da er schwer verwundet worden, den Fluthen entrissen. Die Aerzte sollen wenig Hoffnung haben, ihn am Leben zu erhalten, was mit uns gewiß die ganze Stadt beklagen wird. So viel wir erfahren konnten, soll er ein Amerikaner und erst gestern Abend hier angekom- men sein." Selbstverständlich wurde auch schließlich den einheimischen Rettern das gebührende Lob und der wärmste Dank dargebracht, da Jener ohne sie doch nichts hätte ausrichten können. Auf des Hauptmanns Wunsch hatte Elisabeth Ehrhard diesen Bericht, der sie auf's Tiefste bewegte und zuweilen zu übermannen drohte, laut vorgelesen und zwar in Gegenwart des Rechnungsraths und feiner Frau, deren Gastfreundschaft sie zu ihrem Leidwesen noch immer in Anspruch nehmen mußten, da das Wasser in ihrer Wohnung noch fußhoch stand. Der Wirth hatte sich mit seiner Familie auf der anderen Seite bei dem Rentier ein quartiert, wo Fräulein Wedemeier in diesem Augenblick zum Entsetzen Ehrhards zu spielen besann, um ihren Gästen etwas Unterhaltung zu verschaffen. Zu Elisabeths Erstaunen und Genugthuuug blieb Papa Ehrhard jedoch ganz sanft und ruhig bei der in der That barbarischen Handhabung des schönen Instruments, das unter der Mißhandlung abfeiten dieser unkünülerischen Finger ächzte und stöhnte. Der alte Herr dachte an das selbstlose Opfer, welches die junge Dame ihm in dieser Roth gebracht, sah sie in der komischen Beleuchtung mit aufgeschürzten Kleidern und hohen Männerstiefeln und lächelte still vor sich hin. Plötzlich aber wurde er Feuer und Flamme. „Habe ich's Ihnen nicht vorhergesagt, Herr Nachbar?" rief er triumphirend. „Da sehen Sie den Helden, der mit seinem Beispiel Wunder gewirkt hat! — Ich als alter Soldat muß dergleichen kennen. Gott segne den Braven und erhalte ihn am Leben, und wenn er es anders beschlossen haben sollte, sann ist der Tapfere wie ein Held auf dem Schlachtfelde gestorben und dann soll nichts mich davon zurückhalten können, ihm die letzte Ehre zu erweisen." Elisabeth war an's Fenster getreten, um ihre Thränen, die sie nicht mehr zurückzuhalten vermochte, zu verbergen. Wer von den beiden Fremden konnte es gewesen sein, der so heldenhaft mit dem Rettungswerk vorangegangen war? Sie wußte nichts von den späteren Vorgängen im Hause des Professors, nichts von Hamsons Verhaftung, und konnte dem tollen Gedanken, daß Willibald das sichere Asyl bei Tante Dorothea verlassen, nicht Raum geben. Es mußte folglich Hamson sein, der so beispiellos kühn und edel sein Leben gewagt und es voraussichtlich auch geopfert hatte. Was würde der arme Verfolgte bei dieser Nachricht leiden! O, wenn der Professor doch nur käme, um ihr Kunde davon zu bringen, da ihr Herz so todestraurig war, daß sie es kaum mehr ertragen konnte. „Dort kommt der Professor mit Leonore," rief sie plötzlich so überlaut, daß es wie ein Schrei der Erlösung klang. „Na, was hast Du denn nur?" schalt der Hauptmann. „Wir sind doch nicht taub!" Bald darauf trat Leonore mit dem Vater in'» Zimmer. „Es ist doch Alles in Ordnung bei Ihnen, Professor?" fragte der Hauptmann, seine Hand festhaltend. „Unser Schelm dort ist so ungewöhnlich ernst." „Ei, sie trauert über das Schicksal des braven Mannes," erwiderte der Professor ebenfalls sehr ernst; „es ist tragisch, sollt' ich meinen: er kommt Über's Weltmeer, um hier am ersten Abend seiner Ankunft im Dienst der Menschenliebe sein Leben zu verlieren." „Ist er denn schon tobt?" lautete ringsum die erregte Frage. „Nein, noch nicht; ich sprach vorhin unfern Sanitäts« rath, der ihn behandelt. Er gab wenig Hoffnung auf sein Leben. Die allgemeine Theilnahme für diesen Fremden ist natürlich sehr groß, sie bildet ausschließlich das Tagesgespräch." „Er stirbt wie ein Held!" sprach der Hauptmann feierlich. „Eigentlich noch beneidenswerther, als ein solcher," bemerkte der Rechnungsrath, „da er keine Menschenleben vernichtet, sondern sie gerettet hat." „Das Schlachtfeld rettet bas ganze Vaterland durch die Vernichtung seiner Feinde!" rief der Hauptmann stirnrunzelnd. „Ehre, dem Ehre gebührt, Herr Nachbar!" Am Fenster unterhielten sich die beiden jungen Damen leise und erregt. „Ich glaubte, es müsse der Andere gewesen sein," flüsterte Elisabeth ganz fassungslos, „wie konnte er so kopflos handeln, seine Freiheit und schließlich sein Leben zu opfern! — O, weshalb hat ihn Tante Dorothea, weshalb Dein Papa nicht zurückgehalten?" Leonore sah sie erstaunt an und schüttelte dann miß- billigend den Kopf. „Ich verstehe Dich nicht, Liebste! Hättest Du ihn lieben, ja nur noch achten können, wenn er sich in sein sicheres Versteck hätte zurückführen lassen? — Das wäre mir ein schöner Held gewesen. Nein, Lisbeth, besinne Dich und sei stolz auf den Geliebten, der schon in den ersten Stunden der Heimkehr bewiesen hat, daß ein Mann nicht der Uniform bedarf, um muthig und tapfer zu fein. Sieh' nicht so unheimlich; starr darein, er lebt ja noch, Theuerste, und wo Leben ist, winkt auch die Hoffnung." „Ich muß ihn sehen," stieß Elisabeth halblaut hervor, „nur einmal noch in diesem Leben." Sie schluchzte krampfhaft aus, ihre ganze Gestalt bebte im heftigsten Seelenschmerz. Leonore legte, ihr beschwichtigende Worte zuflüsternd, den Arm um sie, während der Professor besorgt zu ihnen hinüberblickte. „Es sind die Folgen des Schreckens und der übermäßigen Anstrengungen," bemerkte die Frau Rath, sich dem Fenster näheknd, „legen Sie sich noch ein wenigs im Nebenzimmer aufs Sopha, liebes Fräulein, ich bereite Ihnen eine Taffe Thee." Wortsetzung folgt.) SS Etwas vom Heirathen. Unter vorstehender Ueberschrift bespricht ein Mitarbeiter der Kölnischen Volkszeitung die heutige Ehescheu der Männer und kommt dabei zu folgenden Betrachtungen: „Unwillkürlich fragt man sich, wie die auffallende Bedenklichkeit der Männer zu erklären sei. Sind sie etwa von Hause aus Hasenfüße oder schwerfällige Tröpfe? W:e? Oder sind sie frivole Naturen, verstockte Ehefeinde? Möglich, daß der traurige Schlag der letzteren da und dort zugenommen hat. Im Allgemeinen halte ich die Junggesellen für ebenso heirathslustig als heirathsscheu und wenn diese über jene Eigenschaft lange Zeit den Sieg davonträgt, so muß das trotz allen Ermunterungen an den Damen liegen. Die Sache verhält sich vielleicht so: Jeder Beruf erfordert bekanntlich eine eigene Vorbildung. Wie steht es nun mit der Vorbildung mancher Mädchen zur Ehe, die ja die meisten von ihnen als ihr künftiges Hauptfach betrachten? Prüft man ihre Erziehung und ihren Unterricht, so kommt man auf den Gedanken, die Ehe müffe ein Institut sein, worin vorzugsweise gemalt, gesungen, Klavier gespielt, französisch und englisch gesprochen wird, worin alle möglichen schönen Dinge s fabrizirt, die verschiedensten Fragen aus den verschiedensten - Wiffenschaften mit seltener Gründlichkeit verhandelt werden, kurz, worin alles das Hauptsache ist, was thatsächlich in den l meisten Ehen Nebensache ist. Ich bin gewiß ein schlichter Mann und traue mir in der höheren Töchter-Pädagogik kein Urtheil zu. Ich meine bloß, praktischer wäre es vielleicht, wenn manche jungen Damen praktischer erzogen würden. Vielleicht lebt man auf weiblicher Seite in dem schönen Glauben, sämmtltche Herren, die einen Frack besitzen, seien Millionäre. Sehr schmeichelhaft für die Herren. Allein nicht Wenigen geht es dabei wie einem Schriftsteller, der zufällig kein Docter ist, aber von jedem „Herr Doctor" genannt wird: wehrt er bescheiden ab, so verliert er seinen ganzen Nimbus, läßt er sich ruhig „Doctor" schimpfen, so setzt er sich der Gefahr einer Blamage aus. So gerathen manche Herren in ihrer Verzweiflung auf den Einfall, eine sogenannte gute Parthie zu machen, d. h. nicht eine Frau, sondern viel Geld zu heirathen. Diese verdienen nun Prügel. Sie bekommen sie auch im Laufe ihres ehelichen Lebens, wenn auch nur moralische. Andere, bei denen das Herz doch stärker als der Verstand ist, zaudern eben- Sie hoffen im Geheimen auf da» große Loos, auf den Tod eines unbekannten Erbonkels oder auf andere > Glücksfälle, die nicht so leicht eintreffen. Nun, meine Freunde, ein Wort unter uns. Ihr unter- i schätzt die Mädchen. Wißt nämlich, in jedem Mädchen steckt ; eine wahre Zauberkünstlerin. Was sie nicht kann, lernt sie • schon mit der Zeit. Ich kannte eine Dame, der soll folgendes : artige Stücklein passirt sein. Es war der erste Morgen nach \ der Hochzeitsreise. Sehr vergnügt saß sie mit dem Gemahl ; in ihrem neuen Heim. Auf dem blitzblank gedeckten Frühstücks- 5 tische stand eine Wiener Kaffeemaschine, darunter schon eine gute Weile eine Spiriturflamme munter brannte. War das gemüthlich! Ab und zu guckten sie durch die Glasglocke, in Erwartung des braunen Kaffeegebrodels. Doch es wollte und wollte sich nicht zeigen. Der Mann, der gerade am ersten Morgen nicht gern zu spät aufs Bureau kommen wollte, rückte unruhig auf seinem Stuhle, das Frauchen aber beschwichtigte ihn: „Schatz sei doch nicht so ungeduldig! Bei einer neuen Maschine geht das noch nicht so schnell." Schließlich wurde auch sie unruhig. Sie wollte den Glasdeckel auf- heben, um einmal nachzusehen, schrie aber laut auf, denn sie hatte sich die Fmgerchen verbrannt. Ueberhaupt was war das? Die ganze Maschine schien zu glühen, ja bei näherm Zusehen entdeckten sie, daß gewiße Metallcheile schon zu schmelzen begannen. Rasch löschten sie bte Flammen und sahen sich sprachlos an, bis plötzlich der Gatte bemerkte: „Herzchen, Du hast am Ende kein Waffer hineingethan." Das Herzchen bekam einen rothen Kopf und machte große Augen. „Waffer?" sagte es im Tone höchsten Erstaunens -- in der That, daran hatte es nicht gedacht. Was war zu machen? Dem Manne blieb eben noch Zeit zu einem eiligen Frühstück im nächsten Cafö. Unglücklicher Weise sah ihn dort ein Bekannter, der natürlich nachher Jedem, der es hören wollte, erzählte, der junge Ehemann habe schon am ersten Morgen ins Restaurant flüchten müffen. Das Frauchen nahm sich jedoch das kleine Malheur zu Herzen und ist nach und nach eine vorzügliche Hausfrau geworden. Das ist ein einzelmr Fall, aber er ist lehrreich. Allmählich werden sie alle vorzügliche Hausfrauen. Also was zögert ihr? Seid doch nicht solche Hasen! Denkt ein Mal, wie hübsch es sein wird, wenn ihr Euch übers Jahr nicht mehr selbst die Knöpfe anzunähen braucht. Vorwärts, die Gelegenheit ist jetzt besonders günstig. Schickt Euer» Frack zum Schneider, daß er ihn hübsch aufbügele. Kruft Euch ein Paar schöne weiße Handschuhe, steckt Euch zur Vorsicht ein zweites Paar ein und dann entschloffen an» Werk. Nur nicht mehreren zu gleicher Zeit den Hof machen — das ist nichts! Einer allein, der aber gründlich. Sollt sehen, da wird Euch aus dem Kranze der älteren Damen eine mit besonderem Wohlwollen mustern — das ist die Mama- Wenn Ihr dann nach Mitternacht, erschöpft von der ungewohnten Springbewegung, einen Augenblick an einer Säule lehnt, wird Euch ein würdiger Herr freundlich auf die Schulter klopfen und etwas von einer Abendgesellschaft murmeln, wo er das Vergnügen zu haben hoffe — das ist der Papa- Nicht wahr, da fangt Ihr schon an zu schmunzeln. --Der Tausend! ich bin doch neugierig, wie viele Dankschreiben mir meine Schreiberei eintragen wird!" VevnMehtes. Belohnte Geduld. Anna: „Ich höre, daß Du, Gottlob! jetzt endlich auch heirathest; hast aber lange warten müffen!" — Toni: „Dafür werd ich aber auch gleich die dritte Frau meines Zukünftigen." ♦ * Grobheit per Telephon. Jemand unterhielt sich mit einem Anderen per Telephon und empfing eine verkehrte Antwort. „Mit welchem Esel glauben Sie denn zu sprechen?" rief Jener ärgerlich. — „Mit Ihnen, Herr Müller," war die prompte Antwort. ♦ ♦ ♦ Echt bayrisch. Nach einer Schlacht 1870/71 sagte ein bayrischer General: „Soldaten, Ihr habt Euch brav ge- halten, Ihr habt ja gerauft, wie die Löwen!" — Ein Soldat: „Ja, Herr General, es ist aber a wahre Freud, z' raufen, wenn oan koa Landrichter genirt." ♦ ♦ Zerstreut. Amme (den Profeffor auf der Kegelbahn aufsuchend): „Herr Profeffor, es ist ein Junge angekommen!" — Profeffor: „Er soll gleich Herkommen, die Kegel auf- setzen!" ♦ u ♦ Höchste Devotion. Medicinalrath: „ Daß Hoheit etwas gegen die Neurasthenie thun, ist die höchste Zeit!" — Ober- hofmarschall (entsetzt dem Arzte zuflüsternd): „Allerhöchste, allerhöchste!" Dunkle Ahnung. Unteroffizier (zu dem neueingetretenen Rekruten): „Wie heißen Sie?" — „Rubens!" — „Was sind Sie?" — „Anstreicher!" — „Erinnere mich; find Sie Derjenige, der die Sixtinische Capelle in Rom angestrichen Redactiou: A. Echcyda. — Druck und Verlag der Brühl'schr» Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in &