Nr. 135 Donnerswk der 14 November. 1895. ülMisMMer »encRcr Unterhaltungsblatt MM Gießener Anzeiger (Oenerat-AnMer), WWMW 'S A Auf japanischer Erde. Novelle von W. H. G e i n b o r g. (Fortsetzung.) Die Unterhaltung stockte jetzt eine Zeit lang vollständig, bis Thomas Ellis plötzlich seine Hand auf Georgs Arm legte und in dem jovialsten Ton, der ihm zur Verfügung stand, fragte: „Soll ich Ihnen einen Vorschlag machen, mein weither Herr Stralendorf? — Haben Sie Lust, mein Compagnon zu werden und sich eine angenehme, selbstständige Stellung mit der Aussicht auf Erwerbung eines hübschen Vermögens zu schaffen? — Sie wissen, daß es ursprünglich mein Plan war, mich in Hakodate niederzulaflen. Triftige Gründe haben mich veranlaßt, die Ausführung dieser Absicht vorläufig aufzuschieben. Aufgegeben aber ist sie darum noch nicht. Und ich würde froh sein, wenn ich Jemanden fände, den ich vorläufig statt meiner mit ausgedehnten Vollmachten und einem entsprechenden Kapital dorthin schicken könnte. Wie nun, wenn Sie diesen Auftrag übernähmen? Ich habe volles Vertrauen in Ihre Tüchtigkeit und am Ende muß es Ihnen doch lieber sein, auf eigenen Füßen zu stehen, als sich lediglich im Interesse Anderer zu plagen." Nun mit einem Mal glaubte Georg den Zweck dieser ganzen Versöhnungscomödie zu verstehen und er war gleich, zeitig auch entschlossen, nicht länger darin mitzuspielen. Mit einigen höflichen, aber bestimmten Worten, die an der Ernst« Hastigkeit der Ablehnung keinen Zweifel lassen konnten, wies er das Anerbieten ein für alle Mal zurück, und ohne sein zum zweiten Mal gefülltes Glas zu leeren, stand er auf, um sich zu verabschieden. Abraham Norton folgte seinem Beispiel und Thomas Ellis machte denn auch keinen Versuch, sie zmückzuhalten. „Begleiten Sie mich nach Hause?" fragte Georg den Amerikaner, und als Norton bejahte, gingen sie, da sie ohne Ueberrock gekommen waren und ihre Klspphüte bei sich führten, geradewegs durch den Garten dem nächstgelegenen Ausgange zu. Wenige Schritte vor demselben stieß Georg mit dem Fuße an einen hellschimmernden, weichen Gegenstand. Er beugte sich nieder und sah mit Bedauern, daß es Suleika, die Clubkatze, war. Das arme Thier hatte alle Viere von sich gestreckt und war unzweifelhaft tobt „Irgend ein hündischer Japaner hat sie durch einen Steinwurf umgebracht." „Oder es war der Champagner des Herrn Thomas Ellis, der sie getödtet hat. Warum auch mußte sie so unvorsichtig sein, ihn zu schlürfen?" Georg legte den Kadaver auf das Gras und ging weiter. Er war wenig aufgelegt, zu plaudern, denn die Erinnerung an sein Gespräch mit Maud erfüllte seine Seele so ganz mit einem heißen, bisher ungekannten Gefühl höchsten Glückes, daß daneben kaum noch Platz war für irgend einen anderen Gedanken und daß er das Dasein seines Begleiters fast schon vergessen hatte, als ihn dieser durch eine in seinem gewöhnlichen nüchternen Tone gestellte Frage aus den holdesten Träumen riß. „Haben Sie jemals von dem Doctor Dugald Frazer gehört, Mr. Stralendorf?" Norton mußte den Namen wiederholen und nach einigem Nachflnnen schüttelte Georg den Kopf. „Nein. Ich habe nie von ihm gehört oder ich habe es wieder vergessen. Was für eine Bewandtniß hat es mit diesem Doctor?" „Er machte vor beiläufig sieben Jahren in den Vereinigten Staaten viel von sich reden und seine Verbrechen waren von einer so ungewöhnlichen Art, daß sein Name, wie ich denke, wohl auch über den Ocean gedrungen ist." „Ah, ein Verbrecher also! — Und was hat er denn gethan?" „Er hatte in verschiedenen Städten und bei verschiedenen Gesellschaften sehr hohe Versicherungen auf das Leben von Personen genommen, denen er sich theils unter seinem eigenen, theils unter einem falschen Namen freundschaftlich genähert hatte und deren Einwilligung er unter irgend welchen Vorwänden erlangt haben mochte. Alle diese Personen, es waren ihrer nicht weniger als vier, starben vor Ablauf des ersten Versicherungsjahres eines plötzlichen Todes, obgleich sie fämmt« lich noch jung und bei ihrer Ausnahme von mehreren Aerzten für kerngesund erklärt worden waren. Die Umstände, die ihr Ableben begleitet hatten, waren jedoch in drei Fällen so un« 538 in aufrechter, fast feierlicher Haltung erwartete. Maud sah noch bleicher und angegriffener au«, al» gestern; aber auf ihrem schönen Gesicht war zugleich ein Ausdruck von Entschlossenheit, den sich der Besucher wohl kaum al» ein günstiges Vorzeichen für den Verlauf ihrer Er wollte die Conversation mit einer artigen Phrase beginnen. Maud aber unterbrach ihn, ehe er über die ersten Worte hinausgekommen war, indem sie ernsten Tone» sagte: „Ich würde nicht die Unschicklichkeit begangen haben, Sie hier ganz allein zu empfangen, wenn ich nicht den dringenden Wunsch gehegt hätte, mit Ihnen zu sprechen. Ich erwarte von Ihrer Ritterlichkeit, daß Sie e» mir nicht allzu schwer zu erkundigen. Der würdevolle Chinese — gewisse Dienst« leistungen, wie die des Hausmeisters oder des Koche«, werden in den Häusern der in Japan ansässigen Fremd en fast im nee von Chinesen besorgt — kam mit der Antwort zurück, daß die Schwester des Consul» zu ihrem Bedauern durch Unwohl« sein verhindert sei, Besuche zu empfangen, daß aber Miß Donaldson Herrn Ellis bitten lasse, etnzutreten. Er zögerte natürlich nicht, einer so willkommenen Ein« ladung Folge zu leisten und verneigte sich gleich darauf tief vor der jungen Dame, die ihn mitten in dem Empfangssalon verdächtig gewesen, daß die großen Versicherungssummen unbedenklich an die vom Doctor Frazer vorgeschobenen Mittelspersonen ausgezahlt wurden- Rur in dem letzten Fall, der ein blühendes junges Mädchen betraf, schöpfte man Verdacht. Die Leiche wurde secirt und es wurde mit Bestimmtheit festgestellt, daß die Unglückliche da» Opfer einer Vergiftung geworden sei. Die darauf eingeleitete Untersuchung führte dann zu der Entdeckung, daß kein Anderer al» Doctor Dugald Fcazer, der Bräutigam der Verstorbenen und seinem Berufe nach ein junger, talentvoller machen werden." „Gewiß nicht — sobald Sie mich darüber aufgeklärt haben werden, in welcher Weise ich e» Ihnen zu erleichtern vermag." „O, Sie wissen recht gut, um wa» e» sich dabei einzig handeln kann. Die letzten Worte, die gestern zwischen uns gewechselt wurden, bevor ich in den Garten hinaus flüchtete, müßten es Ihnen offenbart haben, auch wenn Sie es nicht schon vorher errathen hätten." „Dieser Worte erinnere ich mich allerdings sehr wohl, Fräulein Maud, und ich erinnere mich Ihrer mit tiefem Be« dauern; denn ich verhehle Ihnen nicht, daß sie mir in dem Augenblick, da sie gesprochen wurden, als ebenso grausam wie unbegreiflich erschienen. Aber ich kam hierher in der festen Ueberzeugung, daß Sie heute geneigt sein werden, sie zurückzunehmen, denn ich habe in meinem Gedächtniß bi» jetzt vergeblich nach einer Erklärung gesucht für Ihr seltsames Benehmen." „So wollen Sie mich also dennoch zwingen, auszusprechen, was Sie als Gentleman einem jungen Mädchen wahrlich hätten ersparen sollen. Mein Oheim und meine Mutter haben mir gesagt, daß Sie —" — sie zögerte und eine purpurne Blutwelle färbte ihr blasses Gesichtchen, — „daß Sie bei • ihnen um meine Hand angehalten hätten." i Thomas Ellis bemühte sich, seinem Antlitz einen Ausdruck i* des Erstaunen» zu geben. „Aber, mein theuerste» Fräulein, es bedurfte doch wohl nicht erst der Mittheilung von Seiten Ihrer Verwandten, um Sie über meine Wünsche und Hoffnungen zu unterrichten. Meine Verehrung für Ihre anbetungswürdige Person war zu groß, al» daß ich im Stande gewesen wäre, sie Ihnen zu verbergen, und wenn ich auch jetzt zum ersten Mal den Muth finde, rückhaltlos auszusprechen —" Maud erhob wie abwehrend die Hand und hinderte ihn § beinahe heftig, die begonnene Rede zu Ende zu bringen. „Nein, nein, ich will nicht hören, wa« Sie mir da sagen wollen. Sie sehen doch wohl, daß ich Ihnen nicht die Antwort geben könnte, die Sie erwarten." „Und warum können Sie es nicht? Was ist es, das Sie seit gestern anderen Sinnes gemacht hat?" „Seit gestern? — Sie irren, Herr Ellis, wenn Sie glauben, daß ich über Ihren Antrag jemals ander» gedacht hätte, als gestern und heute- Ich weiß ja die Ehre zu würdigen, die Sie mir armem und unbedeutendem Mädchen damit erweisen; darüber aber, daß ich sie nicht würde annehmen : können, bin ich bei mir selber niemals im Zweifel gewesen. „Sie versetzen mich in grenzenlose Bestürzung, mein Fräulein; aber — verzeihen Sie mir diese Offenheit — Sie bereiten mir auch eine große Ueberraschung. Denn an einem Arzt, der Mörder gewesen war. Selbstverständlich kamen jetzt nach und nach auch die drei anderen räthselhaften Todesfälle zur Sprache, und es hatte keine besonderen Schwierigkeiten mehr, zu erweisen, daß er behufs Erlangung der Versicherungssumme diese bedauerns- , ------ — - werthsn Wesen ebenfalls und zwar unter rafstnirter Befeiti- - Unterhaltung deuten mochte, gung aller Verdachtsmomente durch Gift aus der Welt ge- 5 "E-> Gnn”eri schafft habe." „Der Kerl muß ja ein vollkommener Tiger in Menschen- j gestalt gewesen sein!" rief Georg, obwohl er der Erzählung - eigentlich nur mit halbem Ohr zugehört hatte. „Hoffentlich hat man nicht gezögert, ihn zum Lohn für feine Scheußlich- - feiten aufzuhängen." I „Man hätte es wohl gethan, wenn man seiner habhaft ‘ geworden wäre. Aber er war klug genug gewesen, nicht auf das Ergebniß der Untersuchung zu warten. An dem Tage, da fich der erste Verdacht gegen ihn erhob, war er auch schon verschwunden. Und ich habe bi» auf diese Stunde nichts davon gehört, daß man ihn gefunden hätte." „So müssen Sie in Amerika eine verteufelt schlechte Polizei haben oder der Schurke ist in jeder Beziehung ein geborenes Verbrechergenie gewesen. Aber sagen Sie mir doch, Mr. Norton, wie Sie gerade in dieser schönen Nacht und ; auf dem Heimweg von einem fröhlichen Feste der Erinnerung : an jenen unheimlichen Mordgesellen verfallen konnten." Der Amerikaner antwortete nicht sogleich; aber nach einer kleinen Weile sagte er gelassen: „Vielleicht hat mich die Katze, die ihren Durst nach Champagner so theuer bezahlen mußte, auf ihn gebracht. — Und da wir eben wieder zu dem Champagner der Herrn Thomas Ellis zurückgekehrt sind, so gestatten Sie mir wohl noch eine Bemerkung. Ich möchte Sie vor der Freundschaft dieses Mannes warnen; denn ich glaube nicht, daß er es gut mit Ihnen im Sinne hat." „Ich danke Ihnen," erwiderte Georg lächelnd. „Seine plötzlich erwachte Zuneigung ist, offen gestanden, auch mir einigermaßen verdächtig gewesen. Und ich werde gewiß nichts dazu thun, das Vergnügen seiner Gesellschaft allzuhäufig zu Sie hatten den Garten ihres Bungalow erreicht. Der chinesische Momban (Wächter) des Hauses, der eben mit seiner Klapper die übliche Runde machte, öffnete ihnen die Thür und eine Minute später reichten sie sich die Hände, um sich „Gute Nacht" zu wünschen. „Gehen Sie ihm aus dem Wege, so weit Sie nur immer können," sagte Abraham Norton, zu Georgs Ueberraschung noch einmal auf den Gegenstand ihres Gesprächs zurückkommend. „Und lassen Sie sich jedenfalls nie wieder darauf ein, mit ihm zu trinken." „Aber Verehrtester — Sie glauben doch nicht etwa, daß er —" „Ich bitte Sie, mich nicht nach den Gründen für meine Warnung zu fragen," fiel ihm der Amerikaner in die Rede. „In einigen Tagen wird es mir, wie ich denke, gestattet fein, sie Ihnen zu nennen." c Er grüßte noch einmal und wandte sich, lebe weitere Frage damit abschneidend, feinen Zimmern zu. VI. Am folgenden Tage um die hergebrachte Besuchsstunde war es, als Thomas Ellis sich durch den Comprador (Hausmeister) bei den Damen des Elmsley'schen Hauses melden ließ, um sich als aufmerksamer Cavalier nach ihrem Befinden gewissen die sich soeben h Mi sie ersick weiß wi es ist m Erklär»! „N Himmelt ist, die sprechen, Befehl k daß es ' anderen mein eig an dem als eine beschiede, schweren Ihrem । Unmögli ich es a! haben m Absicht : Mangel heißung eigenen ! dennoch „S Ich Hoß aber ich habe, vc spruch i Heimkehi Ihre Fr halbe Zi unter be so Viele! schildern Ihre Hel gerissen, al» an verzeihen damals i mit tödt meiner u In sich; ab. beherrsch, wiesen h „D mehr zu schmerzli. Frage no weshalb । nicht glei an Gelej Liebensw Hauses i &te Hofft „Ac mühsam kämpfend stand uni meiner Z r „W gespielten daß Ihr »Ja - jetzt, zu empör — 539 — gewissen Tage durfte ich voNjJhren Lippen Worte vernehmen, die sich kaum in Einklang bringen lassen mit dem, war ich soeben hören mußte." Maud hatte das dunkle Köpfchen gesenkt und es kostete sie ersichtlich große Ueberwindung, ihm zu erwidern: „Ich weiß wohl, welchen Tag und welche Worte Sie meinen, aber es ist nicht großmüthig, daß Sie mich jetzt noch, trotz meiner Erklärung, daran erinnern." „Nicht großmüthig? Aber so bedenken Sie doch um des Himmels willen, Maud, was für eine Art von Großmuth es ist, dis Sie von mir verlangen. Ich sollte es nicht aus. sprechen, daß ich Sie liebe; doch auch, wenn ich diesem harten Befehl gehorsam geblieben wäre, würden Sie gewußt haben, daß es so ist. Ich liebe Sie und es gibt für mich keinen anderen Wunsch mehr, als das sehnsüchtige Verlangen, Sie «ein eigen zu nennen. Hätten Sie mir an dem ersten Tage, on dem Sie dies erriethen, gesagt, meine Hoffnung sei nichts, als eine vermessene Thorheit, so würde ich mich schweigend beschieden haben und es wäre mir vielleicht gelungen, den schweren Schlag zu verwinden. Jetzt aber stehe ich vor Ihrem grausamen Nein wie vor etwas Unfaßbarem, etwas Unmöglichem, das mich um den Verstand bringen würde, wenn ich es als unabänderlich hinnehmen müßte. Denn Sie selbst haben mir die Gewißheit gegeben, daß es nicht immer Ihre Absicht war, mich zurückzuweisen. Dürfen Sie es da einen Mangel an Großmuth nennen, wenn ich Sie an Ihre Ver- hetßung mahne und wenn ich in der Erinnerung an Ihre eigenen Worte die Hoffnung noch nicht aufgeben kann, Sie dennoch zu gewinnen?" „So nöthigen Sie mich denn, Ihnen Alles zu sagen. Ich hoffte, dieser schrecklichen Nothwendigkeit zu entgehen; aber ich sehe nun wohl ein, daß ich Ihnen ein Recht gegeben habe, volle Aufklärung zu fordern für den scheinbaren Wider, spruch in meinem Benehmen. Ja, ich habe Ihnen bei der Heimkehr von jenem entsetzlichen Ausfluge nach Asakusa auf Ihre Fragen eine Antwort gegeben, die sich vielleicht als eine halbe Zusage deuten ließ. Aber damals stand ich so ganz unter dem Eindruck des furchtbaren Ereignisses — es stürmte so Vieles auf mich ein, was ich Ihnen nicht erzählen und schildern kann, daß ich kaum noch wußte, was ich sprach. Ihre heldenmüthige That hatte mich zur Bewunderung hingerissen, und ich denke davon heute wahrlich nicht geringer, al» an jenem unglückseligen Tage. Aber auch damals — verzeihen Sie mir, doch es muß ja gesagt werden, — auch damals war es nicht Liebe, was ich für Sie empfand. Und mit tödtlichem Schreck erkannte ich zu spät die Bedeutung meiner unbedachten Worte." In Thomas Ellis hagerem Gesicht zuckte es eigenthüm- lich; aber er bewahrte noch immer die erstaunliche Selbstbeherrschung, die er seit dem Beginn dieser Unterredung bewiesen hatte. „Das ist eine Erklärung, auf die mir allerding« nichts mehr zu erwidern bleibt," sagte er in einem Ton, dessen schmerzliche Resignation etwas Rührende» hatte. „Rur die Frage noch werden Sie mir gestatten müssen, Fräulein Maud, weshalb Sie den Jrrthum, den Sie doch sofort erkannt hatten, nicht gleich am nächsten Tage berichtigten. Es hätte Ihnen an Gelegenheit dazu nicht gefehlt, denn ich war, dank der Liebenswürdigkeit Ihrer Verwandten, ein täglicher Gast dieses Hauses und Sie mußten es mir ja ansehen, wie glücklich mich d»e Hoffnung machte, Sie dereinst zu besitzen." „Ach, das ist es ja — das Schreckliche!" rief sie, nur mühsam noch gegen die heiß emporsteigenden Thränen kämpfend. „Ich war ja nicht die Herrin meiner selbst — ich I stand unter einem Zwange, gegen den ich mich im Bewußtsein meiner Schwäche und Verlassenheit nicht aufzulehnen wagte." „Wie? — Unter einem Zwange?" fragte er mit gut gespieltem Erstaunen. „Ich muß doch wohl nicht annehmen, daß Ihr Onkel , »Ja, ja! Mögen Sie mich meinetwegen an ihn verrathen — jetzt, wo ich entschlossen bin, mich gegen seine Tyrannei zu empören, muß ich ja ohnehin darauf gefaßt sein, daß sich ' das ganze Unwetter feine» Zornes über mich entladet. Er wollte mich zwingen, Ihren Antrag anzunehmen und meine arme kranke Mutter hatte nicht den Muth, ihm zu wider- stehen, als er uns drohte, im Fall meiner Weigerung feine Hand für immer von uns zurückjuziehen- Denn wir sind arm, Herr Ellis, bettelarm und ohne meines Onkel» groß« müthige Unterstützung müßte ich durch die Arbeit meiner Hände das tägliche Brod für meine Mutter und mich erwerben. Ach, ich würde es ja gern thun — o, so gern, wenn ich mir damit meine Freiheit erarbeiten könnte. Meine Mutter aber kann den Gedanken nicht fassen — er scheint ihr schlimmer al» der Tod. Und was meines Onkels Befehle und Drohungen nicht über mich vermochten, dazu zwangen mich ihre Bitten und Thränen." Ein Schluchzen erschütterte ihren zarten Körper und sie I drückte das Taschentuch an die Augen. So konnte sie nicht sehen, wie triumphirend es für einen Moment in Thomas Ellis Gesicht aufleuchtete und ein wie unangenehmes, selbstzufriedenes Lächeln um feine Lippen huschte. Es war ein seltsamer Gegensatz zwischen dieser unwillkürlichen Aeußerung seiner wahren Stimmung und dem milden, wehmüthigen Ton, in dem er ihr nach einem kleinen Schweigen Antwort gab. „Ihre Mittheilungen überraschen mich auf das Schmerzlichste, Fräulein Maud, und ich brauche Ihnen hoffentlich nicht erst zu versichern, daß ich keinen Anthetl habe an dem Ver- halten des Herrn Consuls. Ich mißbillige es auf da« Eit- fchiedenste und ich würde ihm das nicht verhehlen, wenn ich nicht fürchten müßte, Ihre Situation in diesem Hause dadurch nur zu verschlimmern. Es ist der Vorschlag eines aufrichtigen Freundes und in Ihrem eigenen Interesse, mein theuerster Fräulein, hoffe ich, daß Sie ihn annehmen werden." Der ungewöhnlich sanfte und gütige Klang seiner Stimme erfüllte das Herz des jungen Mädchens mit einem Vertrauen, das sie bisher diesem kalten, verschlossenen Manne gegenüber niemals hatte fassen können. Sie ließ die Hand von den Augen sinken und sah ihn zaghaft an. „Wenn ich jetzt plötzlich fortbliebe," sprach Thomas Elli- weiter, „wie es nach Ihrer vorigen Erklärung ja eigentlich selbstverständlich wäre — und wenn ich Sie dadurch zwäng« Ihrem Onkel von dem Inhalt unserer heutigen Unterredung Kenntniß zu geben, so würden daraus nicht nur Ihnen selbst, sondern auch Ihrer verehrten Frau Mutter möglicherweise die peinlichsten Unannehmlichkeiten erwachsen und ich würde vollkommen machtlos sein, Sie dagegen zu schützen. Wenn Sie mir aber gestatten wollen, Alles, was ich soeben von Ihnen gehört habe, vorläufig noch als ein Geheimniß zu be- wahren — wenn Sie damit einverstanden sind, daß wir Ihre Familie bis auf Weiteres in dem Glauben lassen, zwischen uns sei Alles beim Alten geblieben, so wird es mir zuoerstcht- lich gelingen, Ihnen jede Aufregung und Betrübniß zu er- sparen. Ich kann dann den rechten Zeitpunkt ersehen, um meinen Rückzug unter Umständen zu bewirken, die in den Augen Ihres Onkel« alle Schuld auf mich fallen lassen wird und ich kann ihm vielleicht sogar die Ueberzeugung betbringen, daß diese Lösung eine sehr erwünschte sei." „Wie? — Das wollten Sie thun? Für mich wollten Sie es thun — jetzt, nachdem ich Ihnen eine so bittere Enttäuschung bereiten mußte?" „Habe ich Ihnen denn nicht gesagt, Fräulein Maud, daß ich Sie liebe? — Und wissen Sie nicht, daß wahre Liebe stark macht zu jedem, auch dem schwersten Opfer? — Es wird mir gewiß nicht leicht werden, diese Comödie zu spielen, die Tag für Tag die Wunden meines Herzens von neuem aufreißen muß. Aber ich werde nichtsdestoweniger glücklich sein in dem Bewußtsein, Ihnen einen Dienst erwiesen zu haben." In tiefer Bewegung reichte Maud ihm die Hand. „Ich bitte Sie um Vergebung, Herr Ellis, wenn ich Ihnen in meinen Gedanken jemals Unrecht gethan habe. Denn ich sehe, daß Sie ein edler, uneigennütziger Mann sind, der die Liebe eine« viel bedeutenderen Mädchens verdiente, als — 540 — ich es bin. Ich habe keine Möglichkeit, Ihnen meine Dankbarkeit anders als durch Worte zu beweisen; aber Sie werden mir hoffentlich glauben, daß sie darum nicht weniger tief und aufrichtig ist.» (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Zur Behandlung von erfrorenem Obft. Bei erfrorenem Obste find zwei Fälle zu beachten. Entweder ist das Obst gänzlich erfroren und dann ist es nicht zu retten oder es ist, wie es glücklicher Weise meistens der Fall, nur angefroren und dann ist es verhältnißmäßig leicht wieder in guten Zustand zu bringen. Sobald man bemerkt» daß das Obst gefroren ist, sollte man dasselbe sofort erwärmen, damit der Gefriervorgang nicht weiter fortschreiten kann. Dieses Erwärmen soll aber möglichst langsam stattfinden. Ein Untertauchen des Obstes in Wasser ist zu verwerfen, wenn man das angefrorene und wieder herzustellende Obst hinterher noch längere Zeit aufheben will. Auch ist das Angreifen mit warmen Händen zu vermeiden. Ist es möglich, den Lagerraum bald etwas zu erwärmen, so läßt man die Früchte am besten liegen; andernfalls bringt man sie unter Vermeidung von warmer Berührung und von Druck in einen wärmeren Raum, wo sie, zugedeckt, langsam aufthauen können. War das Gefrieren so stark, daß das Obst sich durch langsames Auftauen nicht mehr retten läßt, so versucht man dasselbe in gefrorenem Zustande zu behalten und allmälig zu consumtren. Werden aber gefrorene Aepfel in Wasser gelegt und dann sofort gekocht, so verkochen sie wie gesunde und haben auch den Geschmack von solchen. Läßt man sie aber aufthauen und an der Luft liegen, so bekommen sie infolge chemischer Umsetzungen einen eigenthümltchen Beigeschmack und auch das Verkochen geht weniger gut von statten. Hand und Fuß. Ihre Pflege, ihre Krankheiten und deren Verhütung nebst Heilung von Sanitätsrath Dr. I. Albu. Mit 30 Abbildungen. Preis 1 Mk. 80 Pfg. in Original-Leinenband 2 Mk. 80 Pfg. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. In sehr lehrreicher und allgemein verständlicher Form schildert der Verfasser alles Wissenswerthe über den Bau und die Funktionen dieser wichtigen Körper- theile. Der Hauptwerth des kleinen Werkes beruht aber in der sorgfältigen Beschreibung aller für die Pflege von Hand und Fuß zu berücksichtigenden Punkte, und gerade dieser Hauptabschnitt wird für jeden gebildeten Leser nicht nur sehr anregend, sondern auch nutzbringend und werthvoll sein. Vevumsehtes. Kindermund. Onkel: „Wie gefällt Dir denn Euer Arzt, Hänschen?» — Hänschen: „Ach, gar nicht! Neulich hatte ich einen Husten, daß ich mindestens 14 Tage hätte aus der Schule bleiben müssen, aber der dumme Doctor hat mich schon in zwei Tagen wieder gesund gemacht!» * * * Galant. Richter: „Wie heißen Sie?» — Zeugin (alte Jungfer): „Anna Meyer!» — Richter: „Wie alt sind Sie (sich zu ihr vorbeugend, leise) vor fünfzehn Jahren gewesen?» — Zeugin (erleichtert): „Fünfundzwanzig Jahre!» » ♦ ♦ Erklärlicher Vorbehalt. Erster Student: „Ist es wahr, daß Dein Alter sämmtliche Forderungen von Dir übernommen hat?» — Zweiter Student: „Das heißt nur die, welche ich nicht selber auspauke!" $ * D ann allerdings. Cousine: „Also Du hast Dich gestern verlobt, Cousin; ach, das denke ich mir poetisch I Hast Du denn bei der Erklärung vor Deiner Braut auf den Knien gelegen?» - Cousin (zögernd): „Nein, dar könnte ich nicht — sie saß ja darauf!» Immer Fachmann. Besucher (einen Musiker um Bescheid fragend): „Wohnt hier Herr Müller?» — Musiker: „Nein, eine Octave höher!» ♦ * • Zu rücksichtsvoll. Maler: „Was hör ich, verehrter Freund, Sie waren vergangenes Jahr auch am Aequator? Wie ist es nur möglich, daß wir uns dort nicht gesehen haben?» — Professor: „Pardon! Ich hab' Sie freilich gesehen. Sie waren aber so beschäftigt, und da wollt ich nicht stören.» Militärisch. Lieutenant: „Ich höre Stimmen im Salon. Ist denn Deine Kaffeegesellschaft noch nicht zu Ende?» — Gattin: „O ja, längst! Ich habe nur noch einige Damen zur Kritik versammelt!" * ♦ ♦ Hyperbel. Unteroffizier (zum Rekruten, der in seinem Civilverhältniß Postbeamter ist): „Wie der Mensch wieder am Reck da droben baumelt! Mit den Händen telegraphirt er und mit den Beinen trägt er Briefe aus!" • ♦ ♦ Höfliche Zurechtweisung. Student (heimwärts- gehend, singt): „Guter Mond, Du gehst so stille —» Gendarm: „Na, so nehmen Sie sich doch an ihm ein Beispiel!» Literarisches Ein interessantes Kapitel vom Wahrsagen enthält ba£ neueste Heft der beliebten illustrirten Familien-Zeitschrift ««tt« Et»nde» (Berlin W. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) In den ältesten Zeiten verwendete man gern Thiere zum Wahrsagen, und schließlich war jeder Hahn dazu gut genug, um Demjenigen, der sich Raths von der Zukunft erholen wollte hülfreich zur Seite zu stehen. Man schrieb einfach das Alphabet aus die Erde, legte auf jeden Buchstaben ein Weizen- oder Gerstenkorn und stellte dann diejenigen Buchstaben, von welchem der Hahn, den man vorher hatte hungern lassen, die Körner absraß, zu Wörtern zusammen. Ein Schriftsteller des Alterthums berichtet uns, wie ein Hahn auf solchen Wege der Wahrsagung die Thronfolge im römischen Reiche entschieden hat. Durch einen Hahn sollte nämlich bestimmt werden, wer nach dem arianischen Kaiser Valens den Thron besteigen würde, und die Chronik meldet: „Libanius Rhetor und Jamblichus, des Prochius Lehrmeister, haben durch energische Andeutungen eines Hühnerhahnes, wer nach Kaiser Valens das Reich erhalten würde, sich zu erkundigen unterwunden; sind darauf Herkommen und haben die 24 Buchstaben in den Staub, womit eine area oder Platz bestreuet gewesen, umschrieben, haben auch auf jeglichen Buchstaben ein Körnlein Weizen oder Gersten gelegt. Darauf ist der Hahn nach etlichen recitirten Gebeten losgelassen. Von welchen Buchstaben der Hahn die aufgelegten Weizen- oder Gersten- Körnlein genommen und verschlungen, selbige haben sie zusammengesetzt und daraus vermeinet, den Namen des nachfolgenden Kaisers zu erhalten. Weil nun aber der Hahn damals von den Buchstaben Th. E. O. D. die Körnlein weggenommen, ist gleichwohl die Sache zweifelhaftig gewesen, denn die Buchstaben den Namen Theodosium, auch Theodorum, auch wohl Theodotum haben bedeuten können. Nachdem solches Kaiser Valens vernommen, hat er nicht allein auf unterschiedliche, so besagte Namen gehabt, einen Argwohn geschöpft, im Besonderen auch dieselben gar lassen aus dem Wege räumen. Aber es hat gleichwohl ein hispanischer tapferer Kriegsheld mit Namen Theodosius, welcher der Ordnung nach der 43. Kaiser worden, Szepter und Krone bekommen müssen.» Diese Art des Wahrsagens mit dem Hahn existirt übrigens heute noch, und zwar am meisten in Rußland. Dort lassen sich die heirathslustigen Mädchen durch einen Hahn vom Alphabet die Körner aufpicken, um aus den bezeichneten Buchstaben den Namen des Zukünftigen zusammenzustellen. — Ungemein fesselnd sind wieder die Romane der Zeitschrift, obenan Alexander Baron von Roberts tiefergreifende Kriegserzählung „Schlachtenbummler" und Rudolf Elcho's meisterlicher Roman „Di- Pflicht des Starken." Die populairen Artikel bieten reiche Abwechselung; in den Illustrationen ist jedes Heft ein Sammelalbum der besten Werk- modernen künstlerischen Schaffens, und in der Gratisbeilage „Jllustrirte Klasstkerbibliothek" mit Eichendorff's Gedichten wird ein Schatz für jede Bücherei geboten. Redaetion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverffMs-Bnch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gieße«.