1895, Dienstag den 14. Mai. 'fr. X/'it' V @® V V amilKRvlatier lenener UnterhaNungsblatt ?um Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) W H -L IW WK Die Tochter des Meeres. Roinan von 31. Nicola. (Fortsetzung.) Endlich kam der von Cora so gefürchtete Augenblick. Der Postwagen, welcher den Lord nebst seinem Schützling nach besten Landsitz gebracht hatte, hielt vor einer hohen, breiten Treppenflucht, die nach einer großen Terrasse führte. Der Diener öffnete den Wagenschlag und nahm das Gepäck in Empfang. Lord Faro reichte seiner jungen Gefährtin die Hand, fast ohne einen Blick nach den gegenüberliegenden Fenstern zu werfen. Und doch glaubte er in dem Bibliothekzimmer ein ihm wohlbekanntes Gesicht zu bemerken. Und er wandte sich dem anmuthigen Mädchen an seiner Seite zu, um aus ihrem Liebreiz Muth zu schöpfen, während er sie rasch dem Eingänge zuführte. Sie mußte alle Herzen für sich gewinnen, so sehr die« selben sich gegen diese hilflose Unbekannte verschließen mochten. Langsam, aber sicheren Schrittes ging er an seiner Dienerschaft vorbei und es entging ihm nicht, wie dieselbe mit forschendem, fragendem Blick die Fremde betrachtete, die an» muthig und ruhig neben ihm ging. Und in wenigen Augenblicken war die gefürchtete Stelle erreicht; die Wohnstubenthür öffnete sich und sie standen Lady Emily und Netta gegenüber- Im Augenblick des Wiedersehens hatte Lord Faro seinen Muth wiedergewonnen. Er berührte leicht seiner Schwester Stirn und drückte liebevoll einen Kuß auf Nettas Wange. Dann wandte er sich nach Cora und führte sie feiner Schwester zu. «Ich habe Dir hier noch Jemand gebracht, der Anspruch auf Deine gütige Fürsorge macht, Emily, und, wie ich wünsche und hoffe, zu Nettas Freude beiträgt. Cora, meine Liebe," sagte er dann zu dieser, „mit der Zeit werden Sie besser vertraut werden mit unseren englischen Sitten, inzwischen müssen Sie vor sich sehen." Lady Emilys scharfes Auge musterte jeden Zug, jede Linie der Neuangekommenen mit unbehaglicher Bewunderung. „Gewiß, Bruder, sind Deine Gäste willkommen in Deinem eigenen Hause," sagte sie und streckte Cora ihre äußersten Fingerspitzen entgegen. „Mit welchem Namen soll ich sie Deiner Tochter vorstellen, Benjamin?" „Laß das meine Sorge fein! Doch sollte ich meinen, Netta sei für eine solche Ceremonie noch zu jung," erwiderte er kalt. „Der Name meines neuen Mündels ist Fräulein Cora vom Meere. Doch Cora und Netta klingt zwischen so jungen Mädchen besser und weniger förmlich." „Gewiß, Bruder, ist Netta bereit, Deinen Wünschen zu gehorchen," antwortete sie ruhig. „Binnen Kurzem werden wir auch näher miteinander bekannt werden. Du wirst entschuldigen, wenn Netta auf einen solchen Wechsel nicht recht vorbereitet ist." „Schon gut! Schon gut! Ich werde dieses unnütze Eis nur zu bald schmelzen sehen," sagte er ungeduldig. „Hast Du die nöthigen Befehle zu Miß Coras Bequemlichkeit gegeben?" „Gewiß! Netta, willst Du so gut sein und die junge Dame in ihr Zimmer führen." Die Mädchen gehorchten. Was für ein hübsches Bild gaben sie ab, als sie das Zimmer miteinander verließen — die Helle Blondine in ausgesucht eleganter Toilette und die graciöse, malerische Brünette, für welche Lord Faro ein neues Kleid bei der Durchreise in London besorgt hatte. „Sind es nicht ein paar reizende Mädchen, Emily?" bemerkte Faro. „liebet unsere Netta brauchst Du mich kaum nach meiner Meinung zu fragen," lautete die kühle Antwort der Schwester. „Von Deinem Gast muß ich erst ihr Leben und ihre Stellung kennen lernen, ehe ich mir ein Urtheil über sie bilden kann." Lord Faro saß ein paar Minuten neben seiner Schwester, ohne zu antworten. Es arbeitete schmerzlich in seinen Zügen, obwohl er dieselben so viel als möglich von Lady Emily abwandte, ohne Verdacht zu erregen. „Emily," Hub er dann an, „Du bist verwundert, vielleicht ärgerlich über meine Handlungsweise?" „Ich bin durchaus nicht dazu berechtigt," erwiderte sie gemessen. „0, vielleicht hast Du doch in Allem, was Netta betrifft, 226 Anspruch auf meine Meinung," sagte er. „Seit dem Tode meiner guten Frau hast Du Mutterstelle an ihr vertreten. Du bist nur zu. nachsichtig gegen sie gewesen und ich habe, wenn auch vielleicht aus einem anderen Grunde, diese Schwäche gutgeheißen." „Ich verstehe Dich in der That nicht, Bruder," sprach Lady Emily stolz. „Wohl möglich! Doch ist er Zeit, daß wir anfangen, einander zu verstehen, und wäre es nur um Nettas willen," erwiderte Faro ruhig. „Emily, Du wenigstens mußt Dich der Vergangenheit erinnern. Du mußt die eine große Sorge kennen, die ich nie vergesse." Lady Emily richtete sich mit kalter Würde straff auf. „Wirklich, Benjamin! Ich sollte meinen, daß diese Erinnerungen nicht sehr erbaulich sind, wenn ich Deine geheimniß- vollen Anspielungen recht verstehe. Vielleicht aber bin ich im Jrrthum und Du hast die Güte, mich aufzuklären." „Emily, das ist Täuschung oder Spott!" entgegnete Lord Benjamin Faro ernst. „Doch ist es unrecht von mir, zu klagen, wo doch die Schuld mein war und Du nur bemüht gewesen bist, für die Folgen zu büßen. Du hast vielleicht aus demselben Grund wie ich Nachsicht mit Nettas Eigensinn gehabt." „Nun, was hat das damit zu thun, daß Du diese junge Person hier in’s Haus bringst?" fragte Lady Emily nach kurzer Pause. „Erinnerungen an die Vergangenheit stiegen plötzlich wieder in mir auf," entgegnete er gedankenvoll. „Ein unbestimmtes Etwas in der Miene, in dem Ausdruck dieses jungen Mädchens — ich weiß nicht, was — brachte Ida Merriks Bild lebhaft vor meine Seele. Es war nur meine Phantasie, denn es besteht keine Aehnlichkeit zwischen ihnen. Aber ich wollte Dir erklären, weshalb ich es für gut halte, daß Netta eine Gefährtin habe, die ihr lehrt, daß sie nicht geboren ist, sich verehren und verhätscheln zu taffen, sondern, daß Andere schöner und begabter sind, als sie. Netta ist auch noch beklagenswerth unwissend. Coras Gesellschaft wird sie zu mehr Geduld und Fleiß anspornen. Auch im Deutschen wird sie nun gezwungen sein, Fortschritte zu machen. Habe ich nicht recht, Emily?" setzte er halb bittend hinzu. „Gewiß muß Dir gehorcht werden," erwiderte die Schwester kühl. „Und ich kann nur wünschen, daß Du diesen extravaganten Schritt nicht einst bereust. Darf ich fragen, wer das Mädchen eigentlich ist?" „Eine Waise — das genüge Dir!" war die kurze Antwort. „Natürlich weisest Du sie doch auf die Unterrichtsräume an," sagte die Dame stolz. „Insoweit, denke ich doch, gibst Du Netta den Vorrang. Ich für meinen Theil wenigstens lehne die Verantwortlichkeit ab, sie ohne bessere Information, als Du sie mir soeben gegeben hast, in die Gesellschaft einzuführen." „Bei dem Alter der beiden Mädchen sind derartige Vorkehrungen verfrüht--" erwiderte er kühl. „Später werde ich genauer darüber entscheiden. Für jetzt, denke ich, lassen wir dies Thema ruhen. Du kennst jetzt meine Wünsche und wirst sie respectiren?" Lady Emily verneigte sich kalt. Sie wußte, daß ihr Bruder keinen Widerspruch litt, wenn er diesen strengen Ton annahm, aber das milderte nicht ihre eigene bittere Eifersucht und ihren Haß gegen die fremde Waise und sie war nicht minder entschlossen, daß, wenn es in der Macht einer Frau läge, Cora den Tag verwünschen sollte, an dem sie die Schwelle von Lord Benjamin Faros Haus überschritten hatte. IV. „Mutter, wo ist sie, wo ist Cora? Warum kommt sie nicht wie sonst, mich zu begrüßen?" frug nach mehreren Wochen ein heimkehrender Seemann. Der Sprecher war ein Mann von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren und für seine einfache Stellung im Leben von auffallend feinem Aeußern. In seinen gebräunten Zügen lag nichts Gemeines. Vielmehr ruhte auf diesem männlichen Gesicht eher ein aristokra- Usches Gepräge. Rupert Falkner mit feinen großen, ehrlichen blauen Augen, seiner schönen Gestalt und de» freien, leichten Bewegungen hätte des besten Kritikers spotten können, der über seine Geburt oder Stellung hätte entscheiden sollen, obwohl die Gesichts- färbe, sowie der Gang Ruperts deutlich zeigten, wie viel er den Stürmen des Meeres ausgesetzt war. Sein Gesicht und seine Gestalt mußten sich dem Gedächt- niß der jungen Mädchen einprägen. Kein Wunder, daß Caro, der Findling, sie in ihrem tiefsten Herzen hegte und bewahrte. Kein Wunder, daß Adele Werners leidenschaftliche Natur entzückt von dem Verwandten war, den sie mit ihrem Vermögen und ihrem eigenen schönen Selbst beglücken konnte, wenn er nicht undankbar gegen so verschwenderische Gaben war. Aber in dem Augenblick, wo er sprach, nachdem die erste Begrüßung vorüber war und er sich besorgt umsah nach dem Gesicht, das er am meisten liebte, nach dem verborgenen Feuer tiefer Zärtlichkeit, dachte er wenig an Adele noch an die Mutter, der er doch ein pflichtgetreuer, liebender Sohn war. Frau Falkner schüttelte unbehaglich mit dem Kopfe und sagte dann: „Mein Sohn, Cora ist fort! Sie hat uns vor mehreren Wochen verlassen. Ich hoffe, mein Sohn, wir können Dich über ihre Abwesenheit trösten," versetzte sie in einem Tone, der sich vergeblich bemühte, so unbefangen zu klingen wie ihre Worte. „Fort, Mutter? Treibst Du Dein Spiel mit mir? . . . Aber sie ist doch nicht . . . Mutter, Mutter, so könntest Du nicht aussehen, wenn Cora tobt wäre!" sagte er mit dumpfer Stimme. „Nein, nein! Rupert, was bringt Dich auf eine solche Idee?" sagte Frau Falkner und versuchte, ihre Verlegenheit wegzulachen. „Was für abergläubische Phantasien Ihr Ser» leute doch habt 1 Als ob es für ein junges Mädchen wie Cora keine andere Veranlassung gäbe, uns zu verlassen, als das Grab! Sie ist wohl und ich zweifle nicht, daß sie glücklich und zufrieden ist," fetzte sie bedeutungsvoll hinzu. „Meinst Du, daß sie entdeckt worden ist und ihre Familie sie zurückverlangt hat?" fragte der junge Mann, indem er sich zwang, eine äußere Ruhe zu bewahren, die er nicht empfand. „Nein! Das gerade nicht! . . . Aber es ist ebenso gut für sie und wir können wohl auch sagen für uns, Rupert/ lautete die Antwort der Mutter. „Denn steh', es wäre sehr schwer für Dich oder uns gewesen, zu bestimmen, was später aus Cora werden sollte. Sie wäre jedenfalls gezwungen gewesen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Und da sie es nun einmal wünschte und es zu ihrem Besten war, wollte ich es nicht abschlagen, und sie ging mit ihrem neuen Beschützer so stolz und glücklich wie eine Königin fort. Ruperts Augen blitzten gefährlich. „Was willst Du damit sagen? Mutter, erkläre Dich!" lief er heiser. „Was soll das bedeuten? Cora hat keinen so wankelmüthigen Character. Wo sie einmal liebt, da bleibt sie ihren Empfindungen auch treu. Es liegt nicht in ihrer Natur, Jene zu verlassen, die sie von Jugend auf gekannt hat —" „Und denen sie das Leben verdankt, möchte man sagen . . . ja mehr, als das Leben!" erwiderte die alte Dame. „Aber was kann man auch erwarten? Sie ist jung und er war eine große Versuchung. Der vornehme Herr bot ihr an, er wolle sie in sein Haus aufnehmen und für sie sorgen. Da kann es Dich nicht wundern und Du darfst sie darum auch nicht zu sehr tadeln." »Wie? Du meinst, Cora ging mit einem Fremden davon und Du ertaubtest es? . . . Mutter, wie grausam I Ich hätte nie gedacht, daß Du so lieblos fein, so ganz mein Lebensglück vergessen könntest!" sagte Rupert, indem er wie von einer Kugel getroffen aus einen Stuhl sank. „Das kann ich nie — nie verzeihen I" „Rupert, Du redest so recht Deinen Jahren angemessen," sagte Frau Falkner in überlegenem Tone. „Als ob mir 227 Mt daran gelegen wäre, daß das Mädchen gut versorgt ist! Ich sah ja, daß er zu ihrem Besten war, denn er ist em reicher Engländer, der einst noch zu großen Titeln kommt und der außerdem versprach, daß Cora Alles haben sollt^ was sie irgendwie brauchte und ich hoffe, daß er schließlich eine Lady aus ihr macht, denn er schien sehr entzückt.von ihr zu sein- und er sprach ste allein, daß kein Zweifel über ihre Wünsche sein konnte, und ich sagte ihr, daß sie die Wahl habe, ob sie gehen oder bleiben wolle. Und das Ende davon war, daß sie vorzog, zu gehen, und ich wollte ihr nicht im Lichte stehen' besonders da sich ihr hier kaum ein ähnliches Glück bieten wird- Hier bei uns ist Niemand, der für sie paßt und in drei Jahren ist sie heirathssähig .... das vergißt Du, Er hatte sein Gesicht mit den Händen bedeckt und ließ sie erst eine Minute, nachdem seine Mutter zu reden aufgehört hatte, wieder sinken. , „, , s Als er wieder aufsah, lag ein schmerzlicher, kummervoller Ausdruck auf seinem Gesicht. „Mutter," sagte er, „Du weißt nicht, was für Unheil Du angerichtet hast. Ich sage Dir, ich erinnere mich Alles — viel, ach, viel zu viel für meine Ruhe, mein Gluck, Muttes der Kopf fchwindelt mir unter diesem Schlag. Ich . . - ich liebte Cora wie mein eigen Herzblut, sie war mir Schwester, Geliebte, Kind, der Abgott und Sonnenschein meines Daseins, und Du ... Du kannst davon sprechen, daß es „das Beste sei, sie ganz zu vergeffen? Mutter, Du hast Unrecht gethan, Du hast, wenn nicht meinem Leben und Verstand, so doch m.inem Frieden einen Todesstoß versetzt." „Still, still, mein Sohnl Du vergißt, daß Adele Dir geblieben ist. Sie eignet sich viel beffer zu Deiner Frau, entgegnete Frau Falkner. „Sie gehört in Deine Verwandtschaft und hat eine kleine Ausstattung nebst einigem Vermögen, das dazu hilft, daß Du nicht mehr so angestrengt zu arbeiten brauchst wie bisher und mit deren Hilfe Du Dir später em behagliches Heim schaffen kannst. Also sei vernünftig, Rüpers und wäre es nur um Deiner alten Mutter willen, die Dich aufgezogen hat und ihres einzigen Kindes wegen keine Mühe und keine Entbehrungen gescheut hat," setzte sie klagend hinzu- Der junge Mann schüttelte ungeduldig den Kopf. „Mutter, es ist eitel Thorheit!" rief er aus. „Hast Du immer so gedacht oder hast Du Deine eigene Jugend vergeffen, daß Du meinst, man könne mit der Liebe so rasch wechseln, wie ich mein Schiff oder Du Deine Wohnung wechselst? Ich sage Dir, ich liebe Adele nicht, ich kann sie nie lieben und . . ." „Still, still!" flüsterte Frau Falkner, als bas Rauschen eines Kleides das Nahen ihrer Nichte verkündete. Im nächsten Augenblicke erschien dieselbe in der Thür. Frau Falkner sah sie ängstlich forschend an, ob sie wohl etwa» von den schrecklichen Worten gehört habe, aber wenn das der Fall, so verriethen Abelen» ruhige Züge doch nicht die geringste Bewegung. Die Hellen, munteren Augen, da» Lächeln, das die Lippen trennte, um ihre perlenweißen Zähne zu zeigen, der rasche Schritt, der so gut zu ihrer schlanken Figur paßte — Alle» das sprach von lebhafter Freude. „Lieber Rupert, das ist ja herrlich!" sagte sie mit ihrer klaren Stimme. „O, wie still war es bei uns, so lange Du fort warst! Wie gern würde ich Deinen unstäten Blick mit meinen Spitzenketten feffeln, wenn sie stark genug wären," setzte sie mit einem munteren Blick auf die große Menge schöner Spitzen hinzu, die in wirrem Durcheinander auf einem Stuhle lagen. „Aber ach, es fehlt ihnen die Kraft dazu." „Ich fürchte fast, Adele," sagte er und küßte sie nach Landessttte leicht auf jede Wange. „Und ich wäre auch so zarter Feffeln unwürdig . . . auch wenn sie einen so rauhen Gefangenen zu halten vermöchten. Schade," fuhr er bitter fort, „daß Du ste nicht an einem schöneren und jüngeren Wanderer versuchtest." „O, Du meinst Cora!" versetzte das Mädchen mit einem vielsagenden Achselzucken. „Ich versichere Dir, ich wäre ganz machtlos gewesen, ste zurückzuhalten, wo es eine so große Anziehungskraft gab. Aber um Deinetwillen, lieber Rupert, thut es mir leid," fuhr sie fort, als Frau Falkner sich leise aus dem Zimmer in die anstoßende Küche schlich. „Es ist ein Schmerz für Dich, darum auch für mich," hauchte sie sanft. „Nur deshalb? So liebst — so betrauerst Du sie nicht, Adele?" fragte er streng. Sie blieb stumm und senkte ihr glänzendes Auge vor seinem durchdringenden, erzürnten Blick zu Boden. „Nun, Adele, nicht mir steht es zu, Dich deshalb zu tadeln, wenn es so wäre," fuhr er fort, „doch werde ich mehr von der Wahrheit erfahren." „Lieber, lieber Rupert, was soll ich sagen?" stammelte sie. „Was könnte ich dafür, wenn ich ste nicht liebte! Sie war stolz und spöttisch mir gegenüber, daß ich es nur um meiner Tante und Deinetwillen ertragen konnte. Aber jetzt hat sie meine tiefsten Gefühle beleidigt. Und ich bin Deinet- wegen, Rupert, entrüstet über sie," fuhr sie kühner fort. „Sie muß in Versuchung, in große Versuchung geführt worden sein, sonst hätte sie nimmermehr nachgegebeu," sprach er bitter. „Adele, bedenke nur, wie jung sie ist! Du bist erwachsen, sie aber ist noch ein Kind. Und dieser Schurke wird sie mit glänzenden Versprechungen und schmeichlerischen Reden bethört haben. Aber er soll dafür bestraft werden und wenn es mein eigen Herzblut kostete! Eine solche Schurkerei muß ihre Rache finden!" Adeles Stirn zog sich zusammen, als werde sie bei diesen Worten von einem krampfhaften Schmerz erfaßt. Gern hätte sie dem heftigen Zorn freien Lauf gelaffen, den jede Silbe von ihm noch steigerte. Sie mit ihrer jüngeren Rivalin zu vergleichen, während sie doch selbst noch ein junges Mädchen war! Ihr eines ab- wesenden Findlings wegen, dessen Undankbarkeit gegen ihren Wohlthäter Ruperts Liebe und Sehnsucht nur zu verstärken schien, Vorwürfe zu machen! All' das verschloß Adele in ihrem Herzen, um sich in nicht gar ferner Zeit an dem unschuldigen Gegenstand ihrer Entrüstung dafür zu rächen. (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gone. Roman nach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger. (Fortsetzung.) In diesem Augenblick glitt eine bekannte Persönlichkeit, j mit einem spitzen Hut und einem langen, schwarzen, mit l silbernen Sternen, blauen Halbmonden und hochrothen Co- meten besetzten Gewände mit geisterhaften Schritten zwischen den Tischen hindurch. „Seht mal, das ist Fortunatus," rief Bernadotte, „der Zauberer! Wer will sich wahrsagen lassen?" Damals hatte jeder Ball seinen Zauberer oder seine Kartenlegerin, die für fünf Sous die Zukunft weissagten oder die Vergangenheit enthüllten. Während dieses großen Umsturzes in einer Epoche gleich der am Vorabend de» 10. August, wo eine ganze Gesellschaft verschwand, um einer neuen Welt Platz zu machen in einem Decorationswechsel, der an den von Feenmärchen erinnerte, herrschte überall der Glaube an das Wunderbare. Cagliostro mit seiner Karaffe, Mesmer mit seinem Stäbchen hatten viele Köpfe der Aristokratie beunruhigt, die Volksgläubigkeit begnügte sich mit Straßenpropheten und Schänkenastrologen. Catherine hatte Lust, ihr Schicksal kennen zu lernen. Es schien ihr, daß die Begegnung mit dem schönen Sergeanten ihr Leben ändern würde. In dem Augenblick, al» sie Lefebvre bitten wollte, Fortunatu» zu rufen und für ste auszufragen, antwortete der Zauberer einer Gruppe von drei jungen Leuten, dis an einem benachbartem Tische ■ saßen. „Hören wir, was er ihnen sagen wird!" flüsterte Catherine, indem sie auf den Nachbar wie». „Ich kenne den Einen," sagte Bernadotte, „Er heißt Andoche Junot ... ein Burgunder ... ich habe ihn al» Freiwilligen im Bataillon von C6te d'Or gesehen." „Der Zweite ist ein Aristokrat," sagte Lefebvre. „Er heißt Pierre de Marmont . . . ebenfalls ein Burgunder... von Chatillon . . ." „Und der Dritte?" fragte Fauch«, dieser magere junge Mann mit dem olivefarbenen Teint und den tiefliegenden Augen ... mir scheint, ich habe ihn schon gesehen . . . aber wo?" „Ohne Zweifel in meinem Laden," sagte Catherine etwa» erröthend. „Es ist ein Artillerieoffizier ... der seine Entlassung gegeben hat . . . er wartet auf eine Stelle . . . früher wohnte er in meiner Nähe, im Hotel des Patriotes, Rue Royale Saint-Roch." „Also ein Corse?" fragte Fouchö. „Denn die logiren ja alle in diesem Hotel ... er hat einen drolligen Namen, Ihr Kunde . . . wartet einmal . . - Bern« . . . Buna, Bina . . . nei«, so nicht!" rief er, nach dem Namen suchend, der seinem Gedächtniß entschlüpft war. „Bonaparte!" sprach Catherine. „Ja, so ist's . . . Bonaparte. . . Timoläon, glaube ich?" „Napolöon!" verbesserte Catherine, „ein sehr gelehrter Junge, der Allen imponirt, die ihn sehen." „Er hat einen verflixten Namen, dieser Timol« . . . dieser Napoleon Bonaparte und ein trauriges Gestcht! Nun, wenn der einmal zu etwas kommt! Ein solcher Name taugt nicht!" brummte Fouchä und fügte hinzu: „Aufgepaßt, der Zauberer spricht mit ihnen! Was er ihnen wohl prophezeien kann?" Die vier jungen Leute schwiegen und horchten auf, Catherine jedoch, durch die Gegenwart des Magiers beängstigt und ernst geworden, flüsterte Lefebvre ins OhrIch möchte, daß er Bonaparte viel Gutes prophezeit... der junge Mann verdient es wirklich ... er unterstützt feine vier Brüder und feine Schwestern . . . dabei ist er durchaus nicht reich. . . darum hab' ich ihm auch nie die Rechnung präsentiren können ... und doch schuldet er mir Wäschegeld!" fügte fie, als Geschäftsfrau etwas beängstigt, mit einem Seufzer hinzu. Fortunatus jedoch, seinen spitzigen Hut baläncirend, las ernsthaft in der Hand, welche der von Bernadotte als Junot bezeichnete junge Mann ihm reichte. „Du!" sagte er mit Grabesstimme, „Deine Carriöre wird schön und wohlersüllt sein ... Du wirst der Freund eines großen Mannes sein . . . wirst ihn in seinem Ruhm begleiten ... auf Deinem Haupte wird eine Herzogskrone ruhen ... Du wirst im Süden stegen . . ." „Bravo! Du bist ein guter Tröster, mein Freund, denn jetzt stehe ich auf Halbsold! Aber sag' mir, nach so viel Glück, wie werde ich sterben?" „Wahnsinnig!" sprach der Zauberer in düsterm Ton. „Teufel der Anfang Deiner Prophezeiung war mehr werth als das Ende!" rief lachend der Zweite, der, den Bernadotte als Marmont bezeichnet hatte. „Und ich, prophezeist Du mir auch Wahnstnn?" „Nein, Du wirst zum Unglück Deines Landes und zu Deiner Schande leben . . . nach einem ruhmvollen und ehrenreichen Leben wirst Du Deinen Herrn verlassen, Dein Vaterland verrathen, und Dein Nams wird gleich dem des Judas sein!" y„Seine Prophezeiungen sind mir nicht sehr günstig," sagte Marmont, spöttisch lachend. „Und was willst Du unferm Kameraden verkünden?" MMEr deutete auf den jungen Artillerieoffizier, für den Catherine sich interessirte. Aber dieser sprach in kurzangebundenem Ton rasch seine Handzurückziehend: „Ich will die Zukunft nicht kenne« lernen, . . . ich kenne sie!" Dann wandte er sich zu seinen Freunden und zeigte ihnen über die Planken hinweg, welche den Vaux-Hall umgaben, den Himmel. „Seht Ihr diesen Stern dort drüben?" sagte er mit vibrierender Stimme. „Nicht wahr — nein? Nun wohl, ich sehe ihn . . . es ist der meine!" Der Zauberer hatte sich entfernt. Catherine winkte ihm, er näherte sich ihrer Gruppe und zwei der Gardisten anblickend, sprach er: „Benützt Eure Jugend . . . Eure Tage sind gezählt I" „Und wo werden wir sterben?" fragte einer dieser beiden jungen Leute, die sich unter den Helden befinden sollten, die am 10. August, von den Schweizern füsiliert fielen. „Auf den Stufen eines Palastes!" „Wie großartig!" rief Bernadotte. „Wirst Du mir auch ein tragisches Ende prophezeien ... mit einem Palast?" „Nein- Dein Tod wird sanft sein ... Du wirst einen Thron einnehmen und nachdem Du Deine Fahne verleugnet und Deine Waffengefährten bekämpft haben wirst, wirst Du in einem fernen prächtigen Grabe, an einem eisigen Meere ruhen . . ." „Wenn die Kameraden alles vorwegnehmen, was bleibt da mir übrig?" fragte Lefebvre. „Du," sprach Fortunatus, „wirst die heirathen, die Du liebst, wirst eine prächtige Armee befehligen, und Dein Name wird stets Tapferkeit und Ehrenhaftigkeit bedeuten!" „Und ich, Herr Zauberer?" fragte Catherine, vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben eingeschüchtert. „Sie, Madamoiselle, werden die Frau desjenigen, den Sie lieben ... und Herzogin werden!" „Dann muß ich ja auch Herzog werden . . . General genügt mir nicht!" rief Lefebvre lustig. „He Zauberer, beende Deine Prophezeiung — sag', daß ich Catherine heirathen werde, und daß wir zusammen Herzog und Herzogin sein werden l" Aber Fortunatus entfernte sich mit langsamen Schritten, begleitet von dem Gelächter der jungen Leute und den aufmerksamen Blicken der Frauen. (Fortsetzung folgt.) Mit einem „Blumengruß", einem reizenden Gedichtchen von Gustav Mischer beginnt die Frühlingsnummer der „ModeoUt« ÄUttft* (Verlag von Rich. Bong, Berlin, ä Heft 60 Pfg.) und wie ein Blumengruß berührt das ganze Heft mit seinen prächtigen Holzschnitten und Farbendrucken, mit seinem ganzen stimmungsvollen Inhalt. Die Extranummern der „Modernen Kunst" sind lange erwartete und sorgfältig vorbereitete Festgaben des Verlages und der Redaetion an ihre Getreuen, glänzende Leistungsproben einer Reproduetionstechnik, die dazu bestimmt ist, die besten Erzeugnisse der Kunst zum Gemeingut aller Gebildeten zn machen. * * * Musikalisches Hausfreund, Blätter für ausgewählte Salonmusik. Verlag von C. A. Koch (I. Sengbusch) in Leipzig. Pro Quartal 6 Nummern (ä 2*/a Bogen). Preis 1 Mark. Pflege der Hausmusik durch Darbietung sorgfältig ausgewählter, nicht allzu schwerer und neuer Compositionen, das ist die Aufgabe, die sich der so rasch zur Beliebtheit gelangte „Musikalische Hausfreund" gestellt und, wie das soeben abgeschlossene 1. Quartal bezeugt, auch gelöst hat. Den Geschmack des kunstsinnigen Publikums in Ton und Wort getroffen zu haben, ist in Anbetracht der vielgestaltigen Zusammensetzung des Abonnentenkreises kein geringes Verdienst, welche letzteres noch dadurch gesteigert wird, daß der „Musikalische Hausfreund" vielen Erstlingswerken junger und begabter Musiker den Weg in die Öffentlichkeit gebahnt hat. Auch der Lesestoff, dem Verlangen nach Abwechslung huldigend, ist dazu angethan, allen herrschenden Geschmacksrichtungen gerecht zu werden. Eine Musterung des reichhaltigen Inhalts wird ihm die Gunst seiner Gönner auch ferner bewahren und dem lehr- und unterhaltungsreichen Blatte, das soeben seinen 8. Jahrgang begann, sicherlich neue Freunde werben. HAerttou: A. Echehda. — Druck im» BtÄng der Briihk'fchen lb»»v«KtStS.B«ch. und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in «ich«.