L8V5. F: ■S> *V* •• HntrrhMWgMM Mm Gießener Anrriger (General Anxeiger). Ihr Vermächtniß. Roman von Maximilian Moegrli«. (Fortsetzung.) „Herr Baumeister," begann der alte Förster, „ich kenne unseren Herrn Oberförster schon fünfundzwanzig Jahre und Gott weiß, welch' ein braver Mann er ist. Ich habe seine Tochter auf den Händen getragen, als sie drei Tage alt war und hatte immer meine Freude daran, so oft ich sie sah und auch heute noch. In ihr vereinen sich ihr guter Vater und ihre edle Mutter. Ich habe dar Kind mehr geliebt als meine Tochter, denn diese hatte eine Mutter, und wenn ich daran denke, daß es der Hertha, diesem engelgleichen Wesen, einmal schlecht ergehen könnte, — Herr Baumeister, mein Inneres könnte sich umdrehen. Und meine Befürchtungen waren nicht grundlos, denn als der Lieutenant von Walten ihr Verlobter wurde, da war mein Herz voll banger Ahnung und ich begreife nur nicht, wie das Mädel diesen Mann erwählen konnte, dessen Wesen das strikte Gegentheil von dem ihrigen ist. — Schon als Knabe habe ich diesen Menschen nicht leiden mögen, denn sein unstetes, herrisches Benehmen behagte mir nicht. Aber jetzt muß es anders werden, denn, hören Sie, der Baron ist ein Spieler — ein großer Spieler, der mehr verspielt hat, als fünfzig Menschen meines Schlages ihr Leben lang ersparen können- Denken Sie nur, Herr Baumeister, in zwei Monaten soll die Hochzeit sein — o, ich kann es mir gar nicht ausdenken, in welch' namenloser Elend sie kommt, denn mit Schloß Walten geht es stark herab. Ja, ich bin besser informirt, als mein guter Herr Oberförster. Aber Ordnung muß fein und so hören Sie denn weiter," — und er hob seinen Finger, als wollte er abzählen, — „zwänzig- tausend Mark bekommt der Silberstein in Danzig, zwanzigtausend Mark der — der, nun, ich habe er ja ausgeschrieben." Er griff hastig in seine Westentasche, brachte einen Zettel hervor und las: „Zwanzigtausend in Dirschau, zehntausend iu Graudenz, fünftausend in Thorn, fünftausend in Bromberg, wacht sechzigtausend Mark, sage und schreibe sechzigtausend Mark — Himmelelement, und das ist nur, was ich in Erfahrung bringen konnte, — doch da kommt der Herr Oberförster." Der Baumeister dankte dem Alten für die freundliche Belehrung und gratulirte dem Oberförster zu seinen schönen Eichen. „Danke, danke, Herr Baumeister, aber diese Bäumchen sind auch ausnahmsweise gut gewachsen. Doch nun kommen Sie. Waren Sie schon einmal an dem großen See?" „Nein, Herr Oberförster, ich ging meistens auf dem Berge bei Jagen vierzehn und fünfzehn, von wo aus man eine herrliche Fernsicht hat." „Ah so — nun, am großen See dürste es Ihnen auch gefallen. Sehen Sie, Herr Baumeister, hier war mein erster Holzschlag, als ich einst nach Lindenheim kam und nun kommt es bald wieder herunter. Das ist der ewige Wechsel auf unserer Erdenrunde: Kommen und Gehen, Werden und Vergehen." „Werden und Vergehen," wiederholte der Baumeister, „das ist nun einmal der Welten Lauf." Ruhig schritten sie weiter. „Hier," sagte der Oberförster nach einer Weile, „hier können Sie auch den gefürchtetsten Feind unserer Nadelwälder sehen. Diese Kiefernschonung von zwei Jahren begrenzt dieser schmale Graben, in dem sich wiederum in bestimmten Entfernungen Fanglöcher befinden. Geht nun der Rüsselkäfer — so heißt dieser Bösewicht — nach seiner Nahrung und fällt in solch' ein Loch, dann ist er gefangen. Hier sehen Sie auch frisch geschälte Holzkloben systematisch liegen, an deren Säst sich der Käfer gütlich thut, man kann ihn hier mit leichter Mühe nehmen." Der Oberförster nahm eine solche Fangklobe auf und zeigte dem Baumeister diesen Käfer, den er dann unschädlich machte. Heyd, der ein großes Interesse verrieth, war ein aufmerksamer Zuhörer. „Auf dieser Stelle pflanzte ich vor Jahren den Samen verschiedener amerikanischer Baumarten, den ich seiner Zeit drüben gesammelt; leider hat es der Mühe nicht gelohnt, denn unser Boden eignet sich nicht dazu." „Und doch gibt es recht starke und schön gewachsene 434 Stämme in den nordamerikanischen Waldungen," entgegnete • der Baumeister ruhig. i ß „So ist e», aber woher wissen Sie er? Oder sahen Sie auch diese Riesenwaldungen von Illinois und Texas?" fragte der Oberförster überrascht. „In jenen Waldungen bin ich vielleicht besser zu Hause, al» in denen unseres Vaterlandes; oft — gar nur. zu oft habe ich bewundert die Baumriesen von Arkansas und Wis- consin," sagte Heyd, der hinabsah und die blaue Fläche des großen Sees erblickte, in dessen Mitte sich eine herrliche Insel erhob, auf deren Bäumen die Reiher ihren Stand hatten. An einer Eiche ließen sich Beide nieder und hatten den Wald des jenseitigen Ufers vor sich, vor dem die breite Wasserfläche sich malerisch ausdehnte. „Als Oberförstercandidat nahm ich ein Jahr Urlaub," begann er, „und studirte die Wälder Nordamerikas von Osten nach Westen und von Norden nach Süden. Interessante botanische Studien habe ich dort gemacht und all' mein Wissen niedergeschrteben- Interessant sind auch Land und Leute, aber wo ich auch hinkam, überall fand ich Deutsche und war der Ort auch noch so klein- Den Rest meines Urlaubs verbrachte ich in New-Orleans und Mexico, wo ich natürlich auch oft und gern jenes herrliche Volkslied hörte, womit Sie mich damals sehr erfreuten. Ost und gern gedenke ich dieser schönen, sorgenlosen Zeit, die zu der besten meines Lebens zählt. — Und Sie, Herr Baumeister, waren wohl dort auch bei einer Eisenbahn wie hier bei uns?" „O nein, Herr Oberförster. Ich machte die andere Runde durch dieses Land und baute dann Häuser. Nicht aus Sand und Stein warm diese, sondern au» Holz, wie Sie ja so viele Farmhäuser im fernen Westen gesehen und in dem der Sean- dinavier und viele Volksstämme sich sehr wohl fühlen. Vier Jahre war ich bei einem Waldfürsten. Wo wir unsere Bäume fällten, waren auch gleich unsere Schneidemühlen und Zimmerplätze, und wie hier die Bauhölzer die Weichsel und ihre Nebenflüsse hinunterschwimmen, so brachten wir fix und fertige Wohnhäuser und so weiter stromabwärts oder landeinwärts mit der Eisenbahn. Oft, wenn ich geschäftlich die Wälder bereiste, kam ich vierzehn Tage lang nicht aus dem Sattel und — das war eine schöne Zeit/' sagte Heyd, der wie in Gedanken auf den See sah. „Und doch, Herr Baumeister, zog es Sie gewiß wieder nach der alten Heimath und nach der Scholle, wo Ihre Wiege stand." „Nun, wie man es nehmen will, Herr Oberförster. Es gibt auch viele Deutsche, die dort glücklich und zufrieden leben, die wohl freudig ihrer Heimath gedenken, aber doch nie umkehren mögen au« dem Lande, wo fie die Existenz gefunden, die fie hier vergebens gesucht und deren Kinder, in freier Luft aufgewachfen, die Heimath ihrer Eltern schlecht behagen würde. Aber wie dem auch sein mag, das goldene kalifornische Zeitalter ist dort ebenso vorüber, wie bei uns die sogenannte Gründerzeit und ohne Arbeit geht es nun einmal überall nicht I" „ „ „Viele Leute würden aber besser thun, wenn sie hier blieben. Mangelt es doch oft genug an Arbeitskräften hier zu Lande und besonders in den östlichen Provinzen. Wer Gelegenheit hatte, das Elend dieser Auswanderer in Hafenplätzen zu sehen, dem könnte fich das Herz umdrehen." „Der Meinung bin ich auch, Herr Oberförster, aber das Auswandern selbst ist eine Cardinalfrage, die sich nur schwer lösen läßt. Gin Vergnügen ist es den Leuten nicht, die den heimathlichen Herd verlassen, der ihnen theuer ist. Verhältnisse, Mißernten, Steuern und wie sonst die Gründe heißen mögen, zwingen oft den anspruchslosesten Landmann zu Schulden und er müht sich redlich ab für die nächste Ernte, welche ihm oft nicht mehr gehört, wenn die Halme aus der Erde kommen. Denn wie jeder Mensch sein Beste« will, so greifen auch diese Menschen nur in der Hoffnung zum Wanderstabe, er dort besser zu finden. Mit schwerem Herzen ziehen sie dahin im festen Glauben, daß ihr Cours der richtige sei. — Viele Menschen werden auch verschleppt von gewissenlosen Agenten, die schlimmer sind als die schlimmsten Raubthiere — Gott sei's geklagt. Von diesen Auswanderern gehen gar viele in Kummer und Elend zu Grunde und sterbend sehen sie noch im Geiste, was ihnen lieb und theuer war: Ihre fernen An- verwandten und ihr trautes Hetmathsdorf." Nun standen die Männer auf und gingen der Oberförsterei zu. Schon von Weitem hörten sie Clavierspiel. „Meine Tochter ist schon aus der Kirche zurück, dann spielt und singt sie gewöhnlich das: Harre meine Seele, harre des Herrn! — Es war ihr erstes Stückchen, das sie spielen lernte, sie liebt es besonders und spielt es sich in Freud' und Leid; freilich, wenn sie ernst gestimmt ist, dann singt sie nicht dazu. Ich erinnere mich noch und mit Wohlgefallen meines ersten Lesestückchene," sprach der Oberförster weiter, „auf de« Knieen meines Großvaters mußte ich es lesen und immer wieder lesen oder hersagen, und in seinen Augen glänzte eine Thräne, wenn er hörte: „Komm', lieber Mai, und mache Die Bäumchen wieder grün, Und laß uns an dem Bache Die kleinen Veilchen blüh'n." Und sehen Sie, Herr Baumeister, diese» kleine Liedchen von Overbeck hat den alten Mann so gerührt, daß er mich oft an sein gutes Herz gedrückt hat, ja — daß er sterbend noch dieses Liedes gedachte." „Ja, wie schön sind doch die Erinnerungen an die sorg- losen Kinderjahre, aber auch auf Ihren Knieen sehe ich schon einen Enkel sitzen, der Ihnen dasselbe vorliest," entgegnete Heyd. „Ich sehe es noch nicht," sagte der Oberförster kopfschüttelnd. Hertha eilte ihrem Vater entgegen und begrüßte den Baumeister freundlich. „Wir hörten Sie schon aus der Ferne und erfreuten uns an dem Liede, das Sie zum Himmel sandten, Fräulein." „Nun, das freut mich," sagte Hertha lächelnd, „wiewohl mein Spiel nicht int entferntesten dem Ihrigen gleicht." „Zu bescheiden, Fräulein, aber es entspricht doch wohl nicht der Wirklichkeit- Die Blumen, die Sie kürzlich pflanzten, habe ich auch schon begrüßt, sie sind alle prächtig aufgegangen; ich kann mir auch nicht denken, daß er anders sein könnte bei Blumen von Ihrer Hand gepflanzt." „Aber, Herr Baumeister," erwiderte Hertha mit leichtem Vorwurf und eine Röthe flog über ihr freundliches Gesicht. Heyd begrüßte Tante Doctor und wollte sich nun verabschieden, aber diese hatte schon ein Gedeck mehr aufgelegt; und wohl oder übel mußte er nun bleiben. Nach Tisch gingen Alle in den Garten. Noch nie hattr Hertha den Baumeister so aufgeräumt gesehen wie heute. Woher hatte er nur all' das Wissen und Können und woher all' die Erfahrungen, dieser Mann, der höchsten» 30 Jahre zählte, von bgm es schien, als hätte er eine vielbewegte, ersahrungsreiche Vergangenheit hinter sich, der so überzeugend, so zum Herzen sprechen konnte wie ein guter Seelenhirte von der Kanzel? Wie interessant sind seine Schilderungen vom Eisenbahnleben und Eisenbahnbauten und wie hochinteressant seine Erzählungen von Reisen zu Wasser und zu Lande! Achtes Capitel. Der Ingenieur Hellmuth betrat den Perron des Legethor- bahnhofes und sah von Waltens Burschen kommen. „Ist der Herr Baron schon eingestiegen?" fragte er diesen. „Zu Befehl, Herr Lieutenant, der Herr Baron stieg soeben in jenen Wagen, vor welchem gerade der Zugführer geht." Hellmuth stieg in das Coupse, in dem von Walten schon behaglich Platz genommen, eine Cigarette rauchte und seinen schönen Schnurrbart drehte. „Ah — Morgen, lieber Hellmuth, trifft ja famos; aber wo stecken Sie denn eigentlich? Kommen ja gar nicht meyr Clubhaus." , „Habe jetzt viel zu thun, bester Baron, und bringe dann - 435 - meine freie Zeit in frischer Luft zu, bekommt mir besser. Aber war gibt es Neues?" „Halten gestern Liebesmahl, Graf Hollheim ist Rittmeister geworden und commandirt nach Pofen." „Ei der taufend, |roetbe ihm gleich drahtlich gratuliren," sagte Hellmuth und ließ das Fenster herunter, während sich der Zug in Bewegung setzte. „Aber vorgestern," erzählte der Baron weiter, ^vorgestern war eine tolle Sache, von Hartung hatte eine Stange Gold gelassen —" „Die Sie natürlich gewonnen I" ergänzte Hellmuth. „Nein, leider nicht, bin gerade noch mit blauem Auge davongekommen," entgegnete Walten und legte seine Büchse und Patronentasche in's Netz. „Wetten auf Pulle Sect, wer von uns besser schießt?" „Ohne Zweifel Sie, bester Baron, aus dem sehr einfachen Grunde, weil ich nicht mitschießen werde!" „Nanu — und warum denn nicht?" fragte von Walten überrascht. „Habe Augenschmerzen, da ich anstrengend an Zeichnungen gesessen." „O, das ist schade — ma foi! Waren wohl in letzter Zeit häufig unten, lieber Hellmuth?" „Ach ja — fast alle Mittwoch. Waren kürzlich beim guten Amtsvorsteher. Haben dort alten spanischen Wein ge« trunken, a la bonne heure. Sein Neffe sandte ihm ein Fäßchen aus Barcelona, aber ganz exquisit." Und er bewegte den Zeigefinger nach den Lippen. „Kannte aber diese Nummer noch aus Studentenbummel; hinterläßt unter Umständen haarigen Brummschädel. Na, damals hatte ich von Spanien lange Zeit genug. Adio, goldenes Pincenez, adio, neuer Hut; dagegen fand ich an diesem Abend etwas, was ich erst am nächsten Morgen im Spiegel entdeckte. — Himmel, wie sah ich aus, — wenn ich nicht genau gewußt hätte, daß ich es war, ich hätte mich wahrhaftig nicht wiedererkannt. Und wie ttaurig still stand mein bemooster Kleiderschrank! Mußte wohl Thürs für Hausthüre gehalten haben — sie war nach innen geöffnet und Füllung eingedrückt und mit Ueberzieher, den ich sonst immer reinhängte, stand ich am Morgen schon auf, als mahnte er mich zum Frühschoppen. Möchte wohl wissen, wie diese Sorte dem Ribold auf Heideflteß bekommen ist," sagte Hellmuth lachend. „Alter spanischer Wein," bemerkte Walten mit Betonung, „Donnerwetter, bas ist ein Gedanke." „Ja, aber warum kommen Sie denn nicht öfter mit?" „Wissen ja, lieber Hellmuth I Dienst, wieder Dienst, Ein» ladungen, Umstände," — und er bewegte ein paar Mal den Kopf hin und her, — „reißt gar nicht ab. Aber ä propos, was macht denn Ihre Segelei?" „Na, ich danke, haben schon tüchtig gewettsegelt, waren Sonntag Alle in Zoppot." So ging die Unterhaltung weiter; es tanzte die Landschaft vorüber, bis sie am Ziele waren und ihr Coupes verließen. Bor dem Stationsgebäude stand Heyd mit dem Bauführer und dem Bahnmeister in eifriger Unterredung. Als der Zug einfuhr, empfahl sich Heyd und begrüßte alsbald die Ankommenden. In des Oberförsters Wagen ging es schnell vorwärts, der bald vor dem Gasthofe hielt. Der Baumeister sprang vom Wagen, holte schnell Büchse und Patronenkästchen und bald verschwand der Wagen im Walde. „Werden heute gutes Scheibenlicht haben, Wetter hat sich brillant gehalten," sagte der Baron. „Vor einer Stunde hörte es erst auf zu regnen und obschon e« stundenlar g gegossen, ist es nun so heiß wie vordem," entgegnete Heyd. „Habe schon bedauert, daß Herr Hellmuth am Schießen nicht theilnehmen kann." „Wegen Augenschmerzen, Arthur," fiel der Ingenieur dem Baron schnell in's Wort. „Mußt Dich mehr schonen, Karl, und Dein Sinnen und Trachten nicht ausschließlich auf'» Arbeiten richten," sagte der Baumeister und dachte: Ich weiß ganz genau, warum Du nicht mitschießt, denn in Deinen Ohren schallt das Echo von Lindenheim und Deine Augen sehen die wilde Taube am Eichenstamme am stillen Waldsee! „Schlug Herrn Hellmuth schon Wette auf Pulle Seet vor für i* meisten Ringe, habe natürlich Korb erhalten, würden Sie wohl Wette eingehen, Herr Baumeister?" „Ich bedaure aufrichtig, Herr von Walten, es Ihnen abschlagen zu müssen, nicht, weil ich glaube, daß Sie ein viel besserer Schütze sind als ich, sondern weil Wette und Spiel Dinge find, die ich aus Princip verwerfe," entgegnete Heyd, von Walten ruhig in's Auge sehend. Aber der Baron konnte diesen Blick nicht ertragen; war es, ob ihm alle seine Schulden auf einmal einfielen oder waren es andere Gründe, jedenfalls ging in seinem Innern etwa» vor, das ihm des Baumeisters Sympathie ganz und gar nicht brachte. Er, der Baron, der überall glänzte und der Löwe des Tages war, fühlte, daß er in diesem Manne einen gewaltigen Gegner gefunden. — „Wie er nur spricht," sagte er sich, „er, den ich mir immer so harmlos gedacht und dessen stolze Gestalt nicht minder imponirt als meine Silberschnüre, der mir mit seinem klassisch-schönen Gesicht und seinem hocharistokratischen Benehmen um verschiedene Längen voraus ist. Nie könnte ich mich mit diesem Manne befreunden." Er haßte ihn förmlich und doch wußte er keinen rechten Grund. Von Lindenheim her erschallten einige Schüsse, offenbar waren es nur Probeschüffe, um die Wirkung des Pulvers zu probiren oder um zu sehen, ob die Vtsirung richtig sitzt- Alsbald fuhr der Wagen thalabwärts und von weitem sahen sie schon die schwarz-weiß-rothe Fahne auf der Schießhalle und das rothe Fähnchen auf dem Kugelfang. Als der Wagen vorfuhr, war die Gesellschaft vollzählig. Der Oberförster, der die Ankommenden schon vor der Thür begrüßte, geleitete sie »ach dem Garten, wo die ganze Gesellschaft versammelt war. Ein frohes, ja theilweise herzliches Händeschütteln erfolgte nun- Da war die ganze Mittwochsversammlung nebst einigen bekannten Familien und drei Artillerie-Offizieren der Thorner Garnison. Der alte Amtsvorsteher konnte nicht schnell genug zu Heyd kommen, während Hellmuth und Ribold sehr lebhaft über die bösen Wirkungen verschiedener Weine sprachen, wobei der Ingenieur herzlich lachte und Ribold sich hinter dem Ohre kratzte. Auch Tante Doctor hatte heute wieder die beste Miene ausgesetzt; es war doch wieder einmal eine andere Gesellschaft, denn die Herren vom Militär sind doch ein besserer Menschenschlag, als das stupide, langweilige Civil, sagte sie sich. Hertha und Gertrud kamen Arm in Arm und strahlten heute in lichten Roben. An zwei langen Tischen, die im Garten an der Schattenseite des Hauses aufgestellt waren, wurde der Kaffee getrunken unter heiterem Geplauder, dann vergnügten sich die Damen miteinander, während die Herren nach der Schießhalle ginge», die sich am Ende des Gartens befand, lieber einen Feld- streifen ging die Richtung nach dem Kugelfang, der sich an steiler Anhöhe an den Waldesrand lehnte. Als die Schützen alle beisammen waren, übergab der Oberförster den Zeigern die neue Scheibe, die sie alsbald aufstellten. Auf einer Erhöhung in der Halle faß der Secretär Herrmann, der die Schießliste führte. Zu seiner Linken war ein Fernrohr angebracht, das auf die Scheibe gerichtet war. Es waren neun Schützen. Der Ingenieur aber, welcher unter anderen Umständen sehr gern der Zehnte gewesen wäre, entfernte sich sehr bald, denn seine Zug- und Zielscheibe befand sich im Tannengang, von wo ein helles Lachen herüberschallte. Heyd ließ sich als letzter in die Lists schreiben. Lustig knallte es nun hinaus und vom Walde schallte das Echo zurück. „Ah — der Herr Baumeister wird freihändig schießen," bemerkte von Wildenau. Der Schuß krachte. Die Zeiger kamen und eine Mütze deckte den Spiegel. „Schuß sitzt mitt im Centrum," rief der Secretär. - - 436 „Donnerwetter — famos getroffen/ sagte von Walten, der durch'« Rohr sah. Heyd nahm die rauchende Patrone heraus, lud und ohne lange zu zögern, krachte es abermals. Wieder deckte die Mütze den Spiegel. Ribold schüttelte den Kopf, während die Offiziere am Fernrohr standen. „Siehst Du, Ribold/ sagte der alte AmtsvorsteGr ver* traulich. „Bei dem kannst Du Dir Bescheid holen in allen Dingen." Mit einer Ruhe, wie man eine besonders gute Cigarre nach einem schweren Diner raucht, gab Heyd seinen dritten Schuß ab. Und wiederum deckte eine Mütze das Centrum, während die andere wirbelnd in die Lust flog. Nu brausendes Hurrah drang durch dis Halle. (Fortsetzung folgt.) GeineiirnÄtzrges. Schäle« welker Aepfel. Das Schälen von welken Aepfeln wird erleichtert, wenn man dieselben eine halbe Stunde zuvor in kaltes Waffer legt, da sie sich dadurch bedeutend auffrischen. Soll den Aepfeln aber die Schals abgezogen werden, so lege man fie einige Minuten in heißes oder eine Minute in kochendes Waffer. * Spinne« z« vertilge«. Neben dem fortwährenden Zerstören der Nester oder Gewebe empfiehlt es sich, das Mauerwerk da, wo fich die Thiers besonders gern ansiedeln, zeit- weise mit Waffer, in dem pulveristrtes Kupfer- oder Eisenvitriol aufgelöst ist, zu bestreichen., Mittel gege« Flöhe* Als geeignete Mittel zur Der- treibung von Flöhen können Gewürze, ätherische Oele, Insekten- pulver u- s. w. empfohlen werden. Aus gedielten Fußbodenritzen werden fie entfernt, wenn man aus Calmuswurzeln, Mreandersamen, Petersiliensamen oder »Kraut, Calogenten je zwei Eheste mit 300 Thetlen kochendem Waffer einen Aufguß macht'und damit den Fußboden aufwäscht. Kellerassel«. Gegen *dieses lästige Ungeziefer wird folgendes einfache Mittel in Anwendung gebracht: man gibt gekochte Kartoffeln in Blumentöpfe und bedeckt fie locker mit etwa» Moos. Das Ungeziefer sammelt sich darin und kann durch Ausschütten in heißes Waffer getödtet werden- Italienischer Salat.* Derselbe entsteht durch eine Zusammensetzung von mehreren gebratenen Fleischarten, Kartoffeln, Gurken, Rotherüben (eingemachte), Häringe, Sardellen und feinen Würsten. Dies Alles wird zu kleinen Würfeln geschnitten, einige Kapern daran gethan und mit Essig durcheinander gemacht. Sodann wird eine Mayonaise aus folgende Art zuberettet: Ein Ei oder mehrere Eigelb werden tüchtig verrührt, mit ein wenig Pfeffer und einer Prise Salz gewürzt, dann mit einigen Tropfen Salatöl schnell gerührt, dann wieder einige Tropfen, bis das nöthige Oel daran ist und die Mayonaise ein glattes Aussehen hat, so daß der nöthige Essig daran gegossen werden kann. Mayonaise und Salat wird auf der zu Tisch bestimmten Schüffel hoch aufdressirt, mit hartgekochten, feingehackten Eiern (das Weiße und Gelbe getrennt), feingewiegten eingemachten Gurken, Rotherüben, Sardellenstreifen, Citronenrädchen, Zwiebeln, Petersilie und Kapern geschmackvoll garnirt. * Seezunge. Der Fisch wird abgezogen, gewäffert, einige Zett vor dem Backen mit Salz und Pfeffer bestreut, damit da» Salz in den Fisch recht eindringen kann. Sodann streicht man eine Porzellanplatte mit Butter, bestreut sie mit Weckmehl, feingeschnittener Petersilie und Zwiebel, legt den Fisch darein, gießt etwa» Wein in die Platte, bestreut den Fisch dicht mit Semmelmehl, vermischt mit Pfeffer und Salz, schneidet noch kleine Stückchen Butter obendrauf, stellt dann die Platte in den Bratofen und backt die Maffe, bi» fich oben eine braune Kruste bildet. Mit dem Wein etwa» Extraet an den Fisch gethan, verbessert, diesen,sehr. Kitt sür Aquarien. Bleiglätte, feiner weißer Sand und Gyps, von jedem 1 Kilogramm und Vs Kilo- gramm recht füngrpulvertes Harz werden mit gekochtem Leinöl sorgfältig zu einem steifen Brei gemischt und gut verrührt, zuletzt wird etwa» Siccativ hinzugesetzt. Dieser Kitt ist erst nach einigen Stunden (also nicht sofort) zu gebrauchen, kittet dann aber Salz- und Süßwafferbehälter ganz vortrefflich- Derselbe erlangt schnell eine große Festigkeit und ist für Salzlösungen unangreifbar, seine Festigkeit scheint im Gegentheil gerade im Salzwaffer den höchsten Grad zu erreichen. Grützwurst. Man kocht 2 Kilogramm Hasergrütze oder Gerstgrütze in Brühe gar, fügt Salz, Pfeffer, Zwiebeln und einen Teller voll Schweinegrieben hinzu, zuletzt nach Belieben etwa» Blut, welches aber noch einmal mit durchkochen muß und stopft die Masse in Därme. Frage- Kann man sich etwas Widerspruchsvolleres denken, als einen eingefleischten Vegetarianer? — Druckfehler. Das äußerst gelungene Porträt stellt den Bankier im vollen Profit dar. — Gelegenheit macht Liebe. — Die Gesellschaft unterhielt sich so gut, daß man sogar, als es Morgen wurde, nur die Lumpen hinaustrug und vergnügt beieinander blieb. , (Aus der „Wiener Mode".) Vereinfachung. Herr: „Auf dem Plakat draußen heißt es doch, hier wären die siamesischen Zwillinge zu sehen; ich bemerke aber nur diesen einen buckligen Kerl 1" — Buden- besttzer: „Ja, wissen Sie, die Geschäfte gehen so miserabel, und da hab' ich einen von den Zwillingen enllassen müssen I Aus der höheren Töchterschule. Lehrer: „Was versteht man unter einem Aesthetiker?" — (Schülerin schweigt.) . . . „Nun, was ist denn Aesthetik?" - Elsa: „D e Lehre vom Schönen!" — Lehrer: „Und war ist dann ein Aesi> hetiker?" - Elsa (verschämt): „Ein schöner Lehrer! Kasernenhofblüthe. Unteroffizier: «Jetzt kommt der Kerl schon wieder in so einem ungeputzten Zustande daher! Für Sie wäre es auch besser gewesen, Sie wären, statt zum Militär, ins Nationalmuseum geschickt worden l Dort würden Sie doch wenigstens abgestaubt, Im Examen. Professor (zum Candidaten, der ihm mehrere Fragen über die Trichinose nicht beantworten kann): „Herr, Sie denken wohl, Sie haben gar nicht nöthig, über diesen Gegenstand etwas zu wissen?" — Candidat (stotternd) - „Nein, ich esse kein Schweinefleisch!" Literarisches Die Directoiremoden werden neuerdings vielfach bei Herbsttoiletten und Jacken nachgeahmt. Aelteren Damen, denen diese Formen zu jugendlich scheinen, werden sehr kleidsame, neuartige Dolmans mit weiten Aermeln empfohlen. Wir verweisen diesbezüglich auf das eben erschienene Heft 24 der „Wie««« Mode", mit dem der 8. Jahrgang dieses beliebten Modejow nalS abschlietzt. Die hervorragenden Leistungen in Bezug auf Mode, Handarbeit und Belletristik sichern der „Wiener Mode", die mit der Gratisbeilage „Wiener Kinder-Mode" per Quartal Mk. 2,50 kostet, in besseren Familien und intelligenten Fachkreisen den Vorzug vor billigeren und daher geringwerthigeren Modejournalen. Redaction: A. Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitSts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch & Scheyda) m Gietzen.